Bekenntnisse

Ich habe noch nicht viel von Jerusalem gesehen, nur die Busfahrt in die Stadt hinein und dann den Fußweg vom Lions Gate zum österreichischen Hospiz, wo ich die nächsten drei Tage wohne. Aber schon ist mir aufgefallen, dass ich es unangenehm finde, dass ich den meisten Menschen hier schon von Ferne ansehe, zu welcher Religion sie gehören.

Da ich noch auf mein Zimmer warten muss, habe ich Zeit, das kurz zu bloggen.

Die Bekenntnisse sind nicht nur visuell, sondern auch akustisch aufdringlich. In der Cafeteria kommen Strauss-Walzer aus den Lautsprechern, aus der Moschee nebenan tönt der Muezzin.

Das stört mich alles. Ich fühle mich wie von Schubladen umgeben. In Wien stören mich Strauss-Walzer hingegen nicht, in Sarajevo fand ich die häufigen Gebetsrufe von den Moscheen richtig schön.

Vielleicht lässt sich mein Unbehagen gerade an diesem Vergleich gut beschreiben. In Sarajevo empfand ich die Gebetsrufe deshalb angenehm, weil sie mich (und das ist doch auch der Sinn) fünfmal am Tag daran erinnerten, dass es Gott gibt. Mir wurde dabei zwar auch jedesmal die kulturelle Differenz zwischen mir und meiner muslimischen Umgebung bewusst, aber das empfand ich nicht als störend. Die wesentliche Botschaft des Muezzinrufs galt auch für mich, auch wenn ich sie in meine eigenen kulturellen Formeln übertragen musste.

Hier hingegen habe ich den Eindruck, dass die sichtbaren Bekenntnisse eher der Abgrenzung dienen. Ich bin keine Österreicherin, ich bin keine Muslimin, sagen sie mir.

Ich weiß noch nicht genau, was ich aus diesem erst einmal spontanen Unbehagen machen soll. Vielleicht kommt es auch daher, dass ich es bevorzuge, “undercover” zu sein. Wenn ich reise, bin ich gerne unauffällig, ich passe mich gerne auch äußerlich den Gepflogenheiten an, weil die wesentlichen Differenzen doch nicht die des Labels sind, sondern der Haltung.

Ich käme auch nie auf die Idee, mir ein Kreuz anzuhängen oder ein Frauenzeichen, außer, ich bin in dezidiert christlichen oder feministischen Kontexten. Dann sind diese Signale ein Zeichen der Verbundenheit, aber eher in der Bedeutung von Zugehörigkeit als in der Bedeutung von Übereinstimmung. Mit den meisten Christ_innen und den meisten Feminist_innen stimme ich ja gar nicht überein (in den meisten Fragen).

Andererseits habe ich kein Problem, mir ein Kopftuch umzubinden oder einen Rock anzuziehen, wenn ich in einer Gegend bin, wo man das eben so macht.

Hier in Jerusalem wird mir das wohl nicht gelingen, denn es gibt nichts, woran ich mich anpassen könnte. Ich muss mich bekennen, es gibt hier keinen Mainstream. Oder vielleicht doch, und ich habe ihn nur noch nicht entdeckt?

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Vielleicht könnte ich mich als Touristin verkleiden.

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Antje wollte in den Wilden Westen

Delia

Gestern Abend las ich mich mit viel Vergnügen durch die Beiträge der von Anne angestoßenen Blogparade über Pferdemädchen. (Hier die Linkliste). Ich war nämlich auch ein Pferdemädchen. Und es ist ja erstaunlich, wie viele Erinnerungen bei wie vielen hier hochkommen!

Warum ich unbedingt reiten wollte, daran habe ich eine ganz klare Erinnerung: Anstoß waren die “Delia”-Bücher von Marie Louise Fischer. Delia ist ein Mädchen aus Deutschland, dessen Vater nach Amerika ausgewandert ist, und die sich auf den Weg macht, ihn zu suchen. Als “Blinder Passagier” schmuggelt sie sich auf ein Schiff nach New York, reist dann mit einem Treck gen “Wilden Westen”, der Treck wird von Indianern überfallen, sie lebt dann dort mit denen und wird Blutsschwester des Häuptlingssohnes. Am Ende findet sie, glaube ich, auch ihren Vater.

