… for President. 

Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?

Das schrieb die Bestsellerautorin und politische Aktivistin Harriet Beecher-Stowe 1870 anlässlich der Kandidatur von Victoria Woodhull für die Präsidentschaft der USA. 

Es klingt sehr retro, aber ist es das wirklich?

www.vicwoodhull.wordpress.com

Rape revisited. Über Vergewaltigungsdiskurse

Weil aus aktuellem Anlass gerade viel über Vergewaltigung diskutiert wird, möchte ich hier noch einmal etwas genauer über die aktuelleren feministischen Analysen zu dem Thema schreiben, die nämlich wie meistens komplexer sind als viele meinen.

Unter dem Titel „rape revisited. Die Tiefengrammatik der sexuellen Gewalt“ hat Mithu M. Sanyal für den grade erst von mir empfohlenen Sammelband „Feminismen heute“ eine kritische Rekapitulation des Vergewaltigungsdiskurses seit den 1970er Jahren unternommen. Kleine Erinnerung: Damals hat die Frauenbewegung das Thema häusliche Gewalt öffentlich zum Thema gemacht. In diesem Zusammenhang wurde vielen (auch vielen Frauen) erstmals bewusst, dass Vergewaltigung nicht vor allem etwas ist, das im dunklen Park von einem bösen Fremden ausgeht, sondern meistens innerhalb sozialer Beziehungen stattfindet: Es sind Ehemänner, Freunde, Bekannte, die vergewaltigen. Der Verdienst der damaligen Frauenbewegung, das bewusst zu machen und politisch zu thematisieren, ist unbestritten, allerdings hat der Diskurs einige Schwachstellen, die Mithu Sanyal analysiert:

Erstens wurde dadurch ein Bild von Frauen als sexuell eher inaktiven, tendenziell an Sex desinteressierten Wesen noch einmal bekräftigt und so bestehende Geschlechterzuschreibungen eher verstärkt als dekonstruiert. In dem Bemühen, den tatsächlichen Skandal der sexuellen Gewalt sichtbar zu machen, wurde gleichzeitig denjenigen, die Vergewaltigungen erlebt und erlitten hatten, eine bestimmte Interpretation zugeschrieben, zum Beispiel, dass dies in jedem Fall ein ungeheuer traumatisierendes Ereignis sein muss. Manche Feministinnen beanspruchten „im Namen der vergewaltigten“ Frauen zu sprechen, obwohl ja auch Frauen, die vergewaltigt wurden, sehr unterschiedliche Weisen haben, das Erlebte zu verarbeiten und zu interpretieren. (In diesem Zusammenhang ist übrigens auch der Beitrag von Claudia Schöning-Kalender über „Frauenhäuser im Aufbruch“ aus diesem Sammelband interessant).

Zweitens wurde im damaligen Diskurs die Debatte über sexuelle Gewalt sehr pauschal mit einem Gewaltverhältnis zwischen den Geschlechtern gleichgesetzt. Es ist eben nicht so, dass es schlicht um das Schema „Männer sind Täter und Frauen sind Opfer“ geht. Auch Männer werden Opfer von sexueller Gewalt, die zumeist von anderen Männern ausgeht, aber auch von Frauen ausgehen kann. Und Frauen sind mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht „performen“ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff „Rape Culture“, also „Vergewaltigungskultur“ zusammengefasst wird.

Daraus aber nun – wie es manche tun – den Schluss zu ziehen, Vergewaltigung sei ja quasi eine „geschlechtsneutrale“ Angelegenheit und betreffe Frauen und Männer gleichermaßen (nach dem Motto: Frauen vergewaltigen Männer genauso wie Männer Frauen), ist natürlich Quatsch. Mithu M. Sanyal geht denn auch den genau umgekehrten Weg: Sie untersucht gerade die Verwobenheit zwischen Vergewaltigung, Vergewaltigungsdebatten und der Konstruktion von Geschlecht, die nämlich eben sehr viel komplexer ist als das schlichte Täter/Opfer-Schema.

