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	<title>Aus Liebe zur Freiheit</title>
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	<description>Notizen zur Arbeit der sexuellen Differenz</description>
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		<title>Parteienpolitikverdrossenheit. I dislike.</title>
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		<pubDate>Fri, 17 May 2013 08:07:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Tage kam wieder mal eine Forsa-Studie heraus, die die „Politikverdrossenheit“ in Deutschland beklagt. 30 Prozent der Wahlberechtigten wissen noch nicht, ob sie im September wählen gehen oder wen sie &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/05/17/parteienpolitikverdrossenheit-i-dislike/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7051&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7054" class="wp-caption alignnone" style="width: 434px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/fotolia_33002593_xs.jpg"><img class="size-full wp-image-7054" alt="© contrastwerkstatt - Fotolia.com" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/fotolia_33002593_xs.jpg?w=547"   /></a><p class="wp-caption-text">© contrastwerkstatt &#8211; Fotolia.com</p></div>
<p>Die Tage kam wieder mal eine Forsa-Studie heraus, die die „Politikverdrossenheit“ in Deutschland beklagt. 30 Prozent der Wahlberechtigten wissen noch nicht, ob sie im September wählen gehen oder wen sie dann wählen.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/d966220a37f04564a5b2c9521ad8845f" width="1" height="1" /></p>
<p>Ich bin eine davon. Ich weiß einfach nicht, wen ich wählen soll. Ich bin mit keiner der antretenden Parteien genug einverstanden, um ihr meine Stimme zu geben. Denn für eine Partei zu stimmen bedeutet ja, zu sagen: Du sollst, wenn du die Mehrheit bekommst, in meinem Namen regieren.</p>
<p>Keine Politikerin stellt sich nach einem Wahlsieg vor die Kamera und sagt: „Vielen Dank, liebe Leute, die Ihr uns gewählt habt. Wir wissen, wie schwer euch die Entscheidung gefallen ist, und wir freuen uns aufrichtig, dass Ihr uns wenigstens für das kleinere Übel haltet.“</p>
<p>Wenn meine Stimme so interpretiert würde, könnte es ja noch angehen. Aber so ist es nicht. Die Politiker_innen stellen sich hin und sagen: Seht ihr, soundsoviel Leute haben uns ihr Vertrauen gegeben, wir haben den Wählerauftrag, was wir tun ist toll!</p>
<p>Und deshalb kann ich keiner der zur Wahl stehenden Parteien meine Stimme geben, weil ich jetzt schon weiß, dass sie sie fehlinterpretieren und zur Selbstlegitimation missbrauchen würden.</p>
<p>Mein Nichtwählen hat aber natürlich überhaupt nichts mit Politikverdrossenheit zu tun, und auch nichts mit Politikmüdigkeit, sondern es ist im Gegenteil die Folge davon, dass ich politisch denke. Dass ich die Sache mit dem Wählen und dem „Wählerauftrag“, den ich da vergeben soll, offenbar ernster nehme als ich es in den Augen derer, die mich zur Wahlbeteiligung auffordern, sollte.</p>
<p>Ich will mein Nichtwählen gar nicht mit dem alten Anarchospruch „Wenn Wahlen etwas verändern würden, dann wären sie verboten“ verbrämen. Natürlich ist da was dran, Parlamentswahlen sind von ihrem Wesen her systemkonform. Aber so what. Ich mache den lieben langen Tag so viele systemkonforme Dinge, dass es auf so ein bisschen Wählen auch nicht ankommt. Einmal in fünf Jahren irgendwo meine Stimme abzugeben, hindert mich ja nicht daran, an den restlichen Tagen auf die Revolution hinzuarbeiten.</p>
<p>Außerdem stimmt es ja ganz einfach nicht, dass Wahlen nichts verändern. Natürlich ändern sie was. Natürlich ist es ein Unterschied, ob die AfD in den Bundestag kommt oder nicht, ob Merkel demnächst weiter mit der FDP regiert oder ob es zu einer großen Koalition kommt, und so weiter. Natürlich haben Wahlergebnisse Einfluss auf die realen Geschehnisse in der Welt, auf Gesetze, auf Stellenbesetzungen, auf Ausschüsse und so weiter. Deshalb finde ich es wirklich blöd, dass ich all das mit meinem Nichtwählen gar nicht beeinflussen kann.</p>
<p>Und deshalb habe ich einen Vorschlag <em>(update: Die Idee stammt ursprünglich von Benni Bärmann, aber da das damals nicht verbloggt wurde, hatte ich es inzwischen wieder vergessen)</em>, wie wir das Wahlverfahren so ändern können, dass auch Nichtwählenkönnende wie ich die Möglichkeit haben, sich daran zu beteiligen.</p>
<p>Ich habe nämlich durchaus eine Meinung, die sich per Abstimmungsverfahren ausdrücken ließe. Denn ich kann zwar keiner der vorhandenen Parteien meine Stimme geben, aus den oben genannten Gründen, aber dennoch sind mir nicht alle Parteien gleich unlieb. Ich habe durchaus Präferenzen in dem Sinn, dass ich manche Parteien deutlich schlimmer finde als andere.</p>
<p>Ich wäre also durchaus bereit, meinen politischen Willen in Form einer „Minusstimme“ auszudrücken. Also zu sagen: Von den vorhandenen Parteien will ich von der Partei X am allerwenigsten vertreten werden. Ich könnte mir denken, dass es anderen auch so geht, und ich würde wetten, dass die Möglichkeit, eine Minusstimme zu vergeben, mehr Menschen an die Wahlurnen brächte. Somit würden die Wahlergebnisse auch ein umfassenderes Bild vom „politischen Willen des Volkes“ abbilden, als sie es jetzt tun.</p>
<p>Jede_r Wahlberechtigte dürfte dabei nur eine Stimme haben, man müsste sich also entscheiden, ob man die Plus- oder die Minusstimme vergeben möchte. Aber es ist ja durchaus interessant zu erfahren, welche Parteien von einer Vielzahl von Menschen nicht nur gleichgültig betrachtet, sondern regelrecht abgelehnt werden.</p>
<p>Mein Vorschlag ist nicht nur ein pragmatischer, sondern durchaus auch ein inhaltlicher. Denn damit ein Politiker oder eine Politikerin legitimiert ist, „im Namen des Volkes“ zu sprechen, reicht es aus meiner Sicht eigentlich nicht aus, dass er oder sie 51 Prozent der Menschen hinter sich versammelt. Ich finde, es ist auch wichtig, dass die anderen 49 Prozent sie oder ihn nicht gerade hassen, sondern immerhin halbwegs akzeptieren und damit leben können.</p>
<p>Mit Minusstimmen hätten wir vermutlich weniger Probleme mit rechtsextremen Parteien. Vielleicht auch weniger Probleme mit Populisten. Wie wäre die Wahl wohl für Berlusconi ausgegangen, wenn es in Italien Minusstimmen gäbe? Oder für Bush in den USA? Für Orbán in Ungarn? Ich denke wirklich, dass es gut wäre, wenn in einem Wahlergebnis nicht nur abgebildet würde, wer Zustimmung aus der Bevölkerung bekommt, sondern auch, wer in hohem Maße abgelehnt wird.</p>
<p>Ein gewisses Problem wäre es höchstens, dass es mit Minusstimmen neue, kleine Parteien vielleicht schwerer hätten, im Parteienspektrum Fuß zu fassen, weil sie leicht Opfer von Anti-Propaganda werden könnten. Aber ich denke, dafür ließe sich bestimmt eine Lösung finden. Man könnte zum Beispiel die Fünf-Prozent-Hürde senken oder eventuell auch ganz abschaffen.</p>
<p>Was haltet Ihr von der Idee? Hab ich was Wichtiges übersehen?</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/7051/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/7051/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7051&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>„Alle haben jetzt Jungen“. Geschlechtsselektion und weibliche Freiheit</title>
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		<pubDate>Mon, 13 May 2013 08:43:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Abtreibung]]></category>
		<category><![CDATA[Bevölkerungspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Demografie]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechtsselektion]]></category>
		<category><![CDATA[Präimplantationsdiagnostik]]></category>

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		<description><![CDATA[(Tl;dr) Vorgeburtliche Geschlechtsselektion ist längst eine Tatsache. In Asien wählen die Eltern Jungen, in den USA wählen sie Mädchen. Beides ist fatal für das gesellschaftliche Zusammenleben. Was jetzt zu tun &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/05/13/alle-haben-jetzt-jungen-geschlechtsselektion-und-weibliche-freiheit/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7028&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<h4>(Tl;dr) Vorgeburtliche Geschlechtsselektion ist längst eine Tatsache. In Asien wählen die Eltern Jungen, in den USA wählen sie Mädchen. Beides ist fatal für das gesellschaftliche Zusammenleben. Was jetzt zu tun wäre.</h4>
<p><span style="color:#ffffff;">.</span></p>
<div id="attachment_7031" class="wp-caption alignleft" style="width: 251px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/hvistendahl.jpg"><img class=" wp-image-7031 " alt="Mara Hvistendahl: Das Veschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv, München 2013, 424 Seiten, 24,90 Euro." src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/hvistendahl.jpg?w=241&#038;h=376" width="241" height="376" /></a><p class="wp-caption-text">Mara Hvistendahl: Das Veschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv, München 2013, 424 Seiten, 24,90 Euro.</p></div>
<p>Die Verbreitung von Reproduktionstechnologien (Ultraschall, Abtreibung unerwünschter Föten, künstliche Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik) hat in vielen Teilen der Welt zu einem massiven Ungleichgewicht zwischen Geburten von Mädchen und Geburten von Jungen geführt. Vor allem in drei Regionen ist die vorgeburtliche Geschlechterselektion stark verbreitet: China und die südlich angrenzenden Länder, vor allem Vietnam, Indien und Pakistan, sowie Westasien (Armenien, Aserbaidschan, Georgien).<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/4afdecab2f8d49349c4b3b7956950d4d" width="1" height="1" /></p>
<p>Ohne medizintechnische Manipulation beträgt das Verhältnis der Geschlechter bei Geburten ungefähr 100 Mädchen zu 105 Jungen. In manchen Regionen der Welt werden aber inzwischen bis zu 170 oder sogar noch mehr Jungen pro 100 Mädchen geboren.</p>
<p>Die Wissenschaftsjournalistin Mara Hvistendahl hat diese Entwicklung im Detail untersucht. Ihr (manchmal etwas reißerisch geschriebenes, aber lesenswertes) Buch ist vor allem deshalb interessant, weil sie auf zahlreiche Vorurteile und Fehlschlüsse hinweist, die in der Debatte über dieses ja schon länger bekannte Phänomen auftauchen. Und weil ihr Maßstab, anhand dessen sie die Entwicklungen bewertet, nicht bevölkerungspolitische Kriterien sind, sondern die Frage, was das für die Freiheit der Frauen bedeutet.</p>
<h4>Geschlechterselektion ist ein Import aus dem Westen</h4>
<p>Das erste Vorurteil, das Hvistendahl entlarvt, ist die Behauptung, es würde sich dabei um althergebrachte vormoderne Geschlechterordnungen handeln, die bei zunehmender Modernisierung und Säkularisierung von selbst verschwinden. Im Gegenteil ist die Geschlechtsselektion eine Begleiterscheinung der Modernisierung und ein Import westlicher Machbarkeitsphilosophien.</p>
<p>Es sind vor allem die modernen, an westlichem Lebensstil orientierten Mittel- und Oberschichtsfamilien, die Geschlechtsselektion betreiben, und keineswegs die „einfachen Leute“.  Zwar stimmt es, dass viele Kulturen traditionsgemäß dem männlichen „Stammhalter“ einer Familie großen Wert beimessen, aber solange Paare vier, fünf oder sechs Kinder haben, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin mindestens ein Junge dabei. Es gibt keinen Grund für vorgeburtliche Geschlechtselektion. Der Wunsch nach gezielter Abtreibung weiblicher Föten entsteht erst dann, wenn die Zahl der Kinder auf eins oder zwei pro Familie beschränkt werden soll oder muss.</p>
<h4>Ältere Brüder gibt es nicht mehr – nur noch kleine Prinzen</h4>
<p>Dass Geschlechtselektion nicht generell Jungen bevorzugt, sondern die Geburt eines „Statthalters“ sicherstellen soll, zeigt sich daran, dass sie  nicht bei allen Geburten gleichermaßen angewendet wird. Das erste Kind wird meist noch auf üblichem Weg gezeugt. Ist es ein Junge, folgen keine weiteren Kinder, ist es ein Mädchen, wird weiterprobiert und mit zunehmender Kinderzahl umso radikaler selektiert. Entsprechend ist das Geschlechterverhältnis bei Erstgeburten nur leicht zugunsten von Jungen verschoben, doch das Ungleichgewicht steigt von Mal zu Mal an: Bei Dritt- oder Viertgeburten gibt es fast keine Mädchen mehr.</p>
<p>Das aber hat Auswirkungen auf die Familienkonstellationen, nämlich: Ältere Brüder gibt es praktisch nicht mehr. Jungen wachsen entweder als Einzelkinder auf oder haben ältere Schwestern – sie sind also die Prinzen, um die die anderen sich kümmern. Fast alle Mädchen hingegen haben jüngere Brüder, die – im Gegensatz zu ihnen – sehnlichst erwartet wurden. Es ist nicht schwer, sich die negativen Auswirkungen solcher „Default-Konstellationen“ auf die Entwicklung von Geschlechterrollen vorzustellen.</p>
<h4>Der Westen wollte Geburten senken &#8211; um jeden Preis</h4>