Wahrlich eine gruselige Story, voller Rassismus, “Othering”, unkritischem Wildwest-Schmonzes. Aber auf mich als Zehnjährige hatten diese Bücher eine elektrisierende Wirkung. Nach der Lektüre wusste ich, dass ich im falschen Leben gelandet war, eigentlich war ich von meiner Bestimmung her “Indianerin”. Eine zeitlang betete ich jeden Abend mit Inbrunst, der liebe Gott möge mich doch bitte am nächsten Morgen als “Indianerin” aufwachen lassen (mit langen, dicken, schwarzen Haaren!), und als das nicht passierte, erlebte ich meine erste große Glaubenskrise.

Reiten war the closest I could get to my dream. Da ich auf dem Land wohnte und zudem in meiner Klasse sogar ein Mädchen war, deren Eltern einen PONYHOF hatten, waren die Voraussetzungen gut. Später leierte ich meinen Eltern Reitstunden aus den Rippen, zehn Stück schenkten sie mir zu Weihnachten. Zehn Stück, haha (dabei blieb es natürlich nicht). In meiner Familie wird immer noch die Geschichte erzählt, wie ich beim Autofahren (das ich hasste) immer erklärte, wenn ich mal erwachsen wäre, würde ich nicht Auto fahren, sondern Reiten!!!!

Antje auf PferdIch schaffte es bis zur “Jugendreiterprüfung”, wie dieses Foto dokumentiert (aufgenommen 1978, da war ich 13). Aber das gesittete “Dressur-Reiten” (was schon alles sagt), war für mich nur zweitbeste Variante. Ich mochte das Ponyreiten ohne Sattel und draußen viel lieber als das auf gesattelten Pferden dauernd im Kreis herum. Es war halt viel “indianerischer”. Deshalb wechselte ich zum “Voltigieren”, das war ohne Sattel und man ritt nicht, sondern machte Kunststückchen auf dem Pferd. Ja, take that: Ich habe mal auf einem galoppierenden Pferd GESTANDEN!

Das Ende meiner Pferdemädchenzeit kam sehr abrupt: Ich fiel runter und verknackste mir den Rücken. Die Orthopädin schaute mich kaum an und verhängte ein mindestens  halbjähriges Reitverbot. Das war schon klar gewesen, dafür war die nämlich berüchtigt. Reitverbote zu erteilen war ihre Standardbehandlungsmethode. Vielleicht war sie ja eine frühe emanzipatorische Vorkämpferin gegen Pferdemädchen-Kitsch. Ich hasste sie.

Und ich war natürlich wild entschlossen, nach exakt sechs Monaten wieder auf einem Pferd zu sitzen. Aber dazu kam es nie. Ich vermute, es hatte etwas damit zu tun, dass ich inzwischen lieber ein Hippiemädchen sein wollte. Vielleicht war mir auch klar geworden, dass die ganze Wildwest-Romantik nichts Reales ist, auch nichts mit den wirklichen Native Americans zu tun hat, sondern lediglich eine Projektion der eigenen Wünsche auf “Andere” darstellt. Dass Zivilisationskritik halt bei sich selbst anfangen muss.

Und wenn man diese Romantik abzieht, dann ist das mit dem Reiten in der Tat genauso beschwerlich, wie es andere in der Blogparade beschrieben haben. Eine Sehnsucht nach “Freiheit und Abenteuer” ist bei mir trotzdem hängengeblieben.

Keine Ziele haben. Eine Frage zur Grinsekatze im Wunderland.

Foto: fronx (cc by)

Foto: fronx (cc by)

Gestern hatte ich mal wieder eine Begegnung der dritten Art. Damit meine ich Situationen, in denen ich auf Menschen treffe, denen ich das, was ich sagen will, partout nicht vermitteln kann.

Der Witz an der gestrigen Begegnung war nun, dass sie im Rahmen einer Fortbildung stand, die ich genau zum Thema “Ideen anderen vermitteln” machen wollte. Vielleicht war es ein bisschen naiv von mir, zu glauben, dass es solche Fortbildungen wirklich geben könnte. Jedenfalls stellte sich bei dem Seminar recht schnell heraus, dass die Veranstaltung eigentlich daraufhin konzipiert war, anderen Dinge zu verkaufen. Es ging um Werbung, nicht um Vermittlung von Ideen.

