Ist es besser oder schlechter geworden?

Gerade hat Dorothee Markert in unserem Internetforum bzw-weiterdenken einen kleinen Artikel online gestellt, in dem sie davon erzählt, wie sie vor 25 Jahren dem Leiter eines Museums versucht hat, eine feministische Erkenntnis zu vermitteln und damit kläglich gescheitert ist, und dass jetzt genau so eine Ausstellung, wie sie es sich damals gewünscht hätte, in demselben Museum zu sehen ist.

Das erinnerte mich an eine Diskussion, die wir anlässlich meiner elf Thesen zum feministischem Aktivismus heute neulich bei Facebook hatten über die Frage, ob es mit der Freiheit der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vorwärts gegangen ist oder nicht oder eher sogar rückwärts. Viele waren der Ansicht, ich wäre mit meiner Einschätzung, es sei vorwärts gegangen, zu optimistisch.

Mich lässt das Thema irgendwie nicht los, und vielleicht haben andere dazu ja auch noch Ideen. Wobei es vermutlich doch so ist, dass es in manchen Bereichen besser geworden ist, in anderen Bereichen schlechter. Ich bin der Meinung, darüber könnten wir noch mehr nachdenken, denn eine gute Analyse der Situation ist ja schon wichtig, um zu entscheiden, was nun weiter zu tun ist.

Was das alles kostet. Was das alles einbringt.

Gerade ist ein bisschen Aufregung in meiner Ecke des Internets, weil irgend so ein Ökonom ausgerechnet haben will, dass die Migration in Deutschland mehr kostet als sie einbringt. Während doch erst kürzlich ein paar andere Ökonomen ausgerechnet haben, dass die Migration für Deutschland ein richtiger Reibach ist.

Mir gehen solche Rechnungen auf die Nerven. Was ist das denn für eine Kultur, die gesellschaftliche Phänomene danach beurteilt, was unterm Strich dabei rumkommt?

Ich finde es falsch, politische Vorschläge mit Profit-Argumenten zu begründen. Nicht nur weil der Schuss, wie in diesem Fall, gerne mal nach hinten losgeht, weil ich, wenn ich meine politische Haltung damit begründe, dass sie unterm Strich was einbringt, in Erklärungsnot komme, sobald mir jemand vorrechnen kann, dass sie mich was kostet.

Migration ist ja nicht das einzige Thema, bei dem solche Kalkulationen aufgestellt werden. Auch bei ökologischen Fragen wird gerne vorgerechnet, was das volkswirtschaftlich kostet, so einen Regenwald abzuholzen oder die Folgen eines Atomkraftwerkunfalls zu bezahlen. Im Feminismus sind solche Argumente auch sehr beliebt: Unternehmen mit mehr Frauen in der Führung sind ja nachweislich profitabler, nicht wahr.

Ich will ja nicht altmodisch erscheinen, aber ich finde schon, dass die Frage danach, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist, ein bisschen substanzieller begründet werden sollte.

Es ist falsch, Atomkraftwerke zu betreiben und Regenwälder abzuholzen, weil damit der Ökohaushalt der Erde nachhaltig geschädigt wird. Es ist richtig, darauf zu verzichten, selbst wenn uns das was kostet. Es ist richtig, gesellschaftliche Machtpositionen nicht nur einer bestimmten demografischen Gruppe, nämlich weißen Männern, vorzubehalten, denn Demokratie bedeutet, dass alle mitbestimmen können. Deshalb sollten wir diese Positionen auch dann diversivizieren, wenn das den Profit eventuell verringern würde. Und es ist richtig, Migration zu fördern, weil die Menschen, die hierher kommen, gute Gründe dafür haben, und wir in einer globalisierten Welt kein Recht darauf, uns mit unserem Reichtum von anderen abzuschotten.

Politische Entscheidungen und Positionen müssen politisch begründet werden, nicht ökonomisch. Von daher ist es schnurzpiepegal, was Migration (oder Umweltschutz oder Diversität oder oder oder) kostet oder bringt. Allein, diese Fragen so zu diskutieren, ist schon zutiefst unpolitisch.

