Meine zehn Cent zu Elinor Burkett

Ich weiß nicht, ob sie es wirklich gesagt hat: “My brain is much more female than it is male”. Aber dieses und andere Statements von Caitlyn Jenner hat Elinor Burkett in einem Artikel in der New York Times zum Anlass genommen, sich über grundsätzliche Differenzen zwischen Feminismus und Transaktivismus Gedanken zu machen.

Kurz zusammengefasst beschwert sie sich darüber, dass Transfrauen häufig zu alten biologistischen Thesen über Geschlecht zurückkehren würden, wie zum Beispiel stereotype Körperinszenierungen von “Weiblichkeit” in Form von Nagellack, kurzen Röcken und dergleichen. Ich stimme ihrer Kritik zu, dass es Blödsinn ist, über unterschiedliche Männer- und Frauengehirne nachzudenken und dass solche Weiblichkeitsinszenierungen wie die von Caitlyn Jenner ärgerlich sind. Aber das alles ist ja nun nicht eine Besonderheit von Transfrauen. Die große Mehrheit von Cisfrauen tut doch genau dasselbe. Es ist also gehüpft wie gesprungen. Frauen sind eben nicht von Natur aus Feministinnen, ob nun Trans oder Cis.

Ein Vorteil davon, wenn es Transfrauen sind, die Geschlechterklischees performen, ist es immerhin, dass damit deutlich wird, dass diese Erscheinungsformen von Weiblichkeit nichts sind, was sich aus einer bestimmten körperlichen Beschaffenheit – Gebärmutter, Brüste und dergleichen – natürlicherweise herleitet, sondern dass es kulturelle Übereinkünfte sind. Es wird nämlich offensichtlich, dass jeder Mensch, mit dem entsprechenden Geschick (und dem nötigen Kleingeld für kosmetische Operationen und die passende Garderobe), das darstellen kann, was allgemein auf den ersten Blick als “Frau” identifiziert wird.

Unter Rückgriff auf den traditionellen Feminismus macht Burkett dann die Sozialisierungs-These stark, wonach Frausein eben nicht aus irgend etwas Biologischem herrührt, sondern gesellschaftlich hergestellt wird, nämlich durch rollenkonforme Erziehung. Daher, so schließt sie, können Menschen, die männlich sozialisiert wurden, eigentlich keine “richtigen” Frauen sein.

Gegen dieses Argument habe ich nun starke Einwände, und zwar deshalb, weil es den Status des Frauseins ganz auf eine gesellschaftliche Deformation und Diskriminierung zurück führt: Frauen sind wir, weil wir Opfer der Verhältnisse sind.

Nein, sind wir nicht. Ich schlage vielmehr vor, Frausein als ein politisches Statement aufzufassen. Ich bin eine Frau, weil ich es wähle, mich in der Position einer Frau in diese Gesellschaft einzubringen. Zu sagen “Ich bin eine Frau” ist sozusagen ein Bekenntnis. Es bedeutet auch für Cis-Frauen eine Wahl, wie man ja zum Beispiel an der Wandlung von Angela Merkel in dieser Frage sehen kann, die am Anfang ihrer politischen Karriere gerne betonte, dass ihr Frausein überhaupt keine Rolle spiele, während sie mittlerweile durchaus absichtlich und bewusst ihr Bundeskanzlerinnenamt “als Frau” ausfüllt.

Viele Cisfrauen lehnen dieses Bekenntnis ab, nicht unbedingt indem sie es rundheraus abstreiten, eine Frau zu sein, aber doch, indem sie ihrem Frausein jede Bedeutung absprechen und darauf bestehen, “doch einfach nur Menschen” zu sein. Die italienische Philosophin Wanda Tommasi hat das einmal “die Versuchung des Neutrums” genannt. Und diese Versuchung, also die Leugnung der Geschlechterdifferenz, ist meiner Ansicht nach ebenso gefährlich für die weibliche Freiheit, wie ein klischeehaftes Ausleben von angeblich feststehenden Merkmalen von Frausein.

Für Menschen, die ihr Frausein verstecken, hatte das Patriarchat schon immer ein Plätzchen frei. Angefangen von der Päpstin Johanna über die englischen Gärtnerinnen, die Männerkleidung tragen mussten, um nicht aufzufallen, und die albanischen Burneshas (die meiner Ansicht Opfer einer extrem patriarchalen Kultur sind und nichts, was feministischerseits zu feiern wäre), bis hin zu heutigen Managerinnen, die mit ihrer Businesskleidung einen männlichen Stil imitieren müssen, um ernst genommen zu werden.

Frauen können aber nur frei sein, wenn es Frauen gibt. Und Frauen gibt es nur, wenn es Menschen gibt, die sagen: “Ich bin eine Frau”. Biologie und Sozialisation sind sicherlich Faktoren, die an der Entstehung von “Frauen” beteiligt sind, aber nicht in definierender oder gar determinierender Art und Weise. Frauen können die unterschiedlichsten biologischen Herkünfte und die gegensätzlichsten Sozialisationen haben, und sie sind trotzdem Frauen. Natürlich ist es auf jeden Fall richtig, über Biologie und Sozialisation nachzudenken und beides zu berücksichtigen. So finde ich zum Beispiel nicht, dass die Themen Frausein und Schwangerwerdenkönnen völlig voneinander getrennt werden sollten. Nicht weil jede Frau schwanger werden kann, was ja nicht der Fall ist, sondern weil die Konstruktionen von Geschlechterdifferenz und Schwangerwerdenkönnen (bzw. nicht Schwangerwerdenkönnen) aufs Allerengste miteinander verknüpft sind.

