Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Social Media

Wanderschuhe

Da war der Fuß noch nicht verknackst.

Eine häufige Kritik an Social Media und vor allem an Facebook ist, dass die Menschen dort vor allem ihre positiven Seiten präsentieren würden, sich selbst in ein gutes Licht rücken, und dass das zu Neid bei den anderen Nutzer_innen führen würde. Irgendwas an dieser Darstellung hat mich schon immer gestört, aber ich konnte es nicht recht fassen. Jetzt habe ich aber eine Idee.

Vergangene Woche war ich Wandern im Elsass und am Freitag knickte ich dabei um und verstauchte mir leicht den Knöchel. Das postete ich auf meiner Facebook-Pinnwand, wobei tatsächlich auch sacht leise im Hinterkopf die Mahnung pochte: Schreib doch nicht immer die tollen Sachen dahin, die du machst, sondern auch mal was Negatives.

Der Post bescherte mir kaum Likes (wem sollte es denn auch gefallen, dass ich mir den Knöchel verknackse), aber ein paar besorgte Mails und Ratschläge, was nun zu tun sei. Und das gab mir zu denken: Wenn Aufmerksamkeit das rare Gut im Internet ist, wieso habe ich die Aufmerksamkeit meiner Kontakte mit meinem popeligen verknacksten Knöchel in Anspruch genommen? So sehr, dass manche sich sogar Sorgen um mich machten? Ist Facebook für so was ein sinnvolles Medium?

Darüber fiel mir auf, dass ich eigentlich auch nicht so gerne “negative” Postings von anderen lese, und zwar genau aus dem Grund, dass ich mir dann überlegen muss, ob und was ich eventuell darauf antworte. Denn auch wenn es sich bei Social-Media-Plattformen nicht um Medien für ausschließlich enge Freund_innen handelt, sondern eher um die Organisation von “schwachen Kontakten”, so handelt es sich aber doch letztlich um Beziehungen.

Es ist also ein Unterschied, ob ich in der Zeitung lese, dass sich irgend eine Promi beim Wandern den Knöchel verknackst hat, oder ob ich das bei Facebook von einer alten Schulfreundin, einem Arbeitskollegen oder auch nur von jemandem lese, mit dem ich schon regelmäßig in Kommentarspalten unserer Blogs diskutiert habe. Bei der Promi in der Zeitung sind keinerlei Beziehungen involviert, ich kann ihr Unglück voyeuristisch zur Kenntnis nehmen, vielleicht beruhigt es sogar meinen Neid darauf, dass sie zu den Schönen und Reichen gehört, denn immerhin verknackst sie sich ja auch den Knöchel.

Eine solche Haltung kann ich aber nicht Leuten gegenüber einnehmen, die ich persönlich “kenne”, auch wenn das Kennen nur sehr lose und sporadisch sein mag. Andererseits wäre ich aber auch emotional überlastet, wenn ich die verknacksten Knöchel all meiner Facebook- und Twitter-Kontakte auch nur zur Kenntnis nehmen wollte – von ihren wirklich ernsthaften Problemen ganz zu schweigen.

Und deshalb glaube ich, dass die intuitive Praxis der Nutzer_innen von Sozialen Medien, dort eher die positiven Aspekte ihres Lebens zu veröffentlichen, aber nicht die negativen, eine sehr sinnvolle ist: Sie vermeiden damit, ihrer Timeline zuviel “Beziehungskapazitäten” abzuverlangen. Natürlich kommt dabei unterm Strich ein geschöntes Gesamtbild ihrer Existenz heraus, aber warum sollte das ein Problem sein?

Ja, der Neid, den das angeblich bei den anderen auslöst. Das Argument überzeugt mich aber nicht wirklich. Denn erstens gleicht es sich unterm Strich wieder aus (wenn ich selber nur die positiven Aspekte poste, dann gehe ich doch wohl davon aus, dass die anderen das eher auch so handhaben). Und zweitens ist Neid nur unter einer bestimmten kulturellen Perspektive etwas Schlechtes. Man kann ihn auch als Ausdruck eines Begehrens sehen, also als eine produktive Kraft: Wenn ich bei einer anderen etwas sehe, das ich auch gerne hätte, dann hilft mir das selbst bei der Orientierung, ich komme dadurch unter Umständen auf Ideen, kann mich ermutigt fühlen oder inspiriert. (Über das Verhältnis von Neid und Begehren habe ich früher schonmal was geschrieben.)

Positive Postings über eigene Erlebnisse und Erfahrungen haben, so meine These, in Sozialen Medien eine produktive Energie, sie machen eher glücklich als depressiv, und zwar nicht nur diejenigen, die sie posten, sondern auch diejenigen, die sie lesen. Und zwar auch dann, wenn der erste Impuls der Lesenden vielleicht “Neid” sein mag.

Postings über persönliche Unglücke oder Probleme hingegen sind im Kontext von Sozialen Medien eher unproduktiv, sie verbreiten sozusagen “negative vibrations”. Sie setzen die Lesenden unter einen gewissen Druck, sich zu überlegen, ob sie nun reagieren sollen und wie: Beileid aussprechen, Hilfe anbieten, whatever. Sie erfordern also “Beziehungsarbeit”, und die wird zwar häufig unterschätzt, ist aber anstrengend und kräftezehrend.

Von daher machen wir es, entgegen allen Unkenrufen, genau richtig, wenn wir in Sozialen Medien ein geschöntes Bild unserer eigenen Existenz malen und über Probleme, Sorgen, Unglücke und so weiter nur in Ausnahmefällen etwas posten. Hier ist es besser, sich direkt an denjenigen Kreis von Freund_innen zu wenden, von denen man sich wirklich Hilfe oder Unterstützung erhofft oder erbittet, aber sie nicht einfach unadressiert zu veröffentlichen.

Please discuss.

PS: Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.

PPS: Anders verhält es sich mit “politischen” Problem-Postings, also mit Nachrichten und Hinweisen auf Unglücke oder Problematisches, das nicht mich persönlich betrifft, sondern eine politische, gesellschaftliche Dimension hat. Der Unterschied liegt eben genau darin, dass solche Posts Informationscharakter haben und nicht eine Reaktion auf der Beziehungsebene erfordern.

