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	<title>Aus Liebe zur Freiheit</title>
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	<description>Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz - von Antje Schrupp</description>
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		<title>Bloggen als Bürger_innenpflicht</title>
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		<pubDate>Mon, 06 Sep 2010 11:42:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bloggen]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Polis]]></category>

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		<description><![CDATA[Update: In den letzten Tagen hatte ich wenig Zeit zum Bloggen, aber zwei, drei Dinge gingen mir durch den Kopf, die ich unbedingt loswerden wollte. Vor allem im Bezug auf das derzeit sehr merkwürdig diskutierte Thema &#8222;Meinungsfreiheit&#8220; wollte ich was sagen. Aber da ich keinen Blogpost schreiben wollte und auch keine Lust auf eine Debatte [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=1168&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Update: In den letzten Tagen hatte ich wenig Zeit zum Bloggen, aber zwei, drei Dinge gingen mir durch den Kopf, die ich unbedingt loswerden wollte. Vor allem im Bezug auf das derzeit sehr merkwürdig diskutierte Thema <a href="http://antjeschrupp.tumblr.com/post/1068872517/meinungsfreiheit" target="_blank">&#8222;Meinungsfreiheit&#8220;</a> wollte ich was sagen. Aber da ich keinen Blogpost schreiben wollte und auch keine Lust auf eine Debatte hatte, postete ich es in gerade mal fünf Minuten bei tumblr (ohne Kommentarfunktion) &#8211; und freute mich über die vielen Retweets dazu. Das ist nämlich das besonders Schöne am Internet: Man braucht gar nicht alles selber machen, sondern die eigenen Ideen können anderen zum Weiterdenken quasi &#8222;zugerufen&#8220; werden. Und weil ich heute immer noch keine Zeit habe zum Bloggen, dachte ich mir, ich könnte einfach mal einen alten Blogpost</em><em> mal wieder nach vorne holen</em><em>, der mir nämlich immer noch genauso gut gefällt wie im Januar, als ich ihn schrieb&#8230; (was übrigens nicht bei allen Blogposts so ist, haha).</em></p>
<p>Neulich hatte ich mal wieder eines dieser „Was-machst-du-bloß-die-ganze-Zeit-in-diesem-Internet“-Gespräche. Dabei kamen wir auch auf einen Aspekt zu sprechen, der mir vorher gar nicht so klar war.<img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/87a1f62bee844f93825c46aedbacd3a0" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>Ausgangspunkt war die Vermutung meiner Bekannten, ich müsste doch sicher sehr viel Zeit dafür aufwenden, zu überlegen, was ich schreiben will und all diese Themen zu finden. Daraufhin erwiderte ich, dass dieser Zeitaufwand relativ klein ist, weil ich mich nämlich nicht hinsetze und mir Extra-Zeit nehme, um zu überlegen, was ich bloggen und schon gar nicht, was ich twittern will, sondern dass ich einfach genau das schreibe, was mir ohnehin durch den Kopf geht. Das Denken lässt sich ja schließlich nicht abstellen, irgendwas denkt man immer, Gedanken schießen mir automatisch durch den Kopf, wenn ich etwas lese, sehe oder höre und so weiter. Und das wird dann, je nach Gewicht, zu einem kleinen Tweet oder einem längeren Blogpost verarbeitet.</p>
<p>Die Bekannte fand das nicht wirklich prickelnd. Wenn sie einen Roman liest, sagte sie, eines meiner Beispiele aufgreifend, dann gehe es doch wirklich niemanden etwas an, was sie dazu denkt. Das sei doch auch für die meisten sowieso ganz uninteressant. Und schließlich wolle sie doch auch mal entspannen und etwas nur für sich tun.</p>
<p>Mit diesem letzten Punkt hat sie natürlich recht. Mit den beiden ersten aber nicht – oder zumindest nicht mehr nach den Maßstäben des Web 2.0. Leicht widerlegt ist ihr zweiter Einwand: Das, was sie denke, sei doch für die meisten Menschen total uninteressant. Das mag zwar sein. Aber das ist ein Argument aus dem Zeitalter der Massenmedien. Im Internet kommt es auf Zahlen nicht mehr an, denn auch wenn ein Blog nur von fünf Leuten gelesen wird, die dafür – aus welchen Gründen auch immer – an dem Thema höchst interessiert sind, ist es eine schöne und wichtige Sache.</p>
<p>Der eigentlich interessante Punkt ist ihr erster Einwand: Dass es doch niemanden etwas angehe, was sie beim Lesen eines Romans (oder beim Beobachten der Welt insgesamt) so denkt. Geht das wirklich niemanden etwas an? Klar, in Zeiten wie den bisherigen, in denen die Welt schön aufgeteilt war in „öffentlich“ und „privat“ und in der wir entsprechend auch Profis dafür bezahlten, dass sie „öffentliche Meinung“ produzieren, während wir unsere Privatmeinung nur im kleinsten Kreise zirkulieren ließen – da war so eine Haltung verständlich. Aber war das wirklich eine ideale Situation? Oder war sie nicht einfach nur der Unzulänglichkeit der früheren Medien geschuldet, die es ja aus technischen Gründen ganz unmöglich machten, dass alle ihre Meinung sagten?</p>
<p>Ich denke, das Internet bringt uns wieder zurück zu dem, was die alten Griechen „Polis“ nannten – also einer Gesellschaft, die davon lebt, dass alle (bei den alten Griechen waren es nur die freien Männer, aber sagen wir heut mal, wirklich alle) sich an der „öffentlichen Meinungsbildung“ beteiligen. Eine Gesellschaft, die Politik als Diskurs der Verschiedenen versteht und im Gespräch, Austausch und Konflikt unter diesen vielen versucht, eine gute Lösung herauszufinden. Mit dem Internet besteht jedenfalls erstmals möglicherweise die Chance, dies auch in einer Polis zu bewerkstelligen, die aus mehr als ein paar hundert Menschen besteht.</p>
<p>Die Notwendigkeit, eine neue Art von „öffentlicher Meinung“ zu pflegen, liegt ja auf der Hand, wenn man sich den doch recht desolaten Zustand der bisherigen Profimeinungsmacher (Medien und politische Verbände bzw. Parteien gleichermaßen) anschaut. Je schlechter die werden, umso notwendiger ist es, dass sich andere Leute mit qualifizierten Beiträgen an der öffentlichen Diskussion beteiligen. Und es ist ja nicht so, dass die „Privatleute“ hier nichts beizutragen hätten. Sie wissen Sachen, haben Erfahrungen, sind originell, können Ratschläge geben oder kennen meinetwegen auch tolle Kochrezepte. Wir alle haben schließlich auf Kosten der Allgemeinheit eine Ausbildung genossen. Wäre es da nicht auch angemessen, davon der Allgemeinheit wieder etwas zurückzugeben? In Form von klugen Tweets oder Blogpost etwa? Oder auch in Form von Kommentaren und replys?</p>
<p>Ist es, anders gefragt, nicht ziemlich geizig und egoistisch, das eigene Wissen für sich selbst zu behalten, indem man aus dem Internet zwar gerne alle möglichen Sachen herausholt – aber nichts selber dazu beiträgt?</p>
<p>Das bedeutet natürlich auch eine andere Verantwortlichkeit auf Seiten derer, die als „Privatpersonen“ das Netz mit Inhalten füllen. Bisher gibt es dort in der Tat eine ganze Reihe von Leuten (und damit meine ich nicht nur die ausgewiesenen Trolls), die zwar in der öffentlichen Debatte mitmischen, sich dabei aber quasi in der Logik der früheren Privatleute aufführen. Sie blöken Stammtischparolen hinaus in die Welt, und offenbar geht es ihnen eher darum, vor ihren Freunden anzugeben und sich unter ohnehin schon Gleichgesinnten als besondere Radikalinskis hervorzutun, als darum, wirklich etwas Wertvolles zum allgemeinen Wohl beizusteuern. Verantwortlichkeit als Polis-Bürger_in bedeutet, dass ich der Allgemeinheit etwas von dem zurückgebe, was ich von ihr bekommen habe. Und dass ich das tue in dem Wissen, dass andere anders sind, also mich bemühe, mein Wissen ihnen auch zu vermitteln, in einem respektvollen gegenseitigen Diskurs.</p>
<p>Natürlich gibt es nicht wirklich eine Pflicht zum Bloggen (die Unterscheidung zwischen Pflicht und Spaß gehört selber auch auf den Müllhaufen der Geschichte, aber das ist ein anderes Thema). Doch gibt es heute eine viel größere Verantwortlichkeit für die Art und Weise, wie sich der oder die Einzelne am öffentlichen Diskurs beteiligt – oder eben auch nicht. Die Entscheidung dagegen ist jedenfalls genauso kritisch zu hinterfragen, wie die Entscheidung dafür.</p>
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		<title>Wer macht die unbeliebten Arbeiten? Zum blinden Fleck des Grundeinkommens</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 14:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Fürsorgearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
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		<category><![CDATA[Sascha Liebermann]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Grundeinkommen ist eine wunderbare Idee, wie ich finde. Es würde helfen, eine Menge ungelöster Fragen zu beantworten. Hätten wir ein Grundeinkommen, bräuchten wir uns nicht mehr über Hartz IV zu ärgern, könnten das Urheberrecht entsorgen, wären weniger erpressbar im Hinblick auf „Arbeitsplätze abbauen“ und so weiter. Dass das Grundeinkommen eine Idee ist, die sich [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2430&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Grundeinkommen ist eine wunderbare Idee, wie ich finde. Es würde helfen, eine Menge ungelöster Fragen zu beantworten. Hätten wir ein Grundeinkommen, bräuchten wir uns nicht mehr über Hartz IV zu ärgern, könnten das <a href="http://antjeschrupp.com/2009/07/01/thema-urheberrecht-wofur-werden-autor_innen-eigentlich-bezahlt/" target="_blank">Urheberrecht</a> entsorgen, wären weniger erpressbar im Hinblick auf „Arbeitsplätze abbauen“ und so weiter.<img src="http://vg06.met.vgwort.de/na/cb4bf12a2efa47559a4039f63c67d0f6" alt="" width="1" height="1" /></p>
<p>Dass das Grundeinkommen eine Idee ist, die sich auch sehr gut mit feministischer Wirtschaftsethik verträgt, habe ich zusammen mit politischen Freundinnen bereits 2004 <a href="http://www.gutesleben.org" target="_blank">in einem Text</a> geschrieben.</p>
<p>Allerdings darf man nicht meinen, das Grundeinkommen wäre so eine Art Wunderrezept, das uns ganz automatisch ins Paradies bringt. Insbesondere ein Aspekt ist daran problematisch, und ich finde es inzwischen sehr ärgerlich, wie hartnäckig sich insbesondere männliche Grundeinkommens-Befürworter weigern, das Thema anzugehen: die Frage, wie das mit der Haus- und Fürsorgearbeit geregelt werden soll.</p>
<p>Viele scheinen sich das so vorzustellen, dass Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Kranken und Alten doch umso besser im Privaten geregelt werden kann, wenn wir erstmal ein Grundeinkommen haben. Denn es sei doch ein Vorteil, wenn diejenigen, die diese Arbeiten bislang gratis und stillschweigend erledigten (mehr Frauen als Männer, früher nannte man sie „Hausfrauen“) dann ihr eigenes Geld hätten.</p>
<p>So gehört habe ich das schon auf diversen Podien, unter anderem auch von Götz Werner (dessen Engagement für das Grundeinkommen ich ansonsten großartig finde). Na toll, denkt die Feministin. Die einen verwirklichen sich selbst mit dem Grundeinkommen, die anderen räumen weiter den Dreck weg. Klasse Idee.</p>
<p>Natürlich kommt dieses „Wir erledigen die Fürsorgearbeiten privat und ohne Bezahlung, weil es gibt ja ein Grundeinkommen“-Argument vorderhand geschlechtsneutral daher (theoretisch können ja auch Männer ihre alten Eltern pflegen). Aber trotzdem ist hier eine gewisse Skepsis angesagt. Würden die Männer denn auch in der Praxis? Genauso selbstverständlich wie die Frauen? Im Schnitt, nicht nur im Einzelfall?</p>
<p>Ein Beispiel, das mich in dieser Hinsicht mal wieder skeptisch macht, flatterte kürzlich durch meine Timeline. Ein <a href="http://www.youtube.com/watch?v=fWRpQRXhlHc" target="_blank">kleines Video</a> von Sascha Liebermann, einem der maßgeblichen Protagonisten des Grundeinkommens in Deutschland. Er wurde nach einem Vortrag von einer Teilnehmerin genau das gefragt: Wer denn die unbeliebten Arbeiten machen würde, wenn wir erstmal ein Grundeinkommen hätten.</p>
<p>Seine Antwort ist aufschlussreich: Als Beispiel wählt er das Kloputzen. Wenn wir nicht wie jetzt Menschen dazu zwingen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, an Geld zu kommen, dann hätten wir, so Liebermann, drei Möglichkeiten: Wir können diese Arbeiten besser bezahlen, wir können uns technische Möglichkeiten ausdenken, sodass sie nicht mehr nötig sind, und wir können die Arbeit selber machen.</p>
