Vom Nutzen langweiliger Blogposts

Bei 10 nach 8 hat Heike-Melba Fendel Lesenswertes über den Unterschied von Qualität und Erfolg geschrieben. Ich möchte dem noch hinzufügen, dass es aus verschiedenen Gründen auch falsch ist, Erfolg in Klickzahlen und quantitativem Zuspruch zu messen. Denn ob eine Aktion – zum Beispiel ein geschriebener Text – erfolgreich ist, misst sich ja daran, ob das intendierte Ziel erreicht wurde. Und das Ziel ist ja nicht unbedingt und automatisch, viele Klicks oder große Reichweite zu haben.

Ich zum Beispiel möchte mit diesem Blog Leute dazu anregen, über Dinge nochmal anders nachzudenken als allgemein üblich, neue Ideen zu entwickeln, überholte Paradigmen aufzugeben und so weiter. Hohe Klickzahlen sind dafür kein guter Maßstab, fast schon eher das Gegenteil, denn sie sind ja ein Indiz dafür, dass ich etwas geschrieben habe, was viele Menschen in ihrer bisherigen Meinung bestätigt. Wir klicken und liken, wenn wir uns bestätigt fühlen, wenn wir jemandem Recht geben, aber nicht, wenn wir mit einer These nicht einverstanden sind (was aber die Voraussetzung dafür ist, dass sie uns zum Umdenken bringt).

Dennoch sind mir Zuspruch und Zustimmung wichtig, allerdings nicht die von irgendwem, sondern von Menschen, die für mich Autorität haben.

Simone Weil hat es schon sehr richtig geschrieben: Wenn jemand versucht, etwas Neues darzulegen, dann „wird man nicht auf ihn hören; weil die anderen diese Wahrheit nicht kennen, werden sie sie nicht als solche gelten lassen; sie begreifen nicht, dass das, was er ihnen da vorträgt, wahr ist; sie widmen dem nicht genügend Aufmerksamkeit, um es zu merken; denn nichts treibt sie, diese Anstrengung der Aufmerksamkeit zu leisten. Die Freundschaft aber, die Bewunderung, die Sympathie oder jedes andere Gefühl des Wohlwollens würde sie ohne weiteres zu einem gewissen Grad der Aufmerksamkeit veranlassen. Ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat – denn die Gemeinplätze bedürfen keiner Aufmerksamkeit -, kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben.“

Für mich als Bloggerin, die den Wunsch hat, Neues zu denken und zu sagen und nicht nur Altbekanntes zu wiederholen, bedeutet das, dass ich möchte, dass mein Blog von solchen Leuten gelesen wird, die dafür offen sind und daran interessiert. Und wenn Simone Weil recht hat, müssen das Leute sein, die „mich lieben“.

Und in diesem Zusammenhang ist mir schon seit einiger Zeit aufgefallen, wie wichtig es ist, öfter mal langweilige Blogposts zu schreiben, die gerade nicht den großen Zuspruch bekommen. Ganz abgesehen davon, dass ich ohnehin hier nicht für euch schreibe, sondern um meine eigenen Gedanken festzuhalten und mit denen in Austausch zu kommen, die in ähnliche Richtungen und mit ähnlichen Wünschen unterwegs sind (was gerade nicht bedeutet, dass wir über alles einer Meinung sind), sind diese langweiligen Blogposts auch eine gute Möglichkeit, um den Kreis von Leserinnen und Lesern entsprechend zu sortieren.

Mit „langweilig“ meine ich natürlich nicht wirklich den Inhalt eines Posts (ich finde die Inhalte meiner Posts immer spannend, sonst würde ich mir nicht die Mühe machen, sie aufzuschreiben), sondern ihre potenzielle Viralität.

Meine drei meistgelesenen Blogposts sind die über das Pinke Überraschungsei, die Frauenbratwürste und die Frauensauna, sie hatten weit über 20.000 Zugriffe, das Überraschungsei sogar über 40.000. Es sind aber beileibe nicht die besten Blogposts, die ich geschrieben habe, und ganz sicher auch nicht die mit den originellen oder gar neuen Ideen. Hingegen haben Lieblingsposts von mir, in denen ich tatsächlich Erkenntnisgewinne für mich festgehalten habe – wie der über Cambiamento und Trasformazione, der über Margarete Susman oder die Welt, die von mir unabhängt nur 400 oder 500 Klicks.