<p>Das Horrorszenario einer Überbevölkerung der Welt wird im Westen seit den 1960er Jahren diskutiert. Von hier aus ging die Idee um die Welt, dass die Zahl der Geburten um jeden Preis gesenkt werden müsse – und zwar nicht nur mit Hilfe sozialpolitischer Maßnahmen wie Bildungschancen für Frauen oder familienunabhängige Altersvorsorge, sondern mit jedem nur denkbaren Mittel.</p>
<p>Seither wird fieberhaft an medizintechnologischen „Lösungen“ geforscht. Abtreibung galt in den 1960ern in den USA (und dort auch unter Rechten) noch als probates Mittel, zumal wenn es um die Bevölkerung der „Dritten Welt“ ging. Nachdem in den 1970er Jahren in Indien eine Kampagne zur Zwangssterilisierung von Männern erheblich zum Untergang der Regierung von Indira Gandhi beitrug, konzentrierte sich das auf weibliche Körper: Frauen zur Abtreibung zu zwingen schien ein gangbarerer Weg zu sein, als Männer ihrer „Potenz“ zu berauben.</p>
<p>Gleichzeitig wurde – ebenfalls vom Westen aus – die Ultraschaltechnologie in alle Welt verbreitet. Dass beides zusammen zu einer Geschlechterselektion führen würde, also zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten, war natürlich abzusehen und wurde damals auch offen diskutiert. Viele (westliche) Bevölkerungsexperten erhofften sich davon ganz ungeniert (es war noch die Zeit vor der Frauenbewegung) einen positiven Nebenaspekt: Je weniger Frauen, desto weniger Geburten, ist doch toll! Dass eine solche Entwicklung auch soziale und kulturelle Auswirkungen hätte, hatten sie nicht im Blick und es interessierte sie auch nicht.</p>
<p>Bald schon waren in Ländern wie Korea oder China mobile Abtreibungskliniken unterwegs, die aus westlichen Geldern finanziert wurden. Fötusuntersuchungen mit sofortiger Abtreibung bei unerwünschtem, weil weiblichem Geschlecht wurde eine gängige Praxis. Diese Abtreibungen fanden oft erst im zweiten oder sogar letzten Drittel der Schwangerschaft statt, denn je später, umso sicherer kann per Ultraschall das Geschlecht bestimmt werden.</p>
<h4>Dass Frauen als Mangelware ihren „Wert“ steigern, ist Bullshit</h4>
<p>Eine besonders dämliche Theorie ist die aus dem ökonomistischen Kurzschlussdenken stammende Vorstellung, der Rückgang von Frauen würde deren Wert steigern und damit ihre gesellschaftliche Stellung anheben. Das stimmt allerhöchstens für eine sehr kleine Gruppe von Frauen, nämlich für Frauen aus gehobenen sozialen Schichten, die einen Mann heiraten und Kinder haben möchten. Sie können jetzt in der Tat aus einem größeren „Angebot“ an Kandidaten wählen. Für Lesben hingegen oder für Frauen, die aus anderen Gründen nicht den Weg der „Ehefrau und Mutter“ gehen möchten, ist die Entwicklung fatal, denn der soziale Druck auf sie, einen rollenkonformen Lebensweg zu gehen, wird immer stärker.</p>
<p>Ebenso teuer kommt ihr „Wert“ Frauen aus ärmeren Schichten oder Ländern zu stehen. Sie haben es schwer, ihre eigenen Wünsche durchzusetzen, wenn sie durch eine Heirat mit einem zahlwilligen Kandidaten ihrer Familie zu materieller Besserstellung verhelfen können. Die Heiratsvermittlung ist inzwischen ein riesiger Markt und führt zu großen sozialen Verwerfungen. Zu Beispiel dazu, dass fast alle Frauen bei Heirat weit weg von ihrer Herkunftsfamilie ziehen: Vietnamesinnen gehen nach China, aber auch innerhalb der riesigen Länder ziehen Frauen aus ärmeren Regionen in reichere Regionen um.</p>
<p>Dabei ist nur selten offener Zwang im Spiel, denn die meisten Frauen heiraten „freiwillig“, weil sie den realen Vorteil für ihre Familie wichtiger finden als die Verfolgung eigener Lebenspläne. Aber was bedeutet es für den gesellschaftlichen Einfluss von Frauen, wenn die Männer „Einheimische“ sind, die meisten Frauen aber „Zugewandert“ ohne soziales Netz und eigene Beziehungen?</p>
<p>Ebenfalls schlecht ergeht es Männern, die über keine Finanzmittel verfügen. Da die traditionell üblichen „Brautpreise“ inzwischen explodiert sind, haben sie praktisch keine Chance, jemals zu heiraten. Entsprechend boomt die Prostitution. Frauen haben es aber – da es ihnen ja an gut betuchten Heiratskandidaten nicht mangelt – eigentlich nicht mehr nötig, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Deshalb sind Bordelle oft nur noch mit Zwang zu bestücken: In manchen Gegenden können junge Frauen nicht mehr allein aus dem Haus gehen, weil sie ständig in Gefahr sind, verschleppt und zur Prostitution gezwungen zu werden.</p>
<h4>Auch linke und feministische NGOs verdrängen das Problem</h4>
<p>Was kann man gegen diese Entwicklung tun? Hvistendahl kritisiert auch linke und feministische NGOs, die sich des Themas nur zögerlich annehmen, weil sie eigentlich selbstbestimmte Reproduktion, also Abtreibung, befürworten. Denn es ist ja nicht so, dass die schwangeren Frauen mit dem Messer auf der Brust zum Abtreiben weiblicher Föten gezwungen würden. Sie selbst sind es, die sich einen Sohn wünschen. Bei den Familien, die Geschlechtsselektion betreiben, ist auch kaum ein Unrechtsbewusstsein da, da sie ja meist bereits ein, zwei Töchter haben – subjektiv stellt sich die gezielte Produktion eines Jungen für sie so dar, als würden sie lediglich ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herstellen.</p>
<p>Der zögerliche Umgang der linken und feministischen NGOs mit diesem Thema rächt sich inzwischen, denn seit einiger Zeit nutzen die rechten Anti-Abtreibungs-Organisationen das Thema Geschlechterselektion, um Abtreibung generell abzuschaffen. Das ist umso fataler, als derzeit das Pendel in einigen Ländern wieder umschlägt, wie etwa in Südkorea. Dort war zu Zeiten der Anti-Geburten-Propaganda Abtreibung gang und gäbe und staatlich geduldet, offiziell jedoch blieb sie immer verboten. Inzwischen ist in Südkorea die Geburtenrate so sehr gesunken, dass eine starke Veralterung der Gesellschaft droht – und seither wird das Abtreibungsverbot wieder strikt kontrolliert, natürlich aber nicht nur bei geschlechtsselektiver Abtreibung, sondern generell.</p>
<h4>Im Westen hätten Eltern lieber Mädchen</h4>
<p>Auch im Westen verbreitet sich die Geschlechtsselektion immer mehr, allerdings nicht in Form von Abtreibungen unerwünschter Föten sondern durch Präimplantationsdiagnostik. Per künstlicher Befruchtung werden dabei im Labor Embryonen hergestellt (In-Vitro-Fertilisation) und dann auf unerwünschte Eigenschaften selektiert – zum Beispiel eben das Geschlecht. Es werden dann nur diejenigen Embryonen in die Gebärmutter einsetzt, die die erwünschten Merkmale aufweisen.</p>
<p>In Europa ist die Präimplantationsdiagnostik bislang offiziell nur erlaubt, um schwere Krankheiten auszuschließen, in den USA hingegen ist diese Art der Geschlechterselektion inzwischen gang und gäbe und wird von Kliniken offen beworben. Es gibt sogar schon Paare, die durchaus per Geschlechtsverkehr ein Kind zeugen könnten, aber dennoch die In-Vitro-Fertilisation bevorzugen, weil sie so das gewünschte Geschlecht sicherstellen können.</p>
<p>Allerdings liegen in den USA die Präferenzen genau andersrum: Hier wünschen sich 80 Prozent der Paare lieber Mädchen als Jungen. Doch das ist keineswegs ein Zeichen für grassierenden Feminismus. Als Grund für die Bevorzugung von Mädchen wird nämlich genannt, dass man sie so hübsch anziehen kann, dass sie fleißig und unproblematisch sind. Was aber, wenn das Mädchen trotzdem lieber im Schlamm spielt und keine Lust hat zum Lernen? War dann die ganze Investition umsonst?</p>
<h4>Geschlechtsselektion ist Realität – let’s deal with it</h4>
<p>Momentan ist diese Entwicklung in den USA noch in den Anfängen, da die künstliche Befruchtung bislang sehr teuer ist. Aber wie jede Technologie wird auch diese mit der Zeit billiger werden. Und auch wenn in Europa die Warnung, mithilfe von Präimplantationsdiagnostik würden „Designerbabies“ hergestellt, noch entrüstet zurückgewiesen wird, so ist doch klar, dass man sich auf Dauer dem Druck der Ökonomie nicht entziehen wird. Wenn mit Geschlechtsselektion Geld verdient werden kann, dann werden das auch europäische Kliniken im Zuge ihrer „Wettbewerbsfähigkeit“ in ihr Angebot aufnehmen.</p>
<p>Ich glaube kaum, dass diese Entwicklung sich aufhalten lässt. Aber vielleicht lässt sie sich weniger leidvoll gestalten, wenn wir der Realität ins Auge sehen und uns die Dinge nicht schönreden.</p>
<p>Als Maßstab zur Beurteilung von Positionen und Maßnahmen in diesem Bereich scheint mir Folgendes wichtig zu sein: das Bewusstsein, dass technologische Maßnahmen und Entwicklungen niemals losgelöst von gesellschaftlichen Prozessen beurteilt werden können. Sie haben immer soziale und kulturelle Begleitumstände und Auswirkungen haben, die mitgedacht werden müssen.</p>
<p>Unsere Aufgabe wäre es also, durch politische Debatten solche sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Tatsache der allgemein verbreiteten Geschlechterselektion nicht die negativen Auswirkungen auf das gute Leben aller hat, wie sie derzeit zu beobachten und zu befürchten sind. Gleichzeitig sollte es aus meiner Sicht auch Verbote und Gegenkampagnen geben, nicht weil ich glaube, dass die die Geschlechtsselektion langfristig verhindern können, sondern um ihre Ausbreitung zu verlangsamen, damit wir mehr Zeit haben, die dafür notwendigen Kulturpraktiken zu entwickeln.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/7028/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/7028/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7028&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Yoko Ono im Museum, Händel im Kino, das postironische Zeitalter und die Re:publica&#8230;</title>
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		<pubDate>Fri, 10 May 2013 21:49:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8230; was haben die alle gemeinsam? Benni Bärmann und ich reden darüber, und zwar in der neuen Episode unseres Podcasts, die wir heute morgen aufgenommen haben. Listen here<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7026&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>&#8230; was haben die alle gemeinsam? Benni Bärmann und ich reden darüber, und zwar in der neuen Episode unseres Podcasts, die wir heute morgen aufgenommen haben.</p>
<p><a href="http://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-9/" target="_blank">Listen here</a></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/7026/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/7026/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7026&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">katharinalll</media:title>
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		<title>Menschen, Maschinen und Arbeit</title>
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		<pubDate>Thu, 09 May 2013 12:08:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit und Geld]]></category>
		<category><![CDATA[Algorithmen]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Johannes Kleske]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Versprechen vom Ende der Arbeit ist extrem populär. Auch bei der Republica, dem Blogger_innentreffen in Berlin, gab es einen Vortrag dazu, von Johannes Kleske, und er war total überfüllt. &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/05/09/menschen-maschinen-und-arbeit/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7003&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_7007" class="wp-caption alignnone" style="width: 489px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/fotolia_50377000_xs1.jpg"><img class=" wp-image-7007" alt="Robot in an Easter Egg" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/fotolia_50377000_xs1.jpg?w=479&#038;h=286" width="479" height="286" /></a><p class="wp-caption-text">© kirstypargeter &#8211; Fotolia.com</p></div>
<p>Das Versprechen vom Ende der Arbeit ist extrem populär. Auch bei der <a href="http://www.re-publica.de/" target="_blank">Republica</a>, dem Blogger_innentreffen in Berlin, gab es einen Vortrag dazu, von <a href="http://www.johanneskleske.com/" target="_blank">Johannes Kleske</a>, und er war total überfüllt. „Wenn Maschinen uns ersetzen“ lautete der Untertitel.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/dd890df4dd6045dcbcb51581fa948d53" width="1" height="1" /> <a href="http://www.spiegel.de/video/re-publica-13-johannes-kleske-spricht-ueber-das-ende-der-arbeit-video-1270573.html" target="_blank">Hier kann man die Videoaufzeichnung sehen.</a></p>
<p>Ich bin dort hingegangen, weil das Thema mich interessiert und ich unentschieden bin. Denn einerseits arbeite ich selbst ja nie, <a href="http://antjeschrupp.com/2011/03/31/andere-arbeiten-immer-ich-arbeite-nie/">wie ich hier schonmal schrieb</a>, andererseits verbindet sich aus meiner Sicht mit der Idee vom „Ende der Arbeit“ auch viel Illusorisches, <a href="http://antjeschrupp.com/2013/03/13/zwei-argumente-die-furs-grundeinkommen-nicht-taugen/">wie ich wiederum hier schrieb</a>.</p>