<p>Das stimmt natürlich. Allerdings hat er eine vierte Möglichkeit vergessen: Die Möglichkeit nämlich, dass diese Arbeit einfach nicht mehr gemacht wird. Beim Kloputzen ist das durchaus eine Option – bleibt das Klo halt dreckig. Wem’s stinkt, der wird sich schon was einfallen lassen. Wer je in einer WG gewohnt hat, weiß, wie zwiespältig ein solches Verfahren ist, und dass es diejenigen bevorzugt, die im Bezug auf Dreck am ignorantesten sind. Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus.</p>
<p>Mein Punkt ist ein anderer: Das Liebermann-Modell (und viele männliche Grundeinkommens-Befürworter argumentieren ähnlich) baut darauf, dass sich mit dem Grundeinkommen neue Aushandlungsprozesse initiieren lassen, die dann höchstwahrscheinlich auf eine bessere Lösung als heute hinauslaufen. Das glaube ich in der Tat auch. Das Problem an dieser Idee ist nur, dass dieser Plan bei den meisten der klassischen Fürsorgearbeiten nicht funktionieren kann: Wenn Babies gewickelt und gefüttert werden müssen, wenn Alte versorgt werden müssen, dann kann man es nicht drauf ankommen lassen. Dann ist die Möglichkeit, dass es heute eben mal niemand macht, weil grad keiner Lust hat, keine Option, die wir zulassen können. Hier haben wir es nämlich nicht mit Dingen zu tun, sondern mit Menschen, mit Menschen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, und zwar jetzt und sofort.</p>
<p>Das Modell „Bezahlen wir mehr“ funktioniert nur für die Reichen unter ihnen. Das Modell „technische Lösungen“ greift hier auch nur zum kleinen Teil, weil es nicht nur um „Arbeit“, sondern auch um Zuwendung geht. Und das Modell „Selber machen“ funktioniert sowieso nicht, weil die Arbeit ja überhaupt nur deshalb anfällt, weil diejenige Person, um die es geht, sie nicht selbst machen kann.</p>
<p>Also: Wer macht diese Arbeiten, wenn wir keine billigen Erzieherinnen, Krankenschwestern, Altenpflegerinnen mehr haben? Oder anders gesagt: Wie stellen wir sicher, dass sie auch dann noch getan werden, und zwar jederzeit und sofort, wenn wir niemanden mehr dazu zwingen können?</p>
<p>Auf diese Frage gibt das Grundeinkommen für sich genommen keine Antwort. Ebenso wenig wie die Marktwirtschaft (die stellt nämlich nur sicher, dass die profitablen Arbeiten getan werden). Deshalb brauchen wir an dieser Stelle eine Kulturdebatte, die die Freiheit, die ein Grundeinkommen bedeuten würde, nicht nur dahingehend interpretiert, dass wir dann alle „selbstbestimmt und autonom“ tun können, wonach uns der Sinn steht. Sondern wir müssen diese Freiheit dahingehend interpretieren, dass sie auch für die Einzelnen die Verpflichtung beinhaltet, das Notwendige zu sehen und sich ganz konkret für die Bedürftigkeit anderer Menschen (und idealerweise dann auch noch für andere Notwendigkeiten, wie das Kloputzen) verantwortlich zu fühlen.</p>
<p>Und genau um so eine Kultur steht es nicht gut. Einen meiner Texte, in dem ich darüber nachdenke, warum Frauen immer noch den Großteil der Haus- und Fürsorgearbeit erledigen, kommentierte ein Mann einmal folgendermaßen: “Frauen ziehen also immer noch den Kürzeren. Sie müssen sich um Kinder, Alte und Haushalt kümmern (die Haustiere hat sie dabei noch vergessen). Wer sagt eigentlich, dass sie müssen? Wer zwingt sie dazu? Das Patriarchat, verkörpert durch den Herrn und Gebieter daheim?” <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2008/08/uber-das-mussen/" target="_blank">(mehr hier)</a></p>
<p>Ganz offensichtlich hat er ein sehr eingeschränktes Verständnis von “müssen”: Er versteht es als äußeren Zwang. Und er beobachtet diesbezüglich eine geschlechtsspezifische Differenz, womit er meines Erachtens Recht hat: Viele Frauen empfinden häufig Notwendigkeiten, die ihnen Pflichten auferlegen, auch wenn kein äußerer Zwang existiert. Eine Mutter zum Beispiel “muss” sich ja nicht deshalb um ihr Kind kümmern, weil irgendein Dritter sie dazu zwingt oder sie ansonsten Sanktionen zu befürchten hat, sondern weil die innere Logik der Situation dies erforderlich macht.</p>
<p>Genau dies ist der Punkt, an dem wir weiterdenken könnten: Wie kann dieses „Müssen“, das eben nicht aus Zwang, sondern aus dem Sehen von Notwendigkeiten und der Übernahme von Verantwortung resultiert, gesellschaftlich verbreitet werden? Sodass wir sicher sein können, dass es immer genug Leute gibt, die das tun, was getan werden muss – und hoffentlich eben nicht nur Frauen?</p>
<p>Ein Grundeinkommen allein wird das nicht schaffen. Sicher, es wird Ressourcen freisetzen, es wird neue Kulturen entstehen lassen und ein neues Verhältnis zur Arbeit, aber eben nicht von heute auf morgen. Menschen, die auf Hilfe und Fürsorge angewiesen sind, können aber nicht mal eben ein paar Jahre warten, bis sich möglicherweise unsere Kultur irgendwann mal verändert haben wird.</p>
<p>Es hilft nichts: Es gibt einfach viele Leute, die glauben, nur dann etwas tun zu „müssen“, wenn jemand sie dazu zwingt. Und sie stellen für das Projekt Grundeinkommen ein ernstes Problem dar. Das spricht aus meiner Sicht nicht gegen ein Grundeinkommen. Es ist aber ein Thema, das diskutiert werden muss, eine Herausforderung, die nicht unter den Teppich gekehrt werden darf.</p>
<p>Und deshalb ärgert es mich, wenn maßgebliche Vordenker des Grundeinkommens an dieser Stelle ein Dauer-Blackout pflegen. Auffällig oft kommen sie übrigens, statt über Fürsorgearbeit zu sprechen, in solchen Diskussionen auf die wissenschaftliche Lehrtätigkeit zu sprechen – wie auch Sascha Liebermann in dem oben erwähnten Video. Offenbar ist die freie Selbstentfaltung des Denkers alles, was sie sich unter „freiwilliger“ Arbeit vorstellen können. Vor vier Jahren war ich bei einer Podiumsdiskussion in Frankfurt, bei der einer der Mitdiskutanten – ein Uniprofessor, ich habe vergessen, wer – gefragt wurde, ob er denn nicht ein Beispiel wüsste für Menschen, die arbeiten, auch wenn sie es nicht wegen des Geldes müssten. Er dachte ziemlich lange nach und führte dann sich selbst als Beispiel an: Schließlich würde er öfter mal noch abends an der Uni bleiben und viel mehr lesen, als man in acht Stunden schaffen kann.</p>
<p>See the problem? Diesem Mann kam es noch nicht einmal in den Sinn, dass es ein viel offensichtlicheres und überzeugenderes Beispiel für Arbeit ohne Bezahlung gibt: die Hausfrauen (und heute zunehmend auch Hausmänner). Ihre Existenz allein beweist, dass die Grundthese des Grundeinkommens stimmt, wonach Menschen eben nicht in erster Linie wegen des Geldes arbeiten. Nur sind eben die meisten Grundeinkommens-Theoretiker bei diesem Thema auf hartnäckige Weise ignorant.</p>
<p>Das sind dann so Situationen, in denen ich finde, es wäre durchaus angemessen, mal <a href="http://www.youtube.com/watch?v=uKcN6O_4Skw" target="_blank">einen Kübel Scheiße</a> über den Redepulten auszuschütten. Damit man mal riechen und fühlen kann, worum es eigentlich geht.</p>
<p>Wer gerne mit mir darüber diskutieren möchte, kann das in den Kommentaren oder am Montag, 6. September, um 19 Uhr bei einer Veranstaltung der Grundeinkommens-Initiative Worms um 19 Uhr im Haus zur Münze (Marktplatz).</p>
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		<title>Das Schielen unserer Epoche</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 09:06:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Vermutlich sind viele momentan deprimiert über die öffentlichen Diskussionen, die das Buch von Thilo Sarrazin ausgelöst hat. Ich habe versucht, so wenig wie möglich davon zur Kenntnis zu nehmen und will mich mit diesem Blogpost auch nicht daran beteiligen, sondern auf einen anderen Punkt hinaus. Als Politikwissenschaftlerin interessiert beziehungsweise irritiert mich folgender Punkt: Dass es [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2419&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<p>Vermutlich sind viele momentan deprimiert über die öffentlichen Diskussionen, die das Buch von Thilo Sarrazin ausgelöst hat. Ich habe versucht, so wenig wie möglich davon zur Kenntnis zu nehmen und will mich mit diesem Blogpost auch nicht daran beteiligen, sondern auf einen anderen Punkt hinaus.<img src="http://vg03.met.vgwort.de/na/6c6201166bad4cba9ade9f7a9e94246d" width="1" height="1" alt="" /></p>
<p>Als Politikwissenschaftlerin interessiert beziehungsweise irritiert mich folgender Punkt: Dass es ein so eklatantes Auseinanderklaffen zwischen geisteswissenschaftlicher Forschung und Erkenntnissen und der tagesaktuellen Politik und politischen Debatte gibt.</p>
<p>Auf akademischer Seite haben wir jetzt ja einige Jahrzehnte Poststrukturalismus hinter uns, eine „Postmoderne“, die in inzwischen bibliothekenhaftem Umfang die alten modernen Gewissheiten über Subjekt und Gesellschaft aufgelöst und eigentlich ad acta gelegt hat: Die Möglichkeit etwa, Menschen in fixe Gruppen zu sortieren, die „Beweisbarkeit“ politischer Standpunkte anhand von Statistiken, das Ausgehen von „Identitäten“ auf Seiten politischer Akteur_innen und so weiter.</p>
<p>Dies hat aber offenbar den politischen Diskurs, so wie er sich in den dafür vorgesehenen Institutionen (Parteien, Parlamenten, Medien) abspielt, keineswegs verändert. Im Gegenteil, hier scheinen wir uns wieder immer mehr den Theorien und Ideen des 19. Jahrhunderts, also der klassischen Moderne, anzunähern: Es werden Kriege als Mittel der Politik legitimiert, man sucht die Ursachen sozialer Ungleichheit in einem schlechten Betragen „der Armen“ (wahlweise „der Ausländer“), die Komplexität menschlicher Differenzen werden wieder ganz banal stereotypisiert („der Islam“) und so weiter.</p>
<p>Inzwischen scheinen wir sogar an den Punkt zu kommen, wo tatsächlich auch die sozialpolitischen Maßnahmen des 19. Jahrhunderts (Arbeitszwang für Arme, Rassismus, malthusianische Bevölkerungspolitik, Biologismus) wieder diskussionsfähig werden.</p>
<p>Die italienische Journalistin Ida Dominijanni nennt dieses Phänomen das „Schielen” unserer Epoche: Auf der einen Seite sind moderne Gewissheiten, selbstherrliche Subjekte, der Glaube an Gott, Gesetz und Vaterland in den Geisteswissenschaften längst ad acta gelegt, und massenweise Bücher und Studien erklären, warum das so sein muss. Im Bereich von Politik und Mediendiskurs hingegen sind diese Kräfte ungebrochen am Werk und werden sogar gefeiert. Ganz offensichtlich interessiert es dort gar nicht, dass sie wissenschaftlich längst dekonstruiert worden sind.</p>
<p>Dominijanni findet, dass es zwischen beidem einen inneren Zusammenhang gibt: „Je gespaltener, differenzierter, aufgelöster und postmoderner das Subjekt auftritt, umso mehr erscheint es innerhalb eines demokratischen Horizonts, der zu einer Art unanfechtbarem Apriori erhoben wird, wenn nicht gar zu einer unbestreitbaren Religion, im alten Gewand der Individualität, der Rechte, der Repräsentation und der modernen Gleichheit.” <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/01/das-verdrangte-gespenst-der-sexuellen-differenz/" target="_blank">(mehr dazu hier)</a></p>
<p>Die Rückkehr des überwunden geglaubten Weltbildes der Moderne hinge also nicht einfach mit der Dummheit der Leute, mit der Banalität des Medendiskurses und instrumentellen Machtstrategien zusammen. Oder, auf den aktuellen Diskurs bezogen: Es geht nicht darum, dass „Wir“ (die postmodern Aufgeklärten sozusagen) irgendwie machtloser und benachteiligt sind gegenüber „Denen“ (den bösen Sarrazins und denjenigen, die Leuten wie ihm ein Forum bieten, wenn auch im Gewand der angeblichen kritischen Auseinandersetzung). Sondern möglicherweise liegt das ganze Schlamassel auch mit an „uns“.</p>
<p>Ich habe darauf noch keine wirklichen Antworten, sondern nur einige vorläufige Ideen. Eine wäre, dass sich der postmoderne akademische Diskurs zwar inhaltlich, nicht aber methodisch von dem verabschiedet hat, was die Moderne als „Wissenschaftlichkeit“ definierte: Die Fixierung auf Zahlen und allgemeingültige Beweise. Man beschränkte sich darauf, noch eine Studie und noch eine Studie zu schreiben, statt die Aufmerksamkeit auf die Frage zu lenken, wie überhaupt politische Vermittlungsarbeit funktioniert.</p>
<p>Außerdem läuft postmoderne Geisteswissenschaft tatsächlich oft Gefahr, eine Art Relativismus zu propagieren: Wenn alles nur Diskurs ist, gibt es keinen realen Maßstab mehr für das politische Handeln in der Welt (wie früher Gott oder dann die Vernunft), sondern nur viele Verschiedene, die alle irgendwie Recht haben. Stimmt das?</p>
