Archive Page 2

So, nun ist es aufgeklärt – es waren nicht die “linken Frauen”, die in der Schweiz für ein Minarettverbot gestimmt haben, wie nach dem überraschenden Abstimmungsergebnis von einigen Seiten gemutmaßt worden war. Wie der Schweizer Tagesanzeiger berichtet, war es, was auch nicht weiter verwunderlich ist, vor allem eine Links-Rechts-Entscheidung (die Linken stimmten gegen die Initiative, die Rechten dafür). Ebenso deutlich ist eine Korrelation zum Bildungsgrad festzustellen: Menschen mit weniger Bildung stimmten für das Minarettverbot, Menschen mit mehr Bildung dagegen.

Was speziell die linken Frauen betrifft, so waren sie in ihrer Ablehnung der Initiative sogar viel klarer als ihre männlichen Pendants: Nur 16 Prozent der “linken Frauen” stimmten mit Ja, dafür aber 21 Prozent der “linken Männer”.

Also – ist das Thema damit durch? Keineswegs. Denn hinter der Debatte steckt durchaus ein Muster: Dass man es nämlich den Frauen, zumal den “linken” Frauen, wenig verzeiht, wenn sie etwas “falsch” machen. Es ist nämlich kein Zufall, dass die Aufregung hier überproportional größer ist, als wenn sich “linke” Männer in zweifelhafte und politisch möglicherweise “unkorrekte” Gefilde verlaufen.

Mich hat das Ganze an eine Diskussion erinnert, die wir in den 1980er Jahren in den Kirchen geführt haben: Und zwar die Diskussion über den Vorwurf, die feministische Theologie sei “antijudaistisch”. Dieser Vorwurf war damals von jüdischen Theologinnen gegenüber christlichen Theologinnen erhoben worden, und zwar nicht zu Unrecht. Denn es gab damals unter kirchlich engagierten Frauen eine gewisse Sehnsucht danach, Jesus als einen “neuen Mann” darzustellen, der die alten patriarchalen Strukturen seiner Zeit bereits überwunden habe. Das Problem an diesem Denken war bloß, dass vor diesem wunderbar “frauenfreundlichen” Jesus (der sich so gut als Kronzeuge für die eigenen feministischen Reformwünsche geeignet hätte) das alte, verknöcherte Judentum umso düsterer zurückblieb – kein Wunder, dass die Jüdinnen “not amused” reagierten.

Sie legten damit den Finger in eine Wunde, die sich zwar an einem Streit unter Frauen – den Christinnen und den Jüdinnen – entzündete, der aber in Wahrheit viel größere Dimensionen hatte. Denn der Vorwurf des Antijudaismus traf ja keineswegs nur die feministische Theologie, sondern die christliche Theologie generell: Die christlichen Männer, so stellte sich rasch heraus, waren im Schnitt noch weitaus antijudaistischer in ihrer Argumentation als die christlichen Frauen. Der Antijudaismus war seit Anbeginn eine Grundkonstante in christlichen Argumentationen gewesen. Nur dass sich darüber bislang niemand sonderlich aufgeregt hatte. Zu einem regelrechten Skandal wurde es erst, als auch die Frauen, und auch noch Feministinnen, in dieses Schema gerieten.

In der Tat – es war ein Lapsus. Aber einer, den die feministische Theologie sehr schnell und sehr ernsthaft bearbeitete. Die Frauen stritten sich, revidierten ihre Theorien, veranstalteten Workshops und Tagungen, auf denen Jüdinnen und Christinnen sich austauschten. Mit anderern Worten: Sie initiierten einen Diskurs, der das Verhältnis von Judentum und Christentum neu aufrollte und im Lauf der Zeit zu einem Umdenken und Dazulernen führte. Bei den feministischen Theologinnen zuerst, bei den konventionellen Theologen etwas später.

Daher bin ich zuversichtlich, dass der Streit zwischen “anti-islamischen” Feministinnen (etwa Alice Schwarzer in der Emma) und jenen, die sie kritisieren (etwa Birgit Rommelspacher in der taz), ähnlich wegweisend für eine gesamtgesellschaftliche Debatte im Bezug auf das Verhältnis von “westlicher Aufklärung” und “Islam” werden könnte.

Dass es keinen prinzipiellen Antagonismus zwischen Islam und weiblicher Freiheit gibt, habe ich bereits in einem anderen Blogbeitrag beschrieben. Und natürlich freue ich mich auch über diese neuen Zahlen, die belegen, dass “linke Frauen” offenbar noch diejenigen sind, die am wenigsten anfällig für rechtsdumpfen Populismus sind. Doch das ist kein Grund, sich jetzt zurückzulehnen und auf die Rechten oder die Männer zu zeigen und zu sagen: euer Problem.

Vielmehr könnte es Ansporn sein, die Debatte nun erst recht zu führen: Denn erstens einmal sind 16 Prozent “linke Frauen”, die antiislamische Ressentiments pflegen, auch nicht grade gar nichts (wenn auch sehr weit davon entfernt, feministischer Mainstream zu sein). Und zweitens gibt es hier ganz offenbar noch vieles zu klären und auszudiskutieren. Und in der Hinsicht traue ich “uns”, den “linken Frauen” (egal welche Haltung zum Islam sie derzeit haben) unter’m Strich mehr zu, als dem gesellschaftlichen Mainstream.

Wenn man es positiv sieht, könnte man die gesellschaftliche Aufregung gerade auch in “linken” Kreisen über eine angebliche (oder befürchtete) Affinität des Feminismus zu einer populistischen Islamfeindlichkeich sogar als Auftrag verstehen, das mal gründlich aufzuarbeiten. Stellvertretend für die Gesellschaft insgesamt, die dann vielleicht irgendwann nachzieht und von unseren Diskussionen etwas lernt.


Klischees im Postkartenformat

Es ist so eine Sache mit den Klischees. Einerseits finde ich sie doof, speziell – aber nicht nur – wenn es sich um Klischees über Frauen und Männer handelt. Andererseits muss ich doch immer wieder über solche dumme Sprüche lachen, auch heute morgen, als ich in der Freiburger Fußgängerzone an diesem netten Postkartenständer vorbeikam.

Warum halten sich, allen Genderstudien und Gleichberechtigungs-Beteuerungen zum Trotz, gerade im Bezug auf die Unterschiede der Geschlechter all diese Stereotypen? (fragte ich mich, nicht zum ersten Mal).

Ich glaube, das liegt daran, dass wir als Gesellschaft noch immer keinen wirklichen Weg gefunden haben, über die Geschlechterdifferenz politisch zu verhandeln. Stattdessen behandeln wir die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wie einen Untersuchungsgegenstand, der erklärt und erforscht werden muss. Da tummeln sich dann auf der einen Seite die Hirn-, Evolutions- und Genforscher_innen, die in ihren Labors nach wissenschaftlichen Ursachen forschen. Auf der Gegenseite stehen die Dekonstruktivist_innen, die, meist mit kultur- und sprachwissenschaftlichem Instrumentarium, den Nachweis führen, dass die Geschlechterdifferenz gar keinen natürlichen Grund hat, sondern konstruiert und “gemacht” ist. Die Debatte ist im Prinzip schon ungefähr ein paar Jahrhunderte alt und dreht sich aus meiner Sicht weitgehend im Kreis.