„Vergewaltigung ist nicht nur das am meisten gegenderte Verbrechen, sondern auch das Verbrechen, das uns am meisten gendert“, beginnt sie ihren Text. Unter diesem Aspekt rekapituliert sie anschließend die feministischen und medialen Diskurse über Vergewaltigung, und kommt zu dem Schluss: „Vergewaltigung gendert uns, indem sie uns beibringt, wie wir uns unserem Geschlecht entsprechend zu verhalten haben, wie die Geschlechter zueineinander stehen.“

Ihr Fazit ist übrigens, dass der entscheidende Faktor für „Rape Culture“, also die Wahrscheinlichkeit, dass sexuelle Gewalt in einer Kultur vorkommt, die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist: „Je totaler eine Institution ist, desto höher die  Zahl der Vergewaltigungen. Je rigider die Geschlechterrollen, desto mehr Sexismus bis hin zur physischen sexuellen Gewalt. Das enthebt das Individuum zwar nicht der Verantwortung, verlagert den Fokus jedoch auf die gesellschaftliche Organisationsform. Entsprechend gibt es Gesellschaftsformen, in denen Vergewaltigung so gut wie nicht vorkommt, bis hin zu hoch gewalttätigen Gesellschaften mit einer hohen Rate an sexualisierten Verbrechen.“ Und:

„Die schlechte Nachricht ist zwar, dass sich das Vergewaltigungsproblem nicht durch schärfere Gesetze lösen lassen wird. Das Gute ist allerdings, dass nahezu alle Maßnahmen, die unsere gesamte Gesellschaft (geschlechter-)gerechter machen, ein direktes Vergewaltigungspräventionspotenzial haben.“

Mehr Infos:

*Unter der Überschrift „Vergewaltigung gibt es nicht“ hatte Mithu M. Sanyal schon 2012 einen Artikel im Missy Magazine, der leider nicht online steht, aber natürlich kritisch diskutiert wurde, hier ist eine Antwort von ihr auf entsprechende Kritik.

*Zur  Zeit arbeitet Mithu M. Sanyal an einer Kulturgeschichte der Vergewaltigung. Auf das Buch freue ich mich schon.

*Vor dem Thema Vergewaltigung hat sie sich mit der Vulva beschäftigt. Hier meine Rezension dazu.

*Für das Forum bzw-weiterdenken schrieb sie über Die Pornofizierung der Gesellschaft.

 

Feminismen heute

9783837626735_216x1000Im Transcript-Verlag ist vor einiger Zeit der Sammelband “Feminismen heute” erschienen, bei dem es etwas Zeit gebraucht hat, bis ich durch war, den ich aber allen empfehlen möchte, die sich mit den Entwicklungen und Veränderungen der Frauenbewegung beschäftigen. Es ist ein Sammelband, der auf eine Tagung zum Thema zurückgeht, und mit 28 unterschiedlichen thematischen Beiträgen entsprechend uneinheitlich.

Aber wenn sie auf einen Nenner gebracht werden sollten, dann wäre es vermutlich der, die in den 1970ern entwickelten Ansätze des radikalen Feminismus heute, vierzig Jahre später, zu aktualisieren. Großen Raum nimmt dabei die Auseinandersetzung mit Differenzen ein, eine Korrektur der damals doch verbreiteten Annahme, es gebe ein “Wir” der Frauen mit gemeinsamen Interessen, die die Frauenbewegung zu verteidigen hätte.

Dass Feminismus hingegen gerade die Differenzen unter Frauen nicht nur ernst nehmen, sondern sogar ins Zentrum stellen sollte, wird in dem Sammelband mit Beiträgen zu Schwarzem feministischem Denken, Queerfeminismus, muslimischen Positionen, Überlegungen zu Dis/Ability und so weiter deutlich.

In einem zweiten Kapitel werden verschiedene Themen behandelt, in denen neue feministische Entwicklungen und Analysen stattgefunden haben, wie etwa Medien, Mutterschaft, Körper, Ökonomie, Arbeitsmarkt, Recht, Medizin.

Am interessantesten fand ich diejenigen Texte, die bestimmte Überzeugungen des Feminismus der 1970er Jahre aufgreifen und einer kritischen Revision unterziehen, wie zum Beispiel der Text von Mithu M. Sanyal über Vergewaltigung, bei dem sie darauf aufmerksam macht, dass die allzu eindeutige Konstruktion von Frauen als Opfern und Männern als Tätern auch eine Verfestigung von Stereotypen war und das Ganze komplexer gesehen werden muss. Ebenfalls lesenswert sind die Reflektionen zur Konzeption von feministischen Projekten wie Frauenhäusern oder Mädchenarbeit.

Wie gesagt: Ich finde, eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich mit feministischen “Trends”, mit Gleichstellungspolitik oder ähnlichem beschäftigen.

