Was verlorengeht, wenn das Internet normal wird

Wenn ich Freundinnen, die nicht dort sind, in den vergangenen Jahren von Twitter und von Facebook erzählt habe und davon, warum ich dort so gerne bin, habe ich immer gesagt, dass man dort interessante Leute treffen kann, außerhalb der eigenen „Filterbubble“. Andere Strömungen des Feminismus zum Beispiel. Leute mit anderen Interessen, aus anderen Szenen, mit anderen Zugängen zu Themen, aus anderen Kulturen. Dass die Hürden, mit „anderen“ in Kontakt und Austausch zu kommen, nicht so hoch sind wie im Meatspace.

Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das noch stimmt. Ich beobachte in letzter Zeit, dass sich die Szenen wieder mehr separieren. Das ist ja auch schon verschiedentlich von anderen diskutiert worden – ich habe mir die Links nicht gemerkt, aber das Thema ist jedenfalls schon länger virulent: Dass sich um Blogs engere Communities bilden, dass der Austausch doch wieder mehr unter „Gleichgesinnten“ geschieht, dass sich die Kommunikation ausdifferenziert, dass das Interesse an „anderen“, die Bereitschaft, sich auf deren Sichtweisen einzulassen, und das Interesse für das, was sie zu sagen haben, nachlässt.

Ich bedaure das, aber ich glaube, es ist einfach eine Konsequenz davon, dass das Internet und vor allem die sozialen Medien normaler werden.

Als ich mich Anfang 2009 auf Twitter und Facebook anmeldete, kannte ich da praktisch niemanden. Ich war neugierig, suchte Anschluss an Debatten und Szenen, und lernte ziemlich schnell interessante Leute kennen – Leute, die ich außerhalb des Internet vermutlich nie kennengelernt hätte. Eine kleine Gemeinsamkeit (wie zum Beispiel „Feministin sein“) genügte schon, um das Interesse aneinander zu wecken und einen Austausch in Gang zu bringen.

Wer sich heute auf Facebook anmeldet – und eingeschränkt stimmt das, glaube ich, auch für Twitter und andere Plattformen – trifft da hingegen gleich einen ganzen Haufen von Leuten aus dem eigenen Leben, aus der eigenen politischen Szene, aus dem eigenen Arbeitsumfeld. Die Notwendigkeit, sich auf die Suche nach „anderen“ zu machen, ist nicht mehr gegeben. Und entsprechend geringer ist auch die Bereitschaft, Leuten, die nicht genau auf die eigene Linie passen, überhaupt großartig Aufmerksamkeit zu widmen oder gar Kompromisse zu machen.

Ich merke das an mir selber: War es 2009 noch so, dass es fast keine Überschneidungen gab zwischen den Menschen, mit denen ich außerhalb des Internet zu tun hatte, und denen, mit denen ich im Internet kommunizierte, so sind die Mehrheitsverhältnisse inzwischen ganz anders. Vor allem wenn ich Facebook aufmache, sind da heute dieselben Leute, die ich auch treffe, wenn ich ins Büro gehe oder auf ein Treffen mit meinen feministischen Freundinnen. Aber auch auf Twitter sind inzwischen viel mehr aus meinen „Szenen“ – es sind zwar immer noch die meisten Menschen, die ich kenne, nicht auf Twitter, aber inzwischen sind genügend Menschen dort, die die meisten Dinge so ähnlich sehen wie ich, die in ähnlichen Kontexten zuhause sind und so weiter.

Und einerseits freut mich das, ich habe ja selber dauernd mir den Mund fusselig geredet, dass sie doch bitte hierherkommen sollen. Aber andererseits ist es eben auch schade.

Ich selber habe eine ganze Reihe von Blogs inzwischen wieder aus meinem Feedreader geschmissen, weil sie thematisch zu weit von meinem Interesse weg sind oder weil ich keine Geduld mehr habe, mich auf Standpunkte einzulassen, die ich kritisch sehe – es sind eben heute genügend andere Blogs da, die mir näher liegen. Hätte ich 2009 meine Internetlektüre so rigide ausgewählt, wie ich es heute tue, hätte ich nicht viel zum Lesen gehabt.

Vermutlich ist diese Entwicklung unausweichlich – das Internet ist ja letztlich nur ein Medium, und Medien nutzen wir, um mit Menschen zu kommunizieren, mit denen wir kommunizieren wollen. Außer eben wenn ein Medium sehr neu ist, dann nimmt man, wen man kriegen kann.

Die frühen Jahre der sozialen Medien waren wohl eine außergewöhnliche Sondersituation: Da trafen sich Menschen, die Lust hatten auf dieses Medium, das Medium als solches war schon etwas Verbindendes. Man kommunizierte mit denen, die eben da waren, mit anderen ging es ja nicht. Daher kam diese anfängliche Offenheit, diese szeneübergreifenden Kontakte und Beziehungen. Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich das miterlebt habe, denn manche, nein: viele dieser Menschen sind mir inzwischen sehr wichtig geworden, und ich glaube (hoffe jedenfalls), dass ein Großteil dieser Beziehungen auch über die Normalisierung des Internet hinaus erhalten bleiben.