Mein Vorschlag wäre, das Pferd einmal vom anderen Ende her aufzuzäumen und das Mann-Frau-Ding nicht als wissenschaftliches, sondern ernsthaft als politisches Thema zu sehen. Denn dafür ist es erst einmal völlig unerheblich, woher die Unterschiede zwischen den Geschlechtern kommen. Fakt ist: Sie sind da, in einer konkreten Situation, und verursachen dort Konflikte, die zu bearbeiten sind.

Nehmen wir als Beispiel mal wieder den Dauerbrenner Kinderbetreuung. Fakt ist, dass Frauen und Männer derzeit im Schnitt sehr unterschiedliche Entscheidungen treffen bezüglich der Frage, wie viel Zeit sie aufwenden und wie viel berufliche Kompromisse sie eingehen, wenn sie Kinder haben. Geht man das Thema bloß wissenschaftlich an, sagen die einen, Frauen hätten eben ein Muttergen oder irgendetwas dergleichen, die anderen halten dagegen, das Kinderversorgen werde den Frauen eben an- und den Männern abtrainiert. Auf diese Weise wird der politische Konflikt dahinter verschleiert, der darin besteht, dass unsere Gesellschaft und Ökonomie momentan so eingerichtet sind, dass die im Schnitt “männlichere” Art den betreffenden Personen (die auch Frauen sein können, es aber seltener sind) große finanzielle und auch sonstige Vorteile einbringt, während die “weibliche Art” (die auch Männer haben können, wenn das auch seltener der Fall ist) Nachteile einbringt. Diese Tatsache besteht vollkommen unabhängig davon, welche Ursache die statistisch unterschiedlichen Präferenzen von Frauen und Männern haben. Die Geschlechterdifferenz ist hier – und meine These ist: in vielen anderen Fällen auch – nicht selber das Problem, sondern sie zeigt ein Problem an: Dass Menschen, die Kinder versorgen, bei uns benachteiligt werden. Und die politische Frage ist: Wollen wir das?

Ein anderes derzeit häufig diskutiertes Beispiel ist die Frage nach Karrierechancen von Frauen und Männern und ihr Unterthema “ungleiche Bezahlung”. Da sagen die einen - auch das skizziere ich natürlich verkürzt – Frauen seien im Prinzip selber schuld, weil sie nicht aggressiv genug verhandeln, nicht selbstbewusst genug auftreten und so weiter. Die anderen hingegen weisen darauf hin, dass die Strukturen immer noch ungerecht sind, dass Frauen immer noch diskriminiert werden, dass es “die gläserne Decke” gibt und so weiter.

Aber auch hier gilt: Um das Thema politisch zu verhandeln ist es zunächst einmal völlig egal, warum Frauen und Männer sich, in Bewerbungsgesprächen und Gehaltsverhandlungen zum Beispiel, im Durchschnitt unterschiedlich verhalten, Fakt ist, dass sie es tun, und dass daraus eine gesellschaftliche Ungerechtigkeit entsteht. Und wiederum ist nicht die Geschlechterdifferenz selber das Problem, sie ist nur ein Indikator, der uns als Gesellschaft auf ein Thema hinweist, das diskutiert gehört: Wollen wir, dass es immer die Lautesten, Angeberischsten und Dreistesten sind, die den Schnitt machen?

Das Lachen über die Klischees, um zum Anfangsgedanken zurückzukommen, ist daher zweischneidig. Einerseits ist es billig und banal und natürlich falsch: Es stimmt nicht, dass “die Frauen so” und “die Männer so” sind. Andererseits aber erinnern uns solche dummen Sprüche daran, dass da auf dem Grunde unserer emanzipierten Gesellschaft ein Gespenst umgeht, das wir geflissentlich versuchen wegzuerklären, das aber wie ein ungebetener Gast immer wieder hartnäckig an unsere Türen klopft. Ganz nach dem Motto: ”Eigentlich müsste man was unternehmen”. Genau. Müsste man.


Neulich hatte ich mal wieder eines dieser „Was-machst-du-bloß-die-ganze-Zeit-in-diesem-Internet“-Gespräche. Dabei kamen wir auch auf einen Aspekt zu sprechen, der mir vorher gar nicht so klar war.

Ausgangspunkt war die Vermutung meiner Bekannten, ich müsste doch sicher sehr viel Zeit dafür aufwenden, zu überlegen, was ich schreiben will und all diese Themen zu finden. Daraufhin erwiderte ich, dass dieser Zeitaufwand relativ klein ist, weil ich mich nämlich nicht hinsetze und mir Extra-Zeit nehme, um zu überlegen, was ich bloggen und schon gar nicht, was ich twittern will, sondern dass ich einfach genau das schreibe, was mir ohnehin durch den Kopf geht. Das Denken lässt sich ja schließlich nicht abstellen, irgendwas denkt man immer, Gedanken schießen mir automatisch durch den Kopf, wenn ich etwas lese, sehe oder höre und so weiter. Und das wird dann, je nach Gewicht, zu einem kleinen Tweet oder einem längeren Blogpost verarbeitet.

Die Bekannte fand das nicht wirklich prickelnd. Wenn sie einen Roman liest, sagte sie, eines meiner Beispiele aufgreifend, dann gehe es doch wirklich niemanden etwas an, was sie dazu denkt. Das sei doch auch für die meisten sowieso ganz uninteressant. Und schließlich wolle sie doch auch mal entspannen und etwas nur für sich tun.

Mit diesem letzten Punkt hat sie natürlich recht. Mit den beiden ersten aber nicht – oder zumindest nicht mehr nach den Maßstäben des Web 2.O. Leicht widerlegt ist ihr zweiter Einwand: Das, was sie denke, sei doch für die meisten Menschen total uninteressant. Das mag zwar sein. Aber das ist ein Argument aus dem Zeitalter der Massenmedien. Im Internet kommt es auf Zahlen nicht mehr an, denn auch wenn ein Blog nur von fünf Leuten gelesen wird, die dafür – aus welchen Gründen auch immer – an dem Thema höchst interessiert sind, ist es eine schöne und wichtige Sache.

Der eigentlich interessante Punkt ist ihr erster Einwand: Dass es doch niemanden etwas angehe, was sie beim Lesen eines Romans (oder beim Beobachten der Welt insgesamt) so denkt. Geht das wirklich niemanden etwas an? Klar, in Zeiten wie den bisherigen, in denen die Welt schön aufgeteilt war in „öffentlich“ und „privat“ und in der wir entsprechend auch Profis dafür bezahlten, dass sie „öffentliche Meinung“ produzieren, während wir unsere Privatmeinung nur im kleinsten Kreise zirkulieren ließen – da war so eine Haltung verständlich. Aber war das wirklich eine ideale Situation? Oder war sie nicht einfach nur der Unzulänglichkeit der früheren Medien geschuldet, die es ja aus technischen Gründen ganz unmöglich machten, dass alle ihre Meinung sagten?

