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Nachdem es nun Herbst geworden ist und die Gelegenheiten zum Wandern wohl rar werden (ich bin Schönwetter-Outdoor), möchte ich zum Saisonabschluss an dieser Stelle mal ein fettes Dankeschön ins Internet schreiben, für all diejenigen, die dafür sorgen, dass an vielen schönen Stellen mitten in der Landschaft Bänke stehen. Stellvertretend für viele sei hier die Vereinsgemeinschaft „Waldweihnachtsmarkt“ Wenighösbach (im Spessart) genannt, die uns neulich mit ihrer Bank eine wundervolle, sonnenbeschienene Pause ermöglicht hat.
Diese Plaketten finde ich übrigens wunderbar. Sie regen die Phantasie an. Wer mögen wohl die Menschen sein, die dahinter stehen? Wahrscheinlich sind es Leute, die selbst gerne in dieser Gegend spazieren gehen, die hier wohnen und ihre Umwelt wohnlich gestalten. Denn Natur ist schön, aber eben nur in Kombination mit Kultur. Die Mischung macht’s. Und ich rubriziere das jetzt mal unter „Wirtschaftspolitik“.
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Tags:Bänke, Natur, Spessart
Homophobie, also die moralische Ablehnung sexueller Beziehungen unter Menschen desselben Geschlechts (vor allem unter Männern) ist – zumindest in der Form, wie wir sie kennen – eine Erscheinung, die wesentlich zur westlich-abendländischen Kultur gehört. Trotzdem ist im Zuge der zunehmenden Islamfeindlichkeit nach den Anschlägen vom 11. September vor allem der Islam in den Ruch der Homophobie gekommen.
Fragen nach der Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Lebensformen waren zum Beispiel im so genannten Integrationsfragebogen vorgesehen. Aus den großen Schwulenverbänden gibt es immer wieder Stimmen, die eine spezielle Schwulenfeindlichkeit in muslimischen Communities und unter Jugendlichen unterstellen. Die Ursachen dafür werden generell im „Islam“ ausgemacht und manchmal auch in den „rückständigen“ Migrationskulturen generell.
Koray Yilmaz-Günay hat in diesem Band nun Texte zusammengestellt – teilweise ältere, teilweise neu geschriebene – die das als Konstruktion, als Klischee entlarven. Kritisiert wird die Tendenz von Teilen der Schwulenbewegung, einerseits unverhohlen rassistisch zu sein, gleichzeitig aber durch die „Zurschaustellung“ von „dunkelhäutig-exotischen“ Liebhabern Weltoffenheit zu demonstrieren. Andere Texte setzen sich mit der Islamfeindlichkeit als „Elitendiskurs“ auseinander – also mit dem Phänomen, dass das Abheben auf die angebliche Homophobie der „Anderen“ Rassismus auch in aufgeklärt intellektuellen Szenen quasi salonfähig wird.
Der Vorwurf einer speziell muslimischen Homophobie nimmt dabei eine ganz ähnliche Rolle ein wie die Behauptung, der Islam sei seinem Wesen nach frauenfeindlich. Vor der Folie des Fremden gibt sich der Mainstream besonders aufgeklärt, doch wie die eingangs geschilderte Begebenheit im Paris des 19. Jahrhunderts zeigt, spricht man hier weniger über den Islam als über sich selbst. Getreu dem Motto: Die größten Kritiker der Elche waren eben früher selber welche. Und sind es außerdem auch heute noch. In den USA, so las ich in einem der Texte mit Entsetzen, gebe es inzwischen den Ausdruck „I’m not gay seat“. Gemeint ist der Sessel, den zwei Jungen zwischen sich frei lassen, wenn sie zusammen ins Kino gehen – wer sich da drauf setzt, ist schwul!
Das Problem ist, dass die rechtliche Emanzipation homosexueller Lebensformen in den westlichen Kulturen bisher nicht wirklich zu einer kritischen Hinterfragung normativer Sexualmoralen geführt hat. Bislang wurden nur die Grenzen des normativ Akzeptierten ein bisschen verschoben. Die westliche Kultur ist noch immer von ihrem Wesen her homophob, und zwar auf eine Weise, die sich nicht mit den in anderen Kulturen natürlich auch vorhandenen problematischen Aspekten von Sexualmoral parallelisieren lassen. Ebenso wie die westliche Kultur auch der weiblichen Freiheit noch immer skeptisch bis feindlich begegnet, trotz (oder vielleicht sogar gerade wegen) der erfolgreich durchgesetzten rechtlichen Gleichstellung von Frauen.
Das Tragische an der ganzen Geschichte ist, dass durch genau solche Diskussionslinien der tatsächliche, alltägliche Kampf für die Freiheit der einzelnen Menschen, für die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen, erschwert wird. Wenn junge Muslime immer wieder hören, der Islam sei gegen Homosexualität, der Islam sei gegen Feminismus – dann steigt ja logischerweise die Gefahr, dass sie genau das werden, um ihre muslimische Identität zu behaupten: homophob und frauenverachtend. Wir bringen durch unsere Diskurse das selbst hervor, was wir angeblich kritisieren und bekämpfen.
Eine sinnvolle Auseinandersetzung mit diesen Themen kann nicht vor dem Hintergrund der Frage: „Welche Religion und Kultur ist besser oder schlechter für Frauen und für Homosexuelle“ geführt werden. Sie kann nur geführt werden vor dem Hintergrund der Frage: „Welche Traditionen, Denkfiguren und Alltagspraxen hat die eine und die andere Religion und Kultur, die uns dabei helfen können, gemeinsam in eine freiere und lebenswerte Welt zu gelangen?“
Die Texte in diesem Band, obwohl nicht immer leicht zu lesen, können bei dieser Änderung der Blickrichtung helfen.
Koray Yilmaz-Günay (Hg): Karriere eines konstruierten Gegensatzes: Zehn Jahre „Muslime versus Schwule“. Sexualpolitiken seit dem 11. September. Eigenverlag, Berlin 2011. Man kann das Buch für 5 Euro zzgl. Porto bei http://www.yilmaz-gunay.de/ bestellen.
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Tags:Homophobie, Muslime, Schwulenbewegung
Bei den Piraten wird das ungleiche Geschlechterverhältnis in ihren Reihen ernst genommen. Jedenfalls ist die relative Abwesenheit von Frauen, soweit ich mitbekomme, Gegenstand von Nachdenken und Diskussionen. Schön.
