Verwaistes Interview zum Stand der Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Beim Aufräumen meiner alten Dateien bin ich auf dieses Interview hier gestoßen, das irgendwer im vergangenen November mit mir gemacht hat, das aber offenbar noch nicht erschienen ist und – normalerweise bin ich ja nicht so unorganisiert – inzwischen habe ich vergessen, welche Redaktion das war. Da ich es aber ganz gut finde, stelle ich es jetzt einfach mal hier in den Blog:

Was muss sich ändern, damit die Vereinbarkeit für Frauen wahr werden kann?

Zuerst einmal muss man klarstellen, dass die „Vereinbarkeit“ kein spezielles Frauenproblem ist, sondern ein gesellschaftliches Problem, das alle betrifft. Auch Väter und Menschen, die selber keine Kinder haben. Menschen, die Kinder versorgen und betreuen, dürfen nicht länger als Sonderfall betrachtet werden, sondern es muss ganz normal sein, Kinder zu haben und gleichzeitig alles mögliche andere zu machen. Die derzeitige Form der Erwerbsarbeit ist ja auch nicht nur mit der Kinderbetreuung unvereinbar, sondern ebenso mit anderen Pflege- und Fürsorgearbeiten, aber auch mit ehrenamtlichem oder politischem Engagement oder mit den natürlichen Ruhebedürfnissen vieler Menschen. Es muss alles flexibler werden. Es muss zum Beispiel möglich sein, dass man – aus welchen Gründen auch immer – mal für ein, zwei Jahre aus dem Berufsleben aussteigt oder qualifizierte Teilzeitmöglichkeiten hat. Nicht nur für Mütter oder Väter. Ansonsten sind die Notwendigkeiten im Detail ja längst bekannt: Arbeiten auch von zuhause aus, Führungspositionen in Teilzeit, effektivere und kürzere Sitzungskultur, Kinder müssen auch mal mitgebracht werden können, flächendeckende, qualitativ hochwertige und kostenlose öffentliche Kinderbetreuung ab null Jahren. Vor allem auch mehr Kreativität im Einzelfall, man kann nicht alle Probleme, die sich in dem Zusammenhang stellen, immer generell und für alle gleich regeln.

Gibt es positive Signale aus der Wirtschaft, dass ein Umdenken in den Betrieben stattfindet?

Das ist auch von Fall zu Fall verschieden. Dort, wo qualifizierte Fachkräfte fehlen, gibt es Anstrengungen, weil man es sich nicht leisten kann, junge Mitarbeiterinnen, die Mütter werden, zu verlieren. Im Großen und Ganzen ist es mit dem Umdenken aber noch nicht weit her. Der Vollzeitmitarbeiter mit ständiger Verfügbarkeit, der Bereitschaft zu vielen Überstunden und ständiger Präsenz vor Ort ist noch immer die Norm.

Was tun die erwerbstätigen Väter?

Die erwerbstätigen Väter kann man nicht über einen Kamm scheren. Es gibt inzwischen einige, die darauf drängen, Zeit für ihre Kinder zu haben und sich um Stundenreduzierung bemühen oder Erziehungszeiten nehmen. Das sind aber noch wenige. Andere erhöhen sogar ihre Stunden, wenn ihre Frauen Kinder kriegen, teils aus wirtschaftlichen Gründen, weil die Angst vor Arbeitslosigkeit dann noch größer ist. Im Schnitt ist es immer noch so, dass im Zweifelsfall die Mütter bei ihrer beruflichen Laufbahn Kompromisse machen und nicht die Väter. Ganz schwierig ist es für Menschen mit geringem Einkommen. Die müssen heute, egal ob Frau oder Mann, Vollzeit arbeiten, um über die Runden zu kommen. Sie haben keinen finanziellen Spielraum, um Stunden zu reduzieren, und sie können sich auch keine Putzfrauen oder Babysitter leisten, die sie entlasten.

Sie haben von dem Begriff Erwerbsarbeitsmythos gesprochen, was meinen Sie damit?

