In the moment of crisis, all things become possible

Diesmal ein typischer Tagebuch-Eintrag, um meine spontanen Eindrücke von der IAFFE-Konferenz in Berlin festzuhalten (IAFFE = International Association for Feminist Economics). Es sind ungefähr 370 Ökonominnen (darunter auch einige Männer) dort, von überall auf der Welt. Ich werde meine verschiedenen Erkenntnisse nach und nach hier verbloggen. Nur zur Sicherheit: Es sind keine Berichte von den Veranstaltungen, ich schreib bloß hier auf, was mir persönlich wichtig erschien oder zu denken gab.

Zum Eröffnungspanel über „Gender Equality in Europa“ kam ich etwas zu spät, ich hörte aber noch den Beitrag von Sylvia Walby (UNESCO Chair of Gender Research), die sagte, dass der Finanzmarkt dringend (wieder) mehr politisch reguliert werden müsse. „Finance“ sei die Ursache der Krise, die sich dann auf die Realwirtschaft, die Steuerpolitik und zuletzt auf die Demokratie selber ausgebreitet hat. Sie forderte uns auf, uns stärker mit Finanzpolitik zu beschäftigen. Die käme zwar immer „geschlechtsneutral“ daher (geht ja nur um Zahlen), sei aber in Wahrheit zutiefst „gegendered“. Finanzkrisen seien nicht einfach „Realität“, sondern ein „soziales Konstrukt“, ein Narrativ. (Dazu passt gut ein Artikel von Carolin Ehmke von heute).

Krise sei dabei aber nicht nur schlimm: „In the moment of crisis, all things become possible“. Zum Beispiel, lass mal träumen: „Gender Balance“ würde nicht länger nur als quotierte Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen verstanden, sondern in den Zielbeschreibungen aller europäischen Institutionen drin stehen. Es wäre Bestandteil von Effizienzdefinitionen (alles, was keine Gender Equality hervorbringt, ist ineffizient), Gender Budgeting (also die Evaluation der Auswirkungen sämtlicher (Finanz-)Entscheidungen in Bezug auf Geschlecht) wäre obligatorisch. Jedenfalls sei es sinnlos, davon zu sprechen, dass es einen Zusammenhang von Krise und Gender gäbe, da „Gender“ im Zentrum der Krise steht.

Allerdings, die Europäische Union. So wie sie sich in letzter Zeit benommen hat, kann man ja kaum noch glauben, dass sie solche „großen issues“ überhaupt bewältigen könnte. Anderseits, fragte Walby: „Wenn nicht mal Syriza die EU als Projekt aufgegeben hat, wieso sollten wir das tun?“ Klar ist, dass es bei einem feministisch-ökonomischen Blick auf Europa nicht bloß um „Gender- und Gleichstellungsgesetze“ gehen kann, sondern um alles gehen muss, und speziell und vor allem eben auch um die europäische Finanz- und Steuerpolitik.

Der zweite Vortrag, den ich hörte, war der von Daniela Bankier, „Head of Unit Gender Equality bei der Europäischen Kommission“. Sie war, wie es wahrscheinlich zu ihrem Job gehört, relativ enthusiastisch über den in der EU erreichten Grad an Gender Equality. Es gebe natürlich auch Defizite, Gender Pay Gap und so weiter (variiert zwischen 7 und 30 Prozent in den verschiedenen Ländern), aber keinen Backlash aufgrund der Krisen in den letzten Jahren. Das ist wahrscheinlich zutreffend, was die „Gender Equality“ betrifft, aber das Problematische an der Entwicklung spielt sich halt auch nicht entlang der Linie Frauen/Männer ab, sondern an der Linie Arm/Reich.

Aufgeschrieben habe ich mir von ihr noch den Satz „Good politics can be effective!“ – den muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Zu sagen, dass Politik möglicherweise wirksam sein kann, ist heute offenbar schon eine steile These.

Überhaupt war das wohl das Resumée aus dem ersten Panel: Die Erwartung, dass tatsächlich Politik gemacht wird, dass in Europa politische Ziele und Werte diskutiert und umgesetzt werden.

Das hatte ich ja neulich schon auf Facebook geschrieben: Die „linke“ These, dass es keine Politik mehr gebe, sondern die Wirtschaft heutzutage alles bestimme (und die Politik nur deren Handlanger sei), halte ich für eine falsche Analyse, oder vielleicht war sie zu Schröder/Blair Zeiten mal richtig, heute – spätestens seit der Bankenrettung – ist sie es nicht mehr. Das war auch der Fehler von Varoufakis, zu glauben, in der europäischen Debatte gehe es darum, irgendwie eine vernünftige Lösung für ein ökonomisches Problem zu finden. Es geht um Politik, um Macht, um Besitzstandwahrung von Eliten.