Die politisch relevante Frage ist: In was für einer Welt, in was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Welche ethischen Maßstäbe legen wir an uns und andere an? Was, glauben wir, ist ein gutes Leben – eines, das wir auf Kosten anderer führen, oder eines, das für alle Menschen zugänglich ist, die auf dieser Welt leben?

 

Soll_darf man mit Fanatikern reden?

Nach einem halben Jahr Pause haben Benni und ich es heute endlich mal wieder geschafft, zu podcasten. Eine gute Stunde lang diskutierten wir über die Frage, ob man mit Fanatikern wie PEGIDA oder Islamisten reden_diskutieren soll_darf oder nicht. #

Bitte hier entlang zur Episode 15 von “Besondere Umstände”. 

Elf Thesen zu feministischem Aktivismus heute

Im Januar will ich mit Politikstudent_innen über feministischen Aktivismus heute diskutieren. Ich hab dazu als Vorbereitung mal elf Thesen formuliert. Ergänzungen? Einwände? Thoughts?

1. Die Frage ist nicht, welche „Politik für Frauen“ oder Geschlechterpolitik gemacht werden soll, sondern welche Politik Frauen machen. Frauen sind Subjekte der Politik, nicht ihre Objekte.

2. Es ist egal, ob sich jemand Feministin nennt oder nicht. Sondern es kommt darauf an, welche Inhalte jemand in Bezug auf die Geschlechterdifferenz vertritt. Es ist nicht möglich, keine Position zu diesem Thema zu haben.

3. Der Feminismus hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Analysen und Forschungen auf dem Gebiet der Geschlechterdifferenz(en) hervorgebracht. Fundiertes Mitreden beim Thema ist deshalb nur möglich, wenn man diese Ergebnisse wenigstens halbwegs zur Kenntnis genommen hat.

4. Männliche Institutionen und ihre Bewertungssysteme (etwa: Wahlsiege oder Niederlagen, wirtschaftlicher Erfolg, akademische Anerkennung, Medienpräsenz usw.) sind kein Kriterium zur Beurteilung einer Politik der Frauen. Die männliche Norm ist weder im Positiven noch im Negativen ein relevanter Maßstab.

5. Die Innerhalb-Außerhalb-Logik der autonomen Frauenbewegung ist nicht mehr sinnvoll. Politik im Sinne weiblicher Freiheit ist heute sowohl innerhalb der traditionell männlichen Institutionen (Parteien, Gewerkschaften usw.) möglich, als auch außerhalb. Oder eben auch nicht.

6. Pick your fights! Es ist wichtig, nicht auf jede Empörungsblase im öffentlichen medialen Diskurs aufzuspringen, sondern den eigenen Interessen und Themen treu zu bleiben. Mediale Diskurswellen können aber genutzt werden, um bei entsprechender Gelegenheit die eigenen Einsichten wirksamer zu vermitteln.

7. Das Internet ist von seinem Charakter her (dezentrale Organisation, Bedeutungsverlust von Repräsentanzpolitik, Wichtigkeit von Beziehungen) eine ideale Plattform für eine Politik der Frauen. Deshalb sollte die Bekämpfung seiner destruktiven Aspekte (Trolle, Hate-Speech usw.) eine sehr hohe Priorität haben.

8. Politik ist heute nur noch in der ersten Person möglich, denn die repräsentative Politik ist kraftlos geworden. Deshalb ist die Zugehörigkeit zu Parteien oder Verbänden kein Ersatz für individuelle Beteiligung und Aktionismus.

9. Es ist nicht mehr nötig, die Kämpfe der anderen schlechtzumachen – eine Unsitte, die die Konkurrenzlogik des Parteiensystems hervorgebracht hat. Vielmehr gilt das Sowohl-als-auch: Unterschiedliche Schwerpunktsetzungen verschiedener Aktivistinnen sind notwendig und unproblematisch.