Allerdings bin ich eher skeptisch über die Richtung. Ein Diskussionsstrang dabei ist derzeit das Bemühen, die eher „schüchternen“ Parteimitglieder mehr zu motivieren, sich „in die erste Reihe“ zu stellen. Auf diese Weise soll offenbar vermieden werden, von „den Frauen“ und „den Männern“ zu sprechen, sondern das Problem soll unabhängig vom Geschlecht auf sachliche Kriterien zurückgeführt werden.
Natürlich wissen wir aber in Wirklichkeit alle ganz genau, wer mit den „Schüchternen“ gemeint ist. Die Frauen eben. Es wird vermutet, sie seien schüchterner als Männer und deshalb so selten in Ämtern vertreten.
Aber ist das plausibel? Wo bitte sehr sind Frauen heutzutage schüchtern? Und schon gar junge? Man liest es doch überall: Junge Frauen können besser reden, sind besser ausgebildet, sind selbstsicherer als junge Männer. Natürlich kommt das mal vor, eine schüchterne junge Frau. Schüchterne junge Männer kommen aber mindestens ebenso häufig vor. Wenn ich all die jungen Frauen, die so im Laufe eines Tages an mir vorbeilaufen, beschreiben müsste, würden mir viele Vokabeln einfallen. „Schüchtern“ wäre nicht darunter.
Die Debatte ist noch aus einem anderen Grund aufschlussreich. Denn sie zeigt gewissermaßen in Reinform die Funktionsweise männlich dominierten Denkens: Sobald sich eine Differenz zwischen Frauen und Männern zeigt, darf diese Differenz nicht stehen bleiben, keine Leerstelle markieren, denn das wäre ja weibliche Eigenständigkeit. Die weibliche Differenz muss sofort einverleibt, also mit einem bestimmten Inhalt versehen werden. Dass der Inhalt „Schüchternheit“ in diesem Fall auch noch eher unplausibel ist, ist da nur ein Nebenaspekt.
Bei diesem Prozess der Einverleibung weiblicher Dissidenz in eine pseudoneutrale (männliche) Logik wirkt die Post-Gender-Idee der Piraten offensichtlich als Beschleuniger: Gerade weil das Wort „Frau“ abgelehnt wird, muss umso schneller etwas an dessen Stelle treten, muss die Leerstelle eine Bedeutung zugewiesen bekommen, mit dem paradoxen Ergebnis, dass die Zuweisung an die Frauen (sie sind „schüchtern“, von Ausnahmen natürlich abgesehen, aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regeln) nur umso klischeehafter ausfällt.
Deshalb bin ich ja so ein großer Fan des Wortes „Frau“: Im Unterschied zu allem anderen, was man über unsereins sagen kann, hat es den großen Vorteil, inhaltlich erst einmal überhaupt nichts zu bedeuten. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. „Frau“ wird erst durch das Handeln und Sprechen (idealerweise von Frauen selbst) mit Bedeutung gefüllt. „Schüchtern“ hingegen ist, wie jedes andere „Ersatzwort“, bereits mit einem klaren Inhalt belegt.
Damit will ich nicht sagen, dass es nicht sinnvoll wäre, zu überlegen, inwiefern „Schüchterne“ in Parteidiskussionen besser einbezogen werden können, damit ihre oftmals wichtigen Beiträge nicht verloren gehen. Aber das alles hat nichts mit Frauen zu tun. Oder nicht mehr mit Frauen als mit Männern. Kurz und gut: Es ist keine Antwort auf den geringen Frauenanteil.
Ich bin der Ansicht, dass das, was hier als weibliche „Schüchternheit“ interpretiert wird (weil man die weibliche Differenz nicht aushält oder wahrhaben will), etwas anderes ist: Unlust, Desinteresse, Skepsis, Vorbehalte. Ein Bild, das in der Debatte oft benutzt wird, ist ja die berühmte „erste Reihe“, in die die Frauen nicht hinwollen. Genau. Aber warum nicht? Die Antwort „Weil sie schüchtern sind“ weicht dem Problem aus. Wäre das so, dann bräuchten sie ja nur mal eine Ermunterung, oder, wenn das nichts hilft, einen Arschtritt, oder, im äußersten Fall, eben eine Quote. Da wäre die Partei aber fein raus.
Könnte man den Fall auch noch anders lösen?
Wir (die Redakteurinnen des Internetforums bzw-weiterdenken) hatten vor einiger Zeit Frauen aus verschiedenen Organisationen und Institutionen zu einem Austausch eingeladen hatten. Es ging um die Frage: Wie werden wir „sichtbar und einflussreich, ohne uns anzupassen“? Die meisten der anwesenden Frauen hatten ihre jeweiligen politischen Anliegen bereits in der einen oder anderen Form „institutionalisiert“, also in eine Organisationsform gebracht, die mit der männergemachten Art gesellschaftlicher Organisation, mit der wir es nun einmal zu tun haben, irgendwie kompatibel ist.
Sie alle hatten dabei oft Schwierigkeiten, die „erste Reihe“ zu besetzen. Keine Frau wollte das machen. Das deutsche Recht erfordert aber genau das: Einen Vorsitzenden, einen Chef, einen Verantwortlichen, einen Repräsentanten. Aber viele Frauen wollen das nicht sein. Auch nicht in reinen Frauenorganisationen, wo der Grund ja nicht gläserne Decken oder männliches Konkurrenzgehabe sein kann. Bei den bei unserer Tagung versammelten Frauen kann es definitiv auch nicht „Schüchternheit“ gewesen sein, denn wir waren allesamt erfahrene politische Aktivistinnen.
Nein, ich glaube, viele Frauen (mehr Frauen als Männer) stehen einfach einer Repräsentationslogik, so wie sie für das männliche politische System typisch ist, skeptisch gegenüber: Diesem Prinzip von „Einer übernimmt ein Amt und spricht dann im Namen der Vielen“. Das ist immer ein Fake, eine Anmaßung, das funktioniert so nicht. Es ist ein Einfallstor für Macht und Hierarchien, also für Un-Politik. Die Politik der Frauen basiert auf anderen Regeln; auf dem Sprechen in erster Person, dem Von sich selbst ausgehen.
In Punkto „Vorsitz“ haben übrigens mehrere Frauen bei dieser Tagung erzählt, dass sie es bei ihren Vereinen und Projekten so machen: Es gibt nicht eine Sprecherin oder Vorsitzende, sondern alle sind es. Wer immer angefragt wird, „im Namen des Vereins xy“ zu sprechen, tut das eben. Jede Frau ist eine Vorsitzende, eine Präsidentin, eine Chefin, bei Bedarf. Wenn alle Vorsitzende sind, dann entziehen sich auch Frauen der Verantwortung nicht. Sie haben nichts dagegen, Entscheidungen zu treffen, sie wollen nur nicht die einzige sein, die das tut, und sie wollen es nicht an Stelle der anderen machen (die sich dann zum Beispiel zurücklehnen und stänkernde Tweets abballern, wenn der Chef mal was macht, was ihnen nicht passt).
