Ach, Ferrero.

Ihr erinnert euch noch an das pinke Überraschungsei?
Ferrero kann noch viel schlimmer. Lest hier bei Luca Hammer.

Update: Ferrero hat sich gemeldet:

Es ist darüber hinaus nicht so gemeint, dass Eier, auf denen „Spielerfrau“ steht, für Mädchen gedacht sind und solche mit „Weltmeister“ für Jungen. Für uns hat der Begriff „Spielerfrau“ im Übrigen eine neutrale Bedeutung, es ist eine Beschreibung wie die anderen oben auch. Die Aufdrucke sagen weiterhin auch nichts über den Inhalt des jeweiligen Eies aus. Es sind lediglich zwei von mehr als 20 Motiven und Fußballbegriffen, die die Vorfreude auf die WM wiedergeben sollen.

Aha! Wurde ja auch Zeit, dass mal jemand das generische Femininum einführt.

Ach, Bascha Mika!

mutprobeNein, das neue Buch von Bascha Mika kann ich nicht fertig lesen. Angeblich soll es hier um das Älterwerden gehen, und die kulturellen Unterschiede, die dabei für Frauen und Männer eine Rolle spielen. Das Thema interessiert mich, wirklich, es interessiert mich sehr. Weil ich selber dieses Jahr fünfzig werde (und damit gerade mitten drin sein müsste in dem Prozess, den Mika mit “Unsichtbarwerden der Frauen” beschreibt), und weil ich mich schon länger mit dem demografischen Wandel und speziell der Rolle, die Frauen dabei spielen, beschäftige.

Aber dieses Buch ist, ich kann es nicht freundlicher ausdrücken, einfach unerträglich. Bis ungefähr zur Seite 100 (wo ich jetzt bin) geht es NUR um weiße, bürgerliche Frauen und NUR darum, dass sie sexuell keine Aufmerksamkeit mehr erregen, und zwar NUR darum, dass sie bei Männern keine sexuelle Aufmerksamkeit mehr erregen.

Ich habe ehrlich keine Ahnung, ob mir früher Bauarbeiter je hinterhergepfiffen haben (gibt es eigentlich ein abgegriffeneres Klischee?), aber wenn es jemals so gewesen sein sollte und jetzt nicht mehr so sein sollte, dann ist es mir total egal. Nein, ich habe auch keine Angst davor, dass mich mein Mann wegen einer zwanzig Jahre Jüngeren verlässt, und wenn es trotzdem so kommen sollte, müsste ich mir höchstens Gedanken über die Parameter meiner Partnerwahl machen. Denn offenbar war sie dann ein Griff ins Klo. Für einen Mann, der mit mir nichts mehr anfangen kann, weil eine Jüngere einen strafferen Busen hat, hätte ich nichts als Verachtung übrig. Tränen hinterherweinen oder von Selbstzweifeln überfallen werden würde ich jedenfalls nicht.

Mindestens so sehr wie die Frage, ob Männer mir wegen meiner atemberaubenden Sexyness hinterherschauen, interessiert mich, ob sie mir zuhören, oder ob mir Frauen hinterherschauen und mir zuhören, und noch mehr interessiert mich, wem ich selber hinterherschaue und zuhöre und warum. Von all dem war aber auf diesen ersten hundert Seiten nicht auch nur in einem Halbsatz die Rede.

Ich kenne so viele interessante und (für mich) attraktive Frauen, die älter sind als ich, und die ich mir zum Vorbild nehmen kann, dass mir vor dem Älterwerden überhaupt nicht bange ist. Naja, ich will nicht sagen, überhaupt nicht. Aber nicht wesentlich mehr als in der Natur der Sache liegt. Die symbolische Wende, die Bascha  Mika einfordert, ist nämlich bereits passiert. Jedenfalls dort, wo ich lebe. Ältere Frauen sind nicht mehr unsichtbar.

Jedenfalls nicht im wirklichen Leben, man muss einfach nur mal vor die Tür gehen und sie sich alle anschauen, diese vielen Frauen über Fünfzig, die da überall herumlaufen und wichtige Dinge tun.

Natürlich darf man dafür nicht den Fernseher anschalten. Die Medienindustrie, die aussterbende, und vielleicht auch noch der sich selbst für hip haltende Kulturbetrieb, ja, da herrscht noch der Jugendzwang für Frauen, aber was interessiert mich der? Das ist doch kein  Maßstab!

