Besondere Umstände – Episode 5

Heute morgen haben Benni Bärmann und ich wieder gepodcastet.

Angefangen haben wir mit dem Cliffhanger vom letzten Mal – Facebook oder die Frage: Wie korrumpierbar sind Beziehungen?

Danach haben wir über das Buch von Diotima gesprochen, das ich zusammen mit Dorothee Markert übersetzt habe und das Benni inzwischen gelesen hat: Macht und Politik sind nicht dasselbe. Benni fragt vor allem an, ob in dem Ansatz nicht die Analyse von Strukturen zu kurz kommt? Dann ging es noch um so Sachen wie was “Ende des Patriarchats” heißt, was es mit der “symbolischen Ordnung” auf sich hat, und wie das Ganze in die gegenwärtigen Debatten der Linken oder der Frauenbewegung einzusortieren wäre.

Außerdem stellen wir die derzeit viel diskutierte (hier und hier und hier) Frage, ob 2012 für den Feminismus im Netz ein gutes oder schlechtes Jahr war? (Spoiler: Ich finde, ein gutes).

Und zum Schluss geht es um ein Wort, das Benni eigentlich schon in Episode 3 zur Sprache bringen wollte: Stigmergie. Ein interessantes Konzept zur Organisation von Zusammenarbeit.

Und: Kein Cliffhanger diesmal, eher sogar das Gegenteil!

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Macht und Politik sind nicht dasselbe

So, das Buch ist da, yippie: “Macht und Politik sind nicht dasselbe”, die neueste Sammlung der Philosophinnengemeinschaft Diotima aus Verona, die ich zusammen mit Dorothee Markert übersetzt habe. Das Projekt hat mich den ganzen letzten Herbst und Winter auf Trab gehalten, jetzt kann es endlich raus in die Welt.

Finanziert hat das Ganze die Erika Wisselinck-Stiftung – tausend Dank dafür. Erschienen ist es im Ulrike Helmer-Verlag, kosten tut es 19,95 Euro, und hier ist der Trailer. Have fun and share!

Nähere Informationen dazu stehen hier. Die Buchpräsentation ist kommenden Mittwoch in München, weitere Termine, die bisher feststehen, sind Laatzen, Frankfurt am Main und Wetzlar. Näheres in meinem Terminkalender.

Politische Praxis: Regeln ausdenken, ausprobieren, evaluieren

Nachdem ich vorgestern über Parteien und Frauen gebloggt hatte – und in den Kommentaren viel über die Piraten diskutiert wurde – war ich gestern Nachmittag bei einem Arbeitstreffen mit politischen Freundinnen. Wir sprachen auch über die Unterscheidung von Macht und Politik, die ich sehr wichtig finde (ich übersetze zusammen mit Dorothee Markert gerade ein Buch zu dem Thema), die anderen aber standen meinen Thesen skeptisch gegenüber. Sie verwiesen auf die Erfolge, die es in vielen Institutionen, auch bei den etablierten Parteien, durch eine gezielte feministische Machtpolitik gegeben habe.

Eine erzählte zum Beispiel von den guten Erfahrungen, die sie bei den Jusos mit quotierten RednerInnenlisten gemacht hat: Männer und Frauen reden immer abwechselnd, und sobald sich zu einem Thema keine Frau mehr meldet, wird darüber auch nicht weiter diskutiert (ich habe nicht gefragt, ob das andersrum auch für Männer gilt).

Das Verfahren besticht durch seine Einfachheit und seine Vorteile. Bekanntlich ist es ja ein wesentlicher Punkt, der vielen Frauen an der derzeitigen parteipolitischen Kultur nicht gefällt, dass viel über Sachen geredet wird, die die Frauen nicht so wichtig finden, und sie beklagen sich häufig, dass Männer durch lange und redundante Wortbeiträge Sitzungen in die Länge ziehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Parteisitzungen (oder auch die anderer Organisationen), bei denen so verfahren wird, für Frauen attraktiver sind.