Das dumme Gerede von Zensur

Dem Journalisten Jürgen Domian wird “angst und bange” um die Meinungsfreiheit, weil Facebook – versehentlich, wie der Konzern inzwischen mitgeteilt hat – einige seiner Posts gelöscht hat. Unheilsschwanger fragt er in die Runde seiner über 70.000 Facebook-Fans: “So etwas darf man nicht mehr schreiben? Hier schon übt Facebook Zensur aus?” Und natürlich wurde Domians demokratiebesorger Aufschrei massenweise in den Netzwerken herumgereicht und auch jede Menge Zeitungen haben es wiederholt: Facebook übt Zensur aus!

Mir hingegen wird angst und bange, weil offenbar selbst professionelle Journalist_innen nicht mehr wissen, was Zensur eigentlich ist: Nämlich ein von staatlicher Seite unter Strafandrohung verhängtes Verbot, bestimmte Ansichten und Meinungen öffentlich zu äußern. Stephan Urbach hat das kürzlich schon in seinem Blog dankenswerterweise klargestellt.

Es kann doch eigentlich nicht so schwer sein, den Unterschied zu verstehen zwischen der Weigerung eines Seitenbetreibers, bestimmte Ansichten auf seiner Plattform zu verbreiten, und einem generellen Verbot, diese Ansichten überhaupt öffentlich äußern zu dürfen. Es vergeht kaum eine Woche, wo mir selbst nicht auch Zensur vorgeworfen wird, wenn ich Kommentare lösche, die ich auf diesem Blog nicht haben will. Jürgen Domian hat allen Platz der Welt, das Internet (und nicht nur das) mit seinen Meinungen vollzuschreiben, genauso wie all die Leute, deren Kommentare ich weglösche.

Natürlich gibt es einen gewissen Unterschied zwischen meinem Blog und Facebook, der aber vor allem ein quantitativer ist: Facebook ist als Plattform sehr viel relevanter. Aber genausowenig wie ich hat Facebook irgendeine Möglichkeit, Menschen in Deutschland daran zu hindern, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Wir beide, Facebook und ich, können lediglich verhindern, dass bestimmte Meinungen auf den von uns zur Verfügung gestellten Plattformen veröffentlicht werden, was im Fall meines Blogs zugegebenermaßen leichter zu verschmerzen ist. Trotzdem: Was Facebook hier macht, das ist keine Zensur, sondern eine Form der Kommentarmoderation. Möglicherweise eine, die nicht gefällt, möglicherweise auch eine, die staatlich reglementiert werden muss, aber eben keine Zensur.

Ganz abgesehen davon, dass sich dieselben Leute, die sich über die angebliche Facebook-Zensur gegen Jürgen Domian echauffieren, sich genauso darüber echauffieren, dass Facebook andere Postings – die von der NPD zum Beispiel – nicht weglöscht.

Die Frage der Meinungsfreiheit im Internet ist eine sehr ernsthafte, und alle Plattformbetreiber_innen, die Postings oder Kommentare von anderen zulassen, stehen vor dem Problem, wie sie mit unqualifizierten, vom Thema ablenkenden, die Rechte anderer verletzender oder einfach nur blödsinnigen Beiträgen umgehen.

Dabei muss man sich klar machen, dass es dafür keine objektiven, verallgemeinerbaren Kriterien geben kann. Deshalb schätze ich Filterbubbles. Bei Facebook handelt es sich vor allem um ein Kapazitätenproblem. Irgendwelche Leute müssen sich halt durch den ganzen Wust von Beschwerden arbeiten. Also ich kann verstehen, dass da auch mal was danebengeht. Ich lege auch keine Hand dafür ins Feuer, dass ich nicht gelegentlich Kommentare lösche, die es eigentlich verdient hätten, stehen zu bleiben. Auch bei mir ist das letzten Endes ein Kapazitätenproblem.

Ich denke auch, dass ab einer gewissen Größe und Relevanz einer Plattform seitens der Allgemeinheit Vorgaben gemacht werden müssen, in welcher Form diese Moderation von User-Beiträgen stattzufinden hat. Facebook fällt ganz sicher in diese Kategorie. Es kann nicht sein, dass bei einer Plattform von dieser Verbreitung den Betreibern einfach freie Hand gelassen wird, nach eigenem Gusto dies oder jenes wegzulöschen oder nicht. Es besteht ein öffentliches Interesse daran, dass es hier halbwegs gerecht zugeht und keine prinzipiellen Ausschlüsse stattfinden. Nur hat das Ganze eben nichts mit der Bekämpfung von Zensur zu tun.

Im übrigen finde ich auch, dass die Frage der “Zensur” sich tatsächlich nicht auf staatliche Eingriffe beschränken sollte. Das, was im Zentrum der Zensur steht, ist nicht, dass sie vom Staat ausgeübt wird, sondern dass mit Gewalt bestimmte Meinungsäußerungen verhindert werden. Der Staat spielt hierbei nur deshalb eine besondere Rolle, weil er in Deutschland das Gewaltmonopol hat. Theoretisch.

Denn man muss ja fragen: Hat der Staat im Bezug auf die freie Meinungsäußerung im Internet wirklich das Gewaltmonopol? Ist der Staat wirklich die einzige Instanz, die mich unter Androhung von Gewalt davon abhalten kann, bestimmte Meinungen öffentlich zu äußern?

Bisher ja wohl eher nicht. Viele Hetz-Meinungsäußerungen gegen die jenigen, die im Internet zum Beispiel feministische Meinungen äußern, sind ganz klar Gewaltandrohung (und wahrscheinlich passiert ähnliches auch in anderen Fällen. Wenn ich mich hier auf die “Zensur” gegen feministische Blogs oder Postings beschränke, dann nicht, weil ich Exklusivität beanspruche, sondern weil ich mich damit am besten auskenne).