Solche langweiligen beziehungsweise eher „antiviralen“ Blogposts haben aber darüber hinaus noch einen anderen Nutzen: Sie kühlen Debatten ab. Inzwischen nutze ich sie manchmal ganz gezielt, zum Beispiel wenn ich weiß, dass ich ein paar Tage unterwegs bin und keine Zeit habe, viel zu moderieren. Da wirken so ein, zwei langweilige Blogposts Wunder, denn niemand diskutiert darüber, oder wenn, dann mit einem so starken inhaltlichen Interesse, dass es auch egal ist, wenn die Freischaltung mal ein paar Tage auf sich warten lässt.

Gemeinschaftlicher Luxus: das Erbe der Pariser Kommune

Die Pariser Kommune (1871) ist vor allem für ihr Scheitern bekannt geworden, für die militärischen Auseinandersetzungen, die Barrikaden und natürlich das Blutbad, als französische Regierungstruppen Zehntausende innerhalb von einer Woche niedergemetzelt haben.

Mir hat das schon bei der Arbeit an meiner Diss missfallen, wo ich mich mit der Kommune beschäftigte, weil zwei der vier Frauen, deren politische Ideen ich dabei untersuchte, Aktivistinnen der Kommune waren, nämlich Elisabeth Dmitrieff und André Léo. Es war ziemlich mühsam, hinter all den Schilderungen von Schlachten zu den politischen Ideen durchzudringen, die die Kommunard_innen bewegten, und erst recht zu denen, die sich mit dem Geschlechterverhältnis beschäftigten.

Deshalb habe ich sehr gerne das neue Buch „Communal Luxury: The Political Imaginary of the Paris Commune“ von Kristin Ross gelesen, in dem sie die Kommune einbettet in einen breiteren Diskurs über das gute Leben, über Visionen von einer gerechten und freien Gesellschaft (auch wenn sie sich leider nicht mit den Ideen von Frauen beschäftigt, sondern sich sehr auf die männlichen Protagonisten beschränkt).

Sie beginnt ihre Erzählung bei der Vorgeschichte der Kommune, wo sich in revolutionären Klubs und sozialistischen Gruppen bereits die Ideen, die dann in der Kommune umzusetzen versucht wurden, vorbereiteten, und sie schildert, welche Nachwirkungen die Kommune für die politische Ideengeschichte hatte, wobei sie sich – aus meiner Sicht etwas willkürlich – auf drei Männer konzentriert, nämlich William Morris, Elisée Reclus und Peter Kropotkin.

Aber es ist sehr lehrreich, welche Themen und Impulse sich rund um das politisch-kulturelle Projekt „Kommune“ herausdestillieren lassen, und vor allem wie aktuell und nach wie vor zentral sie sind: politische Verfassung, Bildung, Kunst und Arbeit.

Universelle Republik

In politischer Hinsicht vertrat die Kommune die Idee einer „Universellen Republik“, also eine konsequente Ablehnung jeglicher nationalistischer Politik. Die Kommune verstand sich als international, Ausländer hatten in ihr wichtige politische Ämter (Frauen hingegen blieben weiterhin ausgeschlossen).

Kristin Ross untersucht den Unterschied zwischen einer „universal republic“ und dem „republikanischen Universalismus“ (gegen den die Kommune aufbegehrte): Ein Republikanismus, der sich als universell versteht, stülpt anderen die eigenen Maßstäbe über und verlangt von den „Fremden“ Anpassung. Eine „universelle Republik“ hingegen akzeptiert Differenzen und findet politische Aushandlungsformen, an denen sich alle beteiligen können, ohne vorab schon Bekenntnisse irgendeiner Art ablegen zu müssen.

Diesen Punkt fand ich nicht nur interessant, weil er heute noch so aktuell ist, sondern auch, weil sich in den 140 Jahren seither etwas Wichtiges verändert hat: nämlich die nationalistische Einverleibung von Klassenkonflikten. Am Beispiel der Austeritätspolitik zeigt sich ja sehr gut, wie Konflikte, die eigentlich mit Klassenzugehörigkeit, mit Reichtum und feudaler Elitenbildung zu tun haben, von den Regierenden zu nationalen Konflikten erklärt werden (Deutsche gegen Griechen). Ein Meilenstein war dabei natürlich der Erste Weltkrieg, wo die sozialistischen Parteien keine gute Figur machten, der anschließende Sieg des Bolschewismus in Russland, was dazu führte, dass die „Systemfrage“ zu einer Frage zwischen Ländern wurde, und dann schließlich der National-Sozialismus.

Zu Zeiten der Pariser Kommune hingegen war die Arbeiterbewegung noch eindeutig international, die unteren Klassen (ob bäuerlich oder proletarisch) waren, wenn überhaupt, regional verankert, aber nicht speziell einer Nation verbunden. Was ich nicht wusste war, dass diese Zuordnung auch von Seiten der „Bourgeoisie“ so mit verankert wurde, weil viele bürgerliche Ideologen, die ja das „Nation-Building“ wesentlich betrieben, die Arbeiterinnen und Arbeiter gar nicht als Teil dieser Nation ansahen.

