Über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie

Wenn über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der Frage, was überhaupt „Geschlecht“ sei. Mir drängt sich seit einiger Zeit verstärkt die Frage auf, was überhaupt „Biologie“ in diesem Zusammenhang sein soll. Wovon ist eigentlich die Rede, wenn es um das „biologische Geschlecht“ geht?

Es sind ja drei unterschiedliche Aspekte des Körperlichen, die dabei eine Rolle spielen: die Gene, der Phänotyp (also das äußerliche Erscheinungsbild) und die mögliche Position in Bezug auf die Fortpflanzung, also ob jemand schwanger werden kann oder nicht.

Für die meisten historisch gewachsenen Kulturen der Geschlechterdifferenz ist dieser letzte Aspekt maßgeblich. Dass nicht alle Menschen schwanger werden können, macht es erforderlich, Verfahrensweisen zu entwickeln, wie mit dieser Ungleichheit konkret umgegangen wird: Wer für Menschen sorgt, die aufgrund von Schwangerschaften oder Geburten besondere Bedürfnisse haben, welche Rechte und Pflichten Gebärende gegenüber ihren Kindern haben, welche Rechte und Pflichten Nicht-Gebärende gegenüber Kindern oder Schwangeren haben. Das alles lässt sich auf eine Million unterschiedliche Weisen regeln, aber es kann kein „gleiches Recht für alle“ geben, weil die Körper der Menschen im Hinblick auf die Fortpflanzung eben nicht gleich sind (darüber bloggte ich schon). Praktisch alle kulturellen Geschlechternormen hängen letztlich mit dieser Differenz zusammen, auch wenn ihr Inhalt absurd sein mag oder sich im Lauf der Zeit symbolisch weit von ihrem ursprünglichen Anlass entfernt hat.

Wenn heute über das „biologische Geschlecht“ gesprochen wird (jedenfalls hierzulande), dann spielt aber das (nicht)Schwangerwerden-Können in der Regel kaum noch eine Rolle, stattdessen ist die Genetik zum maßgeblichen Faktor geworden. Die biologische Geschlechterdifferenz wird heute weitgehend auf Genetik reduziert, zum Beispiel als letztgültiges Kriterium bei Geschlechtstests von Sportler_innen. Ich halte die Genetik für einen großen Fetisch unserer Zeit. Man denkt sich dabei den menschlichen Organismus als eine Art Maschine, die nach einem bestimmten Bauplan (dem Genom) sich zwangsläufig entfaltet, also klare Abfolge von Ursache und Wirkung, von Bauplan und Ergebnis. Das klingt schön kontrollierbar („Wir haben das Genom entschlüsselt, das Geheimnis des Lebens geknackt!“). Faktisch ist es allerdings nicht so eindeutig, es gibt etwa nicht nur xx und xy-Menschen, sondern auch xxy. Und historisch spielte die Genetik bei der Entstehung kultureller Geschlechterkonstruktionen keine Rolle, es gibt sie ja erst seit dem 18./19. Jahrhundert. Bis heute ist den einzelnen Menschen schlicht unbekannt, welche Gene sie haben, man braucht medizinische Spezialtechnik, um etwas darüber zu erfahren.

Der im Alltagsleben in Bezug auf die Geschlechterdifferenz wichtigste Faktor ist der Phänotyp, also das äußere körperliche Erscheinungsbild. Menschen werden in der Regel aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes einem Geschlecht zugeordnet, und zwar sowohl bei der Geburt (Penis oder Vagina), als auch im Alltag (Brüste oder Bart). Ganz an den Haaren herbeigezogen ist das nicht, denn es lässt sich tatsächlich anhand des äußeren Erscheinungsbildes einer Person mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ablesen, ob sie im Lauf ihres Lebens schwanger werden kann (konnte) oder nicht.

Trotzdem ist der Phänotyp natürlich ein sehr unzuverlässiges Indiz für Geschlecht. Zwischen „Menschen mit Vagina“ und „Menschen mit Penis“ gibt es alle möglichen Zwischenformen der Intersexualität, und auch andere Faktoren wie Größe, Behaarung, Muskelmasse, Brustumfang und dergleichen sind schwammig. Anders als beim (Nicht)-Schwangerwerden-Können gibt es phänotypisch kein Entweder-Oder, sondern sämtliche nur denkbaren Zwischenformen. Eine Verteilung von körperlichen Geschlechtsmarkern auf Männer und Frauen ist wenn überhaupt nur statistisch nachweisbar: Es gibt Korrelationen zwischen Körpergröße und Schwangerwerdenkönnen, aber weder sagen die etwas über den Einzelfall aus noch müssen sie biologische Ursachen haben. Menschen gestalten zudem ihre körperliche „Gender-Performance“ jederzeit aktiv: Sie trainieren sich Muskeln an oder ab, lassen sich die Haare so oder so wachsen, kleiden und bewegen sich auf eine bestimme Weise, lassen ihr Erscheinungsbild operativ verändern und so weiter. Der Phänotyp, also das sichtbare, körperbezogene Erscheinungsbild von Geschlecht, ist komplett von kulturellen Akten durchdrungen.