Mehr Infos dazu auch in einer Rezension von Bettina Kruse.

Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, Bettina Ritter, Dagmar Venohr (Hg): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis. Transcript 2014, 395 S., Print: 29,99 Euro, E-Book: 26,99 Euro.

 

Care-Arbeit ist ein Begriff für die Übergangszeit

Gerade bloggte ich drüben bei Fischundfleisch darüber, was meiner Ansicht nach ein wichtiger Grund dafür ist, warum viel weniger Mädchen als Jungen sich für (gut bezahlte) Industrieberufe interessieren: Alles, was mit (vor allem industrieller) Produktion zu tun hat, ist nicht wirklich sichtbar als etwas, das zum guten Leben aller beiträgt, sondern es steht in dem Ruf, nur dem Profit und dem Kapitalismus zu dienen. Deshalb wählen Menschen, die bei der Berufswahl vor allem auf den Sinn ihrer Arbeit Wert legen und weniger auf Geld oder Status tendenziell die so genannten “helfenden” Berufe, also Krankenschwester, Erzieherin, Altenpflegerin und so weiter – mehr Frauen als Männer, aber natürlich nicht nur.

Dass das Problem dabei nicht dieser Wunsch nach sinnvoller Arbeit ist, sondern die systematische Niedrigerbezahlung dieser Berufe, haben Feministinnen schon immer betont, obwohl gerade wieder anlässlich des Equal-Pay-Days lauter Texte geschrieben werden, deren Tenor lautet: Der Gender Pay Gap ist doch keine Ungerechtigkeit, weil Frauen ja freiwillig in die niedriger bezahlten Berufe gehen. omg.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Es ist ja sowieso interessant, zu sehen, wie sich die Lohnhöhe für einzelne Berufe und Tätigkeiten bemisst, und es ist jedenfalls offensichtlich, dass sie allerhöchstens sehr lose etwas mit Leistung oder mit Verantwortung zu tun hat. Auch nicht unbedingt mit Ausbildung. Aber dafür ziemlich viel mit sozialem Status. Sicherlich sind es viele und komplexe Faktoren, die dazu führen, dass die eine Arbeit so und die andere so bezahlt wird, aber dieser Punkt scheint mir jedenfalls EIN Faktor zu sein: Der Sinn einer Arbeit steht in unserer derzeitigen symbolischen Ordnung quasi in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer Entschädigung – je sinnvoller eine Arbeit (offensichtlich) ist, umso weniger muss man dafür bezahlen, weil die Leute machen es ja wegen dem Sinn.

Dasselbe Argument habe ich bei einem früheren Equal Pay Day schonmal in Punkto “Arbeit, die Spaß macht” kritisiert. Es gibt keinen vernünftigen Grund, eine Arbeit schlechter zu bezahlen (oder sich mit weniger Honorar zufrieden zu geben), bloß weil sie Spaß macht. Ebenso falsch ist das natürlich in Bezug auf “Arbeit, die sinnvoll ist”. Gerade eine sinnvolle Arbeit ist doch mehr wert als eine sinnlose und sollte entsprechend auch besser bezahlt werden.

Nun aber zurück zu der Frage: Woran bemisst es sich denn überhaupt, ob eine Arbeit sinnvoll ist?

An dieser Stelle möchte ich einen kritischen Blick darauf werfen, wie wir derzeit über “Care-Arbeit” diskutieren. Mit “Care-Arbeit” werden in der Regel die klassischen Fürsorgearbeiten bezeichnet, also Pflegen, Erziehen, Betreuen, Versorgen und so weiter, die teilweise privat in Haushalten, teilweise schlecht bezahlt in Institutionen, teilweise prekär in informellen Arbeitsverhältnissen geleistet werden.

Es war wichtig, diese Tätigkeiten zunächst erst einmal als “Arbeit” ins Bewusstsein zu holen – vor dem Feminismus galten sie irgendwie als etwas, für deren Erledigung die weibliche Natur mysteriöserweise von selbst sorgt. Erst durch ihre Sichtbarmachung seitens der Frauenbewegung können unbezahlte Care-Arbeiten heute als Teil der Volkswirtschaft, als Teil der Ökonomie gesehen werden (was freilich nicht heißt, dass das auch alle tatsächlich tun).