<p>In seinem Vortrag zeigte Johannes Kleske, dass inzwischen nicht mehr nur schwere körperliche Arbeit von Maschinen ersetzt wird, sondern auch viel Arbeit in hochqualifiziert-bildungsbürgerlichen Berufen: in der Medizin, im Rechtswesen, im Finanzwesen können Algorithmen vieles schneller erledigen als Menschen von Hand. Der Trend zur Entwertung menschlicher Arbeit betrifft also längst nicht mehr nur die wenig qualifizierten Tätigkeiten, sondern auch alle anderen.</p>
<p>Wie viele sieht auch Kleske den hauptsächlichen Beleg für die These vom „Ende der Arbeit“ vor allem in einer zunehmenden Arbeitslosigkeit. Doch das ist ein Denkfehler: Zunehmende Arbeitslosigkeit beweist nämlich keineswegs, dass keine Arbeit da ist, sondern nur, dass sie nicht profitträchtig genug ist, um für ihre Erledigung zu sorgen: Schultoiletten verdrecken, Pflegebedürftige werden im Minutentakt abgefertigt, Sachen werden nicht repariert, und so weiter. Dass Arbeit da ist, bedeutet halt nicht automatisch, dass sie auch getan wird.</p>
<p>Kleskes Botschaft war allerdings nicht: Toll, wir erfinden lauter Maschinen und dann müssen wir nichts mehr arbeiten und können den ganzen Tag Spaß haben. Sondern seine Botschaft war: Toll, wir erfinden lauter Maschinen und dann überlegen wir, was Maschinen gut können und was Menschen gut können. Sein Plädoyer ging also in Richtung bestmögliche Kooperation aus beidem – was ich durchaus unterschreiben würde.</p>
<p>Die Frage ist aber, was der Maßstab dafür ist, ob die Kooperation zwischen Mensch und Maschine gut funktioniert, und in welchem symbolischen Rahmen wir uns diese Kooperation vorstellen. Kleske griff dabei auf das alte Idealbild der griechischen Antike zurück: So wie die freien Bürger Athens den lieben langen Tag über die Agora flanierten und sich dem freien Philosophieren und Politisieren hingaben, so würden auch wir bald unbehelligt von Alltagsarbeiten uns den schönen und wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen – nur dass die lebensnotwendigen Arbeiten nicht mehr von Sklavinnen und Sklaven erledigt würden, sondern von Maschinen.</p>
<p>Meiner Ansicht nach ist aber das Problem am patriarchal-athenischen Modell nicht (nur), dass dabei Menschen ausgebeutet wurden, sondern dass dahinter eine fragwürdige Hierarchisierung der Welt in Oben und Unten, in Wertvoll und Wertlos, in Wichtig und Unwichtig stand, die dann immer weiter ausgeufert ist, etwa in Dichotomien wie geistig/körperlich, Kultur/Natur, männlich/weiblich etc. Und aus der Science Fiction wissen wir ja bereit, dass sich das auf die Hierarchie von Mensch/Maschine ausweiten lässt und wir es wahrscheinlich irgendwann auch mit Emanzipationsforderungen von  Robotern zu tun kriegen. Dass bestimmte Arbeiten und Tätigkeiten als minderwertig und andere als höherwertig gelten (und welche), liegt ganz und gar nicht „in der Natur der Sache“, sondern ist immer das Ergebnis eines kulturellen Entwicklungs- und Aushandlungsprozesses.</p>
<p>Die dualistische Zweiteilung der Welt führt unser Denken generell auf falsche Gleise. Sie wird nicht dadurch besser, dass jetzt Roboter an die Stelle der Sklavinnen und Sklaven treten. Denn diese Zweiteilung deformiert auch diejenigen, die „oben“ stehen.</p>
<p>Ein anderes Paradigma, das aus meiner Sicht hinterfragt werden müsste, das Kleske aber kritiklos übernahm, war der Maßstab der Effizienz: Maschinen können effizienter Statistiken auswerten, Menschen können effizienter außerhalb des „Rahmens“ denken und kreativ sein. Die Frage, wie zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Maschineneinsatz unterschieden werden könnte, beantwortete er mit dem Vorschlag, die „wirklich menschlichen“ Arbeiten von solchen Arbeiten zu unterscheiden, die Maschinen besser erledigen können.</p>
<p>Das ist eine gute Idee, aber was heißt „besser“? Das Problem ist doch, dass Qualität in Bezug auf Arbeit fast immer mit Effizienz gleichgesetzt wird. Dorothee Markert <a href="http://dorotheemarkert.wordpress.com/2010/04/17/rationalisierung/" target="_blank">hat einmal schön geschildert</a>, wie ihr Streben nach Effizienz die Qualität ihrer Gartenarbeit beschädigt hat. „Nichts auf der Welt kann den Verlust der Freude an der Arbeit wettmachen“ hat Simone Weil schon vor achtzig Jahren gesagt und damit die Gewerkschaften kritisiert, die ihre Forderungen allein auf Effizienzsteigerung, also mehr Lohn und weniger Arbeitszeit, fokussiert haben.</p>
<p>Wenn Effizienz auf Kosten der Freude an der Arbeit geht,  befördert sie nicht das gute Leben, sondern behindert es. Das ist genau der alte athenische Dualismus, wonach man die Arbeit „weg kriegen“ muss, damit man Zeit für das „Eigentliche“ hat, aber das ist eine falsche Gegenüberstellung.</p>
<p>Dasselbe gilt für die Qualität. Ein Pflegeroboter mag einen alten Menschen zwar hygienisch „sauberer“ kriegen als ein Mensch, aber eine besondere Qualität der menschlichen Pflege, nämlich gleichzeitig eine Beziehungsdimension zu haben, geht dabei verloren. Ein professionelles Catering bringt zwar vielleicht ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis zustande, aber eine gemeinsame Mahlzeit von Selbstgekochtem hat eben eine zusätzlich Qualität, weil nicht das Sattwerden, sondern die Beziehung der Beteiligten im Zentrum steht.</p>
<p>Damit will ich nicht sagen, dass überall da, wo menschliche Beziehungen im Spiel sind, keine Maschinen eingesetzt werden sollen. Manchmal kann der Einsatz von Maschinen Beziehungen fördern und stützen und zum guten Leben für alle beitragen, manchmal kann er sie aber auch beschädigen und zerstören. Die Pflege von alten Menschen zum Beispiel ist ohne jegliche technische Unterstützung sehr anstrengend und mühsam. Das kann zur Überforderung führen und sich negativ auf die Beziehung zwischen Pflegerin und Pflegebedürftiger auswirken. Wenn aber im Gegenteil fast die gesamte Pflegearbeit von Maschinen oder rein professionellen Kräften erledigt wird, kann sich das ebenfalls negativ auf die Beziehungen auswirken, wenn zum Beispiel Kinder und Enkel die Großmutter sonntags im Altenheim besucht und mühsamen Smalltalk gemacht wird, man sich aber eigentlich nicht viel zu sagen hat, weil es keinen geteilten Alltag gibt.</p>
<p>Ein anderes Problem, das sich vor allem durch den Einsatz von Algorithmen stellt, ist die Unterordnung des Einzelfalls unter die statistische Wahrscheinlichkeit. Gerade in der Medizin ist das ein Problem, wenn etwa nicht mehr der Arzt oder die Ärztin über die Behandlung entscheidet, sondern „der Computer“. Gerade habe ich von einem Fall gehört, in dem eine Patientin wiederholt mit einem Medikament behandelt wurde, auf das sie allergisch reagiert. Obwohl ihre Angehörigen die Ärzte immer wieder darauf hingewiesen haben, wurde es immer wieder eingesetzt, denn „im Allgemeinen wird auf dieses Medikament sehr gut reagiert“, wurde ihnen mitgeteilt.</p>
<p>Algorithmen berücksichtigen Einzel- und Sonderfälle nicht, im wirklichen Leben hat man es aber konkret mit überhaupt nichts anderem zu tun als mit Sonder- und Einzelfällen. Und es liegt eben im Wesen von Sonder- und Einzelfällen, dass es völlig uneffizient ist, ihnen Aufmerksamkeit und Zeit zu widmen.</p>
<p>Das alles ist natürlich nicht die Schuld der Maschinen und der Algorithmen selber, sondern eine Folge davon, dass wir sie im Rahmen einer falschen symbolischen Ordnung zum Einsatz bringen. Die männliche westliche Ideengeschichte ist von zwei Grundfehlern geprägt, die sich hier auswirken: Die Abwertung von Beziehungen im Vergleich zu formalen Verhältnissen und Hierarchien, und die Abwertung der Kontingenz (also des Zufälligen, des Einzelfalls) im Vergleich zu verallgemeinerbaren und universalen Gesetzmäßigkeiten.</p>
<p>Wenn diese Art zu denken zusammenkommt mit dem Potenzial von Maschinen und Algorithmen, dann hat es genau die negativen Auswirkungen, die wir überall beobachten können: Die Maschinen und Algorithmen werden aus reinen Effizienzgründen eingesetzt ohne Rücksicht darauf, wie sich das auf die Beziehungen unter Menschen auswirken, und ihr Einsatz führt dann dazu, dass die Einzel- und Sonderfälle, eben die Kontingenz, noch mehr unter die Räder kommt als sowieso schon.</p>
<p>Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, warum so viele Frauen – und vor allem feministische Frauen, die die männliche symbolische Ordnung kritisch reflektieren – eine tendenziell technikkritische Haltung einnehmen.</p>
<p>Ich finde, dies ist ein Punkt, an dem wir weiter denken sollten. Ein erster Vorschlag wäre, als Sinnbild für freies Tätigsein nicht die von den realen und materiellen Notwendigkeiten des Lebens entfremdeten Männer auf der athenischen Agora zu nehmen, sondern Männer und Frauen, die sich bei ihrem Arbeiten oder Tätigsein an den Notwendigkeiten der Welt orientieren und ihre dabei gemachten Alltagserfahrungen politisch und philosophisch reflektieren. Die sich von Maschinen unterstützen lassen, allerdings nicht unter dem Leitbild der Effizienz und des Möglichst-wenig-arbeiten-Müssens, sondern unter dem Leitbild des guten Lebens für alle Menschen und gelingender Beziehungen untereinander.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/7003/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/7003/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=7003&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Vollkommen schamlos</title>
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		<pubDate>Fri, 03 May 2013 09:43:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Nacktheit]]></category>
		<category><![CDATA[Paradies]]></category>
		<category><![CDATA[Schamlosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Sufitanz]]></category>

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		<description><![CDATA[Achtung, dieser Blogpost enthält Spuren von Frömmigkeit. Nachdem mir ja das Kirchentagsprogramm keine große Hilfe im Auffinden interessanter Veranstaltungen war, benutzte ich gestern Abend einfach die Funktion „In der Nähe“ &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/05/03/vollkommen-schamlos/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6994&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/sufi.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-6995" alt="sufi" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/sufi.jpg?w=300&#038;h=300" width="300" height="300" /></a></p>
<p><em>Achtung, dieser Blogpost enthält Spuren von Frömmigkeit.</em></p>
<p><em></em>Nachdem mir ja das Kirchentagsprogramm <a title="Nichts gegen Geschlechtergerechtigkeit, aber wo bleibt der Feminismus?" href="http://antjeschrupp.com/2013/05/01/nichts-gegen-geschlechtergerechtigkeit-aber-wo-bleibt-der-feminismus/">keine große Hilfe im Auffinden interessanter Veranstaltungen war</a>, benutzte ich gestern Abend einfach die Funktion „In der Nähe“ der Kirchentags-App und besuchte die einzige Veranstaltung in der Gegend meines Hotels: „Drehtanz aus der Sufi-Tradition zum Mitmachen“ in der Apostelkirche in Eimsbüttel.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/db8cdd00fdc34f10adce30a1968f9efd" width="1" height="1" /></p>
<p>Und was soll ich sagen? Es war eine gute Wahl (bzw. eben keine Wahl meinerseits, sondern göttliche Fügung, haha. Kein Scherz).</p>
<p>Sufi ist ja eine muslimische Variante der Mystik, also eine Praxis, wie man unmittelbare Verbindung zu Gott bekommen kann („unmittelbar“ heißt, ohne Vermittlung etwa über eine Heilige Schrift oder einen Priester etc.). In diesem Fall besteht diese Praxis darin, sich dauernd im Kreis zu drehen, und zwar immer in dieselbe Richtung, zu einer meditativen Musik.</p>
<p>In der Apostelkirche waren eine Art „Sufi-Band“ und einige professionelle Sufi-Tänzerinnen und Tänzer, die genaue Einführung habe ich nicht mitbekommen, weil ich zu spät kam, aber sie hat auch nicht lange gedauert, das meiste war tatsächlich das Tanzen. Oder sich im Kreis drehen. Dazu gab es keine Anleitung oder so, es ging einfach die Musik los und dann haben die Leute aus dem Publikum angefangen zu tanzen, je nachdem wie sie Lust hatten. Natürlich nicht alle, aber doch viele, im Übrigen auch viele Männer. Einige schienen auch schon Erfahrung darin zu haben, anscheinend gibt es in Deutschland Kurse für Sufitanz. Erkennbar waren die „Profis“ daran, dass sie Spezialschuhe trugen, Spezial-Sufi-Schuhe, eine Art Mischung aus Ballerinas und Stiefeletten.</p>
<p>Wie auch immer, ich selbst tanzte nicht mit, sondern saß nur da und schaute mir das an, allerdings zweieinhalb Stunden lang praktisch bewegungslos, wodurch ich auch ein bisschen in Trance geriet. Ein paar der Mantras habe ich mitgesungen. Allah u Allah.</p>
<p>Und irgendwann merkte ich, dass ich richtiggehend glücklich war, genau an diesem Ort zu sein. Vor meinen Augen hatte ich all die Klischees, die über die evangelische Kirche so kursieren, die Männer-Softies in unmodischen Cordhosen und Blazern über Rollkragenpullis, die dicken Frauen in den wallenden Leinenkleidern, die hageren Betschwestern und so weiter, ja, sie alle waren da, und nicht nur das, sie tanzten da auch noch nach irgendwelchen orientalischen Klängen albern im Kreis herum. Sie wären ein gefundenes Fressen gewesen für jeden taz- oder Titanicreporter.</p>