Aber ich vermute, dass da nicht viele mehr dazukommen werden. Das Internet sortiert sich gerade, we are going back to normal. Und das finde ich durchaus schade, aber ich fürchte, es ist nicht zu ändern. Ich habe mir allerdings vorgenommen, diesen Spirit aus der Erinnerung an „damals“ noch so lange wie möglich am Leben zu halten.

Besondere Umstände megaXtreme und mit Gast

Schon vor genau einer Woche haben Benni und ich wieder gepodcastet, diesmal unter besonders Besonderen Umständen, nämlich mit Gast: @communeva war zu Besuch. Deshalb wurde die Folge auch MegaXtreme – knapp über zwei Stunden! Leider war unser Host podcaster.de kaputt, weshalb wir die Folge erst gestern hochladen konnten. Unsere Themen diesmal: Sexualität, Gaza, Irrationalität (ja, merkwürdige Mischung).

Weil auch die Blogseite von podcaster nicht richtig funktioniert, insbesondere nicht das Zurückspringen in ältere Folgen, habe ich dazu mal eine Übersicht angelegt. Just in case…

Nun viel Spaß beim Zuhören!

Freiheit unterm Schleier? Hm, so eher nicht

Mit dem muslimischen Kopftuch geht es mir ein bisschen wie mit der Prostitution: Ich bin unbedingt dagegen, es zu verbieten oder Frauen, die sich dafür entscheiden, zu stigmatisieren, zu diskriminieren oder für willenlose Opfer zu halten. Aber ich bin gleichzeitig der Ansicht, dass es sich dabei um eine Praxis handelt, die nur innerhalb von patriarchalen Kulturen Sinn ergibt und die ich daher nicht wirklich gut finden kann.

Leider ist aber auch beim „Kopftuchthema“ die Debatte völlig verengt auf die Frage, ob und wie es gesetzlich geregelt gehört. Auf der Contra-Seite werden die unterschiedlichsten und oft abenteuerliche Dinge hineininterpretiert, die Pro-Seite beschränkt sich meistens darauf, es zu einer individuellen Angelegenheit der betreffenden Frauen zu erklären, die niemanden sonst etwas angehe. Mit beidem bin ich nicht einverstanden.

Ich bin der Ansicht, dass eine Debatte über dieses Thema nur möglich ist, indem man die Gründe und Argumente von Frauen, die das Kopftuch tragen, hört und ernst nimmt. Ich bin aber auch der Ansicht, dass ein solches sichtbares Symbol, das die Erscheinungsweise von Frauen in der Öffentlichkeit prägt  – und es gibt ja in Deutschland schon längst mehr nur als eine Handvoll von Kopftuchträgerinnen – nicht einfach nur Privatsache ist, sondern etwas, das uns alle betrifft. Zumindest betrifft es auch mich, die ich ja auch eine Frau bin.

Natürlich gibt es unzählige unterschiedliche Gründe, warum eine Frau das muslimische Kopftuch trägt (es gibt ja auch andere Kopftücher). Manche tun es aus Tradition oder Gewohnheit, manche als sichtbares Zeichen ihrer Frömmigkeit oder ihrer Zugehörigkeit zum Islam, manche vielleicht auch einfach nur als Mode oder um ihre Eltern zu ärgern oder um ihren Eltern einen Gefallen zu tun.

Eine feministische Aktivistin hat mal gesagt, sie trägt es, um keine Zweifel daran aufkommen zu lassen, dass sie eine lupenreine Muslimin ist, aber sie trägt es auf eine untypische Weise, um gleichzeitig deutlich zu machen, dass sie sich nicht der üblichen patriachalen Tradition ihrer Religion verpflichtet fühlt, was eine Begründung war, die mir besonders gut gefiel.

Das alles sind aber sozusagen, wie man auf philosophisch sagen würde, „kontingente“ Gründe, das heißt, sie hängen nicht wesentlich mit dem Kopftuch zusammen, sondern sind dem Zufall der historischen oder persönliche Umstände geschuldet. Das bedeutet nicht, dass sie unwichtig sind, ganz im Gegenteil, das Kontingente ist meist viel wichtiger als Prinzipien oder Theorien. Aber an dieser Stelle interessiert es mich mal nicht.

schleierWas soll also das Kopftuch, eigentlich? „Unter dem Schleier die Freiheit. Was der Islam zu einem wirklich emanzipierten Frauenbild beitragen kann“ – unter diesem Titel hat Khola Maryam Hübsch jetzt eine Antwort auf diese Frage versucht. Und mit dieser Antwort möchte ich mich hier auseinandersetzen, weil ich mit ihr nicht einverstanden bin.

Wobei ich vorausschicken muss, dass ich mit dem Allermeisten, was sie schreibt, durchaus einverstanden bin. Ein großer Teil des Buches besteht in der Zurückweisung unangemessener und klischeehafter Zuschreibungen an das Kopftuch und aus einem Plädoyer gegen jegliche Verbote, und das sehe ich alles, wie gesagt, ganz genauso.

Der zweite Argumentationsstrang handelt von der Liebe, und zwar von der heterosexuellen Ehe zwischen einer Frau und einem Mann. Ihre Kritik wendet sich, wenig überraschend, gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers, gegen die romantischen Liebesklischees, die allzu oft ins Unglück führen und dergleichen. Ihre Hauptreferenz ist dabei die Studie „Warum Liebe wehtut” von Eva Illouz, über die ich ja auch schon gebloggt habe. Auch dieser Analyse kann ich weitgehend zustimmen, das ist alles nicht schön.