Die Frage ist also, ob es mit der Europäischen Union nochmal gelingt, eine sinnvolle Politik zu machen. Das Dilemma ist: Es gibt kaum Grund zur Hoffnung, allerdings ist auch keine andere politische Ebene außer Europa denkbar. Daher gibt es wohl kaum eine andere Möglichkeit, als auf europäischer Ebene weiter zu machen. Vielleicht muss der Anstoß dazu tatsächlich aus „der Wirtschaft“ kommen; die feministischen Ökonominnen jedenfalls scheinen dafür schonmal gute Bündnispartnerinnen zu sein.

Über welchen Kanal hätten Sie’s denn gerne?

Grade fragte das Nuf auf Twitter nach Unter-20-Jährigen, die eine Meinung zu dem LeFloid-Interview mit Merkel hätten (zu dem sie schon was Feines gebloggt hatte) – und dabei fiel mir ein, dass ich ja einen Unter-20-Jährigen kenne, den ich fragen kann (meinen Neffen). Also dachte ich, ich frag ihn mal.

Um mit meinem Neffen zu kommunizieren, gibt es genau eine Möglichkeit: Snapchat. Ich also Frage hin, Antwort zurück, zackzack in drei Minuten erledigt (hat das Interview gesehen, fand es gut, hat Verständnis dafür, dass LeFloid nicht allzu kritisch gefragt hat, weil er ja sicher froh gewesen wäre, ein Interview mit ihr machen zu dürfen). (Update: Lesenswert zu dem Interview auch was Johnny Haeusler schreibt.)

Für mich ist das jetzt der Anlass, mal über was anderes zu bloggen, das mir schon länger im Kopf herum geht: Nämlich die zunehmende Diversifizierung der verfügbaren Kommunikationskanäle und die damit einhergehende Notwendigkeit, für die jeweilige Person, mit der man kommunizieren will, den richtigen Kanal zu wählen.

Snapchat habe ich praktisch nur für Neffe 1, mit Neffe 2 muss ich WhatsApp nehmen. Meine chinesischen Bekannten erreiche ich nur über WeChat. Telefonieren geht natürlich immer, aber so unhöflich bin ich nun nicht, Leute einfach telefonisch zu belästigen, wenn es nicht was ganz Dringendes ist – Anrufen ist doch fast so aufdringlich, wie einfach ohne Voranmeldung an der Tür zu klingeln. Abgesehen natürlich von denen, die sehr gerne telefonieren und auch sehr gerne von mir angerufen werden wollen.

E-Mails sind zunehmend out, es sei denn, man möchte Leute über etwas pro Forma informiert haben ohne wirklich eine Reaktion von ihnen zu wünschen. Es gibt nämlich immer mehr Leute, die ihre E-Mails gar nicht lesen beziehungsweise grundsätzlich nicht darauf reagieren (mein Neffe ist da keine Ausnahme). Erst diese Woche wieder ging es um eine Verabredung, die schon länger feststand. Keine Reaktion auf die nachfragende Mail, ob es dabei denn bleibt, aber instantaneous Antwort via Twitter.

Bei anderen Menschen funktioniert dasselbe über Facebook, und zwar besonders bei Firmen oder Organisationen. Wochenlang hatte ich etwa vergeblich versucht, eine Presse-Akkredition für einen Kongress nächste Woche zu bekommen, aber keine oder nichtssagende Antworten. Als ich die Verantwortlichen über Facebook kontaktierte, ging es plötzlich ratzfatz.

Andererseits sind da immer noch sehr viele, die überhaupt nur via E-Mail erreichbar sind, weil sie Social Media generell verweigern. Und dann gibt es natürlich auch noch die Leute, die gar kein Internet haben und denen man Postkarten schreiben muss.

Ich überlege ernsthaft, ob ich in meiner Adressen-Datenbank noch ein weiteres Feld einfügen muss, nämlich: “erfolgsversprechendster Kommunikationskanal”. Auswendig verliere ich nämlich so langsam die Übersicht.

Das Internet, die Medien und die Vertrauensfrage

Vor ein paar Tagen las ich diesen Artikel hier in der FAZ über eine Umfrage zum Thema: Welchen Medien vertrauen wir? Das nicht ganz überraschende Ergebnis lautet: Qualitätszeitungen vertrauen wir ziemlich, dem Fernsehen so mittelmäßig, den Sozialen Medien weniger, aber der Bild-Zeitung noch weniger.