„Integrale Bildung“

Der zweite Punkt, der rund um die Kommune wichtig war, ist das Konzept einer „integralen Bildung“. Das Thema war auch schon in frühsozialistischen Bewegungen und auf den vorhergegangenen Kongressen der Ersten Internationale diskutiert worden. Bildungsreformen waren einer der wichtigsten Aktionen der Kommune (maßgeblich vorangetrieben von Frauen, über diesen Punkt radikalisierten und politisierten sich viele Lehrerinnen wie etwa auch Louise Michel).

In der Literatur darüber wird der Punkt meistens auf den Kampf gegen die konfessionellen Schulen reduziert. Aber es ging um viel mehr als darum, den kirchlichen Einfluss zurückzudrängen. Es ging um ganzheitliche Bildungskonzepte, die zum Beispiel auch die Trennung zwischen „Hand- und Kopfarbeit“ aufheben. Es ging also nicht nur darum, dafür zu sorgen, dass auch Kinder aus Arbeiterfamilien Zugang zu intellektueller Bildung bekamen, oder darum, Mädchen und Jungen dieselben Bildungschancen zu ermöglichen. Genauso wichtig war es, allen Kindern – auch denen mit bourgeoisem Familienhintergrund – eine praktische, handwerkliche Ausbildung zu geben.

Niemand sollte sozusagen nur mit dem Kopf oder nur mit den Händen arbeiten können, sondern „integrale“ Bildung bedeutete, diese Trennung aufzuheben, eben nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen, sondern aus der Überlegung heraus, dass Menschen vielfältige Begabungen haben und sich nicht nur auf einen Tätigkeitsbereich beschränken sollen, und dass praktisches Arbeiten und Nachdenken über die Arbeit zusammengehören, um sinnvolle Ideen entwickeln zu können.

Kunst im Alltag

Damit zusammen hängt auch eine Neubewertung von Kunst, die in der Kommune einerseits hoch geschätzt wurde, andererseits aber von ihrem Sockel gestoßen und den Nimbus des Elitären verlor. Die Idee war, Kunst im Alltag der Menschen zu installieren, einen Sinn für Schönheit zu pflegen, also die Trennung zwischen „hoher“ Kunst und Kunsthandwerk aufzulösen.

Natürlich sollte auch niemand sozusagen hauptberuflich Kunst machen, sondern es ging darum, die künstlerischen Adern aller zu pflegen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Dabei stellte die Kommune künstlerische Schönheit dem sinnlosen Konsum entgegen, setzte sich also sowohl von angeberischer Verschwendung ab als auch von Enthaltsamkeit und Askese: gemeinschaftlicher Luxus war eben die Idee.

Lebensunterhalt und Arbeit trennen

Damit zusammen hing auch Vorstellungen vom Ende der Lohnarbeitslogik: Die bedingungslose Versorgung aller Menschen mit dem Lebensnotwendigen wurde in der Kommune unabhängig von der Erwerbsarbeit konzeptioniert. Die Organisation der Versorgung der Bevölkerung auf der einen und die Organisation der Arbeit in der Herstellung des Notwendigen auf der anderen Seite wurden tendenziell voneinander getrennt, was die Grundlage für weitergehende theoretische Überlegungen im Nachgang der Kommune war – und in Form eines bedingungslosen Grundeinkommens ja bis heute diskutiert wird.

Auch hier war das nicht als isolierte sozialpolitische Maßnahme gedacht, sondern als eine grundlegende Neuordnung der Kultur, ich würde sagen: eine Neuordnung, die vom guten Leben für alle her denkt.

(PS. Dazu passend mein Blogpost “Weniger Marx, mehr André Léo” 

Kristin Ross: Communal Luxury: The Political Imaginary of the Paris Commune, 21,89 (print), 17,58 (e-Book), 2015. Das Buch gibt es auch in Französisch.

 

Silencing the Queen: die Domestizierung der Frauengeschichte

9783868930719Schon vor einiger Zeit habe ich dieses Buch über “Geschlechtergerechtigkeit: Herausforderung der Religionen” gelesen und versäumt, gleich darüber zu bloggen, sondern mir nur Notizen auf dem Handy gemacht. Zwischenzeitlich habe ich das Handy leider in einem Wasserbad versenkt, sodass die Notizen nun weg sind und ich mich nicht mehr an vieles erinnere, außer dass ich die Aufsätze insgesamt für einen Tagungs-Sammelband ziemlich gut und interessant fand.