Dieser Mythos bedeutet, dass nur, wer erwerbstätig ist, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist. Dabei wird übersehen, dass auch die anderen Arbeiten im Haus- und Fürsorgebereich eine enorme volkswirtschaftliche Bedeutung haben. Bei der Pflege beginnt man das jetzt langsam, zu verstehen. Die gesellschaftliche Wichtigkeit von Arbeiten hängt nicht daran, ob sie bezahlt werden. Manche bezahlte Arbeit dreht sich nur um den Profit und nicht um das Allgemeinwohl.

Was ist mit den Vätern? Beobachten Sie ein Umdenken?

Das Umdenken besteht wohl darin, dass Väter nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass die Versorgung der Kinder im Alltag die Aufgabe der Mütter ist. Sie sehen sich heute selbst auch in der Pflicht. Der Wunsch von Frauen, auch mit Kindern erwerbstätig zu sein, gilt auch nicht mehr per se als egoistisch. An der Umsetzung hapert es aber noch gewaltig, aus den oben genannten Gründen. Den Preis bezahlen dann die Frauen. Sie verdienen weniger Geld und sind nach dem geänderten Unterhaltsrecht ja auch durch die Ehe nicht mehr wirtschaftlich abgesichert.

Ist Teilzeitarbeit für alle die Lösung?

Ja, das finde ich schon. Wobei ich auch hier nicht für eine Standardlösung bin. Es wird immer Leute geben, die so sehr in ihrem Beruf aufgehen, dass sie gerne 50 oder 60 Wochenstunden arbeiten, und das ist auch okay. Andererseits wird es immer auch Leute geben, die sich lieber anderweitig engagieren und bereit sind, dafür auf materielles Einkommen zu verzichten. Vielleicht wollen sie nicht nur ein oder zwei, sondern vier oder fünf Kinder haben. Oder sie verschreiben sich ganz einem Ehrenamt, oder sie machen Kunst, mit der sie kaum etwas verdienen. Auch das sollte möglich sein. Deshalb bin ich für ein leistungsunabhängiges Grundeinkommen, das allen Menschen, egal was sie tun, das materielle Lebensminimum sichert. Im Schnitt finde ich aber, das Lohnniveau sollte so sein, dass man mit dreißig Wochenarbeitsstunden gut leben kann, also deutlich mehr als das blanke Existenzminimum hat. Das ist auch gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass die alte Hausfrauenehe ja auch darauf basierte, dass vierzig Wochenstunden Erwerbsarbeit genug sind, um den Unterhalt von zwei Erwachsenen sicherzustellen.

Was ist typisch deutsch am Mutterbild hierzulande im Vergleich zu Frankreich oder Skandinavien?

Typisch deutsch im Vergleich zu Frankreich ist ein gewisses Misstrauen gegenüber staatlicher Kinderbetreuung. Das sind zum Teil auch noch Folgen der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Man will das hier eher in der Verantwortung der Familie sehen, während es in Frankreich keine gesellschaftlichen Vorbehalte gegen Kinderkrippen oder Tagesmütter gibt. Ein anderer Unterschied zu Frankreich sind die starken Bemühungen, auch Männer in die Kindererziehung einzubeziehen. In Frankreich ist es noch allgemeine Ansicht, dass dafür die Frauen zuständig sind – und die Männer nicht. Von Skandinavien unterscheidet uns das Verständnis vom Sozialstaat. In Deutschland soll der Sozialstaat nur für „Sonderfälle“ greifen, also dann einspringen, wenn die Einzelnen es selbst nicht geregelt kriegen. In Skandinavien gibt es hingegen ein starkes Bewusstsein dafür, dass staatliche Unterstützung im Zweifelsfall für alle da ist, weshalb man auch bereit ist, höhere Steuern zu zahlen. Daraus ergibt sich natürlich ein viel größerer Handlungsspielraum des Staates, unter anderem eben auch für die öffentliche Kinderbetreuung. Erzieherinnen werden zum Beispiel viel besser bezahlt als hier. Und die Gesellschaften der skandinavischen Länder sind generell egalitärer, weshalb auch weniger Unterschiede zwischen Frauen und Männern – und damit zwischen Müttern und Vätern – gemacht werden.

Der falsche Systemwechsel beim Elterngeld

In Deutschland gab es mal ein Elterngeld Erziehungsgeld: 300 Euro im Monat für jedes Kind, egal ob die Eltern reich oder arm waren, egal, welchen Beruf sie ausübten, und das zwei Jahre lang. (Ergänzung: Es gab allerdings eine familiäre Obergrenze beim laufenden Monatseinkommen).