Natürlich ist der Artikel auch ein Versuch der traditionellen Medien, sich angesichts ihrer Krise ein bisschen selbst Mut zu machen, und das ist ja auch legitim. Allerdings musste ich doch etwas schmunzeln, als ich die Schlussfolgerungen des Autors darüber las, dass Twitter und Facebook als so wenig vertrauenswürdig eingestuft werden. Er schreibt:

“Letzteres ist in dieser Deutlichkeit überraschend, zumal in dieser Bewertung alle Befragten ausgeschlossen sind, die mit den sozialen Medien nichts anfangen können. Selbst bei den unter Dreißigjjährigen und bei Menschen, die das Internet mehr als zwanzig Stunden wöchentlich nutzen, erhalten soziale Medien unter dem Aspekt der Glaubwürdigkeit ziemlich schlechte Werte. Sie werden offenkundig als Austausch-, Meinungs- und Protestmedium erlebt und nicht als relevante Informationsquelle.”

Da würde ich sagen, dass jemand die Dynamik, um die es hier geht, ziemlich missversteht. Denn jede, die Facebook und Twitter halbwegs regelmäßig nutzt, müsste ja plemplem sein, wenn sie diese Medien als solche für “vertrauenswürdig” halten würde in dem Sinne, dass alle dort vorfindlichen Informationen wahr sind. Es ist ja wohl offensichtlich, dass man Informationen aus einem Medium, in das alle nach Belieben hineinschreiben können, was sie wollen, nicht einfach ungeprüft glauben kann. Und natürlich ist mein Vertrauen höher, wenn ich weiß, dass die Quelle der Information ein Medium ist, in dem eine Redaktionen eigens dafür bezahlt wird, den Wahrheitsgehalt der weitergegebenen Informationen zu prüfen (allerdings ist auch nicht absolut).

Also: Selbstverständlich glaube ich nicht, dass alles oder auch nur das meiste von dem, was auf Facebook und Twitter gepostet wird, “vertrauenswürdig” ist. Aber heißt das, dass Soziale Medien deshalb keine “relevante Informationsquelle” für mich sind? Was ein Quatsch!

Sie sind als Informationsquellen ja gerade deshalb relevant, weil sie ungefilterten Zugang zu Quellen, Meinungen und Positionen bieten. Und zwar gerade dann, wenn man sich mit einem Thema tiefer befasst, also mit dem bisschen, was es dazu in die Zeitungen schafft, nicht ausreichend bedient wird. Dass Politikerin X eine falsche Tatsache zum Thema Y verbreitet, ist für sich genommen durchaus eine Information, gerade weil nicht wahr ist, was sie sagt. Es verschafft mir nämlich relevante Informationen über ihren Diskussionsstil. Dass die politische Bewegung Z ihre ganz spezielle interessengeleitete Sicht auf irgend ein Phänomen postet, kann ebenfalls eine relevante Information sein, ganz unabhängig davon, ob diese Sicht “vertrauenswürdig” ist. Denn es hilft mir, die Anliegen dieser Bewegung besser zu verstehen.

In Zeiten des Internet gehört es ganz einfach zur grundlegenden Medienkompetenz, die alle Menschen benötigen, sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt einer Information zu machen. Es ist eine Kompetenz, die wir heute nicht mehr einfach an die Redaktionen unseres Vertrauens abgeben können.

Das bedeutet aber eben nicht, dass diese Informationen nicht relevant sein können. Denn relevant ist heute eben nichts, was sich objektiv festlegen ließe, sondern etwas, das vom Interesse der recherchierenden und denkenden Person selber abhängt.

Worüber unterhalten sich zwei graue Boxen?

Ende Mai war ich bei der Konferenz “Bended Realities” in Offenbach und habe über “Die Sehnsucht nach dem Ende des biologischen Körpers” gesprochen. Hier ist das Video:

Irgendwo in der Mitte stelle ich eine steile These auf, nämlich die, dass jegliche menschliche Kommunikation an Körperlichkeit gebunden ist, dass unser Denken und unsere Interessen und Themen untrennbar vermischt sind mit der Tatsache, dass wir körperlich individualisierte Wesen sind, und ich behaupte, dass zwei graue Boxen nichts hätten, worüber sie sich unterhalten können.

Leider gab es im Anschluss an den Vortrag keine Diskussion, aber meine Spione im Publikum sagten mir hinterher, dass es dazu wohl einigen Widerspruch gegeben hätte. Deshalb würde mich jetzt hier auch eure Meinung interessieren:

Glaubt ihr, zwei graue Boxen (womit ich meine: Körper, deren Körperlichkeit völlig irrelevant ist und nur die Funktion hat, Behältnis für Gedanken zu sein) hätten Gesprächsthemen, die sie interessieren? Und wenn ja, welche?