Biologie und Sozialisation sind also wichtig, aber sie sind nicht der entscheidende Dreh- und Angelpunkt dessen, was ich meine, wenn ich sage “Ich bin eine Frau”. Und sie sind auch nicht das, was ich höre, wenn eine andere von sich sagt, dass sie eine Frau ist.

 

Weniger Gender, mehr Feminismus?

… Das fordern Wissenschaftlerinnen jetzt offenbar in einem Sammelband. (den ich nicht gelesen habe).

Das Thema ist wichtig – dass zum Beispiel beim Kirchentag das feministische Zentrum durch ein Genderzentrum ersetzt wurde, habe ich schon vor zwei Jahren kritisiert  (und für den aktuellen Kirchentag auch, aber nur gedruckt, steht leider nicht online).

Ich finde allerdings, das muss man nicht gegeneinander ausspielen: Wir brauchen “Gender” UND Feminismus. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass beides nicht dasselbe ist (Viele Leute setzen es leider gleich oder verwechseln es).

Kurzgefasst ist der Unterschied: Gender beschäftigt sich mit der (De)-Konstruktion von Geschlecht, Feminismus beschäftigt sich aus der Perspektive weiblicher Freiheit heraus mit der Welt. Dass “Gender’ seit längerem die Funktion hat (oder dafür benutzt wird), Feminismus zu verdrängen, ist tatsächlich problematisch.

Was macht eigentlich…. das Abtreibungsthema?

Neulich hat sich Katha Pollit in einem Artikel damit beschäftigt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich Aufschwung bekommen hat, während in Punkto Abtreibung die Tendenz wieder in Richtung auf mehr Restriktionen gegen Schwangere zu weisen scheint. Ihre Analyse bezieht sich auf die USA, aber auch in Deutschland lässt sich wohl so etwas Ähnliches beobachten. Ein von Ulrike Busch und Daphne Hahn herausgegebener Sammelband will die Diskussion auch hierzulande wieder ein bisschen in die Gänge bringen, und das ist gut so.

31Gd6sIsgNL._SY344_BO1,204,203,200_Das Buch versammelt Rück- und Überblicke über die Lage und den Diskurs. Dabei wird deutlich, dass die Diskussion letztlich mit dem letzten “Abtreibungsgesetz” 1990 zum Erliegen gekommen ist. Einerseits vielleicht verständlich: Zwar ist Abtreibung weiterhin im Prinzip nicht Entscheidung der Schwangeren selbst, sondern gilt als Unrecht, aber sie wird nicht strafrechtlich verfolgt und gilt bei Einhaltung bestimmter Verfahren oder bei vorliegenden Indikationen auch nicht mehr als gesetzwidrig. Konkret heißt das: Rein theoretisch ist zwar das Ziel der Frauenbewegung, nämlich das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung, nicht erreicht worden, ganz praktisch kann aber im konkreten Fall fast jede Frau, die abtreiben will, das auch tun. Also warum weiter aufregen?

Aber es kommt noch etwas anderes hinzu, und zwar die gespaltene Haltung von Feministinnen zur Frage der Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik. In den vergangenen 25 Jahren hat es in der Reproduktionstechnologie große Veränderungen gegeben. Und viele Feministinnen stehen dieser “Invasion” medizinischer Apparate in den Prozess von Schwangerwerden, Schwangersein und Gebären sehr skeptisch gegenüber. Auch in diesen Debatten geht es um die Haltung der Gesellschaft gegenüber dem “ungeborenen Leben”. Und offenbar finden viele es schwer zu begründen, wie man einerseits das “Recht auf Abtreibung” vertreten, andererseits aber gegen jegliche Art eugenischer “Selektion” (etwa von Embryonen) eintreten kann. Dabei kommt erschwerend hinzu – das wurde mir bei der Lektüre des Buches erst so richtig klar – dass gerade in Deutschland die Pro-Abtreibungs-Argumente in den 1980er Jahren noch ziemlich eng mit eugenischen Erwägungen durchzogen waren.

Meiner Ansicht nach liegt ein Kern des Problems darin, dass sich die Debatten viel zu sehr auf den universalen Blickwinkel kapriziert haben, nämlich die ethische Frage, wann “man” einen Embryo töten oder sterben lassen darf und wann nicht. Wann beginnt Leben? Was für Rechtsgut gilt es hier zu schützen? Und so weiter. Gesetze haben dann quasi die Aufgabe, Schwangere zur Einhaltung dieser ethischen Normen zu zwingen, die die Gesellschaft allgemein festlegt.

