Besondere Umstände – wieder xtreme!

Heute morgen haben Benni und ich wieder gepodcastet – für alle, die unsere Dispute nicht nur in Blogkommentaren lesen, sondern gerne auch mal hören möchten. Es ging um das Philosophicum in Frankfurt, um Idealismus und Materialismus oder symbolische Ordnung versus Produktionsverhältnisse ändern?, um Organisationen, Macht und Politik (und den Herrn der Ringe) und um die Frage: Marx vergessen?

Listen and enjoy!

Wie feministische Theorien mit gedankenlosen Halbsätzen für unbedeutend erklärt werden

Christian Siefkes stellt im Keimform-Blog das Buch The Origin of Capitalism: A Longer View von Ellen Meiksins Wood vor, in dem sie die These von der Naturnotwendigkeit des Kapitalismus bestreitet und aufzeigt, wie diese Wirtschaftsform vielmehr in einer historisch konkret bestimmbaren Situation – im 16. Jahrhundert in England – entstanden ist. Das ist sehr lesenswert.

Daran schließt er eigene Überlegungen dazu an, welche Aspekte bei Versuchen, den Kapitalismus zu überwinden, notwendig sind. Er identifiziert drei, eine davon ist die Aufhebung der Trennung in Produktionssphäre und Privatssphäre/Haushalt.

Und dann schreibt er einen Satz, der mir symptomatisch erscheint für die merkwürdig ignorante Weise, mit der linke Männer sehr häufig mit feministischen Ideen umgehen. Und zwar schreibt er:

“Die Aufhebung der Sphärentrennung spielt in vielen linken Debatten kaum eine Rolle. Stattdessen wird die Umgestaltung des politischen Systems oder der Wirtschaft oder von beiden, aber als separate Sphären betrachtet; die Reproduktionssphäre kommt dabei außerhalb feministischer Ansätze selten in den Blick.”

Sind also feministische Ansätze kein Teil der linken Debatten? Offenbar nicht, denn würde Siefkes sie als solche verstehen, könnte er nicht mehr schreiben, dass die Reproduktionssphäre in linken Debatten selten vorkomme.

Richtig hätte der Satz lauten müssen:

“Die Aufheben der Sphärentrennung spielt in linken feministischen Debatten seit Jahrzehnten eine zentrale Rolle. Dabei sind schon Trillionen von höchst interessanten Vorschlägen dazu gemacht worden, was daraus für linke Politik und linken Aktivismus folgen könnte – die leider von nicht feministischen linken Männern bisher vollkommen ignoriert werden.”

Und dann hätte der Artikel zum Beispiel irgendwie so weitergehen können:

“Ich stelle hier mal die wichtigsten Debattenlinien vor und empfehle die zentralen Bücher, damit alle, die an linker Ökonomiekritik interessiert sind, sich damit auseinandersetzen und darauf aufbauen können, wenn sie eigene und neue Ansätze vorschlagen. Denn wir müssen ja das Rad nicht immer wieder neu erfinden.”

Allerdings.

Wenn er das gemacht hätte, könnte er das Rad ja nicht selber neu erfinden. Und das wäre doch schade, nicht wahr?

 

——–Update:  

Um Bennis Einwand aus den Kommentaren aufzugreifen: Formal betrachtet sagt Siefkes in der Tat nicht, dass feministische Ökonomiekritik kein Bestandteil linker Debatten sei, was er sagt, ist, dass sie kein relevanter Bestandteil linker Debatten sei. Also keiner, der ihn von seinem generellen Urteil, die Reproduktionsarbeit spiele in linken Analysen im Großen und Ganzen keine Rolle, abbringen müsste.

 

Können Feministinnen vielleicht doch „im Namen der Frauen“ sprechen?

Linda Zerillis Buch „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“ ist keine Margarine, sondern Butter, um auf eine Metapher von Kathrin Passig zurückzugreifen: Es gibt es nur teuer zu kaufen, weshalb ich es, obwohl es schon 2005 auf Englisch und 2010 auf deutsch erschienen ist, bisher nicht gelesen hatte. Und das, obwohl ich schon lange vermutet hatte, dass es mir gut gefallen würde, denn schließlich geht es um Hannah Arendt und um den italienischen Differenzfeminismus und um eine Neuorientierung des Feminismus als freiheitliche politische Bewegung – soviel hatte ich auch im Internet schon mitbekommen (zum Beispiel hatte Katrin Rönicke schon ausführlich darüber gebloggt).

Aber gemäß dem Gesetz, dass alles wirklich Wichtige irgendwann doch zu einer kommt, habe ich es vergangenes Weihnachten gleich zweimal geschenkt bekommen, und, voilà, ja, es ist wirklich ein Meilenstein der politischen feministischen Theorie.

zerilliZerilli entwickelt darin einen Vorschlag, wie der Feminismus sich aus jenem unfruchtbaren Patt herauslösen kann, in der er durch den Konflikt zwischen radikalem Feminismus und Queerfeminismus geraten war – nämlich der Vorstellung von „Frauen“ als einem politisch handelnden Subjekt, das in der so genannten „zweiten Welle“ in den 1970er Jahren die politische Bühne betreten und die bis dahin vorherrschende Norm der Männlichkeit in Frage gestellt hat, auf der einen Seite, und einer radikalen Dekonstruktion der Kategorie „Geschlecht“ auf der anderen Seite.

Also die Frage: Wie kann Weiblichkeit und Frausein einerseits eine politische Kategorie sein, wenn doch andererseits bestritten werden muss_soll, dass Frausein überhaupt ein reales Kriterium ist?