Das wiederum führt zu einem Paradoxon: Symbolische kulturelle Akte, die ursprünglich einmal den Sinn hatten, eine Differenz zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu markieren (geschlechtsspezifische Kleidung, Arten, sich zu bewegen und so weiter) sind, eben weil es rein kulturelle Akte sind, genauso in der Lage, diese Differenz restlos aufzulösen: Auch Männer können Kinder austragen.

Der Phänotyp kommt jedenfalls, was die Verhandlung von Geschlechterdifferenzen betrifft, zunehmend schlecht weg; dem äußeren Anschein soll nicht mehr geglaubt werden. Von naturwissenschaftlicher Seite wird ihm gegenüber die Genetik bevorzugt: Dass eine Sportlerin wie eine Frau „aussieht“ (die Beschaffenheit ihres Körpers, ihre „Gender-Performance“) zählt nicht, wenn nicht die Medizintechnik ihr das Vorhandensein von XX-Genen bescheinigt. Und auch von feministisch-dekonstruktivistischer Seite wird die symbolische Kraft des Phänotyps bestritten: Man soll die Geschlechtszugehörigkeit einer Person nicht aufgrund ihre äußeren Erscheinung „lesen“, sondern sie um Selbstauskunft bitten (Er, Sie, Name?). Beide Sichtweisen stehen politisch auf entgegengesetzten Seiten, gemeinsam ist ihnen aber, dass sie eine innere, unsichtbare Instanz zur Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit aufrufen und diese dem „Offensichtlichen“ überordnen: Was das „wahre“ Geschlecht einer Person betrifft, so sollen wir nicht unseren Augen trauen, sondern tiefer nachforschen, das Augenscheinliche also hinterfragen.

Aber was ist eigentlich so schlimm daran, Geschlecht am Aussehen einer Person abzulesen? Ist das denn wirklich für sich genommen schon die Wurzel des Übels? Oder ist es nur ein Symptom? Ist die Ablehnung des Körpers als signifikantem Bestandteil von „Geschlecht“ nicht eine Untervariante der traditionellen Körperfeindlichkeit der männlichen Philosophietradition? Soll das Geschlecht wirklich nicht mehr sein als eine Kopfsache, sticht Geist hier Körper? Oder sollten wir nicht versuchen, den Dualismus von Körper und Geist auch an dieser Stelle zu überwinden? Etwa indem wir nicht mehr zwischen angeblich naturbelassenem und angeblich verändertem Körper unterscheiden, sondern die Lust an der körperlichen Inszenierung von Geschlecht feiern und fördern? Ruhig auch in mehr als zwei Varianten, aber eben nicht in unendlich vielen, weil unendliche Vielfalt letztlich eben doch wieder die eine Norm bedeutet? Das sind keine rhetorisch gemeinten Fragen, sondern welche, die ich wirklich gerne diskutieren würde. Denn interessanterweise wächst ja gleichzeitig der Trend, die Geschlechterdifferenz optisch zu vereindeutigen, etwa in Bezug auf Kinderkleidung. Vielleicht hängt doch beides zusammen: Je weniger plausibel der Zusammenhang  zwischen Geschlecht und körperlicher Erscheinung ist, umso drastischer wird versucht, diesen Zusammenhang zu verteidigen, leider aber kommt genau dabei nur Klischee heraus, nicht Kreativität.

Die Vorrangstellung der Genetik im Vergleich zum Phänotyp begegnet übrigens nicht nur auf Seiten biologistischer Geschlechterkonzepte, sondern auch auf Seiten derer, die kulturelle Stereotypen hinterfragen und kritisieren. In dem lesenswerten SciFi-Roman „The Best of All Possible Worlds“ von Karen Lord zum Beispiel gibt es eine Episode, bei der ein „Skandal“ in einer rassistischen Gesellschaft aufgedeckt wird. Der Skandal besteht darin, dass die Unterscheidung, nach der dort Menschen zur „höheren“ und zur „niederen“ Gruppe sortiert werden, nicht aufgrund von genetischen, sondern lediglich aufgrund von phänotypischen Varianten vorgenommen wird (was die Herrschenden unter den Teppich kehren wollen). Ich verstehe den Plot nicht: Wäre der Skandal denn weniger groß, wenn Menschen aufgrund ihrer Gene diskriminiert würden als wenn das aufgrund von phänotypischen Variationen geschieht?

Noch problematischer finde ich die Verdrängung des (nicht)-Schwangerwerden-Könnens aus der geschlechterpolitischen Debatte. Der Vorschlag, Geschlecht nicht mehr „binär“ (Frau/Mann), sondern fließend (unendlich viele Geschlechter) zu verstehen, der inzwischen in feministischen Diskursen relativ weit verbreitet ist, hat diesen Ausschluss ja geradezu als Vorbedingung, weil eben das (nicht)_Schwangerwerdenkönnen gar nichts Fließendes an sich hat, sondern faktisch binär ist: Entweder kann man schwanger werden oder nicht, da gibt es kein Mittelding, keinen Übergang, keine Operationsmöglichkeiten (jedenfalls noch nicht, ich habe gehört, es soll inzwischen mit der Transplantation von Gebärmüttern experimentiert werden). Bislang ist die Möglichkeit, schwanger zu werden und zu gebären, nicht verfügbar, nicht herstellbar, nicht einklagbar, kein Menschenrecht.