Problematisch ist es aber, wenn nun erneut ein Gegensatzpaar entsteht, nämlich das zwischen “guter Care Arbeit” und “böser Industriearbeit”. Oder zumindest darf diese Unterscheidung nicht entlang der Art der Tätigkeiten gezogen werden. Ob eine Tätigkeit “Care” ist, also etwas, das “wirklich, wirklich sinnvoll” ist, das bemisst sich nicht daran, welchen Inhalt diese Tätigkeit hat, sondern darin, in welchem “Geist” sie erledigt wird. Ist der Maßstab dabei das gute Leben aller, das, was die Allgemeinheit braucht und was gut für die Welt wäre? Das, was notwendig ist? Oder ist der Maßstab ein anderer, zum Beispiel, wie viel Profit sich herausschlagen lässt?

“Wirtschaft ist Care” hat Ina Praetorius ihr Buch zu dem Thema betitelt, das jetzt bei der Heinrich Böll Stiftung erschienen ist und kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden kann. Die ganze Wirtschaft ist Care, nicht nur der Teil von ihr, der mit helfen, putzen, pflegen, erziehen und so weiter zu tun hat.

Von daher ist “Care” vielleicht weniger ein Substantiv, als vielmehr ein Adjektiv. “Care-Arbeit” ist eigentlich ein Begriff für eine Übergangszeit. Denn “Care-Arbeiten” bezeichnen nicht ein bestimmtes Spektrum von Tätigkeiten, sondern sie bezeichnen eine Qualität, die dem Arbeiten zukommen müsste, aber ihm leider nicht immer zukommt. Jede Arbeit sollte “Care-Arbeit” sein.

Und ich wette, dann würde es auch besser mit den “Frauen in Männerberufen” klappen, aber das nur nebenbei.

Noch zum Thema: Die Männer und das liebe Geld. 10 Thesen zum Equal Pay Day.

Raus aus der Defensive!

… unter dieser Überschrift ist soeben ein längerer Text von mir in der Zeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” erschienen. Es geht um die Unterscheidung zwischen “gutem” und “bösem” Feminismus, über Meta-Debatten und Medien und was nun wichtig wäre, zu tun.

Und bei “Fisch und Fleisch” erkläre ich heute morgen, was “Mansplaining ist.

Frauen und andere Menschen

Wie bezeichnen wir Menschen? Wie machen wir die Geschlechterdifferenz sichtbar, ohne uns post-gender-mäßig alle zu “neutralisieren”, aber auch ohne eine schwarzweiß-Gegenüberstellung von Frauen und Männern vorzunehmen? Ohne die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten zu ignorieren, aber gleichzeitig auch ohne den weiblichen Protagonismus und die wichtige Rolle von Feministinnen für politische Bewegungen unsichtbar zu machen? Wie thematisieren wir, dass unsere Vorschläge nicht nur auf Frauen bezogen sind, sondern auf die Welt als ganze, ohne dabei aber zu verschweigen, dass von vielen Problemen Frauen auf besondere Weise und in größerem Ausmaß betroffen sind?

Gerade gibt es einen Flyer, der dabei eine schöne Formulierung verwendet: “Frauen und andere Menschen”. Gefällt mir gut.

Es ist ein Aufruf zu einer Demo für ein bedingungsloses Grundeinkommen am 7. März in Frankfurt. Auch der übrige Text ist gut:

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Feminismus ist ein offener Weg ohne Ziel

Feminismus ist kein bestimmter Inhalt, sondern eine Praxis. Deshalb kann sich der Feminismus auch nicht als Partei organisieren, nicht mal als Verein oder feste Gruppe. „Wir sind eine nomadenhafte Bewegung“ hat Chiara Zamboni das vor zwei Wochen in einem Vortrag genannt (der hier im Wortlaut nachgelesen werden kann).

Das Bild gefällt mir sehr gut, denn das Sich nicht festlegen Lassen ist etwas, das mir für mein politisches Engagement sehr wichtig ist. Nicht nur im Feminismus, sondern generell, wobei sich das Feministische vom Generellen ja ohnehin nicht unterscheiden lässt.

Aus dieser Haltung heraus ergeben sich jedoch Besonderheiten, die beachtet werden müssen. Weil wir im Feminismus kein Modell haben, an dem wir uns festhalten können, weil wir kein Projekt zu verwirklichen haben, wird die Gegenwart besonders wichtig, weshalb uns das „Geistesgegenwärtig sein“ im ABC des guten Lebens ein eigenes Stichwort wert war.