Aber ein Gedanke ist mir geblieben, den ich hier notiere (und nicht drüben im Gottblog), weil dieser Mechanismus für eine androzentrische Geschichtsschreibung generell typisch ist und nicht nur speziell für die Geschichte der Religionen. Er stammt von der Berliner Judaistik-Professorin Tal Ilan und sie stellt ihn an den Anfang ihres Aufsatzes “Biblische Frauen in Schrift und Tradition in jüdischer Perspektive”. Sie schreibt:

Einer der wichtigsten Erträge langjähriger Erforschung der Darstellung von Frauen und Gender in der Literatur hat mit Rezeption zu tun: Gleichgültig, ob es sich um einen heiligen oder profanen, einen literarischen oder einen Rechtstext handelt und ob und wann er gelesen wurde, werden spätere Generationen seine Gender-Konzepte nicht wirklich verstehen, sondern sofort versuchen, sie zu domestizieren. Jede neue Generation hat sehr genaue Vorstellungen davon, was Frauen tun können und tun sollten, und wenn sich Frauen, denen man in älteren Texten begegnet, anders verhalten, beginnt man unversehens, dieses Verhalten zu korrigieren.

In einer Untersuchung mit dem Titel Silencing the Queen (Tübingen 2006) habe ich beschrieben, wie diese Domestizierung ablief: Frauen wurden entweder – durch Zensur oder “Herausschreiben” – vollständig aus dem Text verdrängt, oder ihre Taten wurden kleingeredet, oder sie wurden einem männlichen Beschützer unterstellt, der die Verantwortung für ihr Handeln übernahm, oder sie wurden zu Männern gemacht. Das muss nicht heißen, dass frühere Generationen Frauen wohlwollender gesonnen waren als spätere. Jede Generation erzählt ihre eigenen Geschichten, in denen sie Frauen – oftmals reale Frauen, oder fiktive Frauen, die nach realen Vorbildern entworfen sind – Außergewöhnliches sagen oder tun lässt. Den Autoren selbst entgehen die Anomalien, die sie auf diese Weise erschaffen. Wenn sie aber in den Werken ihrer Vorgänger auf solche Anomalien stoßen, drängt es sie, das Anomale zu bändigen.

Die feministische Frauenforschung hat in den 1980er und 1990er Jahren versucht, diesen Mechanismus zu durchbrechen, indem sie versucht hat, alte Texte, in denen Frauen vorkommen, historisch-kritisch zu analysieren beziehungsweise solchen Anomalien nachzugehen. Man kann diesen Mechanismus auch anwenden, um zu Beispiel Texte zu datieren: Wenn man verschiedene Versionen derselben Geschichte hat, aber nicht weiß, in welcher Reihenfolge sie entstanden sind beziehungsweise wer von wem abgeschrieben hat, so ist wahrscheinlich diejenige die ältere, in der die Frauen unkonventioneller auftreten.

Ich glaube, diese Art der Textinterpretation und Analyse lässt sich nicht nur auf eine zeitliche, historische Differenz anwenden, sondern auch auf eine kulturelle. So tendiert etwa eine eurozentristische Lesart dazu, Frauen in den Erzählungen anderer Kulturen zu domestizieren. Vor dieser Gefahr ist im übrigen auch eine feministische Interpretation nicht gefeit, wenn sie nämlich den Grad der “Emanzipation” von Frauen daran misst, inwiefern sie ähnliche emanzipatorische Forderungen erheben oder sich auf eine Weise “emanzipiert” verhalten, wie das in der Heimatkultur der lesenden Feministin üblich ist. Während die angemessene Art und Weise wäre, das Handeln von Frauen eben in den Kontext ihrer eigenen Zeit oder ihrer eigenen Kultur einzubinden.

Christoph Elsas, Edith Franke, Angela Standhartinger (Hg): Geschlechtergerechtigkeit: Herausforderung der Religionen. EBVerlag, Berlin 2014, 354 Seiten, 23 Euro.

Die Konstruktionsfehler des westlichen Liberalismus

Schon länger lag auf meinem Lesestapel der Aufsatz „Racial Liberalism“ von Charles W. Mills. Darin geht es um die Frage, inwiefern das westliche Konzept des Liberalismus nicht, wie seine Protagonisten denken, universalistisch ist, sondern dass es vielmehr das „Weißsein“ als Normalität setzt.