Die Politik, so wie Frauen sie sich vorstellen und praktizieren, basiert nicht auf Wahlen, auf Hierarchie und Repräsentation, sondern auf Individualität, auf Vertrauen und Verantwortlichkeit. Auch ich bevorzuge diese Art von Politik, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie funktioniert. Besser funktioniert, als die Repräsentationslogik, nach der die Männer ihre politischen Institutionen geformt haben. Jetzt sind sie auch noch ganz stolz darauf, dass wir Frauen seit der Emanzipation auch dazu Zugang haben. Ich persönlich lehne dankend ab. Dann lieber zweite Reihe. Und Ihr könnt mir glauben: Mit Schüchternheit hat das aber auch gar nichts zu tun.
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Tags:Piraten, Repräsentationslogik, schüchtern
Bei Wikipedia wird gerade darüber diskutiert, ob der Artikel zum Stichwort „Matriarchatsforschung“ gelöscht werden soll. Kritisiert wird, der Artikel sei zu einseitig auf die Theorien von Heide Göttner-Abendroth ausgerichtet. Ich habe die ganze Löschdiskussion gerade einmal durchgezappt und fand das argumentative Hin und Her ziemlich ermüdend. Wikipedia ist einfach auch nicht mein Ding. Weshalb ich mich selber an der Debatte auch nicht beteiligen will.
Nun finde ich aber die Vorstellung, dass der Artikel gelöscht wird, trotzdem erschreckend. Dass das Projekt Wikipedia sowieso eine ziemlich männerlastige Angelegenheit ist, ist ja schon häufiger mal aufgefallen. Speziell zu feministischen Themen gibt es ohnehin wenig gute Artikel. Einige Frauen, die sich daran mal beteiligt haben, beklagen, dass ihre Beiträge immer wieder schnell von Maskulinisten überarbeitet, sprich verhunzt werden.
Deshalb denke ich, man sollte froh sein, wenn es überhaupt zu solchen Themen Einträge gibt und eher dafür werben, dass sie verbessert werden, anstatt ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sie einfach wegzulöschen. Und auch wenn der derzeitige Artikel Matriarchatsforschung etwas Schlagseite haben sollte, so enthält er trotzdem sachliche Informationen, Links und Lesetipps. Jedenfalls wäre es für Wikipedia oberpeinlich, wenn es zu dem Stichwort einfach gar nichts geben würde.
Daher möchte ich hier kurz mal die Aufmerksamkeit in diese Richtung lenken, in der Hoffnung, dass sich welche finden, die sich in die Diskussion einmischen. Vielleicht gibt es ja ein paar Wikipedist_innen unter euch
Diejenigen, die keine große Ahnung von Matriarchatsforschung haben, könnten zum Beispiel dahingehend wirken, dass es besser ist, einen nicht ganz perfekten Artikel zu dem Thema zu haben als gar keinen. Gerade angesichts der Tatsache, dass Wikipedia in Punkto Frauen gravierend unterbelichtet ist. Und diejenigen, die sich in dem Feld auskennen, könnten inhaltlich drüber gehen und versuchen, den Eintrag etwas umfassender zu gestalten.
Thanks vor your attention.
Zu dem Thema „Matriarchatsbewegung im Shitstorm“ hatte ich kürzlich schonmal gebloggt.
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Tags:Matriarchatsforschung, Wikipedia
Heute kam das Päckchen mit den Belegexemplaren des wirklich schön gewordenen Handbuchs „Soziale Bewegungen und Social Media“ an, und während ich vorhin bei der Friseurin darauf wartete, dass meine Haare orange wurden, habe ich ausgiebig drin geschmökert. Das aufwändig und mit liebevoller Geduld von den Herausgebern Hans Christian Voigt und Thomas Kreiml zusammengetragene Material macht wirklich gut anschaulich, wie soziale Medien von politischen Initiativen, Akteur_innen, Gruppen und non-profit-Organisationen eingesetzt werden können.
Gut war die Entscheidung, gleich mit Fallbeispielen einzusteigen – darin hab ich mich gleich festgelesen. Und entgegen meiner eigenen Theorie festgestellt, dass Print durchaus Vorteile hat, weil man Zusammenhänge mal an einem Stück nachliest. Natürlich habe ich von Stuttgart 21 oder von Unibrennt über die diversen Kanäle immer was mitbekommen, natürlich lese ich schon lange den Blog von Anne Roth, aber schön, die Projekte hier mal auf den Punkt gebracht umrissen zu bekommen. Ich könnte mir denken, dass diese Praxisberichte Leuten Lust machen, auch mit ihren eigenen Themen was zu machen.
Der zweite Teil enthält „Manuals“ mit ganz konkreten Anleitungen dazu, was man wofür braucht und ist hilfreich sowohl für totale Newbies als auch für Leute und Initiativen, die schon im Web 2.0 zu gange sind, denn die meisten fangen damit ja an irgend einer Ecke an und kaum jemand kennt sich mit sämtlichen Kanäle und Möglichkeiten aus. Schön über das Buch verteilt, aber optisch hervorgehoben ist übrigens auch ein Glossar, in dem die gängigen Fachbegriffe gut verständlich erklärt werden.
Der dritte Teil heißt „no borders“ und wirft, dem Inhaltsverzeichnis nach, einen Blick auf die internationalen Zusammenhänge, den habe ich noch nicht gelesen. Und das Abschlusskapitel ist mit „Visionen“ überschrieben, darin befindet sich auch mein eigener Text.
Alles Weitere auf der Webseite. Das Buch ist noch nicht über Amazon zu haben (kommt aber sicher bald), man kann es aber schon beim ÖGB-Verlag bestellen. Es ist 396 Seiten dick und kostet 29,90 Euro.
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Tags:Buch, Social Media, Soziale Bewegungen
Zurzeit nehme ich an einer höchst interessanten Tagung mit dem Titel „Let’s think about sex“ teil, die ursprünglich in der Akademie der katholischen Diösese Rottenburg-Stuttgart stattfinden sollte, aber vom dortigen Bischof dankenswerter Weise verboten wurde, sodass sie nun in Frankfurt stattfindet. Ich werde darüber Ende der Woche noch im Blog von Publik Forum schreiben und später auch ausführlicher in der Printausgabe. Aber da das zusammenfassende Berichte über die gesamte Tagung sein werden, verblogge ich hier bei mir einzelne Aspekte, die mir persönlich besonders interessant erscheinen.