Und das ist eben in Bezug auf Abtreibung die falsche Frage. Da geht es nämlich letztlich darum, inwiefern es legitim ist, Schwangere (oder, im Fall der Präimplantationsdiagnostik, potenziell Schwangere) in die Entscheidung über ihren Körper hineinzureden.

Meine Position dazu ist: Diejenige Person, die rund um das Schwangersein oder Schwangerwerden etwas letztlich zu entscheiden hat, ist immer diejenige, um deren Körper es geht. Ethische Diskussionen sind sinnvoll, aber nur dafür, diesen (potenziell) schwangeren Personen Anhaltspunkte für ihre Entscheidungen zu geben. Sie mit Argumenten, Informationen, ethischen Erwägungen und so weiter zu versorgen, und darüber hinaus mit Hilfestellung und Unterstützung, mit dem Ziel, dass die dann umso besser ausgerüstet sind, um für ihren konkreten Fall zu entscheiden, wie sie schwanger werden, wie und ob sie ein Kind austragen und gebären.

Das ist dann letztlich auch eine philosophische Frage: zu sehen, dass es im wirklichen Leben niemals 100-prozent “saubere” ethische Entscheidungen gibt, sondern dass die Lage in der Regel komplex ist. Ethisch verantwortliche Entscheidungen kommen nicht so zustande, dass man Regel X auf Situation Y anwendet. Sondern sie kommen dadurch zustande, dass jemand in einer Situation möglichst verantwortlich entscheidet, also sagt: So wird das jetzt gemacht. In Bezug auf Angelegenheiten, die alle betreffen, kann das gut “der Gesetzgeber” (unterstützt von Polizei und Justiz) sein. In Bezug auf den Körper einer Person aber nicht. Da kann man vielleicht Ratschläge geben, entscheiden muss aber die Person, um die es geht.

Wenn das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung klar und unhinterfragt wäre, dann können ethische Diskussionen auch in Bezug auf Medizintechnologie kritisch sein, auch sehr kritisch bis gegnerisch, weil das nämlich dann nicht mehr automatisch bedeutet, dass daraus Gesetze generiert werden, die in den Körper von Schwangeren hineinregieren.

Die Frage ist: Schaffen wir es, ein gesellschaftliches Klima zu erreichen, das der reproduktiven Selbstbestimmung von Frauen genauso wohlgesonnen ist wie der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft? Ich finde, hier liegt eine inhaltliche Herausforderung für feministische Körperphilosophien heute, die mehr Aufmerksamkeit unsererseits verlangen würde. Auch vor dem Hintergrund, dass das Thema Abtreibung in vielen Teilen der Welt noch längst nicht so “durch” ist, wie bei uns. Selbst in Europa gibt es noch Länder, in denen Frauen nur unter unwürdigsten und schwierigsten Bedingungen eine Schwangerschaft abbrechen können.

Global gesehen ist es noch schlimmer: 40 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter, schreibt Ulrike Busch in ihrem Aufsatz, leben heute noch in Ländern mit einer hoch restriktiven Rechtslage. Laut WHO finden jedes Jahr 22 Millionen Abtreibungen unter unsicheren Bedingungen statt, etwa 47.000 Frauen sterben jedes Jahr dabei, und etwa fünf Millionen erleiden Folgeschädigungen. Abtreibung ist also ein Thema, das wir feministischerseits noch lange nicht zu den Akten legen können.

Ulrike Busch, Daphne Hahn (Hg): Abtreibung. Diskurse und Tendenzen. Transcript 2015, 326 Seiten, 29,99 Euro.

Öffentliches Denken oder warum ich Zeugs ins Internet stelle

Neulich fühlte ich mich kurzzeitig ertappt, weil ich in einer Kolumne von Menschen las, die durch die Gegend laufen und alles daraufhin „scannen“, ob es vielleicht brauchbar ist für ein Posting auf Facebook, Instagram, Twitter. Das mache ich nämlich auch oft: dass ich Erlebnisse und Dinge, die mir auffallen, gleich im Kopf „übersetze“ in ein Foto, in einen Tweet, in einen Blogpost.

Erwischt! Ich bin ja gar nicht mehr richtig im Leben! Ich missbrauche das richtige Leben für meine mediale Selbstdarstellung im Internet!

Stimmt diese Erzählung?

Wenn ich über meine eigene Praxis dazu nachdenke, dann würde ich es eher so beschreiben, dass Social Media für mich einen „Abflusskanal“ bildet für die Sachen, die mir durch den Kopf gehen. Mir fällt etwas auf, mich wundert etwas, ich habe einen Gedanken, eine Idee, eine Frage – und ab damit ins Internet.

Mache ich das wegen der Likes? Ist das Narzissmus? Ich glaube nicht, dass das das Hauptmotiv ist, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es vielleicht auch eine Rolle spielt.

Andererseits ist es aber doch so, dass die interessantesten und originellsten Sachen (aus meiner Sicht) nicht unbedingt die sind, die mit den meisten blauen Daumen belohnt werden. Es gibt im Internet eine gewisse (allerdings keine zwingende!) Korrelation zwischen der Banalität eines Postings und der zahlenmäßigen Resonanz. Es wird nicht unbedingt Originalität „belohnt“, sondern in der Regel Wiedererkennbarkeit, Mainstream.