Wenn ich auf einem fixen Weg von A nach B unterwegs bin, dann orientiere ich mich an dem Ziel. Dann ist der Maßstab für mein Handeln die Frage nach der Strategie, nach dem „richtigen“ Weg, der an jeder Kreuzung nur ein einziger sein kann (nur im imperialistischen Größenwahn führen alle Wege nach Rom).

Wenn ich „nomadenhaft“ unterwegs bin, dann bekommt der einzelne Schritt, der also, den ich jetzt im Moment tue, die Gegenwart, eine umso größere Bedeutung. Der einzelne Schritt ist nicht Mittel zum Zweck (nach „B“ zu kommen, das schon feststeht), sondern er ist selber Zweck. Jedesmal wieder eine originelle, eine freie Entscheidung. Daraus ergibt sich eine größere Verantwortlichkeit im Hier und Jetzt. Denn jeder Schritt ist wichtig.

Ebenso wichtig ist die Präsenz, die körperliche Anwesenheit. Nicht „der Feminismus“ oder „die feministische Theorie“ tragen die politische Bewegung, sondern die einzelnen Akteurinnen und gegebenenfalls auch Akteure. Da es keine übergeordnete Formel gibt, die den Maßstab für die (zu verwirklichende) Welt ist, kommt es umso mehr darauf an, die Gegenwart zu verstehen und ihr Bedeutung zu geben, sie zu deuten. Das also, was Hannah Arendt „Denken ohne Geländer“ genannt hat. Ich bin es, ich in meinem Körper im Hier und Jetzt, die eine bestimmte Situation interpretiert und dann dieses oder jenes denkt, sagt und tut (oder eben nicht). Die Trägerinnen des Feminismus sind wir.

Nicht jede allein, sondern wir in unseren Beziehungen natürlich. Chiaras Bild dafür war: „Ich bin ich, aber ich bin nicht ganz getrennt von dir.“ Jede zählt, in ihrer subjektiven Einzigartigkeit. Aber sie ist nicht ganz getrennt von der anderen. Nicht von den abstrakten anderen als einer Gruppe („den Frauen“), sondern von denjenigen anderen, die mit ihr ganz konkret eine bestimmte Situation, die jeweilige Gegenwart, teilen. Denjenigen, die in dieser Situation ebenfalls „präsent“ sind.

Warum denken wir überhaupt? Weil wir, so Chiaras Erklärung, ständig neue Erfahrungen machen, dafür aber nur verbrauchte Worte haben. Worte aus alten, bereits vorfindlichen symbolischen Ordnungen, mit denen wir diese Erfahrungen nicht angemessen beschreiben können. Deshalb denken wir, um sagen zu können, was ist, was (uns) gerade geschieht. Weil wir dafür unverbrauchte Worte brauchen.

Der Konflikt ist dafür eine wichtige Ressource, eine Bereicherung, denn er hilft uns, Worte zu finden für das, was geschieht. Aber das, so Chiara, funktioniert nur, wenn unser Ego beiseite tritt. Weder geht es bei einem Konflikt – wenn er solchermaßen eine Bereicherung sein soll – darum, zu siegen, aber es geht auch nicht darum, ihn möglichst schnell beizulegen, eine Einigung zu finden, mit der alle leben können. Das Wichtigste bei diesem Prozess ist es, den Konflikt möglichst klar zu machen, also ihn so zu besprechen, dass die wirkliche Differenz zwischen uns auf den Tisch kommt.

Chiara hatte dafür einen schönen Ausspruch von Francoise Dolto, die für eine „Niederlage“ in einem politischen Konflikt sagte: „Das bin nicht ich, die verloren hat, das ist nur ein Spiel.“ Politische Konflikte sind ein Spiel um die Bedeutung der Welt, um die nämlich geht es, nicht um unsere jeweiligen Egos. Es ist nicht wichtig, recht oder unrecht zu haben, sondern es ist wichtig, die verschiedenen Positionen klar zu benennen. Damit unter uns ein freier Geist zirkuliert.

Feminismus ist ein offener Weg ohne Ziel. Und die Erfahrungen unserer Gegenwart sind alles, was wir dabei im Gepäck haben. Unsere Erfahrungen, die nicht in der Vergangenheit verhaftet sind, allerdings aus ihr gespeist werden. Die sich aber auf ein Noch-Nicht richten, das wir nicht fixieren können.

Das Ich einer bestimmten Frau in einer konkreten Situation, das getrennt von der anderen ist, aber nicht völlig von ihr getrennt, ist die Essenz der Frauenbewegung.