Heute war das zunächst ein Vortrag der Frankfurter Psychoanalytikerin Ilka Quindeau, unter deren kompliziertem Titel „Jenseits der Geschlechterdichotomie. Eine alteritätstheoretische Konzeptualisierung von weiblicher und männlicher Sexualität“ ich mir zunächst nichts Rechtes vorstellen konnte. Aber ihre These hat mich dann sehr elektrisiert, denn sie lautet:
„Desiderata ergo sum“ – „Ich bin, weil ich begehrt werde.“
Die Grundlagen für menschliches sexuelles Lustempfinden werden demnach – bei einer Psychoanalytikerin nicht überraschend – in der frühesten Kindheit, im Säuglingsalter gelegt, und zwar dadurch, dass die Mutter (oder der Vater oder andere Erwachsene, die das Baby versorgen) bei dieser Betätigung selbst unweigerlich sexuelles Begehren empfinden, wenn auch unbewusst. Die Erfahrung von körperlicher Befriedigung, die der Säugling etwa beim Saugen an der Brust, aber auch beim Gewaschen oder Gewickelt oder Eingecremt oder Geschmust Werden empfindet, forme demnach die erogenen Zonen. Und zwar eben vermittelt dadurch, dass die Mutter selbst sexuell erregt wird, wenn der Säugling an ihrer Brustwarze nuckelt, oder dadurch dass der Vater oder die Tante oder wer auch immer mit dem Kind pflegerisch interagiert, ihrerseits auch sexuelles Begehren spüren.
Diese Entstehung des sexuellen Begehrens auf dem Weg des Begehrt Werdens durch Mutter/Vater/Sonstwen ist das, was Quindeau unter „Alteritätstheorie“ versteht. Sie grenzt sich damit von den zwei gängigen Interpretationen ab, nämlich einerseits von der Vorstellung, das autonome Subjekt Mensch sei selbst Schöpfer_in der eigenen Sexualität (dass das eigene Begehren sozusagen autonom entstehe), und andererseits von der Vorstellung, sexuelles Empfinden sei quasi in den Genen oder den Genitalien (interessante Wortähnlichkeit übrigens, wie mir gerade auffällt) bereits angelegt und würde sich im Lauf des Erwachsenwerdens lediglich „entfalten“.
Durch diesen Prozess des „Begehrtwerdens bei gleichzeitigem Befriedigungserlebnis“ entstehe ein Körpergedächtnis für besonders lustempfindliche Zonen des Körpers, in gewisser Weise Erinnerungen an frühe Befriedigungen, die später auch unabhängig von tatsächlichem Körperkontakt abgerufen werden können, etwa durch Phantasien.
Sexuelle Lust sei immer ein „komplexes Zusammenspiel von Phantasie, Erinnerung und gegebenenfalls Berührung“ und keineswegs eine Folge „schlichter Trieb- und Dampfkesselmotive“, wie Quindeau es schön anschaulich formulierte. Dieses Zusammenspiel werde im Lauf des Aufwachsens und weiteren Lebensverlaufes ständig mit neuen Erfahrungen erweitert und permanent umgearbeitet. Es gebe dabei keine strenge chronologische Abfolge, sondern die frühkindlichen Erfahrungen bedingen die späteren Lusterlebnisse, aber andersherum prägen auch die späteren sexuellen Erlebnisse die frühkindlichen Erinnerungen neu.
Dieses ganze Geschehen sei völlig unabhängig von den biologischen Fortpflanzungsfunktionen. Jeder Körperteil kann eine erogene Zone sein oder werden. Dass es vor allem die üblichen Verdächtigen sind – Mund, Anus und Vagina/Vulva beziehungsweise Penis – liege nur daran, dass es eben vor allem diese Körperteile sind, die bei der Tätigkeit des Nährens und Säubern eines Säuglings besonders häufig berührt werden.
Eine solche Sichtweise auf die Entstehung der körperlichen Lust stellt natürlich auch die übliche Verknüpfung von Geschlecht und Sexualität in Frage. Man kann nicht mehr prinzipiell zwischen männlicher und weiblicher Sexualität unterscheiden. Daher plädiert Quindeau zum Beispiel dafür, die Unterscheidung in Hetero- und Homosexualität aufzugeben, weil sie „der Vielgestaltigkeit von menschlicher Sexualität nicht gerecht wird.“ Word.
Die von traditionellen Sexualtheorien behauptete Spannung zwischen „männlicher“ und „weiblicher“ Sexualität – eine der Grundlagen von Heteronormativität – finde nicht, wie dort angenommen, in der Begegnung zwischen einer männlichen und einer weiblichen Person statt, sondern spiele sich innerhalb eines jeden Menschen selbst ab. Menschliche Sexualität bestehe immer aus einer Mischung von Passivität und Aktivität, Aggressivität und Rezeptivität, von „Reinstecken“ und „Reinstecken lassen“, denn zum Reinstecken kommen ja nicht nur Penisse in Frage, sondern auch Finger, Zungen oder Nasen, und zum Reinsteckenlassen nicht nur Vaginas, sondern auch Münder, Ohren, Anusse et cetera.
Und an dieser Stelle wäre dann auch mein einziger, kleiner Einwand gegen Quindeaus Vortrag angesiedelt, und zwar richtet er sich nicht gegen ihre Analyse, sondern gegen ihre Wortwahl. Denn sie formulierte das an dieser Stelle so, dass alle Menschen in Bezug auf ihre Sexualität „männliche und weibliche Anteile“ hätten. Diese Formulierung, bei der der „aggressive, penetrierende, aktive“ Aspekt von Sexualität als „männlich“, der „rezeptive, einlassende, passive“ Aspekt jedoch als „weiblich“ benannt wird, ist aber selber nur eine Folge der (falschen) Gleichsetzung des Phallus mit der einen und der Vagina mit der anderen Form. Wenn wir Quindeaus These ernst nehmen, dass prinzipiell jeder Körperteil eine erogene Zone sein kann, dann machen diese Formulierungen keinen Sinn.
Ich jedenfalls verwahre mich dagegen, dass die aggressiven, aktiven und penetrierenden Anteile meiner Sexualität als „männlich“ bezeichnet werden. Sie sind genauso ein wesentlicher Teil von mir wie die rezeptiven, einlassenden, passiven Aspekte meiner Sexualität. Und da ich eine Frau bin, sind sie also weiblich.