Zum Beispiel diskutierten wir über das Kommunikationsmodell “AIDA”, wonach eine erfolgreiche Kommunikation vier Stationen umfassen muss: Attention (Aufmerksamkeit), Interest (Interesse), Decision (Entscheidung) und Action (Handlung). Ich kann nachvollziehen, dass das Kriterien für eine Werbekampagne sind, denn wenn ich Werbung schalte, will ich damit nicht nur Aufmerksamkeit generieren, sondern auch erreichen, dass es konkrete Folgen hat, also eben zu Handlungen führt.

Vielleicht hängt es mit dem Internet zusammen, dass ich dieses Modell aber nicht mehr für Kommunikation generell akzeptieren kann. In gewisser Weise ist dieser Blog hier ja auch Werbung in dem Sinne, dass es eine Plattform für meine Ideen, Gedanken, Thesen oder Vorschläge sein soll. Und erfolglos wäre der Blog, wenn er nicht die nötige Aufmerksamkeit hätte. Aber schon der zweite Schritt, nämlich das Interesse, ist aus meiner Sicht offen. Denn es gibt Leute, die an meinen Ideen, Gedanken, Thesen oder Vorschlägen nicht interessiert sind, und das ist natürlich ihr gutes Recht.

Wenn also jemand auf diesen Blog kommt und dann feststellt, “das interessiert mich nicht”, würde ich das durchaus als erfolgreiche Kommunikation einordnen. Misslungen wäre die Kommunikation lediglich, wenn jemand, obwohl sie oder er sich inhaltlich eigentlich dafür interessiert, durch die Art der Präsentation abgeschreckt würde, also glaubt, es sei uninteressant für sie oder ihn, obwohl es in Wahrheit doch interessant wäre.

Wie auch immer: Angesichts der schier unendlichen Fülle von Informationen, die mit dem Internet zugänglich sind, ist es wirklich die Pest, wenn durch Marketingkonzepte sozusagen falsche Interessen suggeriert werden, wenn ich also zehn Mal klicken muss, weil ich anfangs denke, dass mich etwas interessiert, nur um dann hinterher festzustellen, dass es mich eben doch nicht interessiert. Ich bin inzwischen sehr, sehr intolerant gegenüber Leuten geworden, die mich so auf falsche Fährten locken und also meine Zeit verschwenden. Umso schlimmer, wenn das mit Absicht geschieht.

Würde ich Kurse zum Ideenvermitteln geben, würde ich in etwa Folgendes raten: Versucht nicht, Leute für das zu interessieren, was euch im Kopf oder wichtig ist, sondern versucht, eure Ideen, Thesen und Vorschläge in eine konstruktive und hilfreiche Beziehung zu dem zu setzen, was andere interessiert. Nur dann könnt ihr nämlich mit gutem Gewissen deren Aufmerksamkeit beanspruchen.

Ein anderes Thema, das während dieser Fortbildung aufkam, war die Frage der Ziele. Ich bin gegen Ziele, weil sie den Raum des Unvorhersehbaren einengen. Ich versuche, mir möglichst keine Ziele zu setzen, sondern offen zu bleiben für Entwicklungen, die ich mir momentan noch gar nicht vorstellen kann (und das Problem an Zielen ist ja, dass sie vom jetzigen Zeitpunkt her die Zukunft definieren wollen).

In diesem Zusammenhang brachte die Seminarleiterin das Beispiel von Alice im Wunderland und der Grinsekatze. Der entsprechende Dialog geht so: Alice trifft auf ihrem Weg durch das Wunderland eben diese Grinsekatze und fragt sie, welchen Pfad sie einschlagen soll. Die Katze antwortet: “Das kommt ganz darauf an, wo du hin willst.” – “Das ist mir ziemlich egal”, erwidert Alice, woraufhin die Grinsekatze sagt: “Dann ist es egal, welchen Weg Du nimmst.”