Aber. Ist das Kopftuch, beziehungsweise die Art von Geschlechterbeziehungen, für die es (laut Hübsch) im Islam steht, eine Lösung für all das? Ein Wort, das sie in dem Zusammenhang oft verwendet, ist „reizarm“. Ihre Argumentation ist letztlich: Eine Kleidung, die den Körper „reizarm“ verhüllt, bewirkt, dass Männer und Frauen füreinander sexuell nicht so anziehend sind, und das wiederum hat zur Folge, dass es weniger Fremdgehen und damit stabilere Ehen gibt, was das Leben für alle, die sich dauerhafte Paarbeziehungen wünschen, leichter macht. Wobei Hübsch betont, dass „Reizarmut“ ein Gebot für Frauen und für Männer sei.

Mal ganz abgesehen davon, dass Homosexualität in diesem Modell als Möglichkeit gar nicht vorkommt, bezweifle ich sehr, dass das so funktioniert. Ich selbst habe einige Erfahrung mit „reizarmer“ Kleidung, sie ist nämlich das, was ich schon immer trage. „Sexy“ kommt in meinem Kleiderschrank nicht vor – aber das hat keineswegs verhindert, dass ich mich permanent in jemanden verliebt habe und alle möglichen Leute sich in mich verliebt haben.

Möglicherweise hat die Art der Kleidung eine Auswirkung auf spontane körperliche Geilheitsanfälle, aber das, was für monogame Beziehungen die viel größere „Gefahr“ ist (wenn man dem Konzept denn mal folgen will), nämlich die Attraktivität einer Person, das Interesse an jemand, das Herzklopfen macht und den Wunsch hervorruft, diese Person wiederzusehen und Zeit mit ihr zu verbringen, das ist von „reizhafter“ Kleidung meiner Erfahrung nach ziemlich unabhängig.

Deshalb zweifle ich auch an Hübschs These, dass gerade das „Kopftuch“ – nicht als isoliertes Kleidungsstück sondern als Ausdruck von „reizarmer“ Kleidung generell – den Nutzen hat, öffentliches Wirken von Frauen leichter zu ermöglichen, weil es sozusagen verhindert, dass sich das öffentliche Wirken mit emotionalem und potenziell ehezerstörendem Beziehungskuddelmuddel vermengt.

Meine Gegenthese gegen diese Begründung für das Kopftuch wäre: Überall dort, wo Frauen mit Männern zusammentreffen (und, im Fall dass sie lesbisch sind, auch dort, wo sie mit Frauen zusammentreffen), besteht die „Gefahr“, dass sie diese anderen Männer_Frauen attraktiv und interessant finden oder von diesen attraktiv und interessant gefunden werden. Kein Kopftuch der Welt kann diese „Gefahr“ auch nur um ein Minimum reduzieren. Mit dieser „Gefahr“ müssen wir alle – als Gesellschaft und als Einzelne – umgehen.

Dafür gibt es ja unendlich viele Möglichkeiten, von innerer Entschlossenheit aus dem festen Wille zu unbedingter „Treue“ auf der einen Seite bis hin zur gänzlichen Verabschiedung der Monogamie auf der anderen. Aber irgendwo auf dieser Skala müssen wir uns ansiedeln – jedenfalls alle diejenigen von uns, die draußen in der Welt aktiv sind und dort mit anderen Menschen als unserem Ehemann oder unserer Ehefrau zu tun haben oder (möglicherweise sogar eng) zusammenarbeiten.

Die einzige Möglichkeit, dieser Problematik aus dem Weg zu gehen, ist es, gar keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Menschen zu haben. Oder, wenn man in Hübschs strikt heterosexuellem Kosmos bleibt: Keine außerehelichen Beziehungen zu anderen Männern. Und leider ist das ja eine Interpretation, die dem real existierenden Islam nicht ganz fremd ist.

Natürlich grenzt sich Hübsch von solchen frauenfeindlichen Ideologien klar ab. Aber sie selbst schreibt auch nichts über das öffentliche Wirken von Frauen. Unter weiblicher Freiheit scheint sie nur die Freiheit zu verstehen, einen guten Mann zu finden und mit ihm eine stabile dauerhafte Ehe zu führen. Und das Kopftuch soll dabei helfen, weil es (angeblich) verhindert, dass andere Männer sie attraktiv finden.

Aber eine Frau, die klug und stark in der Welt wirkt, ist nunmal attraktiv. Auch wenn sie ein Kopftuch trägt. Let’s deal with that.

Khola Maryam Hübsch: Unter dem Schleier die Freiheit. Patmos 2014, 192 Seiten, 16,99 Euro.

Drei Gedanken zur autoritären NS-Erziehung

Heute morgen habe ich auf Facebook diesen Artikel geteilt über den Anteil, den autoritäre Erziehung an den Kindheitstraumata der heute älteren Generation hat. Daraus ergab sich eine rege Debatte, die bei mir drei Gedanken aufkommen ließ, die ich hier im Blog gerne festhalten möchte.

