Verantwortlichkeiten

Ich möchte euch ein schönes Portrait über die feministische Theologin Amina Wadud empfehlen, die muslimische Frauen auffordert, der patriarchalen Interpretation des Islam deutlicher zu widersprechen. „We let patriarchy to take over“ kritisiert sie, das heißt, sie richtet sich mit ihrem Appell nicht an „die anderen“ (die Männer, das Patriarchat, die Typen vom Islamischen Staat) sondern an „uns“ – in diesem Fall die muslimischen Frauen – und fordert sie auf, Verantwortung für die Art und Weise zu übernehmen, wie sich der Islam derzeit entwickelt.

Ich poste das hier auch deshalb, weil mich einige Reaktionen auf meinen Blogpost zum Thema Rape Culture doch verwundert haben. Dort schrieb ich unter Bezug auf die Arbeiten von Mithu M. Sanyal, Frauen seien „mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht ‚performen‘ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff Rape Culture, also Vergewaltigungskultur zusammengefasst wird.“ Das wurde kritisiert mit dem Argument, damit würde ich Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld zuweisen, also letztlich Victim Blaming betreiben.

Es ist meines Erachtens ein echtes Problem bei vielen deutschen politischen Debatten, dass alles quasi innerhalb von Nanosekunden auf die Schuldfrage zugespitzt wird. Über Politik, so scheint es mir manchmal, können wir gar nicht anders als moralisch sprechen, also immer vor dem Hintergrund der Frage, wo Gut und Böse jeweils liegen und wer in den Himmel kommt und wer in die Hölle.

Es geht aber bei politischen Debatten nicht um moralische Schuld, sondern um Verantwortung. Gerade in Deutschland sollten wir angesichts der Notwendigkeit, den Nationalsozialismus aufzuarbeiten, eigentlich inzwischen gelernt haben, zwischen beidem einen Unterschied zu machen. Nicht persönlich an etwas „schuld“ zu sein, enthebt niemanden der Verantwortung.

Selbstverständlich ist keine Frau, die vergewaltigt wird, in irgendeiner Weise selbst daran „schuld“. Schuld ist immer zu 100 Prozent der Täter. Das festzustellen bedeutet aber nicht, dass Frauen in Bezug auf Vergewaltigungskultur generell keine Verantwortung tragen würden, dass es also für sie unmöglich wäre, diesbezüglich eine aktive Rolle einzunehmen. Und immer, wenn es jemandem möglich ist, aktiv etwas zu tun, lässt sich auch sinnvollerweise darüber diskutieren, ob das, was jemand tut, richtig oder falsch, sinnvoll oder sinnlos ist.

Frauen, die ihren Töchtern beibringen, sie müssten erstmal „Nein“ sagen, um sich bei Männer interessanter zu machen; Frauen, die sich sexualisiert aufbretzeln, nicht weil es ihnen so gefällt, sondern weil sie meinen, sie müssten das tun, um anerkannt zu sein; Frauen, die schweigend zuschauen, wie andere Frauen von Männern belästigt werden; Frauen, die als Mitarbeiterinnen von Werbeagenturen Kampagnen mit objektivizierten Frauenkörpern mittragen und so weiter und so weiter – sie alle aktiv zur Stabilisierung von Vergewaltigungskultur bei. Die Beispiele ließen sich natürlich vervielfachen.

Aber auch das festzustellen bedeutet nicht, dass alle Frauen, die sich so verhalten, auch in einem moralischen Sinne schuldig sind. Möglicherweise haben sie ja gute Gründe, die ihr Verhalten rechtfertigen. Oder sie befinden sich in einer Situation, in der sie keine anderen Möglichkeiten haben. Oder sie haben noch nie über das Thema nachgedacht. Es gibt hundert Gründe, die ihr Verhalten erklären, viele davon sind struktureller Natur und damit in der Logik individueller Schuld nicht hinreichend zu erfassen.

Die Frage nach der moralischen Schuld lässt sich sowieso immer nur im Einzelfall beantworten, niemals pauschal. Kriterium dafür ist, ob eine Person im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Richtige tut oder nicht. Normalerweise können das Außenstehende gar nicht beurteilen (weshalb ich es sinnvoll finde, dass in religiösen Kontexten diese Entscheidung „Gott“ überlassen wird, aber das nur nebenbei. Die Eliminierung der Kategorie „Gott“ aus dem politischen Diskurs ist meiner Meinung nach einer der Gründe für diese ständige Vermengung von moralischer Schuld und politischer Verantwortung).