Ihre Antwort lautet - im Anschluss an Hannah Arendt: Es geht nicht darum, „was“ eine Frau ist, sondern darum, „wer“ eine Frau ist, also um ein politisches Urteil, das darin besteht, dem eigenen Frausein eine Bedeutung zu geben. „Frauen“ im Sinne des Feminismus als politischer Praxis sind nicht Menschen, die aufgrund von objektiv bestimmbaren Kriterien (naturgegebenen oder gottgewollten oder soziologisch definierten) zu dieser Gruppe gehören, sondern Menschen, die sich entschließen, in Freiheit eben, „Frauen“ zu sein, um damit ein politisches Projekt zu verfolgen.

Das ist nun für mich nicht ganz neu gewesen, denn der italienische Differenzfeminismus, mit dem ich bekanntlich engstens verbandelt bin, hat genau diese politische Praxis entwickelt, zuerst mit dem Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ des Mailänder Frauenbuchladens (das schon 1989 auf Deutsch erschien), und seither mit vielen anderen Texten, etwa den von mir mit übersetzten Büchern der Philosophinnengruppe Diotima in Verona oder der Zeitschrift Via Dogana und so weiter.

Es ist natürlich schön, dass dieses Denken nun auch noch einmal von einer anderen Seite her aufgegriffen wird, zumal Zerilli den Kern dieses Denkens in einen feministischen Diskurs einbettet, wie er sich im Anschluss an Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter” entwickelt hat – einen Diskurs, den ich, mangels Interesse, nur eher nebenbei verfolgt habe.

Etwas schade ist allerdings, dass sie sich ausschließlich auf das inzwischen eben schon 25 Jahre alte Buch der Mailänderinnen bezieht, so als ob sich der italienische Differenzfeminismus direkt im Anschluss an dessen Veröffentlichung in Luft aufgelöst hätte. Alle weiter führenden Diskussionen und Erkenntnisse, die daraus gefolgt sind – und auch in Deutschland ist die Idee des Affidamento ja vielfach auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch nicht an den Unis - hat sie nicht berücksichtigt.

Interessant fand ich allerdings, wo Zerilli andere Vorschläge zum Weiterdenken entwickelt, als die Italienerinnen und „wir“ es getan haben. Aus der zentralen Erkenntnis von „wie weibliche Freiheit entsteht“ – dass es nämlich kein „Wir der Frauen“ gibt, das als politisches Subjekt auftreten kann - sind nämlich „bei uns“, wenn ich es jetzt mal so verkürzt sage, Praktiken und Vorschläge entstanden, die vor allem auf eine politische Praxis der Beziehungen unter Frauen fokussieren. Das „Von sich selbst Ausgehen“, die Aufmerksamkeit für „weibliche Autorität“ und das persönliche Begehren, die Notwendigkeit der Vermittlungsarbeit, und die Ablehnung einer Repräsentanzpolitik, bei der einzelne beanspruchen, im Namen von anderen zu sprechen, zuletzt die Unterscheidung von Macht und Politik.

Zerilli hingegen ist der Ansicht, dass Frauen, die im oben genannten politischen Sinn „als Frauen“ sprechen, durchaus „im Namen der Frauen“ generell sprechen können. Ich zitiere diese Passage (Seite 238) mal ausführlich. Zerilli schreibt:

„Im Hinblick auf den Feminismus wollen wir also nicht wissen, ob die Frauen/die Frau (etwa in Form einer durch gemeinsame Erfahrung verbundenen sozialen Gruppe) existieren, sondern was die Frauen/die Frau für diejenigen bedeutet, die beanspruchen, in diesem Namen politisch zu sprechen. Durch ein solches Sprechen kann eine Norm entweder weiter sedimentiert, oder aber transformiert werden. Ob ein im Namen „der Frauen“ Sprechen eine vorgängige Definition von „Frauen“ zementiert oder sie für Diskussion, Kritik und phantasievolle Umgestaltung öffnet, können feministische politische Akteurinnen vor diesem Sprechen einfach nicht wissen. Wenn wir uns dazu entscheiden sollten, ein „unbestimmtes Urteil“ über die Frauen/die Frau zu formulieren, so liegt dies nicht daran, dass die Kategorie als undefinierbar geschützt oder von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen wäre, weil sie kein legitimes Objekt des Wissens darstellte. … In der Politik geht es vielmehr um Forderungen und Urteile – und den Mut, sie zu stellen, bzw. zu fällen -, die nicht durch objektive Kriterien oder Regeln abgesichert sind. Sie können sich also weder auf ein objektives Wissen berufen noch garantieren, dass ein solches Sprechen im Namen der Frauen von anderen aufgenommen oder aufgegriffen wird.“

Diesen Vorgang als solchen – dass also eine etwas sagt, das nicht beweisbar oder objektiv wahr ist, und dessen Wirksamkeit dann davon abhängt, ob andere es aufgreifen und dem zustimmen – haben wir im von Italien inspirierten Differenzfeminismus auch bearbeitet und beobachtet, es ist letztlich das Wechselspiel von Autorität und Begehren: Wenn eine etwas Neues sagt, bekommt dies Autorität dadurch, dass es andere aufgreifen, weil es eine Antwort auf ihr Begehren ist. Die Italienerinnen sprechen dabei auch von einer „Wette“, die die Sprechende eingeht. Dass also etwas Neues, das gesagt wird, den Charakter von „Wetten, dass es so ist?“ hat (und nicht, wie es ansonsten üblicherweise gehandhabt wird, den Charakter von „Ich kann beweisen, dass es so ist“).

Die interessante Frage, die für mich momentan offen ist, ist die, ob dieser Vorgang sich sinnvollerweise in eine politische Repräsentanz übersetzen lässt. Die Sichtweise, dass ich „als Frau“ sprechen könnte (also in gewisser Weise durchaus als Repräsentantin „der Frauen“), habe ich bisher immer abgelehnt, sondern es vielmehr so formuliert, dass ich, die ich eine Frau bin, etwas sage, also mein Frausein dabei sichtbar und explizit mache, ihm eine Bedeutung gebe, aber eben eine andere Bedeutung als die der Repräsentanz.