Mills Denken interessiert mich, weil er im Anschluss an Carol Pateman (und in Zusammenarbeit mit ihr) deren These vom „Sexual Contract“ in Bezug auf „Race“ weiterdenkt. Carol Pateman hat in ihrem 1988 erschienenen Buch gezeigt, wie die westliche bürgerliche Gesellschaft grundlegend auf dem Ausschluss von Frauen und ihrem Verweis in eine unsichtbare „weibliche“ Sphäre beruht. Ihr Buch war nicht nur ein Meilenstein, was die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer historischen Wurzeln betrifft, sondern vor allem ist es wichtig, weil es verstehen hilft, warum zum Beispiel die staatlichen Gleichstellungs- und Emanzipationsbemühungen so schleppend vorankommen und oft geradezu schädliche statt positive Folgen haben (zum Beispiel in Bezug auf die Verschlechterung der Rahmenbedingungen für Care-Tätigkeiten): Wenn es stimmt, dass die gesellschaftliche Organisation – zum Beispiel des Kapitalismus, der Parlamente, der Wissensproduktion usw. – von ihrem System her auf dem Vorhandensein einer „weiblichen“ Gegensphäre gründet, kann es natürlich nicht funktionieren, diese Sphäre einfach aufzulösen und zu sagen, Frauen sollen dasselbe machen wie Männer.

Charles Mill hat daran anknüpfend 1995 das Buch „The Racial Contract“ geschrieben, in dem er zeigt, dass auch die Differenz von „Rassen“ nicht einfach ein zufälliger Begleitumstand oder ein Betriebsunfall bei der Entstehung bürgerlicher Gesellschaften nach westlichem Muster war, sondern für diese konstitutiv.

Dass bürgerliche Gesellschaften nicht funktionieren, wenn wirklich alle Menschen in ihnen „gleich“ sind, sondern dass sie darauf angewiesen sind, bestimmte Menschen als „andere“ auszusortieren und dementsprechend auch „anders“ zu behandeln (ihnen zum Beispiel weniger Rechte, weniger Fürsorge und so weiter zuzugestehen), sehen wir ja momentan an den Debatten über den Umgang mit Geflüchteten. Menschen in anderen Teilen der Welt sind sich dieses doppelten Maßstabs westlicher Gesellschaften beim Reden über „universale Menschenrechte“ ziemlich bewusst. Dass sich die Idee der Menschenrechte nicht besser durchsetzt als sie es tut, liegt nicht daran, dass die „Unzivilisierten“ diese Idee nicht verstünden, sondern daran, dass sie nur allzu oft sehr genau merken, dass der Westen sich an seine eigenen Ideale meistens selber nicht hält  (sondern zum Beispiel nur so lange, wie ihm das keine ökonomischen Nachteile bringt).

Viele glauben, dass diese Doppelzüngigkeit des Westens daher kommt, dass wir eben alle nur Menschen sind. Dass wir sozusagen moralisch versagen, wenn es uns an den Geldbeutel geht, dass wir unsere eigenen hochgesteckten Ziele aufgrund aller möglichen Schwächen nicht erreichen.

Mills stellt hingegen die These auf, dass diese Ungerechtigkeiten  keineswegs ein Versagen dieser Prinzipien darstellen, eine Abweichung von ihnen, sondern dass sie vielmehr strukturell in ihnen verankert sind. „Racism is not an anomaly in an unqualified liberal universalism but generally symbiotically related to a qualified and particularistic liberalism.”

Nicht nur waren Vordenker der liberalen Tradition wie Locke und Kant direkt involviert: Locke investierte in die Sklaverei, Kant entwickelte selbst rassistische Konzeptionen von Menschsein (Dazu hier ein eigener Aufsatz von Mills). Bis heute ist die Beschäftigung mit Rassismus kontraproduktiv für eine wissenschaftliche philosophische Karriere – „Basically, one can choose to do race or choose to do philosophy“. Diesen Mechanismus kennen auch Feministinnen nur allzu gut: Wie viele akademisch orientierte Freundinnen von mir haben sorgfältig darauf geachtet, nur ja nicht zu viele „Frauenthemen“ zu bearbeiten!

Dass die Beschäftigung mit sozialen Differenzen unter Menschen von der normsetzenden, sich als universal imaginierenden Position als partikular und daher nicht von allgemeinem (also ihrem) Interesse verstanden wird, ist in sich bereits ein Beweis dafür, dass diese Position eben in Wirklichkeit gerade nicht universal ist, sondern ihren eigenen partikularen Standort – das Weißsein, das Mannsein, der bürgerliche Background – schlicht und einfach für „normal“ hält. Denn anders ließe es sich nicht erklären, dass Personen und Themen, die etwas anderes ins Zentrum stellen als die Befindlichkeit des bürgerlichen weißen Mannes als Abweichungen und Besonderheiten wahrgenommen werden. Für eine Frau ist es aber nichts Besonderes, eine Frau zu sein, und für einen Schwarzen ist das Schwarzsein normal.