<p>Aber diesen Menschen war das völlig egal. Sie kannten keine Scham. Sie bewegten ihre alten und jungen, weiblichen und männlichen, sehr sehr dicken und sehr sehr dünnen, eleganten und plumpen, beweglichen und steifen Körper durch diese Kirche, mit albernen Gesichtern und komischen Verrenkungen, manche schnell und souverän, andere im Schneckentempo, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, darüber zu lachen. Es war einfach keinerlei Coolness im Raum. Und selbst die wenigen, die sich möglicherweise ein wenig eitel darin gefielen, das Sufitanzen schon besonders gut zu beherrschen, störten das Gesamtgeschehen nicht. Wenn überhaupt, dann waren eher sie es, die ein bisschen lächerlich wirkten, aber nicht mal das. Gestern Abend, an diesem Ort, brauchte sich niemand wegen irgendetwas zu schämen, nichtmal wegen eventueller Eitelkeit. Ich saß zweieinhalb Stunden auf meinem Hintern, hörte die Musik, sah den Menschen zu, und war glücklich.</p>
<p>„Und sie kannten keine Scham“ wird über Eva und Adam im Paradies gesagt. Und ich glaube, das ist wirklich etwas, das paradiesische Zustände beschreibt: ein Ort, wo niemand sich schämt, wo alle so sind, wie sie sind, ohne beurteilt zu werden. Ein Ort, wo man sicher sein kann, dass jemand zu Hilfe kommt, wenn man hinfällt (und es sind gestern Abend einige hingeknallt, die vermutlich ihre Fähigkeit überschätzt hatten, sich ohne schwindlig zu werden dauernd in dieselbe Richtung zu drehen), und zwar ohne dass die Frage der Schuld überhaupt nur von Ferne im Raum steht. Ein Ort, wo die Körperlichkeit des Menschen zentral wichtig ist und geschützt wird, ohne dass damit irgendwelche Normierungen und Erwartungen und Ideale in irgendeiner Weise verbunden sind.</p>
<p>Einen Ort, an dem wir wirklich „nackt“ sein können, so nackt, wie sich die Menschen bei diesem Sufitanzen gemacht haben, obwohl sie natürlich Kleider am Leib hatten. Also ehrlich, ich glaube, ich war gestern Abend kurz <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/paradies-statt-kreuzigung/" target="_blank">im Paradies</a>.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6994/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6994/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6994&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Für Fortgeschrittene: Gutes Leben im hohen Alter</title>
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		<pubDate>Fri, 03 May 2013 08:15:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Jung und Alt]]></category>
		<category><![CDATA[Alter]]></category>
		<category><![CDATA[DEKT]]></category>
		<category><![CDATA[Demografischer Wandel]]></category>
		<category><![CDATA[Hochaltrigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchentag]]></category>
		<category><![CDATA[Ursula Lehr]]></category>

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		<description><![CDATA[Der demografische Wandel ist ja eines meiner Spezialthemen, weshalb ich gestern beim Kirchentag die Gelegenheit wahrnahm, Ursula Lehr zu hören, frühere Frauen- und Gesundheitsministerin, und eine der führenden Alternswissenschaftlerinnen Deutschlands. &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/05/03/fur-fortgeschrittene-gutes-leben-im-hohen-alter/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6983&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_6984" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/altenteil.jpg"><img class="size-medium wp-image-6984" alt="Fotografiert beim Kirchentag." src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/altenteil.jpg?w=300&#038;h=300" width="300" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Fotografiert beim Kirchentag.</p></div>
<p>Der demografische Wandel ist ja <a href="http://www.antjeschrupp.de/methusalems-muetter" target="_blank">eines meiner Spezialthemen</a>, weshalb ich gestern beim Kirchentag die Gelegenheit wahrnahm, Ursula Lehr zu hören, frühere Frauen- und Gesundheitsministerin, und eine der führenden Alternswissenschaftlerinnen Deutschlands.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/45a830a76d2d4cefa04a52b34f65604a" width="1" height="1" /></p>
<p>Man achte dabei auf das kleine „n“ – es geht ihr nicht um die Wissenschaft vom Alter, also um die Untersuchung eines bestimmten Lebensabschnitts (der irgendwann später mal auf uns zukommt und vorerst nur andere betrifft) sondern um das Altern, also um jenen Prozess, den wir im Moment unserer Geburt begonnen haben und erst im Moment unseres Todes beenden.</p>
<p>Bei diesem Vortrag ging es um die Frage, wie dieser Prozess im hohen Alter abläuft, also wenn man über achtzig oder über neunzig ist, und worauf es dabei ankommt, um gutes Leben zu haben. Erstmal bestand der aus vielen Zahlen, ich hoffe, ich habe alles richtig mitgeschrieben, denn Ursula Lehr hat uns in ziemlichem Tempo durch die Folien gejagt…</p>
<p>Also: Die Lebenserwartung steigt weiter an (pro Jahr um drei Monate, in den vergangenen 130 Jahren hat sie sich in Deutschland glatt verdoppelt), und was dabei zunimmt, ist der Anteil der gesunden Jahre. Sozialwissenschaftlich heißt das „Komprimierung der Morbidität“, also banal: Ganz am Ende ihres Lebens sind viele Menschen sehr krank, aber meistens quetscht sich das auf die letzten zwei Jahre zusammen, egal ob diese letzten zwei Jahre im Alter von achtzig, neunzig oder über hundert stattfinden. Aber natürlich leben manche auch mit Krankheiten eine lange Zeit, und im Idealfall „kommen alle Krankheiten, wenn wir bereits tot sind“. Aber durchschnittlich verlängert sich durch die Lebenserwartung nicht die „schlimme Phase“ kurz vorm Sterben, sondern die noch „gute Phase“ davor.</p>
<p>Die Zahl der Hochaltrigen steigt dabei rapide. Zurzeit leben mindestens 12655 über Hundertjährige in Deutschland – so viele beziehen aus dieser Altersgruppe jedenfalls Rente. Im Jahr 2050 leben (wenn die Entwicklung so weiter läuft wie bisher) 2 Millionen über 90-Jährige in Deutschland, und zwar bei einer Gesamtbevölkerung von dann nur noch 70 Millionen. Nicht selten leben heute schon drei Generationen von Rentner_innen in einer Familie: Lehr erzählte, dass sie kürzlich beim Geburtstag einer 102-Jährigen war, mit deren 80 Jahre altem Sohn und ihrer der 58 Jahre alten Enkelin.</p>
<p>Ein Vorurteil ist die Verknüpfung von Hochaltrigkeit und Pflegebedürftigkeit: Erstens gibt es auch junge Menschen, die pflegebedürftig sind, und zweitens sind es die allermeisten Hochbetagten nicht: Von den 80-85-Jährigen sind 81 Prozent zu einer eigenständigen Lebensführung in der Lage, von den 85-90-Jährigen kommen 65 Prozent allein zurecht, und bei den über 90-Jährigen sind es immerhin noch 41 Prozent. Wobei in dieser Altersgruppe ein Drittel dement ist, was noch mal gesondert betrachtet gehört.</p>
<p>Das Zahlenverhältnis zwischen Hochaltrigen und Jüngeren ändert sich rapide, allerdings hat es das auch schon in der Vergangenheit: Kamen 1890 auf eine 75-Jährige oder Ältere noch 79 Jüngere, so waren das bereits 1950 nur noch 35, 2010 waren es noch 10, und 2050 werden es noch 4 sein. In anderen Worten: Ein Fünftel der Bevölkerung ist dann 75 und älter.</p>
<p>Ansteigen wird damit auch die Zahl der Einpersonenhaushalte, wobei das Alleinleben im Alter (derzeit) vor allem Frauensache ist: Unter den 75-Jährigen und älteren lebt einer von vier Männern, aber zwei von drei Frauen allein.</p>
<p>Ein wichtiger Punkt ist natürlich Gesundheit, die muss, wie Lehr sagt, „erkämpft werden“. Das bedeutet, sich gezielt um die Bereiche zu kümmern, die noch gesund sind, auch zum Beispiel im Pflegeheim (und nicht nur die zu „behandeln“, die krank sind“). Prävention, Sozialkontakte, körperliche Aktivität, gesunde Ernährung sind hier die Stichpunkte. Mich erinnerte das an Ina Praetorius Rede von den „Gesundheiten“ im Plural. Bisher definieren wir Gesundheit im Singular, während es viele Krankheiten gibt. Es gibt aber auch viele Gesundheiten, und die brauchen ebenso Aufmerksamkeit.</p>
<p>Laut Lehr gibt es eine Wechselwirkung zwischen körperlichem Wohlbefinden und Aktivität: Also nicht nur dass wer gesund ist, auch weiter aktiv sein kann, sondern das Aktivsein bewirkt oft auch bessere Gesundheit. Dabei sei es wichtig, dreierlei zu tun: Etwas für sich selbst, etwas für andere (also für konkrete andere Menschen) und etwas für die Gesellschaft (ich würde es „Politik“ nennen“). Klar ist: Alle Menschen brauchen eine Aufgabe im Leben, wer nichts zu tun hat, was ihr oder ihm sinnvoll erscheint, gibt sich auf, und für hochaltrige Menschen ist das besonders fatal.</p>
<p>Memo für uns Jüngeren: Auf keinen Fall den alten Menschen Aufgaben abnehmen, die sie selbst erledigen können. Das ist ein feiner Grat, der da kunstfertig zu erkunden ist – hochaltrige Menschen (bzw. alle bedürftigen Menschen letztlich, also alle Menschen, aber bei den Hochaltrigen fällt es ins Auge) brauchen die Sicherheit, dass ihre Bedürfnisse verlässlich und in guter Qualität versorgt werden, gleichzeitig ist es wichtig, dass sie selbst die Verantwortung für ihr Leben behalten und alles das selbst tun, was sie tun können (und eben noch Sachen für andere tun und sich politisch engagieren). (PS: Dieser Absatz war jetzt von mir und nicht von Lehr)</p>
<p>Konkret fordert Lehr, dass alle Altersgrenzen nach oben zu hinterfragen sind. Hochaltrige Menschen seien untereinander so unterschiedlich wie keine andere Altersgruppe, deshalb sei es unsinnig, Beschränkungen anhand des kalendarischen Alters zu machen (wie ab 80 keine Kredite mehr, ab 90 keine künstlichen Hüftgelenke etc.)</p>
<p>Ein anderer Vorschlag: Wir haben unsere Gesellschaft bisher sehr um die jüngeren &#8220;Lebensphasen&#8221; organisiert, feiern Geburten, Erwachsenwerden, Volljährigkeit, Schulabschluss, Hochzeit, Geburten von Kindern. Das alles betrifft das erste Lebensdrittel. Das einzige, was in den weiteren zwei Dritteln noch gefeiert wird, ist Rente und Tod. Alles zwischen 60 und 100 gilt als &#8220;Alter&#8221;, das ist angesichts der heutigen Lebensverläufe viel zu grob.</p>
<p>Die negativen Begleitumstände des hohen Alters können natürlich nicht weggeleugnet werden: Viele Freund_innen sterben, die Umwelt begegnet einer mit Skepsis, Krankheiten kommen. Umso wichtiger sei es, „an die Zukunft zu denken“.</p>
<p>Ein Tipp von Lehr ist, sich nicht mental auf das zu konzentrieren, was nicht mehr geht, sondern die „Kunst zum Auskosten der noch gegebenen Möglichkeiten“ zu pflegen. Auch neue Erfahrungen sollte man anstreben, wobei die aber nur was nützen, wenn sie nicht einfach nur additiv angefügt werden (Nach dem Motto: Ich muss noch mal nach China), sondern wenn sie in den bisherigen Lebensverlauf integriert werden.</p>
<p>Soweit meine Notitzen.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6983/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6983/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6983&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Nichts gegen Geschlechtergerechtigkeit, aber wo bleibt der Feminismus?</title>
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		<pubDate>Wed, 01 May 2013 14:41:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[DEKT]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechtergerechtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Kirchentag]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich sitze im Zug nach Hamburg zum Kirchentag und vertreibe mir die Zeit damit, das Programm durchzusehen. Dafür gibt es diesmal auch eine App, was praktisch ist, da man nach &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/05/01/nichts-gegen-geschlechtergerechtigkeit-aber-wo-bleibt-der-feminismus/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6972&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_6973" class="wp-caption alignnone" style="width: 557px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/foto.jpg"><img class="size-large wp-image-6973" alt="Hamburg planen: Bin unterwegs zum Kirchentag. " src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/05/foto.jpg?w=547&#038;h=408" width="547" height="408" /></a><p class="wp-caption-text">Hamburg planen: Bin unterwegs</p></div>
<p>Ich sitze im Zug nach Hamburg zum Kirchentag und vertreibe mir die Zeit damit, das Programm durchzusehen. Dafür gibt es diesmal auch eine App, was praktisch ist, da man nach Stichworten suchen kann.</p>
<p>Einfallslos, wie ich bin, beginne ich mit „feminis…“ und finde gerade mal drei Einträge: Ein Podium zum Thema „Mahlzeit“, eines zum Thema „Was ist gerecht in Sachen Geschlecht?“ und ein Workshop zum „Feminismus junger Frauen“. Das soll alles gewesen sein?</p>