10. Notwendige Kritik sollte aber gleichzeitig nicht aus falsch verstandener Solidarität zurückgehalten werden. Hier kommt es auf die Beziehungen (Loyalität) und den Tonfall (Respekt) an. Aber: Feministinnen, die sich streiten, setzen Themen, diskutieren über Fragen, die für die Welt wichtig sind, und sind interessant für einander und für andere.

11. Feminismus war schon immer eine Politik der Beziehungen. Diese Einsicht ist heute zentraler denn je. Wichtiger als inhaltliche Standpunkte zu schärfen ist es, politische Beziehungen zu pflegen und zu stärken – zu konkreten anderen Aktivist_innen. Dies beinhaltet gleichzeitig, Beziehungen ggfs. bewusst zu vermeiden oder zu beenden.

Trinkgeld für die Toilettensaubermacherin – gewusst wie!

Heute bemerkte ich auf der Toilette beim Karstadt neben dem Teller für den Obolus ein recht großes Schild, auf dem so in etwa stand, man würde sich bemühen, den Kunden doch immer schöne saubere Toiletten zur Verfügung zu stellen und empfehle daher, dass diese pro Besuch etwa 50 Cent dafür geben.

Aha, dachte ich, offenbar versucht hier jemand, sich juristisch abzusichern, damit nicht wieder eine Reinigungsfrau auf die Idee kommt, das Geld, das die Kundinnen hier ablegen, sei ihr Trinkgeld. Ich selbst wäre freilich auch nie auf die Idee gekommen, das Geld, das ich hier ablege, könnte eventuell etwas anderes sein als Trinkgeld. Aber die Kaufhäuser, bzw. die von ihnen als Subunternehmen beauftragten Reinigungsfirmen, finden, das Geld gehört in ihre Kassen und nicht in die Taschen der Putzfrauen, denn es sei eine “freiwillige Nutzungsgebühr”. Und dieses Schild ist offensichtlich dazu da, den Sachverhalt zu klären und diese Sicht der Dinge gerichtsfest zu machen.

Nun nehme ich das mit der Freiwilligkeit relativ ernst, und freiwillig möchte ich kein Nutzungsentgeld für Toiletten in Kaufhäusern bezahlen, weil ich finde, die Bereitstellung selbiger sollte zum Service eines Kaufhauses oder einer Shoppingmall dazugehören. Meiner Meinung nach verhält sich der Grad der Zivilisation einer Kultur analog zur Verfügbarkeit kostenloser sauberer Toiletten.

Sehr wohl möchte ich aber den Reinigungskräften ein Trinkgeld geben, damit sie am Ende des Tages etwas mehr in der Tasche haben als ihren kargen Stundenlohn. Ich habe also die Frau neben dem Teller gefragt, ob sie denn das Geld, das ich ihr eventuell gebe, abgeben muss oder behalten kann. Ihre Antwort: “Das kommt darauf an, was Sie wollen.”

Ich hab ihr dann 50 Cent gegeben und dazu gesagt, dass das keine freiwillige Nutzungsgebühr ist, sondern ein Trinkgeld für sie und dass ich will, dass Sie es behält. So müsste nun alles seine juristische Richtigkeit gehabt haben.

Ich werde zukünftig mal auch an anderen Örtlichkeiten die Augen nach solchen Beschilderungen aufhalten.

Ein paar Jahrtausende auf 88 Seiten

In diesem Jahr hat mich ein Projekt beschäftigt, das jetzt kurz vor der Vollendung steht: Zusammen mit der Zeichnerin Patu habe ich einen Comic zur Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext gemacht.

Von Adam und Eva bis fast heute auf 88 Seiten dieses Thema abzuhandeln (und das auch noch mit lauter Bildern dazwischen, hehe), ist natürlich ein bisschen wahnsinnig. Aber es hat ungeheuren Spaß gemacht. Hier ist schonmal ein Coverentwurf:

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Ich freue mich darauf, wenn das Buch erscheint, was wahrscheinlich im Frühjahr ist.