Diese Verengung hat nun, wie Mills zeigt, auch dazu geführt, dass die in diesem Kosmos produzierten Theorien, Ideen und Narrative falsch sind, ebenso wie die Herangehensweisen. Mills kritisiert zum Beispiel die ständige Beschäftigung mit Idealen: Was ist das ideale Rechtssystem? Was ist die ideale Gesellschaft? Was ist die ideale Wirtschaft? (Dahinter steckt eben die oben skizzierte Vorstellung, dass alles, was in der Gegenwart schief läuft, daran liegt, dass sie von diesem Ideal abweicht, es noch nicht erreicht hat): „In a perfectly just society, race would not exist, so we do not (as white philosophers working in ideal theory) have to concern ourselves with matters of racial justice in our own society, where it does exist – just as the white citizenry increasingly insist that the surest way of bringing about a raceless society is to ignore race and that those (largely people of color) who still claim to see race are themselves the real racists.”

Mills schlägt  hingegen den Zugang einer „non-ideal theory“ vor, die sich auf die Analyse – und Behebung! – konkreter nicht-idealer Zustände bezieht. Man kann das am Beispiel von Maßnahmen wie Affirmative Action oder auch Gender Mainstreaming deutlich machen: Aus der Perspektive einer „idealen“ Welt sind solche Maßnahmen problematisch, weil sie möglicherweise in einem konkreten Fall für ein Individuum ungerecht sein können (und so argumentieren ihre Gegner ja immer, wenn etwa ein weißer Mann mal einen Posten nicht bekommt). Aus der Perspektive einer Theorie des „Nicht-Idealen“ hingegen geht es eben darum, mit dem Fakt, dass die Welt eben nicht ideal ist, realistisch umzugehen und Möglichkeiten und Wege zu finden, die Situation konkret zu verbessern.

Dabei ist Mills aber auch kein Relativist, der sich von allgemein gültigen Werten gänzlich verabschieden will, ganz im Gegenteil: Die Weigerung, die Konstruktionsfehler der westlichen Moderne – dass sie eben auf dem systematischen Ausschluss bestimmter Menschen aufgebaut ist – ist es seiner Ansicht nach gerade das, was den Zugang zu wirklichem Liberalismus blockiert.

„It is immediately made unmysterious why liberal norms and ideals that seem attractive in the abstract – freedom, equality, rights, justice – have proved unsatisfactory, refractory, in practice and failed to serve the interests of people of color. But the appropriate reaction is not … to reject these liberal ideals but rather to reject the mystified individualist social ontology that blocks an understanding of the political forces determining the ideals’ restricted and exclusionary application.”

Wer die liberalen Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit retten will, kann nicht einfach hingehen und die eigenen Vorstellung davon, was Freiheit und Gerechtigkeit ist zur allgemeinen Norm erheben. Diese Werte sind nur zu retten, wenn wir auch die Konstruktionsfehler, die diesen Konzepten von Beginn an innewohnen, thematisieren und Wege suchen, sie zu beheben. Und das geht nur im Bewusstsein für die Differenzen unter Menschen und einer politischen Praxis, die sich nicht am Erreichen eines Ideals orientiert, sondern am verantwortlichen Umgang mit dem Nicht-Idealen hier und jetzt.

Männer und Frauen ergänzen sich nicht gegenseitig

Über die Geschlechterdifferenz denke ich ja schon ewig nach und über ihren Zusammenhang mit dem Schwangerwerdenkönnen seit einiger Zeit besonders. Kürzlich kam mir beim Lesen dieses Textes (pdf) von Muhammad Sameer Murtaza “Der Gender-Dschihad” eine weitere Idee. Und zwar so:

Murtaza setzt sich ausführlich mit der koranischen (die biblische ist ähnlich) Beschreibung Gottes als “Barmherzigkeit” auseinander. Das Wort hat dieselbe Wurzel wie “Gebärmutter” und beschreibt also Gott auf eine gewisse Weise als mütterlich, umsorgend. Das Thema ist in der feministischen Theologie schon lange diskutiert worden: Es gibt in allen drei monotheistischen “Buchreligionen” (Judentum, Christentum, Islam) sehr unterschiedliche Gottesbilder, und eines davon ist eben dieses. Murtazas argumentiert nun, dass Frauen deshalb für die Religion (in seinem Fall den Islam) sehr wichtig sind, weil sie diese Qualität Gottes verkörpern:

So lässt sich eine Analogie ziehen, also eine Ähnlichkeit bei noch größerer Unähnlichkeit, zwischen der göttlichen Barmherzigkeit und dem Schöpfungsakt auf der einen Seite und auf der anderen Seite zur Nächstenliebe und der Fähigkeit der Frau zu Gebären. Gerade in der Pflege der Leibesfrucht lernt die Frau auf eine besondere und tiefe Weise, ihre liebende Sorge über die Grenzen des eigenen Ichs auf eine andere Person auszustrecken und auf die Erhaltung und Unversehrtheit dieses fremden Menschen zu richten. Diese Liebe, diese Fürsorge, dieses Verantwortungsbewusstsein für ein anderes Wesen, vermag uns einen Hauch eines Verständnisses von der göttlichen raḥma zu schenken, das sich in der Gott-Mensch-Beziehung … zeigt.