Erstens die Frage nach der Besonderheit nationalsozialistischer Erziehungsmethoden. Viele weisen in diesem Diskussionsstrang darauf hin, dass nicht nur nach NS-Ideologie, sondern auch schon viel früher und noch viel länger solche “schwarze Pädagogik” praktiziert wurde, andere meinen, dass das im NS eine besondere Ausprägung hatte. Sicher ist an beidem was Wahres dran, ich glaube aber, dass die NS-Ideologie der Pädagogik doch noch einmal eine andere Qualität hatte als “nur” die bürgerlich-patriarchale. Was meint Ihr?

Zweitens die Erkenntnis, wie fatal es ist, Kindererziehungsmethoden für Privatsache zu halten. Vorstellungen über die Rolle von Müttern und Vätern und pädagogische Ratgeberbücher wie das von Johanna Haarer konnten ja nur deshalb weit über 1946 hinaus noch aufgelegt und verbreitet werden, weil man das für unpolitisch hielt.

Drittens wieder eine Frage: Im (auch feministischen) Diskurs über Mutterschaft in Deutschland wird ja häufig eine Linie gezogen von der “deutschen Mutter” damals hin zu der Tendenz, dass junge Mütter heute in Deutschland weniger als die in anderen Ländern den Drang zu haben scheinen, gleich nach der Geburt wieder erwerbstätig zu sein. Jetzt frage ich mich aber, ob das wirklich eine Kontinuität ist. Denn – und vielleicht ebenfalls im Unterschied zu anderen Kulturen – scheinen mir heutzutage Mütter in Deutschland (und auch Väter, die sich an der Kindererziehung beteiligen) besonders viel Wert darauf zu legen, den Kindern viel Liebe und Freiraum und Verständnis zu geben. Ist das vielleicht sogar eine Gegenreaktion auf damals? (Hat Barbara Vinken in ihrem Buch über “Die deutsche Mutter” was dazu geschrieben?) Gerade auch im Zusammenhang mit der auffallenden Korrelation in Europa zwischen niedrigen Geburtenraten und faschistischer Vergangenheit finde ich das interessant.

Neonorangener Feminismus

Wenn ich ein Buch empfehle, das weitgehend im generischen Maskulinum geschrieben ist, das gleich am Anfang behauptet, Feminismus bedeute, dass Frauen die gleichen Rechte haben wollen wie Männer, das mit der Aufforderung “Geh wählen!” endet und “Das Spiel von Eis und Feuer” als Roman für das feministische Herz anpreist – dann wundert Ihr euch wahrscheinlich.

Trotzdem finde ich das Feminismusbuch von Julia Korbik “Stand Up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene” nicht schlecht. Mir wurden zwar beim Lesen meine nun fast fünfzig Jahre ziemlich bewusst, und das eben nicht nur weil die blassgraue Schrift für meine inzwischen gleitsichtbebrillten Augen etwas mühsam war, sondern auch weil die alte Besserwisserin in mir immer mal wieder die Hände über dem Kopf zusammenschlug.

Aber vor allem für zwei Zielgruppen ist das Buch wirklich ein Tipp.

korbikErstens mal für jüngere Frauen und Männer, die eine handliche Einführung haben wollen, sowohl in die Geschichte der Frauenbewegung, über die verschiedenen Ideen und Ansätze der einschlägigen “Grande Dames” und über alles, was derzeit dazu so diskutiert wird.

Das Buch ist aber auch noch für eine zweite Zielgruppe sehr interessant, und zwar für die älteren Feministinnen, die sich immer fragen, wo denn “die jungen Frauen” feministisch so stehen und was sie umtreibt.

Julia Korbik bildet nämlich sehr ausführlich die feministischen Netzdebatten der vergangenen zwei, drei, vier Jahre ab, inklusive Vorstellung einiger Akteurinnen, ihrer Blogs. Alle, die sich darüber mal schnell schlau machen wollen, ohne tagelang das Internet zu durchforsten, sind mit dem Buch ebenfalls bestens bedient.

Insofern ist es auch ein gutes Geschenk: Für eure Töchter, Enkelinnen, Nichten oder auch für eure örtliche Frauenbeauftragte.

Julia Korbik: Stand Up. Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene, Rogner und Bernhard, 415 Seiten, 22,95 Euro.

„Kämpfen ohne zu hassen, Auflösen ohne zu zerstören“

Ohnmachts-Erfahrungen gibt es im Bereich des Politischen viele. Oft scheint es, als müssten wir uns damit abfinden, dass es Kriege gibt, dass die Umwelt zerstört wird, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, die Geheimdienste uns alle ausspähen und so weiter.

Diese Diagnose, dass Politik zunehmend ohnmächtig erscheint, war bereits Ausgangspunkt für das Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“, in dem die Autorinnen ausloten, wie eine Politik, die nicht auf instrumentelle Macht setzt, vielleicht aus dieser Ohnmacht herauskommen könnte. Eine von ihnen, Luisa Muraro, wendet sich nun in einem kleinen Büchlein einem weiteren Aspekt zu, und zwar der Frage nach der Gewalt. Angelika Dickmann und Gisela Jürgens haben es unter dem Titel „Stärke und Gewalt“ ins Deutsche übersetzt.

buecher92Den Kerngedanken von „Dio è violent“ (wie der Originaltitel lautet) hat Dorothee Markert in ihrer Rezension so zusammengefasst: „Wenn wir von vornherein und grundsätzlich die Möglichkeit ausschließen, bei unserem Handeln auch einmal die Grenze zur Gewalt zu überschreiten, dann nehmen wir uns selbst Stärke, verzichten auf die volle Kraft, die wir eigentlich zur Verfügung hätten.“ Ich empfehle euch, ihren Artikel ganz zu lesen!