Auch wenn wir uns also zurückhalten müssen, eine anderen Person im Einzelfall als moralisch schuldig zu verurteilen, weil wir die jeweiligen Umstände höchstwahrscheinlich nicht vollständig erfassen, so können wir uns aber durchaus mit solchen ethischen Fragen auf einer politischen Ebene auseinandersetzen. Dabei geht es aber eben nicht um Moral und Schuld, sondern um Verantwortlichkeit. Nicht nur die „Täter“ und „Mächtigen“ sind für ihr Handeln verantwortlich, nicht nur sie haben Handlungsspielräume – zum Glück, denn es ist keine aussichtsreiche politische Strategie, bloß Forderungen an „die da oben“ zu stellen. „Die da oben“ werden unseren Forderungen nicht nachkommen. Der politische Wandel geht, wenn überhaupt, dann von uns selber aus. Die interessante Frage ist deshalb: Was wollen_können_sollen wir tun? Und nicht: Was sollen wir von „denen da“ fordern?

„Niemand hat das Recht, zu gehorchen“, sagte Hannah Arendt. Ihre Kritik an den „Judenräten“, die als jüdische Autoritäten die Nazis bei der Organisation des Lebens in den Ghettos unterstützten (mit besten Absichten), hat ihr von jüdischer Seite ebenfalls den Vorwurf des „Victim Blaming“ eingebracht. Der Hinweis darauf, dass es kein Recht zu Gehorchen gibt, dass es also nicht erlaubt ist, den eigenen Konformismus damit zu rechtfertigen, dass irgendwelche Autoritäten das verlangt oder so vorgeschrieben haben, ist aber gerade auch für den Feminismus wichtig. Denn viele Frauen nutzen ihre Handlungsmöglichkeiten aufgrund von zu viel „Gehorsam“ nicht aus, sie scheuen Konflikte, legen Wert auf männliche Anerkennung, fokussieren sich ausschließlich auf ihr Privatleben und so weiter. Das lässt sich auf einer generellen Ebene durchaus als Problem feststellen, auch wenn es auf einer moralischen Ebene nicht möglich ist, in einem konkreten Fall von außen zu entscheiden, welche Handlungsmöglichkeiten eine konkrete Frau nun tatsächlich hat oder nicht.

Feminismus ist jedenfalls umso wirkungsvoller und interessanter, je mehr wir uns nicht in einer Politik der Forderungen verlaufen, sondern uns selbst und andere Frauen dazu anregen, etwas Sinnvolles zu tun. Wenn wir Praktiken erfinden, die uns (und vielleicht auch anderen) dabei helfen, angesichts der Verhältnisse verantwortlich zu handeln und uns für das einsetzen, was wir für richtig halten. Zum Beispiel indem wir uns darüber austauschen, welches Handeln Erfolg hat und was nicht und so weiter. Indem wir also gerade nicht moralische Anforderungen an uns selbst oder gar an andere Frauen stellen, sondern durch eine realistische Betrachtungsweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten tut, was sie kann. Dafür ist es ja gerade nötig, dass wir ernst nehmen, was Frauen daran hindert. Und es ist unabdingbar, nicht ständig in jedem Vorschlag zum politischen Handeln gleich einen moralischen Druck zu sehen, was natürlich nur zu reflexhafter Ablehnung führt (in der Regel eine Begleiterscheinung von schlechtem Gewissen). Es geht im Feminismus darum, Wege zu finden, wie wir die Möglichkeiten und Handlungsoptionen von Frauen erweitern können. Moral hilft uns dabei nicht, aber Realismus.

Denn niemand hat überhaupt keine Handlungsmöglichkeiten. Und genau das ist der Hebel für politische Transformationen. Veränderung hin zu einer freiheitlicheren Welt ist nur möglich, wenn die betroffenen Akteur_innen selbst etwas bewegen; Veränderung wird nie „von oben“ ausgehen.

Das ist im Übrigen kein Aufruf zu Aktionismus. Wir wissen ja längst, dass zu viel Aktivismus oft genauso schädlich für eine positive Transformation ist wie zu wenig. „Nicht Handeln“, wie Simone Weil es nannte, ist oft besser, als falsch zu Handeln, und falsches Handeln aus guten und ehrenwerten Motiven kann ebenso viel Schaden anrichten wie unterlassenes Handeln.