Ich denke, das Internet bringt uns wieder zurück zu dem, was die alten Griechen „Polis“ nannten – also einer Gesellschaft, die davon lebt, dass alle (bei den alten Griechen waren es nur die freien Männer, aber sagen wir heut mal, wirklich alle) sich an der „öffentlichen Meinungsbildung“ beteiligen. Eine Gesellschaft, die Politik als Diskurs der Verschiedenen versteht und im Gespräch, Austausch und Konflikt unter diesen vielen versucht, eine gute Lösung herauszufinden. Mit dem Internet besteht jedenfalls erstmals möglicherweise die Chance, dies auch in einer Polis zu bewerkstelligen, die aus mehr als ein paar hundert Menschen besteht.

Die Notwendigkeit, eine neue Art von „öffentlicher Meinung“ zu pflegen, liegt ja auf der Hand, wenn man sich den doch recht desolaten Zustand der bisherigen Profimeinungsmacher (Medien und politische Verbände bzw. Parteien gleichermaßen) anschaut. Je schlechter die werden, umso notwendiger ist es, dass sich andere Leute mit qualifizierten Beiträgen an der öffentlichen Diskussion beteiligen. Und es ist ja nicht so, dass die „Privatleute“ hier nichts beizutragen hätten. Sie wissen Sachen, haben Erfahrungen, sind originell, können Ratschläge geben oder kennen meinetwegen auch tolle Kochrezepte. Wir alle haben schließlich auf Kosten der Allgemeinheit eine Ausbildung genossen. Wäre es da nicht auch angemessen, davon der Allgemeinheit wieder etwas zurückzugeben? In Form von klugen Tweets oder Blogpost etwa? Oder auch in Form von Kommentaren und replys?

Ist es, anders gefragt, nicht ziemlich geizig und egoistisch, das eigene Wissen für sich selbst zu behalten, indem man aus dem Internet zwar gerne alle möglichen Sachen herausholt – aber nichts selber dazu beiträgt?

Das bedeutet natürlich auch eine andere Verantwortlichkeit auf Seiten derer, die als „Privatpersonen“ das Netz mit Inhalten füllen. Bisher gibt es dort in der Tat eine ganze Reihe von Leuten (und damit meine ich nicht nur die ausgewiesenen Trolls), die zwar in der öffentlichen Debatte mitmischen, sich dabei aber quasi in der Logik der früheren Privatleute aufführen. Sie blöken Stammtischparolen hinaus in die Welt, und offenbar geht es ihnen eher darum, vor ihren Freunden anzugeben und sich unter ohnehin schon Gleichgesinnten als besondere Radikalinskis hervorzutun, als darum, wirklich etwas Wertvolles zum allgemeinen Wohl beizusteuern. Verantwortlichkeit als Polis-Bürger_in bedeutet, dass ich der Allgemeinheit etwas von dem zurückgebe, was ich von ihr bekommen habe. Und dass ich das tue in dem Wissen, dass andere anders sind, also mich bemühe, mein Wissen ihnen auch zu vermitteln, in einem respektvollen gegenseitigen Diskurs.

Natürlich gibt es nicht wirklich eine Pflicht zum Bloggen (die Unterscheidung zwischen Pflicht und Spaß gehört selber auch auf den Müllhaufen der Geschichte, aber das ist ein anderes Thema). Doch gibt es heute eine viel größere Verantwortlichkeit für die Art und Weise, wie sich der oder die Einzelne am öffentlichen Diskurs beteiligt – oder eben auch nicht. Die Entscheidung dagegen ist jedenfalls genauso kritisch zu hinterfragen, wie die Entscheidung dafür.


Ich kann mich noch erinnern, dass ich auf Mary Daly ganz schön sauer war. Es muss irgendwann Ende der 1980er Jahre gewesen sein, da hielt sie einen Gastvortrag in Frankfurt und ich war Volontärin beim Evangelischen Pressedienst. Ich hätte an diesem Tag eigentlich frei gehabt, ein Kollege sollte den Termin wahrnehmen. Aber dann musste ich hin – denn Mary Daly ließ mitteilen, dass Männer zu ihren Veranstaltungen nicht zugelassen sind.

Manche Leute müssen eben zu ihrem Glück gezwungen werden. Jedenfalls fand ich ihre radikale Christentumskritik so interessant, dass ich mir sofort ihr Buch “Jenseits von Gottvater, Sohn und Co.” kaufte. Und offenbar hab ich es gründlich gelesen und viel Interessantes darin gefunden. Rund um das Inhaltsverzeichnis habe ich nämlich massenweise Stichworte mit Seitenverweisen notiert, von Aristoteles und Spinoza über Marxismus und Männer bis zu Krankheit und dem Heiligen Geist:

Ich habe diesen Weg der Religionskritik, die Daly zu einer weiblich-lesbischen Neuerfindung von Spiritualität führte, jedoch nicht weiter verfolgt, sondern mich überhaupt von der Theologie ab- und der Politikwissenschaft zugewendet. Dabei verlor ich auch Mary Daly irgendwann aus den Augen. Noch einmal erlebte ich sie live – es muss Ende der neunziger Jahre gewesen sein, im Bürgerhaus Bornheim - , aber ich erinnere diese Veranstaltung mit einem gewissen Unbehagen. Wie ein Popstar kam sie damals auf die Bühne, umjubelt von Hunderten von begeisterten Frauen, die ohne jede kritische Nachfrage jedes Wort von ihr in sich aufsogen. Ich fühlte mich nicht wohl, weil es dort keinen Platz gab für meine Kritik, für meinen Widerspruch. Andererseits: Wer wollte den Frauen vorwerfen, dass sie auch das Bedürfnis nach Heldinnen haben?

Aus Anlass ihres Todes – Mary Daly starb am 3. Januar im Alter von 81 Jahren – kamen all diese Erinnerungen wieder hoch. Und ein bisschen wehmütig nehme ich Abschied von einer Frau, die den Mut zu einer denkerischen Radikalität hatte, die es heute im Feminismus viel zu selten gibt. Ihre Bücher sind es nach wie vor Wert, gelesen zu werden. Stehen Sie eigentlich heute auf der “Mustread”-Liste im Studium der Theologie, der Philosophie, der Gender-Studies? Ich hoffe doch sehr, denn da gehören sie definitiv hin.

Zum Schluss noch ein Lesetipp zum Thema: Im Internetforum  “Beziehungsweise weiterdenken” erzählen Michaela Moser, Ina Praetorius und Astrid Wehmeyer von ihrem persönlichen Weg mit Mary Daly.