<p>Ich versuche es noch einmal mit „weiblich“ und bekomme wieder drei Treffer, immerhin andere. Einer davon ist mein eigener Workshop zum Thema „Beziehungen unter Frauen“, dann gibt es noch ein Podium mit dem grauenvollen Titel „Weiblich, revolutionär, jung. Frauen verändern die Gesellschaft“ sowie ein Bibliodrama über Tamar.</p>
<p>Hm, ein bisschen mau für eine Großveranstaltung dieses Formats mit 1900 Mitwirkenden (davon, habs grob gezählt, ungefähr 700 Frauen, also 37 Prozent). Ich vermute mal sehr, dass es auch noch andere Veranstaltungen mit feministischem Anspruch gibt. Aber leider sind sie für mich nicht auffindbar.</p>
<p>Bei früheren Kirchentagen war das klarer. Da gab es jeweils eine feministisch-theologische Basisfakultät in der Messe und ein Frauenzentrum an einem anderen Ort in der Stadt, und an beiden Anlaufstellen konnte die feministisch anspruchsvolle Besucherin sicher sein, durchgängig ein entsprechendes Angebot zu finden.</p>
<p>Das Frauenzentrum gibt es diesmal nicht, es wurde durch ein „Zentrum Geschlechtergerechtigkeit“ ersetzt. Nicht, dass ich prinzipiell etwas gegen Geschlechtergerechtigkeit hätte, aber wenn sie Feminismus verdrängt, werde ich furiant. Ein genauer Blick auf das Programm bestätigt meine Vorbehalte. In diesem Zentrum scheint man pingeligen Wert darauf gelegt zu haben, dass es genauso viel um Männer wie um Frauen geht (was, Frauen haben die höchst erfolgreiche Veranstaltungsform „Frauenmahle“ erfunden? Ach, da brauchen wir nun aber auch ein Männermahl, sonst wäre es doch ungerecht!“).</p>
<p>Viele Veranstaltungen drehen sich um die Frage, was Geschlecht überhaupt sei, wie Geschlechter zueinander stünden und so weiter. Nicht, dass das total uninteressant wäre (ich selbst bin dort morgen früh auf einem Podium zum Thema „Wie wird Geschlecht geprägt?“), das kann man schon machen. Aber es ist eben etwas komplett anderes als feministische Theologie oder feministische Gesellschaftsanalyse.</p>
<p>Mich interessiert nicht das Verhältnis von Frauen und Männern und anderen Geschlechtern, sondern mich interessieren Ansätze, die von der weiblichen Freiheit ausgehend eine Veränderung der traditionell männlich dominierten und von patriarchalen Strukturen verseuchten Verhältnisse anstreben. Feminismus ist für mich kein „Thema“, sondern eine Grundhaltung bei der Bearbeitung aller nur denkbaren Themen.</p>
<p>Zum Beispiel also so was, wie im ersten oben erwähnten Treffer: die Auseinandersetzung mit dem Thema Essen/Abendmahl. Die findet statt in der feministisch-theologischen Basisfakultät auf der Messe, die diesmal aber leider nur einen Tag dauert. Nun ist das Thema Essen/Abendmahl zweifellos wichtig, aber was, wenn ich mich ausgerechnet dafür zufällig gar nicht interessiere? Oder wenn ich am Freitag und Samstag auch noch was besuchen möchte?</p>
<p>Dann bliebe mir nur übrig, mich auf gut Glück in irgendeine Veranstaltung zu begeben, die mir vom Thema her zusagt. Das ist aber für mich keine Option. Denn es gibt im Bereich der Christenheit bekanntlich eine große Vielfalt an Strömungen und Bewegungen, und darunter auch sehr sehr sehr viele, die die Erkenntnisse der feministischen Theologie vollkommen ignorieren.</p>
<p>Als großer Fan von Pluralität habe ich damit im Prinzip auch kein Problem. Ich will aber diesen Leuten und ihren Veranstaltungen aus dem Weg gehen können. Ich will nicht zufällig irgendwo hineingeraten, wo Gott permanent als „Herr“ bezeichnet wird oder man sich über die Bibel in gerechter Sprache lustig macht. Ich will sicher sein, dass Veranstaltungen, die ich besuche, ein Mindestmaß an feministischem Niveau haben. Und Label wie „feministisch“ oder „findet im Frauenzentrum“ statt, hatten bisher diese Funktion.</p>
<p>Wie gesagt, ich bin realistisch genug, zu akzeptieren, dass andere Christinnen und Christen andere Ansichten und Überzeugungen in punkto weibliche Freiheit haben als ich. Doch diesen geschwisterlichen Gleichmut bringe ich nur auf, wenn ich sie nicht allzu oft ertragen muss (über die Frage, inwiefern Toleranz und Pluralismus erfordern, dass man sich nicht dauernd begegnet, sondern sich bei Bedarf auch aus dem Weg gehen kann, denke ich momentan eh viel nach, Stichwort Filterbubble, da kommt wohl noch mal was nach).</p>
<p>In anderen Worten: Ich will wählen können, ob ich mich mit meinen antifeministischen oder unfeministischen Glaubensgeschwistern streiten will/muss oder ob ich an aktuellen feministischen Themen weiter nach vorne denken möchte. Und diese Wahl habe ich nur, wenn es ein Label gibt, das mir mitteilt: Hier kannst du sicher sein, keine patriarchalen Zumutungen ertragen zu müssen. Hier wird ein bestimmtes feministisches Grundwissen und Reflektionsniveau garantiert. Der Kirchentag gibt mir diese Möglichkeit nicht, weil er das Frauenzentrum und das Label „feministisch“ gestrichen hat. Und deshalb ist sein Programm für mich ganz überwiegend uninteressant.</p>
<p>PS: Lehre für feministische Veranstaltungen beim nächsten Kirchentag: Unbedingt das Wort „feministisch“ in den Ausschreibungstext reinschreiben, damit diese Veranstaltungen von der App gefiltert werden.</p>
<p><img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/4b06a9e4115a4dc495ae88695d9c7fe2" width="1" height="1" /></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6972/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6972/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6972&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Schwangerwerdenkönnen und symbolische Ordnung</title>
		<link>http://antjeschrupp.com/2013/04/27/schwangerwerdenkonnen-und-symbolische-ordnung/</link>
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		<pubDate>Sat, 27 Apr 2013 13:12:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Mamas und Papas]]></category>

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		<description><![CDATA[Dies ist Teil 3 der Reihe &#8220;Letz talk about Schwangerwerdenkönnen&#8221; Das Schwangerwerdenkönnen ist ein realer Vorgang, das heißt, es gibt dabei einen materiellen Hintergrund: Im Körper einer Frau* wächst ein &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/04/27/schwangerwerdenkonnen-und-symbolische-ordnung/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6965&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://antjeschrupp.com/2013/02/18/letz-talk-about-schwangerwerdenkonnen/">Dies ist Teil 3 der Reihe &#8220;Letz talk about Schwangerwerdenkönnen&#8221;</a></p>
<p>Das Schwangerwerdenkönnen ist ein realer Vorgang, das heißt, es gibt dabei einen materiellen Hintergrund: Im Körper einer Frau* wächst ein neuer Mensch heran und wird, wenn alles gut verläuft und von der Schwangeren gewünscht, nach einer gewissen Zeit geboren.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/cd367a1c731343bb9664102d746aa03e" width="1" height="1" /></p>
<p>Doch in der gegebenen Realität (was ich mit dem Unterschied zwischen „Realität“ und „Realem“ meine, habe ich neulich beschrieben, am Ende <a title="Queer-Feminismus" href="http://antjeschrupp.com/2013/04/22/queer-feminismus/">dieses Blogposts</a>) ist dieser Prozess der Schwangerschaft untrennbar mit einer bestimmen symbolischen Ordnung verwoben, wobei diese Ordnung gleichzeitig für die Betroffene vorgegeben ist, als auch von ihr verändert werden kann.</p>
<p>Diese symbolische Ordnung prägt dabei das Erleben aller Frauen*, also aller Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schwanger werden können, und zwar unabhängig davon, ob sie tatsächlich schwanger werden können oder irgendwann schwanger werden.</p>
<p>Ich zum Beispiel weiß nicht, ob ich schwanger werden kann, denn ich habe es nie ausprobiert (und werde es wohl auch nie erfahren), aber dennoch ist mein Heranwachsen ganz erheblich vom Schwangerwerdenkönnen geprägt gewesen. Vom Eintritt meiner Pubertät an war ich mit dieser Möglichkeit konfrontiert und musste mich damit auseinandersetzen.</p>
<p>Zum Beispiel verboten mir meine Eltern als Jugendliche bestimmte Sachen, etwa gemeinsames Zelten ohne Aufsicht mit Jungens, mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, dass ich schwanger werden könnte. Dabei spielte es keine Rolle, wie wahrscheinlich das wäre, der springende Punkt war, dass es nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden konnte.</p>
<p>In meiner Jugend, also ab Ende der 1970er Jahre, hing das Schwangerwerdenkönnen noch wie ein Damoklesschwert über dem Frausein, ich weiß nicht genau, wie das heute ist. Aber damals, zumindest auf dem Dorf, war das Schwangerwerden außerhalb des dafür vorgesehenen Eherahmens der größte anzunehmende Unfall, der einer Frau widerfahren konnte. „Heiraten müssen“ war eine gängige Formulierung dafür, dass mit dem Schwangerwerden ein schlimmer Lebensweg vorgezeichnet war, nämlich die Alternative, lebenslang mit einem Mann verbunden zu sein, den man möglicherweise nicht liebte, oder das ehrlose Leben einer „unehelichen Mutter“ zu führen. Also eine Wahl zwischen Pest und Cholera.</p>
<p>Entsprechend panisch erlebte ich Sexualität mit Jungs. Jedesmal, wenn sich die Menstruation um ein paar Tage verzögerte, durchlebte ich diese Panikphasen, und zwar allein, ohne mit jemandem darüber sprechen zu können. Auch dabei nützte es mir nicht viel, mir zu sagen – soweit mir die biologischen Vorgänge dabei bekannt waren – dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass ich schwanger bin. Für die Panik genügte es, dass ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen konnte.</p>
<p>Später habe ich erfahren, dass diese Panik bei älteren Frauen oft noch viel krasser gewesen war. Denn ich wusste als Jugendliche immerhin, dass ich nur dann schwanger werden konnte, wenn in irgendeiner Weise männlicher Samenerguss involviert war. Andere waren weniger „aufgeklärt“ und hatten befürchtetet, dass vielleicht schon Küssen und Streicheln zu einer Schwangerschaft führen könnte.</p>
<p>Dass der allergrößte Teil dieser Panik nicht von dem realen Umstand des Schwangerwerdenkönnens verursacht war, sondern von einer symbolischen Ordnung, die bestimmte Geschlechterverhältnisse voraussetzte, wurde mir klar, als meine persönliche „kopernikanische Wende“ zu dem Thema eintrat. Mitte der achtziger Jahre, als ich zwanzig war, erfuhr ich von der Existenz der Frauenbewegung und damit von der Möglichkeit, abzutreiben. Ab diesem Zeitpunkt war alles anders und die Panik weg: Ich wusste, dass das Schwangerwerdenkönnen nicht bedeuten würde, dass mein Leben ab nun versaut wäre, sondern dass ich auch dann noch ein freier Mensch mit Handlungsoptionen wäre. Ich könnte nämlich abtreiben, oder ich könnte mich entscheiden, das Kind auszutragen ohne den Mann, mit dem ich Sex hatte, mein Leben lang am Hals zu haben. Von diesem Moment an war ich nicht mehr panisch, sondern nur noch leicht besorgt, wenn die Menstruation mal ein paar Tage ausblieb.</p>
<p>Die Frauenbewegung und die Idee eines freien weiblichen Umgangs mit einer eventuellen Schwangerschaft hat die symbolische Ordnung unserer Kultur auf ganz entscheidende Weise verändert, und zwar so, wie symbolische Veränderungen immer ablaufen: Als gesellschaftlicher Wandel, der einerseits objektiv vorhanden ist, gleichzeitig aber von jedem Individuum persönlich und subjektiv angeeignet werden muss. Die Idee des „Mein Bauch gehört mir“ musste in der Welt sein, damit ich überhaupt davon erfahren konnte, gleichzeitig aber musste ich auch tatsächlich davon erfahren und mir diese Idee aktiv aneignen, um davon profitieren zu können. Oder anders gesagt: Es ist ein sozialer Prozess, der erfordert, das eigene Beziehungsnetz und symbolische Bezugssystem zu verändern – ich akzeptierte nicht mehr die Autorität meiner Eltern oder der Dorfgemeinschaft in Bezug auf das, was ein eventuelles Schwangerwerden meinerseits bedeuten würde, sondern übertrug diese Autorität der Frauenbewegung beziehungsweise meinen feministischen Freundinnen.</p>
<p>Interessant in dem Zusammenhang ist auch die Rolle meiner männlichen Sexualpartner dabei. Ich hatte nie verstanden, warum sie mit diesem ganzen Vorgang so unbeteiligt umgehen konnten, warum also so viele Männer, mit denen ich schlief, keinen gesteigerten Wert auf Verhütung legten. Sie schienen diese Panik nicht zu kennen, obwohl sie von einem eventuellen „heiraten müssen“ doch ebenso betroffen gewesen wären, wie ich. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie das Thema verdrängten (und von der symbolischen Ordnung dazu ermutigt wurden, es zu verdrängen), oder ob es daran lag, dass es für sie tatsächlich ein äußerliches Thema war, weil es ja nicht ihr Körper wäre, der schwanger würde. Vielleicht war mein eventuelles Schwangerwerden für sie ein Problem wie jedes andere, aber kein so existenzielles wie für mich.</p>
