Happy Birthday, Michael Bakunin

Heute vor 200 Jahren wurde Michael Bakunin geboren, der alte Anarchist. Ich habe mich mit ihm im Rahmen meiner Diss über die Erste Internationale ziemlich ausgiebig beschäftigt und ihn dabei fast lieb gewonnen. Bakunins Leben hat der Anarchismus-Historiker Max Nettlau in akribischer Weise nachvollzogen, allerdings ist seine Bakunin-Biografie, soweit ich weiß, immer noch nicht gedruckt. Ich habe sie damals in der französischen Nationalbibliothek gelesen, auf einer per Matritze angefertigten Kopie des handschriftlichen Manuskriptes. Wenn ich mich richtig erinnere, hat Nettlau selbst insgesamt fünf fünfzig solcher Kopien angefertigt und ausgewählten Bibliotheken geschenkt.

bakunin

Okay, ich gebe zu, ich bin von Nettlau mehr beeindruckt als von Bakunin. Aber auch dessen Texte sind nach wie vor lesenswert, zumal wir alle ohnehin mehr anarchistische Theorie lesen sollten. Auch sein Leben ist atemberaubend (zum Beispiel: Wie flieht man von Sibiren über Japan in die USA?), wobei ich mich allerdings nur mit der Zeit ab ungefähr 1860 wirklich gut auskenne.

Kleiner Exkurs: Das hat mich in meiner mündlichen Prüfung in Politikwissenschaft (zum Thema Geschichte des Anarchismus) ins Schwitzen gebracht, weil ich nämlich die Frage nicht beantworten konnte, mit wem Bakunin 1848 zusammen auf den Barrikaden von Dresden gekämpft hat. (Gewinnspiel: der_die erste mit der richtigen Antwort in den Kommentaren bekommt von mir ein Exemplar meines Internationale-Buches geschenkt. Hint: Zeit-Online und SZ wissen die Antwort :)

Falls Ihr nicht die Möglichkeit habt, eins der Nettlau-Manuskripte zu lesen, ist ein guter Einstieg in Bakunins Leben die Biografie von Riccarda Huch, die es inzwischen auch billig über Second Hand gibt.

Überhaupt ist aufschlussreich, wie viele Frauen sich für Bakunin interessiert haben. Das ist inhaltlich durchaus berechtigt, denn anders als viele Zeitgenossen vertrat Bakunin einen egalitären Feminismus – zum Beispiel im direkten Gegensatz zu Proudhon. Andererseits lag ihm das Thema nicht wirklich am Herzen, im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreitern, etwa Elisée Reclus.

Bakunins Verdienste liegen natürlich nicht im Feminismus, sondern in seiner Staatsanalyse, also darin, dass er klar sah, dass die Übernahme staatlicher Strukturen durch die Arbeiterbewegung nicht zu mehr Freiheit führen würde, sondern zu mehr Diktatur (so wie es dann ja leider auch gekommen ist im real existierenden Sozialismus). Sein Gedanke der freien Assoziation ist völlig richtig (und deshalb bin ich auch nicht der Ansicht, dass Bakunin keine nennenswerten Theorien hinterließ, viel viele meinen).

Problematisch war an Bakunin hingegen sein Revoluzzer-Gestus, der ihn zu vielen Fehleinschätzungen verleitet hat. Die Zerstörung bestehender Strukturen allein bringt halt noch keine Revolution, und man muss neue Ordnungen aufbauen. Dafür braucht man die richtigen Leute, aber Bakunin hatte eine große Begabung darin, sich immer die falschen Leute auszusuchen. So unterstützte er oft skrupellose pseudorevolutionäre Jungmacker, zum Beispiel Sergej Nechajev oder Albert Richard, die der Bewegung nur schadeten und nichts nützten. Außerdem setzte er als politisches Mittel viel zu sehr auf dubiose Geheimgesellschaften und sinnlose Aufstände. Von daher hat der Anarchismus viel von seinem weniger schönen Erbe tatsächlich Bakunin zu “verdanken”. André Léo war nicht die Einzige, die sich deshalb mit ihm gestritten hat.