Ich finde das auch gar nicht schlimm. Bei privaten Accounts hat dieser Mechanismus ja auch keine schlimmen Folgen, anders als etwa auf den professionellen (und aus kommerziellen Gründen auf Resonanz angewiesenen) Contentlieferanten. Aber ich bin nicht so dumm zu glauben, dass meine Ideen dann besonders toll sind, wenn sie massenweise Zustimmung bekommen. Ich freue mich durchaus über Likes und Retweets, denn sie bedeuten, dass jemand sich kurz über etwas von mir gefreut hat, dass etwas von mir irgendwo ein Quentchen positiver Wahrnehmung verursacht hat, und das ist doch schön. Es ist aber für mich nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Dokumentieren meiner Einfälle und Wahrnehmungen, wofür es seit dem Internet eine technologische Möglichkeit gibt, die es früher nicht gab. Mit „Mikropostings“ im Internet denke ich sozusagen öffentlich. Früher gab es nur die Möglichkeit, diese Eindrücke mit denjenigen zu teilen, die zufällig in der betreffenden Situation ebenfalls anwesend sind – he, guck mal hier! Ich denke dazu das, was meinst du?

Das ist übrigens immer noch sehr wichtig für mich. Aber es ist ja nicht immer jemand da, wenn mir was durch den Kopf geht. Social Media erlaubt mir gewissermaßen, den Kreis solcher „Reflektions-Gesprächspartner_innen über Alltagskleinigkeiten“ in eine größere Öffentlichkeit hinein auszuweiten.

Vielleicht kennt sich jemand mit dem Thema aus, war auch schon mal an diesem Ort, whatever! Ich merke schnell, wenn eine Idee Bullshit ist oder jedenfalls starke Schwächen hat, weil von Leuten, deren Urteil ich was zutraue, entsprechende Hinweise kommen. Oder andersrum, dass an einer Idee was dran ist, weil sie weitergedacht und gelobt wird.

Apropos blauer Daumen: Ich schaue dabei nicht auf die Zahlen, aber das bedeutet nicht, dass mir die Reaktionen egal wären. Sondern ich achte sehr genau darauf, von wem ein Like, ein Kommentar, ein Retweet kommt. Die reine Anzahl des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen. Deren Reaktionen nehme ich wahr, und zwar auch dann, wenn es nur ein kleiner Like oder ein gepostetes Fragezeichen ist.

Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.

Was ich vor Jahren schon mal in Bezug aufs Bloggen sagte, nämlich „Ich schreibe nicht für euch!“, das kann ich eigentlich genauso für meine „Mikroäußerungen“ auf Facebook, Twitter oder Instagram sagen: Ich poste das nicht „für euch“, ich poste das „für mich“.

Aber ohne euch bin ich eben nix.

Gesetz, Freiheit und Anarchismus bei Margarete Susman

Vor einiger Zeit entdeckte ich über ein Buch von Elisa Klapheck die jüdische politische Denkerin Margarete Susman (1872-1966). Während ich in ihren Ausführungen zum Denken der Differenz viel Vertrautes fand (hier bloggte ich darüber), so enthielten ihre Überlegungen zum „Gesetz“ für mich völlig neue Aspekte. Hier ein erster Versuch, das zu verschriftlichen.

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Ideengeschichtlich fühle ich mich Susman ziemlich nahe, wir sind beide Anarchistinnen, Feministinnen und religiös – eine Kombination, die ja nicht besonders oft vorkommt. Susmans Anliegen ist es, jüdische Philosophietraditionen für eine moderne und säkulare Welt fruchtbar zu machen, und es ist spannend, wie sie das mit dem Begriff des „Gesetzes“ angeht.

Das „Gesetz“ ist bei Susman natürlich nicht das „positive Recht“, also die jeweils in einem Staat gültigen Gesetze, sondern es ist die Tora, das Gesetz Gottes, das dem jüdischen Volk offenbart wurde. Dieses Gesetz ist im Judentum nicht fix, sondern Gegenstand permanenter Diskussion und Auslegung, aber es ist verbindlich und unhintergehbar.

Die angeblich so starre und unbarmherzige „jüdische Gesetzestreue“ ist ein christliches, antijüdisches Narrativ: dort die etwas dummen Juden, die am Sabbat nicht mal im Aufzug fahren, hier die vernünftigen Christen, die solchen Kleinkrämergeist hinter sich gelassen haben. Dieses Narrativ ist sehr wirkmächtig, damals wie heute, und auch Susman selbst, die in einer christlich dominierten Kultur aufwuchs, war von den entsprechenden Vorurteilen zunächst beeinflusst. Sie kannte sich gut in christlicher Ideengeschichte aus und überlegte sogar eine Zeitlang, zu konvertieren. Doch schließlich ließ sie sich nicht taufen, sondern entdeckte ganz im Gegenteil das jüdische Gesetz, die Tora, als eine kritische politische Ressource.