Aber dass Menschen, die Opfer von ungerechten Verhältnissen sind, keine Schuld an ihrer Lage haben, bedeutet nicht, dass sie innerhalb dieser Verhältnisse keine politische Verantwortung trügen und keinerlei Handlungsoptionen hätten. Dass sie sich realistisch und ohne moralischen Impetus untereinander über diese Optionen und die eigenen Verantwortlichkeiten austauschen und sich über ihre Möglichkeiten klarwerden, ist aus meiner Sicht der entscheidende Hebel für feministisches (und vermutlich auch anderes) Engagement.

… for President. 

Wer immer auch Präsident der Vereinigten Staaten werden will, muss sich darauf einstellen, dass sein Charakter in Stücke gerissen wird, dass er verletzt, geschlagen und mit Schmutz überzogen wird von jedem unflätigen Blättchen im ganzen Land. Keine Frau, die nicht wie ein alter Putzlumpen durch jede Gosse und jedes dreckige Wasserloch gezogen werden will, würde jemals einer Kandidatur zustimmen. Es ist eine Qual, die einen Mann umbringen kann. Was für ein unverschämtes Luder von einer Frau muss das sein, die so etwas aushält, ohne dass es sie umbringt?

Das schrieb die Bestsellerautorin und politische Aktivistin Harriet Beecher-Stowe 1870 anlässlich der Kandidatur von Victoria Woodhull für die Präsidentschaft der USA. 

Es klingt sehr retro, aber ist es das wirklich?

www.vicwoodhull.wordpress.com

Rape revisited. Über Vergewaltigungsdiskurse

Weil aus aktuellem Anlass gerade viel über Vergewaltigung diskutiert wird, möchte ich hier noch einmal etwas genauer über die aktuelleren feministischen Analysen zu dem Thema schreiben, die nämlich wie meistens komplexer sind als viele meinen.

Unter dem Titel „rape revisited. Die Tiefengrammatik der sexuellen Gewalt“ hat Mithu M. Sanyal für den grade erst von mir empfohlenen Sammelband „Feminismen heute“ eine kritische Rekapitulation des Vergewaltigungsdiskurses seit den 1970er Jahren unternommen. Kleine Erinnerung: Damals hat die Frauenbewegung das Thema häusliche Gewalt öffentlich zum Thema gemacht. In diesem Zusammenhang wurde vielen (auch vielen Frauen) erstmals bewusst, dass Vergewaltigung nicht vor allem etwas ist, das im dunklen Park von einem bösen Fremden ausgeht, sondern meistens innerhalb sozialer Beziehungen stattfindet: Es sind Ehemänner, Freunde, Bekannte, die vergewaltigen. Der Verdienst der damaligen Frauenbewegung, das bewusst zu machen und politisch zu thematisieren, ist unbestritten, allerdings hat der Diskurs einige Schwachstellen, die Mithu Sanyal analysiert:

Erstens wurde dadurch ein Bild von Frauen als sexuell eher inaktiven, tendenziell an Sex desinteressierten Wesen noch einmal bekräftigt und so bestehende Geschlechterzuschreibungen eher verstärkt als dekonstruiert. In dem Bemühen, den tatsächlichen Skandal der sexuellen Gewalt sichtbar zu machen, wurde gleichzeitig denjenigen, die Vergewaltigungen erlebt und erlitten hatten, eine bestimmte Interpretation zugeschrieben, zum Beispiel, dass dies in jedem Fall ein ungeheuer traumatisierendes Ereignis sein muss. Manche Feministinnen beanspruchten „im Namen der vergewaltigten“ Frauen zu sprechen, obwohl ja auch Frauen, die vergewaltigt wurden, sehr unterschiedliche Weisen haben, das Erlebte zu verarbeiten und zu interpretieren. (In diesem Zusammenhang ist übrigens auch der Beitrag von Claudia Schöning-Kalender über „Frauenhäuser im Aufbruch“ aus diesem Sammelband interessant).

Zweitens wurde im damaligen Diskurs die Debatte über sexuelle Gewalt sehr pauschal mit einem Gewaltverhältnis zwischen den Geschlechtern gleichgesetzt. Es ist eben nicht so, dass es schlicht um das Schema „Männer sind Täter und Frauen sind Opfer“ geht. Auch Männer werden Opfer von sexueller Gewalt, die zumeist von anderen Männern ausgeht, aber auch von Frauen ausgehen kann. Und Frauen sind mit der Art und Weise, wie sie Geschlecht „performen“ auch selbst aktive Mitwirkende an dem, was heute unter dem Oberbegriff „Rape Culture“, also „Vergewaltigungskultur“ zusammengefasst wird.