Staatsfeminismus und Care Revolution

Betreuungsgeld und Ehegattensplitting sind schlecht, Quotenregelungen und betriebliche „Vereinbarkeitsmaßnahmen“ sind gut?

kritikdesstaatsfeminismusEine klare Gegenposition zu solchen gängigen Ansichten vieler Feministinnen (und auch anderer) nehmen Lilly Lent und Andrea Truman in ihrem Essay „Kritik des Staatsfeminismus“ vor.

Das kleine Büchlein liest sich wohltuend konkret. Seine Grundthese lautet: Solche als Feminismus ausgegebenen Maßnahmen dienen letztlich dazu, die Ausbeutung der Arbeitskraft – und neuerdings eben auch die von Frauen – im Interesse „des Kapitalismus“ besser zu organisieren. Feministisch sei da dran gar nichts.

In vielem stimme ich zu, ich habe ja selbst schon zu Elterngeld, Ehegattensplitting, Kita-Politik und so weiter gebloggt und bin dabei zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Ich empfehle jedenfalls allen, die sich mit solchen Themen beschäftigen, das Büchlein zu lesen und sich mit den dort angeführten Argumenten auseinander zu setzen.

Das heißt natürlich nicht, dass man mit allem einverstanden sein muss. Ich finde zum Beispiel den engen marxistischen Interpretations- und Analyserahmen schwierig. Vieles von dem, was heute unter „Care-Arbeit“ läuft, lässt sich meiner Ansicht nach nicht wirklich in der Logik von „Reproduktion“ verstehen. Sicher, die Lebensverhältnisse sind wesentlich vom Kapitalismus geprägt. Aber es gibt meiner Meinung nach in all dem noch mehr als Kapitalismus, andere Ressourcen, andere Paradigmen, die ebenfalls „heute schon“ wirksam sind.

Ein anderer Punkt ist die Frage nach der politischen Strategie, die Frage also: Was sollen wir denn nun sinnvollerweise tun? Diese Frage stellen Lent und Trumann nicht, sie bleiben bei der Kritik stehen (was der Qualität keinen Abbruch tut, sondern nur bedeutet, dass hier noch weiter gedacht werden muss).

Am Ende ihres Büchleins kritisieren sie explizit die Care Revolution mit dem Argument, hier würde auch wieder nur mehr Staat gefordert (mehr Kinderbetreuung, mehr Geld für Sorge Arbeiten und so weiter). Das stimmt einerseits, andererseits aber nicht, denn im Netzwerk Care Revolution sind eben ganz unterschiedliche Akteurinnen und Akteure. Sicher sind dort auch Gewerkschafterinnen oder Selbsthilfe-Initiativen, die einen eher „systemimmanenten“ Ansatz haben, es sind aber genauso gut systemkritische Gruppen und Personen dabei.

9783837630404_720x720 (1)Es geht bei der Care Revolution eben genau nicht darum, noch eine weitere, jetzt aber „richtige“ Analyse der ökonomischen Verhältnisse im Spätkapitalismus vorzulegen, sondern um „revolutionäre Realpolitik“, wie Gabriele Winker in ihrem Buch „Care Revolution“ unter Bezug auf eine Formulierung von Rosa Luxemburg ausführt. Die Praxis ist dabei, die Bedürfnisse, Interessen und Ansätze der unterschiedlichsten Aktivistinnen und Aktivisten zusammenzubringen und dann gemeinsam zu überlegen, was getan werden kann.

Von daher solltet Ihr Gabriele Winkers Buch gleich auch lesen. Sie gibt im ersten Teil eine volkswirtschaftliche Analyse der gegenwärtigen „Krise sozialer Reproduktion“, und entwirft im zweiten Teil Visionen für einen Transformationsprozess , nicht als der Weisheit letzter Schluss, sondern als Inspiration und Diskussionsgrundlage.

Und vielleicht gelingt es uns ja, als Netzwerk Care Revolution mit Lilly Lent und Andrea Truman in einen inhaltlichen Austausch zu kommen, das würde ich definitiv interessant finden.