Ich merke aber, dass dies kaum durchzuhalten ist, wenn ich öffentlich spreche. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens versteht es niemand, das heißt, was ich sage, wird als repräsentatives Sprechen wahrgenommen, ob ich will oder nicht, und daran schließen sich dann immer endlose Erklärungsnotwendigkeiten an. Zweitens, weil ich damit (und das gilt ja für den italienisch inspirierten Differenzfeminismus in Deutschland generell) vom öffentlichen, medialen Diskurs so gut wie gar nicht wahrgenommen werde. Feministische Thesen werden nur wahrgenommen, wenn sie Aussagen über „die Frauen“ zu machen beanspruchen, wie man an der Dauerpräsenz von Alice Schwarzer oder auch Hypes um Bücher wie die Tussikratie sieht.

Das repräsentative Denken ist einfach in unserer politischen Kultur so stark verankert, ja, Politik wird praktisch mit repräsentativem Anspruch gleichgesetzt, dass es von vielen einfach nicht verstanden wird, wenn jemand sich dem verweigert.

Nach dem Lesen von Zerillis Buch frage ich mich, ob es vielleicht möglich sein könnte, das Pferd quasi von der anderen Seite aufzuzäumen: Nicht die Repräsentation als solche mit ihren offiziellen und freiheitsfeindlichen Defiziten gänzlich abzulehnen, sondern stattdessen zu versuchen, der Repräsentation eine freiheitlichere Bedeutung zu geben, in dem Sinne, wie Zerilli es vorschlägt? Nämlich so, dass ich mir einfach die Freiheit nehme, „im Namen der Frauen zu sprechen“ - aber eben in dem Sinne, dass die Berechtigung meines Sprechens sich in der Reaktion anderer Frauen darauf zeigt?

Ich bin mir nicht sicher, es hat etwas Verlockendes. Andererseits aber… Hm.

Geschlechterdifferenz sucht Kultur, dringend!

Almut Schnerring hat mir ihr Buch zugeschickt: “Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees.” Sie hat es zusammen mit ihrem Mann, Sascha Verlan, geschrieben, und Auslöser waren wohl die Erfahrungen, die sie mit ihren drei Kindern gemacht haben. Die Falle kennen wohl alle Eltern, und das Thema ist natürlich nicht neu, aber hier ist das alles einmal gut verständlich zusammengestellt, inklusive vieler Fallbeispiele, Interviews, neuesten Studien zum Thema.

9783888979385Ein empfehlenswertes Buch, das sich zum Beispiel gut an Eltern von kleinen Kindern verschenken lässt, die im Feminismusdiskurs vielleicht nicht so aktiv drin sind.

Und wie immer stellt sich beim Lesen die Frage, warum nur, warum ist diese Rosa-Hellblau-Falle nach der Emanzipation der Frauen nicht kleiner geworden, sondern größer? Und mir kam eine Idee, woran es – neben all dem, was wir dazu schon wissen – auch noch liegen könnte:

Nämlich daran, dass wir, also die Erwachsenen, die Gesellschaft insgesamt, keine überzeugenden Antworten darauf haben, wenn Kinder wissen wollen: Was bedeutet es, dass ich ein Mädchen bin? Was bedeutet es, dass ich ein Junge bin?

Im Prinzip drücken wir uns doch vor einer Antwort auf diese Frage. Die alten Antworten, die bis in die Fünfziger, Sechzigerjahre gegeben wurden, sind heute obsolet: Mädchen müssen kochen und hübsch sein, Jungen kämpfen und Geld verdienen. Zumindest explizit sind sie obsolet. Niemand sagt das heute noch so, außer vielleicht ein paar Ewiggestrige.

Eigentlich, so sagen wir unseren Kindern, hat das keine Bedeutung mehr. Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen postgender. Dabei reicht die Spanne von denen, die aktiv versuchen, Rollenklischees zu konterkarieren und ihre Kinder zu erziehen, ohne die Kategorie Geschlecht zu verwenden, bis hin zu denen, die sich über das Thema keine Gedanken machen und es einfach so machen, wie es alle machen, manchmal mit ein bisschen schlechtem Gewissen dabei.

Die ehemals expliziten Rollenanweisungen für Jungen und Mädchen wurden auf diese Weise quasi durch nur noch statistische Trends ersetzt, die sich im Einzelfall schwer nachweisen lassen, zum Beispiel, dass Eltern im Schnitt nachsichtiger sind, wenn Jungen sich nicht an der Hausarbeit beteiligen, als wenn das Mädchen tun. Diese statistischen Unterschiede in der Erziehung zum Geschlechterkonformismus sind aber nicht mehr kulturell untermauert, sie geschehen nicht absichtlich, sondern unabsichtlich. Sie werden nicht mehr aktiv und absichtlich ausgehandelt, sondern irgendwie so durchgeschleppt.

Aber Kinder sind ja nicht blöd. Sie sehen ganz genau, was für eine enorme Bedeutung die Geschlechterdifferenz hat, für praktisch jeden Aspekt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Sie sehen, dass Erwachsene sehr bewusst ihr Geschlecht “performen”. Und gleichzeitig sind Kinder konformistisch. Sie wollen vor allem dazugehören, sie wollen Orientierung.

Wenn sie nun von Eltern, Lehrerinnen oder Schulbuchautoren keine Antwort auf ihre Frage, was es bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, bekommen – dann glauben sie halt der Werbung. Dann wollen sie das, was die Werbung an Identitätsstiftung anbietet, rosa Überraschungseier oder Bagger oder sonstwas. Die Werbung kann umso klischeehafter vorgehen, je weniger alternative Antworten mit ihr konkurrieren. Sie sagt dann, es sei ja alles nur ironisch gemeint, oder eben, es sei ja offensichtlich überzeichnet und nur ein Spaß.