Aber natürlich liegen auch die Nachteile auf der Hand. Zum Beispiel ist es ja auch möglich, dass zu einem Thema Männer mehr zu sagen haben als Frauen. Außerdem spitzt ein solches Verfahren die Differenzen zwischen Menschen auf die eine prinzipielle Differenz zwischen Frauen und Männern zu, womit diese Kategorie in gewisser Weise zementiert wird, während andere Unterschiede (Herkunft, Alter, soziale Position) nicht berücksichtigt werden.

Gibt es eine Möglichkeit, aus diesem Dilemma rauszukommen?

Mir fiel auf dem Nachhauseweg ein Text von Chiara Zamboni über politische Praxis ein. Darin schreibt sie: „Eine Praxis ist ein Prozess, der in Gang gesetzt wird, um erfinderisch auf einen bestimmten Kontext zu reagieren und damit dafür zu sorgen, dass er sich verändert. Ihre Auswirkungen sind weder planbar noch vorhersehbar, aber sie können während des Prozesses selbst wahrgenommen und eingeschätzt werden.“

Als Beispiel führt sie eine Praxis der Philosophinnengemeinschaft Diotima an. Eine ihrer Schwierigkeiten war anfangs, dass beim Diskutieren sehr häufig Bezug genommen wurde auf das, was andere („berühmte“) Philosophen gesagt hatten – wie es ja in akademischen Kontexten häufig der Fall ist. Statt also selbst zu sprechen und die eigenen Ideen zu formulieren, wurden die in universitärer Weise immer gleich in Beziehung zu einer vorgegebenen Tradition gesetzt. Das machte die Diskussionen langweilig und unfrei. Daher gaben sie sich eine Regel: Nicht mehr zitieren. Niemals und niemanden.

Diese einfache,  kleine Regel erwies sich im Lauf der Jahre als überaus fruchtbar. Die Denkerinnen lösten sich im Lauf der Zeit von der ständigen Bezugnahme auf die überlieferte symbolische Ordnung und wurden sich selbst (und sich gegenseitig) der Maßstab ihrer Diskussionen. Das in der gegenwärtigen Debatte gesprochene Wort wurde wichtiger als der Bezug auf vorausgegangene und kanonische Texte.

Nachdem das passiert war, wurde die Regel wieder aufgegeben, weil sie nicht mehr nötig war. Die neue Praxis hatte dazu geführt, dass sich die Diskussionskultur auf eine Weise verändert hatte, dass die Bezugnahme auf „berühmte“ Philosophen keine Gefahr mehr für das eigenständige Denken und Sprechen der beteiligten Frauen darstellte.

Ich denke, dass dieser Prozess das eigentliche Wichtige dabei ist, wenn sich Organisationen, die mit einer bestimmten Situation unzufrieden sind, Regeln geben. Der Prozess, dass durch die Regeln eine neue Kultur entsteht, wodurch die Regel als solche dann überflüssig wird.

So wäre das eine Herangehensweise, um das oben angesprochene Dilemma zu lösen. Formale Regeln, die sich eine Partei, eine Organistion gibt, die zum Beispiel unzufrieden damit ist, dass Frauen sich nicht in gleichem Maße beteiligen wie Männer – Quoten, abwechselnde RednerInnenlisten etc. – sind nicht zu verstehen als endgültige Lösungen, sondern als der Versuch, eine neue Praxis auszuprobieren.

Die Frage wäre also nicht, ob Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten per se gut oder schlecht, sinnvoll oder sinnlos sind, sondern ob sie in dem bestimmten Kontext hilfreich sind, die Realität in eine bestimmte, gewünschte Richtung zu bewegen. Tun sie das nicht, so besteht die Aufgabe darin, andere Regeln, andere Vereinbarungen zu erfinden. Damit zu experimentieren.

Und noch etwas ist wichtig: Es ist nicht möglich, schon vor der Vereinbarung, eine neue Praxis auszuprobieren, zweifelsfrei vorherzusagen, wie sie sich auswirken wird. Es ist immer ein Experiment, ein Anfang, und man muss beobachten und reflektieren, wie sich das entwickelt.