Als ich eben wegen des genauen Wortlauts nach dieser Geschichte googelte, stellte ich fest, dass das in Fortbildungen und Coachings offenbar ein weit verbreitetes Beispiel ist, das nicht nur von meiner Seminarleiterin gestern, sondern generell als Parabel dafür genommen wird, wie wichtig es ist, Ziele zu haben, weil man sonst nicht weiß, wo man lang laufen soll.

Ich hingegen hatte die Geschichte spontan ganz anders verstanden, nämlich so, dass wenn ich keine Ziele habe, ich frei bin, jeden beliebigen Pfad einzuschlagen und mich einfach auf das einzulassen, was mich dort erwartet. Mich also von der Zukunft überraschen zu lassen. Das ist jedenfalls bisher meine Praxis, und damit bin ich in den vergangenen 48 Lebensjahren recht gut gefahren.

Jetzt würde mich interessieren, wie diese Episode in der Geschichte von Alice und der Grinsekatze eigentlich im Kontext gemeint ist, aber ich habe keine Lust, die ganze Alice im Wunderland-Geschichte zu lesen. Vielleicht ist es ja auch zweideutig. Und mich würde mal interessieren, wie Ihr das mit den Zielen handhabt und welche Erfahrungen Ihr damit habt.

Tod einer Königin

Begräbniszeremonie für Cesaria Evora.

Vergangenen Samstag starb die kapverdianische Sängerin Cesaria Evora. Obwohl ich ihre Musik seit langem mag, hätte mich die Nachricht wahrscheinlich nur so nebenbei berührt, wäre ich nicht zu dieser Zeit selbst in Mindelo gewesen, der kleinen Stadt, in der Cesaria Evora lebte. Stundenlange Hupkonzerte, Evoras Lieder aus allen Lautsprechern, überall Betroffenheit und Trauer und überhaupt die Vorstellung, dass das alles nur ein paarhundert Meter von mir selbst passiert war.

Zwei Tage Staatstrauer wurden ausgerufen. Am Dienstag war die Beerdigung, die gesamte Prominenz des kleinen Landes reiste an, der Sarg mit Nationalflagge wurde im Volkspalast aufgebahrt. Der Staatspräsident hielt eine lange Rede (die ich im Fernsehen verfolgte), militärische Ehren, Gottesdienst mit Bischof, Prozession auf den Straßen.

Das, dachte ich, ist doch ziemlich interessant. Nationale Trauertage und Staatsbegräbnis – für eine Sängerin?

Sicher, Kapverden ist ein kleines Land, es hat weniger Einwohner_innen als Frankfurt. Und vermutlich war Cesaria Evora tatsächlich die einzige Kapverdianerin mit einigermaßen internationaler Bekanntheit. Aber trotzdem. Zwei Tage Staatstrauer und solch ein Begräbnisakt, das ist schon erklärungsbedürftig.

Das Fernsehen feierte Evora als „die größte Botschafterin Kapverden in der Welt.“ Aber Botschafter werden normalerweise auch nicht mit Staatstrauer beerdigt. Der Präsident bemühte in seiner Rede den Begriff der „Heldin“, denn ja, Helden werden schon mit militärischen Ehren zu Grabe getragen. Aber er merkte selber, dass der Begriff auf Cesaria Evora überhaupt nicht passt. Denn was bitte soll an dieser alten Frau heldenhaft sein, die erst mit knapp 50 ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben hatte und einfach nur ihre Lieder sang? Deren schlichte, fast schüchterne Art auf den großen Bühnen dieser Welt immer etwas fehl am Platz gewirkt hatte?

Eine bessere Erklärung fand die Straßenreporterin, die, nachdem sie verschiedene Leute ihre Trauer ins Mikrofon hatte sprechen lassen, resümierte: „Sie war unsere Königin.“

Dabei fiel mir der Artikel „Souveräninnen“ von Annarosa Buttarelli ein, den ich gerade für die deutsche Ausgabe des neuen Diotima-Buches „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ übersetzt habe. Denn tatsächlich ist Cesaria Evora ein gutes Beispiel dafür, was Buttarelli meint, wenn sie sich mit weiblicher Souveränität, Regentschaft und Königinnentum beschäftigt.