Eine gute Idee, denn Kinder kosten Geld, und vor allem brauchen Kinder Zeit, man muss sich um sie kümmern. Das Geld nahm da ein wenig den Druck raus, ein wenig, denn 300 Euro sind ja nicht gerade viel. Aber das Elterngeld würdigte immerhin die Erziehungsleistung von Müttern (und gegebenenfalls Vätern), und zwar unabhängig von ihrem “Marktwert” als Arbeitkräfte, unabhängig von ihrer Employability, wie es heute heißt.

Dann kam die Idee auf, noch ein anderes Elterngeld einzuführen: Nämlich der Mutter oder dem Vater, die oder der vorher erwerbstätig war und wegen des Kindes für bis zu zwölf Monate das Arbeiten unterbricht, einen Prozentsatz des Lohnes zu ersetzen: 67 Prozent bisher (jetzt sollen es 65 Prozent werden), maximal jedoch 1800 Euro, mindestens aber 300 Euro.

Dieses neue Elterngeld folgt einer ganz anderen Logik als das alte: Es wird nicht mehr pro Kind bezahlt, wobei jedes Kind, unabhängig von der sozialen Herkunft, gleich viel wert ist, sondern es ist abhängig von der Erwerbstätigkeit der Mutter oder des Vaters: Je mehr Geld sie verdienen, desto mehr ist dem Staat (also uns allen) auch ihre Kindererziehungsarbeit wert.

Das wurde nun auch als feministische Errungenschaft gefeiert: Schließlich sind es vor allem die Mütter, die wegen der Kinder ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen. Dieser Umstand sollte den Frauen nun weniger zum Nachteil gereichen als vorher. Außerdem wurden noch die so genannten Vätermonate eingeführt, das heißt, wenn auch der Vater sich bereit erklärt, mindestens zwei Monate die Erwerbsarbeit zu unterbrechen, wird die Gesamtlaufzeit des Elterngeldes auf 14 Monate verlängert.

Doch trotz dieser frauenpolitischen Begleitmusik war schon dieses Elterngeld unsozial, und zwar deshalb, weil es nicht zusätzlich eingeführt wurde (worüber man durchaus hätte diskutieren können), sondern weil es zu Lasten der Armen refinanziert wurde, durch die Verkürzung des “alten” Elterngeldes von zwei auf nur noch ein Jahr für alle. Es war also bereits eine Umverteilung von unten nach oben – arme Mütter bekamen nun weniger Geld vom Staat, reiche mehr. Arbeitslose Eltern haben zudem auch nicht die Möglichkeit, die Gesamtzeit auf 14 Monate zu erhöhen. (Frage: Stimmt das so? Gerade bekam ich eine DM, dass auch Arbeitslose 14 Monaten Elterngeld bekommen können – wer es genau weiß, bitte in die Kommentare schreiben, Danke!) So hat das neue Elterngeld unterm Strich dazu beigetragen, die soziale Schere in Deutschland, den Abstand von Reich und Arm zu vergrößern.

Und jetzt soll Hartz-IV-Empfängerinnen das Elterngeld komplett gestrichen werden. War das neue Elterngeld noch eine Kombination beider Logiken, so hat nun die neue Logik die Oberhand gewonnen: Kinderbetreuung ist nicht mehr eine unterstützenswerte Sache an sich, sondern ihr ökonomischer Wert, also das, was der konkreten Familie von der Allgemeinheit dazu beigesteuert wird, ist direkt an die Erwerbsarbeit gekoppelt: Je besser jemand verdient, desto mehr gibt es auch.