Enttäuschende Urlaubslektüre: In dem Sci-Fi-Sammelband "Queer Dimensions" bleiben die Männer weitestgehend unter sich.

Eigentlich sollten Queer und Sci Fi gut zusammen: Wer im Weltall herumschwebt oder in die Zukunft reist, könnte da schließlich auf Lebensformen treffen, die die Normalität des heterosexistischen Erdenlebens in Frage stellen. Das jedenfalls war meine Hoffnung, als ich mir dieses – bisher nur in Englisch vorhandene – Buch bestellte. Schließlich bin ich ein großer SciFi-Fan und kaum ein anderes Genre ist so geeignet, um die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die dazugehörigen terranischen Rollenklischees zu hinterfragen, und die interessante Beziehung zwischen Frauen und Aliens beschäftigt mich schon eine ganze Weile.

Umso enttäuschter war ich darüber, dass die hier versammelten Geschichten vollkommen konventioneller Natur sind. Piefkelig wie ich in diesen Dingen nunmal bin (und weil ich im Urlaub war und viel Zeit hatte), hab ich das mal durchgezählt: Von 17 Geschichten haben 14 eine männliche Hauptfigur. Soviel Männerüberschuss findet man heutzutage sogar in der heterosexistischen Mainstreamwelt nur noch selten. Von den restlichen drei Geschichten, die weibliche Protagonistinnen haben, entfaltet eine zudem eine Schreckensvision von einer totalitär-matriarchalen Zukunftswelt, die der Feministin in mir auch keine rechte Freude bereitet hat.

Und dabei hatte es so viel versprechend begonnen: Immerhin sieben Geschichten sind nämlich von Frauen geschrieben worden. Doch auch sie wählten – mit einer Ausnahme – männliche Protagonisten. Vielleicht ein Zugeständnis an das generell eher männliche Sci-Fi- Publikum? Das könnte eine Erklärung sein. Bekanntlich fällt es Männern ja schwer, sich mit Heldinnen zu identifizieren.

Aber die Frage der Hauptperson ist nur das eine. Nur in ganz wenigen Geschichten wird die Geschlechterdifferenz überhaupt auch nur am Rande thematisiert. Sieben Geschichten haben nicht einmal als Nebenfigur eine Frau, die Männer kommen hier völlig autark mit sich alleine aus. Und in fünf weiteren kommen Frauen zwar vor, aber bloß in der Rolle von Prostituierten, Bösewichten oder als Maschine – das queere Universum scheint eines zu sein, in dem Frauen als ganz real menschliche Gegenüber so gut wie ausgerottet sind.

Das Projekt „Queer“ scheint jedenfalls weitgehend in „Schwul“ aufzugehen. 13 der 14 männlichen Protagonisten lieben andere Männer, wobei die Geschichten in zwei Kategorien auseinanderfallen: Sechs davon sind ganz normale Sci-Fi-Geschichten, wo die Helden mehr oder weniger zufällig Liebesbeziehungen zu Männern unterhalten, wären sie hetero, könnte die Handlung ganz genauso ablaufen. Sechs andere feiern dezidiert das Gelingen von Männerbeziehungen und dekorieren das mit ein paar Sci-Fi-Versatzstücken: Ein altes Paar, das sich auseinander gebt hatte, findet nach einer außerirdischen Intervention wieder zusammen, zwei junge Männer entdecken mithilfe von Aliens, dass sie sich gegenseitig attraktiv finden, zwei Raumfahrer überwinden den Verlust eines dritten gemeinsamen Ehemannes, die Affäre eines jungen Rebellen mit einem Zeitreisenden macht aus diesem einen erfolgreichen Freiheitskämpfer und so weiter.

Jede einzelne dieser Geschichten feiert die Liebe unter Männern als eine gelungene – Happy End ist hier Pflicht. Nun ist gegen Erzahlungen über das Glück schwuler Liebe im Prinzip ja auch nichts einzuwenden (außer vielleicht, dass die ausführlichen Schilderungen muskulöser Männertorsos und praller Penisse auf die Dauer für die an Männersex nicht interessierte Leserin etwas langweilig ist). Ärgerlich ist aber, dass im Gegenzug in dem ganzen Buch nicht eine einzige gelingende lesbische Beziehung geschildert wird. Die gerade mal zwei Frauenbeziehungen, die überhaupt vorkommen, verlaufen unglücklich: Die eine Protagonistin kann ihre Geliebte nicht vor dem Suizid retten, die andere scheitert, weil die Geliebte sich als unbekehrbare Hetera entpuppt.

Krasser kann das Missverhältnis nun wirklich nicht ausfallen. Noch etwas fand ich im Übrigen sehr aufschlussreich: Queer hin oder her, offenbar ist das Bedürfnis, die klare Aufteilung von Menschen in „männlich“ oder „weiblich“ aufzubrechen, keineswegs so groß, wie immer behauptet wird. Obwohl sich die Idee, androgyne Wesen oder weitere dritte, vierte oder fünfte Geschlechter zu erfinden, in einem Genre wie diesem eigentlich geradezu aufdrängt, fehlt davon in den Geschichten jede Spur. Gerade mal zwei geschlechtlich nicht eindeutige Figuren kommen in dem gesamten Buch vor, in ganz unwichtigen Nebenrollen.

Klar ist, dass sich dieses vernichtende Urteil natürlich nur aus dem Gesamtbild der Sammlung ergibt. Was die einzelnen Geschichten angeht, so sind durchaus interessante darunter – die einzelnen Autorinnen und Autoren können ja gewissermaßen nichts für den Kontext, in dem ihre Erzählungen erscheinen. Vielleicht ist das Angebot an „queeren“ Geschichten auch so gering, dass der Herausgeber einfach nichts Besseres auftreiben konnte. Dann aber hätte er auf das Label „Queer“ im Titel doch besser verzichtet. Eine Sammlung schwuler SciFi-Geschichten wäre ja auch ganz nett gewesen, und ich hätte das dann ja nicht lesen müssen.

So aber muss die Feministin resumieren, dass das Label „Queer“ nicht unbedingt ein Gütesiegel ist, im Gegenteil. Es dient nur allzu leicht als Rechtfertigung, um die Dominanz des Männlichen im Mantel der eigenen angeblichen sexuellen Fortschrittlichkeit umso mehr zu zementieren.

Oder besteht die „queere“ Hoffnung vielleicht tatsächlich bloß darin, dass man sich mit diesen lästigen Frauen erst gar nicht mehr auseinandersetzen muss?