Susman neigte, wie gesagt, politisch dem Anarchismus zu, sie war eng befreundet mit Gustav Landauer, der sie nach der Revolte 1918 in die Münchener Räteregierung berufen wollte. Als Landauer ermordet wurde, endete die fruchtbare denkerische Beziehung der beiden leider. Ich frage mich aber, ob es nicht auch eine Beziehung zwischen Susman und Landauers Lebensgefährtin, der Dichterin Hedwig Lachmann gegeben hat. Lachmann stammte aus einer orthodoxen jüdischen Familie und lehnte Assimilierungsideologien klar ab (sei es der weiblichen an die männliche oder der jüdischen an die christlich-nationale Kultur). Ich halte es für gut denkbar, dass Susman und Lachmann sich gegenseitig beeinflussten, aber das ist wohl noch zu erforschen.

Wie auch immer: Margarete Susman sah im Gesetz, also der Tora, ein Korrektiv gegenüber den real existierenden staatlichen Gesetzen. Genau diese Qualität, ein Korrektiv zu haben für die (potenziell menschenfeindlichen) Gesetze, die sich Staaten geben, war ihrer Ansicht nach der politische Gehalt der Tora für die Welt als Ganze, also nicht nur für die Jüdinnen und Juden: mit dem „Gesetz Gottes“ hält das Judentum einen Maßstab lebendig, an dem reale Entwicklungen in der Welt und positive Rechtssysteme gemessen werden können und müssen. Wobei eben, wie gesagt, der Inhalt dieses Maßstabs ständig diskutiert wird und werden muss. Worum es geht ist, dass die Existenz eines solchen Maßstabs anerkannt wird.

Für viele heutige Ohren klingt das angesichts von religiösem Fundamentalismus – von christlichen Homophobikern bis islamistischen Gotteskriegern – vermutlich problematisch. Susman schrieb aber in einer Zeit, als die Freiheit (zum Beispiel der Jüdinnen und Juden) durch staatliche Gesetze und säkulare Wissenschaft bedroht wurde, was schließlich zum Holocaust führte. Doch auch wenn man sie je nach Zeitumständen vielleicht mit unterschiedlichen Schwerpunkten beantworten mag, so ist die Frage eben doch grundsätzlich bedenkenswert und letztlich auch ein philosophischer Dauerbrenner: Können Menschen beschließen und tun, was sie wollen, oder liegt auch der „geistigen“ Sphäre ein Gesetz zugrunde, ähnlich wie die Naturgesetze der materiellen Sphäre zugrundeliegen?

Interessant fand ich die Erläuterungen von Elisa Klapheck zum jüdischen Gesetzesdenken, die über Susman hinausgehen. Elisa Klapheck ist Rabbinerin der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, und zwar in deren „egalitärem Minjan“, einer liberalen und emanzipatorischen Gruppierung. Sie sympathisiert stark mit Susmans Versuch, politische, zeitgemäße Implikationen der jüdischen Kultur und Philosophie für die Welt insgesamt herauszufinden, und für mich (als nicht-jüdischer Teil dieser „Welt“) waren genau diese Aspekte auch die interessantesten. Klapheck sieht im „Gesetzesdenken“ einen roten Faden, der jüdische Denkerinnen und Denker verbindet, und zwar unabhängig davon, ob sie sich selbst als religiös verstehen oder nicht.

Susman war der Auffassung, dass man die Welt nur verstehen kann, wenn man religiös und atheistisch zugleich ist. „Säkular“, stellt Klapheck fest, ist nämlich nicht das Gegenteil von „religiös“, sondern das Gegenteil von „klerikal/theokratisch“. Atheistisch und religiös zugleich zu sein, bedeutet, nicht die Loyalität zu bestimmten religiösen Weltanschauungen, Dogmensystemen oder Institutionen wie Kirchen oder Synagogen zu pflegen, sondern loyal gegenüber jenem anderen „Gesetz“ zu sein, dem man im Zweifelsfall mehr gehorcht als den Gesetzen der Staaten (oder des Marktes oder sonst etwas Innerweltlichem).

Schon als junge Frau hat sich Margarete Susman ausführlich mit Spinoza beschäftigt, der ja von vielen als Vordenker des Atheismus angesehen wird, sich selbst aber als gläubigen Juden verstand. Spinoza setzte Gott mit den universalen Naturgesetzen gleich: Gott ist das Gesetz, das niemand brechen kann. Susman schließt sich dem an, stellt aber die Frage, was mit jenen Aspekten der Welt ist, die nicht von Naturgesetzen geregelt werden, also zum Beispiel der Bereich der Politik. Sie ist der Meinung, auch hier gebe es ein „Gesetz“, das – analog zum Naturgesetz – die Grenzen des Möglichen umreißt. So wie wir physikalisch nur innerhalb der Naturgesetze agieren können, so können wir es auch politisch nur innerhalb des Gesetzes tun. Einen Holocaust zu organisieren, ist, beispielsweise, eindeutig „ungesetzlich“.