Trotzdem hat Bakunin immer viel Unterstützung von Frauen bekommen. Besonders wichtig war für ihn Zoja Sergeewna Obolenska, eine russische Aristokratin, die sich von ihrem Mann getrennt hatte und mit ihren drei Kindern und ihrem Lebensgefährten ein großes Haus in Vevey am Genfer See führte. Sie war Bakunins wichtigste Geldgeberin in dieser Zeit.

(Einschub: Im Juli 1869 entführte Obolenskas Ehemann mit Hilfe der Schweizer Polizei die beiden jüngeren Kinder und russische Gerichte übertrugen ihm zudem noch die Verfügungsgewalt über Obolenskas Vermögen. Sie floh mit ihrer ältesten Tochter nach Frankreich, dann nach London, später wohl nach Spanien. Die „Affäre Obolenski“ wurde von Bakunin auch als Beleg für eine zunehmende Unsicherheit des Schweizer Exils genommen.)

Wichtig war natürlich auch die Unterstützung von Bakunins Ehefrau Antonia Kwiatkowska. Sie war Polin und deutlich jünger als er (ihr genaues Geburtsdatum weiß ich nicht), geheiratet haben sie 1857. Antonia Bakunin war politisch ebenfalls aktiv, zum Beispiel war sie eine Mitbegründerin der “Allianz der Sozialistischen Demokratie” (eine anarchistische Untergruppierung der Internationale) und Mitorganisatorin der Genfer Frauensektion der Internationale.

Antonia und Michel Bakunin.

Antonia und Michel Bakunin.

Antonia stellte auch Michaels freiheitliche Gesinnung auf den Prüfstand, als sie eine Affähre mit dem Italiener Carlo Gambuzzi anfing und mit ihm zusammen mehrere Kinder bekam. Sie führten dann eine Art “offener Dreierbeziehung” bis zu Bakunins Tod, danach heirateten Antonia und Carlo.

Bakunin hatte unter den Frauen aber nicht nur Freundinnen. Eine seiner vehementesten Gegnerinnen war Elisabeth Dmitireff, die Gründerin der russischen Sektion in Genf. Sie wollte aus der Internationale eine Massenbewegung machen und war aus diesem Grund völlig gegen Bakunins geheimniskrämerische Untergrundmentalität, stattdessen hielt sie es eher mit den eher “maintreamkompatibleren” marxistischen Strategien von Marx. Sie reiste deshalb nach London, wo sie den Generalrat besuchte und Karl Marx kennenlernte, bevor sie dann eine der wichtigsten Aktivistinnen der Pariser Kommune wurde.

Einer ihrer Verbündeten in Genf war Nikolaus Utin, ursprünglich ein Freund Bakunins, der sich aber durch den Einfluss Dmitrieffs von Bakunin distanzierte, was die beiden dann aber weniger auf einer argumentativen Ebene sondern als typischen Boys-Fight austrugen.

Die Atmosphäre, in der damals über solche Dinge verhandelt wurden, wird in diesem Zitat von Bakunin (aus seinen Erinnerungen) deutlich:

„In einer dieser Sitzungen des Zentralbureaus [der Genfer Allianz-Sektion] behandelte man einmal die Zulassung von Frauen in das Bureau. Ein solcher Vorschlag war von einigen Freunden gemacht worden, gründenden Mitgliedern der Allianz und ihr sehr ergeben, die aber, ohne dies zu ahnen, indem sie diesen Vorschlag machten, als unbewusste Werkzeuge der Utinschen Intrige handelten. Wer die Art und Weise vorzugehen dieses kleinen Juden kennt, weiß, dass eines seiner Hauptaktionsmittel die Frauen sind. Durch die Frauen schlängelt er sich überall hinein, selbst heute, sagt man, in den Londoner Generalrat. Er hatte gehofft, durch Vermittlung der Frauen seine kleine Fahne ohne Programm, sein kleines intrigantes Ich im Schoß der Allianz aufpflanzen zu können. Dies war eine der Ursachen, aus denen ich mich absolut der Zulassung der Frauen in unser Bureau widersetzt hatte.“

Tja, so war das damals. Ich sage trotzdem: Happy Birthday, Michael.