Wenn Geschlecht als „fließend mit unendlich vielen Variationen“ gedacht wird, muss deshalb die Frage der menschlichen Differenz in Bezug auf die Fortpflanzung hiervon restlos abgekoppelt werden. Das erklärt, warum männliche Schwangerschaften als geschlechterpolitische feministische Revolution gefeiert werden. Philosophisch gesehen mag das eine innere Logik haben und radikal erscheinen. Doch praktisch bringt es uns lediglich wieder zurück auf Los: Wenn Geschlecht und Biologie nichts mehr miteinander zu tun haben sollen, dann ist die Geschlechterdifferenz ja nutzlos, um die Unterschiede zwischen Menschen in Bezug auf die biologische Fortpflanzung zu thematisieren. Gleichzeitig bestehen diese Unterschiede aber weiterhin. Deshalb müssten wir andere Begriffe erfinden, um diesen Unterschied zu benennen, meinetwegen „Tralala“ für Menschen, die schwanger werden können, und „Trololo“ für Menschen, die es nicht können (ich bevorzuge an dieser Stelle Frauen* bzw. Männer* mit Sternchen).

Aktuelle politische Anlässe, die diese Unterscheidung bedeutsam machen, gibt es jedenfalls genug. Biopolitik und Reproduktionstechologien nehmen immer mehr Aufschwung, es geht dabei längst nicht mehr nur um die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Auch die gesetzlichen Regelungen von In-Vitro-Fertilisation betreffen ausschließlich Menschen, die schwanger werden können, denn für andere kommt eine IVF ja nicht in Frage. Und schließlich Leihmutterschaft, ein Riesen-Thema: Leihmütter werden von Menschen nachgefragt, die nicht schwanger werden und gebären können (oder wollen) und sich für diesen biologischen Vorgang den Körper einer anderen Person mieten möchten – eine Dienstleistung, die logischerweise nur eine Person anbieten kann, die schwanger werden kann. Dennoch wird es normal, diese Themen „geschlechtsneutral“ zu besprechen, und dabei wird es manchmal regelrecht absurd. In einem Interview sagt zum Beispiel Caroline Schnurr von der Universität Sankt Gallen zum Thema Leihmutterschaft:

Aus Sicht von Homosexuellen ist das eine logische Forderung: Wenn Fruchtbarkeitsbehandlungen finanziell unterstützt werden, warum dann nicht auch eine Leihmutterschaft? Argumentativ ist es schwer zu rechtfertigen, warum der Staat In-vitro-Fertilisation bezahlt, aber nicht Leihmutterschaft.

Hier wird nicht nur übersehen, dass weibliche Homosexuelle keineswegs auf Leihmutterschaft angewiesen sind, um genetisch eigene Kinder zu haben. Lesbische Paare haben sogar im Vergleich zu heterosexuellen Paaren eine doppelt so große Wahrscheinlichkeit, dass eine von ihnen schwanger werden und gebären kann. Auf die Idee, das Recht auf Leihmutterschaft (und deren Finanzierung) leite sich quasi zwangsläufig vom Recht auf In-vitro-Fertilisation ab, kann man nur kommen, wenn man die Frage, welche Person eigentlich schwanger ist und das Kind gebiert, als vollkommen unerheblich ansieht. Wenn es für völlig egal gilt, ob jemand Medizintechnik in Anspruch nimmt, um selbst schwanger zu werden, oder ob eine andere Person beauftragt werden soll, mit ihrem Körper Schwangerschaft und Geburt zu durchleben. Das ist aber die klassische patriarchale Vorstellung vom weiblichen Körper als „Gefäß“, das dazu dient, die Kinder anderer auszutragen – reine Materie, ohne Geist, ohne Relevanz.

Reproduktionstechnologie und Geschlechterdifferenzen sind jedenfalls eng miteinander verknüpft: Beim Thema Leihmutterschaft geht es um Menschen, die nicht schwanger werden können, also um Männer*, um schwule Paare oder um heterosexuelle Paare, bei denen die Frau* nicht schwanger werden oder nicht gesund gebären kann. Und beim Thema In-Vitro-Fertilisation geht es um Menschen, die sehr wohl schwanger werden können, also um Frauen*, um lesbische Paare, oder um heterosexuelle Paare, bei denen die Frau* schwanger werden kann.