Daraus aber nun – wie es manche tun – den Schluss zu ziehen, Vergewaltigung sei ja quasi eine „geschlechtsneutrale“ Angelegenheit und betreffe Frauen und Männer gleichermaßen (nach dem Motto: Frauen vergewaltigen Männer genauso wie Männer Frauen), ist natürlich Quatsch. Mithu M. Sanyal geht denn auch den genau umgekehrten Weg: Sie untersucht gerade die Verwobenheit zwischen Vergewaltigung, Vergewaltigungsdebatten und der Konstruktion von Geschlecht, die nämlich eben sehr viel komplexer ist als das schlichte Täter/Opfer-Schema.

„Vergewaltigung ist nicht nur das am meisten gegenderte Verbrechen, sondern auch das Verbrechen, das uns am meisten gendert“, beginnt sie ihren Text. Unter diesem Aspekt rekapituliert sie anschließend die feministischen und medialen Diskurse über Vergewaltigung, und kommt zu dem Schluss: „Vergewaltigung gendert uns, indem sie uns beibringt, wie wir uns unserem Geschlecht entsprechend zu verhalten haben, wie die Geschlechter zueineinander stehen.“

Ihr Fazit ist übrigens, dass der entscheidende Faktor für „Rape Culture“, also die Wahrscheinlichkeit, dass sexuelle Gewalt in einer Kultur vorkommt, die soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist: „Je totaler eine Institution ist, desto höher die  Zahl der Vergewaltigungen. Je rigider die Geschlechterrollen, desto mehr Sexismus bis hin zur physischen sexuellen Gewalt. Das enthebt das Individuum zwar nicht der Verantwortung, verlagert den Fokus jedoch auf die gesellschaftliche Organisationsform. Entsprechend gibt es Gesellschaftsformen, in denen Vergewaltigung so gut wie nicht vorkommt, bis hin zu hoch gewalttätigen Gesellschaften mit einer hohen Rate an sexualisierten Verbrechen.“ Und:

„Die schlechte Nachricht ist zwar, dass sich das Vergewaltigungsproblem nicht durch schärfere Gesetze lösen lassen wird. Das Gute ist allerdings, dass nahezu alle Maßnahmen, die unsere gesamte Gesellschaft (geschlechter-)gerechter machen, ein direktes Vergewaltigungspräventionspotenzial haben.“

Mehr Infos:

*Unter der Überschrift „Vergewaltigung gibt es nicht“ hatte Mithu M. Sanyal schon 2012 einen Artikel im Missy Magazine, der leider nicht online steht, aber natürlich kritisch diskutiert wurde, hier ist eine Antwort von ihr auf entsprechende Kritik.

*Zur  Zeit arbeitet Mithu M. Sanyal an einer Kulturgeschichte der Vergewaltigung. Auf das Buch freue ich mich schon.

*Vor dem Thema Vergewaltigung hat sie sich mit der Vulva beschäftigt. Hier meine Rezension dazu.

*Für das Forum bzw-weiterdenken schrieb sie über Die Pornofizierung der Gesellschaft.

 

Feminismen heute

9783837626735_216x1000Im Transcript-Verlag ist vor einiger Zeit der Sammelband “Feminismen heute” erschienen, bei dem es etwas Zeit gebraucht hat, bis ich durch war, den ich aber allen empfehlen möchte, die sich mit den Entwicklungen und Veränderungen der Frauenbewegung beschäftigen. Es ist ein Sammelband, der auf eine Tagung zum Thema zurückgeht, und mit 28 unterschiedlichen thematischen Beiträgen entsprechend uneinheitlich.

Aber wenn sie auf einen Nenner gebracht werden sollten, dann wäre es vermutlich der, die in den 1970ern entwickelten Ansätze des radikalen Feminismus heute, vierzig Jahre später, zu aktualisieren. Großen Raum nimmt dabei die Auseinandersetzung mit Differenzen ein, eine Korrektur der damals doch verbreiteten Annahme, es gebe ein “Wir” der Frauen mit gemeinsamen Interessen, die die Frauenbewegung zu verteidigen hätte.

Dass Feminismus hingegen gerade die Differenzen unter Frauen nicht nur ernst nehmen, sondern sogar ins Zentrum stellen sollte, wird in dem Sammelband mit Beiträgen zu Schwarzem feministischem Denken, Queerfeminismus, muslimischen Positionen, Überlegungen zu Dis/Ability und so weiter deutlich.