 

“Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war es einfach nicht mehr da”

“Es genügt nicht, es sich so vorzustellen, dass jemand, der an den Rändern stand, sich nun plötzlich ins Zentrum des Szenarios stellte. Das war es nicht, was passierte, eher im Gegenteil: Wir sind aus dem Szenario ausgestiegen, und dann war das Szenario einfach nicht mehr da.”

- so erinnert sich die italienische Philosophin Luisa Muraro, 1940 geboren, an die „zweite Welle“ der Frauenbewegung. Und schreibt weiter:

„Um den Feminismus der zweiten Welle zu verstehen, muss man sich eine grundlegende, aber oft übersehene Besonderheit vor Augen führen, und zwar dass die Revolte damals von Frauen ausging, die in jeder Hinsicht als emanzipierte Frauen betrachtet wurden. Sie revoltierten gegen die Verpflichtung, die ihnen täglich auferlegt wurde und die viele verinnerlicht hatten, nämlich dass sie moderne und emanzipierte Frauen zu sein hatten, was in der Praxis bedeutete, sich einem Modell entsprechend darstellen und verhalten zu sollen, das von den Begehren, Interessen und Ideologien der Männer gebildet worden war. Diese Frauen, die als privilegiert betrachtet wurden, haben das Szenario der Modernität „ruiniert“, in den Ruin getrieben. Denn dieses Szenario der Modernität war in jeder Hinsicht auf Frauen angewiesen, sowohl auf die privilegierten als auch auf die weniger gut gestellten. Es stützte sich auf jene Mauer, die Öffentliches und Privates trennte: Im Privaten lag viel von der Wahrheit über die weiblichen Lebensbedingungen und auch über das männliche Elend verborgen. Indem sie das Angebot der Emanzipation ablehnten, haben die revoltierenden Frauen diese Mauer eingerissen.“

Die Auszüge stammen aus einem kleinen Interviewband, in dem Muraro, Mitbegründerin des Mailänder Frauenbuchladens und der Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona, im Gespräch mit Riccardo Fanciullacci aus ihrem feministischen Leben erzählt. Ich habe einen längeren Abschnitt daraus, in dem sie noch genauer beschreibt, was ihrer Ansicht nach charakteristisch für die Frauenbewegung der 1970er Jahre war, für das Forum Beziehungsweise Weiterdenken übersetzt,dort könnt Ihr also mehr finden.

Angst vor Entzündungen oder: Why change a running system?

Als ich damals über Twitter mitbekommen habe, dass Stephan Urbach sich einen Magneten in die Fingerkuppe hat einbauen lassen, dachte ich erst, das wäre ein Witz. Wieso würde jemand so etwas freiwillig machen?

Der einzige Versuch von Körpermodifikation in meinem Leben war ein gestochenes Ohrloch, das sich hinterher permanent entzündete. Dann kam ich zu der Überzeugung: Mein Körper ist völlig okay so, wie er ist, no need to improve. „No need“ im doppelten Sinn des Wortes – keine äußere Notwendigkeit, weil ich keine gesellschaftlichen Normen darüber, wie ein (weiblicher) Körper auszusehen hat, akzeptiere, und keine innere Notwendigkeit, kein Bedürfnis meinerseits, weil – ja, so banal: Ich Angst vor Arztbesuchen und medizinischen Eingriffen aller Art habe.