<p>Später habe ich allerdings auch Männer kennengelernt, die ebenso panische Angst vor meinem Schwangerwerden hatten wie ich selbst, sogar noch größere: Denn nach meiner kopernischen Wende wären sie im Fall der Fälle ganz meiner Entscheidung ausgeliefert, was ich ihnen mit feministischem Furor auch unmissverständlich klar machte. Von dem Moment an, wo ich Feministin geworden war, hätte kein Mann mich mehr dazu bringen können, ein Kind auszutragen, das ich nicht gewollt hätte, oder dazu, ein Kind abzutreiben, das ich gewollt hätte.</p>
<p>Ich denke, dass dieser radikale und reale Unterschied zwischen Frauen* und Männern*, also dass die einen schwanger werden können und die anderen nicht, ein wirklicher Konflikt ist, der nicht so leicht gelöst werden kann. Der reale Vorgang des Schwangerwerdens bedeutet, dass die letzte Entscheidung über das Austragen eines Kindes allein bei der schwangeren Person liegt, denn es ist ein Vorgang, der sich innerhalb ihres Körpers abspielt. Ohne die Anwendung von purer Gewalt oder die Installation einer gewaltförmigen symbolischen Ordnung, die die Freiheit von Frauen* prinzipiell einschränkt, ist an dieser Tatsache nichts zu ändern.</p>
<p>Mit der kopernikanischen Wende, die die Frauenbewegung in Bezug auf das Schwangerwerdenkönnen gebracht hat, hat unsere Kultur einen sehr gewaltigen Schritt in Richtung auf mehr weibliche Freiheit getan. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die ganzen offenen Debatten rund um die Elternschaft lesbischer und schwuler Paare (was zwei sehr unterschiedliche Angelegenheiten sind), um biologische versus soziale Vaterschaft, um die Organisation von Kindererziehung und so weiter und so fort hängen letztlich mit diesem Konflikt zusammen.</p>
<p>Meine Vermutung ist, dass wir hier gute Lösungen nur finden werden, wenn wir uns diesem Konflikt stellen, also die körperliche Geschlechterdifferenz in Punkto Schwangerwerdenkönnen thematisieren – anstatt sie, wie derzeit oft üblich, unter einem „neutralen“ Labels namens „Elternschaft“ zu verstecken.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6965/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6965/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6965&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>50 Prozent. Über Zahlen und mehr.</title>
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		<pubDate>Tue, 23 Apr 2013 09:29:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Girls and Boys]]></category>
		<category><![CDATA[Gleichstellung und Quoten]]></category>
		<category><![CDATA[Anne Roth]]></category>

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		<description><![CDATA[Anne Roth hat ein neues Blog gestartet, das ich euch empfehlen möchte: Es heißt 50 Prozent und da sammelt sie prozentuale (Nicht)-Beteiligung von Frauen beziehungsweise die Überdominanz von Männern bei verschiedenen &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/04/23/50-prozent-uber-zahlen-und-mehr/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6942&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/frauenzaehlen.jpg"><img class="alignnone size-large wp-image-6949" alt="frauenzaehlen" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/frauenzaehlen.jpg?w=547&#038;h=272" width="547" height="272" /></a></p>
<p>Anne Roth hat ein neues Blog gestartet, das ich euch empfehlen möchte: Es heißt <a href="http://50prozent.noblogs.org/" target="_blank">50 Prozent</a> und da sammelt sie prozentuale (Nicht)-Beteiligung von Frauen beziehungsweise die Überdominanz von Männern bei verschiedenen Kongressen, Fernsehsendungen, Panels etc. <a href="http://www.metronaut.de/2013/04/interview-selbst-bei-taz-konferenzen-spricht-nur-ein-drittel-frauen/" target="_blank">Hier ist ein Bericht darüber im Metronaut</a>.</p>
<p>Das ist eine gute Idee, wie ich finde, macht da mal mit. Das geht, indem ihr entsprechende Beobachtungen per Mail schickt oder in die Kommentare tippt, oder auch über Twitter: einfach Gesamtzahl, Zahl der Frauen, URL und den Hashtag #50prozent in den Tweet schreiben.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/01e37b080c5d4a5695189bca50be25d0" width="1" height="1" /></p>
<p>In diesem Blog habe ich über Ähnliches ja auch schon häufiger nachgedacht. Im März 2009 war mir zum Beispiel ein Trend aufgefallen, den ich <a title="Der neue Trend: Covergirls" href="http://antjeschrupp.com/2009/03/12/der-neue-trend-covergirls/" target="_blank">&#8220;Cover-Girls&#8221;</a> genannt habe &#8211; damit meine ich, dass viele Veranstalter ihr Defizit in Punkto weibliche Beteiligung damit überdecken, dass sie die wenigen Frauen, die eingeladen sind, immerhin prominent auf ihre Flyer und Programmhefte drucken.</p>
<p>Ein Jahr später habe über <a title="Gefühlte und reale Frauen" href="http://antjeschrupp.com/2010/05/18/gefuhlte-und-reale-frauen/" target="_blank">&#8220;gefühlte und reale Frauen&#8221;</a> geschrieben. Damit meine ich das Phänomen, dass eine Frauenbeteiligung von 20 bis 30 Prozent als &#8220;normal&#8221; und ausgeglichen empfunden wird. Weniger als 20 Prozent stößt schon einigen Leuten inzwischen unangenehm auf, ein Frauenanteil von 50 Prozent oder darüber wird als weibliche Dominanz wahrgenommen.</p>
<p>Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wenn eine Frau etwas sagt und dabei nicht als &#8220;Neutrum&#8221; auftritt, sondern ihre Weiblichkeit sichtbar ist und von ihr eventuell sogar zum Thema gemacht wird, ihre Intervention automatisch nicht mehr als allgemeingültige, an alle Menschen gerichtete Intervention verstanden wird, sondern als partikulare &#8220;Frauenintervention&#8221;, so als würde sie dann &#8220;für die Frauen&#8221; sprechen und nicht &#8220;für die Menschen&#8221;.</p>
<p>Ich nenne das inzwischen manchmal das &#8220;Simone-de-Beauvoir-Dilemma&#8221;: Simone de Beauvoir nämlich galt zu ihrer Zeit als einflussreiche Philosophin und maßgebliche Vertreterin des Existenzialismus. Bis sie ein Buch über Frauen geschrieben hat. Ab da war sie nicht mehr Philosophin, sondern &#8220;Frauen-Philosophin&#8221;.</p>
<p>Und bis heute stehen Frauen vor diesem Dilemma: Gebe ich mich als universales Neutrum aus, um gehört zu werden? Oder mache ich die Geschlechterdifferenz zum Thema, auf die Gefahr hin, dann als &#8220;Frauen-Frau&#8221; wahrgenommen zu werden?</p>
<p>Genau das ist der inhaltliche Grund, warum eine 50-Prozent-Zählung so wichtig ist. In einer Umgebung, in der das Sprechen von Frauen genauso normal, sichtbar und verbreitet ist wie das Sprechen von Männern wird es nämlich nicht mehr so leicht sein, Frauen als &#8220;Frauen-Frauen&#8221; in die Partikularecke zu stellen, einfach weil jede von ihnen nur eine unter ganz vielen ist. Da die vielen sichtbaren Frauen höchstwahrscheinlich auch viele sichtbare Meinungen vertreten werden, wird offensichtlich, dass eine Frau nicht &#8220;für die Frauen&#8221; spricht, auch dann, wenn sie in ihrem Frausein sichtbar ist und das vielleicht sogar thematisiert.</p>
<p>Ein wichtiges Thema also. Denn man muss sich ja klar machen, dass die angemessene Beteiligung von Frauen an Debatten nicht das Ende des Liedes ist, sondern der Anfang. Das heißt: Wenn wir Frauen genauso selbstverständlich sprechen hören, und genauso häufig, wie Männer, dann ist nicht das &#8220;Problem Gleichberechtigung&#8221; gelöst, sondern dann können die inhaltlichen Auseinandersetzungen überhaupt erstmal beginnen. Dann erst lägen die Themen auf dem Tisch.</p>
<p>Wobei, noch ein Nachtrag: Ich finde nicht, dass alle Veranstaltungen zu je fünfzig Prozent aus Frauen und Männern bestehen müssen. Zum Beispiel bereite ich ja selbst gerade eine Veranstaltung vor &#8211; die <a href="http://abcdesgutenlebens.wordpress.com/denkumenta-2013/" target="_blank">postpatriarchale Denkumenta 2013</a> &#8211; wo nach dem bisherigen Anmeldestand die Männer eine kleine Minderheit sein werden. Allerdings ist uns, den Veranstalterinnen, das natürlich bewusst und wir verstehen unsere Tagung auch klar als weiblichen Beitrag zu einer aktuellen Entwicklung. Wir laden Männer ein und freuen uns, wenn sie Interesse haben, aber wir erheben nicht den Anspruch, eine &#8220;geschlechtsneutrale&#8221; Tagung zu machen oder eine, wo die Geschlechterdifferenz keine Rolle spielt.</p>
<p>Unter diesen Voraussetzungen kann ich auch Veranstaltungen akzeptieren, bei denen Frauen eine kleine Minderheit sind &#8211; wenn die Veranstalter deutlich machen, dass sie eine Intervention aus männlicher Perspektive beabsichtigen.</p>
<p>Eine alte Idee von mir, die ich besser finde als die Quote, wäre in diesem Zusammenhang ja ein Ampelsystem: Einen roten Punkt bekämen alle Veranstaltungen/Panels/Sammelbände usw., bei denen ein Geschlecht extrem dominierend auftritt, sagen wir mit einem Anteil von über 75 Prozent. Einen gelben Punkt bekämen alle, bei denen ein Geschlecht zwar klar dominiert, aber nicht extrem, sagen wir mit einem Anteil von 60 bis 75 Prozent. Einen grünen Punkt bekämen alle mit einem eher ausgeglichenen Geschlechterverhältnis, also wo kein Geschlecht mehr als 60 Prozent stellt. Um es noch sichtbarer zu machen, könnten in die roten und gelben Punkte ein M oder F geschrieben werden, damit man sofort sieht, welches Geschlecht es ist, das hier dominiert.</p>
<p>So als eine Art Aufklärungs- und Warnsystem, das mich als Nutzerin zu einer schnelleren Navigation befähigt. Einladungen zu Themen, bei denen ich eine Männerdominanz nicht akzeptiere, bräuchte ich dann gar nicht mehr sichten, sondern könnte sie ungelesen wegwerfen.</p>
<p>Vielleicht entsteht aus Annes Blog ja irgendwann mal eine Bundesprüfstelle für Geschlechterverhältnisse, die dieses Siegel verbindlich einführt. Kleiner Scherz. Aber ein bisschen ernstgemeint.</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6942/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6942/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6942&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Queer-Feminismus</title>
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		<pubDate>Mon, 22 Apr 2013 12:07:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[Leah Bretz]]></category>
		<category><![CDATA[Nadine Lantzsch]]></category>
		<category><![CDATA[Queer-Feminismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Leah Bretz und Nadine Lantzsch haben ein kleines, sehr lesenswertes Buch geschrieben, in dem sie ihre Praxis des Queer-Feminismus erläutern. Lesenswert fand ich es vor allem deshalb, weil sie dabei &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/04/22/queer-feminismus/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6927&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/queerfeminismus1.jpg"><img class="alignleft  wp-image-6929" alt="queerfeminismus" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/queerfeminismus1.jpg?w=205&#038;h=336" width="205" height="336" /></a>Leah Bretz und Nadine Lantzsch haben ein kleines, sehr lesenswertes Buch geschrieben, in dem sie ihre Praxis des Queer-Feminismus erläutern. Lesenswert fand ich es vor allem deshalb, weil sie dabei das machen, was meiner Meinung nach die Stärke feministischer Politik ausmacht: Sie gehen von sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen aus, machen ihre Überlegungen nachvollziehbar, zeichnen die Debatten nach, in die diese eingebettet sind, beziehen sich auf andere, von denen sie gelernt haben, und kommen dadurch zu neuen Einsichten und Urteilen über die Welt, die sie nun wiederum mit anderen teilen.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/39c730367f4e4c198099150724651cf0" width="1" height="1" /></p>
<p>Auch wenn ich selbst mich ja <a title="Warum ich nicht queer bin. Eine autobiografische Annäherung." href="http://antjeschrupp.com/2010/03/15/warum-ich-nicht-queer-bin-eine-autobiografische-annaherung/">nicht als queer</a> verstehe, habe ich bei der Lektüre vieles verstanden und gelernt, was ich in den oft eher zerstückelten und schwer in bestimmte Kontexte einzuordnenden Hin und Hers in Blogs oder auf Twitter nur erahnt hatte. Vielleicht ist das „Buch“ als Format der längeren Texte zu einem Thema ja doch nicht ganz ad acta zu legen <img src='http://s0.wp.com/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Ein zentrales Anliegen dieses Buches ist die Sprache, die Art und Weise, wie und von wem über Dinge (nicht) gesprochen wird, was gesagt und gehört wird und was nicht. Dass Sprechen und Handeln nicht zweierlei Dinge sind, sondern dass Sprechen eben selbst eine Form des Handelns ist, finde ich auch (ich nenne das im Anschluss an italienische Feministinnen „Arbeit an der symbolischen Ordnung“).</p>