Interessant ist dabei die Argumentation von Familienministerin Kristina Schröder: Sie erklärt nämlich das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerinnen (also das alte Elterngeld) für „systemwidrig“ – denn mit Hartz IV sollen alle Bedarfe abgedeckt sein. Hartz IV deckt aber lediglich die Bedarfe des Lebensunterhaltes. Erziehungsarbeit ist hier also gerade nicht einkalkuliert. Und Elterngeld hat – auch in der neuen Variante – nicht den Sinn, den Bedarf an Lebensunterhalt zu sichern, sonst bräuchte eine Familie mit zwei gut verdienenden Elternteilen, von denen eines die Erwerbsarbeit reduziert, ja keines. Es geht beim Elterngeld eben gerade nicht um den Bedarf an Lebensmitteln, Kleidung und Wohnung, sondern es geht darum, dass die Erziehungsleistung finanziell gewürdigt wird. Warum aber soll die Erziehungsleistung einer Rechtsanwältin von der Allgemeinheit teilweise finanziert werden, die einer Arbeitslosen aber nicht?

Das Interessante an diesem Thema ist also nicht unbedingt die Frage nach der absoluten Höhe des Betrags – auch wenn natürlich Hartz IV wenig Geld ist, und hatten wir erst nicht kürzlich eine große Debatte über das Armutsrisiko Kind? Aber es geht genau nicht darum, wie viel eine Familie zum Leben braucht, sondern es geht darum, ob Erziehungsarbeit ökonomisch anerkannt wird. Und genau hier ist der Systemwechsel bedeutsam. Wie definieren wir als Gesellschaft unsere Verantwortung für Kinder? Beteiligen wir uns an den Kosten der Erziehungsarbeit von Müttern (und gegebenenfalls Vätern)? Oder geht es lediglich darum, ihnen einen Verdienstausfall zu ersetzen?

In anderen Worten: Ist uns Erziehungsarbeit per se etwas wert, wollen wir die Menschen, die sie leisten, unterstützen? Oder ist uns nur die (marktförmige) Erwerbsarbeit etwas wert? Genau darin besteht der Systemwechsel, der jetzt definitiv vollzogen wird: Elterngeld ist kein Geld mehr, das die Erziehungsarbeit belohnt, sondern lediglich der Ersatz für entgangenen Erwerbsarbeitslohn.

Interessant sind übrigens auch die Summen, um die es hier geht. Laut Spiegel soll die Streichung des Elterngeldes für Hartz-IV-Empfängerinnen 400 Millionen Euro im Jahr bringen, das Senken des Prozentsatzes für den Einkommensersatz von 67 auf 65 Prozent soll weitere 200 Millionen bringen. Das heißt, es wäre relativ leicht, das “alte” Elterngeld, wonach die Erziehung jedes Kind einen Mindestbetrag wert ist, beizubehalten: Man könnte zum Beispiel den Prozentsatz gleich auf 60 Prozent senken, oder man könnte den Maximalbezug für alle Eltern auf zwölf Monate begrenzen (inklusive Vätermonate, wenn man die behalten will), oder man könnte vor allem die Höchstgrenze auf 1500 Euro heruntersetzen (dann würde es wirklich nur die eher Reichen treffen). Den relativ gut Verdienenden, die dadurch auf einige hundert Euro verzichten müssten, würde das alles zwar schon weh tun, aber nur mäßig – jedenfalls sehr viel weniger, als den Hartz-IV-Empfängerinnen, die am wirtschaftlichen Existenzminimum leben.

Aber es geht bei diesen Sparvorhaben gar nicht darum, sozial ausgewogen Geld einzusparen. Es geht im Übrigen auch nicht um die Verteilung der Geschlechter bei der Erziehungsarbeit und um die damit verbundenen innerfamiliären Aushandlungsprozesse – wer da ernsthaft etwas verändern will, müsste zu allererst mal das Ehegattensplitting abschaffen, was ja außerdem noch den Charme hätte, dass mehr Steuergelder hereinkämen. Aber das alles sind ohnehin nur vorgeschobene Argumente. Das, worum es hier geht, ist die Durchsetzung einer neoliberalen Ideologie auch in diesem Bereich: die totale Anbindung der gesellschaftlichen Beteiligung nun eben auch in punkto Kindererziehungsarbeit an die Erwerbsarbeitslogik.