Man kann Kindern nichts beibringen, das von der gesellschaftlichen Realität nicht gedeckt ist. Die Veränderung der Geschlechtsrollen muss bei den Erwachsenen anfangen. Und solange wir Erwachsenen eine zweigeschlechtliche Welt vorleben, müssen wir auch für Kinder die Frage, was Geschlecht denn nun bedeutet, beantworten. Denn es bedeutet eben faktisch was.

Wir müssen also antworten, aber nicht im Sinne soziologischer Analysen, sondern im Sinne von dem, was wir selbst für die richtige Antwort halten, in erster Person. Es gibt auf diese Frage keine objektiv richtige Antwort, sondern es verlangt ein Urteil von der oder demjenigen Erwachsenen, der gerade gefragt ist: Was bedeutet es, dass ich eine Frau bin? Was sehe ich in Männern und im Mannsein?

Geschlecht ist eine soziale Konstruktion, und zwar eine sehr wirkmächtige. Es reicht nicht, diese Konstruktion als solche zu entlarven, denn dann bleibt Nichts übrig, ein Vakuum, das mit Prinzessinnen, Rittern, Puppenküchenbetreiberinnen und Baggerfahrern befüllt wird. Veränderung wird es nur geben, wenn wir denjenigen Konstruktionen, die wir für falsch halten, andere entgegensetzen, die wir besser finden. Die mehr Freiheit erlauben, uns selbst und dann auch den Kindern.

Die Konstruktion von Geschlecht ist eine Kulturproduktion. Wenn sie nicht stattfindet, und das ist leider derzeit über weite Strecken der Fall, dann geht diese Kategorie nicht einfach weg, ganz im Gegenteil.

Almut Schnerring, Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. Kunstmann, München 2014, 16,95 Euro.

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Update, 24. April, 10.19 Uhr

Nachdem es einige interessante Debatten auch auf Facebook und per Mail zu diesem Blogpost gegeben hat, möchte ich noch etwas ergänzen:

Manche haben es so verstanden, als würde ich sagen, dass heute Geschlecht keine offensichtliche Bedeutung mehr hat und Rollenanweisungen nur noch subtil zu Tage treten. Das meine ich nicht, meine These ist vielmehr, dass die Rollenanweisungen, die heute gegeben werden, im Vergleich zu denen früherer Zeiten substanzlos sind. Sie haben heute vor allem symbolischen Wert, weniger realen, sie werden eher unbewusst und gedankenlos reproduziert denn aktiv und ernsthaft und inhaltlich erarbeitet und debattiert.

Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, wie mir die Bedeutung des Mädchen-/Frauseins als Kind vermittelt wurde, dann ging es nicht nur um symbolische Sachen wie rosa und Glitzer. Es ging um harte Sachen wie: Ich muss ordentlich sein, sonst finde ich nie einen Mann, zum Beispiel. Dies war von meiner Mutter ernst gemeint, nicht ironisch oder spielerisch oder symbolisch. Eine solche ernstgemeinte Bedeutungzuschreibung konnte ich allerdings auch aktiv verändern, indem ich zum Beispiel später meiner Mutter sagte: Es ist mir aber auch ganz egal, ob ich einen Mann finde. Oder als meine Tante mir vor meiner ersten (sehr frühen, haha) Heirat sagte: Ach, du heiratest, und ich dachte, du machst mal Karriere! Auch damit vermittelte sie mir eine bestimmte, substanzielle Bedeutung des Frauseins, die ich mit “Aber ich kann doch heiraten und trotzdem Karriere machen” diskursiv und praktisch widerlegen und bestreiten konnte.

Ich wollte also mit meinem Blogpost sagen (wobei mir das erst jetzt nach den Debatten allmählich klar wird), dass diese Substanz, die ein debattierbarer zugänglicher Inhalt ist, aus den Geschlechtsrollenzuweisungen praktisch verschwunden ist und nur symbolische Albernheiten übrig geblieben sind, denen man diskursiv hilflos ausgeliefert ist, denn sobald man was sagt kommt ein “Ist doch nicht so gemeint” oder “Ist doch nur Spaß” oder “Nimm das doch nicht alles so ernst”.

Noch etwas fiel mir auf: Wahrscheinlich bin ich in meinem Blogpost über eine Generation verrutscht. Denn zurecht wurde ich darauf hingewiesen, dass es ja nicht die Kinder sind, die auf die Rosa-Hellblau-Identifikationsangebote der Werbung anspringen, sondern auch viele junge Eltern. Wahrscheinlich ist das eine Folge davon, dass sie selbst als sie klein waren auch schon keine vernünftige Antwort auf ihre Fragen nach der Bedeutung von Frausein und Mannsein bekommen haben.

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Noch ein Update, 11.40 Uhr

Auf Facebook kam gerade der Hinweis, dass viele Eltern ihre normierenden Erziehungsinterventionen heute damit begründen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ja wissenschaftlich bewiesen wären. Mir kam dabei die Idee, dass der Hinweis auf die angebliche “Wissenschaftliche Belegbarkeit” der Stereotype ebenfalls ein Anzeichen von Diskursverweigerung sein könnte. Früher hieß es eben in der Erziehung: Mädchen SOLLEN so sein, Jungs SOLLEN so sein, d.h. es war eine bewusste Konstruktion, es war klar und wurde nicht versteckt, dass es um Konditionierung ging. Heute versteckt man sich hinter angeblicher Wissenschaftlichkeit, weil man selbst die Verantwortung für das, was man tut, ablehnt (Ich HÄTTE ja nichts dagegen, wenn mein Sohn mit Puppen spielt, aber er WILL ja nicht).

 

Weniger Marx, mehr André Léo

In diesem Jahr wird die Erste Internationale 150 Jahre alt. Da ich (vor 15 Jahren) meine Dissertation über die politischen Ideen von vier feministischen Sozialistinnen schrieb, die sich in der Internationale engagiert haben, fahre ich im Juni zu einem Jubiläums-Kongress in Paris.