Beim Auswählen dessen, was in der reichhaltigen Geschichte des Feminismus wichtig und unwichtig ist, was in so einem Buch erwähnt werden soll und was nicht, war mir ständig präsent, dass das, was ich da mache, letztlich frustrierend ist, weil das allermeiste nicht vorkommt. Das was wichtig ist, ist nicht unbedingt dasselbe wie das, was bekannt ist (und daher in so einem Buch erwartet wird). Natürlich habe ich versucht, nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden, aber die Auswahl ist mindestens so subjektiv wie objektiv, und jede andere hätte da wahrscheinlich andere Entscheidungen getroffen.

Das Problem, dass komplexe historische Entwicklungen immer verflacht und verfälscht werden, wenn sie auf eine bestimmte Menge Platz kondensiert werden, ist unlösbar. Umso wichtiger ist, sich das klarzumachen, wenn man so ein Projekt in Angriff nimmt – oder eben dann später auch das Buch liest.

In der männlichen, sich selbst für universal haltenden Geschichtsschreibung wird das normalerweise nicht reflektiert. Normalerweise fehlen da zum Beispiel die Frauen, und es wird so getan, als wäre das ganz normal und logisch. In dem fünfbändigen „Handbuch der politischen Ideen“ zum Beispiel, mit dem ich vor dreißig Jahren Politologie studierte, waren gerade mal zwei Prozent der referenzierten Namen weiblich. Frauen haben offensichtlich nach Ansicht der Herausgeber keine politischen Ideen. Und es fehlen in diesen Geschichtsbüchern natürlich auch noch viele andere „andere“, zum Beispiel Schwarze oder proletarische Kulturproduktion.

Leider geht das „Herausignorieren“ von Frauen, und gar Feministinnen, aus der männlichen Erinnerungskultur auch heute, trotz Emanzipation und Gleichstellungsgedöns, fröhlich weiter. Jutta Pivecka hat das kürzlich am Beispiel der Feiern zum 25-jährigen Mauerfall gezeigt. Anne Roth hat bei Twitter auf ein Buch hingewiesen, wo auf 700 Seiten die Geschichte der sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1989 erzählt wird, der Feminismus kommt darin laut Inhaltsverzeichnis nicht vor (Das Buch ist auch im Unrast-Verlag erschienen, genau wie unser Comic). Da ich das Buch nicht gelesen habe, besteht natürlich die Möglichkeit, dass der Feminismus dort als Querschnittsthema in allen anderen Kapiteln ausführlich behandelt wird. Hinweise dieser Art bitte in die Kommentare. In einem anderen Projekt soll die Frage, welche am 1. Januar 2015 gemeinfrei werdenden Bücher als E-Book verfügbar gemacht werden (und welche nicht), anhand eines Algorithmus beantwortet werden, der seine Relevanzkriterien ausgerechnet aus Wikipedia bezieht. Die extrem männliche Schlagseite des Internetlexikons wird sich auf diese Weise also direkt in eine männliche Schlagseite des gratis E-Book-Bestandes fortpflanzen.

Was an diesen Beispielen auch deutlich wird: Es steckt nicht bewusster Antifeminismus dahinter, wenn Frauen und vor allem Feministinnen, aus der Erinnerung „herausgeschrieben“ werden. Sondern das geschieht aufgrund der gegebenen Parameter unserer Kultur quasi wie nebenbei, fast wie zwangsläufig. Ohne böse Absicht. (Deshalb reagieren manche Männer oft so – ehm – aufgeregt, wenn man das kritisiert).

Also, keine böse Absicht (jedenfalls größtenteils), sondern es ist eher so: Das weiß-bürgerlich-männliche Bewusstsein scheint Frauen – und andere „andere“ – einfach zu „vergessen“, wenn es sich an Vergangenes erinnert. Es hat Algorithmen und Verfahrensweisen etabliert, in denen dieses Vergessen als ganz natürlicher, logischer und unausweichlicher Vorgang erscheint, gegen den man nur unter Verrat an der objektiven universalen Objektivität etwas unternehmen kann. (Auf Twitter schrieb mir jemand: Jedes andere Verfahren, Bücher zum E-Bookisierien, auszuwählen, wäre noch schlechter, weil eben noch weniger objektiv).