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Tags:Begehren, Erregung, Ilka Quindeau, Lust, Sexualität
Jetzt ist der Papst wieder weg, und seit gestern kurven einige Gedanken dazu in meinem Kopf herum, die ich hier niederbloggen will, damit ich gleich in Ruhe (und ohne Papst im Kopf) noch mal das schöne Wetter genießen kann.
Der Gedanke, der mir seit gestern im Kopf herum geht, lautet: Der Papst hat euch alle um den Finger gewickelt. Und zwar nicht nur die Christlichen, sondern auch die Atheistischen, die sich – ich habe die Blogs und Tweets dazu so nebenbei verfolgt – an einem bestimmten Punkt aufhielten, der meiner Meinung nach der falsche Punkt ist: Nämlich dem, dass der Papst in seiner Bundestagsrede darauf verwiesen hat, dass es neben dem Recht und der menschlichen Vernunft noch eine andere Instanz gebe, die Natur der Dinge beziehungsweise auch Gott, und dass das einen Rahmen für das ethische Bewusstsein vorgibt, den Menschen nicht einfach nach Gutdünken verändern können.
Viele papstkritische Stimmen haben das so übersetzt: Der Papst behauptet, es gebe eine Natur des Menschen, und deshalb dürfen wir zum Beispiel Homosexualität nicht erlauben und Frauen nicht gleichstellen. Und sie erwidern: Das ist aber Quatsch, denn es gibt eine solche „Natur“ nicht, und außerdem hat der Papst seine homophoben und frauenfeindlichen Ansichten bitte im Privaten (übersetze: innerkirchlich) zu verbreiten und nicht im Bundestag.
Nun ist es ja keine Neuigkeit, dass Joseph Ratzinger behauptet, Homosexualität und die Freiheit der Frauen würden gegen die Natur des Menschen und gegen Gottes Willen verstoßen. Ich bin da anderer Ansicht, denn ich bin – nach ebenso reiflicher Überlegung, Bibelstudium, Beterei etcetera – zu der Auffassung gelangt, dass Gott überhaupt nichts gegen Homosexualität und weibliche Freiheit hat, ganz im Gegenteil. Menschen haben unterschiedliche Ansichten, und über die müssen sie sich halt streiten. Ich streite mich gerne, und je nachdem, mit wem ich es zu tun habe, argumentiere ich mit Gott, der Bibel, der Vernunft, der Natur, dem Grundgesetz, der Bagavadgita oder was auch immer in der jeweiligen Situation dazu beitragen kann, die andere Seite zu überzeugen.
Das Problem ist aber, dass der Papst behauptet, er allein wisse ganz genau, was Gott will. Er muss nicht argumentieren. Beziehungsweise noch nicht einmal das, sondern: Die Struktur der Katholischen Kirche ist derart, dass sie ihre eigene „Unfehlbarkeit“ behauptet, also dass ein Mensch, in diesem Fall Joseph Ratzinger, nur weil er Papst ist, sich anmaßen kann, Gottes Willen zu kennen und daher es nicht mehr nötig hat, sich mit anderen Leuten auseinander zu setzen, die zu anderen Auffassungen kommen. Zum Beispiel mit mir.
Denn ich bin ja nur Antje, und Herr Ratzinger ist der Papst, und darin liegt der Teufel begraben. Denn: Genau diese Hierarchie wird auch durch die oben skizzierte papstkritische Argumentation letztlich bestätigt. Auch die Papstkritiker_innen gestehen ihm die Definitionsmacht zu, Gottes Willen auszulegen. Nur so können sie ja aus dem Inhalt dieser Rede die Schlussfolgerung ziehen, an Gott zu glauben sei gleichbedeutend mit homophob und frauenfeindlich, obwohl der Papst diese Themen ja gar nicht angesprochen hat. Das hat er eben gar nicht nötig, denn alle Welt, die Gläubigen wie die Ungläubigen, gestehen ihm zu, dass seine Ansichten diesbezüglich die Maßgeblichen sind. Was ich zum Beispiel (und ich bin da ja nicht allein) zu dem Thema zu sagen hat, ist uninteressant.
Das Vorhandensein einer obersten institutionellen Instanz, die darüber befindet, was Gott angeblich will, ist der entscheidende Unterschied zwischen katholisch und evangelisch. Es ist im Übrigen auch ein entscheidender Unterschied zwischen katholisch und muslimisch, denn auch der Islam kennt keine solche oberste und unfehlbare Instanz, die festlegt, was alle gefälligst für Gottes Willen oder den „natürlichen“ Lauf der Dinge zu halten haben.
Ich will euch hier ja nicht dauernd mit Simone Weil nerven, aber sie hat auch hierzu wieder kluge Dinge gesagt: Das „Anatema sit“, also die Selbstermächtigung der Institution Katholische Kirche dazu, festzulegen, was „wahrer“ und was „falscher“ Glaube ist, war für sie der entscheidende Grund, dieser Kirche nicht beizutreten. Und dieses Selbstverständnis ist auch meiner Ansicht nach der eigentliche Punkt, an dem man dem Auftreten des Papstes etwas entgegen setzen muss.
Mir war, ehrlich gesagt, fast schon entfallen, wie stark dieses katholische Amtsverständnis noch ist. Die Bundestagsrede des Papstes hat es mir wieder vor Augen geführt: Ihre hauptsächliche und eigentliche Bedeutung hat diese Rede dadurch bekommen, dass es ein Papst war, der sie gehalten hat, und nicht etwa wegen ihres Inhaltes.
Diese Amtsautorität ist etwas, das wir in der evangelischen Kirche schon lange nicht mehr kennen, was auch damit zu tun hat, dass es hier Pfarrerinnen gibt. In einem älteren Vortrag habe ich mal darüber geschrieben und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich mit dem Zugang von Frauen zum Pfarramt etwas Entscheidendes verändert hat: Nicht mehr das Amt trägt den Menschen, der es innehat, sondern der Mensch muss das Amt erst einmal ausfüllen, um Autorität zu haben.
Früher war „Pfarrer“ (auch bei den Evangelischen) per se etwas Besonders. Auch der schlichteste Geist, trug er bloß einen Talar, war eine Autoritätsperson. Frauen hatten diesen „Amtsbonus“ nie. Sie mussten immer erst einmal beweisen, „dass sie das auch können“. Dies hat inzwischen auf die gesamte Amtsstruktur ausgestrahlt – auch ein Mann, der Pfarrer wird, kann sich nicht allein deshalb schon der entsprechenden Aufmerksamkeit und Wichtigkeit sicher sein. Meiner Ansicht nach ist das eine Veränderung zum Positiven. Die im Übrigen sich nicht nur in der evangelischen Kirche so abgespielt hat, sondern auch im Politischen. Seit es etwa Bürgermeisterinnen und Rektorinnen und Richterinnen und was weiß ich gibt, stehen diese Ämter in einem größeren Legitimitätsdruck, kommt es zunehmend darauf an, wie sie von der entsprechenden Person ausgefüllt werden.