<p>Ich finde hier die Unterscheidung von Luisa Muraro zwischen Relativität und Relativismus sehr hilfreich. Sie schreibt (wie ich bereits in meinem <a href="http://antjeschrupp.com/2010/05/01/die-politik-der-macht-und-die-notwendigkeit-der-vermittlung/" target="_blank">Burka-Blogpost</a> zitierte): „Es ist äußerst notwendig, zwischen Relativismus und Relativität zu unterscheiden: Relativismus bedeutet, die Suche nach dem universalen Wahren und Richtigen aufzugeben, weil man glaubt, alle möglichen Antworten seien abhängig von Kulturen (oder Standpunkten oder Interessen), also historischer Natur und damit veränderbar, und keine könne sich als den anderen überlegen betrachten. Die Relativität hingegen, als Gedankengebäude und vor allem als geistige Einstellung, kann als ein unvorhergesehener Sieg über den Relativismus betrachtet werden. Dieser Sieg wird errungen und bildet sich heraus, indem man Vermittlungen sucht, um von dem einen zum anderen Standpunkt zu kommen.“</p>
<p>Anders gesagt: Es gibt zwar das „Wahre“ nicht in dem Sinne, dass es objektiv Schiedsrichter sein könnte über die Differenzen der Menschen (so wie es sich die Moderne vorstellte), das heißt aber im Umkehrschluss nicht, dass alles einfach nur relativ ist und alle irgendwie Recht haben. Rücken wir die Beziehungen zwischen konkreten Menschen ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit, dann kann das „Wahre“ als Maßstab eine Rolle spiele, an dem sich ihr Diskurs orientiert. Im Alltag ist mir das sehr hilfreich: Diskutieren andere Leute mit mir, weil sie wirklich daran interessiert sind, „die Wahrheit“ zu finden (wenn wir auch darüber, was das ist, unterschiedliche Ansichten haben)? Oder verfolgen sie damit nur egoistische oder instrumentelle Zwecke? Das ist meines Erachtens die entscheidende Frage.</p>
<p>Ich finde ja übrigens, dass es einen Themenkomplex gibt, der sich dieser negativen Dynamik teilweise entzieht, und das ist der Feminismus. Auch hier sind natürlich dieselben Entwicklungslinien von „modernem“ zu „postmodernem“ Denken zu beobachten, aber das „Schielen“ scheint mir hier doch weniger krass zu sein, als bei anderen politischen Themen.</p>
<p>Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass der Feminismus eben nie nur eine Theorie war, sondern immer auch eine Praxis – die Praxis der Frauenbewegung als politische Größe, aber auch die Praxis der einzelnen Frauen. Und politische Praxis ist immer Vermittlungsarbeit in einer konkreten Situation. Zwar gibt es auch hier ein Auseinanderdriften zwischen akademischem Diskurs und Alltagsleben zu beklagen, aber immerhin wird das offen kritisiert, die Akademikerinnen werden von politischen Feministinnen angefragt, frau lässt sie in ihrem Elfenbeinturm nicht einfach so in Ruhe. Also: Das Problem besteht zwar, aber es ist immerhin auf der Agenda.</p>
<p>Mir würde gefallen, wenn es auch im Hinblick auf andere Themen auf die Agenda käme und sich das Sarrazin-Desaster nicht auf einen bloßen Schlagabtausch beschränkte. Konkret: Ich halte es zwar für falsch, mit Sarrazin zu diskutieren (und problematisch, dass die Leitmedien ihm dieses Forum geben). Es ist aber notwendig, mit den Menschen zu diskutieren, die in seinen „Denkanstößen“ Plausibles finden. Und zwar auf eine Weise mit ihnen zu diskutieren, die nicht versucht, ihnen wissenschaftlich zu „beweisen“, dass sie unrecht haben und dumm sind, sondern so, wie Luisa Muraro es vorschlägt: „Übersetzungen zu suchen zwischen dem, was ich in erster Person lebe, weiß, fühle in etwas, das der/die andere verstehen kann, weil es dem, was er oder sie weiß, fühlt, lebt ähnlich ist oder darauf eine Antwort bietet, indem ich zugehört habe, als er/sie versucht hat, mir die Bedeutung seiner/ihrer Erfahrungen zu erklären.“</p>
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		<title>Unterwegs in die falsche Richtung. Überlegungen zu Elisabeth Badinter</title>
		<link>http://antjeschrupp.com/2010/08/29/unterwegs-in-die-falsche-richtung-uberlegungen-zu-elisabeth-badinter/</link>
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		<pubDate>Sun, 29 Aug 2010 08:59:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Fürsorgearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Mamas und Papas]]></category>
		<category><![CDATA[Elisabeth Badinter]]></category>
		<category><![CDATA[Simone de Beauvoir]]></category>
		<category><![CDATA[Matriarchatsforschung]]></category>

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		<description><![CDATA[Was soll man von den Thesen von Elisabeth Badinter halten? Ihr neues Buch „Der Konflikt. Die Frau und Mutter“ erscheint dieser Tage auf Deutsch, und nach einem ersten Rundgang durch die Feuilletons scheint es mir im Wesentlichen ähnliche Gedanken zu enthalten, wie sie sie schon 1980 in ihrem Buch „Mutterliebe“ entwickelt hat: Dass das, was [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2398&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_2402" class="wp-caption aligncenter" style="width: 408px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/08/marianneklein-kopie.jpg"><img class="size-full wp-image-2402" title="marianneklein Kopie" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/08/marianneklein-kopie.jpg?w=398&#038;h=259" alt="" width="398" height="259" /></a><p class="wp-caption-text">Die Frau und die Revolution - in Frankreich schon immer ein schwieriges Verhältnis. Hier das berühmte Gemälde von Eugène Delacroix von 1830 mit dem Titel &quot;Die Freiheit führt das Volk&quot;.</p></div>
<p>Was soll man von den Thesen von Elisabeth Badinter halten? Ihr neues Buch „Der Konflikt. Die Frau und Mutter“ erscheint dieser Tage auf Deutsch, und nach einem ersten Rundgang durch die Feuilletons scheint es mir im Wesentlichen ähnliche Gedanken zu enthalten, wie sie sie schon 1980 in ihrem Buch „Mutterliebe“ entwickelt hat: Dass das, was wir heute für einen „natürlichen Mutterinstinkt“ halten, ein historisches Phänomen ist, ein Konstrukt, entstanden im 18. und vor allem 19. Jahrhundert. Und offenbar sieht Badinter die Gefahr, dass dieser Müttermythos, den die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts halbwegs erfolgreich kritisiert hat, heute mit großer Wucht wiederkommt.</p>
<p>Verkennt sie damit die emanzipatorischen Selbstverständlichkeiten von jungen Frauen, wie Frau Stricktier in ihrem <a href="http://www.denkding.de/?p=2548" target="_blank">Blog</a> meint? Oder sind wir in Deutschland noch viel rückständiger als Frankreich und haben die düsteren Müttermythos-Zeiten nie verlassen, wie Barbara Vinken in der <a href="http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/die-zuegel-von-mutter-natur/" target="_blank">taz</a> schreibt?</p>
<p>Badinters Feminismus steht in der Tradition von Simone de Beauvoir, die 1949 in „Das andere Geschlecht“ die These aufstellte, dass sich Mutterschaft und selbstbestimmtes Leben gegenseitig ausschließen oder zumindest behindern: Weil Mütter durch die Schwangerschaft körperlich eingeschränkt sind, weil sie durch die Notwendigkeit, für Babies zu sorgen, bei anderen Aktivitäten behindert werden, seien sie gegenüber den Männern im Nachteil gewesen, was die konsequente Verfolgung eigener Projekte betrifft – und daraus sei letztlich das Patriarchat entstanden.</p>
<p>Nun muss man wissen, dass Beauvoir eigentlich keine Feministin war (als solche verstand sie sich erst in den 1970er Jahren), sondern Existenzialistin. Also Vertreterin einer bestimmten Philosophie, die die Autonomie des Menschen und seine Selbstverwirklichung dezidiert ins Zentrum stellte. (Wer es genauer wissen will, bitte <a href="http://www.antjeschrupp.de/simone_de_beauvoir.htm" target="_blank">hier entlang</a>).</p>
<p>Schon Beauvoir gibt Frauen den Rat, sich möglichst von den „Belastungen“, die das Kinder Gebären und das Für Kinder Sorgen unweigerlich mit sich bringe, zu „befreien“. Allerdings war dies bei ihr ein philosophisches und revolutionäres Konzept: Ziel war es, ein freier Mensch zu werden, in dem Sinne, dass man sich nicht äußerlichen Gegebenheiten unterwirft, sondern die eigenen Ideen in die Welt bringt.</p>
<p>Badinter banalisiert letztlich Beauvoirs Idee, indem sie die existenzialistische Selbstverwirklichung auf das Erfolgreichsein innerhalb gesellschaftlicher Gegebenheiten zurechtstutzt: Frauen sollen nicht so viel Gedöns um das Kinderhaben machen, damit sie beim Karrieremachen nicht mehr als nötig ins Hintertreffen geraten. Mehr Angepasstheit geht kaum.</p>
<p>Allerdings muss man auch sagen: Die Gefahr, durch Kinderhaben und vor allem durch das Kinder Versorgen wirtschaftliche und soziale Nachteile zu haben, ist natürlich vollkommen real. Das zeigen all die Studien über ungleiche Karrierechancen und ungleiche Entlohnung und so weiter und so fort. Badinter hat also durchaus Recht, wenn sie junge Frauen davor warnt, sich von den Statusgewinnen und den Lobhudeleien verführen zu lassen, die eine bestimmte konservative Tradition mit der Mutterschaft verbindet. Und sie hat auch recht, dass es Frauen gibt, die sich beim ersten beruflichen Gegenwind in die Häuslichkeit flüchten (ob es viele sind, weiß ich nicht). Richtig ist auch, dass das Bemühen, eine möglichst „gute Mutter“ zu sein, manchmal über das Ziel hinausschießt und dass in diesem Zusammenhang oft unerträglich besserwisserische „Ratschläge“ an Mütter ergehen. Vor allem aber hat Badinter Recht, wenn sie darauf hinweist, dass es riskant ist, sich finanziell von einem Mann abhängig zu machen – Männer können Familien verlassen, Männer können auch arbeitslos werden.</p>
<p>Also keine Frage: Eine Frau, die sich entscheidet, wegen der Kinder beruflich kürzer zu treten, sollte sich das gut überlegen und nicht im Rausch des Ehe- und Familienkitsches einfach mal so das Beste hoffen. Aber: Das Ergebnis dieser Überlegungen steht nicht fest, wenn es uns mit der Freiheit der Frauen ernst ist. Und schon gar nicht kann der generelle Verzicht von Frauen auf „Familienphasen“ eine Lösung für das dahinter stehende gesellschaftliche Problem sein.</p>
<p>Eine Lösung, die mir schon besser gefällt, ist eine, die in Deutschland zunehmend angestrebt wird, und zwar die Einbeziehung der Männer in die Fürsorge- und Erziehungsarbeit. Sicher, zahlenmäßig sind wir da noch nicht sehr weit und leider hat die Debatte zuweilen eine frauenfeindliche Schlagseite (Männer brauchen mehr Rechte, ohne Männer funktioniert nichts), aber das Bemühen ist doch immerhin erkennbar. Würden die „Belastungen“ durch das Kinderhaben auf Männer und Frauen gleichmäßiger verteilt, wären wir schon einen guten Schritt weiter.</p>
<p>Ich glaube, in dieser Hinsicht ist Deutschland weiter als Frankreich. Eine meiner Lieblings-Steilen-Thesen ist ja, dass die so oft gerühmten besseren Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Frankreich insgeheim auch damit zusammenhängen, dass die Männer dort nicht wirklich Lust haben, sich aktiv an der alltäglichen Versorgung der Kinder zu beteiligen. Etwa nach dem Motto: Geben wir den Frauen lieber bessere Kinderbetreuung, bevor sie am Ende von uns verlangen, dass wir das machen. (Ich bin noch nicht dazu gekommen, dem Gedanken wirklich nachzugehen, Erkenntnisse dazu also bitte in die Kommentare schreiben, das würde mich sehr interessieren. Gibt es zum Beispiel Studien über den Anteil von Vätern, die in Frankreich Elternzeit nehmen, oder etwas dergleichen?)</p>
<p>Immerhin war Frankreich das Land, in dem die Ideologie der strikt „getrennten Sphären“, in denen Männer und Frauen je zuständig sein sollen, erfunden wurde. Nirgendwo in Europa waren Ehefrauen so rechtlos wie dort (zum Beispiel durften sie ohne einen Erlaubnisschein ihrer Männer nicht reisen, noch im 19. Jahrhundert), nirgendwo war der Widerstand gegen die Gleichberechtigung der Frauen so groß wie dort, und nirgendwo (außer in der Schweiz) hat es so lange gedauert bis sie wenigstens das Wahlrecht bekamen (bis 1945). Weder in England noch in Deutschland, von Skandinavien ganz zu schweigen, war der Geschlechterdualismus jemals so stark im Alltagsleben ausgeprägt wie in Frankreich, obwohl auch diese Länder natürlich patriarchal waren. Und nirgendwo wurde das Männliche so sehr zum Maßstab für die gesamte Kultur gemacht wie in Frankreich.</p>