Die Gewaltfrage ist ja für sozialrevolutionäre Bewegungen nichts Neues, aber normalerweise geht es vor allem um Aspekte der Moralität („Darf man Gewalt anwenden oder nicht?“) oder der Effektivität („Nützt Gewalt der guten Sache oder ist sie kontraproduktiv?“).

Muraro hingegen interessiert die Frage der inneren Haltung im Zusammenhang mit der politischen Erzählung des „Gesellschaftsvertrags“, der die Grundlage westlicher Demokratien und Staatsverständnisse ausmacht. Dieser Erzählung zufolge haben die Einzelnen auf ihr Recht der Gewaltanwendung verzichtet und das Gewaltmonopol dem Staat übertragen, weil sie vernünftigerweise eingesehen haben, dass das Leben für alle unterm Strich dann besser ist.

Muraro vertritt nun die Ansicht, dass dieser Gesellschaftsvertrag aufgekündigt wurde, dass diese Erzählung tot ist, dass dieses Prinzip nicht mehr funktioniert, und dass das formale Weiterbestehen dieser Übereinkunft inzwischen mehr Schaden anrichtet als positiv auf das Zusammenleben der Menschen einzuwirken. Und dass es deshalb notwendig ist, die Gewaltfrage wieder auf den Tisch zu bringen. Denn für einen ganz normalen Menschen stelle sich die Situation derzeit so dar:

„Dies ist die wahre Substanz des stillschweigenden und alltäglichen Gesellschaftsvertrags: sich mit den Nächsten zu vertragen, die Gesetze zu berücksichtigen und denen zu vertrauen, die öffentlich Verantwortung übernommen haben. Um im Gegenzug persönliche Würde im Kontext eines vernünftigen und friedlichen sozialen Lebens zuerkannt zu bekommen. Das geht so lange, bis  diese Person erfährt, dass in ihrem Auftrag Flugzeuge losgeschickt werden, die Bomben auf Häuser von ahnungslosen und unschuldigen Menschen werfen, Soldaten Gefangene quälen, Wissenschaftler immer mörderischere Apparate entwickeln, üppige Geschäfte gemacht werden mit dem Verkauf von ausgeklügelten Waffen an Länder, die nicht einmal genug Schulen und Krankenhäuser haben. Als ob das normal oder unausweichlich sei. Der Mensch, von dem ich spreche, kann an diesem Punkt protestieren, schweigen, erkranken. Er kann aber auch etwas anderes machen, das ich als Alternative vorschlage: Er kann seinen stillschweigenden Konsens mit der Ordnung, die das Zusammenleben reguliert, aufkündigen. Und sich in einem inneren Akt, der praktische Konsequenzen haben wird, sagen: Ich mache nicht mehr mit. Ich vertraue den Gesetzen und offiziellen Instanzen nicht mehr, ich hole mir die gesamte Verfügbarkeit über mich und meine Stärke zurück, ich selbst muss sie verwalten, egal wie groß oder klein sie ist, und ich gebe mir die Erlaubnis, sie zu gebrauchen.“ (25f).

Es waren vor allem zwei Ereignisse, die Muraro anregten, über das Thema nachzudenken: Die brutale Polizeigewalt gegen linke Aktivistinnen und Aktivisten beim G-8-Gipfel in Genua im Juni 2001 und die Anschläge in den USA am 11. September desselben Jahres und die darauf folgenden Anti-Terror-Maßnahmen, die – nicht nur in Guantanamo – sämtliche rechtsstaatlichen und völkerrechtlichen Prinzipien, die sich aus dem Gesellschaftsvertrags-Modell ergeben, untergruben. Heute könnte man sicherlich noch die NSA- und Überwachungs-Skandale nennen.

Wie können wir politisch handeln, wenn wir erkennen müssen, dass der Gesellschaftsvertrag, auf den sich moderne Demokratien stützen, nicht mehr gilt? Das ist für Muraro keine pessimistische Frage, denn sie zeigt, dass dieser Gesellschaftsvertrag ohnehin nie real war, sondern immer nur eine Erzählung der Moderne. Speziell für Frauen ist sein nun auch symbolisches Verschwinden umso leichter zu verwinden, als sie ja von Anfang an explizit davon ausgenommen waren: Der Gesellschaftsvertrag schützte immer nur (freie) Männer vor der Gewalt anderer Männer, aber zum Beispiel nicht die Frauen vor der Gewalt ihrer Ehemänner. Vergewaltigung in der Ehe etwa ist ja erst seit kurzem verboten, häusliche Gewalt erst ein politisches Thema, seit die Frauenbewegung in den 1970ern das zur Sprache brachte.