Lily Lent/Andrea Truman: Kritik des Staatsfeminismus oder: Kinder, Küche, Kapitalismus. Bertz + Fischer, 2015 (7,90 Euro).
Gabriele Winker: Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Transcript, 2015 (11,99 Euro)

Mord und Totschlag – kleine Kommentar-Revue

Bei „Fisch und Fleisch“ drüben habe ich heute morgen unter der Überschrift: „Verlassene Männer sind häufig brutal. Das muss endlich ernst genommen werden“ über den Amokfahrer von Graz gebloggt. Leider war mir dabei in der ersten Fassung ein Fehler unterlaufen: Nicht 162 Frauen sind im Jahr 2013 in Deutschland mutmaßlich von ihren (Ex)Partnern getötet worden, sondern „nur“ 138. Den Fehler hatte ich aus einer wissenschaftlichen Hausarbeit übernommen, dort war die Statistik falsch interpretiert worden. Wen’s interessiert: Hier ist der Link zur Quelle beim BKA.

Aber eigentlich komme ich deshalb hier noch einmal auf das Thema zurück, weil die Kommentare unter dem Blogpost so treffend sind, dass ich sie für die Ewigkeit retten möchte:

Gleich am Anfang schon der Klassiker: NICHT ALLE MÄNNER!

Ich habe dazu gelesen, dass rund 99,5 Prozent der verlassenen Männer in Deutschland NOCH nicht versucht haben, ihre ehemaligen Frauen und Freundinnen umzubringen. Nun stellt sich die Frage, aus welchen beiden Zahlen, ihren 162 (tragisch) getöteten Frauen oder aus den 99,5 Prozent Nicht-Mödern, sich ein Trend ablesen lassen lässt.

Ich nehme an, das heißt, wir sollen dankbar dafür sein, dass die große Mehrheit der Männer ihre Frauen nicht umbringt – toll, tausend Dank dafür!

Ebenfalls immer schön ist ja das „Die Feministinnen sind schuld“-Argument:

Und, habe ich halt männliche Geschlechtsmerkmale. Was bitte sagt das über mich aus? Dass ich gewaltbereit bin? Ja, man kann es mir solange einreden, bis ich sage: okay, dann könnt ihr das gerne von mir haben.

Also, besser mal aufpassen, nicht dass ich mit meinem Blogpost die ganzen harmlosen Jungs noch auf dumme Gedanken bringe. Außerdem hinkt mein Vergleich ja sowieso, aber sowas von! Denn:

Bei der Grazer Amokfahrt wurde nicht versucht, die eigene Ehefrau, die ihren Mann verlässt, zu töten oder zu schlagen, sondern es wurde versucht, Menschen zu töten bzw. zu verletzen, die mit der Ehe gar nichts zu tun hatten. Ich halte es für verharmlosend, die Grazer Amokfahrt zu einem ganz normalen Fall von Gewalt eines verlassenen Mannes an seiner Frau zu erklären.

Ja, ja, diese ganzen „ganz normalen“ Fälle von Gewalt, die sind eben – ganz normal! Und dann habe ich auch noch die WICHTIGSTE Regel im öffentlichen Diskurs gebrochen:

Wer beginnt, hier nach den beispielhaft genannten Kriterien TäterInnengruppen zu bilden, der schafft in meinen Augen ein vorurteilsbildendes Klima. Wird ja zu Recht immer wieder eingemahnt, überlegter mit Sprache umzugehen was gendergerechte Formulierungen und dergleichen anbelangt

Dabei weiß ich doch: Wenn weiße Männer etwas machen, darf man NIENIENIE darauf hinweisen, dass es weiße Männer sind, das ist nämlich SEXISMUS!
PS. Mir geht es in diesem Zusammenhang nicht um eine Anklage “der Männer”, sondern um eine gesellschaftliche Selbstreflektion. Allein, dass es so schwierig ist, die Zahlen zu diesem Sachverhalt herauszufinden, zeigt, dass hier ein Missverhältnis herrscht. Warum finden sich nicht jede Menge Zeitungsartikel, die dieses Thema bereits recherchiert haben? Vor allem, wenn man vergleicht, wie viel allgemeine Betroffenheit (zurecht) herrscht, wenn es um “Ehrenmorde” in migrantischen Milieus geht, und wie vehement dort nach strukturellen, weltanschaulich begründeten Motiven gesucht wird. Die anderen, “normal-deutschen” Beziehungsmorde hingegen werden nie in einem strukturellen Kontext gesehen, sondern immer als “Einzelfälle” dargestellt, als psychisch bedingte individuelle Katastrophen ohne kulturelles Muster dahinter. Aber Tatmotive wie Eifersucht oder Wut darüber, verlassen zu werden, sind nicht individuell, sie sind eine Folge von gesellschaftlichen Vorstellungen davon, welche Ansprüche ein Mann an “seine” Frau stellen kann. Und egal, ob es nun 150 oder 100 pro Jahr sind – Einzelfälle sind es sicher nicht. Es wäre wichtig, die Hintergründe genauer zu beleuchten: Was genau sind die Motive von “Morden in Paarbeziehungen?” Gibt es hier geschlechtsspezifische Unterschiede? Zu erforschen und zu analysieren gäbe es hier jedenfalls eine Menge – wenn wir uns denn dafür interessierten.