Ich habe ein etwas ehrfürchtiges Verhältnis zu meinem Körper, oder, wie man früher sagte, meinem „Leib“, den ich nämlich nicht „habe“, sondern der ich „bin“. Wenn ich ihn mit jeder x-beliebigen Maschine vergleiche, die ich kenne, hat mein Leib (habe ich) eine außergewöhnliche Fähigkeit zum fortwährenden Funktionieren, relativ geringen Wartungsbedarf, wenn man seine Komplexität betrachtet, und eine erstaunlich weitreichende Fähigkeit zur Selbstreparatur. Und meine gesamte Existenz ist von ihm abhängig, geht mein Leib kaputt, bin ich selbst kaputt, schlimmstenfalls sogar tot. Also ehrlich, da gehe ich lieber auf Nummer sicher. Never change a running system.

Und deshalb las ich dem Heft „Ich, Cyborg?“ (das es, soweit ich weiß, nur auf Papier gibt, obwohl es eigentlich nicht länger ist als ein ausführlicher Blogpost) mit einer gewissen Faszination. Denn hätte ich einen Magneten im Finger, würde ich nicht jedes Mal freudig registrieren, wenn da im Finger was kribbelt, ich würde mich dauernd sorgen: Hoffentlich entzündet sich das nicht!

Stephan hat solche Ängste offenbar nicht, ihm gefällt es, seinen Körper zu modifizieren, später auch den Geist (das Gehirn hacken und programmieren) und schließlich auch vielleicht den Tod zu besiegen, und er möchte daraus eine politische Bewegung machen, damit ihm das erleichtert oder besser ermöglicht wird. Ich finde das nicht irgendwie moralisch bedenklich. Zwar gibt es dabei Probleme: Dass durch die Möglichkeit der Modifikation ein sozialer Druck der Selbstoptimierung entsteht, dass der Grad der Selbstoptimierung davon abhängt, wie reich man ist und so weiter. Ich glaube auch nicht, dass die so ohne weiteres gelöst werden können, wie Stephan sich das vorstellt, aber das soll jetzt nicht Thema sein (es war hier im Blog schonmal Thema).

Was mich beschäftigt ist eher die philosophische Frage: Woher kommt der Wunsch, den eigenen Körper und seine Fähigkeiten, also letztlich „den Menschen“, zu erweitern und zu verändern? Und warum habe ich diesen Wunsch so überhaupt nicht? An einer Stelle schreibt Stephan:

„In einer Zeit, in der wir wenig über das eigene Schicksal entscheiden oder die äußeren Einflüsse beeinflussen können, die unser Leben bestimmen – in dieser Zeit müssen wir wenigstens unsere Körper für uns erschließen, sie formen und so gebrauchen, wie wir es für richtig halten.“

Ich denke, hier liegt eine zentrale Differenz zwischen uns, denn ich halte die Idee, Menschen könnten sich von äußeren Einflüssen befreien und „autonom“ werden, für eine Illusion. Ich finde es nicht prinzipiell schlimm, dass ich mein eigenes Schicksal nicht entscheiden kann, denn der Mensch ist doch immer abhängig, von der Materie, von anderen Menschen. Es kann immer nur darum gehen, diese unvermeidbare Tatsache der Abhängigkeit besser und freiheitlicher zu gestalten, nie darum, sie zu überwinden.

Ich verstehe deshalb unter Freiheit auch nicht, dass ich nicht mehr von äußeren Einflüssen bestimmt und geprägt bin, sondern dass ich innerhalb dieser Verhältnisse meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen folge (und nicht den Vorgaben anderer, zum Beispiel, um Konflikte zu vermeiden). Freiheit entsteht für mich aus einer inneren Haltung, sie ist eine politische Praxis im Umgang mit der „Welt, so wie sie nun einmal ist“ und ist nicht ein Ziel, das sich erst dann erreichen lässt, wenn die Welt ganz anders geworden ist. Oder anders gesagt: (ausgeübte) Freiheit ist die Voraussetzung dafür, dass die Welt sich zum Besseren verändert, nicht anders herum.