Ganz abgesehen davon, dass ja keineswegs nur ältere Frauen unter dieser sexualisierenden Bewertung von Frauenkörpern leiden, ganz im Gegenteil. Manchmal habe ich den Eindruck, dass jüngere Frauen heute vielleicht sogar noch mehr darunter leiden, dass für sie der Druck, einen “Normkörper” vorzuweisen, sehr viel größer ist als für Frauen meines Alters. Wahrscheinlich ist gerade das überhaupt keine Altersfrage sondern wäre vielmehr ein lohnendes Thema für einen feministischen Inter-Generationenaustausch. Und wenn wir dann auch noch Kategorien wie Herkunft, Hautfarbe, soziale Schicht, sexuelle Orientierung dazunehmen, das könnte spannend werden!

Vielleicht hätte ich das Buch halbwegs erträglich gefunden, wenn Mika nicht ständig pauschalisierend über “die Frauen” sprechen würde, wenn sie nicht ständig von sich (und dem speziellen Frauensegment, das sie offenbar vor Augen hat) auf uns alle schließen würde. Wenn nicht wir, die Feministinnen und überhaupt all jene, die seit dreißig, vierzig Jahren bereits an einer neuen symbolischen Ordnung arbeiten, von ihr so penetrant ÜBERSEHEN werden würden. (So ging es mir nämlich bei dem Buch von Eva Illouz, die ebenfalls nur das weiß-mittelständische Milieu analysiert, aber das zumindest reflektiert).

Im übrigen kenne ich auch sehr viele interessierte und aufgeschlossene Männer, ältere, gleichaltrige und jüngere, die mir (und anderen älteren Frauen) Aufmerksamkeit entgegenbringen, die mir zuhören, wenn ich etwas sage. Sicher, ich will nicht ausschließen, dass die Mehrzahl von ihnen nicht sofort mit mir ins Bett springen will, aber hallo: Was für eine Welt ist das denn, wo es darauf ankommt?

Ich will nicht bestreiten, dass es noch Segmente auf dieser Welt gibt, in denen die Mechanismen, die Bascha Mika beschreibt, gültig sind. Aber es ist nicht meine Welt, es ist keine Welt, auf deren Anerkennung ich Wert lege. Es ist mir völlig egal, wie sexuell oder sonstwie attraktiv mich irgendwelche Männer finden, von denen ich schon lange nicht mehr erwarte, dass sie die Welt retten, seien sie nun Bauarbeiter, Medienschaffende oder am Ende noch KFMs.

Es ist mir egal, weil ich es kann. Weil es genügend andere Orte gibt, an denen ich mich stattdessen aufhalten kann. Mit Leuten – Frauen und Männern jeglichen Alters – deren Urteil mir wirklich wichtig ist. Ich will natürlich nicht bestreiten, dass in punkto weibliches Altern auch dort, jenseits der medial abgefeierten Schicki-und-Schischi-Kultur, noch vieles im Argen liegt. Aber die Probleme, über die Bascha Mika schreibt, die sind aus einem anderen Jahrhundert. Jedenfalls in meinem Universum.

Okay, dieses Urteil betrifft jetzt nur die ersten hundert Seiten. Vielleicht wird es ja späterhin noch spannend. Sollte das der Fall sein, bin ich für Hinweise in den Kommentaren dankbar. Ich lass das Buch noch eine Weile bei mir herumstehen, nur für den Fall. Aber zu Ende lesen werde ich es nicht.

Schließlich bin ich fast fünfzig, da muss ich mir gut überlegen, womit ich meine restliche Lebenszeit verbringen will.

Bascha Mika: Mutprobe. Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden. C. Bertelsmann, 17.99 Euro.

Binge-Reading Punk Pygmalion

Punk-Pygmalion_Jutta-PiveckaErst kürzlich habe ich gelernt, dass es ein Fachwort dafür gibt, wie wir bei uns zuhause schon seit Twin Peaks Fernsehserien schauen – nämlich alle Folgen hintereinander am Stück: Binge Watching. In den letzten vier Tagen ist mir aufgefallen, dass der klassische Roman letzten Endes sowas ist, wie Binge Reading: Man liest die ganze Geschichte an einem Stück weg, jedenfalls wenn der Roman gut und spannend geschrieben ist.