Bis dahin könnte ich das unterschreiben, denn die Erfahrung des “Zwei in Eins”, der unmittelbaren, in den eigenen Körper eingeschriebenen Verantwortung für ein anderes menschliches Wesen, machen eben nur Schwangere, und warum nicht darin ein Bild nehmen, das – ungenügend wie alles, was sich über Gott sagen lässt – hier eine Analogie zu dem Umhegtsein der Menschen durch das Göttliche sieht.

Allerdings bleibt es nicht dabei, sondern Murtaza fährt folgendermaßen fort – und ich zitiere das hier nicht, weil es einzigartig ist, sondern weil so ähnlich auch von jüdischen und christlichen Theologen und auch von säkularen Philosophen argumentiert wurde und wird (jedenfalls an dem Punkt, der mich hier interessiert): nämlich wie sich der Mann und das Männliche zum Schwangerwerdenkönnen der Frauen* (Frauen hier mit Sternchen, weil Frausein und Schwangerwerdenkönnen nicht deckungsgleich sind) in Beziehung setzen. Er schreibt:

Neben der Barmherzigkeit kommt auch dem Gottesnamen der Gerechte, al-ʿadl eine zentrale Bedeutung zu. Die Gerechtigkeit (ʿadl) bezeichnet das kosmologische Ordnungsprinzip der Schöpfung und kann als männlicher Zug im Gott-MenschVerhältnis verstanden werden. Die Gerechtigkeit Gottes und Seine Barmherzigkeit sind keine entgegengesetzten Begriffe, sondern sie wirken gemeinsam, um die Schöpfung zu bewahren. Übertragen wir dies nun auf das Geschlechterverhältnis, so sind sowohl das Patriarchat wie auch das Matriarchat einseitige Gesellschaftsentwürfe. Sich Gott anzunähern, bedeutet sich zu einem Gesellschaftsverständnis durchzuringen, das von einem partnerschaftlichen Verständnis von Mann und Frau geprägt ist. Die Frauen besitzen einen besonderen Einblick in die Tiefendimension der göttlichen raḥma, während die Männer einen besonderen Zugang zum Verständnis der göttlichen Gerechtigkeit besitzen. Beide Geschlechter benötigen demnach, da wir nur gemeinsam zu einer tieferen Ahnung von Gott gelangen.

Aus der faktischen Differenz zwischen Menschen, die eventuell schwanger werden können (Frauen*) und Menschen, die es mit Sicherheit nicht können (Männer*) konstruiert Murtaza also eine komplementäre Differenz: Dem besonderen weiblichen* Einblick in die Barmherzigkeit wird ein männlicher besonderer Zugang zur Gerechtigkeit komplementär gegenüber gestellt, nach dem Motto “Die einen können das und die anderen können das”, und beides ergänzt sich gegenseitig. Genau dies ist die Grundlage für das männliche dualistische Denken in Gegensätzen, die sich aus Mann-Frau heraus durch unsere gesamte Kultur ziehen.

Dem liegt aber ein entscheidender Denkfehler zugrunde, und zwar nicht nur der offensichtliche, von Feministinnen auch schon ewig kritisierte, dass natürlich sich aus der Tatsache, dass manche_viele Frauen schwanger werden nichts über Frauen generell sagen lässt, denn ich zum Beispiel war nie schwanger und habe daher ebenso wenig besonderen Zugang zur göttlichen raḥma wie ein Mann, der nicht schwanger wird. Und trotzdem bin ich eine hundertprozentige Frau.

An dieser Stelle will ich vielmehr auf einen anderen Denkfehler hinaus, der mir noch gravierender erscheint, und zwar die Vorstellung, dass eine Differenz zwischen Haben und Nicht Haben (die Erfahrung einer Schwangerschaft) eine Differenz zwischen Etwas Haben und Etwas Anderes Haben (Zugang zu Barmherzigkeit auf der einen Seite, Zugang zu Gerechtigkeit auf der anderen) wird.