<p>Um etwas Neues zu sagen, das im Rahmen der vorherrschenden symbolischen Ordnung (noch) nicht denkbar und sagbar ist, braucht es auch eine andere Sprache, die Aufmerksamkeit für Formulierungen, die Erfindung neuer Sprachformen und neuer Wörter. „Entmerken“ und „wegnennen“ sind zum Beispiel zwei Wortschöpfungen, von denen ich mir gut vorstellen kann, dass sie in meinen aktiven Sprachgebrauch eingehen, ebenso die Verwendung des Unterstrichs, der hier nicht nur im Sinne des Gender-Gaps (wie bei „Leser_innen“) oder als wandernder Unterstrich („Les_erinnen“) auftritt, sondern auch, um den Sinn von Worten zu erweitern. „Be_deuten“ etwa schreiben die Autorinnen, um darauf aufmerksam zu machen, dass Bedeutungen eben nicht einfach da sind („Das Wort X bedeutet dies und jenes“), sondern dass sie von den Sprechenden oder Schreibenden gegeben werden: Wir be_deuten Worte, indem wir ihnen durch die Art, wie wir sie verwenden, mit einer Bedeutung ausstatten, zum Beispiel „Frau“ oder „Lesbe“ oder „Liebespaar“).</p>
<p>Vor allem aber wird der Unterstrich in dem Buch dazu verwendet, die Ambivalenz und Mehrdeutigkeit auszudrücken, die in vielen Situationen teilweise_ganz notwendig ist, um bestimmte Dinge mitzudenken_schreiben_merken_w_orten. Anfangs ist das etwas merk_würdig zu lesen, aber nach einigen Seiten war ich „drin“ und es hat mir gefallen.</p>
<p>Besonders interessiert haben mich die Ausführungen zur Praxis, wobei mir beim Lesen klar geworden ist, warum vieles von dem, was die Autorinnen als „Interventionen“ beschreiben, oft auf so heftigen Widerspruch stößt. Eine Intervention, die sie vorschlagen, ist zum Beispiel „umverteilung ohne anerkennung“, was bedeutet, dass Menschen, die in bestimmten Kontexten privilegiert sind, dort notwendige Arbeiten übernehmen, dabei aber die Deutungs- und Definitionshoheit den anderen überlassen und keine Dankbarkeit oder Anerkennung für das, was sie tun, verlangen und bekommen (S. 32). Dahinter steht die traurige Beobachtung, dass selbst in Gruppen, die sich als kritisch, feministisch oder antirassistisch verstehen, die Privilegierteren oft dazu neigen, die Sache zu dominieren, es besser zu wissen als die anderen und so weiter.</p>
<p>Mich hat das von der Struktur her an eine Regel erinnert, die sich die Philosophinnengemeinschaft Diotima gegeben hat, nämlich bei ihren Diskussionen auf alle Zitate von „berühmten Philosophen“ zu verzichten – Chiara Zamboni beschreibt das <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2007/03/ein-philosophischer-und-politischer-streit-uber-das-verstandnis-von-praxis/" target="_blank">in diesem Text.</a> Auch hier ging es um einen konkreten Missstand, den die Beteiligten an sich selbst beobachtet hatten, in dem Fall, dass sich ihre Debatten häufig zu einer Ansammlung von „bereits Gedachtem“ entwickelten und sie nur selten ihre wirklich eigenen Gedanken aussprachen oder ihnen Aufmerksamkeit widmeten.</p>
<p>Beide Interventionen sind Vorschläge, in Form einer politischen Praxis, also durch bestimmte Regeln, eingefahrene Muster zu durchbrechen. Es geht nicht darum, universale Gesetze für alle Zeiten und für jeden x-beliebigen Kontext zu postulieren. Selbst gewählte Regeln, die Teil einer politischen Praxis sind, können sich bewähren oder auch nicht, das bleibt zu beobachten. Die Regel der Diotima-Philosophinnen etwa, auf Zitate generell zu verzichten, hatte tatsächlich zur Folge, dass die Diskussionen fruchtbarer und origineller wurden. Als die beteiligten Frauen nach einigen Jahren dermaßen daran gewohnt waren, ihre eigenen Gedanken zu formulieren und ernst zu nehmen, stellten sie fest, dass der absolute Verzicht auf Zitierungen gar nicht mehr nötig war. In anderen Gruppen und Kontexten kann eine solche Verabredung aber immer noch sinnvoll sein.</p>
<p>Dass Debatten über Vorschläge für Interventionen oder politischen Praktiken häufig so aggressiv ablaufen, scheint mir daran zu liegen, dass sie als allgemeingültige Vorschriften miss_verstanden und entsprechend auseinandergepflückt werden. Einwände wie „Sollen Frauen denn niemals mehr Männer zitieren, das ist doch absurd!“ oder „Sollen Weiße_Männer_etc.pp etwa ihre Meinung nicht mehr sagen dürfen, das ist doch absurd!“ gehen aber am Kern der Sache völlig vorbei. Die Frage ist vielmehr, ob zum jetzigen Zeitpunkt und beim gegenwärtigen Stand der Debatte eine solche (durchaus rigide) Regel hilfreich sein könnte, um einen Missstand zu beheben. Ob sie das ist, kann man nie vorher wissen, sondern man muss es erst einmal versuchen, um es herauszufinden. Und wenn andere mit einer Praxis gute Erfahrungen gemacht habe, was spricht dagegen, davon zu lernen – wenn einer an dem Thema wirklich gelegen ist?</p>
<p>Eine andere Sache, die mir beim Lesen im Kopf hängen blieb, ist die Frage, ob es wirklich „keine Welt außerhalb von Machtverhältnissen“ gibt, wie die Autorinnen schreiben (S. 35). Einerseits ja, sicher, denn wir sind unbestreitbar alle jederzeit in Machtverhältnisse verwickelt. Aber diese Machtverhältnisse sind eben nicht alles, wohinein wir verwickelt sind. Wir sind gleichzeitig – oder können es zumindest sein, wenn wir die Praxis vertrauensvoller Beziehungen pflegen – eingebunden in Kontexte, wo wir die Ungleichheit (vor allem, aber nicht nur, zwischen Frauen) zum Hebel für den Austausch von Begehren und Autorität und damit für Veränderung machen können. Dieser Aspekt kam mir in dem Buch etwas zu kurz, schien mir zu defensiv dargestellt, lediglich in seiner Funktion als Schutz und Abwehr gegen Diskriminierungen gewürdigt und nicht als originäre Politik, die die Kraft hat, Neues und Anderes hervorzubringen.</p>
<p>Vielleicht hängt dieser Eindruck damit zusammen, dass ich auch den (De)-Konstruktivismus nicht für die einzige  Analysekategorie halte, die für politische Veränderungsprozesse wichtig ist. Die in der Realität bestehenden Machtverhältnisse zu dekonstruieren ist wichtig und unverzichtbar, keine Frage. Aber das, worum es geht, ist meiner Meinung nach nicht nur die Abwehr von Machtverhältnissen und der Abbau von ungerechten Diskriminierungen. Sondern es geht auch darum, „konstruktiv“ (haha) zu sein, also daran arbeiten, was denn an die Stelle der jetzigen Realität treten könnte, wenn die gegebene erst einmal „dekonstruiert ist“.</p>
<p>Ich bin, anders als die Autorinnen, der Ansicht, dass dafür die Orientierung an so etwas wie „der Wahrheit“ letzten Endes doch unverzichtbar ist. Und zwar gerade dann, wenn wir davon ausgehen, dass Politik immer eine pluralistische Angelegenheit ist, weil es nämlich zum Grundwesen der Menschen gehört, verschieden zu sein. Wenn wir aber alle verschieden sind, und es trotzdem am Ende um mehr gehen soll als darum, die eigene Position gegenüber den anderen durchzusetzen, brauchen wir einen Anhaltspunkt, einen Maßstab, an dem sich unsere kontroversen Debatten orientieren können_sollten_müssten.</p>
<p>Die Realität, die von bereits gegebenen Maßstäben, Kategorien und Be_deutungen geprägt ist, kann das nicht sein, da gebe ich den Autorinnen Recht. Aber ich denke, dass es hinter der „Realität“ noch etwas anderes gibt, das ich „das Reale“ nenne, und dass Interventionen_Worte_Stammeleien_Überlegungen_Ideen, die dieses Reale berühren, eine Wirkung entfalten (können), die mehr ist als bloße Macht_Stärke, Überzeugungskraft oder rhetorisches Geschick. Das Reale geht nicht vollständig in der gegebenen Realität auf, und deshalb ist es ein Orientierungspunkt bei dem Versuch, die Realität zu verändern.</p>
<p>Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: „körper sind in unserem konstruktivistischen verständnis diskursiv hergestellte projektionsflächen für genderungen_disableisierungen_rassifizierungen“ schreiben die Autorinnen (S. 39), und das stimmt. Das ist die Realität. Aber Körper sind eben mehr als das. Körper sind auch real. Körper existieren, auch jenseits aller Konstruktionen und Zuschreibungen, und diese realen Körper, auch wenn sie niemals vollends „richtig“ be_deutet werden können, sind meiner Ansicht nach ein unverzichtbares Gegenüber, das unser eigenes kritisches Sprechen über Körper quasi beglaubigen kann. Worte und Handlungen, die das Reale berühren, haben eine Qualität von „Wahrheit“, die sie von anderen Worten und Handlungen, die bloße Ansichten und Meinungen sind, unterscheiden – jedenfalls sehe ich das so. Und etwas Analoges gilt auch für alle anderen Angelegenheiten, über die wir kritisch sprechen (möchten).<br />
<em><br />
Leah Bretz, Nadine Lantzsch: Queer-Feminismus. Label und Lebensrealität, Unrast, Münster 2013, 7,80 Euro.</em></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6927/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6927/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6927&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Frauen in Zeiten der Quote</title>
		<link>http://antjeschrupp.com/2013/04/18/frauen-in-zeiten-der-quote/</link>
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		<pubDate>Thu, 18 Apr 2013 20:39:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gleichstellung und Quoten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich bin kein großer Fan der Frauenquote &#8211; dazu habe ich hier im Blog schon oft geschrieben und sogar eine eigene Kategorie zu dem Thema eingerichtet. Aber seit einiger Zeit &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/04/18/frauen-in-zeiten-der-quote/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6908&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_6910" class="wp-caption alignnone" style="width: 548px"><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/ursula_corneliaroth.jpg"><img class="size-full wp-image-6910" alt="Souveräne Frauen braucht das Land, nicht brave Abstimmerinnen. Foto: Cornelia Roth" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/ursula_corneliaroth.jpg?w=547"   /></a><p class="wp-caption-text">Souveräne Frauen braucht das Land, nicht brave Abstimmerinnen. Foto: Cornelia Roth</p></div>
<p>Ich bin kein großer Fan der Frauenquote &#8211; dazu habe ich hier im Blog schon oft geschrieben und sogar <a href="http://antjeschrupp.com/category/gleichstellung-und-quoten/" target="_blank">eine eigene Kategorie zu dem Thema</a> eingerichtet.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/1d95afd31f5545df94e64ac8b2b28626" width="1" height="1" /></p>
<p>Aber seit einiger Zeit schon wünsche ich mir sehnlichst, sie würde so langsam mal eingeführt, damit wir endlich alle Aufmerksamkeit den wirklich wichtigen Themen widmen können: der völlig unklaren Zukunft der Sorgearbeit, der zunehmenden Armut, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in alle möglichen Richtungen, dem nicht funktionierenden Bildungssystem, der Ressourcenverschwendung, der wirtschaftlichen Ausblutung vieler Länder, dem Kampf gegen Gewalt und Übergriffigkeit. Und generell dem desolaten Zustand dessen, was im allgemeinen &#8220;Politik&#8221; genannt wird, aber nur allzu selten wirkliche Politik ist. Alles genuin feministische Themen, wenn man mich fragt.</p>
<p>Annett Meiritz hat heute im Spiegel <a href="http://www.spiegel.de/politik/deutschland/kommentar-zur-frauenquote-die-scheinheiligste-debatte-des-jahres-a-895114.html" target="_blank">gut kommentiert</a>, wie wenig &#8220;Politik&#8221; bei den parlamentarischen Debatten über die Quote im Spiel ist. Und zwar auf allen Seiten. Dem ist als Analyse wenig hinzuzufügen.</p>
<p>Aber die Abstimmung im Bundestag hat noch einmal deutlich vor Augen geführt, was das Problem an einer Quote wäre, würde sie denn kommen: Denn dass Frauen in irgendwelchen Ämtern sind, bedeutet offensichtlich nicht automatisch, dass sie dort auch etwas ändern. Die Gefahr ist groß, dass sie sich dann doch den Spielregeln unterwerfen. Und schlechte Verhältnisse werden ja nicht dadurch besser, dass auf allen Ebenen fünfzig Prozent Frauen sind. Ungerechtigkeit wird nicht dadurch gerecht, dass sie auf alle Geschlechter gleichmäßig verteilt wird.</p>
<p>Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass eine Quote früher oder später kommt. Die absterbenden Institutionen sind ja dringend darauf angewiesen. Aus eigener Kraft schaffen sie es nicht, Frauen für sich zu gewinnen. Die Frauen laufen ihnen in Scharen weg. Frauen (immer im Sinne von: deutlich mehr Frauen als Männer) mögen keine 80-Stunden-&#8221;Führungs&#8221;-Jobs, sie mögen keine Parteien &#8211; denn wie anders soll man es interpretieren, dass alle Partei-Neugründungen faktisch Männerparteien sind? Erst die Piraten, jetzt die Alternative für Deutschland?</p>
<p>Die Quote (oder irgend etwas in der Art) wird kommen, denn Männervereine funktionieren heutzutage nicht mehr. Die Frage ist: Was machen wir bis dahin? Verwenden wir &#8211; die Frauenverbände, die feministischen Aktivistinnen &#8211; weiterhin unsere Kraft und Energie dafür, für eine Quote zu werben, zu argumentieren, uns aufzureiben?</p>
<p>Mein Vorschlag ist, wir machen unterdessen etwas anderes. Zum Beispiel könnten wir uns darauf vorbereiten, was wir tun werden, wenn die Quote erst einmal da ist. Also Fragen stellen und diskutieren wie: Was ist eigentlich notwendig, damit eine Frau, wenn sie in Amt und Würden kommt, sich nicht vom Sog der Verhältnisse und des So-ist-es-immer-schon-gewesen mitreißen lässt? Was braucht eine Frau, damit sie nicht umfällt wie die Quotenbefürworterinnen in CDU und FDP, wenn es darauf ankommt?</p>