Eine Königin ist nämlich nicht dasselbe wie ein König. Ihre Souveränität hängt zum Beispiel nicht davon ab, dass sie die Einzige ist, sie ist keine Alleinherrscherin, keine Monarchin. Sondern ihre Souveränität zeigt sich in der Entschiedenheit und Eigenwilligkeit ihres Handelns. Eine Königin folgt nicht den Strömungen der Zeit, sondern ihrem eigenen Begehren, und das bringt ihr Respekt und Bewunderung ein, natürlich auch Feinde und Neid. Eine Königin „repräsentiert“ auch nicht ihr Volk, sie repräsentiert nur sich selbst. Aber dadurch, wie sie sie selbst ist, bietet sie Anknüpfungspunkte für andere, gibt ihnen Orientierung, Zuversicht, Inspiration.

Fast alle Königinnen, so zeigt Buttarelli an historischen Beispielen, werden, anders als die meisten Könige, nicht schon mit Krone geboren (außer ganz neuerdings in Schweden). Wenn Frauen institutionelle Macht und Regentschaften zufallen, dann meist zufällig – weil es zum Beispiel keine männlichen Thronfolger gibt oder weil sich Krisen so zuspitzen, dass sich im geregelten Ablauf männlicher Herrschaft Lücken auftun (das war bei Cesaria Evora nicht anders als bei Queen Victoria oder Kanzlerin Merkel).

Buttarelli ist der Ansicht – und ich stimme ihr zu – dass gerade diese Zufälligkeit hilfreich ist, um von der althergebrachten symbolischen Ordnung unabhängig zu werden, also Dinge wirklich zu verändern und positiv zu gestalten anstatt sie bloß zu reproduzieren. Weil diese nämlich in so einer Situation ohnehin schon Risse bekommen hat.

Souveränität, Königinnentum also, bedeutet, dass eine Frau, der – aus welchen Gründen auch immer, ob selbst erarbeitet oder aufgrund günstiger Gelegenheit – Macht und Einfluss zufallen, dies dann konsequent und verantwortungsbewusst und in Freiheit nutzt. Also nicht einfach nur die herkömmliche Nummer abzieht und versucht, möglichst „genauso gut“ zu regieren wie ein Mann, sondern so, wie sie es selbst für richtig hält. Souverän eben.

Eine Königin ist nicht der Mehrheitsmeinung verpflichtet, sie hat keine demokratischen Verpflichtungen. Sie kann zum Beispiel darauf bestehen, während ihrer Konzerte auf der Bühne in aller Ruhe eine Zigarette zu rauchen. Königinnenhafte Souveränität bedeutet aber auch, die mit dem öffentlichen Einfluss einhergehende Verantwortung anzunehmen, also nicht die Macht nicht zur Selbstbeweihräucherung zu missbrauchen, sondern das allgemeine Gute dabei zum Maßstab zu machen.

Cesaria Evora zum Beispiel ist immer barfuß aufgetreten, um trotz allen Weltstar-Glamours eine symbolische Verbindung zu ihrer Herkunft aus armen Verhältnissen zu bewahren. Ich hatte das immer für einen etwas schlichten Marketinggag gehalten. Letzte Woche ist mir klargeworden, dass das arrogant von mir war, weil ich nämlich völlig zu Unrecht davon ausgegangen bin, ich selbst wäre die Adressatin dieser Geste. Nein, die Geste galt den Menschen in Kapverden, denen, die tatsächlich barfuß laufen. Und sie haben sie auch genau so verstanden, wie sie gemeint war.

„Afrikanische Frauen unterschiedlichster Herkunft sind sich darüber bewusst, dass es notwendig ist, Königin zu sein, um eine Frau mit Autorität zu sein“, schreibt Annarosa Buttarelli am Ende ihres Textes. „Ich habe einige afrikanische Schriftstellerinnen gesehen, die durch meine Stadt gingen und auf ihren bunten Kleidern einen Button trugen mit der Aufschrift ‚Ich bin eine Königin‘. Ich besitze einen davon, ich hüte ihn wie meinen Augapfel, und ich würde gerne Tausende davon herstellen, um sie zu verschenken und all den Mut und all die Kraft zu verbreiten, die ich in jenem Gestus erblickt habe.“

Jede Frau kann eine Königin sein, denn keine einzige von uns ist völlig ohne Einfluss. Weibliche Souveränität bedeutet, das, was eine an Einfluss und Macht hat (sei es viel oder wenig), im oben beschriebenen Sinn zu nutzen. Und in diesem Sinn ist es völlig zutreffend, die Staatstrauer für Cesaria Evora als Folge davon zu interpretieren, dass sie eine Königin war.