Nicht alle finden diese Entwicklung gut, in der evangelischen Kirche (und auch politische Analysten tun das zunehmend) wird gerne über die so genannte „Feminisierung“ geklagt. Das sind Männer, die ihren alten Privilegien hinterher jammern, die die Frauen nie hatten, und die in einer gleichberechtigten und pluralen Gesellschaft nun auch den Männern abhanden kommen.
Und das ist – das habe ich jetzt mit Hilfe des Papstbesuches kapiert – der eigentliche Grund, warum die katholische Kirche sich mit Händen und Füßen gegen die Ordination von Priesterinnen wehrt. Mir war diese Sturheit bisher immer einigermaßen unverständlich, weil alle Argumente dafür (die Bibel, Jesus, die Tradition) ziemlich mager sind. Und weil die diversen katholischen Veröffentlichungen zum Thema Geschlechterverhältnis, wenn man sie genau liest, eigentlich gar nicht so schrecklich sind, wie es in der öffentlichen Debatte darüber manchmal den Anschein hat. (Vgl. zum Beispiel diesen Text von Luisa Muraro: „Wenn Kardinal Ratzinger ein Student von mir wäre“)
Ich glaube, jetzt weiß ich, woher diese strikte Weigerung kommt, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Es hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sondern damit, dass diese Ämter dann nicht so bleiben könnten, wie sie sind. Das selbstgefällige Getue älterer Herren in Roben (wer sich einmal anschauen möchte, was ich meine, kann diesen Mitschnitt einer Pressekonferenz im Rahmen des Papstbesuches anschauen) könnte keinen Bestand haben, sobald es auch Frauen in solchen Roben gäbe.
Es geht hier – wie bei der weiblichen Freiheit generell – genau nicht um Gleichstellung und Emanzipation. Es geht darum, die alte Verknüpfung von „persönlicher Meinung“ und „Maßgeblichkeit“ in Form von institutionalisierten Ämtern aufzugeben. Eine Verknüpfung, die der Papst nicht aufgeben will, und er weiß auch sehr genau, warum. Das ganze Konstrukt einer Institution, die davon lebt, für alle (Gläubigen) verbindlich den Willen Gottes auszulegen, würde dann nämlich in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus.
Ich glaube, dem lieben Gott würde das gefallen. Und vernünftig wäre es auch.
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Tags:Ämter, Feminisierung, Gott, Ordination, Papst
Nachdem ich vorgestern über Parteien und Frauen gebloggt hatte – und in den Kommentaren viel über die Piraten diskutiert wurde – war ich gestern Nachmittag bei einem Arbeitstreffen mit politischen Freundinnen. Wir sprachen auch über die Unterscheidung von Macht und Politik, die ich sehr wichtig finde (ich übersetze zusammen mit Dorothee Markert gerade ein Buch zu dem Thema), die anderen aber standen meinen Thesen skeptisch gegenüber. Sie verwiesen auf die Erfolge, die es in vielen Institutionen, auch bei den etablierten Parteien, durch eine gezielte feministische Machtpolitik gegeben habe.
Eine erzählte zum Beispiel von den guten Erfahrungen, die sie bei den Jusos mit quotierten RednerInnenlisten gemacht hat: Männer und Frauen reden immer abwechselnd, und sobald sich zu einem Thema keine Frau mehr meldet, wird darüber auch nicht weiter diskutiert (ich habe nicht gefragt, ob das andersrum auch für Männer gilt).
Das Verfahren besticht durch seine Einfachheit und seine Vorteile. Bekanntlich ist es ja ein wesentlicher Punkt, der vielen Frauen an der derzeitigen parteipolitischen Kultur nicht gefällt, dass viel über Sachen geredet wird, die die Frauen nicht so wichtig finden, und sie beklagen sich häufig, dass Männer durch lange und redundante Wortbeiträge Sitzungen in die Länge ziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Parteisitzungen (oder auch die anderer Organisationen), bei denen so verfahren wird, für Frauen attraktiver sind.
Aber natürlich liegen auch die Nachteile auf der Hand. Zum Beispiel ist es ja auch möglich, dass zu einem Thema Männer mehr zu sagen haben als Frauen. Außerdem spitzt ein solches Verfahren die Differenzen zwischen Menschen auf die eine prinzipielle Differenz zwischen Frauen und Männern zu, womit diese Kategorie in gewisser Weise zementiert wird, während andere Unterschiede (Herkunft, Alter, soziale Position) nicht berücksichtigt werden.
Gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma rauszukommen?
Mir fiel auf dem Nachhauseweg ein Text von Chiara Zamboni über politische Praxis ein. Darin schreibt sie: „Eine Praxis ist ein Prozess, der in Gang gesetzt wird, um erfinderisch auf einen bestimmten Kontext zu reagieren und damit dafür zu sorgen, dass er sich verändert. Ihre Auswirkungen sind weder planbar noch vorhersehbar, aber sie können während des Prozesses selbst wahrgenommen und eingeschätzt werden.“
Als Beispiel führt sie eine Praxis der Philosophinnengemeinschaft Diotima an. Eine ihrer Schwierigkeiten war anfangs, dass beim Diskutieren sehr häufig Bezug genommen wurde auf das, was andere („berühmte“) Philosophen gesagt hatten – wie es ja in akademischen Kontexten häufig der Fall ist. Statt also selbst zu sprechen und die eigenen Ideen zu formulieren, wurden die in universitärer Weise immer gleich in Beziehung zu einer vorgegebenen Tradition gesetzt. Das machte die Diskussionen langweilig und unfrei. Daher gaben sie sich eine Regel: Nicht mehr zitieren. Niemals und niemanden.
Diese einfache, kleine Regel erwies sich im Lauf der Jahre als überaus fruchtbar. Die Denkerinnen lösten sich im Lauf der Zeit von der ständigen Bezugnahme auf die überlieferte symbolische Ordnung und wurden sich selbst (und sich gegenseitig) der Maßstab ihrer Diskussionen. Das in der gegenwärtigen Debatte gesprochene Wort wurde wichtiger als der Bezug auf vorausgegangene und kanonische Texte.