Dass ich eingeladen wurde, obwohl ich an keiner Uni arbeite und auch seit meiner Diss mich nicht weiter mit der Internationale beschäftigt habe, freut mich natürlich, anderseits aber heißt es wohl auch, dass niemand sonst seither über Frauen in der Internationale geforscht hat (da ich die Veranstalter nicht kenne, nehme ich an, sie haben mich gegoogelt).

Wie auch immer, da es lange her, dass ich mit dem Thema zu tun hatte, dachte ich, es sei wohl keine schlechte Idee, mein Wissen vorher nochmal ein bisschen aufzufrischen. Und so las ich in den vergangenen Tagen die Biografie „André Léo (1824-1900), la Junon de la Commune“ von Alain Dalotel. André Léo (ihr Künstlerinnen-Name, zusammengesetzt aus den Vornamen ihrer Söhne André und Léo) ist eine von „meinen“ Frauen, aber da das Buch erst 2004 erschienen ist, kannte ich es damals noch nicht.

(Léos Geburtsname war Léodile Béra, verheiratet hieß sie dann Champseix. Ihren zweiten Mann hat sie nicht mehr offiziell geheiratet, von daher musste sie den Namen nicht nochmal ändern. Wahrscheinlich ist über Frauen bloß deshalb so wenig geforscht wurden, weil niemand Lust hatte, sich immer durch diesen Namenswirrwarr zu arbeiten; bei Männern ist das viel einfacher, die heißen von Geburt bis Tod immer gleich.)

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Ich war sehr erstaunt darüber, wie sehr es mich berührt hat, jetzt nochmal über André Léos Leben zu lesen, und vor allem auch ihre Texte wieder zu lesen, die in der Biografie ausführlich dokumentiert sind. Vor 15, 16, 17 Jahren, als ich mich zuerst mit ihr beschäftigte, fand ich sie nämlich ein bisschen „langweilig“ – jedenfalls langweiliger als andere von mir erforschte Aktivistinnen, speziell die Tabubrecherin Victoria Woodhull.

Während Woodhull von freier Liebe predigte, keinen Skandal scheute und man beim Nachverfolgen ihres Lebens von einem „Oha“ ins nächste „Wow“ schlingert, war Madame André Léo in meinen Augen eben das – eine Madame. Sie hatte, so schien mir, kein aufregendes Leben und vor allem keine aufregenden Positionen.

Okay, sie brachte als Witwe mit Schriftstellerei und Journalismus sich selbst und zwei kleine Kinder durch, gründete die erste Frauenrechtsvereinigung Frankreichs, war eine Aktivistin der Pariser Kommune, musste dann ins Ausland fliehen, stritt mit den Anarchisten gegen die Okkupation der Internationale durch Marx und Engels, lebte mehrere Jahre im Exil in der Schweiz und Italien, hatte eine mehrjährige Liebesbeziehung mit einem deutlich jüngeren Mann, und schrieb auch mit über siebzig noch Bücher.

Aber trotzdem fand ich sie irgendwie langweilig, damals. Alles, was sie schrieb, schien mir so besonnen und bedacht. Nicht falsch, aber auch nicht mitreißend. Selbst wenn sie anarchistische Positionen vertrat, war das nicht mitreißend, sondern nur klug und richtig. Da war keinerlei Polemik, nur strikte Analyse mit pädagogischem Anliegen. Nicht wie eine Kämpferin schrieb sie, eher wie eine Mutter, die ihren Kindern gute Ratschläge gibt.

Umso erstaunter war ich, dass ich dieselben Texte jetzt ganz anders las. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen genauso alt bin wie sie damals war, sogar noch ein bisschen älter (André Léo war während der Pariser Kommune, also Frühjahr 1871, 47 Jahre alt), während ich vor 15 Jahren so alt war wie Victoria Woodhull (nämlich Anfang 30). Maybe age matters doch.

Aber ich glaube, es ist noch was anderes, nämlich dass nicht nur ich mich geändert habe, sondern auch die Welt drumherum. In den Neunzigern hatten wir vieles noch nicht gehabt: Es war noch vor dem 11. September, es gab noch kein Gerede vom Clash of Civilizations und keine Anti-Terror-Hysterie. Der Zusammenbruch des Sozialismus nach Sowjet-Modell war gerade erst passiert, und viele (ich jedenfalls) waren noch guter Hoffnung, dass danach etwas Besseres kommen könnte, so eine Art „guter Sozialismus“.

Ich hatte damals nicht vorhergesehen, dass es hingegen zu einer fast absoluten, weltweiten Herrschaft des Kapitalismus kommen würde (oder wie immer wir dieses System nennen wollen, nach dem heute die Welt strukturiert wird). In den Neunzigern gab es noch die Idee, zumindest als Absichtserklärung auch bei Politikern und Wirtschaftsbossen, dass Fortschritt dazu führen wird, dass es allen immer besser geht. Inzwischen wird ganz ungeniert davon ausgegangen (und werden auch offen in diesem Sinn Entscheidungen getroffen), dass es natürlich manchen Leuten schlechter gehen muss, immer schlechter, und verkauft wird das mit der Drohung, dass es ihnen andernfalls eben noch schlechter gehen wird.

Inzwischen ist, sogar auch in Europa wieder, vom Überleben die Rede, das leider eben nicht für alle Menschen gesichert werden kann, zum Beispiel nicht für Rentnerinnen in Griechenland, die kein Geld für Heizung haben, oder nicht für Menschen aus Afrika, die eben dann zuhause verhungern müssen, oder auf dem Mittelmeer ertrinken.