Das “neue” Elterngeld ist, auch wenn es mit feministischen Girlanden umrankt wird, jedenfalls gerade nicht das, was feministische Kritikerinnen der Erwerbsarbeitslogik im Sinn haben, wenn sie seit den 1970er Jahren dafür eintreten, die Reproduktionsarbeit (die ja im Übrigen auch mehr umfasst als nur das Versorgen von Kindern im ersten Lebensjahr) in der Ökonomie angemessen zu berücksichtigen. Die Erwerbsarbeitsgesellschaft ist seit langem in der Krise, es wird keine Vollbeschäftigung mehr geben, und sie wäre aus tausendundeinem Grund auch nicht wünschenswert. Alle Sozialleistungen, die an die Erwerbsarbeit gekoppelt sind, sind tendenziell ungerecht und verschärfen die soziale Spaltung. Wir brauchen nicht mehr davon, sondern weniger.

Und keinesfalls wird der Tanz um dieses goldene Kalb der Erwerbsarbeit dadurch besser, dass man dabei „Frauenförderung“ ruft. Er wird dadurch nur noch ein bisschen zynischer.

P.S.:

Noch eine kleine Bemerkung zu dem Tweet von @kristinakoehler, den der Genderblog diskutiert: “Eine Familie in Hartz IV, 2 Kinder, erhält inkl. Elterngeld 1885 € vom Staat. Netto! Ist das gerecht gegenüber denen, die arbeiten?” – Dieser Tweet zeigt das ganze Dilemma der Sache. 1885 Euro hört sich erstmal viel an, aber rechnen wir mal durch: Davon Miete bezahlen plus Nebenkosten plus Essen und Kleidung für vier Personen, plus Transport. Plus alles, was an Anschaffungen hinzukommt. Die kaputte Waschmaschine, die Zahnarztbehandlung usw. usw. Und solche Familien haben im Notfall dann keine Eltern, die sie fragen können (Geldgeschenke werden ebenfalls auf Hartz IV angerechnet), und sie haben auch nichts auf der hohen Kante liegen. Sie müssen genau damit auskommen, ohne Sicherheitsnetz.

Und: In Zukunft soll nach den Plänen der Regierung genau diese Familie mit nur noch 1585 Euro auskommen. Besser konnte man es nicht illustrieren. Und zur Frage der Gerechtigkeit: Ja, richtig, in vielen Branchen werden inzwischen nur noch Löhne bezahlt, die ebenso niedrig sind wie Hartz IV oder noch niedriger. Deshalb müssen die Betroffenen, obwohl sie arbeiten, noch “ergänzende Leistungen” beziehen. Das ist natürlich ein Problem – und das Problem heißt eben Erwerbsarbeitsfixierung. Wie man darauf kommen kann, dass die Niedriglohn-Betroffenen etwas davon haben, wenn anderen Leuten Geld weggenommen wird, ist mir schleierhaft.

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Im Namen des Mannes

Wer gehört zu wem? Foto: Jörg Schulz - Fotolia.com

Mich interessieren ja gerne die kleinen, abseitigen Themen. Zum Beispiel die Sache mit den Nachnamen. Die Süddeutsche Zeitung Emma hatte anlässlich des eheschließungsbedingten Nachnamenwechsels von Bundesministerin Kristina Köhler, inzwischen Schröder, bei einigen Standesämtern nachgefragt, wie sich Ehepaare diesbezüglich heute entscheiden. Mit einem – wie ich finde – ziemlich krassen Ergebnis: 80 Prozent wählen den Namen des Mannes als Ehenamen, nur ganze 5 Prozent den Namen der Frau. Bei den übrigen 15 Prozent, so vermute ich mal, behalten beide ihren eigenen Namen.

Offensichtlich gehört die Wahl des Ehenamens zu den Bereichen, in denen sich traditionelle Geschlechterunterschiede besonders hartnäckig halten. Immerhin wurde das Namensrecht schon 1991, also vor fast zwanzig Jahren “gleichberechtigt” umgestaltet. Aber so rechten Gebrauch davon macht offenbar auch heute noch kaum jemand.

Mich beschäftigt das Thema schon lange – sowohl aus persönlichen wie auch aus professionellen Gründen. Ich habe zum ersten Mal 1984 geheiratet, also noch unter patriarchalem Namensrecht, und war deshalb gezwungen, einen dieser hässlichen Doppelnamen Schrupp-Irgendwas zu tragen. Ich erinnere mich noch daran, wie empört ich war, als ich am Standesamt zunächst den Namen meines Mannes annehmen musste, und erst anschließend in einem weiteren Formular (das ich mit “Irgendwas” unterschreiben musste) meinen eigenen Namen wieder voranstellen konnte. Aber auch das “Schrupp-Irgendwas” wollte mir einfach nicht über die Lippen, und so nannte ich mich einfach weiterhin nach meinem Geburtsnamen. Seither kann mir keine mehr erzählen, es wäre bedeutungslos und ein Klacks, den eigenen Namen abzugeben.