Früher dachten wir, die Krux liege darin, dass die von Männern gemachte Geschichtsschreibung zu sehr auf institutionelle Faktoren abzielt – Ämter, Positionen, Rankings, Ehrungen und so weiter – weshalb Frauen (und andere dort ehemals Ausgeschlossene) logischerweise unterrepräsentiert sind. Heute zeigt sich, dass Frauen auch dann nicht erinnert werden, wenn sie „objektiv“, also selbst nach den problematischen Relevanzkriterien, die in der Männergeschichtsschreibung gelten, eine wichtige Rolle gespielt haben. (Schade, dass ich nicht mitbekommen werde, wie man sich in hundert oder zweihundert Jahren an Angela Merkel erinnern wird, das würde mich wirklich interessieren!)

Was können wir tun? Beim Machen des Comics haben wir gemerkt, wie groß die Versuchung ist, eine Geschichte des Feminismus als Kampf gegen die Männer zu erzählen, und die Frauen als unterdrückte Opfergruppe darzustellen, deren interne Differenzen angesichts dieser Gruppenidentität verschwinden. Zum Beispiel etwa die politischen Ideen von Frauen vor allem als Reaktion auf männliche Frauenfeindlichkeit darzustellen – und dann am Ende doch wieder lauter Männer in Szene zu setzen.

Ich glaube, es ist uns aber jetzt ganz gut gelungen, die Geschichte des Feminismus nicht als weiblichen Gegenentwurf zum Patriarchat zu erzählen, sondern als die einer in sich heterogenen Bewegung, der die Freiheit der Frauen und das gute Zusammenleben der Menschen auf dieser Welt am Herzen liegt – und zwar Differenzen inklusive, gerade auch der Frauen untereinander.

Denn wie Audre Lorde es schrieb: „Difference is that raw and powerful connection from which our personal power is forged.“

Was wirklich an Hartz IV falsch war

Es scheint meiner Timeline zufolge irgendein Hartz IV-Jubiläum zu geben, jedenfalls häufen sich gerade die Texte darüber, warum dessen Einführung falsch war. Bei den vielen Argumenten fehlt mir jedoch eines, und meiner Ansicht nach das wichtigste, weshalb ich das an dieser Stelle mal kurz verblogge.

Das Schlimmste an Hartz IV, so meine ich, ist nicht seine absolute (zu geringe) Höhe, sondern die hinter dem Systemwechsel von dem alten Arbeitslosen-/Sozialhilfe-System zu Hartz IV stehende Logik des „Nur wer wirklich Hilfe braucht, soll welche bekommen.“

Ich erinnere mich mit an eine Diskussion, die ich damals mit einer den Grünen nahe stehenden Freundin hatte (nicht die böse CDU hat Hartz IV eingeführt, sondern das waren SPD und Grüne), die darin gerade einen Vorteil sah. Sie argumentierte ungefähr: Das alte System des Wohlfahrtsstaates ist zu teuer, wir müssen sparen, und deshalb soll das Geld, das wir haben, nicht mehr an Leute aus dem Mittelstand gehen, sondern konsequent nur an die Armen.

Das klingt auf den ersten Blick ja gut. Tatsächlich ging vor Hartz IV ein Gutteil der Gelder aus den Sozialkassen nicht an ganz Arme. Sondern wer arbeitslos wurde, bekam über die Arbeitslosenversicherung drei Jahre lang ein relativ okayes Leben weiterfinanziert – ich glaube, es waren ein Jahr lang 75 Prozent und weitere zwei Jahre 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens. Und das alles ohne irgendeine Bedürftigkeitskontrolle.