Ich weiß von vielen Frauen, die ihre Meinung genau deshalb nicht ins Internet schreiben, weil sie befürchten, angegriffen, beschimpft, verunglimpft, bedroht zu werden. Auf maskulinistischen Seiten kursieren explizite Drohungen gegen mich, mit Link auf Adresse und alles. Ich lasse mich davon bekanntlich nicht abhalten, trotzdem ins Internet zu schreiben, was ich will, aber das ist kein Gegenargument: Auch unter den Bedingungen staatlicher Zensur haben sich immer wieder Leute gefunden, die trotzdem verbotenerweise ihre Flugblätter und Zeitungen gedruckt und verbreitet haben. Aber Gewaltandrohungen im Netz sind nicht “virtuell”, denn es sind reale Menschen aus Fleisch und Blut, die davon Angst kriegen, oder auch einfach nur entmutigt werden oder die Lust verlieren. Auch staatliche Zensurmaßnahmen greifen nicht erst dann, wenn Leute deswegen in den Knast wandern, sondern bereits präventiv, weil sie Leuten Angst machen.

Die Gewaltandrohungen gegen Frauen im Internet, diese “Zensurmaßnahmen”, sind tatsächlich effektiv – anders als die angebliche Facebook-Zensur gegen Jürgen Domian. Und anders als bei anderen Formen von privater Gewalt schützt der Staat ihre Meinungsfreiheit im Internet nicht, denn es gibt derzeit keinerlei wirksame Möglichkeit, zum Beispiel als Bloggerin staatliche Hilfe zu bekommen, wenn man  solchen Angriffen ausgesetzt ist.

Ich habe den Eindruck, dass es vor allem Männer mit gewissen Privilegien sind, die diese beiden Sachen verwechseln: Sie glauben, wenn sie ihre  Meinung nicht jederzeit und überall veröffentlichen dürfen, sei das dasselbe, als wenn sie sie gar nicht veröffentlichen dürfen. Also “Zensur”. Aber das sind Szenarien, von denen weniger privilegierte Menschen nicht mal träumen. Ihnen ist es nämlich vollkommen klar, dass sie ihre Meinung nicht jederzeit und überall laut sagen können. Es würde ihnen schon reichen, wenn sie sie überhaupt in Ruhe und ohne Angst vor Gewaltandrohungen öffentlich sagen könnten.

Euer Facebook-Gejammere nervt!

Seit geraumer Zeit ärgere ich mich über das Facebook-Gejammere dieser “Netzgemeinde”. Der gefühlt fünfttrillionste Artikel mit der Überschrift “Facebook nervt” von Maik Söhler aus der heutigen taz ist jetzt mal der Anlass, darüber zu bloggen.

Der Hauptgrund, der von den Facebook-Verächterinnen vorgebracht wird, ist natürlich die Bevormundung dieser Plattform. Alle drei Tage werden wieder irgendwelche Einstellungen verändert, man hat keinerlei Kontrolle (haha) über das, was einer so in die Timeline gespült wird. Undurchsichtige Algorithmen schreiben mir vor, was ich lesen soll, lauter langweiliges Zeug kommt da oder – oh Göttin! – Werbung, die ich nicht bestellt habe. Die Daten gehören sowieso Herrn Zuckerberg, alles was ich bei Facebook poste, wird überwacht, ausgenutzt und im Zweifelsfall gegen mich verwendet. Und dann diese ganzen Poesiealbumssprüche.

Ja, das stimmt alles.

Und ja, es gibt viele schönere Orte im Internet, zum Beispiel Blogs oder Twitter oder noch irgendwelche anderen Seiten, die noch viel nerdiger und selbstbestimmter und unüberwachter sind. Und das ist gut so, und es spricht nichts dagegen, sie zu nutzen.

Aber.

Es ist halt einfach so, dass die allermeisten Menschen, wenn sie überhaupt irgendwo in diesem “sozialen Netz” sind, bei Facebook sind und nicht anderswo. Laut aktueller Online-Studie von ARD und ZDF nutzen 43 Prozent der Internetnutzerinnen “soziale Netzwerke” (faktisch: Facebook), während nur 8 Prozent bloggen und nur 4 Prozent bei Twitter sind. Und warum ist das so?

Ich behaupte, dass der Grund gerade der “bevormundende” Ansatz von Facebook ist. Menschen, die nicht schon seit den Anfangsjahren auf Twitter sind, finden sich da nämlich kaum zurecht. Ich kann mich erinnern, dass es mir selbst anfangs ziemlich komisch vorkam, und dabei war Twitter im Jahr 2009 noch lange nicht so komisch wie es jetzt ist. Es ist in der Zwischenzeit praktisch eine eigene Sprache entstanden, eine eigene Kultur, mit eigenen Codes usw., die man beherrschen muss, wenn man irgendwie Spaß haben will. Es ist, als ob man auf eine Party geht, die schon seit Tagen läuft, wo man niemanden kennt (die anderen kennen sich aber schon seit Kindertagen) und das Ganze auch noch auf einem fremden Planeten, ohne Sprachkenntnisse und ohne Wissen, wie man sich hier benimmt. Und wem von diesen Millionen Twitterinnen soll ich folgen? Und wie mache ich auf mich aufmerksam, mit null oder zwei Followerinnen am Anfang?

Von zehn Menschen, die ich überrede, auf Facebook oder Twitter zu kommen, bleiben bei Facebook acht bis neun da, bei Twitter höchstens eine.

Bloggen ist leider auch keine Alternative. Für ein neues Blog Aufmerksamkeit zu bekommen, ist heute viel schwerer als vor drei, vier Jahren noch. Und Mitdiskutieren in den Kommentaren? Meine Güte, reihenweise Bloggerinnen machen neuerdings ihre Kommentare ja wieder zu, weil sie den ätzenden Tonfall, der dort normalerweise herrscht, selbst nicht ertragen. Wieso sollte sich eine Neu-Netz-2.0-Bürgerin das antun?

Es ist schwer, in diesem sozialen Internet-Dingens Fuß zu fassen, wenn man nicht selbst schon lange drin ist.