Auf diese Weise habe ich in diesen vergangenen vier Tagen Jutta Piveckas Roman “Punk Pygmalion” gelesen. Es ist die Geschichte – hm, wie erzähle ich das, ohne zu spoilern? Vielleicht mit dem ersten Satz: “Wenn Frauen in einer Kneipe zusammen sitzen, wird selten über Männer geredet. Es kommt aber vor.”

Es geht also um zwei Freundinnen, die zusammen in einer Kleinstadt aufgewachsen sind, dann losen Kontakt hielten, sich mit Mitte vierzig wiedertreffen, und dann verschwindet eine. Mit dabei sind auch ein Punker, den sie als junge Frauen kannten (und liebten?) und dessen Sohn, der jetzt so ähnlich aber ganz anders ist als sein Vater damals.

Ebenfalls eine aktive Rolle in dem Roman spielt der Blog der Erzählerin, über den die beteiligten Personen miteinander kommunizieren, und der Teile ihrer Erlebnisse öffentlich verhandelbar macht. Tolle Sache.

Der Blog ist keine Erfindung, sondern es handelt sich um Jutta Piveckas Blog Gleisbauarbeiten, und in der Tat hätte ich nicht auf das Buch warten müssen, sondern die Geschichte war eben tatsächlich schon hier veröffentlicht worden. Aber obwohl ich die Gleisbauarbeiten schon lange in meinem Feedreader habe, las ich um die Blogposts des Labels “Punk Pygmalion” immer drumherum. Die einzelnen Romanhäppchen haben mich irgendwie nicht angesprochen.

Aber jetzt, so am Stück! Fand ich das spannend wie einen Krimi (es geht auch in der Tat darum, dass versucht wird, Sachen herauszufinden). Zum Leben erweckt wird die punkige Atmosphäre der 1980er Jahre, rückblickend aus der Abgeklärtheit der 2010er Jahre. Es geht um Wahrheit und Lüge, um Liebe und Einbildung, um Projektion und Authentizität.

Interessant aber fand ich, wie gesagt, nicht nur die Geschichte, sondern auch meinen unterschiedlichen Zugang dazu, je nachdem, ob ich sie am Stück durchschmökern konnte oder in einzelnen Folgen im Blog serviert bekam. Dazu war ich zu ungeduldig, ebenso wie ich es nicht fertigbringe, eine Fernsehserie mit einer Folge pro Woche zu schauen.

Dabei bin ich aber eigentlich der Meinung, dass Blogs sowas wie eine neue Form von Romanen sind, jedenfalls die subjektiv und persönlich erzählten Tagebuchblogs. Ich lese davon einige regelmäßig (zum Beispiel den der Kaltmamsell), und da finde ich das kleine Häppchenweise gerade gut. Die “Romane”, die Blogger_nnen in ihren eigenen Blogs schreiben, sind nämlich die Erzählungen ihres eigenen Leben, es sind keine erfundenen Geschichten. Natürlich erzählen sie nur einen Ausschnitt aus ihrem Leben und möglicherweise erfinden sie auch so manches dazu. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass die Geschichte hier erst noch stattfindet. Ich kann nicht den Anspruch haben, Tagebuch-Blogs sozusagen binge-mäßig am Stück durchzulesen, denn es ist ja noch nicht raus, wie diese Geschichten ausgehen. Sie haben noch nicht stattgefunden, die Zukunft ist offen.

Bei fiktiven Geschichten ist das anders. Da liegt das “Ende”, wenn man so will, nicht unbekannt in der Zukunft, sondern höchstens noch unausgedacht in den Köpfen der Erzähler_innen, wenn nicht sogar bloß unpubliziert auf ihrer Festplatte. Dafür fehlt mir die Geduld.

Jutta Pivecka: Punk Pygmalion. Roman in Briefen. Edition Taberna Kritika, 18 Euro.

Wikipedia, die Pariser Kommune und ich

Gestern Abend stolperte ich zufällig über eine falsche Tatsachenangabe in der Wikipedia, und dabei kamen mir ein paar Gedanken, die ich hier kurz notieren möchte.

Ich schreibe zurzeit an dem Text für einen Comic über die Geschichte des Feminismus und war gestern abend beim Kapitel Wahlrecht. Zum Schluss wollte ich auflisten, wann das Wahlrecht für Frauen in welchen Ländern eingeführt wurde und machte, was man dann so macht: ich googelte. Und landete auf Wikipedia.