Das aber ist ein logischer Fehlschluss, denn aus der Tatsache, dass jemand etwas nicht hat (zum Beispiel die Fähigkeit, schwanger zu werden), folgt ja keineswegs, dass man deshalb automatisch etwas anderes hat, und schon gar nicht, dass dieses andere das erste komplementär ergänzt. Und genauso wenig folgt aus der Tatsache, dass jemand etwas hat (zum Beispiel die Erfahrung einer Schwangerschaft), dass sie deshalb etwas anderes nicht hat (eine besondere Affinität zur Gerechtigkeit).

Jemand, der kein Auto hat, hat deshalb nicht automatisch ein Fahrrad, und jemand, der ein Auto hat, hat deshalb möglicherweise trotzdem auch noch ein Fahrrad. Ob Menschen schwanger werden können oder nicht, sagt rein gar nichts über ihre vorhandene oder nicht vorhandene Affinität zur Gerechtigkeit aus. Es gibt Menschen, die sind gerecht und barmherzig, und es gibt Menschen, die sind weder das eine noch das andere. Und es gibt Menschen, die sind das eine, aber das andere nicht.

Der Grundfehler in der Art und Weise, wie eine männliche Philosophie die Geschlechterdifferenz interpretiert, liegt darin, dass sie nicht als Differenz stehen gelassen und bestaunt wird, sondern dass man sie universalistisch im Hinblick auf ein imaginiertes Ganzes einhegt. Die Interpretation der Geschlechterdifferenz als komplimentäres Gegenüber ist eine willkürliche Interpretation, sie hat keine logische Grundlage.

Vielleicht liegt das ja tatsächlich an einer Art Gebärneid, oder an verletzter Eitelkeit, so nach dem Motto: Es kann doch nicht sein, dass die Frauen* an dieser Stelle etwas haben und die Männer – nichts. Leider ist aus diesem logischen Fehlschluss aber eine riesige symbolische Unordnung entstanden, die sich bis in die letzten Verästelungen unserer Kultur verbreitet hat und auf alle Lebensbereiche verheerend auswirkt.

 

Lesben und die Frauenbewegung

Hurra, hurra, die zweite Auflage von unserem Comic “Kleine Geschichte des Feminismus im euro-amerikanischen Kontext” ist da – und mittendrin zwei zusätzliche Seiten, in denen wir explizit noch mal die wichtige Bedeutung von Lesben vor allem in der so genannten “zweiten Welle” anreißen. Auf diese Leerstelle hatten mich einige Freundinnen nach Erscheinen des Comics aufmerksam gemacht – dafür ihnen an dieser Stelle herzlichen Dank.

Von den vielen Theoretikerinnen, die sich dabei nennen ließen, habe ich Monique Wittig und Adrienne Rich ausgewählt, weil sie zwei der bekanntesten Formulierungen dazu in die Welt gesetzt haben: Wittig die radikale These “Lesben sind keine Frauen” und Rich die Idee eines “lesbischen Kontinuums”, das nicht nur gleichgeschlechtlich liebende Frauen umfasst, sondern alle.

Aber seht selbst (Der Link führt zu dem pdf der neuen zwei Seiten, die im gedruckten Buch an der entsprechenden Stelle eingefügt wurden. Denn wir wollen sie ja auch nicht denen vorenthalten, die sich das Buch bereits in der 1. Auflage gekauft haben – vielleicht könnt Ihr es euch einfach ausdrucken und einkleben :)))

51kgVkRQU3L._SX303_BO1,204,203,200_Für alle, die in das Thema genauer einsteigen wollen, sei wärmstens das kürzlich erschienene Buch von Cristina Perincioli: Berlin wird feministisch. Das Beste, was von der 68er Bewegung blieb (Querverlag, Berlin 2015, 242 Seiten, 24,90 Euro) empfohlen. Perincioli war damals selbst Aktivistin und schildert die Ereignisse einerseits aus ihrer persönlichen Perspektive, andererseits hat sie aber auch Quellendokumente, viele, viele Fotos und Erinnerungen anderer Zeitzeuginnen zusammengetragen.

Beim Lesen wurde mir wieder einmal klar, wie wohltuend kreativ und souverän die Frauen_(und/oder)_Lesben damals Politik machten und wie wenig ihre Ideen und Praktiken mit bloßen Gleichstellungsforderungen oder dem Wunsch nach Anerkennung durch die bestehende patriarchale und heteronormative Ordnung zu tun hatten. Das wird nicht nur über die Inhalte deutlich, sondern auch durch die Form. Perincioli liefert keine distanziert pseudo-“objektive” Geschichtsschreibung, sondern zieht mitten rein in die Diskussionen, Ideen, Aktionen.