<p>Ich denke, das hat Auswirkungen bis heute. Es erklärt, warum französische Feministinnen so empfindlich reagieren, wenn sie das Wort „Geschlechterdifferenz“ nur hören (wobei es aber auch welche gibt, die das Thema umso gründlicher bearbeitet haben, <a href="http://antjeschrupp.com/2009/11/03/die-uberraschung-und-der-zwischenraum/" target="_blank">Luce Irigaray</a> zum Beispiel ). Und es erklärt auch, warum es in Frankreich vielleicht schwerer vorstellbar ist, dass sich im Zuge der Überwindung von Geschlechterdualismen nicht nur die Frauen den Männern anpassen, sondern auch andersrum.</p>
<p>Doch auch die komplette Gleichverteilung der Kinderfürsorge auf beide Geschlechter, wie sie in Deutschland und Skandinavien angestrebt wird, wäre für mich noch keine wirklich gute Lösung. Und zwar deshalb, weil die Ungleichheit ja trotzdem weiter bestünde: zwar nicht mehr zwischen Frauen und Männern, aber doch zwischen Eltern und Kinderlosen.</p>
<p>Ich gehe noch einen Schritt weiter und frage: Stimmt denn überhaupt Beauvoirs Ausgangsthese, dass die „Belastung“ durch Kinderversorgung diejenigen, die das machen, zwangsläufig und naturnotwendigerweise ins Hintertreffen bringt? Oder entsteht diese „Belastung“ nicht vielmehr erst durch eine Kultur, die im Kinderversorgen etwas Unnormales, Unmännliches sieht?</p>
<p>Die Matriarchatsforschung hat gezeigt, dass es vor der Entstehung des Patriarchats Gesellschaften gegeben hat, in denen die Generationenbeziehungen im Zentrum standen. Gesellschaften, in denen Mütter keine „spezielle“ Sorte von Menschen waren, sondern eine tragende Funktion hatten und eingebunden waren in die ganz „normalen“ Abläufe und Institutionen. Ein Kind zu haben und zu versorgen muss also nicht <em>naturnotwendigerweise</em> dazu führen, dass die Mutter (oder eben auch der Vater, wenn er diese Arbeit macht) ins Hintertreffen gerät. Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft politisch und ökonomisch organisiert ist.</p>
<p>Sicher, von einem solchen Zustand sind wir weit entfernt. Und solange die Welt ist, wie sie ist, solange wir Kinder als Privatproblem ihrer Eltern betrachten, solange man Fürsorgearbeit in der „Freizeit“ erledigen muss und solange man das Lebensnotwendige nur bekommt, wenn man erwerbstätig (oder mit einem gut verdienenden Mann zusammen) ist – solange müssen Frauen, die Kinder haben wollen, realistisch mit dieser Situation umgehen und ihre Konsequenzen im Hinblick auf ihre Lebensplanung ziehen.</p>
<p>Aber das heißt nicht, dass sie sich mit dem Status Quo zufrieden geben müssen. Ihr Wunsch, Zeit mit Kindern zu verbringen, die familiären (und andere persönliche) Beziehungen ins Zentrum ihres Lebens zu stellen und nicht die Pflege ihrer „Employability“, ist ernst zu nehmen, gerade auch als gesellschaftsveränderndes Potenzial. Zumal die Berufstätigkeit von Frauen ja heute längst nicht mehr jene Freiheit verheißt, die Beauvoir damit noch verbunden hat: Statt sich selbst zu „transzendieren“ bedeutet Erwerbsarbeit für nicht wenige Menschen heute bloßes Funktionieren im Sinne der Marktanforderungen.</p>
<p>In der Tat sind es momentan ja gerade diejenigen jungen Frauen (und Männer), die Kinder haben <em>und</em> beruflich und politisch aktiv sein möchten, die darauf drängen, dass sich hier Sachen verändern. Sie setzen durch, dass die Arbeitszeit flexibler wird, klagen bei den Kolleginnen Verständnis ein, wenn mal was liegen bleibt, weil das Kind Fieber hat, kämpfen für Teilzeitstellen so weiter. Das sind zwar alles noch mikroskopisch kleine Veränderungen, aber immerhin. Und sie tun damit nicht nur sich selbst, sondern meiner Ansicht nach der Gesellschaft insgesamt einen Gefallen.</p>
<p>Das heißt, ich finde es gut, wenn Mütter (und eben auch inzwischen so manche Väter) darauf bestehen, dass sie keine Lust haben, sich zwischen Kinderhaben und Karrieremachen entscheiden zu müssen. Wenn sie darauf bestehen, dass Kinderhaben mehr ist als die Kleinen morgens zur Krippe zu bringen und abends wieder abzuholen. Und wenn sie fordern, dass sich ihre Arbeitgeber oder auch andere Nichteltern gefälligst darauf einzustellen haben. Das alles hat mit Müttermythos überhaupt nichts zu tun, sondern einfach nur damit, dass eine Auflösung der alten Geschlechterdualismen sich nicht damit begnügen kann, die ehemals „weibliche“ Seite zu verändern (die Familie und das Private). Die ehemals „männliche“ Seite (der Beruf, die Öffentlichkeit, die Politik) muss sich ebenfalls verändern.</p>
<p>Wenn man sich also ausgehend von der derzeit unbefriedigenden Situation auf den Weg macht, sollte man darauf achten, dass die Richtung stimmt. Und die Richtung, die Elisabeth Badinter vorschlägt, stimmt meiner Meinung nach nicht.</p>
<p>PS: Badinter ist damit im Übrigen auch keine typische Vertreterin der Frauenbewegung, nicht einmal der inzwischen auch schon „alten“ der 1970er Jahre, die schon damals viel grundsätzlicher über das ganze Thema diskutiert hat.</p>
<p>PPS: Einige Anregungen, was es bedeutet, sich vom autonomen Erwachsenen als Modell für normales Menschsein zu verabschieden und die Welt ausgehend von der Gebürtigkeit zu denken, entwickelt auch Ina Praetorius in <a href="http://www.youtube.com/watch?v=w3YH-ptNsxY&amp;feature=sub" target="_blank">diesem Video</a>.</p>
<p>PPPS: Vielleicht auch interessant in dem Zusammenhang mein Artikel <a href="http://www.antjeschrupp.de/mutter.htm" target="_blank">„Abschied von der guten Mutter“</a></p>
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		<title>Frauen bloggen anders. Anders als wer?</title>
		<link>http://antjeschrupp.com/2010/08/27/frauen-bloggen-anders-anders-als-wer/</link>
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		<pubDate>Fri, 27 Aug 2010 16:20:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bloggen]]></category>
		<category><![CDATA[Differenzphilosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Bloggen Frauen anders? Das Thema, das derzeit in diversen Blogs diskutiert wird (Carta, Politik.de) usw. &#8211; beim Googlen fand ich übrigens, dass das schon seit 2006 oder so immer mal wieder als Thema vorkommt), interessiert mich gewissermaßen aus historischen Gründen. Ich habe nämlich in meiner inzwischen 25-jährigen Laufbahn als Journalistin ebenfalls diverse Artikel zum Thema [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2366&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_2370" class="wp-caption aligncenter" style="width: 435px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/08/frauenhaende-kopie.jpg"><img class="size-full wp-image-2370" title="Frauenhaende Kopie" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/08/frauenhaende-kopie.jpg?w=425&#038;h=247" alt="" width="425" height="247" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: BildPix.de - Fotolia.com</p></div><br />
<img src="http://vg09.met.vgwort.de/na/54d17d5c7def479f84d3c3e4215bc92c" width="1" height="1" alt="" /><br />
Bloggen Frauen anders? Das Thema, das derzeit in diversen Blogs diskutiert wird (<a href="http://carta.info/32939/bloggen-frauen-anders/" target="_blank">Carta</a>, <a href="http://blog.politik.de/blogschau/frauen-bloggen-anders/2991/" target="_blank">Politik.de</a>) usw. &#8211; beim Googlen fand ich übrigens, dass das schon seit 2006 oder so immer mal wieder als Thema vorkommt), interessiert mich gewissermaßen aus historischen Gründen. Ich habe nämlich in meiner inzwischen 25-jährigen Laufbahn als Journalistin ebenfalls diverse Artikel zum Thema „Dingsen Frauen anders?“ geschrieben, allerdings liegt das schon eine Weile zurück.</p>
<p>Inzwischen frage ich bei so etwas immer zurück: Anders als wer? Und wenn dann die Antwort kommt: Na, anders als Männer! – winke ich dankend ab. Mag sein, mag nicht sein, interessiert mich nicht.</p>
<p>Und zwar nicht nur aus dem ganz offensichtlichen Grund, dass eine solche Fragestellung schon rein formal die Männer und das, was sie tun, zum Maßstab für weibliches Handeln macht. Sondern weil diese Perspektive eine andere Fragestellung ausschließt und verschleiert, hinter der sich meiner Meinung nach die eigentlich spannenden Themen verbergen: Nämlich die Frage, ob und wo Frauen etwas anderes machen – als andere Frauen!</p>
<p>Dass die Beschäftigung mit der sexuellen Differenz eigentlich nicht die Unterschiede zwischen Frauen und Männern, sondern die Unterschiede zwischen Frauen untereinander in den Fokus rückt, ist dabei zugegeben kein ganz einfacher Gedanke. Ich habe ihn Mitte der 1990er-Jahre von italienischen Feministinnen gehört, konnte aber zunächst einmal nichts damit anfangen.</p>
<p>Damals war ich mitten in meiner Doktorarbeit und hatte mich festgefahren. Mein Thema im Fach „politische Ideengeschichte“ war: Frauen in der Ersten Internationale (der europäische Dachverband der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung im 19. Jahrhundert). Ich hatte mir vier Frauen ausgesucht und wollte deren politische Ideen untersuchen, und zwar insgeheim mit dem Ziel, zu zeigen, dass Frauen „anders“ Politik machten als die Herren Marx, Engels, Bakunin und Co. Dazu hatte ich auch schon jede Menge Material aus diversen Archiven und Bibliotheken ausgegraben – allein, der Befund war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nicht nur waren die Frauen an ganz entscheidenden Punkten keineswegs einer Meinung. Es gab keinen &#8222;anderen&#8220; weiblcihen Sozialismus. Aber viel schlimmer noch: Die Frauen waren auch irgendwie nicht so „gut“ wie die Männer. Ihre Texte waren weniger eloquent, sie kamen nicht so recht auf den Punkt, ihre Standpunkte ließen sich nicht so gut identifizieren. (Später habe ich das <a href="http://www.antjeschrupp.de/politik_verkoerpern_buch_ina.htm" target="_blank">hier </a>mal analysiert).</p>
<p>Natürlich hätte ich mich jetzt auf den Punkt der Diskriminierung zurückziehen können: Sie hatten weniger Zeit, waren mit den Kindern etc. beschäftigt, waren nicht so lange in die Schule gegangen, wurden von der Gesellschaft an allem möglichen gehindert und so fort. Aber das hat mich selbst nicht richtig überzeugt, selbst wenn es natürlich irgendwie auch stimmte. Aber das war so – unprickelnd.</p>
<p>Und dann kam – kurz bevor ich das Ganze schon in die Ecke schmeißen wollte – dieser Gedanke, dass das eigentlich Interessante aus feministischer Perspektive die Unterschiede zwischen Frauen sein sollten. Und damit kriegte ich dann tatsächlich die Kurve. Denn als ich mich erst einmal von der Idee verabschiedet hatte, eine gemeinsame weibliche Position herausdestillieren zu wollen und stattdessen anfing, die von mir gewählten Frauen in ihrer <em>Subjektivität </em>zu sehen, also nicht als Repräsentantinnen ihres Geschlechts, sondern als politisch handelnde Individuen – da konnte ich mit ihren Texten plötzlich etwas anfangen.</p>
<p>Am Ende wurde also die Diss dann doch noch <a href="http://www.antjeschrupp.de/internationale.htm" target="_blank">fertig</a>. Die Konflikte, die die verschiedenen feministischen Sozialistinnen untereinander austrugen, waren nicht nur spannend, sie rückten auch die ganze Geschichte der Ersten Internationale in ein neues Bild. Plötzlich kamen Themen zum Vorschein, die in den Debatten der Männer kaum eine Rolle gespielt hatten.</p>
<p>Noch ein anderes Beispiel: Vor einiger Zeit nahm ich an einer Konferenz zum Grundeinkommen teil, wir waren etwa 40 Männer und vielleicht fünf, sechs Frauen. Die Diskussion plätscherte dahin, es ging um Finanzierungsfragen und darum, von wem man sich abgrenzen muss und so weiter. Ich sagte auch mal was, aber meistens langweilte ich mich. Die anderen Frauen sagten auch nur wenig.</p>
<p>In der Pause war ich auf dem Klo, als eine Frau zu mir kam und sagte: Sie fände das, was ich gesagt hatte, völlig falsch, aber sie hätte mich nicht dort in der großen Runde kritisieren wollen, denn wir wären doch eh so wenige Frauen und müssten daher solidarisch sein. Erstmal fand ich das eine nette Geste, aber hinterher wurde mir klar, dass genau das das Problem war: Hätte sie mich in dieser Runde öffentlich kritisiert, hätte das der ganzen Konferenz vielleicht einen anderen Charakter gegeben. Wir hätten die Chance gehabt, über unsere Themen und Konflikte zu reden (und nicht über die, die die Männer wichtig fanden), und wahrscheinlich wäre es für uns weniger langweilig und für die Konferenz insgesamt fruchtbarer gewesen.</p>