Wir müssen meiner Ansicht nach Wege finden, beim Sprechen über diese Themen Biologie, Kultur und Geschlechterdifferenz in einen Austausch bringen, ohne dass die Biologie entweder determinierende Gewalt zugesprochen bekommt noch aber ignoriert und tabuisiert wird. Die Differenz, die in der möglichen Rolle einer Person bei der biologischen Reproduktion begründet liegt, ist nicht deckungsgleich mit Gender, aber sie ist auch nicht vollkommen davon unabhängig. Anders als Gender ist sie nicht fließend, sondern binär. Und gleichzeitig sind diese Themen aufs engste mit historisch gewachsenen Geschlechterkonstruktionen verknüpft: Abtreibungsverbote sind ein Merkmal patriarchaler Kulturen, in denen Männer in Bezug auf die Körper von Frauen mitbestimmen wollen. Der Zugang zu In-Vitro-Fertilisation ist eng mit heterosexistischen Familiennormen verknüpft. Das Thema Leihmutterschaft ist nicht zu trennen von den prekären Lebensbedingungen der Frauen, die ihren Körper an Personen „vermieten“, die selbst nicht schwanger werden können oder wollen – und damit auch nicht von den globalen Armutsgefällen, die ja ebenfalls alles andere sind als „geschlechtsneutral“.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Dass wir in einer Zeit leben, in der das „korrekte“ Sprechen über diese Fragen eigentlich unmöglich ist, finde ich keineswegs bedauerlich, ich halte es für ein produktives „postpatriarchales Durcheinander“. Es ist gut, dass Geschlechterzuordnungen durcheinander kommen. Ich bin nur dagegen, dass dabei die Biologie als irrelevant abgetan wird, bloß weil sie die Angelegenheit noch komplizierter macht. Es ist halt so kompliziert, wie es ist. Und die Geschlechterdifferenz körperlos und biologiefrei zu denken, ist sinnlos. Es ist nicht die Frage, ob Geschlecht und Körperlichkeit zusammenhängen. Sondern wie.

 

(Hier ein Kommentar zu dem Blogpost)

Luisa Muraro: Nicht alles lässt sich lehren

Bestimmt ist euch schon mal aufgefallen, dass ich mich häufig auf Luisa Muraro beziehe. Sie ist jedenfalls eine derjenigen Denkerinnen, die mich am meisten beeinflusst haben.

Luisa-Muraro-Nicht alles Umschlag.indd Es gibt von ihr schon eine ganze Reihe von Texten auf Deutsch, einige davon habe ich selbst übersetzt, zum Beispiel Beiträge zu den Diotima-Bänden (1999 und 2012). Manche ihrer Aufsätze oder Vorträge stehen auch im Internet. Aber vieles davon sind philosophische, jedenfalls theoretische Texte, die manche schwer verständlich finden.

Jetzt hingegen ist unter dem Titel “Nicht alles lässt sich lehren” im Christel Göttert Verlag ein langes biografisches Interview mit Luisa Muraro erschienen. Geführt hat es mit sehr klugen Fragen der Philosoph Riccardo Fanciullacci, die Übersetzung stammt von Traudel Sattler.

Luisa erzählt darin von ihrer Kindheit – sie wurde 1940 als sechstes von insgesamt elf Geschwistern in einem Dorf in der der Nähe von Vicenza geboren -, von ihren suchenden Jahren als junge Studentin, von ihrer Begegnung mit Lia Cigarini und damit dem Feminismus, von der Gründung des Mailänder Frauenbuchladens und der Rezeption des dort entwickelten Differenzfeminismus in Italien und in anderen Ländern. Und ganz en passant kommt die Theorie dabei mit rüber.

Deutlich wird auch die enge Verwobenheit von Muraros Philosophie mit den jeweils aktuellen politischen Kämpfen und Fragestellungen. Sie erzählt von der Studentenbewegung und von ihrer frühen Erkenntnis, dass ihre Fremdheit sowohl in Bezug auf die Universität als auch in Bezug auf die politischen Kämpfe der Männer direkt mit ihrem Frausein (und speziell auch ihrem Muttersein) zu tun hatte. Sie beschreibt die Befreiung, die die Entdeckung des Feminismus und damit der Unabhängigkeit des weiblichen Begehrens für sie bedeutete. Und es geht auch um das Verhältnis des italienischen Differenzfeminismus zu anderen feministischen Zugängen, zum Beispiel dem Queerfeminismus – im Anhang enthält der Band außerdem die Übersetzung eines aktuellen Vortragstextes von Muraro mit dem Titel “Die sexuelle Differenz gibt es.”

Insgesamt kommen hier schön lesbar politisches Engagement, theoretische Erkenntnis und persönliche Biografie zusammen, und auf diese Weise lässt sich jeder dieser Aspekte besser verstehen. Ich könnte mir vorstellen, dass das interessant ist für alle, die mehr über den italienischen Differenzfeminismus wissen möchten, aber sich nicht unbedingt tief in die vorhandenen Bücher und theoretischen Texte einarbeiten wollen. Das hier kann man jedenfalls auch gut abends vorm Einschlafen oder im Urlaub mal durchlesen.

PS: Einer von Muraros wichtigen Texte, “Freudensprünge” von 1995, ist gerade auf Deutsch nochmal veröffentlicht worden. Darin stellt sie zum ersten Mal die These auf, dass das Patriarchat zu Ende sein könnte. Dorothee Markert hatte den Text damals gleich übersetzt, er war aber bisher nicht online verfügber.

PPS: Ein Interview, das ich mit Muraro 2011 zum Thema “Macht und Politik sind nicht dasselbe” geführt habe, gibts auf Youtube.

Luisa Muraro: Nicht alles lässt sich lehren (Interview mit Riccardo Fanciullaci). Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2015,  155 Seiten, 17 Euro.

Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank

Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir heutzutage die eugenische Selektion von nicht erwünschten Föten praktizieren (über 90 Prozent der Wunsch-Kinder werden abgetrieben, wenn sie laut Pränataldiagnostik Trisomie21 haben), während man gleichzeitig so tut, als gäbe es keine eugenische Selektion (offiziell ist nicht die befürchtete Normabweichung der Föten der Grund für diese Abtreibungen, sondern die psychische Befindlichkeit der Schwangeren), kam mir heute eine Idee, wie man das eigentlich noch zugespitzter analysieren müsste.

Zunächst dachte ich, dass hier eine allgemeingesellschaftliche Heuchelei auf dem Rücken von Frauen betrieben wird: Einerseits wird ein moralischer Standard hochgehalten („Nein, bei uns gibt es keine eugenische Selektion!“), gleichzeitig kommt er faktisch aber nicht mal in jedem zehnten Fall zur Anwendung. Und anstatt das offen zuzugeben und als Gesellschaft zu den eigenen Prioritätensetzungen zu stehen („Kinder mit Behinderungen werden bei uns nur ausnahmsweise ausgetragen, sozusagen als Privathobby der beteiligen Eltern, normal finden wir das aber nicht“) werden Schwangere quasi per Default zu psychisch Kranken erklärt: Weil ja angeblich ihre psychische Befindlichkeit im Einzelfall der Grund für die Abtreibung ist, ist die Gesellschaft sozusagen fein raus. Verantwortung erfolgreich abgeschoben.

Aber dann fiel mir auf, dass das Thema größer ist. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass ein solches Sich-in-die-Tasche-Lügen bald auch so ähnlich in Bezug auf Sterbehilfe um sich greifen wird. Gerade ist ja ein Gesetz verabschiedet worden, das geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid verbietet. Gleichzeitig wünschen sich aber immer mehr Menschen eine legale und praktikable Möglichkeit, sich bei einem Suizid helfen zu lassen. Und auch da böte sich eine „psychische Krankheit“-Lösung an: Man könnte den moralischen Fake („Bei uns gibt es keine organisierte Sterbehilfe…“) aufrechterhalten, indem man psychisch bedingte Ausnahmen zulässt („… außer in den Fällen, wo die Betroffenen psychisch krank sind.“)

Und wenn man dann noch einen Schritt zurücktritt, ist das, worum es eigentlich geht, eine Care-Krise. Denn wäre Care, also Sorgearbeit, bei uns ein zentraler Wohlstandsindikator und würde entsprechend für wichtig erachtet, dann könnten diese Themen völlig anders diskutiert werden.

Dann kämen Eltern eines behinderten Kindes nicht in Versorgungs-Engpässe: Sie könnten, je nach Belieben, ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder gesellschaftliche Hilfen in Anspruch nehmen, oder beides. Ich glaube nicht, dass die eugenischen Abtreibungen dasselbe Ausmaß hätten, wenn die Schwangeren keine Angst haben müssten, und zwar vollkommen berechtigt, mit der Betreuungsaufgabe allein gelassen zu werden. Dasselbe gilt für den Wunsch, das eigene Leben im Fall von Pflegebedürftigkeit und Krankheit zu beenden: Gäbe es qualitativ hochwertige Pflege in Hülle und Fülle, wäre die Angst weniger groß. Und hätten wir eine Kultur mit einem inklusiven Menschenbild, wo nicht nur die Starken und Leistungsfähigen etwas gelten sondern alle, dann fänden wir es auch nicht so schwer erträglich, diesem Bild nicht zu entsprechen. Sicher, vermutlich gäbe es auch dann noch Schwangere, die partout kein behindertes Kind austragen wollen, und Menschen, die ihr Leben beenden möchten. Aber das wären dann tatsächlich freie Entscheidungen, und keine von den Umständen getriebenen.

Doch so ist es bekanntlich nicht. In Zeiten, wo alle Erwachsenen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen, haben Eltern ja schon kaum genug Zeit, ihre voll funktionstüchtigen und normentsprechenden Kinder zu versorgen, geschweige denn solche mit größerem Betreuungsbedarf. Und in Zeiten, wo Pflege sich betriebswirtschaftlich rechnen muss, ist es nun einmal unwirtschaftlich, alte Leute gut zu versorgen. Die in den Debatten viel beschworene Palliativversorgung, die das Leben auch bei Krankheit und großer Pflegebedürftigkeit lebenswert machen kann, die gibt es zwar tatsächlich. Aber nur in der Theorie. Ja, Reiche können sie sich kaufen. Aber die Krankenkassen finanzieren sie nur für schwer und unumkehrbar Todeskranke in ihren letzten zwei, drei Lebenswochen. Viele Suizidwillige haben aber gerade Angst vor langem Siechtum, zum Beispiel nach einem schweren Schlaganfall. Dann steht ihnen aber nur die bekanntlich schlechte 0-8-15-Pflege zu. Alle Menschen bei Bedarf ohne Wenn und Aber gut zu versorgen, das ist mit einer an materiellem Profit orientierten Wirtschaftsweise faktisch nicht vereinbar. Jedenfalls sind wir davon meilenweit entfernt.