Faktisch ist ein Verstoß gegen das „politische Gesetz“, anders als gegen ein Naturgesetz, aber dennoch möglich – der Holocaust wurde ja organisiert. Die Frage, um die es hier geht, ist kultureller, nicht wissenschaftlicher Natur: Wollen wir die menschliche Gesellschaft als eine denken, die unter einem unhintergehbaren „Gesetz“ steht, oder wollen wir sie als eine denken, die für sich genommen gesetzlos ist, also nur jenen Gesetzen unterworfen, die sie selbst sich schafft, beziehungsweise die von den Mächtigen und Herrschenden geschaffen werden?

Das Christentum ist in dieser Frage mindestens ambivalent ist, denn die Zwei-Reiche-Lehre (Die ich hier kürzlich erst verteidigte) trennt ja klar zwischen dem göttlichen Gesetz und irdischen Verhältnissen. Das Judentum kennt – ebenso wie der Islam – eine solche Trennung zwischen Diesseits und Jenseits nicht. Das jüdische Denken besteht darauf, dass die Tora eine innerweltliche Angelegenheit ist. Elisa Klapheck verfolgt dieses jüdische Verständnis des Gesetzes durch die damalige Ideengeschichte und zeigt, dass es ganz unterschiedliche jüdische Denker und Denkerinnen verbindet, sowohl atheistische wie Bloch und Landauer, als auch dezidiert religiöse wie Buber oder Rosenzweig. Gemeinsam ist ihnen der Versuch, das Prinzip der Gesetzlichkeit unabhängig von der „Synagoge“, des verfassten und hierarchischen Judentums, zu formulieren, also innerhalb der säkularen Gesellschaft. Das Gesetzesdenken wäre somit ein jüdischer Beitrag zu der Frage, aus welcher moralischen oder ethischen Position heraus Widerstand gegen das Böse zu leisten wäre (oder generell ethische Entscheidungen zu treffen). Er ist eine andere Antwort als etwa der Verweis auf den „freien Willen“ oder auf eine inhaltsleere moralische Formel wie der kantsche kategorische Imperativ.

Übrigens erkannte ich bei Susman auch viel vom Denken Simone Weils wieder, die – eine Generation später und vermutlich ohne Susman zu kennen – ähnliches schrieb. Simone Weil war der Ansicht, dass weltlichen Verhältnissen eine Notwendigkeit innewohnt, und dass es die (politische und spirituelle) Aufgabe von Menschen ist, sich zu bemühen diese Notwendigkeit immer klarer erkennen, um entsprechend „das Richtige“ zu tun. Simone Weil hatte eine orthodox-jüdische Großmutter, distanzierte sich selbst aber vehement von „Israel“ und wurde Katholikin. Was sie inhaltlich sagt, ist aber dennoch ähnlich wie Susmans Ansatz. Auch Weil ist letztlich eine „Gesetzesdenkerin“, sie geht davon aus, dass es ewig gültige Wahrheiten gibt, die nicht zur menschlichen Disposition stehen, identifiziert sie aber nicht mit der Tora sondern eher zum Beispiel mit Platons „Ideen“.

Auch den Anarchismus begründen Weil und Susman ähnlich: Weil staatliche Gesetze immer dazu dienen, Herrschaft von Menschen über andere Menschen zu stabilisieren und durchzusetzen, ist es ein Glück, zu wissen (oder darauf zu vertrauen), dass sie immer noch jenem „anderen Gesetz“ unterworfen sind, das den irdischen Herrschaftsverhältnissen eine Grenze weist, und zwar unabhängig von den tatsächlichen Kräfteverhältnissen. Denn die sind ja oft aussichtslos: Simone Weil fängt an, über Gott nachzudenken, als klar wird, dass der Faschismus in Europa siegen wird und die Linken ihm keinen Einhalt gebieten können. Auch diese Frage ist nach wie vor aktuell: Ist das „Gute“ oder das „Richtige“ davon abhängig, ob sich die Guten stark genug sind, sich in der politischen Welt auch durchzusetzen? Oder bleibt das Gute gut, auch wenn das Böse faktisch gewinnt?

Ich musste im Übrigen bei all dem auch an Albert Einsteins Diktum denken, dass „Gott nicht würfelt“. Auch das verweist ja darauf, dass Gott mit dem Gesetz identisch ist. Dass Gott nicht „würfelt“ bedeutet ja letztlich, dass Gott nicht handelt, also nicht aktiv eingreift – auch das eine Infragestellung christlicher Vorstellungen, die Gott eben als Handelnden konzipiert haben. Nach dieser jüdischen Interpretation ist Gott nicht derjenige, der Wunder tut und damit also Gesetze durchbricht, sondern im Gegenteil diejenige, die das Gesetz garantiert.

Das erinnerte mich wiederum an eine andere jüdische Denkerin, nämlich Etty Hillesum, die sagte, dass nicht Gott uns hilft, sondern dass wir ihr helfen müssen.

Soweit erstmal meine unvollständigen Gedanken. Definitely to be continued…

PS: Es gibt eine Webseite, auf der man Aufsätze von Susmann herunterladen kann.

 

Wir sind keine Varianten

Wenn erst einmal eine Frau im Management einer Firma ist, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass dort noch eine andere Frau in eine ähnliche Position kommt, um ungefähr 50 Prozent. Das hat gerade eine Studie in den USA herausgefunden. 