Die erste Einsicht, wenn man die Erzählung vom Gesellschaftsvertrag nicht mehr glaubt, lautet: Politisches Handeln, das wirksam sein will, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Staaten, also Polizei, Militär und Gerichte, letztlich dafür zuständig sind, die Dinge zu regeln, und dass es zur Erfüllung staatsbürgerlicher Pflichten also genügt, sich an politischen Prozessen wie etwa Wahlen zu beteiligen. Für „Verschwendung“ hält Muraro daher auch „die Sprache des Protests, der sich an die Regierenden wendet“, und der noch immer einen Großteil politischer Debatten – gerade der Linken und der Feministinnen – ausmacht (wie ein beliebiger Blick auf Twitter zeigt). Aber, so Muraro: „Die Parolen der Entrüstung sind erbärmlich (nicht der Protest, der damit einhergeht). Es fehlt gewiss nicht an Gründen, um sich zu entrüsten, aber es fehlt offensichtlich der Adressat: Es gibt keine politische Autorität mehr, die der Sache gewachsen ist.“ (S. 34)

Die klassische Strategie der Gewaltlosigkeit, die ja teilweise auch radikal staatskritisch ist, funktioniere heute nicht mehr, denn sie braucht ein Ideal, anhand dessen sich die Arroganz der Herrschenden vorführen lässt: Früher war das das Reich Gottes, später das Ideal des Fortschritts, der dafür sorgt, dass es allen immer besser geht. Solange ein solches Ideal wenigstens theoretisch angestrebt wird, lässt es sich auch als Argument gegen Verstöße dagegen verwenden, man kann den Herrschern ihre Gotteslästerlichkeit vorhalten oder den Regierenden ihre Verletzung des Gleichheitsprinzips. Doch inzwischen hat man sich von beidem verabschiedet, es gibt kein Ideal mehr, sondern die offizielle Politik hat dahingehend kapituliert, dass die Reichen und Starken sich das Beste aus der Welt rausholen auf Kosten aller anderen und sieht ihre Aufgabe nur noch darin, den Ablauf dieser Zwangsläufigkeit ein wenig milder zu gestalten. Aber, schreibt Muraro, „die Feststellung, dass wir nicht mehr vom Traum animiert sind, allen werde es besser gehen, ist ein Todesstoß für das Ideal der Gleichheit und die Politik der Rechte. Es gibt eine Gewalt in den Dingen und zwischen den Lebenden, die auf eine Rückkehr des Gesetzes des Stärkeren hindeutet: Darüber müssen wir nachdenken.“ (37)

Wenn aber das Gesetz des Stärkeren zurückkehrt – also die Welt des „Jeder gegen Jeden“, für das der Gesellschaftsvertrag durch die Einhegung individueller Gewalt eine Lösung versprochen hat – dann ist die Frage, wie wir, die wir für eine gerechtere und bessere Welt eintreten möchten, angesichts dieser Situation handeln sollen und können. Gisela Jürgens schreibt im Vorwort zur deutschen Ausgabe: „Deutlich wird stets, dass die einzige Macht, die wir haben, die ist, gegenwärtig zu sein und über die eigene Kraft zu verfügen. Frei über sie zu verfügen, darin liegt die Stärke.“

Dabei müssen wir uns natürlich klar machen, dass es einen fließenden Übergang gibt zwischen konsequentem Einsatz der mir zur Verfügung stehenden Kraft – und Gewalt. Es ist nicht möglich, eine klare Grenze zu ziehen, wie es Theorien der Gewaltfreiheit manchmal behaupten. Der zu suchende Maßstab, schlägt Muraro vor, liegt nicht darin, ob Gewalt angewendet wird oder nicht, sondern darin, ob das eigene Handeln – sei es nun gewaltsam oder nicht – richtig oder gerechtfertigt ist. „Richtig“ bezieht sich auf die angewandten Mittel im Sinne von Wirksamkeit (hat das, was ich tue, tatsächlich positive Auswirkungen oder schädliche?), das „Gerechtfertigt“ bezieht sich darauf, ob die angestrebten Ziele sinnvoll sind. Gesucht ist der Mittelweg zwischen einem zynischen „Der Zweck heiligt die Mittel“ und einem lähmenden „Ich darf nur tun, was gesetzlich erlaubt und gewaltfrei ist“.

Natürlich, und da haben diejenigen Recht, die für prinzipielle Gewaltfreiheit plädieren, ist der Einsatz von Gewalt sehr viel weniger wirksam als immer behauptet wird. Meistens erreicht man damit das Gegenteil von dem, was man wollte, und Nicht-Handeln (im Sinne von nicht Kollaborieren) ist fast immer der effektivere Weg. Die Frage, die Muraro aufwirft, ist aber diejenige, ob das wirklich prinzipiell, also ausnahmslos immer der Fall ist, oder ob es nicht manchmal doch eben Situationen gibt, in denen es anders ist.

Wir sind hier bei der Diskussion über „gerechten Krieg“, die inzwischen diskreditiert ist, weil wir das Mantra „gerechte Kriege gibt es nicht“ gelernt haben – aber leider nur, um uns daran zu gewöhnen, dass nützliche und „unvermeidliche“ Kriege inzwischen an der Tagesordnung sind. Es scheint, als ob niemand mehr die Frage danach, ob ein Krieg „gerecht“ ist, überhaupt stellt, weil Krieg inzwischen schlicht ein Fakt ist so wie Regen.