PPS: In dem Zusammenhang auch interessant: “It’s not about mental illness: The big lie that always follows mass shootings by white males”

 

Die Geschlechterdifferenz gibt es, eine „Rassendifferenz“ gibt es nicht

Die fast zeitgleichen Enthüllungen über die Transsexualität von Caityln Jenner und das vorgetäuschte „Schwarzsein“ von Rachel Dolezal haben eine interessante Debatte über die Vergleichbarkeit oder Nicht-Vergleichbarkeit von Transsexualität und Trans“rassität“ ausgelöst. Inspirierend fand ich dazu einen Text von Kai M. Green, der folgende These vertritt: Der von vielen spontan geteilte Eindruck, dass Caitlyn Jenner „richtig“ und Rachel Dolezal „falsch“ gehandelt hat, so Green, sei berechtigt, aber noch nicht ausreichend verargumentiert. Es sei nicht illegitim, die Frage nach der Vergleichbarkeit von beidem zu stellen, und die bloße Behauptung „Race“ und Geschlecht seien nun mal nicht dasselbe, reiche als Antwort nicht aus.

Genau in diese Richtung bewegten sich auch meine Überlegungen zu den beiden Ereignissen. Also:  Warum ist beides nicht dasselbe? Was genau unterscheidet sie? Und was bedeutet das für ihre politische Beurteilung?

Erst einmal zu dem, was Geschlecht und „Race“ nicht unterscheidet. Beides sind kulturell hervorgebrachte Differenzierungen zwischen Menschen, die nicht „natürlicherweise“ aufgrund des biologischen Körpers selbstevident sind. Zum zweiten haben sie gemeinsam, dass die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer „Rasse“ ein extrem wichtiger und im Alltag ständig aktualisierter Baustein der persönlichen Identität ist, und zwar unabhängig davon, ob die betreffende Person sich dessen bewusst ist oder nicht. Es ist für niemanden und in praktisch keiner konkreten Situation „egal“, ein Mann oder eine Frau, Schwarz oder weiß zu sein, weil die gesamte Kulturproduktion von diesen Differenzierungen durchzogen ist.

Die dritte Gemeinsamkeit ist, dass die anhand von Geschlecht oder „Race“ vorgenommenen Differenzierungen eine Hierarchie definieren, also das eine als Norm und das andere als Abweichung gesetzt wird, und dass damit Herrschaftsverhältnisse, Privilegien und Diskriminierungen, verbunden sind. Eine vierte Gemeinsamkeit ist, dass beides  sich vor allem an Äußerlichkeiten festmacht: Kleidung, Sprechweise, Haare, Körperhaltung und so weiter. Fünftens wird die Zugehörigkeit in beiden Fällen von klein auf eingeübt und anerzogen. Menschen werden von Geburt an ständig darauf „trainiert“, männlich oder weiblich, Schwarz oder weiß zu sein und sich entsprechend zu verhalten. Und sechstens können beide Kategorien individuell bis zu einem gewissen Grad überschritten werden:  Es ist möglich, dass Menschen, die bei Geburt als weiblich oder männlich, Schwarz oder weiß „gelabelt“ wurden, durch bestimmte Maßnahmen (chirurgischer und_oder performativer Art) als Zugehörige der jeweils anderen Kategorie „durchgehen“.

Weshalb ist also das Zurückweisen der geschlechtlichen Zuordnung bei der Geburt okay, und zwar in beide Richtungen (männlich zu weiblich und weiblich zu männlich)? Und sowohl in Form von Transsexualität (also als Bekenntnis dazu, dass das eigene Geschlecht real ein anderes ist als es körperlicherweise den Anschein hatte) als auch in Form von „Transgender“ (also als persönliche Wahl der eigenen Geschlechtsidentität aufgrund von subjektiven Vorlieben oder als Ausdruck eines politischen Aktivismus), ganz abgesehen von der Möglichkeit, keinem Geschlecht eindeutig anzugehören (oder anzugehören wollen)? Und auch zu jedem Zeitpunkt des Lebens, unabhängig davon, was man bis dahin erlebt oder „performt“ hat oder wie man sozialisiert wurde? Wohingegen die Behauptung, „Schwarz“ zu sein, wenn man ausschließlich weiße Vorfahren hat und weiß sozialisiert wurde, nicht okay ist?