Ein Ergebnis, das manche überraschen wird, denn es gibt im Gleichstellungsdiskurs ja die These, dass Frauen in Führungspositionen andere Geschlechtsgenossinnen „mitziehen“ würden, Stichwort Schneeballeffekt. So scheint es aber leider nicht zu sein.

Die Forscher_innen diskutieren verschiedene Gründe: Aktive Gleichstellungsbemühungen lassen nach, sobald man erstmal „eine hat“, männliche Platzhirsche verstärken ihren Widerstand gegen Frauen auf ihrer Statusebene, sobald es zu viele zu werden drohen und so weiter. (Die früher gerne mal vorgebrachte These, wonach erfolgreiche Frauen besonders „stutenbissig“ wären und keine weibliche Konkurrenz neben sich dulden, hat zumindest diese Studie nicht hergegeben: Die negativen Effekte stellen sich offenbar auch dann ein, wenn Führungsfrauen aktiv versuchen, Geschlechtsgenossinnen zu fördern.)

Die Erklärungen sind allesamt nicht befriedigend, beziehungsweise sie lassen die eigentlichen Gründe für die „eine Frau reicht ja wohl“-Haltung unausgesprochen. Wenn der Grund für die männliche Dominanz, wie oft behauptet, vor allem die Tradition ist, also die Gewohnheit des „das war schon immer so“, dann wäre nämlich in der Tat ein Schneeballeffekt zu erwarten: Man hat sich doch inzwischen daran gewöhnt, eine Bundeskanzlerin im Fernsehen zu sehen oder eine Managerin mit am Konferenztisch zu haben – warum ist denn dann der Damm nicht gebrochen, sondern wächst sogar noch höher?

Meiner Ansicht nach ist die tiefere Ursache die, dass Frauen – und auch andere „andere“ – eben nicht als Andere gedacht werden, sondern als Gleiche.

Ein schönes Beispiel dafür, was ich meine, ist die Anfangssequenz des George Lucas-Films THX1138 aus dem Jahr 1970 (darüber schrieb ich auch hier schon mal was). Dort werden vier Personen immer abwechselnd gezeigt: Ein weißer Mann, ein alter weißer Mann, ein Schwarzer Mann, eine weiße Frau. Als ich das das erste Mal sah, wurde mir klar, wo das Problem liegt: Die „anderen“ (also die Alten, die Frauen, die Schwarzen) sind lediglich Varianten des weißen Mannes. Es ist immer nur genau ein Attribut, das sich ändert – der weiße Mann kann sozusagen auch mal weiblich sein, oder er kann Schwarz sein, oder alt. Aber es gibt keine Schwarzen Frauen, keine alten weißen Frauen, keine alten Schwarzen Männer, von alten Schwarzen Frauen ganz zu schweigen.

Die Gleichheitsidee ist mit der unausgesprochenen Vorstellung behaftet, dass die „anderen“ den „Normalen“ in Wirklichkeit gleichen. Frauen sind doch gar nicht anders als Männer, wird beteuert, Schwarze sind doch irgendwie „genauso wie wir“, nicht wahr?

Dieses Phantasma, dass die anderen gar nicht anders sind, sondern in Wirklichkeit gleich, lässt sich natürlich nur so lange aufrechterhalten, wie es sich tatsächlich nur um Einzelfälle handelt, durch deren Anwesenheit die symbolische Ordnung des „Normalen“ zwar mit etwas Vielfalt und „Farbe“ bereichert, aber nicht aus den Angeln gehoben wird.

Und deshalb darf es von den anderen immer nur wenige geben. Gäbe es nämlich viele, dann bestünde die Gefahr, dass sie die Angelegenheit umkrempeln, dass das Normale nicht länger normal ist. Es würde offensichtlich, dass es nicht um Assimilation und Integration geht, sondern um Pluralität, um Differenz.

Genau das ist der Grund, warum das Gleichstellungsparadigma als feministische Strategie meiner Ansicht nach nichts taugt. Was jetzt ansteht ist, dass wir offensiv die Differenz, also unser „Anderssein“ stark machen. Worin genau dieses „Anderssein“ besteht, muss dabei gar nicht inhaltlich bestimmt werden, es wird sich von selber zeigen. Wichtig ist aber, dass wir uns und ihnen klar machen: Wir „anderen“ sind keine Varianten von euch „Normalen“. Wir sind wir selber, und wir machen uns unsere eigenen Maßstäbe.

Gleichstellungs-Elend in a Nutshell

Isa Sonnenfeld von Twitter Deutschland hat  in einem Interview mit EditionF  in einem Satz exemplarisch anschaulich gemacht, warum das Konzept „Gleichstellung“ meiner Ansicht nach einen falschen symbolischen Ansatz fährt. Sie antwortet auf die Frage, warum Twitter in seiner Führungsspitze kaum Frauen hat:

Die Vielfalt der Mitarbeiter und gerade die Förderung von Frauen gehört mittlerweile zu einer der Prioritäten bei uns. Wir wissen, dass es nicht nur das Richtige ist – es macht auch wirtschaftlich Sinn für Twitter. Studien haben gezeigt, dass ein gemischtes Team bessere Entscheidungen trifft und Frauen in Führungspositionen bessere finanzielle Resultate erzielen. Twitter ist natürlich keinenfalls immun gegen die weltweiten Entwicklungen im Technologie-Bereich, das heißt ein fehlendes Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen im Unternehmen, aber wir arbeiten hart daran, den Trend in eine andere Richtung zu lenken.