James EM Rasmussen (Hg): Queer Dimensions. QueeredFiction 2009, 12,99 Euro. www.queeredfiction.com


Immer wieder stellt sich in feministischen Blogs die Frage, wie Frau mit den Kommentaren von Männern umgehen soll, die zwar nicht komplett beleidigend oder maskulinistisch sind (die können ohne weiteres gelöscht werden), aber doch in einem belehrenden und besserwisserischen Jargon daherkommen, der ein großes Unbehagen auslöst, bei mir jedenfalls. Das kommt gar nicht so selten vor. Einerseits tragen diese Kommentare nur sehr wenig zur inhaltlichen Diskussion bei. Andererseits steckt dahinter möglicherweise tatsächlich eine ernsthafte Absicht, mit feministischen Ideen ins Gespräch zu kommen, die sich nur unbeholfen ausdrückt. Oder die zumindest einen Konflikt eröffnet, der es Wert wäre, ausgetragen zu werden.

Im Internetforum www.bzw-weiterdenken.de hat sich diese Frage kürzlich auch gestellt, und Dorothee Markert, eine der Redakteurinnen, hat darauf eine so brillante Antwort verfasst, dass ich sie – mit ihrem Einverständnis – auch in meinem Blog verbreiten möchte. Denn ich glaube, das Problem stellt sich nicht nur bei mir, und ihre Analyse kann auch für andere Blogbetreiberinnen erhellend sein. (Den Artikel von Juliane Brumberg und den Kommentar von Frank, auf den sich die Replik bezieht, könnt Ihr hier nachlesen).

Lieber Frank, eigentlich hätte ich dafür plädiert, nur den Anfang deines Kommentars zu veröffentlichen, der sich wirklich auf Juliane Brumbergs Artikel bezieht. Aber da der gesamte Kommentar bilderbuchmäßig aufzeigt, was eine fruchtbare politische Zusammenarbeit zwischen Männern und Frauen so schwierig macht und damit auch deine vorwurfsvolle Frage beantwortet, warum sich nicht mehr Frauen in den von Männern eingerichteten politischen Institutionen engagieren, möchte ich ihn dafür nutzen, dies noch besser sichtbar zu machen.

Mir ist bei den Kommentaren von Männern in diesem Forum aufgefallen – mit ganz wenigen Ausnahmen -, dass sie entweder von oben herab belehrend, tadelnd oder beleidigend sind. Beleidigend ist dein Kommentar nicht direkt, aber dein Empörtsein über die Frauen, die dauernd mit etwas unzufrieden sind, was die Männer so machen, ist deutlich spürbar. Statt dem Belehren von oben herab (“Ich weiß es besser”, “Ich weiß mehr als du”) wäre eine kommunikationsfreudigere Haltung ein echtes Fragen, von Interesse und Neugier getragen, die immer auch Lernbereitschaft beinhalten.

Da du ja offensichtlich nicht verstanden hast, was Juliane dagegen hat, dass die gefundene Figur ausschließlich als Sexual- und Fruchtbarkeitssymbol gedeutet wird, hättest du einfach nachfragen können. (Oder Julianes Artikel etwas genauer lesen). Dass viele Männer Frauen gegenüber eine wirkliche Fragehaltung so selten einnehmen können, hat wohl damit zu tun, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass Frauen eine andere Sicht der Welt haben könnten als sie selbst (Der Fachbegriff dafür ist “Androzentrismus”). Und zwar unterschiedliche Frauen auf unterschiedliche Weise. Dass sie vielleicht noch etwas anderes sein wollen als Symbole für Sexualität und Fruchtbarkeit, auch wenn du findest, dass daran doch gar nichts auszusetzen ist, weil Sexualität aus deiner Sicht eine feine Sache ist. Nun, für Frauen trifft das nicht unbedingt immer zu, vor allem dann nicht, wenn ihr männliches Gegenüber sich kein bisschen dafür interessiert, wer eine Frau als Person ist.

Der Tadel im zweiten Teil deines Kommentars, dass Frauen sich mit aus deiner Sicht unwichtigen Themen beschäftigen, beispielsweise andere Benennungen ihrer Sexualorgane oder die klischeehafte Deutung einer eiszeitlichen Figur, anstatt sich um ordentliche Bezahlung für ihre Arbeit zu kümmern, ist ebenfalls wenig förderlich für ein fruchtbares Gespräch. Wiederum weißt du alles besser, weißt, was die Frauen zu tun hätten und findest es “beschämend”, dass sie es nicht so machen, wie du es für richtig hältst. Von wohlwollendem Interesse an dem jeweiligen Hintergrund für das Verhalten der Frauen, durch das du möglicherweise zu einer anderen Einschätzung kommen könntest, keine Spur. Vielleicht gibt es ja für Frauen, zumindest für manche, noch etwas Wichtigeres, als viel Geld zu verdienen?

Deine Empörung, die du im dritten Teil deines Kommentars ausdrückst, erinnert mich an meinen (1916 geborenen) Vater, wenn ich ihm als Jugendliche zu widersprechen wagte: Ich sollte erst einmal das und das geleistet haben, bevor ich es wagen könnte, Kritik zu äußern. Vielleicht steht ja hinter dieser Empörung die Enttäuschung, dass eine Frau unzufrieden damit ist, wie die guten Familienväter (die Patriarchen) die Welt eingerichtet haben, wo sie doch an alles gedacht haben, was aus ihrer Sicht wichtig ist: Gewerkschaften, politische Parteien, Gremien, Infostände auf der Straße. Und jetzt laden sie sogar die Frauen auch noch ein dazu, und die wollen gar nicht mitmachen. Nun, lieber Frank, du hast etwas Wichtiges nicht mitgekriegt, weil du vielleicht den Frauen noch nie wirklich zugehört hast: Das Patriarchat ist zu Ende. Und die Frauen, die immer schon eigene Gedanken dazu hatten, wie die Welt gestaltet werden sollte, lassen sich nicht mehr durch Belehrungen, Tadel und Beleidigungen davon abhalten – in Zusammenarbeit mit Männern, die ihnen wirklich zuhören – an einer neuen Welt zu bauen. Du kannst das auch positiv sehen: Ihr Männer müsst das gar nicht allein schaffen, ihr müsst nur lernen, wie Gespräche auf gleicher Augenhöhe gehen.


Die Volksabstimmung in der Schweiz, bei der eine deutliche Mehrheit für ein Verbot von Minaretten votierte, hat erneut eine Diskussionen über das Verhältnis von Feminismus und Islam ausgelöst. Es sieht so aus, als hätten zahlreiche Frauen für das Minarettverbot gestimmt, um ein symbolisches „Zeichen“ gegen die untergeordnete Stellung zu setzen, die „der Islam“ nach Überzeugung vieler den Frauen zuweist.

Dies ist nur das jüngste Beispiel, wie seit geraumer Zeit in der öffentlichen Debatte ein prinzipieller Gegensatz zwischen Feminismus und Islam konstruiert wird. Entweder, so scheint es, tritt man für weibliche Freiheit ein und muss daher der Ausbreitung des Islam in Deutschland bzw. der Schweiz Grenzen setzen. Oder aber man übt sich in multikultureller Toleranz – und kneift auch mal ein Auge zu, wenn es manche Muslime mit den Rechten von Frauen nicht so ganz genau nehmen.