In den Neunzigern hatten ich noch nicht so klar das Wiederentstehen einer Klasse von Dienstbot_innen vorhergesehen, war mir noch nicht so klar, dass es darauf hinausläuft, dass die reichen Industriestaaten praktisch ihre gesamte Pflege- und Fürsorgearbeit und auch einen Großteil der Hausarbeit an Frauen und zunehmend auch an Männer übergeben würden, die prekär, illegal und zu billigsten Löhnen diese Arbeit machen, was ja nur möglich ist aufgrund eines enormen Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und diesen Ländern. Die anderen müssen arm bleiben, damit sie bereit sind, für niedrige Löhne zu arbeiten, sonst lohnt sich der Deal für die Reichen ja nicht. Mir war nicht klar, wie deutlich auch die westlichen Industriestaaten wieder zu einer offenen Klassengesellschaft werden würden.

Mit anderen Worten: Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind vom 20. nicht ins 21. Jahrhundert gekommen, sondern zurück ins 19., was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft.

Jedenfalls fand ich in den Texten von André Léo, die ich damals eher von historischem Interesse fand, beim jetzigen Wiederlesen eine unglaubliche Aktualität. Zum Beispiel, wenn sie als wichtigste Aufgabe der Internationale die Schaffung einer länderübergreifenden Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterinnen und Arbeiter sieht – zum Beispiel bei Kriegen wie dem französisch-preußischen Krieg oder auch bei Arbeitsmigration, die schon damals eingesetzt wurde, um das Lohnniveau zu drücken.

Deshalb twitterte und facebookte ich neulich, dass wir eigentlich dringend wieder eine Internationale Arbeiter-Assioziation bräuchten. Denn wo ist denn die Solidarität zwischen russischen und ukrainischen Arbeitern? Wo ist die Solidarität zwischen deutschen und griechischen Menschen, die von Armut betroffen sind? Wo ist die Solidarität zwischen europäischen und afrikanischen Menschen, die ums Überleben kämpfen? Das alles gibt es praktisch nicht.

Ich habe auch keine Idee, woher man die jetzt so schnell herbekommen könnte, aber ich glaube, es wäre nötig, wieder so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu kultivieren und zu pflegen. Denn diejenigen, die von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen arm und rechtlos gemacht werden, verorten sich selbst doch eher anderswo, über Nationalität, über Religion, über Kultur und so weiter. Deshalb sind die allermeisten von ihnen nicht „revolutionär“.

Auch mit diesem Problem war André Léo schon konfrontiert, und zwar war es in ihrem Kontext der Unterschied zwischen Paris und dem Land – revolutionär war man nur in Paris, auf dem Land war die Bevölkerung konservativ bis monarchistisch. Ihre Pariser Mit-Revolutionäre schauten deshalb immer etwas auf die „Landeier“ hinab, André Léo aber sagte voraus, dass eine Revolution, die von den Massen der armen Leute nicht getragen und unterstützt wird, nicht gelingt.

Ihr wichtigstes Anliegen war daher die Bildung, und damit meinte sie nicht Bildung im heutigen arbeitsmarktkonformen Sinn des Herstellens von „Employability“, sondern Bildung im Sinne von: „Wie funktioniert eine freie und gerechte Gesellschaft?“ Das ging ihrer Ansicht nur über Argumente, Überzeugen, Debattieren, Vorleben, Experimentieren. Solange die Prinzipien der Demokratie nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert sind, wird keine Revolution lange etwas ausrichten, war ihre Prognose, wobei sie unter Demokratie natürlich nicht dieses Klappergerüst von formalem Wahlrecht und repräsentativem Parteienproporz meinte, das wir heute haben, sondern eine Gesellschaftsform, die tatsächliche Partizipation aller bei der Entscheidungsfindung ermöglicht.

Deshalb stieg sie auch aus dem Anarchismus in dem Moment aus, wo dort mit dem Bombenschmeißen begonnen wurde: Nicht, weil sie prinzipiell etwas gegen den Einsatz von Gewalt hatte – sie hatte ja schließlich auch die militärische Verteidigung der Kommune gutgeheißen – sondern weil diese Attentate genau das Gegenteil von dem erreichten, was ihr vorschwebte: Sie trieben die Bevölkerung direkt in die Arme der Reaktionäre.

Noch etwas anderes ließ mich beim Lesen von André Léos Biografie fast schon wehmütig werden: Die Vision eines Sozialismus ohne Marxismus. Denn Karl Marx war zwar Léos Zeitgenosse, aber damals noch nur ein Sozialist unter vielen und nicht jener große Zampano, an dem sich alle abarbeiten müssen, der er heute ist.

André Léo war eine der schärfsten Gegnerinnen von Marx, der nämlich eine völlig andere Vorstellung von der Internationale hatte als sie. Marx hatte mit dem „Kapital“ (der erste Band erschien 1867) eine sozusagen „objektive und wissenschaftliche“ Analyse des Kapitalismus vorgelegt, von der er meinte, dass sie die Grundlage für jegliches sozialistisches Engagement sein müsste – und ihm war kein Trick zu schäbig und keine Polemik zu hinterhältig, wenn sie nur dazu diente, dieses Ziel durchzusetzen. Wer objektiv und wissenschaftlich Recht hat, muss eben nicht mehr diskutieren, er kann die Gegner direkt bekämpfen oder in den Gulag stecken, so kann man doch eigentlich das politische Erbe des Marxismus kurz und knapp zusammenfassen.

Léo hingegen war der Ansicht, dass es die Aufgabe der Marginalisierten selbst sein müsste, ihre Situation zu analysieren, zu verstehen und Aktionsformen zu erfinden und zu erproben, die durchaus von Land zu Land, von Kontext zu Kontext auch unterschiedlich ausfallen könnten. Sie war nicht dagegen, dass von Intellektuellen und Gebildeten Theorien entworfen werden, ja dass sie versuchen, gewissermaßen auch „die Massen zu belehren“. Aber sie bekämpfte vehement jeden Versuch, die Internationale „auf Linie zu trimmen“, der ja auch tatsächlich nicht gelang, sondern die Internationale hingegen kaputtmachte.