Hier die drei Bullshit-Bingos des Gleichstellungs-Diskurses, die in diesem kurzen Absatz so schön auf den Punkt gebracht sind, aber natürlich nicht nur hier vorkommen. Sie sind inzwischen mehr oder weniger Standard, wenn es um das Thema geht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich dabei bestimmte Diskurs-Versatzstücke verselbstständigt haben und immer wieder nachgeplappert werden – daher ist Bullshit-Bingo auch nicht als Metapher zu verstehen.

1. Der Ansatz „Förderung von Frauen“ ist allertiefste Achziger. Ich weiß, dass in vielen Unternehmen noch geglaubt wird, die Ursache der dortigen Männerdominanz sei ein Defizit weiblicherseits, weshalb die armen, minderbemittelten Frauen „gefördert“ werden müssten. Genau dieser Blick auf Frauen und auf die Geschlechterdifferenz ist aber ein wesentlicher Teil des Problems. Wer heute noch so an die Sache herangeht, ist jedenfalls auf einem völlig falschen Gleis. Nicht Frauen haben Defizite und müssen also gefördert, sondern die Unternehmenskultur hat Defizite und muss also verändert werden. (Der Begriff „Frauenförderung“ kommt in dem Interview noch mehrfach vor, sowohl in den Fragen als auch in den Antworten.)

2: Der Wunsch, mehr Frauen in einem Unternehmen zu haben, wird mit wirtschaftlichen Interessen und der Aussicht auf mehr Gewinn gerechtfertigt. Frauen haben aber nicht die Aufgabe (und Feministinnen schon gar nicht), den Kapitalismus zu verbessern oder den Gewinn von Unternehmen zu erhöhen. Allerdings wurde Isa Sonnenfeld ja nicht als Feministin, sondern als Repräsentantin von Twitter interviewt, von daher ist ihre Antwort völlig legitim. Sie zeigt aber, dass wir von Unternehmen nur solange Rückenwind in Geschlechterdingen zu erwarten haben, wie wir belegen können, dass sich das für sie „rechnet.“ Von einem sich als feministisch verstehenden Magazin wie EditionF hätte ich mir jedoch doch die eine oder andere kritische Rückfrage erwartet.

3: Das „Das ist eben so“-Argument. Denn natürlich kann Twitter nichts dafür, dass es dort keine Frauen gibt, haha, sondern es ist hier nur selber Opfer „der weltweiten Entwicklungen im Technik-Bereich“. Aber Twitter stellt sich dem mutig entgegen und „arbeitet hart daran“, sich dieser bösen Welt, für die es ja gar nichts kann, entgegen zu stemmen. Vermutlich sollen wir den Helden von Twitter dafür jetzt auch noch dankbar sein.

Thanks, but no thanks.

Stattdessen noch einen Satz aus dem Interview, der sich eins zu eins in ein Kabarettprogramm aufnehmen ließe :))

Wir haben bei Twitter eine ganze Reihe von Arbeitsgruppen und Initiativen, die sich für mehr Diversity und Equality stark machen. Dazu zählen beispielsweise die „Super Women At Twitter” – kurz SWAT –, Womeng und Wux. Womeng ist angetreten, um mehr Softwareentwicklerinnen zu Twitter zu holen beziehungsweise zu halten. Wux steht für „women in UX” und macht sich zum Ziel, mehr Frauen für die Arbeit in unseren Design-Teams zu begeistern.

PS: Wer ein Wort wie „Frauenförderung” ohne Facepalm im Mund führen kann, spricht über Frauen auch konsequenterweise im generischen Maskulinum. Ich glaube, es geht hier nicht nur um eine Sprachkonvention, sondern um einen wirklich inhaltlichen Konflikt über die Aufgaben und die Ausrichtung von Feminismus. Substanzielle (feministische) Gesellschaftskritik ist weder im generischen Maskulinum noch unter dem Frauenförderungs-Paradigma denkbar.

PPS:  Wie Gleichstellung praktisch und symbolisch besser geht, lässt sich in dem neuen Buch von Anke Domscheit-Berg („Ein bisschen gleich ist nicht genug”) nachlesen. Ihr gelingt es, das Konzept Gleichstellung aus den Achztigern in die Jetztzeit weiterzuentwickeln, und zwar unter Einbeziehung feministischer Debatten der vergangenen Jahre. Das Buch macht mich jetzt noch nicht unbedingt zu einem glühenden Fan der Gleichstellung, aber immerhin doch hoffnungsvoll, dass Gleichstellung nicht immer in eine falsche Richtung zielen muss, sondern durchaus die Freiheit der Frauen auch befruchten und vergrößern kann :))