Diese Praxis der Freiheit lässt sich meiner Ansicht nach nicht maschinell verbessern oder vergrößern, weil sie in Beziehungen angelegt ist und nicht in individuellen Fähigkeiten. Ein Super-Body mit Röntgenblick und anderen erweiterten Fähigkeiten kann unfreier sein als ein Krebskranker im Endstadium. Und ich glaube, das ist der Grund, warum mich die Aussicht auf die Möglichkeiten kybernetischer Körpermodifikationen aller Art nicht fasziniert. Denn wenn man das Versprechen von „mehr Freiheit“ aus dem Cyborgism abzieht, dann lohnt sich das Risiko (ich sag nur: Entzündungen!) doch irgendwie nicht mehr. Oder?

Mich würde wirklich interessieren, wie Ihr das seht: Möchtet Ihr euren Körper verändern oder maschinell ergänzen? Und was und wie? Oder nicht?

PS: Wenn jemand einen Apparat erfindet, der Gedanken in Textdateien überträgt oder eine Maschine, die Träume aufzeichnet, dann wäre ich in der Tat interessiert. Vielleicht (ganz vielleicht) würde ich dafür sogar ein bisschen an mir herumschnippeln lassen.

Stephan Urbach: Ich, Cyborg? epubli 2014, 4 Euro

Familienpolitik? Braucht kein Mensch!

Neulich schrieb meine Denkfreundin Ina Praetorius irgendwo in diesem Internet (ich finde nicht mehr, wo), dass wir Familienpolitik abschaffen sollten zugunsten einer Politik des guten Lebens für alle.

Den Gedanken will ich hier mal festhalten, denn wenn wir das ernst nehmen, können wir uns all den Streit über die Definition von Familienformen und wer nun eine Familie ist und wer nicht, sparen. Es geht bei den Debatten über Vereinbarkeitsprobleme, Karrierefrauen, Latte Macchiato-Mütter, Krippenplätze etcetera pp. nämlich nicht um Familien. Sondern es geht um das gute Leben. Und um Wirtschaft.

Ich möchte bei der Gelegenheit noch auf einen anderen Aspekt hinweisen, an dem die Debatten häufig schief laufen, und zwar auf den Punkt, an dem über die ungleiche Verteilung von zum Beispiel Hausarbeit, Geldeinkommen, Führungspositionen und so weiter zwischen Frauen und Männern geredet wird. Ich selbst weise auf diesen Gender-Gap auch häufig hin, weil er wichtig für die Analyse ist. Man darf aber nicht die falschen Schlüsse daraus ziehen.

Das patriarchats-nostalgische (Triggerwarnung) Institut für Demographie, Allgemeinwohl und Familie hat kürzlich die Mikrozensusse von 1996 und 2012 verglichen und zusammengetragen, was sich bei der Verteilung von Haus- und Erwerbsarbeit (nicht) verändert hat. Demnach teilen sich heute nur 14 Prozent aller Paare mit Kindern unter 18 die Erwerbsarbeit gleichmäßig auf, das sind sogar weniger als vor 16 Jahren. Das vorherrschende Modell ist der Vollzeit erwerbsarbeitende Mann in Kombination mit Teilzeit erwerbsarbeitender Frau (Anstieg von 30 auf 40 Prozent), und auch das Alleinernährermodell gibt es noch, gut ein Viertel der verheirateten Eltern wählen es.

Wenn es an die Interpretation dieser Befunde geht, dann stehen sich normalerweise zwei Fraktionen gegenüber:

Auf der einen Seite die, die diese Ungleichverteilung bekämpfen möchten, indem sie Programme auflegen, die dazu führen sollen, dass Frauen mehr Erwerbsarbeit machen und Männer mehr Hausarbeit, am besten mit dem Idealziel von fein säuberlich fifty-fifty in allen Bereichen. Also das Modell Vollzeit für alle plus Krippenplätze, da muss man sich halt mal ein bisschen anstrengen, so als Eltern, und die Kinder nicht so betüddeln. Die Vernünftigeren dieser Fraktion denken über eine reduzierte Vollzeit nach, damit der Stress nicht allzu groß wird.