Bei Facebook ist das anders. Da findet jede Neuanfängerin gleich Freundinnen, die werden ihr praktisch auf die Nase gebunden. Da ist die Hürde, auch selbst mal was in dieses gefährliche Internet hineinzuschreiben, gering, zum Beispiel kann sie erstmal vorsichtig mit einem “gefällt mir” beginnen.

Um sich relevante Timelines zusammen zu stellen, braucht man Know-How, Wissen und Zeit. Bei Facebook nicht, da ist – den bevormundenden Algorithmen sei Dank – gleich schon mal was. Und was versierte Timeline-Konfiguriererinnen als Bevormundung empfinden, ist für Leute, die nicht wissen, was eine Timeline ist, geschweige denn, wie sie funktioniert, ein hilfreiches Tool.

Mir gefällt Facebook auch nicht, aus all den guten Gründen, die momentan so ausufernd ins Internet geschrieben werden.

Mir gefällt Facebook aber sehr, sehr gut, weil ich dort all die Menschen treffe, mit denen ich mich gerne austauschen möchte. Facebook ist der einzige Ort im Internet, wo ich sie treffe. Ich treffe sie nicht auf Twitter, ich treffe sie nicht in meinem Blog (manche lesen, aber fast nie kommentieren sie).

Und da kann ich selbst auch etwas dazu tun, dass sich die notwendige Medienkompetenz etwas verbreitet. Ich kann Bekannte darauf hinweisen, dass es nicht so cool ist, wenn sie Fotos von Dritten posten, ich kann Hinweise zum Urheberrecht und zur Datensicherheit anbringen. Ich kann erklären, was “lol” bedeutet oder wie man Herzchen macht.

Und vielleicht kommt dann irgendwann der Punkt, wo sich die Facebook-Nutzerinnen dann auch jenseits davon umschauen. Der Punkt, wo sie auch mal in einem Blog zu kommentieren, oder sich Twitter anzuschauen, oder was es dann irgendwann mal geben wird. Und deshalb bin ich bei Facebook und werde es auch noch solange bleiben, wie es nötig ist.

Meinen Netzschwerpunkt muss ich dort freilich nicht  haben, aus all den genannten guten Gründen nicht. Aber weil ich daran interessiert bin, dass die Möglichkeiten, die das Internet bietet, nicht nur Spielwiese für ein paar Spezialinteressierte bleibt, sondern ein Tool wird, das für Frau Meier und Frau Müller so selbstverständlich ist wie heute das Telefon – deshalb bin ich  Facebook dankbar dafür, dass es eine Plattform bietet, die den Zugang zum interaktiven Internet leicht macht. Eine Plattform, die die Schwellen niedrig hängt, die lockt und verlockt, und die offenbar schafft, was andere Plattformen eben nicht schaffen.

Facebook ist momentan sozusagen der Durchlauferhitzer, der eine Brücke baut zwischen denen, die “drinnen” sind und denen, die noch “draußen” sind. Und das ist gut so.

Was ist “Verletzung der Privatsphäre”?

In der Papier-Sonntaz gibt es (leider nicht online) einen Artikel von Johannes Gestert mit dem Titel “Die Enthüllung”, der sich kritisch mit der Gesichtserkennung bei  Facebook auseinandersetzt.

Darin gibt es einen Absatz, der meines Erachtens sehr deutlich den kulturellen Konflikt zeigt, um den es meiner Meinung nach beim Stichwort “Privatsphäre” geht:

Der Fotograf Wolfram Hahn hat für ein Fotoprojekt junge Leute über ihre Onlineprofile befragt. Manche fanden ihn unverschämt, als er sie auf ihre Bilder ansprach. Als würde er in ihre Privatsphäre eindringen. Dabei stand alles im Netz.

Die Vorannahme hinter dieser Argumentation ist: Wenn etwas im Netz steht, dann kann es nicht mehr privat sein, dann kann jeder alles mit diesen Daten machen. Es wird so dargestellt, als sei das Rechts- und Unrechtsempfinden der hier zitierten Jugendlichen dumm und naiv. Wenn ihr das Zeug ins Netz stellt, dürft ihr euch nicht beschweren, wenn andere das entgegen euren Intentionen verwenden.

Dies Argumentation ist aber unsinnig, sobald man sie etwa aus dem Netz heraus in die analoge Welt überträgt. Dann würde sie nämlich sinngemäß bedeuten: Du veranstaltest eine Party und lässt dabei auch fremde Leute in dein Haus. Dann musst du dich auch nicht wundern, wenn die deinen Weinkeller austrinken.

Im analogen Leben gibt es durchaus ein Bewusstsein dafür, dass man nicht alles, was man machen kann, auch machen darf. Dass nicht alles, wozu man Zugang hat, einem auch gehört und beliebig verwendet werden darf. Warum sollte das im Internet nicht möglich sein? Warum soll die Erwartung der Jugendlichen, dass ein Fotograf versteht, dass private Fotos, die in einem sozialen Netzwerk gepostet werden, nicht dazu gedacht sind, für seine professionellen Projekte verwendet zu werden, falsch sein? Und wie kommt er dazu, diejenigen, die ihn auf seine ungehörigen Übergriffe hinweisen, für naiv und dumm zu erklären?

Das eigentliche Problem liegt vielleicht darin, dass wir dieses Bewusstsein davon, dass sich manches eben “nicht gehört”, selbst wenn kein Polizist dabei steht, der das verhindert, auch im analogen Leben zunehmend verlieren. Und das wiederum führt dazu, dass viele dieser Jugendlichen, die da angepisst reagieren, wenn jemand ihre im Netz zugänglichen Dateien entgegen ihrer offensichtlichen Intention verwendet, selbst auch eher skrupellos sind, wenn es sich um die Daten anderer handelt.

Aber. Die Lösung kann nicht sein, überall Zäune zu bauen und Polizisten hinzustellen, bei privaten Parties einen Türsteher zu engagieren, der von allen Gästen erstmal eine Unterlassungserklärung bezüglich des Weinkellers unterschreiben lässt, oder sonstwelche “Zugangsbeschränkungen” zu installieren. Sondern nur, dass wir das entsprechende zivilisatorische Bewusstsein stärken – indem wir uns bemühen, nicht übergriffig zu sein und auch andere darauf hinweisen, wenn sie die grundlegende Maxime jeder Kultur missachten: Dass man schlicht und ergreifend nicht alles tun darf, was man tun kann.