Regeln als experimentellen Weg für eine politische Praxis zu sehen (und nicht als Patentlösungen) wäre meiner Meinung nach ein Ausweg aus der falschen Alternative, die derzeit zum Beispiel im Zusammenhang mit der niedrigen Attraktivität der Piratenpartei für viele Frauen geführt wird: Frauenquoten einführen oder Nichtstun? Das ist genau nicht die Frage. Jede Organisation muss die für sich und ihren Kontext geeigneten Vereinbarungen und Experimente erfinden (wobei ich aber durchaus der Meinung bin, dass die Piraten sich ruhig für die Erfahrungen, die andere Parteien mit ihren Regeln machen, interessieren könnten).

Wenn bestimmte Kulturen eingeschliffen sind, dann ist Nichtstun jedenfalls keine Option. Das zeigt mir das Beispiel von Diotima, wo es ja noch nicht einmal feministisch geschulten Philosophinnen gelungen ist, sich von der Verhaftung in der traditionellen akademischen Zitiererei zu lösen, ohne sich eine klare, einfache Regel zu geben. Regeln sind natürlich immer eine Einschränkung der situationsbezogenen Freiheit, aber ohne Regeln – oder besser: klare, experimentelle Vereinbarungen zum gemeinsamen Vorgehen – ändern sich eingefahrene Strukturen nun einmal nicht. Weil sie uns allen in Fleisch und Blut und Kopf drinstecken.

Allerdings ist es – und das ist ein Problem, das ich bei den quotierten Parteien beobachte – eben auch nicht damit getan, fixe Regeln wie Quoten oder abwechselnde RednerInnenlisten einzuführen. Das ist nur der Anfang. Genauso wichtig ist, zu beobachten, wie sie funktionieren, ob sie die erwünschte Wirkung haben oder nicht, sie gegebenfalls auch wieder aufzugeben – zum Beispiel dann, wenn sie unerwünschte Folgen haben, wenn sie wirkungslos sind, oder auch (was natürlich das Beste wäre), wenn sie nicht mehr gebraucht werden.


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„Es geht um eine neue Praxis des Philosophierens“

Eben habe ich zufällig gesehen, dass es ein Video gibt, auf dem Chiara Zamboni, eine der Mitbegründerinnen der philosophischen Gemeinschaft Diotima an der Universität von Verona, erklärt, wie Diotima entstanden ist und welche Entwicklung dieser Richtung des italienischen Feminismus seither genommen hat. Die Frauen von Diotima sind ja durch persönliche Kontakte und durch ihre Bücher, die teilweise ins Deutsche übersetzt wurden, auch hier zu Lande bekannt. Über ihre Mitbegründerin Luisa Muraro sind sie auch eng mit dem Mailänder Frauenbuchladen verbunden.

Auch wenn das Video auf Italienisch ist, ist es für manche vielleicht spannend, Chiara Zamboni mal “live” zu hören.

Sie erzählt in dem Video, wie sich die Diotima-Philosophinnen, ausgehend von dem Wunsch, philosophisch zu arbeiten und dabei gleichzeitig die Tatsache, eine Frau zu sein, präsent zu halten, einen symbolischen Ort an der Universität und in der Welt geschaffen haben. Dabei kommt es nicht nur auf die Inhalte des Philosophierens an, sondern vor allem auf eine andere Praxis: Die Abkehr vom Zitatenwissen, das Schaffen eines Raumes, in dem Worte von Autorität zirkulieren können und so gemeinsam Neues entstehen kann, Ideen, die über das schon Gedachte hinausgehen.

Für die, die kein Italienisch können: Einiges davon erläutert Zamboni auch in einem Text, den es im Forum bzw-weiterdenken auf Deutsch gibt. Er hat den Titel “Ein philosophischer und politischer Streit über das Verständnis von Praxis”. Darin beschreibt sie außerdem, was den Denkansatz von Diotima von den Foucault-inspirierten Dekonstruktivismusansätzen unterscheidet (der in Deutschland den akademischen Feminismus ja stark geprägt hat).

Hier im Blog hatte ich kürzlich schon mal einen kleinen Auszug aus Zambonis neuem Buch “Pensare in presenza” übersetzt.