Muraro, die selbst nicht an Gott glaubt, zieht den Begriff „Gott“ heran, um eine gerechte Gewalt, so wie sie sie für nötig hält, zu beschreiben, und zwar, weil es notwendig ist, den Aspekt der Transzendenz hier zu berücksichtigen: „Es handelt sich darum, eine Gewalt zu denken, die nicht das Instrument von irgendjemandem ist, die sich das Recht nicht aneignen kann, indem es sie rechtfertigt, und die niemand sich aneignen kann.“ (40)

Ihr Punkt ist, dass es keine Definition dieser gerechten Gewalt geben kann, dass es sich hierbei vielmehr um Entscheidungen handelt, die einzelne Menschen in einer jeweils konkreten Situation treffen müssen, ohne sich dabei auf Regeln oder Gesetzmäßigkeiten berufen zu können, und bei denen sich immer erst im Nachhinein herausstellt, ob die Anwendung von Gewalt richtig und gerechtfertigt war. Ein krasses Beispiel, das sie hier anführt, sind die UN-Truppen in Srebrenica, die dabei zusahen, wie die Bevölkerung von serbischen Truppen massakriert wurde – obwohl sie zweifellos die nötige Stärke gehabt hätten, das zu verhindern.

Die Frage ist: Sind wir bereit, in einer gegebenen Situation die ganze notwendige Kraft und alle Stärke, die wir haben, einzusetzen? Oder schließen wir schon von vornherein ein bestimmtes Handeln aus? Im Prinzip ist der Rekurs auf Gewalt hier nur das Auf-die- Spitze-Treiben genau dieser Frage, denn „die ganze notwendige Kraft“ umfasst natürlich noch sehr viel mehr als den Einsatz von Gewalt. Zum Beispiel die Bereitschaft zu harten Auseinandersetzungen, oder dazu, sich unbeliebt zu machen, oder das entschlossene Eingreifen in Situationen, auch wenn mir persönlich daraus vielleicht Nachteile entstehen.

Der entscheidende Punkt, an dem sich Muraros Vorschlag andererseits von militanten Konzepten des politischen Kampfs unterscheidet, die den Einsatz von Gewalt rechtfertigen – sowohl auf Seiten von Staaten und Militärs als auch auf Seiten von „linken“ Bewegungen wie etwa der RAF – ist ihr kategorisches Beharren darauf, dass Gewalt niemals ein Mittel zum Zweck sein kann:

„Dass Gewalt ein Mittel ist (ein Mittel der Politik oder Justiz), welches sich auf die eine oder andere Art gebrauchen lässt, für oder gegen das Machtsystem, ist eine falsche und schädliche Annahme. Die Gewalt steht uns nicht zur Verfügung, eher umgekehrt. Wenn wir tiefer schauen, ist in der Gewalt der Ausdruck einer Potenz zu erkennen, welche die Menschen nicht kontrollieren; meist ist sie blind und destruktiv, doch manchmal, von Zeit zu Zeit, kann sie einen Sinn bekommen und sich denjenigen auferlegen, die einen Sinn für Gerechtigkeit haben, und so gerechte Gewalt werden. Auf jeden Fall ist es falsch zu glauben, mit der Gewalt alles tun zu können – sie gebrauchen oder darauf verzichten, als ob es den Menschen offen stünde, sie sinnvoll einzusetzen, und als ob es eine freie Option wäre, darauf zu verzichten, und nicht ein von außen auferlegter Zwang, der uns auch auf unsere Stärke verzichten lässt.“ (53f)

Wahrscheinlich ist dieser Punkt am Schwierigsten zu verstehen, aber er ist gleichzeitig meiner Meinung nach auch der wichtigste.

Nachgedacht werden müsse schließlich auch über die „Virilität“ von Gewalt und Krieg, also die Verwobenheit von beidem mit Männlichkeitskonzepten. Wir befinden uns schließlich genau im hundertsten Jahr nach Beginn des Ersten Weltkriegs, der für Muraro ein Wendepunkt in der menschlichen Geschichte mit Gewalt ist: Der Moment, in dem Gewalt massenhaft und maschinell wurde, und jener Krieg, in den hunderttausende junge Männer mit Begeisterung zogen, um zu zeigen, dass sie männlichen Geschlechts waren (und wobei viele Frauen sie aus denselben Gründen bejubelten, es geht hier nicht um moralische Schuldzuweisungen, sondern um eine Analyse).

In diese Rubrik gehören ebenso Traditionen der Linken, von anarchistischen Terroranschlägen bis zum heutigen „Schwarzen Block“, der für Muraro das „objektive Komplizentum, die perfekte Verkörperung des Kontinuums von privater Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt“ ist (S. 63). Alles drei – private Gewalt, Kriminalität und Staatsgewalt – bedingt und stabilisiert sich gegenseitig, und ist tief in Vorstellungen von Männlichkeit eingewoben (weshalb Muraro auch der Ansicht ist, dass die Neuthematisierung von Gewalt heute von Frauen ausgehen muss).