Dazu habe ich ja auch früher schonmal gebloggt.


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Farewell für meine „schwachen Freundinnen“

Es passiert immer mal wieder, aber jetzt zum Jahreswechsel ist es gleich zweimal passiert: Facebook-Freundinnen haben sich aus dem Netzwerk verabschiedet. Und ich bin darüber ein bisschen traurig.

Ja, sie haben ihre Post- und E-Mail-Adressen hinterlassen, und ich könnte ihnen schreiben, aber derart war unsere Beziehung eigentlich nicht. Wir kannten uns nicht wirklich gut, sondern nur „aus dem Internet“. Ich freute mich über ihre gelegentlichen Kommentare zu meinen Postings. Ein Jahr oder sogar etwas länger hatte ich ein kleines bisschen Anteil an ihrem Leben und Denken, nichts arg Intensives, aber ausreichend, um einen Eindruck von ihnen als Personen, als Menschen zu haben. Ja, sie waren mir ein bisschen ans Herz gewachsen.

Und jetzt sind sie weg.

Und ich merke, wie die sozialen Netzwerke mich eingesponnen haben in ein Beziehungsgewebe, das es vorher so nicht gegeben hat. Denn wären die beiden „wirkliche“ Freundinnen gewesen, also Menschen, mit denen ich sowieso und unabhängig vom Internet eine Beziehung habe, dann wäre ich über ihren Abschied aus Facebook nicht sonderlich traurig. Dann würde ich sie ja nicht aus den Augen verlieren, dann blieben uns ja die anderen Kontexte, in denen wir uns ohnehin begegnen. Ich schätze mal, neun von zehn Menschen, die in meinem Leben eine Rolle spielen, sind ohnehin nicht bei Facebook oder sonstwo im Internet, da kommt es auf eine mehr oder weniger auch nicht an.

(Obwohl auch diese Beziehungen sich je nach Mediennutzung verändern. Jeder neuer Kommunikationsweg, so meine Beobachtung, verändert auch die Beziehungsstrukturen, das habe ich zumindest auch bei der Einführung der E-Mail beobachtet. Dadurch intensivierte sich der Kontakt mit einigen, weil sie schon früh E-Mail benutzten, und er lockerte sich zu anderen, die lange Zeit nicht mailten. Davon hat sich eine ganze Reihe dieser Beziehungen bisher nicht wirklich „erholt“, auch wenn inzwischen natürlich alle E-Mail haben).

Aber es gibt eben auch Beziehungen, die den Abschied aus dem sozialen Netzwerk nicht überleben. Bei manchen stört mich das nicht, weil ich ihre Postings und Kommentare eh nicht so besonders toll fand und sich trotz der Vernetzung keine echte Beziehung hergestellt hat. Aber bei anderen schmerzt es, weil sie mir über die Monate nicht fremd geblieben, sondern irgendwie ans Herz gewachsen sind. Weil sie durch die mediale Distanz hindurch für mich bedeutsame Personen wurden, Individuen, einzigartig.

Deshalb frage ich mich natürlich, warum sie sich verabschiedet haben. Werde ich ihnen denn nicht fehlen? Fanden sie meine Postings langweilig, meine Kommentare bedeutungslos? Bin ich ihnen nicht zur Person geworden, so wie sie für mich?

Ich werde sie das nicht persönlich fragen, denn, wie gesagt, derart war unsere Beziehung nicht. Es war ein „schwacher Kontakt“, wie es die Medienleute nennen, vielleicht auf dem Weg dazu, irgendwann mal ein „starker Kontakt“ zu werden, aber dort eben bisher nicht angekommen.

Kulturell fehlt es uns vielleicht einfach noch an Erfahrung im Umgang mit solchen „schwachen“ Beziehungen. Ich habe bei manchen Einwänden, die gegen soziale Netzwerke und „das Internet“ generell vorgebracht werden, den Eindruck, dass die dortigen Kontakte am Maßstab dessen gemessen werden, was außerhalb des Internets der Maßstab für Beziehungen ist.

Ein Beispiel: Im Urlaub hatte ich keine Lust, Postkarten zu schreiben. Statusupdates bei Facebook fand ich viel praktischer, ich konnte sie quasi täglich abgeben, was insbesondere einige meiner „starken Kontakte“ freute, weil sie so immer auf dem Laufenden waren und sich keine Sorgen um mein Wohlergehen am anderen Ende der Welt machen mussten. Die „schwachen Kontakte“ hingegen waren möglicherweise von meinen dauernden Strandberichten gelangweilt, aber das war mir egal, sie konnten mich ja ausblenden.

Insofern war meine über Facebook verbreitete Ankündigung, keine Postkarten mehr zu schreiben, eigentlich vor allem an diejenigen gerichtet, die normalerweise Postkarten von mir bekommen haben. Es sollte eine Erklärung dafür sein, dass sie in diesem Jahr keine kriegen würden. Und so war ich durchaus etwas irritiert, als einige der anderen schrieben, sie würden Postkarten bevorzugen – denn sie hatten doch bisher von mir noch nie eine Postkarte bekommen.

Die Option, 300 Postkarten zu schreiben, existiert ja nicht wirklich. Und ebenso wenig existiert ernsthaft die Option, mit den „schwachen Kontakten“, die Facebook wieder verlassen, auf andere Weise Kontakt zu halten. Wahrscheinlich werden wir uns also einfach aus den Augen verlieren.

Nicht, dass das prinzipiell etwas Neues wäre. „Schwache Kontakte“ gab es auch schon vor dem Internet:  sympathische Arbeitskollegen, die man aber nicht mehr trifft, nachdem man den Job gewechselt hat. Nette Nachbarinnen, zu denen sich nach dem Umzug der Kontakt verliert. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – schon immer waren „schwache Kontakte“ diesem Gesetz unterworfen.