Auf der anderen Seite stehen die, die sagen: Die traditionelle Familie war doch die beste. Sicher, es ist schön, wenn sich die Frauen heute in Teilzeit ein bisschen selbst verwirklichen, dann jammern sie nicht so rum und man muss als Mann nach der Scheidung auch nicht so viel Unterhalt bezahlen. Aber die Mutter (oder, in gleichberechtigtem Jargon: irgendjemand Festes) gehört halt doch zum Kind. Und wollen es die Frauen nicht schließlich selber so? Die Vernünftigeren dieser Fraktion bringen an dieser Stelle noch das Grundeinkommen ins Spiel, damit die nicht berufstätigen Hausfrauen auch ein bisschen Geld für sich haben. Hauptsache, sie lassen ihre Kinder nicht “fremdbetreuen”.

Beide Fraktionen sehen die Sache meiner Ansicht nach falsch.

Aus den Zahlen, also der Tatsache, dass sich trotz aller sonstigen Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter in den vergangenen zwanzig Jahren kein Trend zur vollen Erwerbsarbeit bei den Frauen ausmachen lässt und kein Trend zur vollen Fürsorgearbeit bei den Männern, lässt sich weder ablesen, dass noch nicht genug “Anreize” für eine solche Veränderung geschaffen worden wären, noch dass “die Leute es eben so wollen und man sie nicht umerziehen kann”.

Es gibt nämlich noch eine dritte Möglichkeit, und zwar die, dass die Leute sich einfach bloß rational und vernünftig entscheiden – für die am wenigsten schlechte Möglichkeit angesichts der Verhältnisse.

Und diese Verhältnisse sind so, dass sie vernünftige und rationale Menschen in ein Dilemma bringen, sobald Fürsorgearbeit zu leisten ist. Ein Fall, der häufig – aber keineswegs nur – eintritt, wenn ein Kind zur Welt kommt. Er wird in Zukunft sich immer häufiger auch im Fall von Pflegebedürftigkeit älterer Menschen stellen – das Phänomen ist nur deshalb noch nicht so deutlich auf der Agenda, weil die Generation der älteren Frauen, die normalerweise Pflegearbeit machen, noch nicht im gleichen Maße berufstätig waren wie die jüngeren.

Sobald sich also die Notwendigkeit von Fürsorgearbeit stellt, stehen Menschen vor der Frage: Soll ich meine Berufstätigkeit einschränken oder ruhen lassen und damit weniger Geld, weniger Aufstiegsperspektiven, weniger Einfluss in der Welt in Kauf nehmen? Mit dem Vorteil, dass ich dann aber Zeit und Ruhe für die Fürsorgearbeit habe? Oder soll ich versuchen, beides zu “vereinbaren” soweit es geht, auch wenn das Riesenstress bedeutet?

Der Skandal an dieser Stelle ist nicht, dass es häufig die Frauen sind, die sich hier angesichts der Notwendigkeiten für Teilzeit oder Berufsunterbrechung entscheiden. Der Skandal ist, dass sich diese Wahl überhaupt stellt.

Und der Grund dafür ist eben dieses Bild von “Familie”, das wir im Kopf haben und das unterstellt, dass Fürsorgearbeit etwas Privates sei. Bei dem die Gesellschaft vielleicht an der einen oder anderen Stelle ein paar Kekse verteilt, die ein oder andere Steuererleichterung oder auch mal einen Krippenplatz oder ein Stündchen Pflegedienst.

Die heteronormative Ehe war, wie ich an anderer Stelle schonmal schrieb, das traditionelle Modell, mit dem die Lasten der Fürsorgearbeit immerhin von einer Schulter auf zwei verteilt wurden – indem nämlich jeder schwangeren Frau zwangsweise ein Mann zur Seite gestellt (oder besser: vor die Nase gesetzt) wurde. Das patriarchale Ehemodell ist heute zwar halbwegs egalisiert worden, und sogar homosexuelle Paare werden so ansatzweise vorstellbar.