Ich finde übrigens, es spräche nichts dagegen, wenn sich auch Männer an alldem ein Beispiel nehmen würden. Denn „weiblich“ ist das Königinnentum nicht, weil es ein exklusives Privileg von Frauen wäre, sondern deshalb, weil es vor allem Frauen waren und sind, die es praktizieren. Prinzipiell ist diese politische Haltung aber für alle Menschen zu empfehlen.

Und vielleicht ist das ja auch eine Alternative zu dem unfruchtbaren Gegenüber von „absoluter Monarchie“ und „repräsentativer (populismusanfälliger) Demokratie“, in dem das männliche Verständnis von Politik nun schon seit ein paar Jahrhunderten zappelt.

Öffentliche Räume bewohnen: 20 Jahre Labyrinthplatz Zürich

Die Labyrinthdame. Das Logo entwarf Agnes Barmettler für den Labyrinthplatz in Zürich.

Labyrinthe im öffentlichen Raum, meist von Frauen initiiert und gestaltet, sind inzwischen an vielen Orten zu finden. Das erste dieser Art entstand vor zwanzig Jahren in Zürich, auf einem ehemaligen Kasernengelände. Einige Frauen hatten das Projekt im Zuge der 700-Jahr-Feiern der Stadt vorgeschlagen und konnten es mit städtischer Unterstützung realisieren.

In diesem schön gestalteten Band mit vielen farbigen Fotos erläutern die Initiatorinnen ihr Konzept, erzählen von Begegnungen und Diskussionen, ziehen Bilanz ihrer Arbeit und ihres Engagements.

Dabei wird deutlich, dass es hier um eine politische und kulturelle Intervention geht. Die Schweizer Labyrinthbetreiberinnen verstehen sich als „öffentliche Hausfrauen“, die sich dem Pflanzen und Ernten, dem Wohnlichmachen von Räumen und der Pflege von Beziehungen widmen, zum Beispiel zu den Anwohnerinnen und Anwohnern, den Randständigen, die in der Nachbarschaft des Labyrinths ihre Tage verbringen, zu Durchreisenden oder zu den Gästen bei den zahlreichen Veranstaltungen dort.

Das Buch enthält außerdem Beiträge zur historischen Bedeutung von Labyrinthen, zur Arbeitsweise des Projektes und sogar ganz praktische Anleitungen, wie man ein Labyrinth entwirft und realisiert.

Agnes Barmettler u.a.: Erzähl mir Labyrinth. 20 Jahre Labyrinthplatz Zürich. Christel Götter Verlag, Rüsselsheim 2011, 25 €

Zum Weiterlesen:

http://www.labyrinthplatz.ch/

Ursula Knecht: Öffentliche Räume „bewohnen“

Gespräch zwischen Cornelia Jacomet und Ursula Knecht zur Frage, ob Labyrinthe spirituelle Orte sind

Zwölf Punkte für das gute Leben

Heute bekam ich eine Einladung der Belgischen Frauenliga, die im Oktober einen Studientag zum Thema Elternschaft plant. Leider werde ich daran nicht teilnehmen können, aber diese Vereinigung scheint mir sehr interessant zu sein – und ich muss zugeben, dass ich sie bisher nicht kannte. Trotz Europa und allem ist die Frauenbewegung doch leider viel weniger international, als das wünschenswert wäre.

Die Liga besteht bereits seit 1931 und versteht sich als feministische Bewegung mit traditioneller Verankerung in der ArbeiterInnenbewegung – und genau dieser breite Fokus ist es, den ich sehr gut finde, und der mir in der deutschen Diskussion über die “Gleichstellung der Geschlechter” manchmal etwas zu kurz kommt.