Nachdem das passiert war, wurde die Regel wieder aufgegeben, weil sie nicht mehr nötig war. Die neue Praxis hatte dazu geführt, dass sich die Diskussionskultur auf eine Weise verändert hatte, dass die Bezugnahme auf „berühmte“ Philosophen keine Gefahr mehr für das eigenständige Denken und Sprechen der beteiligten Frauen darstellte.
Ich denke, dass dieser Prozess das eigentliche Wichtige dabei ist, wenn sich Organisationen, die mit einer bestimmten Situation unzufrieden sind, Regeln geben. Der Prozess, dass durch die Regeln eine neue Kultur entsteht, wodurch die Regel als solche dann überflüssig wird.
So wäre das eine Herangehensweise, um das oben angesprochene Dilemma zu lösen. Formale Regeln, die sich eine Partei, eine Organistion gibt, die zum Beispiel unzufrieden damit ist, dass Frauen sich nicht in gleichem Maße beteiligen wie Männer – Quoten, abwechselnde RednerInnenlisten etc. – sind nicht zu verstehen als endgültige Lösungen, sondern als der Versuch, eine neue Praxis auszuprobieren.
Die Frage wäre also nicht, ob Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten per se gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos sind, sondern ob sie in dem bestimmten Kontext hilfreich sind, die Realität in eine bestimmte, gewünschte Richtung zu bewegen. Tun sie das nicht, so besteht die Aufgabe darin, andere Regeln, andere Vereinbarungen zu erfinden. Damit zu experimentieren.
Und noch etwas ist wichtig: Es ist nicht möglich, schon vor der Vereinbarung, eine neue Praxis auszuprobieren, zweifelsfrei vorherzusagen, wie sie sich auswirken wird. Es ist immer ein Experiment, ein Anfang, und man muss beobachten und reflektieren, wie sich das entwickelt.
Regeln als experimentellen Weg für eine politische Praxis zu sehen (und nicht als Patentlösungen) wäre meiner Meinung nach ein Ausweg aus der falschen Alternative, die derzeit zum Beispiel im Zusammenhang mit der niedrigen Attraktivität der Piratenpartei für viele Frauen geführt wird: Frauenquoten einführen oder Nichtstun? Das ist genau nicht die Frage. Jede Organisation muss die für sich und ihren Kontext geeigneten Vereinbarungen und Experimente erfinden (wobei ich aber durchaus der Meinung bin, dass die Piraten sich ruhig für die Erfahrungen, die andere Parteien mit ihren Regeln machen, interessieren könnten).
Wenn bestimmte Kulturen eingeschliffen sind, dann ist Nichtstun jedenfalls keine Option. Das zeigt mir das Beispiel von Diotima, wo es ja noch nicht einmal feministisch geschulten Philosophinnen gelungen ist, sich von der Verhaftung in der traditionellen akademischen Zitiererei zu lösen, ohne sich eine klare, einfache Regel zu geben. Regeln sind natürlich immer eine Einschränkung der situationsbezogenen Freiheit, aber ohne Regeln – oder besser: klare, experimentelle Vereinbarungen zum gemeinsamen Vorgehen – ändern sich eingefahrene Strukturen nun einmal nicht. Weil sie uns allen in Fleisch und Blut und Kopf drinstecken.
Allerdings ist es – und das ist ein Problem, das ich bei den quotierten Parteien beobachte – eben auch nicht damit getan, fixe Regeln wie Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten einzuführen. Das ist nur der Anfang. Genauso wichtig ist, zu beobachten, wie sie funktionieren, ob sie die erwünschte Wirkung haben oder nicht, sie gegebenfalls auch wieder aufzugeben – zum Beispiel dann, wenn sie unerwünschte Folgen haben, wenn sie wirkungslos sind, oder auch (was natürlich das Beste wäre), wenn sie nicht mehr gebraucht werden.
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Tags:Diotima, Parteien, Praxis, Quoten, Regeln
Oder: Warum es mir nicht gefällt, wenn feministische Argumente im Wahlkampf instrumentalisiert werden.
Gestern habe ich nicht viel Fernsehen geschaut, aber ein bisschen, wegen den Wahlen in Berlin, und mit etwas Amüsemeng habe ich es aufgenommen, dass wer auch immer sich zu den Piraten geäußert hat, auf den mickerigen Frauenanteil dort hingewiesen hat. Die Moderatorin im ZDF, die Claudia Roth, die Renate Künast, und wer auch immer. Und natürlich ist das auch ein Hauptmanko dieser neuen Partei.
Seit zwei Jahren wird das Thema jetzt diskutiert (wie die Zeit vergeht, mein seinerzeitiger Blogpost zur Frage „Kann eine Feministin Piraten wählen“ ist tatsächlich schon so lange her – shocking!) Und leider muss man sagen: Ist nicht so viel passiert. Und immer noch rauschen Tweets dazu durch die Timelines, die die trübe „Eine Frau und vierzehn Männer-Bilanz“ schönreden mit „15 Piraten und 0 Geschlechter“, haha.
Allerdings bin ich nun nicht gerade in feministische Jubelsprünge ausgebrochen darüber, dass das Thema „Die Piraten haben so wenige Frauen“ jetzt in aller Munde ist. Denn ich bin doch eher skeptisch, ob es in den anderen Parteien wirklich so grundsätzlich besser aussieht. Die Grünen zum Beispiel haben ja auch nur deshalb so viele Frauen in ihren Reihen, weil sie eine Quote haben. Und offenbar brauchen sie die Quote auch nach 30 Jahren immer noch, weil ohne solchen äußeren Druck offenbar auch hier die Parteistrukturen und die Art und Weise, wie hier Politik gemacht wird, für Frauen schlicht weniger attraktiv sind als für Männer. Jedenfalls habe ich schon mit vielen grünen Frauen gesprochen, die gesagt haben: Hätten wir die Quote nicht, wären auch unsere Gremien ratzfatz wieder männerdominiert.
In diesem wesentlichen Punkt sind also alle Parteien mehr oder weniger so ähnlich wie die Piraten: Lässt man den Dingen ihren freien Lauf, bleiben die Männer dort eher unter sich. Sicher: Quotenregelungen zwingen Parteien immerhin dazu, sich mit diesem Defizit auseinander zu setzen. Es bleibt auf der Tagesordnung, zum Beispiel, wenn es wieder einmal schwer fällt, genügend willige Kandidatinnen zu finden. Und im Vergleich dazu ist die unter Piraten (wenn auch nicht mehr bei allen) so beliebte Parole, Geschlechter seien doch sowas von vorgestern, natürlich ein Witz.