Und las da, dass die Pariser Kommune von 1871 das Frauenwahlrecht eingeführt hätte. Nun weiß ich aber sicher, dass das falsch ist. Ich habe nämlich intensiv über die Pariser Kommune geforscht, zwei von vier Frauen, über deren politische Ideen ich meine Dissertation geschrieben habe, waren maßgebliche Aktivistinnen in der Kommune. Wenn damals das Frauenwahlrecht eingeführt worden wäre, dann wäre mir das sicher nicht entgangen :).

Interessant ist allerdings, was das Googeln zu dem Thema mit mir selbst gemacht hat. Als ich die Behauptung vom Frauenwahlrecht der Kommune zum ersten Mal sah, war mein spontaner Impuls: “Was ein Quatsch”. Ich weiß es ja besser. Mein zweiter Gedanke war aber: “Und wenn ich mich bisher geirrt habe?”

Dieser zweite Gedanke wurde noch stärker, als ich “Pariser Kommune + Frauenwahlrecht” googelte und auf massenweise Seiten stieß, wo genau diese Behauptung drinsteht. Zum Beispiel auf Frauennet.ch oder in einem aufwändig gestalteten Schaubild von Der Standard zur Geschichte des Wahlrechts. Außerdem auf zahlreichen anderen Seiten und Forumseinträgen, die Falschbehauptung hat seitenweise Treffer.

Diese spontane Reaktion, dass ich angesichts all dieser sichtbaren “Belege” an dem zu zweifeln anfing, was ich doch ganz sicher weiß, hat mich überrascht. Das Gefühl “Ich kann doch nicht Recht haben, wenn da überall im Internet steht, dass es anders war” war stark, und ich musste mich mit rationaler Anstrengung und strikter Logik erst wieder selber davon überzeugen, dass ich tatsächlich Recht habe.

Diese Zeitspanne, das weiß ich ziemlich genau, dauerte etwa eine halbe Stunde. In meinem ersten spontanen Impuls wollte ich nämlich gleich twittern, was für ein Quatsch in der Wikipedia mal wieder steht. Aber dann habe ich gezögert, diesen Tweet abzuschicken und eine halbe Stunde lang noch einmal nachgedacht, mir die logischen Argumente vor Augen geführt, das Kapitel in meiner Diss nochmal gelesen, noch mal durch die einschlägige Literatur gezappt. Dann hab ich das getwittert.

Pariser KommuneDieser Impuls des Zögerns ist natürlich eigentlich lobenswert, aber letztlich fand ich es unterm Strich doch beängstigend. Denn es handelte sich hier ja nicht um die gedankenlose Weiterleitung irgendeiner Spekulation, sondern darum, öffentlich zu sagen, was ich weiß. Ich bin wahrscheinlich eine von zehn Leuten in Deutschland, die sich ziemlich gut mit der Geschlechterpolitik der Pariser Kommune auskennt. Und trotzdem lasse ich mich von einer Menge, die unbelegte Wikipediabehauptungen copypastet, verunsichern?

Nachdem ich also meine Sicherheit wieder gefunden hatte, überlegte ich, was ich denn nun unternehmen soll. Mein spontaner Impuls war, den Satz einfach zu löschen. Dann bekam ich aber von vielen auf Twitter den Ratschlag, meine Sicht der Dinge auf der Wikipedia-Diskussionsseite zu äußern und zu belegen. Aber wie soll man belegen, dass es etwas NICHT gegeben hat? Ich meine: In den Quellen zur Kommune ist vom Frauenwahlrecht nicht die Rede. Niemand hat auch nur darüber diskutiert.

Ich habe dann beides gemacht, den Satz gelöscht und auch “objektive” Argumente in die Diskussionsseite geschrieben (zum Beispiel dass auch andere Kommuneforscher selbstverständlich davon ausgehen, dass es kein Frauenstimmrecht gegeben hat oder dass auf der französischen Wikipedia-Seite über “Droit de vote des femmes” auch nichts von einem solchen während der Pariser Kommune steht) und  ich nehme mal an, dass der Satz über kurz oder lang draußen ist.

Ich bin nicht ganz sicher, was daraus zu schließen ist. Außer natürlich, dass man Wikipedia-Behauptungen nicht ungeprüft weitererzählen soll. Oder wenn, sollte man wenigsten dabei schreiben, dass man es aus der Wikipedia hat. Aber die “Wucht” der “Massenmeinung”, wenn man so will, ist eben doch sehr groß.