Nicht, dass ich meinen Namen besonders schön finde, er hatte meine ganze Kindheit und Jugend hindurch Anlass zu mannigfaltigen Verhohnepiepelungen gegeben. Aber es war halt meiner. Ich fühlte mich nicht wohl dabei, plötzlich anders zu heißen, Liebe hin oder her. Meine nächsten beiden Hochzeiten spielten sich glücklicherweise nach 1991 ab, und um nichts in der Welt hätte ich nochmal meinen Namen hergegeben.

Aber auch als Wissenschaftlerin, die über weibliche politische Ideengeschichte forscht, bin ich von der Namenswechselei der Frauen genervt. Alle paar Jahre heißen sie anders – und da soll man vernünftig anhand von Quellen die Entwicklung ihres Denkens nachverfolgen! Mehrfach ist es mir passiert, dass ich erst nach Jahren zufällig darauf kam, dass es sich bei Frau X aus 1850 und Frau Y aus 1870 in Wahrheit um ein und dieselbe Person handelte!

Und deshalb frage ich mich schon, warum heute immer noch so viele junge Frauen (also die aus der Generation “Wir-sind-doch-längst-gleichberechtigt”) ihren Geburtsnamen aufgeben, wenn sie heiraten.

In meinem persönlichen Umfeld habe ich bereits die ein oder andere Umfrage dazu gestartet. In der Regel ist diese Nachfrage den betroffenen Frauen peinlich, da sie sich selbst als emanzipiert verstehen. Kaum eine Frau sagt heute noch, dass sie es normal findet, wenn sich Frauen hier den Männern unterordnen, und dass es eben der natürliche Gang der Dinge sei, als Frau den Namen des Mannes anzunehmen. Also wird die Entscheidung rationalisiert:

Glück haben diejenigen, bei denen der Name des Mannes eindeutig schöner ist als der eigene: Sie können halbwegs plausibel behaupten, dass sie aus rein ästhetischen Gründen so entschieden hätten. Die anderen sagen meistens, das Thema sei ihnen nicht wichtig genug, um darüber einen Streit anzufangen. Auf die Frage, warum sie dann nicht ihren eigenen Namen behalten und auf einen gemeinsamen Ehenamen verzichten, antworten sie, dass ihnen dieses Zusammengehörigkeitssymbol eines gemeinsamen Namens wichtig sei. Vor allem bei denjenigen, die sich Kinder wünschen, ist das oft ein ausschlaggebendes Argument: Sie wollen, dass die Kinder genauso heißen wie sie selbst.

Dass das nur geht, wenn sie den Namen des Mannes annehmen, scheint dabei quasi ein Naturgesetz zu sein. Und mit diesem Eindruck haben die Frauen vermutlich sogar recht. Denn meine persönliche Untersuchung darüber, welchen Nachnamen die Kinder bekommen, wenn die Eheleute jeweils den eigenen Namen behalten, ergibt ein sattes 100-Prozent-Ergebnis: Ich kenne kein einziges Paar, bei dem die Kinder dann den Namen der Mutter tragen. In ausnahmslos allen mir bekannten Fällen haben die Kinder den Namen des Vaters. (Und in jedem Einzelfall gibt es dafür höchst gewichtige Gründe, die natürlich nichts mit dem Geschlecht zu tun haben :))

Diesbezüglich hatte ich mal ein sehr interessantes Gespräch mit einem jungen Praktikanten, der den Namen seiner Frau angenommen hatte, weil sie beide einen gemeinsamen Namen für sich und die Kinder wollten. Er erzählte mir, auf wie großes Unverständnis in seiner Familie, aber auch bei Bekannten diese Entscheidung gestoßen war, und zwar vor allem im Hinblick auf den Nachwuchs: Offenbar ist es das größte Tabu, das ein Mann heute noch brechen kann, wenn er nicht dafür sorgt, dass der Name seines Vaters an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird.