In einem zweiten Kapitel werden verschiedene Themen behandelt, in denen neue feministische Entwicklungen und Analysen stattgefunden haben, wie etwa Medien, Mutterschaft, Körper, Ökonomie, Arbeitsmarkt, Recht, Medizin.

Am interessantesten fand ich diejenigen Texte, die bestimmte Überzeugungen des Feminismus der 1970er Jahre aufgreifen und einer kritischen Revision unterziehen, wie zum Beispiel der Text von Mithu M. Sanyal über Vergewaltigung, bei dem sie darauf aufmerksam macht, dass die allzu eindeutige Konstruktion von Frauen als Opfern und Männern als Tätern auch eine Verfestigung von Stereotypen war und das Ganze komplexer gesehen werden muss. Ebenfalls lesenswert sind die Reflektionen zur Konzeption von feministischen Projekten wie Frauenhäusern oder Mädchenarbeit.

Wie gesagt: Ich finde, eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich mit feministischen “Trends”, mit Gleichstellungspolitik oder ähnlichem beschäftigen.

Mehr Infos dazu auch in einer Rezension von Bettina Kruse.

Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, Bettina Ritter, Dagmar Venohr (Hg): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis. Transcript 2014, 395 S., Print: 29,99 Euro, E-Book: 26,99 Euro.

 

Care-Arbeit ist ein Begriff für die Übergangszeit

Gerade bloggte ich drüben bei Fischundfleisch darüber, was meiner Ansicht nach ein wichtiger Grund dafür ist, warum viel weniger Mädchen als Jungen sich für (gut bezahlte) Industrieberufe interessieren: Alles, was mit (vor allem industrieller) Produktion zu tun hat, ist nicht wirklich sichtbar als etwas, das zum guten Leben aller beiträgt, sondern es steht in dem Ruf, nur dem Profit und dem Kapitalismus zu dienen. Deshalb wählen Menschen, die bei der Berufswahl vor allem auf den Sinn ihrer Arbeit Wert legen und weniger auf Geld oder Status tendenziell die so genannten “helfenden” Berufe, also Krankenschwester, Erzieherin, Altenpflegerin und so weiter – mehr Frauen als Männer, aber natürlich nicht nur.

Dass das Problem dabei nicht dieser Wunsch nach sinnvoller Arbeit ist, sondern die systematische Niedrigerbezahlung dieser Berufe, haben Feministinnen schon immer betont, obwohl gerade wieder anlässlich des Equal-Pay-Days lauter Texte geschrieben werden, deren Tenor lautet: Der Gender Pay Gap ist doch keine Ungerechtigkeit, weil Frauen ja freiwillig in die niedriger bezahlten Berufe gehen. omg.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Care-Revolution bei der Blockupy-Demo am 18. März in Frankfurt.

Es ist ja sowieso interessant, zu sehen, wie sich die Lohnhöhe für einzelne Berufe und Tätigkeiten bemisst, und es ist jedenfalls offensichtlich, dass sie allerhöchstens sehr lose etwas mit Leistung oder mit Verantwortung zu tun hat. Auch nicht unbedingt mit Ausbildung. Aber dafür ziemlich viel mit sozialem Status. Sicherlich sind es viele und komplexe Faktoren, die dazu führen, dass die eine Arbeit so und die andere so bezahlt wird, aber dieser Punkt scheint mir jedenfalls EIN Faktor zu sein: Der Sinn einer Arbeit steht in unserer derzeitigen symbolischen Ordnung quasi in einem umgekehrten Verhältnis zu ihrer Entschädigung – je sinnvoller eine Arbeit (offensichtlich) ist, umso weniger muss man dafür bezahlen, weil die Leute machen es ja wegen dem Sinn.

Dasselbe Argument habe ich bei einem früheren Equal Pay Day schonmal in Punkto “Arbeit, die Spaß macht” kritisiert. Es gibt keinen vernünftigen Grund, eine Arbeit schlechter zu bezahlen (oder sich mit weniger Honorar zufrieden zu geben), bloß weil sie Spaß macht. Ebenso falsch ist das natürlich in Bezug auf “Arbeit, die sinnvoll ist”. Gerade eine sinnvolle Arbeit ist doch mehr wert als eine sinnlose und sollte entsprechend auch besser bezahlt werden.

Nun aber zurück zu der Frage: Woran bemisst es sich denn überhaupt, ob eine Arbeit sinnvoll ist?