Jemand schlug zum Beispiel vor, den Satz nicht zu löschen, sondern umzuformulieren im Sinn von “Fälschlicherweise wird angenommen… Tatsächlich aber….” Aber das ist ja nicht wahr. Es gibt nur eine einzige Quelle für diese “Annahme”, und das ist Wikipedia, alle anderen schreiben das nur ab. Sie haben also eigentlich gar keine Meinung zum Thema, wahrscheinlich wissen sie nicht mal, was die Pariser Kommune war, sie plappern einfach nur nach.

Das ist doch etwas ganz anderes als wenn zum Beispiel eine andere Forscherin, die sich auch in den Quellen auskennt, aus irgendwelchen Erwägungen heraus zu der Ansicht gelangen würde, dass es doch ein Frauenwahlrecht in der Kommune gegeben haben könnte. Mit ihr könnte ich argumentieren. Oder auch, wenn zum Beispiel sozialistische Aktivistinnen, die die Kommune als Vorbild feiern, irgendwie auf diese Idee gekommen wären und in ihren Broschüren vertreten. Mit ihnen könnte ich auch argumentieren, denn sie interessieren sich für das Thema und haben einen Zugang dazu, und zumindestens schon mal zehn Minuten Zeit aufgewendet, um darüber nachzudenken.

Das Problem ist nicht, dass Leute verschiedene Meinungen zum Frauenwahlrecht in der Kommune hätten (alle, die überhaupt eine irgendwie fundierte Meinung dazu haben, sind der Meinung, dass es das nicht gegeben hat), sondern dass im Internet die Stimmen derer sehr laut werden, die überhaupt keine eigene Meinung dazu haben, sondern eben nur copypasten. Und das ist es, was mich als “Expertin” erschüttert: Dass ich – etwa beim Wikipedia-Editieren – nicht nur mit Menschen argumentiere, die anderer Ansicht sind als ich, sondern mit Menschen, die überhaupt keine Ansicht haben und sich nur auf die Tatsache berufen (können), dass zig andere das doch schon auf ihre Internetseiten draufkopiert haben.

Eine These, die ich daraus ableite ist, dass es in Bezug auf Medienkompetenz im Internet nicht nur darauf ankommt, vorsichtig zu sein mit Behauptungen, die man nicht selber verifiziert hat. Sondern dass es andersrum genauso wichtig ist, Vertrauen in sich selbst zu haben und in das, was man weiß oder selbst erlebt hat, auch wenn die “Massen” das anders sehen.

Ich weiß nicht, ob das jetzt verständlich war, ist nur so ein erstes Resumee.

PS: Ich habe mir auch überlegt, wie es zu dieser Falschbehauptung eventuell gekommen sein könnte, und mir sind drei Möglichkeiten eingefallen. Erstens haben die Kommunarden immer vom “suffrage universel” gesprochen, das sie angeblich eingeführt hätten, also vom allgemeinen Wahlrecht. Damit meinten sie aber das allgemeine Wahlrecht aller Männer. Eine andere Möglichkeit wäre, dass die unbestritten große Präsenz von Frauen in der Kommune und ihr bemerkenswerter Aktivismus zu der Fehlannahme verleitet hat, sie hätten bestimmt auch das Wahlrecht gehabt. Eine dritte Möglichkeit ist, dass das aus eine bestimmten Glorifizierung der Kommune von Seiten linker Gruppierungen herrührt, die manchmal dazu tendiert, alles Gute, das man sich wünscht, auf diese sechs Wochen zurück zu projizieren. Oder war es noch was anderes? Vielleicht meldet sich ja der oder diejenige, die das in die Wikipedia reingeschrieben hat (es ist ja auch nicht ganz auszuschließen, dass es wiederum von anderswo abgeschrieben worden war).

PPS: Wie das mit der Kommune und den Frauen war, verbloggte ich schonmal hier

PPS: Rein theoretisch ist es natürlich auch möglich, dass es das Frauenwahlrecht in der Kommune gegeben hat. Ich war ja nicht dabei und auch niemand anderes, der noch lebt, war dabei. Wir können zur Beurteilung dieser Frage nur auf Quellenmaterial und Augenzeugenberichte zurückgreifen, und das kleine Einmaleins der historischen Forschung sagt, dass nur, weil etwas nicht erwähnt wird, das kein Beweis dafür ist, dass es das nicht gegeben hat. Es ist also durchaus eine gewisse Frage der Einschätzung, und theoretisch ist es möglich, dass die Frauen in der Kommune gewählt haben, ohne dass davon irgend eine Spur in den Quellen geblieben wäre. Die Frage ist nur, wie wahrscheinlich das ist.