Wer sich angesichts dieser Rahmenbedingungen für die Abtreibung eines voraussichtlich behinderten Kindes oder für einen Suizid entscheidet (und sich dafür Hilfe wünscht), handelt nicht unmoralisch und ist schon gar nicht psychisch labil. Sondern handelt angesichts der gegebenen Verhältnisse und den ihnen zugrunde liegenden Normen rational. Höchstens könnte man ihm oder ihr vorwerfen, die eigene Situation bloß individuell zu betrachten und nicht politisch zu skandalisieren. Aber dieser Vorwurf gilt ja uns allen, nicht nur den Betroffenen.

Weder Abtreibung noch organisierte Sterbehilfe sollten deshalb meiner Ansicht nach gesetzlich verboten sein, denn beides betrifft die körperliche Selbstbestimmung. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass eine Gesellschaft ethisch versagt, wenn in ihr die eugenische Selektion von Kindern oder Suizide am Lebensende gängige Praxis sind. Gesetze oder Pseudogesetze zu machen, die dazu dienen, diesen Fakt zu verschleiern, indem sie strukturelle Probleme zu psychischen Problemen Einzelner umdefinieren – das ist meiner Meinung nach schlimmer als offen zu dem zu stehen, was man tut. Der Kapitalismus soll, wenn er denn schon Hegemonie beansprucht, wenigstens seine hässlichen Auswirkungen in aller Deutlichkeit ausstellen und nicht hinter moralischen Nebelschwaden verstecken.

Wer sind die Bösen und woran erkennt man sie?

Ich kann “unsere” Probleme mit der Versorgung von Flüchtlingen oder der Bedrohung durch den IS gerade nicht so wirklich in eine Relation bringen zu den sich zeitgleich abspielenden, aber um so Vieles dramatischeren Problemen, die durch kapitalistische Raffgier verursacht werden: speziell die Umweltkatastrophe am Rio Doce in Brasilien (mehrere Millionen Menschen ohne Trinkwasserversorgung und mit zerstörten Lebensgrundlagen – Video) oder durch die Brandstiftungen in Indonesien (500.000 Menschen mit Atemwegserkrankungen, riesige Flächen Urwald inklusive Tiere verbrannt).

Dass gegen diese systematische, quasi routinemäßige Erzeugung von Elend und Leid etwas unternommen wird, ist leider sehr viel unwahrscheinlicher als dass der IS irgendwann besiegt wird. Und genau deshalb wäre es wichtig, dort “mitzuleiden” und zu überlegen, ob sich irgend etwas tun lässt. Zumindest könnten wir diesen Ereignissen einen Teil unserer Aufmerksamkeit widmen.

Ich weiß, dass es unsinnig ist, existenzielle Problemen gegeneinander aufzurechnen, weil jedes für sich absolut wichtig ist. Aber die Diskrepanz der Kategorien, unter denen zurzeit Dinge als “wichtig” und “unwichtig” einsortiert werden, ist für mich momentan schwer auszuhalten. Während meine Timelines seit Wochen vor Flüchtingen und IS überquellen, haben mich Nachrichten über die beiden Umweltkatastrophen nur mit Verzögerung erreicht (immerhin muss ich meinen Filterbubbles zugute halten, dass sie mich überhaupt erreicht haben), und es dauerte lange, bis mir die Dimensionen dessen, was dort geschieht, klar wurden (über die brasilianische Katastrophe zum Beispiel wurde in den deutschen Medien erstmal total verharmlosend geschrieben, unter “Vermischtes”).

Zumal es einen direkten Zusammenhang gibt: Wenn die Zeitungen und Fernseher über Wochen und Monate randvoll sind von “Flüchtlingskrise” und “IS-Terrorgefahr”, haben andere Themen nicht auch nur den Hauch einer Chance, in unseren Wahrnehmungsbereich vorzudringen. Dieser Monothematismus, der die öffentlichen Debatten zunehmend kennzeichnet, hat objektiv die Funktion einer Ablenkung von anderem.

Unsere “Betroffenheit” und “Besorgnis” sind die Legitimation dafür, dass wir alles, was sonstwo auf der Welt passiert, einfach übersehen. (Sorry, das klingt jetzt total moralisch, ich weiß, dass das nicht gut ist. Ich habe keine Lösung).

Jedenfalls: Ich denke, dass das alles auch damit zu tun hat, wie wir uns das Böse vorstellen. Die IS-Kämpfer sehen ja schon quasi aus wie personifizierte Teufel, mit ihren schwarzen Kapuzen und ihrem martialischen Auftreten. Die Herren in Schlips und Anzug hingegen, die Brandstiftungen anordnen, um mehr Anbaufläche für ihre Palmölproduktion zu bekommen, oder die bei der Giftentsorgung ihrer Erzminen schlampen, weil sie damit ihre Gewinnmargen erhöhen können (40 Prozent Gewinn bei Samarco) – die sehen nicht aus wie Teufel. Die sehen so aus wie wir. Das sind respektierte Mitglieder unserer “zivilisierten” Gesellschaft. Sie handeln nicht, wie der IS, nach irgendwelchen abgedrehten Mummpitz-Glaubenssätzen, von denen jeder vernünftige Mensch auf den ersten Blick sieht, dass es Mummpitz ist. Sondern sie handeln nach Maximen, die wir im Prinzip für legitim halten, und auf denen auch ein Großteil unserer eigenen Entscheidungen beruht.