Aber früher waren diese Beziehungsverluste unvermeidbar, weil wir die technischen Möglichkeiten nicht hatten, die es uns erlaubt hätten, diese Gesetzmäßigkeit zu durchbrechen. Und das ist es womöglich, was mich heute traurig macht. Dass es heute eigentlich nicht mehr nötig wäre.

Ja, ich bin ein bisschen traurig, wie eine Verliebte, die einen Korb gekriegt hat.


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Der Datenschutz und ich

Mein Tagebuch. Nur für mich bestimmt. Auch wenn andere darin lesen.

Kürzlich saßen wir tratschend und klatschend beisammen und erzählten so: Die hat sich von dem getrennt, nachdem sie Dinge in seinem Tagebuch gelesen hatte.

Daraufhin die spannende Frage nach der Schuld.

„Selbst schuld. Er hätte sein Tagebuch halt nicht herumliegen lassen sollen.“

„Was sie gemacht hat, war unmoralisch. Sie hätte nicht in seinem Tagebuch lesen dürfen.“

Wer ist schuld? Diejenigen, die ihre Daten nicht genug schützen? Oder diejenigen, die die Daten anderer ohne Erlaubnis verwenden? (Die sehr interessante Variante, wonach er sein Tagebuch absichtlich hat herumliegen lassen, damit sie es findet, weil er zu feige war, die Beziehung selbst zu beenden, lassen wir hier mal außen vor).

Ich selbst bin in dieser Frage parteiisch, weil ich auch einmal von einer großen Liebe verlassen wurde, nachdem er in meinem Tagebuch gelesen hatte. Damals war ich zwanzig und sehr wütend.

Und zwar war ich nicht wütend, weil er mein Tagebuch gelesen hatte, sondern weil er die völlig falschen Schlüsse daraus gezogen hat. Das Händchenhalten mit jemand anders war nicht so gemeint gewesen, wie es bei ihm ankam, es hatte nicht dieselbe Bedeutung wie in seiner Interpretation. Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Aber ein Gespräch war nicht möglich, weil seiner Meinung nach „die Fakten für sich sprachen.“

Fakten aber sprechen nicht für sich. Sie müssen immer interpretiert und in einen Kontext gestellt werden.

Das ist bei Daten im Internet genauso wie mit Daten in einem Tagebuch. Nur dass das ganze Problem mit dem Internet sehr viel komplexer geworden ist, weil es viel mehr Daten gibt, die herumzirkulieren und viel mehr Leute, die darauf Zugriff haben, und weil es viel komplizierter ist, die eigenen Daten zu beschützen.

Mit dem Verschlüsseln von Daten hatte ich allerdings auch vorher schon Probleme. Mein erstes Tagebuch bekam ich zu Weihnachten 1975, da war ich elf. Im Sommer 1977 verlor ich den Schlüssel. Im Dezember habe ich das Tagebuch dann aufgebrochen. Ich wollte weiter reinschreiben. Mir war damals schon klar, dass meine Mutter jetzt darin herumlesen könnte. Ich entschloss mich, es darauf ankommen zu lassen.

Bis heute habe ich eine Aversion gegen das Verschlüsseln, zumindest wenn ich selbst mich darum kümmern soll. Es ist mir zu umständlich. Ich bin dafür auch sowieso zu schusselig. Bis heute bin ich der Meinung, schuld sind nicht die, die Daten nicht verschlüsseln, sondern diejenigen, die Daten von anderen missbrauchen. Und dieser Missbrauch besteht nicht darin, Daten überhaupt in Erfahrung zu bringen, sondern darin, sie entgegen der Intention ihrer Urheberin zu verwenden. So wie dieser Mann, der seine falschen Schlüsse aus dem Fakt des Händchenhaltens zog.

Wahrscheinlich ist das einfach auch meine Erziehung. Von meiner Mutter gab es eine strikte moralische Vorgabe, die darin bestand, dass die größte Sünde ist, zu lügen. Oder anders: Man muss zu den Dingen stehen, die man tut, man muss sie durchkämpfen. Nicht verheimlichen.

Viele sagen mir, das sei naiv, möglicherweise ist es das. Der Punkt ist halt, dass ich nicht anders kann. Das hat mir schon vielerlei Nachteile verschafft. Ich habe mal eine Redakteurinnenstelle bei einer kirchlichen Zeitung nicht bekommen, weil bekannt wurde, dass ich und mein Ex (ein anderer) unsere Ehe mit einer großen Scheidungsparty beendeten (das war in den 1980er Jahren, da war man auch bei der evangelischen Kirche noch pingelig mit solchen Dingen).

Auch das ist ein Missbrauch von Daten gewesen. Klar kann man sagen, es war naiv von mir, das offen herumzuerzählen. Schuld sind aber dennoch die, die glauben, das Feiern einer Scheidungsparty mindere die Arbeitsqualität einer Journalistin.

Ich will daraus gar keine prinzipielle Sache machen. Die Leute sind verschieden, ich bin eben so. Es ist keine Frage von Entweder-Oder: Datenschutz versus verantwortlicher (und das bedeutet: nicht gegen die Intention der Urheber_innen gerichteter) Umgang mit Daten. Es ist gut, dass es Datenschutz gibt und Leute, die sich darum kümmern. Aber ich denke, wir müssen – gerade, aber nicht nur im Internet – an beiden Seiten aufmerksam sein und ein Bewusstsein schaffen.

Mich stört also nicht der Datenschutz als solcher, sondern dass so getan wird, also wäre an diesem Ende das ganze Problem zu lösen. Mich stört, dass immer nur über den Datenschutz geredet wird und über die andere Seite nicht. Mir erscheint das wie eine Kapitulation vor der bösen Welt. Vielleicht ist die Chance dafür, eine Kultur der Transparenz und des verantwortlichen Umgangs mit Daten, die nicht für mich bestimmt sind, einzuführen, gleich Null. Ich will sie trotzdem haben.