Ich glaube, das liegt daran, dass es trotz aller Gemeinsamkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen den Kategorien „Geschlecht“ und „Race“ gibt, der aber entscheidend ist: Geschlecht gibt es wirklich, auch unabhängig davon, was kulturell diesbezüglich verhandelt und eingeübt wurde, „Rasse“ hingegen nicht.

Die Geschlechterdifferenz hat als Wurzel eine reale Notwendigkeit, nämlich die, das Zusammenleben zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu regeln. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das zu tun, und jede konkret existierende Ausformung von Geschlechterdifferenzen ist kulturell hervorgebracht. Aber es ist keine Gesellschaft denkbar, in der dieser Unterschied überhaupt keine Rolle spielt (jedenfalls nicht hier und heute, vielleicht irgendwann einmal, wenn Kinder nicht mehr von schwangeren Menschen ausgetragen und geboren werden, sondern eine technologische Reproduktionsmethode erfunden und etabliert wurde).

Hingegen gibt es keinerlei reale Notwendigkeit, Menschen verschiedener Hautfarben zu unterscheiden. Eine Gesellschaft, in der es keine „Rassenunterschiede“ gibt, ist sehr leicht vorstellbar. „Rassentheorien“ sind immer die Folge von Herrschaftsverhältnissen, sie dienen ausschließlich deren Legitimation, sie haben keinen anderen Sinn und Zweck. Und es gibt ja auf der Welt auch zahlreiche Kulturen, in denen keine „Rassenunterschiede“ gemacht werden.

„Geschlechtertheorien“ dienen zwar ebenfalls sehr häufig der Legitimation von Herrschaftsverhältnissen, aber das ist nicht ihr einziger und ausschließlicher Sinn. „Monogeschlechtliche“ menschliche Gesellschaften gibt es nicht, alle Kulturen finden irgendeinen Umgang mit dem Fakt, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht. Auch wenn dieser Umgang natürlich nicht immer die heteronormative Zweigeschlechtlichkeit ist, mit der wir es heute zu tun haben. Matriarchatsforscherinnen gehen zum Beispiel – mit Argumenten, die mich durchaus überzeugen, auch wenn ich das nur laienhaft beurteilen kann – davon aus, dass es Gesellschaften gibt oder gab, in denen die Geschlechterdifferenz nicht herrschaftsförmig geregelt ist.

Vielleicht lässt es sich so sagen: Zwischen Herrschaftsverhältnissen und Geschlechtern gibt es eine Wechselwirkung – die Geschlechterdifferenz bringt (oft, aber nicht immer) Herrschaftsverhältnisse hervor, zum Beispiel weil Menschen, die schwanger werden und Kinder gebären, aufgrund der damit verbundenen körperlichen Belastung weniger Möglichkeiten haben, sich in Arbeitsprozesse einzubringen oder individuelle Projekte zu verfolgen, was ihnen, wenn keine kulturellen Gegenmaßnahmen existieren, faktische Nachteile bringt. Gleichzeitig äußern sich etablierte Herrschaftsverhältnisse häufig in diskriminierenden Geschlechterarrangements – die Kausalität funktioniert also sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, und meistens ist beides der Fall.

In Bezug auf „Race“ ist der Zusammenhang zur Herrschaft hingegen nicht wechselseitig, sondern eine Einbahnstraße: „Rassentheorien“ sind immer eine Folge von Herrschaft, sie dienen ausschließlich ihrer Legitimation und Stabilisierung. Die bloße Existenz von unterschiedlichen Hautfarben kann ja selbst überhaupt keine Herrschaftsverhältnisse begründen, weil die Farbe der Haut (anders als Schwangerschaften und Geburten) keinerlei unterschiedliche Möglichkeiten und Lebensbedingungen konstituiert. Es muss also bereits Herrschaftsverhältnisse geben, bevor die Hautfarbe eine relevante Kategorie werden kann.

Damit zusammen hängt ein weiterer Unterschied, nämlich der, dass die Geschlechterdifferenz von ihrem Ursprung her keine Differenz der fließenden Übergänge ist. Schwangerwerdenkönnen oder nicht ist eine Ja-Nein-Unterscheidung, es gibt da keine Zwischentöne. Möglicherweise ist nicht bei jeder Person bekannt, ob sie schwanger werden kann, und nicht jede Person, die schwanger werden kann, realisiert diese Möglichkeit auch. Aber das ändert nichts daran, dass die Unterscheidung für sich genommen logisch eine Ja-Nein-Unterscheidung ist. Lediglich die kulturellen Ausformungen der Geschlechterdifferenz umreißen dann ein Kontinuum, das nicht nur Ja und Nein kennt, sondern auch noch jede Menge dazwischen: Kleiderordnungen, Zuschreibungen aller Art und so weiter.