Das ist die Banalität des Bösen, von der Hannah Arendt schrieb. Aber es wäre halt so schön, wenn wir den Teufel an seinen Hörnern erkennen könnten.

(PS: über das Böse denke ich schon länger nach, hier auch als Audio)

Lesetipp: Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

DownloadDie Diskussion über Abtreibung hat auf feministischer Seite eine Schwachstelle, auf die Kirsten Achtelik mit ihrem Buch “Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung” hinweist: und war eine, freundlich ausgedrückt, nicht sehr klare Haltung zu eugenischen Argumentationslinien in der Pro-Choice-Haltung.

Was in den 1970er Jahren noch offen ausgesprochen wurde – dass es nämlich doch selbstverständlich eine Zumutung sei, ein behindertes Kind zu bekommen – wird heute etwas verschämter formuliert, nämlich als zu erwartende psychische Belastung für die Mutter. Aber gleichzeitig hat sich die Pränataldiagnostik praktisch zur Standardprozedur entwickelt, entsprechende Untersuchungen werden von den Krankenkassen bezahlt und als “Prävention” verkauft, dabei handelt es sich keineswegs um Prävention, sondern um Selektion: Das Auffinden von “Abnormalitäten” beim Fötus dient ja in nicht dazu, eine Krankheit oder Behinderung zu heilen oder besser versorgen zu können, sondern in der Regel als Entscheidungsgrundlage für eine Abtreibung. Es geht also um eugenische Selektion, nicht um Vorsorge.

Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch eine klare Haltung gegen solche behindertenfeindlichen, “ableistischen” Narrative und Praktiken ein. Sie zeigt, dass das möglich ist, ohne den feministischen Grundkonsens – nach Abschaffung des Paragrafen 218 – aufzugeben: Man kann kohärent argumentieren sowohl für reproduktive Selbstbestimmung von Frauen* als auch gleichzeitig gegen Behindertenfeindlichkeit. Was umso wichtiger ist, als gerade konservative Abtreibungsgegner_innen sich derzeit als Vorkämpfer für die Lebensrechte behinderter Menschen inszenieren.

Die Grenze, zeigt Achtelik, ist dabei relativ leicht zu ziehen: Geht es darum, dass eine Schwangere aus Gründen, die sie selbst betreffen, entscheidet, kein Kind haben zu wollen und also abzutreiben? Für dieses Recht einzutreten, ist vollkommen legitim. Oder aber geht es darum, aus Gründen abzutreiben, die eben nichts mit der Schwangeren selbst zu tun haben, sondern mit einer (nicht zufriedenstellenden) Beschaffenheit des noch ungeborenen Kindes? Dies ist abzulehnen. Die Parallele, die Achtelik hier zieht zwischen einer pränatalen Geschlechtsselektion (die von Feministinnen übereinstimmend kritisiert wird) und einer Selektion in Bezug auf Behinderung (die von vielen Feministinnen als Teil der legitimen reproduktiven  Selbstbestimmung gesehen wird), finde ich völlig richtig.

Zumal man sich auch mal klarmachen muss, dass es hier nicht, wie man meinen könnte, um gravierende Fälle von schwersten Behinderungen geht. Weit über 90 Prozent von Embryonen, bei denen Trisomie21 diagnostiziert wird, werden abgetrieben – und das ist ja nun ganz offensichtlicherweise keine Behinderung, bei der das Leben nicht mehr lebenswert wäre. Achtelik zitiert eine Studie, wonach sogar mehr als die Hälfte der Befragten angibt, dass sie es für einen Abtreibungsgrund halten würden, wenn bei einem Embryo vorhergesagt werden könnte, dass das Kind später einmal Übergewicht hat.

Also, hier ist ein blinder Fleck  eine Leerstelle in der feministischen Debatte um “Selbstbestimmung”, wobei man fairerweise sagen muss, dass Feministinnen auch die ersten waren, die Anfang der 1980er Jahre vor den erwartbaren Folgen von Gen- und Reproduktionstechnologie gewarnt haben.

Auch all diese historischen Fakten lassen sich in diesem Buch wunderbar nachlesen: Die Abtreibungskampagnen (inklusive der Details zur “eugenischen Indikation”), die Entwicklung und Ausbreitung vorgeburtlicher Untersuchungen, ein historischer Rückblick zum Thema Eugenik insgesamt, die Aktivitäten der Krüppelbewegung, die feministischen Kongresse gegen Reproduktionstechniken, die Argumentationen der so genannten “Lebensschützer” und schließlich aktuelle feministische Kontroversen.

Am Ende macht Achtelik konkrete Vorschläge dafür, wie reproduktive Selbstbestimmung ohne Selektion umgesetzt werden kann: Abschaffung der Krankenkassenfinanzierung für selektionsorientierte pränatale Diagnostik, bessere Aufklärung und Beratung von Schwangeren bereits vor den Untersuchungen (und nicht erst nach einem positiven Befund), Abschaffung des Paragrafen 218, Einsatz für eine wirklich inklusive Gesellschaft. Sehr lesens- und bedenkenswert!

Kirsten Achtelik: Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung. Verbrecher-Verlag, Berlin 2015, 222 Seiten, 18 Euro.