Das Thema ist mir auch deshalb so wichtig, weil der Kampf für Datensicherheit ja immer schwieriger und aussichtsloser erscheint. Er frisst so viel Energie. Und dann passieren doch immer wieder „Unfälle“. Und es verarmt unsere Kultur. Zum Beispiel auf Facebook: Aus Angst vor der missbräuchlichen Verwendung ihrer Daten schreiben viele Leute nur völlig belangloses und harmloses Zeug. Sie pflegen ihr Profil wie eine Pressestelle. Das wäre so ähnlich, wie wenn ich in mein Tagebuch nur noch reinschreibe, was alle Welt lesen darf. Es wäre dann kein Tagebuch mehr.

„Bei unserem Wochenend-Streit hat T. in meinem Tagebuch gelesen, ohne dass ich es ihm gegeben habe. Das macht mir nichts aus, ich hoffe bloß, dass ich damit jetzt nicht irgendeine Selbstzensur anfange, aber ich glaube, seitdem M. es gelesen hat, rechne ich ohnehin immer damit. Sei’s drum.“ Das schrieb ich im Mai 1988.

Und so halte ich es im Prinzip auch heute noch, Internet hin oder her. Mein Bemühen geht nicht dahin, meine Daten zu schützen, sondern eher dahin, mich von der Gefahr ihrer missbräuchlichen Verwendung nicht verängstigen zu lassen. Wobei man natürlich sagen muss, dass ich dafür eine recht komfortable Ausgangsposition habe: Ich bin alt genug, um schon manches erlebt zu haben, ich kenne mich beruflich mit den Mechanismen von PR aus, ich bin wirtschaftlich recht gut abgesichert. Aber umso mehr: Wer, wenn nicht Leute wie ich, sollen denn dieses Risiko eingehen? Sollen wir es den Jugendlichen überlassen, die Risiken und Nebenwirkungen auszutesten? I don’t think so.

Das Neue am Internet ist, dass die Zielgruppe einer Information nicht mehr am Medium zu erkennen ist. Das ist ein Fakt. Früher oder später steht alles im Internet, davon bin ich überzeugt. Es gibt ja zum Beispiel sehr gute Gründe dafür, auch ein ganz persönliches Tagebuch, das nur für eine selbst bestimmt ist, ins Internet zu stellen – das weiß ich, seit mir einmal ein fast vollgeschriebenes Tagebuch in Barcelona aus dem Auto geklaut wurde. Ein Verlust, den ich heute noch fast mehr betrauere als den jener großen Liebe.

Und deshalb werde ich für eine Kultur werben, in der man Tagebücher herumliegen lassen darf, ohne dass einer daraus ein Strick gedreht wird. Ich schreibe gerne so banale Dinge ins Internet wie dass ich mir in Oslo Gummistiefel gekauft habe oder was es heute bei mir zu essen gab. Macht euch darüber nur lustig, es gibt Menschen, die das interessiert. Vielleicht acht oder so. Die anderen 246 Facebook-Kontakte müssen es halt überlesen. Oder sie lachen über mich, das sei ihnen gegönnt. Oder sie schicken mir ab morgen Spammail aus ihrem Schuhladen. Auch das werde ich überleben. Aber dann weiß ich zumindest, dass das Leute sind, die nicht wissen, was sich gehört.

Postscriptum: Ich hätte bei unserem eingangs geschilderten Gespräch ja gerne gewusst, was sie in diesem Tagebuch gelesen hat, das sie dann veranlasste, ihn zu verlassen. Die Lippen desjenigen, der die Geschichte erzählte, waren aber versiegelt. Diese Information war vertraulich. Ja, auch mit sowas muss man leben. Zuweilen.


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Das Ende der Heuchelei

Seit einiger Zeit läuft eine interessante Debatte über Eifersucht in Zeiten sozialer Netzwerke. Viel davon handelt direkt von der Liebe im klassischen Sinne, aber der Aspekt, der mich beschäftigt, ist der etwas breitere Blick auf Beziehungen allgemein. Denn die Öffentlichkeit unserer Beziehungsstrukturen ist, so glaube ich, eine ziemliche Herausforderung und möglicherweise “gefährlicher” als die Verfügbarkeit von Daten allgemein. “Gefährlich” allerdings in einem produktiven Sinne – nämlich so, dass es uns dazu zwingt, unsere sozialen Fertigkeiten und Fähigkeiten zu verändern. Zu verbessern, wie ich meine.

Wir sind alle ziemlich komplexe Persönlichkeiten mit einer wechselhaften Geschichte, was normalerweise dazu führt, dass wir in sehr vielfältigen, unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Beziehungsnetzen zuhause sind: Die Eltern, Geschwister und Cousinen, die alten Schulkameraden, die Arbeitskolleginnen und Kunden, die Leute aus diversen politischen Projekten, die näher und ferner stehenden Bekannten, die Nachbarinnen, die im Laufe des Lebens angesammelten Freundinnen und Freunde. Sie alle kennen uns tendenziell aus einer bestimmten Rolle, in jeder dieser Beziehungsnetze sind wir selten als ganze Person präsent, sondern es ist jeweils ein bestimmter Aspekt unserer Persönlichkeit gefragt.

Und da kann es zuweilen zu interessanten Irritationen kommen, wenn die jetzt auf Facebook alle miteinander zu tun haben. Wenn ich also Informationen von mir nicht mehr selbst filtere je nach “Szene”, an die sie gerichtet sind, sondern wenn plötzlich alle alles mitbekommen. Wenn die Gleichstellungsbeauftragte, die mich schon öfter zu Vorträgen eingeladen hat, erfährt, dass ich Anarchistin bin. Wenn mein politisch konservativer Onkel anfängt, sich mit meinen feministischen Freundinnen zu streiten. Wenn meine politischen “linken” Gesinnungsgenossen damit konfrontiert werden, dass ich mit anderen ernsthaft über Gott diskutiere. Oder wenn die Lesben, die mich als radikale Feministin kannten (und womöglich dachten, ich wäre auch lesbisch) plötzlich wissen, dass ich mit einem Mann verheiratet bin.