Im Mai 2010 haben rund 300 Frauen bei einem Kongress der Liga “Zwölf Bedingungen für eine gleichberechtigte, solidarische und gerechte Gesellschaft” erarbeitet. Vorausgegangen war dem ein zweijähriger Diskussionsprozess. Mir gefallen diese Punkte sehr gut – auch wenn ich natürlich bei dem ein oder anderen Detail etwas anders formulieren würde – und vielleicht könnten sie ja auch eine Inspiration für entsprechende Diskussionen in Deutschland sein. Sie verbinden jedenfalls genau die Aspekte, die auch mir im Zusammenhang mit feministischen Impulsen wichtig sind: Die Verbindung von weiblicher Freiheit, Verantwortung für Hilfsbedürftige und den Fokus auf ein gutes Leben für alle.

Da ich mir vorstellen kann, dass diese Initiative aus Belgien nicht nur mir bisher unbekannt war, sondern in Deutschland generell nicht groß registriert wurde, stelle ich die Punkte auch hier einmal vor und zur Diskussion:

In einer gleichberechtigten, solidarischen und gerechten Gesellschaft

1. befinden sich würdige Erwerbstätigkeit und Privatleben im Gleichgewicht.

2. ist die lebenslange finanzielle Unabhängigkeit aller Frauen garantiert.

3. wird Konsum allen zugänglich gemacht und erfolgt auf der Basis von Nachhaltigkeit und fairem Handel.

4. ist die Pflege hilfsbedürftiger Menschen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

5. werden Pflege- und Betreuungsberufe gesellschaftlich anerkannt und wertgeschätzt.

6. verfügen Frauen über ausreichend Zeit, über die sie frei entscheiden können.

7. existieren keine sexistischen, stereotypen Frauenbilder, die Frauen unter Druck setzen.

8. ist Mutterschaft weder verpflichtend noch Anlass zur Diskriminierung.

9. werden Gewalt und Unrecht gegen Frauen als Ausdruck des patriarchalischen Gesellschaftssystems erkannt und als solche bekämpft.

10. werden in Politik und Verwaltungswesen die Interessen und Bedürfnisse von Frauen berücksichtigt.

11. wird die Initiative der Frauen selbst zum Motor für gesellschaftliche Veränderung.

12. schaffen Frauen Solidarität untereinander.

In dem Papier werden diese Punkte anschließend im Einzelnen ausgeführt und in weiteren Unterpunkten konkretisiert. Es steht als pdf-Dokument auf der Homepage der Liga. Dort gibt es sämtliche Texte auch auf Französisch.

Die Erfinderin der Karnevalsmusik

Wenn jetzt wieder überall lustige Karnevalsumzüge in Stellung gehen, ist das eine gute Gelegenheit, hier mal eine der maßgeblichen Erfinderinnen dieses Spektakels zu feiern: die brasilianische Komponistin Francesca (alias Chiquinha) Gonzaga. Sie war es nämlich, die 1899 als erste Musikerin auf die Idee kam, ein Lied extra für den Karneval zu schreiben und legte damit den Grundstein für die berühmten Paraden von Sambaschulen in Rio und anderswo.

Auch damals schon war der Karneval im katholischen Brasilien das vielleicht wichtigste Fest des Jahres, doch die feine weiße Gesellschaft feierte nach europäischer Mode Maskenbälle, während die einfachen Leute auf den Straßen und an den Stränden feierten – größtenteils Menschen, deren Vorfahren als Sklavinnen und Sklaven nach Brasilien gekommen waren, aber auch arme Einwandererfamilien aus Europa. In Gruppen zogen sie in den warmen Sommernächten des Karnevals singend und tanzend durch die Straßen, ihre Musik war ein Durcheinander aus europäischen Polkas, Tangos und afrikanischen Rhythmen.

Das inspirierte Chiquinha Gonzaga, die damals schon eine bekannte Musikerin war, den ersten Karnevalshit der Welt zu schreiben. Ihr Text, den die Menschen bald schon lauthals dazu sangen, hieß: „Abre Alas, que eu quero passar“, auf deutsch: „Macht den Weg frei, ich will hier durch“.