Update: Hier ist noch ein Interview mit Kirsten Achtelik

Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen

Was ich an den italienischen Feministinnen so mag ist ihr Talent dafür, Denkbewegungen und Paradigmen auf eine kurze sprachliche Formel zu verdichten, an der sich dann Debatten entzünden und das Denken sich gewissermaßen “einhaken” kann. Sachen wie “Das Patriarchat ist zu Ende”, “Von sich selbst Ausgehen”, “der Wille zu siegen” oder “Von der Abwesenheit profitieren”…

In einem aktuellen Text (italienisch) von Paola Mammani habe ich nun wieder eine Formulierung gefunden, die mir seit einigen Tagen im Kopf herumspukt, und zwar “Omosessualità femminile e donne felici”, also “Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen”. Offenbar stand die Frage zur Debatte, mit welchem Bild man ein Zeitungscover zu diesem Thema betiteln würde, und Mammani kam dazu sofort ein Foto in den Sinn, auf dem sich Flavia Pennetta und Roberta Vinci, die beiden Tennis-Finalistinnen der US-Open im September diesen Jahres, fest, lang und zärtlich umarmen (ich sollte wieder mehr Tennisspiele anschauen)!

Daneben, so schreibt sie, hätte sie ein anderes Foto gestellt, auf dem Flavia Pennetta, die Siegerin, und ihr Verlobter sich im Anschluss an das Match küssen, und dazu hätte sie die Unterschrift “Heterosexualität” gestellt. Paola Mammani erklärt das so: “Mir scheint, das sind zwei Bilder, die eine grundlegende Wahrheit vermitteln, die aber leicht übersehen wird: Dass Homosexualität von Frauen gemacht wird, die einander Zuneigung, Liebe, Wertschätzung entgegen bringen, und dass die Heterosexualität eine ähnliche Verbindung ist, die eine Frau mit einem Mann pflegt. Dass weibliche Homosexualität da ist, vor den Augen aller, ein Mehr und eine Möglichkeit für jede Frau, die damit anfangen will, sie zu sehen, sie wahrzunehmen und zu kultivieren.”

Das Ganze erinnert an die Idee von Adrienne Rich vom “lesbischen Kontinuum” (könnt Ihr nachlesen auf den zusätzlichen  zwei Comicseiten unserer Neuauflage), und tatsächlich ist diese Vorstellung, dass weibliche Homosexualität mehr (und anderes) ist als eine bestimmte Form von Familie oder eine bestimmte Form von Sexualität, heute irgendwie manchmal verloren gegangen.

Zwischen dem politischen Einsatz für mehr legale Familienrechte für schwule und lesbische Paare auf der einen Seite und queerfeministischer Neubewertung von Geschlechteridentitäten auf der anderen Seite bleibt leider oft das auf der Strecke, was für die Frauenbewegung vor dreißig, vierzig Jahren eigentlich das viel Wichtigere war: nämlich eine Kultur zu schaffen, in der Frauen ihre Beziehungen untereinander auf allen Ebenen wichtig nehmen, einander ihre Aufmerksamkeit, Zuneigung, Liebe und Unterstützung schenken und nicht dauernd auf Männer fixiert sind (was andererseits nicht bedeutet, dass sie gar keine Beziehungen zu Männern haben dürfen oder sollen). Also das, was in Deutschland dann unter Affidamento diskutiert wurde – hier auch ein guter Artikel von Dorothee Markert dazu.

IMG_0124Mit diesen Gedanken im Kopf stand ich neulich, weil ich Zeit überbrücken musste, in einer Bahnhofsbuchhandlung und kaufte die mir bis dahin völlig unbekannte Zeitschrift “Working Women”. Es ist eigentlich eine recht unspektakuläre Zeitschrift, aber mit einem klaren Bewusstsein für dreierlei: erstens, dass es nicht darauf ankommt, sich bei der eigenen Lebensplanung an Männern zu orientieren oder sich von ihnen abzugrenzen, sondern darum, angesichts der Umstände realistisch das Beste zu machen, was einer möglich ist. Zweitens: dass andere Frauen dabei die entscheidende Ressource und Hilfe sein können. Und drittens: dass Weiblichkeit ein Faktor ist, der bei all dem eine Rolle spielt, manchmal nützlich und manchmal hinderlich, nie jedoch etwas, das die eigenen Möglichkeiten und Wünsche definiert oder festlegt.

Neben allen möglichen Artikeln im Umfeld von “Frauen teilen ihre Erfahrungen, geben Ratschläge und erzählen, was sie erlebt haben, weil andere daraus vielleicht was lernen können” gab es dezidiert auch einen langen Artikel zum Thema “Nicht ohne meine Kollegin” (über Frauenpaare, die was in der Welt bewegen, wie Merkel/von der Leyen, Navratilova/Evert, Fitzgerald/Monroe und noch ein paar, die ich nicht kannte), und einem Teaser mit dem Ratschlag: Sei lieber Königin als Prinzessin.

Irgendwie dachte ich: Ja, dass es solche Zeitschriften heute gibt, hat was mit all dem zu tun – mit weiblicher Homosexualität und mit glücklichen Frauen. Und es ist auch ein Zeichen dafür, dass Feminismus durchaus was verändert und gebracht hat. Wir sind nicht mehr am selben Punkt wie vor dreißig, vierzig Jahren.