Schon all das ist eine ziemliche Herausforderung, und höchst produktiv, wenn auch zuweilen anstrengend. Es kommt dabei auch zu regelrechten Eifersüchteleien: Meine Eltern, die sich beschweren, dass sie ja “nur noch über Facebook” etwas von mir mitbekommen – und das heißt eben auch: Ich erzähle ihnen Dinge aus meinem Leben nicht mehr exklusiv, sondern poste sie sichtbar für viele – für Hinz und Kunz also. Wenn die einen Freunde mitkriegen, dass ich die anderen zum Abendessen eingeladen habe, sie aber nicht (das Beispiel ist von Katrin Göring-Eckardt). Wenn eine Mit-Redakteurin aus einem Online-Forum sagt: “Ich hoffe, von deiner Reise wirst du dann nicht nur facebooken und twittern, sondern auch für uns etwas schreiben.” – Eifersucht reloaded.

Das heißt, es geht hier nicht mehr bloß darum, die aktuellen Liebesbeziehungen und diverse Ex in einer gemeinsamen Timeline zu haben. Sondern die Transparenz von Beziehungsstrukturen bringt ein umfassenderes Ende der Heuchelei mit sich. Wenn wir nur diejenigen Informationen teilen, die wir mit wirklich allen Menschen, zu denen wir in einer Beziehung stehen, teilen wollen, dann wäre es ziemlich langweilig. Es stünde auf kaum einer Pinnwand etwas Interessantes drauf. Ich glaube, dass das – und nicht Zeitmangel oder Angst vor Datenmissbrauch – der eigentliche Grund ist, warum so viele entweder so gut wie gar nichts posten (mehr Frauen als Männer) oder aber nur langweiligen “professionellen” Kram (mehr Männer als Frauen). Viele Menschen haben wahrscheinlich genau vor diesem Kuddelmuddel Angst – und sind daher erstmal zurückhaltend.

Worauf es ankommt ist, hier gut zu “jonglieren”, mit der neuen Sichtbarkeit zu experimentieren und herauszufinden, wie man am besten damit umgeht. Ein Beispiel aus meiner Timeline: Ich hatte ein Rezept gepostet und einer meiner Freunde (ein alter, guter Freund) hat das ruppig-spöttisch-ätzend kommentiert. Ich kenne diesen Ton an ihm, eine andere Freundin von mir war aber pikiert und kritisierte das als “typisch besserwisserischen Männerkommentar”. Andere schalteten sich ein, die Diskussion drohte zu eskalieren, und ich löschte den Thread. Bei dieser Episode ist mir klar geworden, dass Diskussionen in dem privat-öffentlichen Bereich sozialer Netzwerke nach einer anderen Logik ablaufen, als im rein öffentlichen Bereich, zum Beispiel im Blog. Hier waren (aus Unkenntnis) verschiedene Fehler gemacht worden. Der eine hatte nicht bedacht, dass ein Facebook-Kommentar öffentlich sichtbar ist und Außenstehende ja nicht wissen können, in welchem Ton wir uns normalerweise unterhalten. Die andere hatte nicht bedacht, dass hier ja nicht irgendein Fremder kommentierte, sondern einer meiner Freunde - und dass sie mit ihrer routiniert-feministischen Kritik nicht nur ihn angriff, sondern auch mich.

Die neuen Fertigkeiten, die soziale Netzwerke erfordern, beziehen sich also nicht nur darauf, was wir selbst von uns preisgeben. Vor allem müssen wir lernen, angemessen mit dem umzugehen, was andere von sich preisgeben. Wir brauchen letztlich Vertrauen in die Person, mit der wir “befreundet” sind – nämlich das Vertrauen darauf, dass ihre vielen unterschiedlichen Facetten wohl schon irgendwie zusammenpassen, auch wenn wir das grade nicht kapieren. Und dass es interessant für mich sein kann, jene anderen Facetten aus ihrem Leben kennen zu lernen, ohne dass ich damit gleich eifersüchtig werde, weil es nicht genau das ist, was mir bisher an dieser Person wichtig war.

Altpatriarchale Denker wie Frank Schirrmacher haben dazu keine andere Idee, als den leidigen Gegensatz von privat und öffentlich wieder aus der Mottenkiste zu holen und im sozialen Netz zu reproduzieren. Er rät dazu, sich bei Facebook seine Freunde “professionell” auszusuchen, also nicht  nach der Frage: “Mit wem will ich ein Bier trinken gehen?” Sondern nach der Frage: “Wer interessiert sich für die gleichen Dinge wie ich und von wem bekomme ich Informationen, die interessant sind?”

Aber genau das verkennt die Chancen und Potenziale, die die sozialen Netzwerke für eine positive Veränderung unserer Kultur haben, die ja schon viel zu lange eine Kultur der Eifersüchtelei und der Heuchelei ist. Die Stärke dieser Vernetzungen ist nicht, dass sie ein weiteres Tool zum strategischen und interessegeleiteten Umgang mit anderen Menschen bereitstellen. Sondern dass sie im Gegenteil – tendenziell, hoffentlich – ein weiterer Sargnagel dieser zweckgerichteten Instrumentalisierung von Kontakten sind. Das Ende der Heuchelei. (Die feministische Politik der Beziehungen ist ein anderer, schon älterer Sargnagel dafür).

Ein Facebook-Account, in dem keine Leute sind, die ich auch unabhängig vom Internet kenne, niemand, den ich von früher kenne oder mit der ich öfter mal ein Bier trinke, ist langweilig. Meine “professionellen” Kontakte auf Facebook müssen ganz einfach damit leben, dass ich ein ganzer Mensch bin, der noch viel mehr will und tut, als sie bei mir nützlich finden oder von mir erwarten. Und meine “privaten” Kontakte müssen andererseits damit leben, dass ich – und also auch unsere Beziehung – eine öffentliche Komponente haben. Dass ich sie teilweise sichtbar für “Fremde” mache. Und dass es für mich einfacher ist, einen Link auf Facebook zu posten als einigen Handverlesenen per Mail zuzuschicken.

Das Private ist politisch – nie war ein alter Slogan so handgreiflich wie heute. Und das Politische ist – immer auch – privat. Sonst ist es nämlich nur ein Luftballon.



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