Doch dies ist ein falscher Dualismus. Denn je mehr in der öffentlichen Debatte behauptet wird, Frauenemanzipation und Islam passten nicht zusammen, desto mehr wird genau dies hervorgerufen. Muslimische Frauen, die sich für eine Verbesserung der Lage von Frauen in ihren jeweiligen Communities einsetzen, geraten dadurch in eine Zwickmühle: Ihre feministischen Anliegen können dann nämlich von patriarchalen und konservativen Muslimen nur allzu leicht als „westliche Infiltration“ und als „unmuslimisch“ ausgelegt werden. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis.

Denn wer soll für mehr Freiheit muslimischer Frauen eintreten, wenn nicht muslimische Frauen selbst? Wie sollen sich feministische Ideen innerhalb des Islam ausbreiten, wenn es nicht feministische Musliminnen gibt?

Offenheit gegenüber dem Islam und multikulturelle Offenheit bedeutet jedenfalls gerade nicht, sich mit den frauenfeindlichen Aspekten, die es natürlich auch im Islam gibt, abzufinden oder sie in irgendeiner Weise zu tolerieren. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Offenheit ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass die eigenen feministischen Argumente eine Chance haben, gehört zu werden und Veränderungen anzuregen. Nur eine politische Praxis, die sich ernsthaft für die Anliegen und Wünsche muslimischer Frauen interessiert und in ihnen nicht bloße Missionsobjekte für westliche Emanzipationsvorstellungen sieht, kann sich auch der Auseinandersetzung über unterschiedliche oder konträre Vorstellungen stellen. Wer keinen wirklichen Dialog führen will, kann auch niemanden überzeugen.

Feministische Erkenntnisse und Ideen, die Frauen im Westen entwickelt haben, werden für Musliminnen jedenfalls nur dann inspirierend sein, wenn sie in einem wirklichen Dialog vermittelt werden. Dazu gehört, dass sich ihre Vertreterinnen auch selbst in Frage stellen lassen und nicht so tun, als hätten sie die einzig wahre Heilslehre bereits gefunden. Schließlich ist auch in Bezug auf die Freiheit der Frauen im Westen noch längst nicht alles in Butter. Wer immer einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen „dem Islam“ und „dem Feminismus“ behauptet, erweist jedenfalls der Freiheit muslimischer Frauen (und damit im Übrigen der Freiheit der Frauen generell) einen Bärendienst. Egal, ob es sich dabei nun um konservative, patriarchale Muslime handelt oder um westliche „Multikulti“-Kritiker_innen.


Kürzlich wurde über eine neue Studie des Sinus-Institutes berichtet, bei der 30 männliche Führungskräfte in Tiefeninterviews nach ihrer Haltung zum Thema “Frauen in Führungspositionen” befragt wurden. Die Ergebnisse, von denen der verantwortliche Soziologe Carsten Wippermann im Interview mit Zeit-online berichtet, sind interessant.

Diese schöne Postkarte stammt von der Künstlerin Dorothea Siegert-Binder. www.siegert-binder.de

Zunächst einmal haben sich alle Befragten im Prinzip sehr positiv über Frauen in Führungspositionen geäußert. Das sollte man nicht einfach nur als bloßes Zugeständnis an die politische Korrektheit im heutigen Gleichstellungsparadigma abhaken. Es ist für Frauen, die sich innerhalb von Unternehmen bewegen, durchaus nicht unwichtig, dass sie mit prinzipieller Ablehnung, wie sie ambitionierten Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten entgegenschlug, heute nicht mehr zu rechnen haben.

Bei tieferen Nachfragen zeigte sich jedoch, dass es durchaus Vorbehalte gibt, und zwar in drei Typen, die Wippermann so beschreibt: “Alle 30 von uns befragten Manager konnte man einem Typus zuordnen. Der eine ist sehr konservativ. Bei ihm kann man eine kulturelle und funktionale Ablehnung von Frauen qua Geschlecht ausmachen. Zitate aus den Interviews sind: Frauen seien eine Irritation im inner circle und unerwünscht im Vorstand. Der andere Typus hat eine emanzipierte Grundhaltung und geht davon aus, dass Frauen chancenlos gegen die Machtrituale seien. Das Topmanagement verlangt Härte und das steht im Widerspruch zum Frauenbild in unserer Gesellschaft. Es fielen Formulierungen wie: Ein Vorstandsposten ist eine andere Sportart – und Frauen hätten nicht die Härte dafür. Frauen, die entsprechend auftreten, wirken dann nicht mehr authentisch – und für diesen Typus ist aber Authentizität ein sehr wichtiger Erfolgsfaktor. Der dritte Typus zeigt einen radikalen Individualismus. Diese Männer sagen, dass das Geschlecht eigentlich keine Rolle dabei spielt, wenn es um die Besetzung einer Führungsposition geht. Aber es gebe nicht genügend Frauen, die authentisch und flexibel genug dafür seien.”

In der Berichterstattung über diese Studie dominierte das Klagen darüber, dass diese Haltungen Frauen nach wie vor durch eine “gläserne Decke” davon abhalten, in Führungspositionen vorzudringen. So schreibt Heide Oestreich in der taz: “Kurz gesagt haben wir hier einen hübschen Teufelskreis der Vorurteilsstrukturen: Frauen können per “Weiblichkeit” nicht Chef werden. Ändern sie ihr Verhalten Richtung “Männlichkeit”, können sie erst recht nicht Chef werden, weil sie dann nicht authentisch sind. wonach Frauen von (männlichen) Führungskräften auch heute noch oft als “Störfaktoren” angesehen werden.”

Aus gleichstellungspolitischer Perspektive ist das natürlich zu bedauern. Ich hingegen finde es ziemlich gut, dass Frauen innerhalb der Wirtschaftsunternehmen als “Störfaktoren” angesehen werden – und es möglicherweise sogar hin und wieder auch tatsächlich sind. Denn so, wie diese Kreise derzeit agieren, kann es dort ja gar nicht genug Störungen geben. Das “störende” Potenzial von Weiblichkeit birgt daher – gerade in Kombination mit einer prinzipiellen Aufgeschlossenheit für mehr Frauen in Führungspositionen” – aus meiner Sicht eine Chance für Veränderung, die es zu nutzen gilt. Damit das gelingt, ist aber wichtig, zu verstehen, woher sie kommt.

Bei den Positionen der befragten Männer handelt es sich nämlich nicht einfach nur um “Vorurteile”, die in der Realität völlig unbegründet sind und nur ihrer insgeheim immer noch patriarchalen Phantasie entspringen. Vielmehr fassen sie hier eine Realität in Worte, freilich auf unbeholfene und unbefriedigende Art und Weise, die verstanden werden muss, wenn es überhaupt eine Chance geben soll, dass sich an der Situation einmal etwas ändert.