Ich frage mich manchmal, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sich der Marxismus nicht als Dreh- und Angelpunkt jeglicher Kapitalismuskritik durchgesetzt hätte, wenn es ihn vielleicht gar nicht gegeben hätte. Wenn die Arbeiterbewegung sich pluralistisch und vielfältig weiter entwickelt hätte, und wenn sie André Léos ständig eingeforderte Mahnung beherzigt hätte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt.

Wenn Bildung im Sinne von Analysieren, Lernen, Ideen austauschen eine alltägliche Praxis der Linken geworden (oder geblieben) wäre, so wie es André Léo vorgeschlagen hat, anstatt mit dem platten Spruch „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ solche Versuche für obsolet zu halten oder als bürgerliche Naivität zu verleumden. Wenn sich nicht alle Linken seit 150 Jahren an Marx abarbeiten müssten, also an der Frage, ob sie dafür oder dagegen sind (und natürlich waren auch immer welche dagegen, aber dieses sich Abarbeiten hat sie immer auch blockiert und gelähmt).

Ich glaube, ganz ehrlich, die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung wäre ohne Karl Marx besser verlaufen. Und ich bin der Meinung, wenn es heute darum geht, wieder sowas wie eine „Internationale“ zustande zu kriegen, dann müssten wir viel mehr André Léo lesen und viel weniger Karl Marx.

Energieverschwendung? Über Liebe, Sex und Staat

Heute war eine Mail im Briefkasten mit einem Hinweis auf einen Artikel über Versuche, auch Poly-Beziehungen der Ehe gleichzustellen. Ich hatte etwas ähnliches ja schon vor einer Weile hier im Blog gefordert (nämlich Lebenspartnerschaften für alle), aber nach den Debatten um IPED bin ich mir nicht mehr so sicher.

Inhaltlich finde ich es immer noch richtig, dass eine Gesellschaft es fördern sollte, wenn Menschen verantwortliche Lebenspartnerschaften miteinander gründen. Wenn ich mir aber anschaue, wie fruchtlos und schlagabtauschig häufig Debatten über Homosexualität ablaufen, und mir dann vorstelle, wie wir das Ganze demnächst nochmal am Fall Polyamorie durchlaufen, inklusive Talkshows und Feuilletons (und das wäre dann ja noch immer nicht das Ende der Debatte), dann grauselt es mir.

Letzte Woche war ich bei einer Diskussion im Mailänder Frauenbuchladen, und hier in Italien gibt es offenbar ganz ähnliche Debatten und Konflikte. Also Forderungen nach rechtlicher Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit heterosexuellen einerseits, und konservativ-kirchlicher Gegenwind andererseits.

Von den Diskussionen ist bei mir ein Satz hängengeblieben, oder besser ein Wort, das fiel, nämlich, dass dieser Kampf “Energieverschwendung” sei. Und in der Tat: Wie sinnvoll ist es, sich in solche Debatten über Rechtfertigungen zu verwickeln, in deren Rahmen man beweisen muss, dass Homosexualität doch ganz harmlos sei?

“Wollen wir die Anerkennung von Papa Staat?” fragte Luisa Muraro in der Diskussion, “oder wollen wir, dass uns der Staat nicht reinredet?” Diese Unterscheidung ist sehr wichtig. Sich klarzumachen, dass es im Kern nicht um staatliche Anerkennung geht, sondern um Freiheit, nämlich die Freiheit, zu leben und zu lieben wie man will.

Das Ganze hat noch einen anderen Aspekt, der auch in dem oben verlinkten Artikel kurz angesprochen wird: Der Wunsch nach rechtlicher Anerkennung geht häufig mit einer besonders großen “Normalitätsbekundung” einher: Menschen, die homosexuell monogam leben, sind nicht unbedingt die enthusiastischsten Unterstützerinnen von Polyamorie, denn sie sind bemüht, zu beweisen, dass sie abgesehen vom Schwul- oder Lesbischsein ganz “normal” sind.

Das ist keine Anschuldigung, es liegt vielmehr in der Natur der Sache, dass der Wunsch nach Anerkennung die Tendenz zum Konformismus nach sich zieht. Und das muss auch so sein, denn ohne Zustimmung einer Mehrheit in der Bevölkerung bekommt man keine staatliche Anerkennung.

Deshalb wollte ich an dieser Stelle einfach mal wieder in Erinnerung rufen (denn neu ist der Gedanke ja nicht), dass es im Verhältnis von Lebens- und Liebesformen im Kern gerade nicht um den Wunsch nach Anerkennung seitens des Staates geht, sondern im Gegenteil: um die Freiheit von staatlicher Bevormundung.

Das heißt nicht, dass jetzt sofort alle Aktionen zur Durchsetzung rechtlicher Gleichstellung fallen gelassen werden müssen. Schließlich geht es hier auch um Geld, um Möglichkeiten, und so weiter. Aber sich klarzumachen, dass die staatliche Haltung zu Lebens- und Liebesformen nicht das “Eigentliche” betrifft, ermöglicht vielleicht, die damit einhergehenden Konflikte mit größerer Gelassenheit austragen zu können. Also die “Energieverschwendung” ein bisschen eindämmen, die mit dem Thema einhergeht (auch was die Kräfte und Ressourcen angeht).

Und es hätte natürlich den Charme, an historische feministische Forderungen anzuknüpfen, die nämlich von Anfang an die Abschaffung aller Ehegesetze propagierten. Schon 1871 sagte zum Beispiel Victoria Woodhull in einer Rede:

Ich bin eine Anhängerin der freien Liebe. Ich habe das unveräußerliche, verfassungsmäßige und natürliche Recht zu lieben wen ich will, so lang oder kurz wie ich kann, diese Liebe jeden Tag zu wechseln, wenn es mir gefällt, und niemand von euch und kein Gesetz hat das Recht, mir das zu verbieten.

 

Trolle und ihre Absichten

Gestern habe ich drüben in meinem Gottblog christliche Fundamentalisten mit Trollen verglichen, weil auch sie eine sinnvolle Diskussion unmöglich machen.