Das heißt: Drei Jahre lang konnte der eigene Lebensstandard halbwegs gehalten werden, drei Jahre lang floss Geld, ohne dass man das, was man besaß – Haus, Auto, Zeugs generell – antasten musste.

Meine Freundin argumentierte nun so, dass damit viel Geld aus den Sozialversicherungen an Leute ging, die es „eigentlich gar nicht so dringend brauchen.“ Und in der Tat hat Hartz IV – jedenfalls zunächst mal – gerade die untere Mittelschicht getroffen. Die ganz Armen wurden im Vergleich zur alten Sozialhilfe sogar leicht besser gestellt. Ist das nicht Umverteilung von oben nach unten? Fragte mich meine Freundin.

Ja, auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick war es aber eine bedeutsame Verschiebung in der symbolischen Ordnung. Die Symbolik des alten Systems lautete: „Alle kann es mal treffen, und wenn es dich trifft, wirst du erstmal eine ganze lange Weile aufgefangen.“ Die Symbolik des neuen Systems aber lautete: „Es gibt welche, die Hartz IV brauchen, und welche die es nicht brauchen.“

Das hat das Lebensgefühl vor allem der Mittelschicht verändert. Denn die weiß jetzt ganz genau, dass sie niemals etwas aus den Sozialkassen bekommen wird. Weil sie nämlich erstmal Haus, Erspartes und so weiter aufbrauchen müsste, um Anspruch auf Hartz IV zu haben. Und wessen Lebenspartner_Lebenspartnerin Geld verdient, kriegt auch nix. Selbst das eine Jahr, für das es heute noch Arbeitslosengeld ohne Einkommenskontrolle gibt, ist inzwischen für Menschen mit halbwegs Qualifikation praktisch außer Reichweite: Irgendein Job findet das Arbeitsamt immer.

Was auf den ersten Blick gut klingt – dem Mittelstand Geld wegnehmen, den Armen geben – führte schleichend zu einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung und zu einer Aushöhlung der Bereitschaft, in die Sozialkassen einzuzahlen. Die Sozialabgaben sind heute für breite Teile des Mittelstands nicht mehr eine Art „Versicherung“, in die sie einbezahlen in dem Wissen, dass sie im Fall des Falles davon aufgefangen werden. Sondern es wird empfunden als eine Abgabe „für die anderen da“, zu denen man selber aber ganz bestimmt nicht gehört.

Das Schlimme an Hartz IV ist also nicht, dass es so wenig ist, sondern das Schlimme ist, dass es Bedürftigkeit als Ausnahmefall definiert hat. Als etwas, das nicht alle Menschen betrifft (oder betreffen könnte), sondern nur spezielle Menschen, „die da“ eben, diese Hartzler. Die Einführung von Hartz IV hat einen Graben gezogen zwischen den „nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft“ (die ordentlich arbeiten und in die Sozialkassen einzahlen) und die „Überflüssigen“ (die man durchfüttern muss).

Dieser zunächst nur symbolische Graben hat im Lauf der vergangenen Jahre reale Ausformungen angenommen. Auf der einen Seite diejenigen, die wissen, dass es keine sozialen Netze mehr gibt, die ihren Lebensstandard im Falle des Falles wenigstens für eine Weile stützen würden. Auf auf der anderen Seite diejenigen, die keine Hoffnung mehr haben, jemals aus Hartz IV raus zu kommen (auch nicht für ihre Kinder). Und in der Mitte, und sie sind vielleicht am Schlimmsten dran, diejenigen, die auf der Kippe zwischen beidem stehen, und die bei ihrem Struggle keine solidarische Hilfe mehr bekommen, solange sie nicht beweisen können, dass sie nun wirklich „ganz unten“ angekommen sind.

In dem Zusammenhang leg ich euch gerne nochmal mein Küchengespräch mit Michaela Moser über Bedürftigkeit ans Herz.

Und auch unseren Artikel Bedürftigkeit aus dem ABC des guten Lebens.