<p>Was hat das jetzt alles mit der Frage zu tun, ob Frauen anders bloggen?</p>
<p>Das weiß ich nicht. Denn mir ist noch nicht wirklich klar, wo die Konflikte unter bloggenden Frauen liegen. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich außer mir selbst bisher keine andere Frau persönlich kenne, die regelmäßig bloggt (die anderen Bloggerinnen kenne ich nur „aus dem Netz“, es ist noch keine wirkliche Beziehung und politische Auseinandersetzung daraus entstanden).</p>
<p>Mein Hauptkonflikt rund um das Thema „Bloggen Frauen anders“ liegt daher momentan noch an dem Punkt, wo ich die anderen Frauen um mich herum frage: „Warum bloggt ihr eigentlich alle nicht, obwohl ihr doch so kluge Gedanken habt?“ Diesen Konflikt trage ich gerne und herzhaft aus, aber aus nahe liegenden Gründen nicht im Netz <img src='http://s.wordpress.com/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Möglicherweise ist das bei euch anderen Bloggerinnen, die ihr euch untereinander schon besser kennt, anders? Immerhin gab es ja inzwischen einige Barcamps und Vernetzungstreffen. Und das würde mich interessieren: Über welche Sachen und Themen wart ihr da unterschiedlicher Meinung? Wo sind eure Differenzen im Bezug auf Netzpolitik? Das wäre etwas, worüber ich wirklich gerne mehr erfahren würde. Ich vermute zum Beispiel, dass es die eine oder andere Differenz zwischen mir und <a href="http://annalist.noblogs.org/" target="_blank">Anne Roth</a> im Bezug auf Datenschutz geben könnte. Oder zwischen mir und der <a href="http://maedchenmannschaft.net/piratenpartei-post-gender-war-gestern/" target="_blank">Mädchenmannschaft</a> im Bezug auf die Gleichstellung. Oder zwischen mir und <a href="http://www.iheartdigitallife.de/" target="_blank">Kathrin Ganz</a> im Bezug auf Geschlechterkonstruktionen. Oder zwischen mir und <a href="http://www.piratenweib.de/?p=1341" target="_blank">Piratenweib </a>über die Frage der Identitätsaufdeckung. Mit <a href="http://digiom.wordpress.com/" target="_blank">Jana Herwig</a> und würde ich mich übrigens gerne mal streiten, weiß aber noch nicht genau, über was. Und mit <a href="http://www.denkding.de/" target="_blank">Frau Stricktier</a> habe ich neulich sogar schon mal kurz disputert <img src='http://s.wordpress.com/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':)' class='wp-smiley' />  Oder, oder, oder. Und, und, und.</p>
<p>Ein kleiner erster Ansatz waren schon die Diskussionen rund um das Thema Frauen und Piraten, an denen sich ja klar viele Frauen mit gegensätzlichen Meinungen beteiligt haben. Leider ist das unter&#8217;m Strich nicht sehr fruchtbar verlaufen, was meiner Meinung nach auch daran lag, dass diese Diskussion in einem von Männern dominierten Umfeld stattfand, die die Frauen, die Pro-Piraten argumentierten, ständig zu Kronzeuginnen für ihre eigenen Positionen machten. Ich jedenfalls hatte dadurch das Gefühl, ständig auf zwei parallelen Ebenen zu diskutieren.</p>
<p>Also, wir üben halt noch. Aber ich wette, wenn wir erstmal anfangen, unsere Konflikte im Netz sichtbar zu diskutieren, ergeben sich ganz von selbst spannende Entwicklungen. Ob dabei dann herauskommt, dass Männer möglicherweise „anders“ bloggen, wird sich ja zeigen. Aber quasi nur als Nebenprodukt.</p>
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			<media:title type="html">katharinalll</media:title>
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			<media:title type="html">Frauenhaende Kopie</media:title>
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		<title>Über das Begehren</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Aug 2010 21:34:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Begehren]]></category>

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		<description><![CDATA[In meinen Texten kommt oft das Wort &#8222;Begehren&#8220; vor &#8211; hier eine kleine Sammlung &#8211; und zwar nicht als rein individualistisches oder gar nur sexuelles Phänomen, sondern als Motivation für politisches Handeln. Vergangenes Wochenende war ich bei einem kleinen Treffen mit politischen Freundinnen in Innsbruck (derselbe Kreis, der auch hinter diesem Text zum Grundeinkommen steht), [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2360&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In meinen Texten kommt oft das Wort &#8222;Begehren&#8220; vor &#8211; <a href="http://www.antjeschrupp.de/begehren.htm" target="_blank">hier eine kleine Sammlung</a> &#8211; und zwar nicht als rein individualistisches oder gar nur sexuelles Phänomen, sondern als Motivation für politisches Handeln. Vergangenes Wochenende war ich bei einem kleinen Treffen mit politischen Freundinnen in Innsbruck (derselbe Kreis, der auch hinter diesem Text zum <a href="http://www.gutesleben.org" target="_blank">Grundeinkommen</a> steht), und bei der Gelegenheit haben wir gegenseitig mit uns kleine philosophische Interview-Videos gedreht. Ich habe dabei Fragen zum Thema &#8222;Begehren&#8220; beantwortet, das Ergebnis findet Ihr hier:</p>
<p><span style="text-align:center; display: block;"><a href="http://antjeschrupp.com/2010/08/26/uber-das-begehren/"><img src="http://img.youtube.com/vi/RLz2gTYZ-DA/2.jpg" alt="" /></a></span></p>
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		<item>
		<title>Frauenwahlrecht – Kinderwahlrecht? Ein schlechter Vergleich</title>
		<link>http://antjeschrupp.com/2010/08/15/frauenwahlrecht-%e2%80%93-kinderwahlrecht-ein-schlechter-vergleich/</link>
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		<pubDate>Sun, 15 Aug 2010 21:43:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fürsorgearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Historisches]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenwahlrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Kinderwahlrecht]]></category>
		<category><![CDATA[Olympe de Gouges]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>

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		<description><![CDATA[Immer mal wieder wird über das Kinderwahlrecht diskutiert – aktuell etwa bei den Piraten. Die Frage, ob es sinnvoll ist, das Wahlrecht erst ab 18 Jahren zu verleihen, beschäftigt mich nicht besonders, weil ich das Wahlrecht nicht für das Zentrum des Politischen halte. Aber zu einem Argument, das in diesem Zusammenhang immer wieder vorgetragen wird, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2343&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Immer mal wieder wird über das Kinderwahlrecht diskutiert – aktuell etwa bei den <a href="http://piratenpad.de/2LUABOVAy2" target="_blank">Piraten</a>. Die Frage, ob es sinnvoll ist, das Wahlrecht erst ab 18 Jahren zu verleihen, beschäftigt mich nicht besonders, weil ich das Wahlrecht nicht für das Zentrum des Politischen halte. Aber zu einem Argument, das in diesem Zusammenhang immer wieder vorgetragen wird, möchte ich mich äußern, nämlich: „Für viele mag die Forderung nach einem Kinderwahlrecht absurd klingen &#8211; Ich gebe zu bedenken, dass früher auch Frauen nicht wählen durften und die Vorstellung, dass das mal so war, uns heute absurd erscheint.“ (so im PiratenPad)</p>
<p>Zunächst einmal werden hier zwei Dinge verglichen, die man nicht vergleichen kann: Kinder werden schließlich vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil sie nicht über dasselbe Wissen, dieselbe Lebenserfahrung, dieselbe Urteilsfähigkeit verfügen, wie Erwachsene. Auch wenn man dies falsch findet – der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht war genau gegenteilig gelagert: Sie wurden ausgeschlossen, <em>obwohl</em> sie über dasselbe Wissen, dieselbe Lebenserfahrung und dieselbe Urteilsfähigkeit verfügten, wie Männer – genau darin lag ja der Skandal.</p>
<p>Das Argument wird also kaum einen Gegner oder Gegnerin des Kinderwahlrechts überzeugen, im Gegenteil. Nun könnte man natürlich sagen: Ja, aber haben nicht damals die meisten Leute <em>geglaubt</em>, dass Frauen weniger Urteilsfähigkeit, Lebenserfahrung und Wissen hätten als Männer? Und ist das Argument also nicht dennoch in gewisser Weise stichhaltig?</p>
<p>Hinter diesem Gedankengang steht eine Vorstellung, die wir im Westen gerne im Hinblick auf unsere demokratische Tradition pflegen, und zwar die eines sukzessiven Fortschritts, der so ungefähr vom finsteren Mittelalter bis hin zu heutigen, aufgeklärten und gleichgestellten Zeiten geführt habe. Twittergemäß auf 140 Zeichen gebracht hat das<a href="http://twitter.com/SilkeNH/status/21228620477" target="_blank"> @silkeNH</a>: „Es ist nur konsequent. Zuerst sind wir die Unterscheidung nach Stand losgeworden, dann nach Geschlecht, jetzt ist Alter dran.“</p>
<p>Demnach wäre der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht letztlich einer Unaufgeklärtheit der damaligen Zeit zu verdanken, die wir heute überwunden haben. Und im Bezug auf Kinder hinken wir da eben noch hinterher.</p>
<p>Genau so war es aber nicht. Der Ausschluss der Frauen vom Wahlrecht war nicht einfach ein Versäumnis, das dem damaligen patriarchalen Zeitgeist geschuldet ist, sondern logische Folge einer bestimmten Politikvorstellung, die viel mehr umfasste, und deren negative Auswirkungen wir noch immer nicht überwunden haben.</p>
<p>Die Idee, dass alle Menschen gleich sind – und also zum Beispiel bei Wahlen jeder eine Stimme haben sollen – ist gerade mal 250 Jahre alt und wurde mit der französischen Revolution 1789 erstmals in die Realität umgesetzt. Vorher gab es die Idee der Gleichheit im Bereich des Politischen nicht. Und entsprechend gab es auch keine strikte Trennung zwischen den Geschlechtern im Bereich des Politischen. Frauen und Männer waren unterschiedlich einflussreich bei der Gestaltung der Welt, je nachdem ob sie Königinnen oder Knechte, reiche Händler oder arme Mägde, Äbtissinnen großer Klöster oder kleine Handwerker waren. Sicher hatten Männer im Durchschnitt mehr Einfluss als Frauen, aber das Frausein oder Mannsein war nur einer von vielen Faktoren, die dabei eine Rolle spielten.</p>
<p>Doch je gleicher die Männer sich wurden, umso „ungleicher“ wurden die Frauen. Die Frauen waren bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechts nicht einfach nur „vergessen“ worden, sondern es war viel krasser: Die Frauen wurden aus der Politik exakt in dem Moment ausgeschlossen, als die Männer für sich die Gleichheit proklamierten. Weiblichen Geschlechts zu sein, war nun nicht mehr einer von mehreren Gründen, weshalb bestimmten Menschen politischer Einfluss verweigert wurde, sondern der einzige. Man könnte auch sagen, dass die Männer sich nach dem Wegfall der Standesgrenzen als demokratische Wesen explizit darüber definierten, dass sie keine Frauen waren.</p>
<p>Das blieb natürlich von Anfang an nicht unwidersprochen. Während das Kinderwahlrecht eine ziemlich junge Idee ist, die sich keineswegs logisch aus der Idee der allgemeinen Gleichheit der Menschen ergibt (schließlich werden damit nicht einzelne Menschen gegenüber anderen diskriminiert, denn ALLE Menschen sind zunächst Kinder und später Erwachsene, also in gleicher Weise betroffen), war der Ausschluss der Frauen von Anfang an Thema, weil er die logische Grundlage des „allgemeinen Wahlrechts“ in sich an ad absurdum führte.</p>
<p>Die französische Schriftstellerin Olympe de Gouges schrieb denn auch unmittelbar nach der Französischen Revolution ein Manifest für die Frauenrechte (und wurde <del datetime="2010-08-16T08:28:38+00:00">dafür</del> auf der Guillotine hingerichtet). Und sie war mit ihrer Position keineswegs eine frühfeministische Exotin. Viele Frauen und auch einige Männer machten das zum Thema. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war die Frage des Frauenwahlrechtes in linken, revolutionären Gruppen ständig auf der Tagesordnung.</p>
<p>Was aber war es, das die Mehrheit der Männer schließlich dazu brachte, die ureigensten Grundlagen ihrer Gleichheitsideen selbst zu konterkarieren, indem sie Frauen das Wahlrecht, ihre große demokratische Errungenschaft, verweigerten? Dahinter stand ein gesellschaftliches Problem, das sich unmittelbar aus der Gleichheitsidee ergab, für das aber damals (wie heute?) keine wirkliche Lösung gefunden wurde: Und zwar die Tatsache, dass Menschen zwar „als Idee“ als Gleiche angesehen werden können, es aber in der Realität normalerweise nicht sind.</p>