Masters of Desaster: Besondere Umstände, Episode 14

Diese Folge machte dem Titel unseres Podcasts besondere Ehre, denn nachdem wir eine tolle Stunde geredet hatten, war nur eine halbe Stunde auf dem blöden Smartphone drauf. Anders als bei Episode 11 haben wir (unter Bennis Protest) dieses Fragment trotzdem gepostet, ergänzt um eine Viertelstunde … aber hört selbst.

Prinzessinnen, oder: Unmarkierbare Männlichkeit

Im Januar war ich in Potsdam bei einer Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsbeauftragten und hielt einen Workshop über „Pinkifizierung“ (hier ist die Prezi). Dabei sprach ich unter anderem auch über das „Kinderüberraschungseier-Phänomen“, also meine hier im Blog entstandene These, dass die klare Markierung von Kinderspielzeug – etwa durch Rosa – sich eigentlich weniger an Mädchen richtet als vielmehr an Jungens. Sie werden mit dem „Rosasignal“ sozusagen davor gewarnt, dass hier Mädchenterrain ist, also nichts für sie. Während es anders herum nicht funktioniert, weil für Mädchen seit der Emanzipation „Jungenssachen“ nicht mehr verboten sind. Mädchen können zwischen Röcken und Hosen wählen, Jungens (üblicherweise) nicht.

Hinterher kam eine Teilnehmerin zu mir und erzählte von einem Beispiel aus ihrer Praxis, das das Ganze gut belegt. Sie hat nämlich als Gleichstellungsbeauftragte der Samtgemeinde Papenteich ein Bilderbuch gemacht, „Die Prinzessin aus dem Papenteich“. Es erzählt von einem Mädchen, das beim Faschingsfest zunächst Prinzessin sein möchte, weil sie „schön sein will“, sich dann aber überlegt, dass Schönsein allein noch nicht ausreicht. Also entscheidet sie sich um und geht als Feuerwehrfrau-Bauarbeiterin, dekoriert mit Prinzessinnenschärpe. Motto: „Ich kann alles werden, was ich will, und schön bin ich trotzdem!“

Papenteich

Das Problem stellte sich bei der Illustration, denn im Schlussbild wollten die Autorinnen eine Vielfalt von Kindern zeigen, und unter anderem sollte dabei auch ein Junge sein, der sich

als Prinzessin verkleidet hat. Doch beim Zeichnen stellte sich heraus, dass es praktisch unmöglich ist, das rein visuell darzustellen. Denn in den Gesichtern von Kindern lässt sich kein Geschlecht erkennen, weshalb jeder Junge im Prinzessinnenkostüm eben sofort aussieht – wie ein Mädchen.

Andersrum hingegen ist es ganz leicht: Ein Kind kann anhaben, was es will, und sei es auch noch so typisch „männlich“ konnotiert, einen Blaumann oder ein Rennfahrerkostüm oder einen Schornsteinfegeranzug – schon ein winziges „weibliches“ Accessoire, ein Ohrring, ein Schleifchen im Haar, lackierte Fingernägel, lässt die Zuschauerin sofort assoziieren: „Das ist ein Mädchen“. Entsprechende „männliche“ Markierungsoptionen hingegen fehlen.

Ich habe mir überlegt, dass dieses Fehlen von eindeutigen Markern von „Männlichkeit“ (also das, was im akademischen Diskurs als „Unmarkiertheit der Norm“ bezeichnet wird), vielleicht auch ein Grund dafür ist, warum es für Jungens schwerer ist, sich „weibliche“ Dinge und Verhaltensweisen anzueignen als es andersrum für Mädchen ist, „männliche“ Dinge zu tun oder zu benutzen. Sie setzen damit gleich ihre ganze Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht symbolisch aufs Spiel. Mädchen hingegen tun das nicht, denn „sie können alles sein, was sie wollen“, und trotzdem ist es für sie ganz leicht, in ihrer Weiblichkeit erkennbar zu bleiben.

Ursula Kansky: Die Prinzessin aus dem Papenteich. Mit Bildern von Johanna Seipelt. Papenteich, 2011.