<p>Ein paar Ideen hätte ich schon.</p>
<p>Frauen in Zeiten der Quote müssen <a href="http://www.antjeschrupp.de/macht-und-politik-sind-nicht-dasselbe" target="_blank">zwischen Macht und Politik unterscheiden</a> - was nicht heißt, sich von der Macht fernzuhalten, sondern sich nicht fraglos ihrer Logik zu unterwerfen.</p>
<p>Frauen in Zeiten der Quote brauchen weibliche <a href="http://schoenekoeniginnen.wordpress.com/2012/04/26/hello-world/" target="_blank">Souveränität</a> &#8211; was etwas anderes ist als das männliche Modell des einsamen Monarchen. Weibliche Souveränität bedeutet nicht, sich über andere zu stellen, sondern ein eigenes Urteil zu fällen und dann auch konsequent danach zu handeln.</p>
<p>Frauen in Zeiten der Quote brauchen Freundinnen. Der Maßstab, an dem sie sich orientieren, darf nicht der Erfolg im Rahmen der bestehenden Systemlogik sein (werde ich wiedergewählt oder nicht?). Sondern ob sie erfolgreich sind oder nicht, können sie nur im Austausch mit denen erfahren, denen sie vertrauen.</p>
<p>Frauen in Zeiten der Quote dürfen sich nicht von der Institution, in der sie ein Amt bekleiden, abhängig machen, weder finanziell noch ideell. Ihre &#8220;politische Heimat&#8221; muss anderswo sein &#8211; denn sonst haben sie nicht die Freiheit, im Zweifelsfall zu gehen.</p>
<p>Frauen in Zeiten der Quote müssen bereit sein, Konflikte einzugehen und auszutragen. Die Anerkennung der Mächtigen muss ihnen egal sein, denn ihre Anerkennung finden sie anderswo. Sie müssen sich befreien, von dem Wunsch, von denen, die im System &#8220;oben&#8221; sind, gelobt zu werden.</p>
<p>Frauen in Zeiten der Quote brauchen also <a href="http://antjeschrupp.com/2012/04/01/positiv-uberrascht-uberlegungen-zur-reprasentativen-demokratie/">symbolische Unabhängigkeit</a>. Dann &#8211; und nur dann &#8211; könnte eine Quote tatsächlich was bewirken.</p>
<p><em>PS und Update: Alles, was ich hier über Frauen sage, gilt für andere Menschen auch. </em></p>
<p>&nbsp;</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6908/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6908/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6908&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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			<media:title type="html">Souveräne Frauen braucht das Land, nicht brave Abstimmerinnen. Foto: Cornelia Roth</media:title>
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		<title>Es gibt wieder neue &#8220;Besondere Umstände&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 13:46:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bloggen und Internet]]></category>

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		<description><![CDATA[Benni und ich haben eben wieder gepodcastet &#8211; diesmal unterhielten wir uns über Blogs, über Humor, über Ironie, und natürlich auch wieder über die Revolution und den Kapitalismus. Hörst du &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/04/10/es-gibt-wieder-neue-besondere-umstande/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6893&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Benni und ich haben eben wieder gepodcastet &#8211; diesmal unterhielten wir uns über Blogs, über Humor, über Ironie, und natürlich auch wieder über die Revolution und den Kapitalismus. <a href="http://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-8/" target="_blank">Hörst du hier</a>.</p>
<p>Auf die Episode 7 hatte ich euch auch noch nicht hingewiesen, damals ging es unter anderem ums Tauschen und um den Papst. <a href="http://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-7/" target="_blank">(hier)</a></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6893/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6893/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6893&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Philosophie des Körpers</title>
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		<pubDate>Mon, 08 Apr 2013 20:08:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Michela Marzano]]></category>

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		<description><![CDATA[Michela Marzano, Philosophieprofessorin in Paris, hat ein Buch geschrieben über die „Philosophie des Körpers“ – ein wichtiges Thema. Die gängigen Philosophen haben hat ja seit den alten Griechen mit einem &#8230; <a href="http://antjeschrupp.com/2013/04/08/philosophie-des-korpers/" class="read-more">Weiterlesen <span class="meta-nav">&#8594;</span></a><img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6885&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/philosophie.jpg"><img class="alignleft  wp-image-6887" alt="philosophie" src="http://antjeschrupp.files.wordpress.com/2013/04/philosophie.jpg?w=222&#038;h=336" width="222" height="336" /></a>Michela Marzano, Philosophieprofessorin in Paris, hat ein Buch geschrieben über die „Philosophie des Körpers“ – ein wichtiges Thema. Die gängigen Philosophen haben hat ja seit den alten Griechen mit einem Dualismus von Körper und Geist gearbeitet, eine Unterscheidung und Gegenüberstellung, die selbst dann, wenn sie problematisiert wurde, doch im Fokus des Interesses stand: der Körper als das, was uns im Materiellen festhält, was die menschliche Freiheit behindert. Und das gerne auch im Paket mit einer Verachtung den Frauen gegenüber, die, da auch der allerautonomste Mensch sein Leben dem Geborenwerden aus dem Körper einer Frau heraus verdankt, das Symbol schlechthin für diese Verhaftung ans Materielle sind.<img alt="" src="http://vg03.met.vgwort.de/na/a50e243240ab4fbab941167b1ac5cbbd" width="1" height="1" /></p>
<p>Dass das „Ich“, das Subjekt, keinen Körper „hat“, sondern nur als Körper überhaupt existiert, diese Tatsache haben fast alle (westlichen) Philosophen entweder ignoriert oder zumindest bedauert. Und deshalb ist es sehr gut, dass Michela Marzano sich diesem Thema systematisch nähert. Ihre Analyse ist auch streckenweise sehr lesenswert, vor allem dann, wenn sie sich kritisch mit dieser Philosophietradition auseinandersetzt. Berührend zu lesen sind auch die Kapitel, in denen es um körperliche Qualen als Strategie zur Entmenschlichung von Opfern geht, am Beispiel der NS-Konzentrationslager oder der Philosophie de Sades.</p>
<p>An den Punkten jedoch, wo sie sich der Frage stellt, was eine „Philosophie des Körpers“ angesichts aktueller Technologien und Diskurse bedeuten würde, wird ihre Argumentation eher schwach. Die Frage nach der Körperlichkeit stellt sich ja heute neu, wo es durch chirurgische Eingriffe oder andere Technologien möglich geworden ist, Körper auf eine Weise zu verändern, wie das früher unvorstellbar war. Die „alten Philosophen“ hatten ja „nur“ die Frage zu klären, wie der Mensch damit zurechtkommen soll, nun mal mit diesem oder jenem Körper gesegnet oder gestraft zu sein (denn „tun“ konnte man früher nicht allzu viel). Heute hingegen geht es zusätzlich auch um die Frage, wie der Mensch den eigenen Leib technologisch gestalten soll oder nicht.</p>
<p>Marzanos Antwort lässt sich im Prinzip zusammenfassen als: Sowas soll man lieber nicht machen. Sie vermutet in jedem Wunsch, Körper zu verändern, eine Spätwirkung jenes Dualismus, den sie zuvor kritisiert hat. Wer den eigenen Körper verändert, so ihre These, verhält sich wie das „Geist-Subjekt“ der alten Philosophen, das den Körper nicht als Teil des Selbst begreift, sondern als Objekt, das nach Belieben gestaltet werden kann.</p>
<p>Die Beispiele, an denen sie das verdeutlicht, sind: Eine Künstlerin, die den eigenen operativ veränderten Körper als Kunstwerk begreift, die Queer-Theorie, die das biologische Geschlecht als konstruiert versteht, Transsexualität, also die Vorstellung, der eigene Körper könne „falsch“ sein, und schließlich „das Internet“, wo sich Menschen mit virtuellen Avataren ausstatten bzw. die Cyborg-Idee der Verschmelzung von Mensch und Maschine.</p>
<p>Aber sind diese neuen Annäherungen an Körperlichkeit wirklich nur Nachfolger des alten Körper-Geist-Dualismus? Lassen sich diese Phänomene nur interpretieren als erneuten Versuch, das „Ich“ vom Körper zu trennen und der Materie hierarisch überzuordnen, indem der Körper als falsch, manipulierbar und als zu gestaltendes „Ding“ betrachtet wird?</p>
<p>Ich denke, dass Marzano durchaus einen wunden Punkt trifft, denn eine solche „dualistische“ Sichtweise (nach dem Motto „Ich bin eine freier Mensch und kann deshalb mit meinem Körper machen, was ich will“) kommt in allen angesprochenen Diskursen tatsächlich zuweilen vor. Es gibt Menschen, die ein „frei wählbares“ Geschlecht propagieren, wobei der lästige Geburtskörper eben nicht in die Quere zu kommen hat, und es gibt Internet-Theoretiker, die von der Entkörperlichung des Users träumen, damit der endlich in den Weiten des Virtuellen aufgehen kann, ohne sich lästigerweise zwischendurch noch Pizza ordern zu müssen. Und natürlich gibt es im Zusammenhang mit Cyborgs immer auch wieder den (in zahllosen Science Fictions ausgearbeiteten) Traum, durch technische Modifikationen den Limitationen und der Endlichkeit des menschlichen Körpers zu entkommen.</p>
<p>Die Frage ist nur: Ist das das Wesentliche an diesen Diskursen? Oder ist das nur die Erscheinung, die sie annehmen, wenn man sie oberflächlich betrachtet – nämlich selbst noch von der Folie des alten Körper-Geist-Dualismus ausgehend? Wobei der Denkfehler sowohl auf Seiten der Kritiker_innen als auch der Verfechter_innen von Körpermodifizierungen liegen kann.</p>
<p>Ich jedenfalls lese in diesen Diskursen (auch) etwas anderes. Wenn eine Künstlerin sich selbst in ihrer Körperlichkeit als Kunstwerk inszeniert, ist das nicht gerade ein Ausdruck dessen, dass sie sich der Körperlichkeit ihres Ichs bewusst ist? Ist nicht der querschnittsgelähmte Mann, der als kraftgestählter Avatar im Internet unterwegs ist, sich der eigenen Körperlichkeit vielleicht bewusster als viele Gesunde? Ist der Wunsch einer Transsexuellen nach operativen Veränderungen ihres Körpers nicht gerade ein Ausdruck davon, dass sie um die grundlegende Bedeutung des Körpers für das Ich weiß?</p>
<p>Zu sagen, der Wunsch nach operativen Veränderungen des Körpers seien ein Resultat des alten Körper-Geist-Dualismus ist, halte ich für verkürzt. Das kann sein (bei vielen konventionellen Schönheitsoperationen ist das sicher so), aber es muss nicht so sein. Die Idee, es gäbe einen „natürlichen“, „intakten“, „unveränderten“ menschlichen Körper ist ja genauso falsch wie die Idee, der Körper sei dem Willen vollkommen unterworfen.</p>
<p>Die Frage ist nicht, <i>ob</i> wir die eigene körperliche Existenzform mit Hilfe von Technologien verändern, sondern <i>wie</i>, und von welchen Bildern und symbolischen Vorstellungen wir dabei ausgehen. Gerade das Wissen darum, dass die eigene Existenz immer nur eine körperliche Existenz ist, kann Ursache für den Wunsch sein, sich auch über den Körper auszudrücken, den Körper ebenso zu formen und „weiterzubilden“, wie wir (hoffentlich) unseren Geist weiterbilden.</p>
<p>Das, was nach der Kritik an den „alten Philosophen“ mit ihrem Körper-Geist-Dualismus neu zu lernen wäre, ist nicht eine prinzipielle Skepsis gegen eine von subjektiven Wünschen geleitete Gestaltung von Körpern, sondern eine bewusste und differenzierte kulturelle Praxis, die die Art und Weise von Körpergestaltung kritisch reflektiert. Was heißt es, das eigene „Körpersein des Ichs“ verantwortlich zu gestalten?</p>
<p>Dazu gehört wohl ebenso der Rat, den Körper nicht zu vernachlässigen oder für unwichtig zu halten, als auch der Rat, den Körper nicht zu überhöhen und das eigene Glück davon abhängig zu machen, dass dieser Körper möglichst optimal beschaffen ist. Und vor allem ist es wichtig, realistisch zu bleiben: Denn egal wie sehr wir den eigenen Körper auch mit Hilfe von medizinischer Technik modifizieren und transformieren mögen – dem Umstand, dass wir körperliche Wesen sind, also sterblich, verletzlich, bedürftig und untrennbar ein Teil der materiellen Welt, werden wir niemals entkommen können.</p>
<p><i>Michela Marzano: Philosophie des Körpers. Diederichs, München 2013,  14,99 Euro</i></p>
<p><a href="http://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/korper/" target="_blank"><i>Zum Eintrag „Körper“ im ABC des guten Lebens</i></a></p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/antjeschrupp.wordpress.com/6885/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/antjeschrupp.wordpress.com/6885/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=antjeschrupp.com&#038;blog=6476496&#038;post=6885&#038;subd=antjeschrupp&#038;ref=&#038;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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