<p>So wie zum Beispiel Kinder ganz offensichtlich nicht gleich sind wie Erwachsene: Sie können nicht für sich selbst sorgen, wie müssen versorgt werden. Menschen treten im Status der größtmöglichen Abhängigkeit in diese Welt ein – sie werden geboren. Ohne Hilfe von anderen können sie keine zwei Tage überleben. Das heißt: Einfach nur die Gleichheit der Menschen zu proklamieren ist noch kein politisches Konzept. Gleichzeitig müssen Lösungen gefunden werden für all jene Situationen, in denen Menschen faktisch ungleich und damit bedürftig und abhängig sind.</p>
<p>Was sich hier letztlich stellt, das ist die soziale Frage: Das formale Wahlrecht hat noch nichts beizutragen zu sozialer Ungleichheit, die sich nicht nur durch die Gebürtigkeit der Menschen ergibt, sondern auch aus vielerlei anderer Ungleichheit. (Weshalb es auch kein Zufall ist, dass Simone de Beauvoir ihr Buch „Das andere Geschlecht“ wenige Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Frankreich schrieb: Sie zeigt darin, dass die Ungleichheit von Frauen und Männern dadurch keineswegs erledigt ist, weil sie viel tiefere kulturelle Ursachen hat).</p>
<p>Aber es geht um viel mehr als um die Benachteiligung von Frauen im Vergleich zu Männern. Es geht zum Beispiel auch um materielle Ungleichheit. „Das Gesetz in seiner erhabenen Gleichheit verbietet den Reichen wie den Armen, unter den Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen&#8220; ist ein Anatole France zugeschriebener Spott, der das Ganze auf den Punkt bringt. Das war auch der Grund, warum auch für viele Frauen, speziell die Sozialistinnen, das Wahlrecht keineswegs ganz oben auf der Agenda stand: Sie fanden andere Probleme viel wichtiger.</p>
<p>Die Lösung, die die Männer damals für das Problem der faktischen Ungleichheit und der Bedürftigkeit der Menschen fanden, war letztlich ziemlich einfach, aber auch ganz schön dreist: Sie erklärten die Frauen für diesen Bereich der „privaten“ Bedürftigkeit zuständig. Die Frauen sollten sich zuhause um Kinder, Kranke, Alte und auch für die von der Arbeit erschöpften Ehemänner kümmern. Oder um die Wohltätigkeit.</p>
<p>Zu diesem Zeitpunkt, also am Ende des 18. Jahrhunderts, war jedenfalls noch überhaupt nicht die Rede davon, dass Frauen aufgrund irgendwelcher weiblichen „Defizite“ für die Politik nicht geeignet seien. Auch deshalb hinkt der Vergleich zwischen Frauen- und Kinderwahlrecht: Man hat die Frauen <em>nicht</em> deshalb vom Wahlrecht ausgeschlossen, weil man sie für dümmer oder unvernünftiger hielt, sondern weil man befürchtete, ihre politische Gleichberechtigung würde dazu führen, dass sie sich nicht mehr um jene anderen Aufgaben kümmern, die man von nun ab als „Frauenaufgabe“ definierte. Das wurde damals von Gegnern des Frauenwahlrechts auch ganz unverblümt so gesagt: Wenn die Frauen Politik machen, wer wäscht dann unsere Wäsche, wer erzieht die Kinder und kümmert sich um die Alten und Kranken?</p>
<p>Die Idee vom weiblichen Wesen, das angeblich nicht genug Urteilsfähigkeit und Wissen hat, um politisch mitreden zu können, entstand erst viel später, nämlich als Reaktion auf die weiblichen Proteste gegen diesen Ausschluss. Das Lob auf die Mütterlichkeit, auf weibliche Tugenden und so weiter war nichts anderes als eine nachträgliche Rechtfertigung dieser Ungerechtigkeit, sozusagen ein Trostpflaster. Dagegen hat ja der Feminismus zu Recht und auch erfolgreich protestiert. Ungelöst geblieben ist dabei aber immer noch das Problem, dass auch die andere Seite der Medaille, die Konstruktion von Männlichkeit und „Gleichheit“ als Gegenmodell dazu, kritisiert und hinterfragt werden muss.</p>
<p>Das heißt, die Parallelisierung von „Kinderwahlrecht“ und „Frauenwahlrecht“ ist nicht nur fragwürdig, weil hier eine mögliche Analogie zwischen weiblicher und kindlicher „Unfähigkeit“ zur Politik nahegelegt wird (die nichts ist als frauenfeindliche, patriarchale Propaganda). Sie ist auch heikel, weil sie die ideelle „Gleichheitsschraube“ noch eine Umdrehung weiter geführt wird.</p>
<p>Das verstehe ich, wohlgemerkt, nicht als prinzipielles Argument gegen das Kinderwahlrecht. Meinetwegen kann man es einführen oder auch nicht. Und vielleicht gibt es tatsächlich gute Gründe, die Entscheidung darüber, wann ein Kind als „mündig“ und wahlberechtigt gelten sollte, nicht von einem fixen Datum, sondern von der Selbsteinschätzung des Kindes abhängig zu machen, wie es im Piratenantrag vorgeschlagen wird.</p>
<p>Das hat aber nichts zu tun mit einer Lehre, die aus dem verweigerten Frauenwahlrecht zu ziehen wäre. Daraus ist vielmehr zu lernen, dass eine Politik, die lediglich die formale Gleichheit der Menschen betont, in der Praxis nicht ausreicht. Die Herausforderung der Politik spielt sich heute nicht so sehr auf der Ebene von Rechten ab (die Menschen per definition „als Gleiche“ behandeln), sondern vielmehr dort, wo wir Verfahren brauchen, wie Menschen auch dann gut und gerecht und zum allerseitigen Wohl miteinander umgehen können, wenn sie gerade <em>nicht</em> gleich sind. (Vor diesem Hintergrund ist auch meine Kritik an einer rein rechtlichen Gleichstellung unverheirateter Väter im Bezug auf das <a href="http://antjeschrupp.com/2010/08/01/vaterschaft-ist-mehr-als-sex-gehabt-haben" target="_blank">Sorgerecht</a> zu verstehen).</p>
<p>Wohin eine Kultur führt, die sich als Ansammlung von beziehungslos Gleichen definiert, hat Olympe de Gouges im Übrigen bereits 1788, also ein Jahr vor der Französischen Revolution, kritisiert. In einem Aufsatz beschreibt sie mit Sorge eine gewisse Haltung, die sich unter den Wissenschaftlern, Handwerkern und Politikern ihrer Zeit breit machte. Im Zuge der beginnenden Industrialisierung, so de Gouges Kritik, würden sie zunehmend eigennützige Ambitionen verfolgen, ohne deren Auswirkungen auf die Gesellschaft allgemein zu berücksichtigen. Vor lauter Profitstreben würden sie ihren eigenen Platz innerhalb der menschlichen Gemeinschaft nicht mehr verstehen. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?</p>
<p>De Gouges endet mit den Worten: „Wenn ich in dieses Thema noch weiter verfolge, würde ich zu weit gehen und die Feindschaft der Neureichen auf mich ziehen, die, ohne über meine guten Ideen nachzudenken oder meine guten Absichten anzuerkennen mich ohne Mitleid verurteilen würden als eine Frau, die nur Paradoxes anzubieten hat und keine einfachen Lösungen für die Probleme.“</p>
<p>Das Dilemma, das sie hier beschreibt, ist für kritische Feministinnen bis heute gültig.</p>
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		<title>Die Ekstase der Heiligen Teresa</title>
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		<pubDate>Wed, 11 Aug 2010 17:31:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Denker_innen]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchenkram]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Sexualität]]></category>
		<category><![CDATA[Bernini]]></category>
		<category><![CDATA[Mystik]]></category>
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		<category><![CDATA[Teresa von Avila]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Liebe. Nicht so, wie wir wahrscheinlich alle, nämlich im Alltagsleben, sondern ideengeschichtlich. Also: Mich beschäftigt die Frage, was in unserer (westlich-europäischen) Kultur im Lauf der Jahrhunderte unter Liebe verstanden wurde, was alles unter diesen Begriff gefasst wurde &#8211; und was nicht. Dabei lese ich mich natürlich durch [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=1948&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<div id="attachment_1951" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/05/teresa_entzueckt_bearb.jpg"><img class="size-full wp-image-1951 " title="Teresa_entzueckt_bearb" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/05/teresa_entzueckt_bearb.jpg?w=500&#038;h=714" alt="" width="500" height="714" /></a><p class="wp-caption-text">Die Ekstase der Heiligen Teresa (Detail) von Gian Lorenzo Bernini in der Chiesa di Santa Maria Della Vittoria in Rom.</p></div>
</div>
<div class="mceTemp">Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit der Liebe. Nicht so, wie wir wahrscheinlich alle, nämlich im Alltagsleben, sondern ideengeschichtlich. Also: Mich beschäftigt die Frage, was in unserer (westlich-europäischen) Kultur im Lauf der Jahrhunderte unter Liebe verstanden wurde, was alles unter diesen Begriff gefasst wurde &#8211; und was nicht.</div>
<p>Dabei lese ich mich natürlich durch viele Bücher, und eine Sache, mit der ich zunehmend hadere, ist dass meistens versucht wird, die Liebe in verschiedene &#8222;Varianten&#8220; zu unterteilen, die angeblich vollkommen verschieden sind: Mutterliebe, &#8222;Gattenliebe&#8220;, sexuelles Begehren, Liebe zwischen Freunden, platonische Liebe, Gottesliebe.</p>
<p>Natürlich hat es eine gewisse Plausibilität, solche Unterscheidungen zu treffen, aber ganz bin ich nicht überzeugt. Vor allem bin ich nicht davon überzeugt, dass sexuelles Begehren und körperliche Erregung nur auf Liebe zwischen Mann und Frau beschränkt sein soll &#8211; wobei dieses Modell neuerdings auch auf homosexuelle Paare ausgeweitet wird, allerdings vorausgesetzt , dass die sich von heterosexueller Liebe praktisch gar nicht unterscheiden.</p>
<p>Mein liebstes Gegenbeispiel ist diese Skulptur von Gian Lorenzo Bernini. Sie zeigt die spanische Mystikerin und Klostergründerin Teresa de Jesus, auch bekannt als Teresa von Avila, die im 16. Jahrhundert lebte. Die Skulptur (die wiederum Mitte des 17. Jahrhunderts entstanden ist) steht in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom, und jedesmal, wenn ich dort bin, muss ich sie mir anschauen. Ich kann mich nicht dran satt sehen.</p>
<p>Bernini zeigt hier Teresa während einer ihrer Visionen, die sie selbst so beschreibt: &#8222;Unmittelbar  neben mir sah ich einen Engel von vollkommener  körperlicher Gestalt. Der Engel war eher klein als groß, sehr schön,  und sein Antlitz leuchtete in solchem Glanz, dass er zu jenen  Engeln gehören musste, die ganz vom Feuer göttlicher Liebe durchleuchtet  sind; es müssen jene sein, die man Seraphe nennt. In der Hand des Engels  sah ich einen lagnen goldenen Pfeil mit Feuer an der Spitze. Es schien  mir, als stieße er ihn mehrmals in mein Herz, ich fühlte, wie das Eisen  mein Innerstes durchdrang, und als er ihn herauszog, war mir, als nähme  er mein Herz mit, und ich blieb erfüllt von flammender Liebe zu Gott.  Der Schmerz war so stark, dass ich klagend aufschrie. Doch zugleich  empfand ich eine so unendliche Süße, dass ich dem Schmerz ewige Dauer  wünschte. Es war nicht körperlicher, sondern seelischer Schmerz, trotzdem  er bis zu einem gewissen Grade auch auf den Körper gewirkt hat; süßeste  Liebkosung, die der Seele von Gott werden kann.&#8220;</p>
<p>Schon in Teresas Schilderung selbst wird der körperliche Aspekt dieser Liebe ganz klar benannt. (Dass in unserer westlichen Ideengeschichte Liebe fast immer auch mit Schmerz gleichgesetzt wird, ist eine andere Geschichte, die mir auch nicht wirklich behagt, aber das wird vielleicht mal ein eigener Blogpost).</p>
<p>Interessant auch, was Eckart Petrich in seiner Reisebeschreibung über Italien (Band II, aus den 1960er Jahren) dazu schreibt:</p>
<blockquote><p>Bernini kannte, wie die ganze katholische Welt, diesen Bericht, ehe er diese Vision darstellte. Nichts ist darum abwegiger, als in dieser Unio mystica etwas im irdischen Sinne Sinnliches zu sehn oder gar etwas Perverses. Um ihre Vision zu schildern, die eigentlich &#8222;unbeschreiblich&#8220; ist, bedient sich Theresa der Begriffssprache der Liebe. Und Bernini tut auf seine Wese das gleiche. Vor allem die Franzosen haben ihn gründlich misverstanden. Charles des Brosses, Zeitgenosse Voltaires, meint: &#8222;Wenn das die himmlichsche Liebe ist, kenne ich sie auch&#8220;. Stendhal ruft aus: &#8222;Welche Wollust!&#8220; Taine findet, man habe &#8222;niemals einen so zärtlichen und verführerischen Roman gemacht&#8220;. Bitter unrecht hat auch Burckhardt dem Meister getan, als er schrieb &#8222;Hier vergisst man alle Stilfragen über der empörenden Degradation des Übernatürlichen.&#8220; Das Barock war eine solche Hochspannung der religiösen Gefühle gewöhnt, dass es sowohl die erotischen Kommentare der Franzosen wie den protestantischen Protest des Schweizers als Platitüden abgetan hätte.</p></blockquote>