Vor allem ist es wichtig, irreführende und falsche Argumentationen zu vermeiden. Wenn zum Beispiel auf reine Assimilation der Frauen gesetzt wird, hilft uns das nicht weiter. In diesen Strang gehört sowohl das Bemühen, Frauen dazu zu bringen, sich “männliche” Verhaltensweisen anzueignen (auch dann, wenn sie das eigentlich nicht wollen) als auch der Versuch, Männern klar zu machen, dass Frauen “eigentlich” doch gar keine Störfaktoren seien. Vielmehr ist beides politisch zu verhandeln: Die Frauen sollten darüber reden, wenn sie mit bestimmten Verfahrensweisen, Abläufen, Ritualen und Maßstäben in einem Unternehmen nicht einverstanden sein, und die Männer sollten darüber reden, wann und wo und eventuell warum sie sich von Frauen “gestört” fühlen.

Ganz genauso wichtig ist es aber, dass diese “Störungen”, dort, wo sie auftreten, nicht auf eine angeblich “natürliche” Differenz der Geschlechter zurückgeführt werden, nach dem Motto “Frauen sind eben so” oder “Männer sind eben so”. Denn damit werden die konkreten Konflikte zum Klischee gemacht und der Notwendigkeit einer politischen Verhandlung entzogen. Worum es geht, das sind immer die beteiligten Personen in einer bestimmten, konkreten Situation. Diese Konflikte und Differenzen sind fruchtbar zu machen, und sie dürfen weder an einem vorab gegebenen Maßstab der “Gleichheit” noch an einem vorab gegebenen Maßstab der “Differenz” gemessen werden.

In unserer 1999 erschienenen Flugschrift “Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn” haben wir das Phänomen, um das es hierbei geht, das “männliche Imaginäre” genannt. Dort schreiben wir: “Männer nutzen öffentliche Ämter und Funktionen – genau wie den Bereich der beruflichen Tätigkeit – um sich ihre männliche Größe zu spiegeln. Die Erfahrung der Frauen, dass die Politik der Frauenförderung in Wirtschaft und Politik auf so hinhaltenden männlichen Widerstand stößt, hat nicht nur mit konkreten materiellen und Macht-Interessen zu tun. Es geht vielmehr um das männliche Imaginäre: Männer verteidigen Männer-Räume, weil sie ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Männlichkeit unter Männern zu spiegeln. In unserer Kultur ist das männliche Imaginäre nun aber fest mit der Besetzung der gesellschaftlichen Macht- und Einflussbereiche sowie mit einer inhärenten Frauenfeindlichkeit verknüpft. Deshalb wird das Vordringen von Frauen … als Bedrohung für die Männlichkeit überhaupt interpretiert.” (S. 44f)

Genau das ist es, was die neue Sinus-Studie erneut bestätigt hat. Es geht bei dem hier zu verhandelnden Konflikt zwischen der männlichen Kultur der Unternehmensführungen und dem “Störfaktor” Weiblichkeit nicht um “natürliche” Geschlechterunterschiede und auch nicht nur um ansozialisierte Differenzen im Verhalten, sondern darum, wie “Männlichkeit” mit diesen Bereichen verknüpft sind, sodass Weiblichkeit dort per se ein Störfaktor ist, völlig unabhängig davon, was eine konkrete Frau tut oder nicht tut, ob sie sich anpasst oder nicht.

Dies erklärt sehr gut die nach wie vor bestehenden männlichen Vorbehalte gegen Frauen in Führungspersonen, die ansonsten angesichts des gleichzeitigen prinzipiellen Bekenntnis zur Gleichstellung ja gar nicht erklärbar wären. Es erklärt aber auch die Schwierigkeiten und das Unbehagen vieler Frauen, sich auf dieses konfliktreiche Feld überhaupt noch zu begeben, das meiner Ansicht nach heutzutage ebenso zur “Wieder-Vermännlichung der Welt” beiträgt, wie die Widerstände seitens der Männer. Denn aufgrund des männlichen Imaginären finden Männer in Führungspositionen eine doppelte Belohnung: Einmal die konkrete Macht, das Geld und den Einfluss, den eine solche Position mit sich bringt, dann aber auch den imaginären Bonus der Bestätigung ihrer Männlichkeit. Für Frauen fällt dieser Bonus weg. Sie bekommen zwar in Führungspositionen ebenfalls Macht und Geld, aber eben keine imaginäre Bestätigung ihrer Weiblichkeit. Genau das ist es, was in den Interviews des Sinus-Institutes zum Ausdruck kam.

Im Paradigma der Gleichheit lässt sich dieses Dilemma nicht lösen. Der einzige Ausweg ist es, den mühsamen Weg der Differenz zu gehen, die – um es noch einmal zu sagen – weder eine natürliche, noch eine bloß ansozialisierte Differenz ist, sondern eine, die der Logik dieser Institutionen und Positionen inhärent ist. Sich das bewusst zu machen, ist der erste Schritt. Frauen sind “Störfaktoren” in diesem Betrieb, und nur, wenn diese Störung gesellschaftlich und politisch thematisiert wird, besteht die Chance, an dieser Situation etwas zu ändern. Es ist ein Schritt, den sowohl die einzelnen Frauen gehen können, die Führungspositionen anstreben, als auch die einzelnen Männer, die mit der männlichen Monokultur der Unternehmensspitzen unzufrieden sind. Und gleiches gilt für jede Politik, die geschlechterbewusste Maßnahmen plant, sowie für alle, die sich theoretisch und analytisch mit diesem Thema beschäftigen.


Diese Woche sah ich abends den Film “Letzes Jahr in Marienbad”, einen alten Film von 1961, in dem sehr häufig das Wort “Balustrade” vorkam. Das Wort hakte sich irgendwie in meinem Kopf fest, und als ich tags drauf durch die Stadt lief, hielt ich Ausschau nach Balustraden. Ich fand natürlich keine. Dafür fand ich ein Plakat, das für eine Tagung zum Thema “Sozialraumorientierung” warb. Und neben dem schönen Wort “Balustrade”, das mich an jenem Tag begleitete, fand ich dieses Wort “Sozialraumorientierung” so unglaublich häßlich.  

Menschen an Balustraden. Szenenfoto aus dem Film "Letztes Jahr in Marienbad".

Die Schönheit und Hässlichkeit von Wörtern ist ein Phänomen, über das ich immer mal wieder nachdenke, seit ich Chiara Zambonis Buch “Unverbrauchte Worte” gelesen habe. Sie schreibt darin über die Möglichkeit einer gegenseitigen Öffnung zwischen den Worten, der Sprechenden und den Dingen, die benannt werden. Worte sind nicht einfach nur neutrale “Platzhalter” für eine angeblich objektive und unverrückbare Realität, sondern beides wirkt aufeinander ein und beeinflusst sich gegenseitig. Wie wir sprechen, welche Worte wir verwenden, um die Realität zu erschließen und uns mit der Welt in Beziehung zu setzen, ist ihrer Ansicht nach eine politische Praxis.