An dieser Stelle möchte ich einen kritischen Blick darauf werfen, wie wir derzeit über “Care-Arbeit” diskutieren. Mit “Care-Arbeit” werden in der Regel die klassischen Fürsorgearbeiten bezeichnet, also Pflegen, Erziehen, Betreuen, Versorgen und so weiter, die teilweise privat in Haushalten, teilweise schlecht bezahlt in Institutionen, teilweise prekär in informellen Arbeitsverhältnissen geleistet werden.

Es war wichtig, diese Tätigkeiten zunächst erst einmal als “Arbeit” ins Bewusstsein zu holen – vor dem Feminismus galten sie irgendwie als etwas, für deren Erledigung die weibliche Natur mysteriöserweise von selbst sorgt. Erst durch ihre Sichtbarmachung seitens der Frauenbewegung können unbezahlte Care-Arbeiten heute als Teil der Volkswirtschaft, als Teil der Ökonomie gesehen werden (was freilich nicht heißt, dass das auch alle tatsächlich tun).

Problematisch ist es aber, wenn nun erneut ein Gegensatzpaar entsteht, nämlich das zwischen “guter Care Arbeit” und “böser Industriearbeit”. Oder zumindest darf diese Unterscheidung nicht entlang der Art der Tätigkeiten gezogen werden. Ob eine Tätigkeit “Care” ist, also etwas, das “wirklich, wirklich sinnvoll” ist, das bemisst sich nicht daran, welchen Inhalt diese Tätigkeit hat, sondern darin, in welchem “Geist” sie erledigt wird. Ist der Maßstab dabei das gute Leben aller, das, was die Allgemeinheit braucht und was gut für die Welt wäre? Das, was notwendig ist? Oder ist der Maßstab ein anderer, zum Beispiel, wie viel Profit sich herausschlagen lässt?

“Wirtschaft ist Care” hat Ina Praetorius ihr Buch zu dem Thema betitelt, das jetzt bei der Heinrich Böll Stiftung erschienen ist und kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden kann. Die ganze Wirtschaft ist Care, nicht nur der Teil von ihr, der mit helfen, putzen, pflegen, erziehen und so weiter zu tun hat.

Von daher ist “Care” vielleicht weniger ein Substantiv, als vielmehr ein Adjektiv. “Care-Arbeit” ist eigentlich ein Begriff für eine Übergangszeit. Denn “Care-Arbeiten” bezeichnen nicht ein bestimmtes Spektrum von Tätigkeiten, sondern sie bezeichnen eine Qualität, die dem Arbeiten zukommen müsste, aber ihm leider nicht immer zukommt. Jede Arbeit sollte “Care-Arbeit” sein.

Und ich wette, dann würde es auch besser mit den “Frauen in Männerberufen” klappen, aber das nur nebenbei.

Noch zum Thema: Die Männer und das liebe Geld. 10 Thesen zum Equal Pay Day.

Raus aus der Defensive!

… unter dieser Überschrift ist soeben ein längerer Text von mir in der Zeitschrift “Blätter für deutsche und internationale Politik” erschienen. Es geht um die Unterscheidung zwischen “gutem” und “bösem” Feminismus, über Meta-Debatten und Medien und was nun wichtig wäre, zu tun.

Und bei “Fisch und Fleisch” erkläre ich heute morgen, was “Mansplaining ist.

Frauen und andere Menschen

Wie bezeichnen wir Menschen? Wie machen wir die Geschlechterdifferenz sichtbar, ohne uns post-gender-mäßig alle zu “neutralisieren”, aber auch ohne eine schwarzweiß-Gegenüberstellung von Frauen und Männern vorzunehmen? Ohne die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten zu ignorieren, aber gleichzeitig auch ohne den weiblichen Protagonismus und die wichtige Rolle von Feministinnen für politische Bewegungen unsichtbar zu machen? Wie thematisieren wir, dass unsere Vorschläge nicht nur auf Frauen bezogen sind, sondern auf die Welt als ganze, ohne dabei aber zu verschweigen, dass von vielen Problemen Frauen auf besondere Weise und in größerem Ausmaß betroffen sind?

Gerade gibt es einen Flyer, der dabei eine schöne Formulierung verwendet: “Frauen und andere Menschen”. Gefällt mir gut.

Es ist ein Aufruf zu einer Demo für ein bedingungsloses Grundeinkommen am 7. März in Frankfurt. Auch der übrige Text ist gut:

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