<div class="mceTemp">Ich denke, das sind alles falsche Alternativen, falsche Gegenüberstellungen. Sicher klingt es für unsere Ohren fremd, was Teresa hier schildert. Aber dass sexuelle Erregung (oder zumindest etwas sehr ähnliches) auch außerhalb von den klassischen Settings möglich ist, die wir heutzutage als legitimen Raum dafür anzunehmen gewohnt sind, ist eine Vorstellung, die mir gefällt.</div>
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		<title>Vaterschaft ist mehr als Sex gehabt haben</title>
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		<pubDate>Sun, 01 Aug 2010 07:34:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Mamas und Papas]]></category>
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		<description><![CDATA[Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereitet gerade ein Gesetz vor, wonach es auch bei unverheirateten Eltern automatisch ein gemeinsames Sorgerecht geben soll. Frauen, die Mütter werden, ohne mit einem Mann zusammenzuleben, müssten demnach in Zukunft einen Gerichtsbeschluss erwirken, der ihnen das sozusagen „erlaubt“. Der Verband Alleinerziehender Mütter und Väter lehnt den Vorstoß ab mit der Begründung, dass [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2268&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereitet gerade ein Gesetz vor, wonach es auch bei unverheirateten Eltern automatisch ein gemeinsames Sorgerecht geben soll. Frauen, die Mütter werden, ohne mit einem Mann zusammenzuleben, müssten demnach in Zukunft einen Gerichtsbeschluss erwirken, der ihnen das sozusagen „erlaubt“.<img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/fc7321a1fef44663abec54bec8b269b1" width="1" height="1" alt=""></p>
<p>Der <a href="http://www.vamv.de/" target="_blank">Verband Alleinerziehender Mütter und Väter</a> lehnt den Vorstoß ab mit der Begründung, dass der „Stress für alleinerziehende Mütter und ihre Kinder damit in vielen Fällen vorprogrammiert“ sei. Schließlich genüge schon jetzt eine einfache Erklärung vor dem Jugendamt, damit unverheiratete Eltern das gemeinsame Sorgerecht bekommen, und auch unabhängig davon sei das Umgangsrecht unehelicher Väter sowieso garantiert. Der <a href="http://www.vaeterblog.de/" target="_blank">Väterblog</a> hingegen kritisiert diesen Standpunkt, weil der Verband damit die Interessen der Mütter über die der Väter stelle (und legt den Beitrag dann unter der Rubrik „Dumpfbacken“ ab, was ich eine vollkommen unangemessene Polemik finde).</p>
<p>Vor allem letzteres hat mich nun dazu gebracht, auch einen Blogpost zu dem Thema zu schreiben. Denn die väterrechtliche Entwicklung der Familiengesetzgebung stört mich schon seit langem, und zwar nicht deshalb, weil ich die Mutterschaft biologistisch überhöhen wollte, sondern im Gegenteil: Weil diese Entwicklung aus meiner Sicht eine fatale Biologisierung unserer Vorstellung von Vaterschaft hervorgebracht hat.</p>
<p>Vaterschaft ist keine biologische Angelegenheit, sondern immer eine soziale. Das liegt in der Natur der Sache: Dass in dem Moment, wo ein Kind zur Welt kommt, immer hundertprozentig klar ist, wer die Mutter ist, aber nicht, wer der Vater ist, war einer der Kernkonflikte, der zur Entstehung des Patriarchats geführt hat. Denn die Beziehung von Vätern zu Kindern sind niemals evident, sie müssen per Gesetz garantiert werden. Das ergibt sich ganz einfach aus dem Umstand, dass bei der Geburt immer nur eine Person unusweichlich anwesend ist: die Mutter, aus deren Körper das Kind nämlich herauskommt. Die Anwesenheit jeder anderen Person – des Vaters, der Hebamme, der Freundinnen, der Ärztin – ist soziale Verabredung. Sie ist nicht notwendig für den Vorgang der Geburt als solchen.</p>
<p>Das heißt: Die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind muss nicht über „Rechte“ organisiert werden. Sie ist eine Tatsache, die sich aus dem Fakt der Geburt ergibt (dass diese Beziehung gut oder schlecht sein kann, hat damit nichts zu tun). Die Beziehung jeder anderen Person, auch des Vaters, muss zunächst sozial hergestellt werden.</p>
<p>Und damit ist sie Gegenstand der Politik. Um den Unterschied ganz klar zu machen: Auch die Art und Weise, wie wir Mutterschaft als Gesellschaft inhaltlich füllen, ist natürlich Gegenstand der Politik und der sozialen Verhandlungen. Aber eben nicht die Tatsache, dass es eine Beziehung zwischen Mutter und Kind gibt, als solche. Diese Tatsache ist unhintergehbar.</p>
<p>Im Patriarchat alten Stils, wenn man so will, haben Männer ihre Beziehung zu Kindern so hergestellt, dass sie Herrschaft über die Frauen ausübten. Frauen waren ihren Ehemännern in der Ehe untergeordnet, die Männer konnten den Frauen sagen, was sie zu tun und zu lassen hatten. Und so hatten sie automatisch auch Zugriff auf die Kinder.</p>
<p>Ganz im Gegensatz zu heute war Vaterschaft damals dezidiert <em>nicht</em> biologisch definiert: Jedes Kind, das innerhalb einer Ehe geboren wurde, galt als das Kind des Mannes, der mit der Mutter verheiratet war. Natürlich war Ehebruch für Frauen strengstens verboten. Aber das wurde familienintern geregelt. Dafür gab es zum Ausgleich etwas mütterromantische Lobhudelei: Man pries die Frauen dafür, dass sie angeblich als einzige wirklich toll mit Kindern umgehen können (was natürlich schon immer Quatsch war).</p>
<p>Was aus heutiger Perspektive interessant ist: Auch die Forschung nach der Vaterschaft war damals verboten: Uneheliche Mütter (und natürlich auch ihre Kinder) hatten keinerlei Ansprüche gegen den biologischen Erzeuger. Es war ihnen gesetzlich explizit verboten, ihn zur Verantwortung ziehen, ja, sie sie durften nicht einmal öffentlich sagen, wer der Mann ist, von dem sie schwanger waren, es sei denn, er hätte die Vaterschaft freiwillig anerkannt.</p>
<p>Dieses auf die Institution der Ehe gegründete patriarchale Vaterschaftsrecht ist heute obsolet, weil mit der Gleichberechtigung der Frauen nicht mehr vereinbar. Dank der Emanzipation können Männer Frauen auch in der Ehe nicht mehr vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Allerdings sind wir inzwischen ins gegenteilige Extrem gefallen. Etwas sarkastisch könnte man sagen, dass die Männer genau zu dem Zeitpunkt, an dem ihre gesetzlich garantierten Rechte über die Ehefrauen ins Wanken gerieten, angefangen haben, ihr „Recht“ auf das Kind direkt festzuschreiben.</p>
<p>Was aber ist Vaterschaft? Soll sie sich wirklich einfach daraus ergeben, dass ein Mann irgendwann mal mit der Mutter des Kindes geschlafen hat? Wollen wir, dass die Gene, die Biologie das einzig wahre und alles bestimmende Kriterium für Vaterschaft sind? Und sind „Rechte“ überhaupt ein sinnvoller Weg, um Beziehungen zwischen Eltern und Babies zu regeln?</p>
<p>Ich finde das falsch. Ich bin der Meinung, dass auch lesbische Frauen, Frauen, die in polyamoren Beziehungen leben, Frauen, die alleinerziehend sein wollen, die Möglichkeit haben sollten, Kinder zu bekommen, ohne sich dazu erst vorab vor Gericht die Erlaubnis einholen zu müssen (weil ansonsten der Mann, mit dem sie geschlafen haben, um schwanger zu werden, automatisch das Sorgerecht hat). Das neue Gesetzesvorhaben ist letztlich nichts anderes als die Zelebrierung des heterosexuellen Paares als Kern und Keimzelle der Gesellschaft. Und damit ist sie alles andere als „modern“, sondern sehr altbacken.</p>
<p>Außerdem hat die Biologisierung der Vaterschaft dazu geführt, dass soziale Vaterschaft kaum anerkannt wird. Indem alle „Rechte“ von Vätern an die genetische Verwandtschaft geknüpft sind, werden letzten Endes all diejenigen Väter vernachlässigt, die sich aktiv um Kinder kümmern und eine konkrete Beziehung zu ihnen führen, teilweise über viele Jahre. Aber diese Beziehung ist kaum rechtlich geschützt. Ich plädiere daher dafür, den Schutz von Vaterschaft weniger von der Biologie und mehr von der tatsächlich ausgeübten „Vatertätigkeit“ abhängig zu machen.</p>
<p>(By the way: Gehen die neuen Väterrechte eigentlich mit einer Pflicht einher? Also könnte zum Beispiel eine uneheliche Mutter dem Mann, der gegen ihren Willen das Sorgerecht über ihr Kind bekommen hat, dieses ins Haus bringen und sagen: Ich fahr jetzt drei Wochen weg, kümmer du dich? Wäre der Mann dann dazu verpflichtet, das Kind zu versorgen? Nicht, dass ich glaube, dass das häufig vorkommen würde. Aber rein theoretisch würde es mich mal interessieren.)</p>
<p>Gerade heute, wo Liebesbeziehungen doch mehr oder weniger volatil sind, kommt es immer öfter vor, dass ein Kind mehrere „Väter“ hat. Ich kann nicht einsehen, warum ein Mann, der über viele Jahre in der Rolle des Vaters mit einem Kind und dessen Mutter zusammengelebt hat, der sich aktiv und engagiert um die Erziehung gekümmert hat, praktisch keine rechtlichen „Ansprüche“ auf einen Schutz dieser Beziehung haben soll, während ein rein biologischer Vater, der nie aktiv in der Rolle des Vaters gelebt hat, sie haben soll.</p>
<p>Dieses neue Gesetz scheint übrigens auch gar nicht dem Wunsch der meisten Männer zu entsprechen. „Eine Mehrheit der nichtehelichen Väter (bis zu 80 Prozent) macht schon bei der Zahlung des Unterhalts Sperenzchen“ schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (laut Väterblog). Sicher, es gibt eine Minderheit von nichtehelichen Vätern, die sich gerne um das Kind kümmern würden. In den meisten Fällen dürften aber dann die Mütter auch nichts gegen ein gemeinsames Sorgerecht einzuwenden haben. Soweit ich es mitbekomme, wünschen sich die allermeisten Frauen eine gemeinsame Elternschaft mit einem Mann, auch wenn sie unverheiratet sind.</p>
<p>Und in den wenigen Fällen, in denen das Gesetz zum Tragen käme: Könnte es nicht auch sein, dass Männer auf dem Umweg der Vaterschaft eine Beziehung zur Mutter erzwingen wollen, die sich vielleicht, aus welchen Gründen auch immer, von ihnen trennen will? Und: Wäre es wirklich so gut für das viel beschworene „Kindeswohl“, wenn schon bei seiner Geburt zwei untereinander verstrittene Menschen „Rechte“ über es haben? I don’t think so.</p>
<p>Ich würde eher sagen: Männer sollten einmal darüber nachdenken, was genau sie sich eigentlich unter Vaterschaft vorstellen und was ihnen daran wichtig ist. Ist es die verantwortliche Sorge um Kinder, um die nächste Generation, das Weitergeben von Idealen und Werten? Oder ist es bloß die Sicherung des eigenen Genpools? Oder ist es am Ende sogar nur das prinzipielle Bestehen darauf, „Rechte“ zu haben? Das fände ich dann schon etwas dürftig.</p>
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		<title>Eindrücke aus dem skandinavischen Frauenparadies</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jul 2010 13:32:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Fürsorgearbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterdifferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellung]]></category>
		<category><![CDATA[Mamas und Papas]]></category>
		<category><![CDATA[Weite Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Norwegen]]></category>
		<category><![CDATA[Oslo]]></category>
		<category><![CDATA[Skandinavien]]></category>

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		<description><![CDATA[Vorige Woche war ich ein paar Tage in Oslo. Keine Recherchereise, sondern Freundinnenbesuch, aber in Zeiten wie diesen ist es ja, wie ich schon mal geschrieben habe, Bürger_innenpflicht, die eigenen Eindrücke von der Welt mit anderen zu teilen. Und Norwegen ist für ein feministisches Blog natürlich besonders interessant, weil es eines dieser skandinavischen Länder ist, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&amp;blog=6476496&amp;post=2253&amp;subd=antjeschrupp&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align:center;">
<div id="attachment_2258" class="wp-caption aligncenter" style="width: 510px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/07/bikini1.jpg"><img class="size-full wp-image-2258" title="Bikini" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2010/07/bikini1.jpg?w=500&#038;h=368" alt="" width="500" height="368" /></a><p class="wp-caption-text">Osloer Geschäfte präsentieren Schaufensterpuppen in normalem Körperformat. Diese dürren Gerippe, die man normalerweise so kennt, gab es dort aber auch.</p></div>