“Unverbrauchte Worte” zu finden (und zu hören) ist dabei keine Frage des Willens, der Technik, der Methode, sondern – so ein Bild von Zamboni – wie ein Schwimmen im freien Meer: “Wir sprechen und bekommen keine Klippe zu fassen, an der wir hochklettern könnten, um uns von oben sprechen zu sehen. Es ist, als wären wir immer draußen im offenen Meer.”

Meine These: Wenn wir die Realität im Sinne eines Besseren verändern wollen, ist es hilfreich, schöne Worte zu finden und hässliche zu meiden. Denn mit hässlichen Wörtern kann die Welt nicht schön werden. Ich glaube, es war Kant, der schrieb, dass über Ästhetik kein abstraktes Urteil möglich ist. Schönheit erkennt man an Beispielen, in der Situation. Man kann nicht definieren, was schön ist, aber man kann das Schöne erkennen, wenn es einer begegnet.

Deshalb wollte ich wissen, welche Wörter andere schön finden und welche sie hässlich finden und startete vor zwei Tagen bei Twitter eine kleine Reihe “Schöne Wörter, Scheißwörter”. Inzwischen hat sich unter dem Hashtag #swsw schon einiges angesammelt. Schön gefunden werden zum Beispiel die Wörter Wischmop, Augenstern, Aubergine, hässlich die Wörter Mobbing, Anpassungsstörung, Liebling…

Mich interessiert auch die Frage, wie weit die Urteile darüber, welche Wörter schön und welche hässlich sind, auseinandergehen. Bisher waren zwei umstritten: Das Wort “Eiterbeule” findet jemand hässlich, ich finde es hingegen ganz schön. Und ich finde das Wort “Lebertran” schön, jemand anderes versieht das mit einem Fragezeichen. Wobei man natürlich unterscheiden muss zwischen dem Wort als Wort und dem möglicherweisen unangenehmen Inhalt, der damit bezeichnet wird. Also das Wort “Lebertran” kann ja nichts dafür, dass der eklig schmeckt.

Hiermit ist die Beispielsammlung samt Diskussion nun auch im Blog eröffnet. Ich bin gespannt.


An und für sich ist die Idee klasse: Eine kleine Geschichte des Anarchismus im Comic-Format. Leider befindet sich der Anarchismus in Deutschland offenbar in einer Zeitschleife. Seit dreißig, vierzig Jahren, so scheint es, bewegt sich hier im Denken rein gar nichts. Anders ist es kaum zu erklären, dass man immer wieder dieselben Dinge wiederkäut. Unter dem Stichwort „Geschichte des Anachismus“ etwa spulen sich reflexhaft die immer selben Namen ab – Stirner, Proudhon, Bakunin, Kropotkin – und öffnen sich immer dieselben Schubladen – individualistischer, kollektivistiser und so weiter Anarchismus und so weiter und so weiter.

Kl_geschichte_d_anarchUnd jetzt gibt es das Ganze eben auch noch als Comic. Nicht einen einzigen Gedanken habe ich in diesem Büchlein gefunden, den ich nicht schon hundert Mal anderswo gehört habe. Nun könnte man natürlich einwenden: Ist die Geschichte denn nicht immer dieselbe? Wieso soll sich daran etwas ändern, wenn es doch nun einmal so war?

Das wäre aber eine recht einfältige Vorstellung. Geschichte erinnern bedeutet immer und unweigerlich, Vergangenes zu interpretieren und auf das Hier und Heute zu beziehen. In einen Dialog mit der Vergangenheit zu treten, in den man selbst auch involviert ist. Deshalb verändern sich Geschichtsbücher im Allgemeinen im Lauf der Jahre. Nicht weil die Geschichte eine andere geworden wäre oder die früheren falsch gewesen wären, sondern weil man selbst sich in der Zwischenzeit verändert hat, andere Fragen stellt, sich für neue Aspekte interessiert.

Und so sagt es nichts Gutes über den Stand des Anarchismus in Deutschland aus, wenn dessen Vertreter immer noch dasselbe über ihre eigene Geschichte erzählen, wie schon vor einem halben Jahrhundert. Wenn sie zum Beipiel immer noch Proudhon unkritisch und unhinterfragt als eine ihrer Leitfiguren feiern, obwohl es gute Gründe gibt, sich gründlich für ihn zu schämen (zum Beispiel, aber nicht nur wegen seiner frauenhasserischen Hetztiraden). Und überhaupt diese Ahnenreihen großer Vordenker – sowas wirkt heute schlicht antiquiert. Aber all die einschlägigen Verdächtigen bekommen auch hier wieder ihre Doppelseite, nur die Männer natürlich. Denn die Frauen werden, ganz wie gehabt, alle in einen Sack gesteckt und unter der Rubrik „Anarchafeminismus“ subsumiert (und müssen sich gemeinsam eine Doppelseite teilen).

Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre: Simone Weil und Emma Goldman in einer Kategorie! Zwei Denkerinnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber sie waren halt Frauen, und das macht es offenbar für manche Leute unmöglich, in ihnen individuelle Denkerinnen zu sehen - so alt, so langweilig.

Natürlich wäre ein revolutionärer Mann nicht wirklich ein revolutionärer Mann, würde er heute noch mit patriarchalem Getue kommen. Im Gegenteil: Heute will man am liebsten auch noch der bessere Feminist sein. Also muss das Prinzip Cover-Girl her: Man setzt ein fesches Mädel auf den Titel, schreibt alles durchgängig mit großem I und malt überhaupt möglichst viele Frauen überall auf die Seiten. Will sich da am Ende noch jemand beschweren?

Beschweren vielleicht nicht, aber desinteressiert abwenden ganz bestimmt. Denn diesen deutschen Anarchisten ist es ja offensichtlich sowieso schnurzpiepegal, was die weibliche Differenz und das Denken von Frauen sie lehren könnte. An Versuchen, ihnen die zu vermitteln, hat es in den vergangenen Jahrzehnten nämlich keinesfalls gefehlt. Sie können sich also – und das zumindest ist anders als vor dreißig, vierzig Jahren – nicht mehr auf einen schlechten Forschungsstand berufen. Wenn sie nur wollten, könnten sie heute mehr wissen. Aber sie wollen halt offensichtlich nicht. Der deutsche Anarchismus, eingewickelt in seine eigene Endlosschleife, genügt sich selbst und interessiert sich nicht für anderes. Und jetzt gibt es den Beweis für diese Ignoranz eben auch in Bildern.

Zum Glück dreht sich die Welt auch ohne sie weiter. Soll dann aber bloß keiner kommen und über die eigene Bedeutungslosigkeit jammern. Sie ist wohlverdient.

Findus: Kleine Geschichte des Anarchismus. Ein schwarz-roter Leitfaden. Verlag Graswurzelrevolution. Heidelberg 2009, 7,80 Euro.