Es geht jedenfalls nicht um einen Appell zu mehr Mut und Heldentum im politischen Kampf, ganz und gar nicht. Es geht nicht darum, „stärker“ zu werden, sondern darum, ob ich meine vorhandene Stärke – wie klein auch immer sie sein mag – einsetze oder nicht. Gewalt ist kein Mittel, schreibt Muraro am Ende des Büchleins, sondern „eine Manifestation“. Der Idee, Gewaltausübung könne als kalkuliertes, instrumentelles Handeln verstanden werden, setzt sie eine andere Art entgegen, bei der die Gewalt eher „herausgelassen“ wird: „Wut, der Wutanfall, der die würdige und richtige Reaktion des Menschen auf einen Übergriff und auf arrogante Gewalt ist, egal, von wem sie ausgeht, Gott, Mann, Frau oder Dingen… Der Wutanfall bewirkt, dass wir uns hochschwingen auf die enorme Stärke dessen, was uns vernichten will, und so können die Energien erneut fließen.“ (66f)

Aber wie viel der in uns vorhandenen Gewalt sollen wir herauslassen? Muraro bringt das auf folgende Formel: „So viel wie nötig, um zu kämpfen, ohne zu hassen, so viel, wie gebraucht wird, Bestehendes aufzulösen, ohne zu zerstören.“ (78)

Luisa Muraro: Stärke und Gewalt. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim, 78 Seiten, 7,50 Euro.

“Frauensachen” sind nicht unbedingt Frauensache – zum Streit um Brandeins

Die Brandeins ist eine der wenigen Zeitschriften, die ich noch abonniert habe, und zwar, weil ich dort relativ viel Neues und Interessantes erfahre. Dass ich dort hauptsächlich Geschichten über Männer lese, daran habe ich mich schon gewöhnt. Ich bedaure es, aber was soll man machen, man kann ja nicht immer nur meckern, selbst als Feministin nicht.

Jetzt haben aber andere gemeckert – nachlesen könnt Ihr das bei Felix Schwenzel und bei Anne Schüßler – und Gabriele Fischer, die Chefredakteurin, hat dazu Stellung bezogen.

Nun könnte man sagen, gähn, immer dieselben Argumente. Aber ich habe noch eine andere Vermutung. Denn ich kann die Haltung von Gabriele Fischer recht gut nachvollziehen, und wir balancieren doch alle irgendwie auf diesem Grat entlang, entweder zu viel “Frauendings” zu machen und dann in der “allgemeinen” Debatte in die Frauenecke geschoben zu werden, oder uns in der “allgemeinen” Debatte einzumischen und uns dafür der männlichen Norm ein Stück weit anzupassen, um überhaupt ernst genommen zu werden. Noch immer gilt in vielen Universitätsfächern die Maxime: Wenn du schon deine Diss über “irgendwas mit Frauen” geschrieben hast, dann auf keinen Fall auch noch die Habil, wenn du jemals eine Professur (in einem anderen Feld als Gender Studies) haben willst.

Gabriele Fischer stellt in ihrem Statement heraus, wie viele Frauen bei Brandeins in verantwortlichen Positionen sind, nicht nur sie als Chefredakteurin, sondern auch viele andere. Und ich bin überzeugt davon, dass dies ein entscheidender Grund dafür ist, warum die Zeitschrift so gut ist, wie sie ist, und warum ich sie immer noch lese und interessanter finde als vieles andere.

Aber meine Vermutung ist auch schon lange, dass ein hoher Frauenanteil in Führungskreisen genau nicht dazu führt, dass Frauen und das, was sie tun, in den Fokus rücken, dass Frauen und ihre Initiativen und Perspektiven mehr wahrgenommen werden als anderswo. Sondern dass vielleicht gerade im Gegenteil diese Frauen aus einem vermutlich nicht wirklich bewussten, sondern unterschwelligen Anpassungsgestus heraus vermeiden möchten, zu sehr “Frauenkram” zu machen.

Diese Vermutung habe ich, seit ich vor einigen Jahren in der taz von einer Studie las, bei der herauskam, dass Theaterhäuser in den USA von Frauen eingereichte Stücke weniger oft berücksichtigen als von Männern eingereichte Stücke, und zwar vor allem dann, wenn sie von Frauen geleitet werden.

Dass jedenfalls Frauen in Führungspositionen automatisch mehr Aktivitäten anderer Frauen fördern als Männer in Führungspositionen – was ja ein wichtiges Argument bei Quotenforderungen ist – halte ich für mehr als fraglich. Zumindest in bestimmten Fällen kann es auch genau andersrum sein: Sei es eben, dass die Führungsfrauen ihre “Neutralität” unter Beweis zu stellen versuchen, indem sie garantiert keine Frauen bevorzugen, oder sei es, dass ein Unternehmen, eine Organisation, eine Redaktion mit vielen Frauen in der Führungsriege denkt, es sei gegen Männerdominanz ja sowieso gefeit und sich deshalb um das Thema auch nicht gesondert bemüht. Wohingegen in einem Unternehmen mit rein männlicher Führungsspitze inzwischen manchmal so etwas wie ein Peinlichkeits-Sensorium vorhanden ist, das dazu führt, dass man sich gezielt darum bemüht, die Perspektiven von Frauen einzubeziehen.

Wie auch immer, das Thema bleibt spannend, und wenn es stimmt, dass Gabriele Fischer durch diesen Konflikt jetzt für das Thema sensibilisiert wurde, bin ich schon gespannt auf die nächsten Hefte.