<p>Vorige Woche war ich ein paar Tage in Oslo. Keine Recherchereise, sondern Freundinnenbesuch, aber in Zeiten wie diesen ist es ja, wie ich schon mal geschrieben habe, <a href="http://antjeschrupp.com/2010/01/15/bloggen-als-burger_innenpflicht/" target="_blank">Bürger_innenpflicht</a>, die eigenen Eindrücke von der Welt mit anderen zu teilen.<img src="http://vg05.met.vgwort.de/na/ff8e6f4e31c649a8a57cf2351e705cef" width="1" height="1" alt=""></p>
<p>Und Norwegen ist für ein feministisches Blog natürlich besonders interessant, weil es eines dieser skandinavischen Länder ist, die in Sachen Gleichberechtigung immer besonders gute Noten bekommen. Deshalb war ich auch neugierig, das mal mit eigenen Augen zu sehen. Wie sind die Verhältnisse in einem Land, wo konservative Minister eine 40-Prozent-Frauenquote für Aufsichtsräte durchsetzen? Wo es schon früh eine Ministerpräsidentin gab? Hier einige Dinge, die mir aufgefallen sind, ergänzt um einige Infos, die ich dazu gelesen habe.</p>
<p>Das erste, was mir merkwürdig vorkam, war die Abwesenheit weiblicher Personenbezeichnungen. Meine Freundin, eine Deutsche, die seit drei Jahren in Oslo lebt, erzählte mir gleich mal, dass sie in dem Kindergarten, wo sie jetzt arbeitet, nicht mehr „Assistent“ ist, sondern „pädagogischer Leiter“. Ähemm, dachte ich, wieso redet sie so komisch, aber bald stellte sich heraus, dass das in Norwegen so üblich ist. Man benutzt nur die männliche Form.</p>
<p>Allerdings scheint das eine Eigentümlichkeit des Norwegischen schlechthin zu sein, da man auch für Dinge weibliche und männliche Formen bedeutungsgleich verwenden kann. Es ist zum Beispiel möglich, „die Straße“ oder „der Straße“ zu sagen, bloß „das Straße“ wäre falsch. Das heißt, es gibt entweder eine geschlechtliche oder eine neutrale Form, und es ist letztlich egal, ob die geschlechtliche Form weiblich oder männlich ist. Wobei offenbar die weibliche Form irgendwie „altmodischer“ klingt. Das sagte man früher so, oder das sagen die Leute aus dem Land. Aber in der kosmopolitisch-modernen Großstadt heißt es „der“ oder „das“, das „die“ wurde mehr oder weniger abgeschafft.</p>
<p>Das bestätigte sich auch am nächsten Tag, als wir die Nationalgalerie besuchten, und da auf einigen Gemälden aus dem 19. Jahrhundert „Malerinnen“ abgebildet waren, so das norwegische Wort, das eins-zu-eins offenbar so ähnlich wie „der Malerin“ übersetzt werden müsste. Eine leibhaftige Malerin, die mit uns dort war, bestand aber darauf, dass sie niemals so genannt werden wollte, das würden nur die Leute vom Land noch sagen, sie sei „Maleren“, also „der Maler“.</p>
<p>Hm, dachte die feministische Linguistin in mir, muss ich noch mal drüber nachdenken. Immerhin war es zu Beginn der Debatte in den 1980er Jahren auch in Deutschland unter Feministinnen umstritten, ob das Dilemma der männlichen Sprache (also die Tatsache, dass die männliche Form im Plural für beide Geschlechter gilt, die weibliche aber nur für reine Frauengruppen) dadurch gelöst werden soll, dass die weibliche Form stark gemacht wird oder ob man die besser ganz abgeschaffen sollte, um die Unterscheidung aus der Welt zu schaffen. In der DDR ging man bekanntlich den zweiten Weg, und es gibt auch durchaus Gründe dafür. Unterm Strich bin ich aber immer noch dafür, die Existenz des Weiblichen auch in der Sprache auszudrücken. Wobei das Deutsche an diesem Punkt mit dem Norwegischen nicht wirklich vergleichbar ist, weil die Unterscheidung weiblich/männlich im Artikel hier eben wichtig ist, also man kann nicht einfach „der Straße“ oder „die Kühlschrank“ sagen und behaupten, das wäre korrektes Deutsch.</p>
<p>Natürlich habe ich auch gleich danach Ausschau gehalten, ob sich diese sprachliche Irrelevanz des Weiblichen und Männlichen irgendwie im Alltagsleben bemerkbar macht, also ob es Zeichen für eine Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit gibt. Das war nicht der Fall. Mir ist kein Mensch begegnet, bei dem oder der nicht auf den ersten Blick klar gewesen wäre, ob es ein Mann oder eine Frau ist (Die Malerin, die darauf bestand, „ein Maler“ zu sein, trug Zöpfchen und Rock, zum Beispiel).</p>
<p>Besser als in Deutschland scheint allerdings die Verteilung der Erziehungsarbeit auf Männer und Frauen zu klappen. „Hier streiten sich Eltern sogar vor Gericht darüber, wer Erziehungsurlaub nehmen darf“, informierte mich meine Freundin. Kein Bedarf offenbar für große propagandistische Anstrengungen in dieser Hinsicht. In der Tat hatte ich den Eindruck, dass nahezu alle Kinder, die mir auf der Straße begegneten, in der Begleitung von Männern unterwegs waren. In einem 2007 erschienenen Reiseführer („Gebrauchsanweisung für Norwegen“ von Ebba D. Drolshagen) las ich: „Die Elternzeit für Mütter beträgt acht Monate bei voller Lohnfortzahlung, ein ganzes Jahr bei etwa 80 Prozent, Väter können sechs Wochen „Papa-Urlaub“ nehmen, was knapp drei von vier Vätern tun.“ Meine Freundin meinte, das Gesetz sei inzwischen dahingehend geändert worden, dass Väter oder Mütter die Elternzeit gleichermaßen nehmen können, aber genau wusste sie es nicht (anyone? Dann bitte im Kommentar posten).</p>
<p>Der Anteil von Vätern, die eine Erziehungsauszeit von der Erwerbsarbeit nehmen, ist also eklatant höher als in Deutschland, und das, obwohl die Gesetzgebung die Mütter bevorzugt (oder zumindest bis vor kurzem bevorzugt hat). Ohnehin scheint mir diese Debatte in Norwegen weniger von männerrechtlichen oder väterrechtlichen Tendenzen beeinflusst zu sein als hierzulande, wo es ja leider oft auf eine Konkurrenz der Eltern um Rechte über das Kind hinausläuft. Auch die Begleitmusik, die in Deutschland oft den Einfluss der Mütter schmälern möchte – etwa mit Diskussionen darüber, dass zu viele Frauen im Umfeld Kindern schaden, dass Mütter zuviel glucken oder sonst alles mögliche falsch machen, sodass Männer in der Erziehung irgendwie korrigierend eingreifen müssen – scheint in Norwegen nicht so laut zu spielen. Ich vermute, es ist dort eher gelungen, die stärkere Einbeziehung von Männern in die Betreuung und Erziehung kleiner Kinder zu fördern, ohne dass das latent zu Lasten der Frauen geht oder gar eine antifeministische Schlagseite bekommt.</p>
<p>Ein ganz wichtiger Faktor dabei ist natürlich die individuelle soziale Absicherung. Soweit ich es verstanden habe, sind alle Erwachsenen materiell eigenständig versorgt. Das heißt, aus einer Ehe oder gemeinsamer Elternschaft folgt nicht, dass einzelne Erwachsene für andere Erwachsene finanziell einstehen müssen. Erstens einmal gibt es kaum Arbeitslosigkeit, sondern eher einen Arbeitskräftemangel, was auch der Grund dafür ist, dass der Staat schon immer größere Anstrengungen als in Deutschland unternommen hat, um auch Frauen, die Kinder haben, die Teilnahme am Erwerbsarbeitsleben zu ermöglichen. Und wenn doch mal jemand arbeitslos wird, dann springt der Staat ein und es wird nicht der Ex-Partner/die Ex-Partnerin herangezogen. Das nimmt natürlich viel Konfliktstoff heraus, denn die meisten väter- und männerrechtlichen Argumente in Deutschland speisen sich ja aus der Klage über Unterhaltsverpflichtungen, die die betreffenden Männer als ungerecht empfinden und nicht leisten wollen.</p>
<p>Ein anderer Faktor könnte auch sein, dass es in Norwegen noch Spuren matrilinearer Traditionen gibt. Es ist jedenfalls nicht, wie in Deutschland, allein die väterliche Linie, die den Status eines Menschen prägt. Zum Beispiel sind die Norweger_innen große Fans von Trachten, die sie (schreibt jedenfalls Dolshagen) gerne bei festlichen Gelegenheiten tragen. Und man darf immer nur die Tracht tragen, die aus der Gegend kommt, aus der die Mutter stammt. Außerdem wird sprachlich genau zwischen Großeltern mütterlicherseits und väterlicherseits unterschieden, das heißt, es gibt zwei Worte für „Oma“, je nachdem, ob es sich um die mütterliche oder die väterliche Linie handelt.</p>
<p>Ebba Drolshagen schreibt auch, dass jedes zweite Kind unehelich geboren wird, dass jede zweite Ehe geschieden wird, dass bei Eheschließungen die Frauen fast immer ihren Geburtsnamen behalten und dass auch die Kinder normalerweise den Nachnamen der Mutter tragen (<a href="http://antjeschrupp.com/2010/05/11/im-namen-des-mannes/" target="_blank">anders als hier</a>). Sie können jedoch – wenn ein entsprechender Antrag gestellt wird – den Nachnamen des Vaters bekommen. Das alles sind Zeichen dafür, dass „ordentliches“ Kinderkriegen in Norwegen nicht so eng wie in deutscher Tradition an das Vorhandensein einer heterosexuellen Partnerschaft geknüpft wird. Mir gefällt das gut. Woran das liegt, habe ich nicht rausfinden können. Eine Erklärung, die gerne romantischerweise angeführt wird, waren die alten Wikinger, bei denen die Männer auf Schiffen unterwegs waren und die Frauen zuhause ohnehin alleine den Laden schmissen. Aber das liegt ja nun doch schon ein paar Jährchen zurück.</p>
<p>Wenig verwunderlich ist jedenfalls, dass auch das Gender-Pay-Gap in Norwegen viel geringer ausfällt als in Deutschland: Hier verdienen Frauen im Schnitt nicht 24 Prozent, sondern nur 10 Prozent weniger als Männer. Allerdings heißt das auch: Ein gewisser Unterschied besteht immer noch. 10 Prozent sind zwar im internationalen Vergleich wenig, aber trotzdem nicht nichts. So ganz gelöst ist das Problem der Unvereinbarkeit von kapitalistischer Erwerbsarbeit und der Notwendigkeit von Haus- und Fürsorgearbeit also auch in Norwegen noch nicht.</p>
<p>Dass es wenige antifeministische Einwände gegen eine gleichberechtigte und selbstbewusste Gegenwart von Frauen in der Öffentlichkeit, im Erwerbsleben, in der Politik gibt, liegt ganz sicher auch daran, dass soziale Gleichheit in Norwegen ein positiver Wert an sich ist – und nicht als herablassende Wohltätigkeit der Reichen gegenüber den Armen angesehen wird, wie es in Deutschland der Fall ist und sich momentan sogar wieder verstärkt. Natürlich ist Norwegen ein reiches Land, die Erdölvorkommen polstern den Staatshaushalt, und es muss nicht gespart werden, sondern man kann verteilen.</p>
<p>Aber das ist ja erst seit den 1960er Jahren so, vorher war Norwegen arm, und die positive kulturelle Einstellung zu sozialer Gleichheit ist schon älter als der Geldregen aus dem Erdöl. Manche führen sie auf die pietistische Religiosität zurück, in der es als „ungehörig“ galt, mehr haben zu wollen als andere oder gar sich selbst auf Kosten anderer zu bereichern. Sogar die Königsfamilie muss hier das Kunststück bewerkstelligen, zwar einerseits „königlich“ zu wirken, andererseits aber „ganz normal“ zu bleiben. Wer herausragt, wer mehr hat als andere, muss sich dafür rechtfertigen und wird nicht auch noch dafür gefeiert. Es liegt auf der Hand, dass eine solche Kultur mehr soziale und materielle Gleichheit – auch zwischen den Geschlechtern – hervorbringt.</p>
<p>Unglaublich (aus deutscher Sicht), aber ganz entscheidend wichtig ist dabei auch die Tatsache, dass man in Norwegen die Steuererklärungen aller Leute im Internet nachlesen kann. Transparenz in Punkto Einkommen ist natürlich ein ganz zentraler Faktor, um überhaupt zu wissen, was vor sich geht. So manche Frau würde vielleicht auch in Deutschland viel selbstbewusster in Gehaltsverhandlungen gehen, wenn sie sich vorher im Internet darüber informieren könnte, wie viel denn ihr Kollege genau bekommt.</p>
<p>Doch so gravierend all diese Unterschiede auch sind, so wenig prägend erlebte ich das im ganz normalen Alltag. Auch in Norwegen traf ich Männer, die, sobald die Diskussion etwas politisch wurde, in jenen besserwisserischen und belehrenden Tonfall schalteten, der mich auch hier in Deutschland so oft nervt. Und auch die „Beziehungskisten“-Probleme scheinen, soweit ich Einblick erhalten habe, nicht wesentlich anders zu verlaufen, als wir das hier gewohnt sind. Kultur ist eben mehr als Sozialstaat.</p>
<p>Das alles ist freilich nur ein Sammelsurium von Dingen, die mir in dieser kurzen Reise begegnet sind und durch den Kopf gingen, keine letztgültige feministische Analyse der norwegischen Geschlechterverhältnisse. Aber der Blick von außen ist doch immer eine Quelle für Inspirationen, allein schon deshalb, weil er die Perspektiven weitet.</p>
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