In der Kommentardiskussion wurde als Einwand gegen diesen Vergleich vorgebracht, dass religiöse Fundamentalisten meist keine böse Absicht haben, sondern ehrlich überzeugt sind, “im Namen des Herrn” unterwegs zu sein. Die böse Absicht jedoch sei das wesentliche Charakteristikum von Trollen. Trollen ginge es nicht um die Sache, sondern sie würden Diskussion absichtlich stören bzw. hätten unlautere Motive wie Spaß am Stören, Suche nach Aufmerksamkeit, den Wunsch, Schaden anzurichten.

Mit dieser Definition von Trolltum bin ich nicht einverstanden. Natürlich will ich nicht bestreiten, dass es sicher auch Trolle gibt, die einfach Spaß daran haben, andere zu ärgern. Aber ich glaube, wenn wir das Phänomen in erster Linie unter diesem Gesichtspunkt betrachten, geht das am Kern der Sache vorbei. Denn für den Effekt, den ein Troll für den Diskussionsverlauf hat, ist es ganz egal, in welcher Absicht er das macht.

Aus meiner eigenen Erfahrung in diesem Blog kann ich sagen, dass der Umgang mit Leuten, die offensichtlich böswillig sind, die Frauen sowieso hassen oder dummblöde Sprüche ablassen, ziemlich leicht ist: Weg damit.

Viel schwieriger ist der Umgang mit den anderen, die tatsächlich ein Anliegen haben, denen es also durchaus um das Thema geht, nur dass sie eben so felsenfest davon überzeugt sind, dass sie recht haben, dass sie nicht in der Lage sind, auf andere Argumente zu hören oder sie auch nur ansatzweise zu verstehen. Also durchaus vergleichbar der Beschränktheit und dem missionarischen Eifer von Fundamentalisten.

Ich bekomme hier häufig Kommentare von Männern (selten auch von Frauen), die ich unter “Trolltum” einsortiere und daher nicht freischalte, obwohl ich mir sicher bin, dass sie nicht in der Absicht geschrieben sind, die Diskussion zu zerstören, sondern aus ehrlicher Empörung, aus Eifer, aus einer felsenfesten Überzeugung heraus, in der ernsthaften Absicht, die Welt vor der Zerstörung durch den Feminismus zu retten.

Oft wissen diese Kommentatoren auch, dass sie keine Chance haben, hier veröffentlicht zu werden (sie schreiben es dazu, dass sie es wissen), aber dennoch machen sie sich die Mühe, lange oder kürzere Texte mit ihrer Meinung zu den von mir angesprochenen Themen zu schreiben. Sie schreiben das sozusagen nur für mich, oder besser, für sich selbst, damit sie nicht geschwiegen haben angesichts des Unsinns, den ich hier verzapfe. Ich habe manchmal tatsächlich den Eindruck, sie “beten für meine Seele” in gewisser Weise, sie legen ein Bekenntnis ab. Die Nähe zum Fundamentalismus ist für mich ziemlich offensichtlich.

Von daher halte ich es für falsch, das Phänomen “Trolle” vorschnell auf Böswilligkeit, Sadismus, Zerstörungslust und so weiter zu verengen. Zumal die hinter einem Trollkommentar stehende Absicht ja auch vollkommen egal ist: Auch ein in “bester Absicht” agierender Troll zerstört objektiv die Debatte oder beeinflusst sie jedenfalls negativ.

Und in jeder Hinsicht sind die Übergänge fließend. Ich hatte auch schon Kommentare, die habe ich nicht freigeschaltet, dann kam eine Mail, warum nicht, ich schickte den Link auf die Seite, wo ich das mit den Kommentaren erkläre - und kurz später kommt derselbe Kommentar, nur auf eine Weise formuliert, die nicht diskussionszerstörend ist, bei denselben Inhalten – inklusive einer Entschuldigung per Mail, dass man das nicht gewusst habe. Das heißt, in diesen Fällen handelt es sich gar nicht um Trolle, sondern um Leute, die offensichtlich ansonsten in Umfeldern diskutieren, wo andere Sitten und Gebräuche herrschen, wo zum Beispiel Sarkastik und Polemik üblich ist, was sie bei mir aber halt nicht ist.

Was auch relativ oft vorkommt ist, dass Leute deshalb trollen, weil sie zu sehr an einem bestimmten Thema interessiert sind, und dann versuchen, die Diskussion wegzulenken von dem, was mich interessiert, hin zu dem, was sie interessiert. Das kann Derailing sein, also der Versuch, böswillig vom Thema abzulenken, es kann aber auch einfach die Unfähigkeit oder Unwilligkeit sein, von den eigenen Wünschen und Anliegen einmal abzusehen. Also letzten Endes schlechtes Benehmen oder eine Art kindlicher Trotz. Da muss man halt streng sein und sagen: Ich weiß, dass du noch Bonbons willst, aber du kriegst jetzt keine mehr.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde, das Wesentliche am Umgang mit Trollen oder besser: den Bemühungen darum, die Diskussionskultur im Internet zu retten, ist nicht die Suche nach den Motiven von Trollen. Sondern für Blogbetreiberinnen und Forumsmoderatoren ist es aus meiner Sicht viel wichtiger, die Wirkungsweise von diskussionszerstörenden Mechanismen zu verstehen. Also zu wissen und sich klar zu machen, dass man bestimmte Diskussionsstile nicht zulassen sollte, weil sie einfach faktisch schädliche Auswirkungen haben (was auch wiederum nicht universal geregelt sein kann, es kommt eben auch immer auf das jeweilige Publikum an, das man anziehen oder abstoßen will).

Und dann wird man vielleicht leichter schädliche Kommentare löschen, also sozusagen aus guten Gründen und guten Gewissens – auch wenn man merkt, dass der Troll gar keine bösen Absichten hat. Aber auch ein ohne böse Absicht angerichteter Schaden ist halt eben ein Schaden.