„Abre Alas, macht den Weg frei“ – das war damals schon längst ein Lebensmotto von Chiquinha Gonzaga. 1847 in Rio de Janeiro als Tochter eines reichen Militärs und einer freien Mulattin geboren, hatte sie eine gute Ausbildung erhalten, zu der natürlich auch der Klavierunterricht gehörte. Mit 16 Jahren heiratete sie einen Jungunternehmer, den sie jedoch nach zehn Ehejahren und der Geburt dreier Kinder verließ, weil er cholerisch eifersüchtig war – nicht unbedingt auf andere Männer, sondern auf ihr Klavier. Da ihre Familie daraufhin jeden Kontakt zu ihr abbrach, musste Chiquinha Gonzaga sich den Lebensunterhalt nun selbst verdienen. Sie gab Klavierunterricht und komponierte kleine Stücke. Allgemeine Anerkennung als Komponistin fand sie seit 1877, als ihr mit der Polka „Atrahente“ ein kleiner Hit gelang.

Chiquinha Gonzaga gehörte zu einer Gruppe von jungen Musikern und Musikerinnen, die mit neuen Rhythmen und Melodien experimentierten. Fasziniert war sie vor allem von der Volksmusik – den lebendigen Polkas der europäischen Arbeiterinnen und Arbeiter, den rhythmischen Klängen aus afrikanischen Traditionen, der bäuerlichen Folklore der Landbevölkerung. Dass sie solche Musik auf dem Klavier intonierte, einem Instrument, das damals – anders als das Akkordeon oder die Fidel – als „nobel“ galt und auf dem man nur klassische Musik spielte, war eine Sensation.

Mit großer Hartnäckigkeit und gegen viel Widerstand gelang es Chiquinha Gonzaga im Lauf der Jahre, solche volkstümlichen Klänge von der Straße auf die Bühne zu bringen. Sie schrieb Burlesken und Operetten und bestand sogar darauf, das Orchester höchstpersönlich zu dirigieren. Dabei hat sie die Musik des Volkes nicht etwa einfach ausgebeutet, sondern immer versucht, sie in ihrer Ursprünglichkeit zu erhalten. Durch die Verbindung der verschiedenen Traditionen und Stile wollte sie so etwas wie eine musikalische nationale Identität stiften – und genau das ist bis heute das Erfolgsrezept brasilianischer Musik.

Chiquinha Gonzagas Lieder erklangen immer und immer wieder auf den Straßen und Plätzen, bis sie schließlich zu Ohrwürmern wurden. Auch Leute aus der höheren Gesellschaft fanden langsam Gefallen an der neuen Musik, zum Beispiel die damalige Präsidentengattin Nair de Tefé.Auf ihre Einladung hin führte Chiquinha Gonzaga 1914 einen ihrer populärsten Tangos – Corta Jaca, ein Stück mit eindeutig erotischen Anspielungen – sogar im Präsidentenpalast auf. Für die Moralapostel der Skandal des Jahres, für Gonzaga der endgültige Durchbruch.

Die Musik war zwar Chiquinha Gonzagas Leidenschaft, aber nicht die einzige. Sie war immer auch politisch engagiert, setzte sich für die Einführung der Republik ein und kämpfte gegen die Sklaverei, die in Brasilien erst 1888 endgültig abgeschafft wurde. Der bitterste Preis, den sie für ihren eigensinnigen Lebensweg zahlte, war die Entfremdung ihrer ältesten Tochter, die sie bei ihrem Mann zurückgelassen hatte, und der man jeden Kontakt zur Mutter verbot – unter dieser Trennung litt Chiquinha Gonzaga ihr Leben lang. Trotzdem machte sie keine Kompromisse, auch nicht in der Liebe. Sie hatte diverse langjährige Affären, aus denen eine weitere Tochter hervorging, und im Alter von 52 Jahren begann sie eine Liebesbeziehung zu einem erst 16-jährigen Verehrer – die beiden blieben 35 Jahre lang, bis zu Chiquinhas Tod im Alter von 87, ein Paar.

In Brasilien wird Chiquinha Gonzaga heute als Begründerin der brasilianischen Popmusik und als Urmutter aller Karnevalszüge verehrt – spätestens seit ihr Leben vor einigen Jahren als Fernsehserie verfilmt wurde, kennt sie jeder. Und bis heute wird der erste Wagen jedes Karnevalsumzuges respektvoll nach ihrem Hit benannt: „Abre Alas“, macht den Weg frei.


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