Aber an dem grundlegenden Problem, dass Fürsorgearbeit Privatsache ist, ändert das nichts. Deshalb wäre es wirklich an der Zeit, über diese Familienperspektive hinauszudenken. Fürsorgearbeit ist keine Privatsache. Sie ist natürlich auch nicht Sache staatlicher Regulierung oder marktwirtschaftlicher Gewinnchancen. Let’s think outside the boxes.

Wovon hängt ihre Qualität ab? Nicht davon, ob sie innerhalb der Familie oder außerhalb gemacht wird. Es kann für Kinder gut sein, fast ihre ganze Zeit mit den Eltern zu verbringen, es kann aber auch schlecht sein. Es kann für Kinder gut sein, fast ihre ganze Zeit im Kindergarten zu verbringen, es kann aber auch schlecht sein. Kommt auf das Kind, die Eltern und den Kindergarten an.

Dasselbe gilt ja auch für alle anderen Bereiche der Hausarbeit. Was ist ein guter Kuchen? Das hängt nicht davon ab, ob ein Bäcker ihn gemacht hat oder meine Oma, ob dafür Geld bezahlt wurde oder nicht. Was ist gute Pflege? Zuhause oder im Heim? Professionell oder nicht? Alles falsche Gegenüberstellungen. Die Qualitätskriterien für Pflege sind ganz anderswo zu suchen.

Die aktuellen Debatten über die Care-Revolution (ich bin übrigens am 23. Mai in Hannover, wer noch?) haben genau an diesem Punkt ihre Stärke: Sie brechen endlich die Gegenüberstellung von Familie/Einrichtung, privat/professionell, bezahlt/ehrenamtlich in diesem Zusammenhang auf. Es ist nicht wichtig, ob Care-Arbeit in der Familie oder außerhalb der Familie getan wird, sondern es ist wichtig, dass sie gut getan wird, und zwar gut sowohl aus Perspektive derjenigen, die sie tun, als auch aus der Perspektive derjenigen für die sie getan wird.

Und die Politik soll nicht mehr länger darüber nachdenken, was für eine Familienpolitik sie machen soll, am besten hört sie ganz damit auf. Sie soll darüber nachdenken, welche Rahmenbedingungen nötig sind, damit Care-Arbeit endlich den Platz in der Volkswirtschaft bekommt, der ihr von ihrer Bedeutung her zusteht.

PS: Wo ich schon mal dabei bin: Warum eigentlich muss die Kosten für eine Schwangerschaft der Arbeitgeber bezahlen, bei dem die Frau, die schwanger ist, gerade zufällig arbeitet? Es ist doch vollkommen albern, anzunehmen, dass das NICHT zu einer Diskriminierung von jungen Frauen bei der Arbeitssuche führen könnte.

 

Die Armseligkeit des Herrn Martenstein (und des ZEITmagazin)

Harald Martenstein verkündet, dass er demnächst auf ZEITmagazin online jeden Tag einen Kommentar beantworten will, und naiv wie ich bin, denke ich spontan, Hey, toll, vielleicht entdecken die Mainstream-Medien ja auch langsam, dass Kommentarfunktionen etwas Tolles sind. Oder jedenfalls sein könnten, wenn man sich als Gastgeberin einer Internetseite ein kleines bisschen darum bemüht.

Ja, nennt mich naiv, allein beim Namen Martenstein hätte ich es natürlich besser wissen müssen. Aber wirklich, für einen Moment erschien es mir denkbar. Ich Träumerin.

Herr Martenstein hält natürlich prinzipiell nichts davon, dass jeder Honk einfach so seine Meinung ins Internet tippen kann. Und die großen Zeitungen haben ja mit ihrem absichtsvoll fehlenden Bewusstsein für Kommentarkultur alles nur Erdenkliche dazu beigetragen, dass man ihre Diskussionsspalten nun wirklich nicht lesen kann.

Aber, klar, man kann sich natürlich einen Spaß draus machen. Und so hofft Martenstein nun “auf wütende, beleidigte oder unsachliche Kommentare”, die er “gerne in gleicher Tonlage zu beantworten bereit” ist. Er scheint wirklich stolz auf sich zu sein.

Sowas Armseliges.