Bei „Race“ ist das anders: Es gibt in Bezug auf Hautfarben kein Schwarz und Weiß, sondern nur ein Mehr- oder-weniger Pigmentiert. Die Differenz der Hautfarben ist also für sich genommen eine quantitative, die erst durch Politiken (wie etwa die “One-Drop-Rule” in den USA) künstlich zu einer qualitativen gemacht wurde. Während die Unterscheidung nach Schwangerwerdenkönnen zunächst eine qualitative ist, und erst durch kulturelle Überformungen auch eine quantitative wird.

Um nun wieder zu der eingangs gestellten Frage zurückzukommen, warum Transsexualität, Transgender und Genderfluid legitime Positionen sind, das Vorgeben einer Schwarzen Identität vonseiten einer weißen Person hingegen nicht. Mit „legitim“ meine ich hier, dass damit individuelle Freiheitsrechte berührt sind, aber auch, dass diesen Handlungen das Potenzial inhärent ist, Herrschaftsverhältnisse aufzulösen und zu untergraben.

Da es unmöglich ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die keine Geschlechterdifferenzen kennt, ist es für ein gutes Leben aller Menschen unabdingbar, den Einzelnen jede nur denkbare größtmögliche Freiheit im Umgang mit ihrer Geschlechteridentität zu ermöglichen. Jede Infragestellung der angeblichen „Natürlichkeit“ von real existierenden Geschlechterkonstrukten, welcher Art auch immer (auch so „unfeministische“ wie das Posen von ehemals männlich gelesenen Personen mit Highheels und Minirock), ist nicht nur in Bezug auf die persönlichen Freiheitsrechte der Betreffenden legitim, sondern auch gesamtgesellschaftlich wertvoll, weil es uns vor Augen führt, wo wir uns überall in Klischees und Vorurteilen über „Frauen“ und „Männer“ eingerichtet haben und darüber unsere eigentliche Aufgabe vernachlässigen: nämlich die herrschaftsfreie Regelung des Zusammenlebens von Menschen, die schwanger werden können und solchen, die es nicht können.

Und wer wollte bestreiten, dass es da auch heute noch so manches zu regeln gäbe! Gerade weil die Geschlechterdifferenz nicht einfach nur aus Jux und Dollerei konstruiert ist, sondern ihr eine reale Notwendigkeit zugrunde liegt, ist es unabdingbar, sämtliche damit zusammenhängenden vermeintlichen Gewissheiten immer wieder in Frage zu stellen, sie zu überschreiten und neu mit der Geschlechterdifferenz zu experimentieren. Und möglicherweise ist es heute tatsächlich so, dass die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur noch bedingt oder überhaupt nicht mehr brauchbar sind, um über das zu sprechen, was mit Schwangerwerdenkönnen und nicht Schwangerwerdenkönnen zu tun hat. Weil sich die kulturellen Muster im Bezug auf die Geschlechter „Frau“ und „Mann“ von dieser eigentlichen Fragestellung inzwischen vollkommen verselbständigt haben. Ich bin mir dessen nicht so sicher, aber wenn es so wäre, dann müssten wir uns eben etwas Neues einfallen lassen.

Eine weiße Person, die sich als „Schwarz“ ausgibt, stellt freilich ebenfalls eine Konstruiertheit zu Schau, in dem Fall die von „Race“, aber hier ist diese Selbstrepräsentation, anders als bei Transfrauen, banal, weil „Race“ eben gar nichts anderes als konstruiert ist. Es gibt nicht die Möglichkeit, in einer „falschen“ Hautfarbe geboren zu sein, weil die Hautfarbe für sich genommen vollkommen irrelevant für das menschliche Zusammenleben ist. Relevant ist die Hautfarbe einzig und allein als Ausdruck von Herrschaftsverhältnissen beziehungsweise als ein politischer Kampf dagegen. Und deshalb ist es völlig legitim, wenn Menschen, die aufgrund dieses Merkmals diskriminiert werden, versuchen, als „Weiße“ durchzugehen, aber eben nicht andersrum. Denn die Leugnung des eigenen Standorts als Weiße ist dann immer auch eine Leugnung der eigenen Verantwortung als Weiße.

Okay, soweit erstmal meine Gedanken, die sicher noch unfertig sind. Therefore: discuss!