Über die Ansteckungsgefahr von Homosexualität

In den derzeitigen Debatten über die homophobe Petition gegen den Bildungsplan in Baden Württemberg wird momentan ein Argument häufig vorgebracht, das mir ein wenig Unbehagen bereitet: Nämlich dass Homosexualität doch schließlich nicht ansteckend sei. Wovor haben denn diese Leute Angst, wird da gefragt, etwa dass die Behandlung verschiedener Lebens- und Begehrensformen im Schulunterricht ihre armen Kinder lesbisch und schwul macht?

Ich weiß nicht, ich finde das Argument zu defensiv. Es erinnert mich ein bisschen an die Argumentation vieler Frauenrechtlerinnen vor hundert Jahren, die auf den Vorwurf, das Frauenstimmrecht würde dazu führen, dass Frauen sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, beschwichtigend abwiegelten und sagten: Keine Sorge, es wird sich überhaupt nichts ändern. Natürlich hat sich aber doch was geändert, und die Frage, wer genau sich wie um die Kinder kümmert, steht heute ja nicht zufällig ganz oben auf der gleichstellungspolitischen Tagesordnung.

Mit politischen Argumenten ist es meistens so, dass sie einerseits so und andererseits so zu verstehen sind. Natürlich sind emanzipierte Frauen keine Monstermütter, die ihre Kinder verhungern lassen. Aber ebenso selbstverständlich muss sich im Zusammenleben von Familien etwas ändern, wenn die Frauen ihre bisherigen Tätigkeiten neu sortieren.

Und so ist es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität auch. Natürlich werden Kinder nicht reihenweise homosexuell, nur weil das Thema im Unterricht behandelt wird. Aber ebenso natürlich werden diejenigen Jugendlichen, die anders begehren, als es die heterosexistische Norm vorgibt, durch eine größere gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität dazu ermutigt, diesen Neigungen nachzugehen, sich entsprechend auszuprobieren, ihr Begehren auszuleben. Und das ist doch schließlich auch der Sinn des Ganzen!

Mit diesen Gedanken im Kopf kam ich gestern über einen lesenswerten Blogpost, der über den Zusammenhang von Class, Race und sexuellem Begehren nachdenkt, auf einen anderen queeren Blog, dessen Autor das Mantra der rein biologischen Bedingtheit von sexueller Identität, das “Born this Way”, in Frage stellt. Er schildert, wie sein von der weißen Schönheitsnorm abweichender Körper durch rassistische Diskurse und mediale Repräsentationen auch hinsichtlich des sexuellen Begehrens geformt wurde.

Das sexuelle Begehren ist nicht einfach eine Folge biologischer Prädispositionen, bei denen dann nur die Alternative besteht, ob sie quasi “in natürlicher Reinform” ausgelebt werden können oder unterdrückt werden müssen. Es ist bei sexuellen Identitäten wie bei allem, dass es sich nämlich um ein Wechselspiel zwischen Gegebenem und Erfahrenem handelt, dass subjektive Wünsche durch äußere Einflüsse geprägt, wenn auch natürlich nicht determiniert werden.

Deshalb wurden so viele Frauen in den 1970er Jahren lesbisch, und nicht nur, weil viele von ihnen endlich ausleben konnten, was immer schon in ihnen steckte, sondern auch, weil sie durch die feministischen Debatten in sich Wünsche entdeckten und formulierten (zum Beispiel den Wunsch, “frauenidentifiziert” zu leben und den Beziehungen zu Frauen den Vorrang vor denen zu Männern zu geben), für die es vorher keine Sprache und keine (Vor)-Bilder gegeben hatte.

Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, und ich hoffe das auch sehr, dass eine Gesellschaft, in der mehr Lebensformen und Möglichkeiten sexueller Identitäten sichtbar sind, und die das alles auch in ihren Bildungsprogrammen zum Thema macht, auch in der Realität eine größere Vielfalt hervorbringen wird. Auch mehr offen lebende Lesben und Schwule.

Vielleicht bin ich auf das Thema aber auch nur deshalb so angesprungen, weil mir das Bild der Ansteckung in Bezug auf politische Diskurse generell gut gefällt. Auch die Liebe zur Freiheit ist nämlich ansteckend, wie Luisa Muraro einmal sagte. Und dass sich die Liebe zur Freiheit in all ihren Erscheinungsformen wie ein Virus unter uns ausbreiten könnte, das ist doch eine wunderbare Vorstellung!

(Foto: Sanofi Pasteur/Flickr.com)