Aber das sollte jetzt eben nicht dazu führen, dass die politische Debatte über die tendenzielle Unvereinbarkeit zwischen dem, was viele Frauen sich unter Politik vorstellen, und dem, was die derzeitigen Parteistrukturen und -kulturen so zu bieten haben, sich darauf beschränkt, dass die quotierten Parteien sich in die Brust werfen und behaupten, sie hätten ein Problem gelöst, das die Piraten noch nicht mal erkennen. Wobei ich übrigens glaube, dass auch eine ganze Reihe von Männern ein ähnliches Unbehagen haben.
Also: Wenn wir halbwegs paritätische Quotenparteien und unquotierte Männerparteien miteinander vergleichen, dann vergleichen wir meiner Ansicht nach zwei schlechte Lösungen. Und es ist nicht besonders ergiebig, sich hier lange damit aufzuhalten, dass die einen noch ein bisschen schlechter sind als die anderen.
Das Ziel muss meiner Ansicht nach sein, politische Formen zu finden, in denen Frauen und Männer ganz selbstverständlich miteinander arbeiten, und ganz selbstverständlich heißt für mich: Ohne dass es dafür fixe Quotenregelungen braucht. Denn das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schlichtweg bewiesen: Die bloße Anwesenheit von fünfzig Prozent Frauen reicht auch nicht aus, um die dafür notwendigen Veränderungen in der politischen Landschaft herbeizuführen.
Update:
Weil grade schon lauter Fragen dazu zurück kamen, was denn eine Alternative zur Quote wäre, hier ein paar aus der Hüfte geschossene kurze Ideen:
* Sich selber mal vor allem erstmal ernsthaft fragen, ob man sich denn WIRKLICH dafür interessiert, warum die eigene Partei (Organisation) für Frauen unattraktiver ist als für Männer oder ob man sich mit dem Thema nur beschäftigt, weil man das heutzutage eben so macht.
* Aktiv das Gespräch mit partei-/ oder organisationskritischen Frauen führen: Sie fragen, was sie stört, was sie sich wünschen usw.
* Gezielt kritische und distanzierte Frauen fragen, ob sie an der einen oder anderen Stelle mitarbeiten wollen. Also bei der Suche nach geeigneten Kandidatinnen für irgendwelche Posten nicht danach gehen, wie „gut“ sie in die vorhandene Kultur passen, sondern auch danach, ob sie Veränderungsvorschläge und Einwände haben.
* Den Dialog zwischen Frauen und Männern üben und bewusst führen (evtl. kann man dabei etwas lernen vom interkulturellen Dialog zwischen Menschen verschiedener Herkünfte usw.)
* Es befürworten und sich darüber freuen, wenn sich Frauen in eigenen Gruppen zusammenschließen, denn die Ergebnisse, die sie da erarbeiten, können gute Hinweise enthalten.
* Untersuchen, warum es in anderen politischen Organisationen (bestimmte Attac-Gruppen, Umweltverbände etc) einen höheren Frauenanteil gibt. Schauen, was machen die anders oder die Frauen dort befragen, warum sie sich da engagieren.
Weitere Vorschläge dürft Ihr gerne in die Kommentare schreiben.
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Tags:Berlinwahl, Piraten, Quoten
Louise Aston ist sicher eine der schillerndsten Personen des Vormärz und der Bürgerlichen Revolution von 1848. Bekannt wurde die 1814 geborene Tochter einer ehemaligen Gesellschafterin und eines Theologen wegen ihres „skandalösen Lebens“ und ihren unkonventionellen Ansichten. Mit 17 an einen viel älteren Mann verheiratet, ließ sich scheiden, heiratete wieder, trennte sich erneut. 1844 zog sie mit einer ihrer drei Töchter nach Berlin und schloss sich linksintellektuellen Kreisen an. Mehrmals wurde sie wegen politischer und moralischer Delikte aus Berlin ausgewiesen. Auch die bürgerliche Frauenbewegung, zum Beispiel Louise Otto, konnte mit der so gar nicht „tugendhaften“ Aston wenig anfangen.
Louise Aston schrieb Romane, in denen sie sich mit den Lebensbedingungen von Frauen und mit politischen Themen allgemein beschäftigt. Der jetzt von Jenny Warnecke im Rahmen ihrer Doktorarbeit neu editierte Roman „Revolution und Contrerevolution“ beschreibt die Ereignisse des Jahres 1848, als ausgehend von der Februarrevolution in Paris in ganz Europa Unruhen losbrachen. Die Protagonistin des Buches, Louises alter Ego Alice von Rosen, ist mittendrin im Geschehen, konferiert und intrigiert mit Fürsten und Proletariern gleichermaßen, gibt sich mal als Frau und mal als Mann aus, kämpft auf den Barrikaden und kümmert sich auch noch um ihre weniger emanzipierten Geschlechtsgenossinnen.
Das Buch ist etwas schwierig zu lesen, wenn man sich in der damaligen aktuellen Tagespolitik nicht auskennt. Zwar hat Jenny Warnecke alles Notwendige in den Anmerkungen erklärt, allerdings sind die erst hinten im Buch aufgelistet, sodass man dauernd blättern müsste, was auch wieder umständlich ist, gerade bei einem Roman, wo man ja auch in einen Lesefluss kommen muss. Aston schreibt in einem fast schon atemlosen Rhythmus, häufig bin ich auch mit den Personen durcheinander geraten und konnte der Handlung nicht mehr richtig folgen. Was die literarische Qualität betrifft, so würde ich doch sagen, dass Aston an ihr französisches Pendant George Sand – mit der sie oft verglichen wird – nicht herankommt.
Trotzdem ist es natürlich höchst interessant, diese Ereignisse aus einer solchen Perspektive geschildert zu bekommen. In dem zweiten Band ordnet Jenny Warnecke Astons Denken in das zeitgenössische Geschehen und die damaligen ideengeschichtlichen Diskussionen ein und analysiert den Roman nach literaturwissenschaftlichen Kriterien. Insgesamt sind diese beiden Bände ein Muss für alle, die sich mit der bürgerlichen Revolution in Deutschland oder mit den politischen Ideen von Frauen im 19. Jahrhundert beschäftigen.
Jenny Warnecke: Frauen im Strudel gewaltiger Thaten / Louise Aston: Revolution und Contrerevolution, beide Ulrike Helmer-Verlag, Sulzbach 2011, 29,95 Euro.
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Tags:1848, Louise Aston, Revolution, Vormärz




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