Ich denke auch tatsächlich, dass in dieser väterlichen Genealogie der eigentliche Knackpunkt des Themas liegt: Das reformierte Namensrecht hat dazu geführt, dass Frauen ihren eigenen Namen behalten dürfen. Was sie aber nach wie vor nicht dürfen, das ist, den eigenen Namen an ihre Kinder weitergeben. Und das ist womöglich der Grund, warum so viele von ihnen bei der Eheschließung nicht ihren eigenen Namen behalten: Weil sie nur so verhindern können, dass ihre Kinder einmal anders heißen als sie selbst.

Dass es sich hierbei um ein Tabuthema handelt, schließe ich auch daraus, dass es dazu keinerlei statistische Untersuchungen gibt (meines Wissens). Schon die Wahl des Ehenamens ist ja überhaupt nicht bundesweit erfasst, erst recht gibt es keine Zahlen über die Namensweitergabe an die Kinder.

Viele Frauen, die ich zu diesem Thema in eine Diskussion verwickelt habe, betonen an dieser Stelle, dass das Ganze doch nicht so wichtig sei. Manche sehen in dem so sehr starken Wunsch des Mannes, den eigenen Geburtsnamen an die Kinder weiterzugeben, sogar ein Zeichen dafür, dass er sich ganz besonders für die Familie verantwortlich fühlt – was durchaus sein mag, aber das ist natürlich exakt die alte, patriarchale Bedeutung von männlicher Verantwortung.

Es sei doch nur ein Name, beschwichtigen mich dann meine Gesprächspartnerinnen. Und wenn schon Streit, dann doch lieber über wichtigere, handfestere Dinge. Über die Verteilung der Hausarbeit oder Absprachen bei der jeweiligen Berufs- und Karriereplanung.

Das ist sicher richtig. Und die übergroße Wichtigkeit, die viele Männer dem Namensthema offenbar zumessen, sollte vielleicht auch tatsächlich nicht der Maßstab sein.

Eine Frage bleibt für mich aber dennoch: Wenn die Frauen sagen “Ich liebe doch meinen Mann, also kann ich doch ihm zuliebe auf meinen Namen verzichten” – was sagt das dann über die Liebe der Männer zu den Frauen aus? Oder anders gesagt: Verzichten viele Frauen an dieser Stelle vielleicht nicht so sehr aus Großherzigkeit als vielmehr aus Angst, es könnte sich herausstellen, dass es mit der Liebe auf der anderen Seite dann doch nicht so weit her ist? Wenn es hart auf hart kommt?

Abschied von der guten Mutter

Was Mütterlichkeit ist oder sein sollte, das wird heute, wie ehedem, vor allem von Gesetz und öffentlicher Meinung definiert. Wie aber wäre es, wenn die Freiheit der Frauen (und nicht deren Nutzen für die Gesellschaft) ins Zentrum des Nachdenkens über die Bedeutung von Mutterschaft gestellt würde? Dazu habe ich unter dem Titel „Abschied von der ‚guten’ Mutter“ einen Artikel für die Zeitschrift „Forum Sexualaufklärung und Familienplanung“ gder Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegeben wird.

Link: www.antjeschrupp.de/mutter. In dem Heft gibt es noch weitere interessante Artikel, zum Beispiel über das „Mutterbild in Medien und Alltag“ oder über Mutterbilder von Migrantinnen. Das Themenheft „Mutter“ ist kostenlos bei der BZgA in Köln erhältlich, einfach per Mail unter Best.-Nr. 13329210 an order@bzga.de.

Die Illusion der Vereinbarkeit

93 Prozent der kinderlosen Männer zwischen 15 und 33 Jahren wollen Kinder haben, so die gute Botschaft einer neuen Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, die dieser Tage vorgestellt wurde. Soweit der erfreuliche Aspekt – erfreulich aus Sicht der Frauen, deren Kinderwunsch nämlich sehr häufig am Veto ihres Partners scheitert.

Allerdings sind die Bedingungen, unter denen sich Männer das Kinderhaben vorstellen, durchaus heikel: Knapp die Hälfte ist klar für die klassische Aufgabenverteilung – sie selbst gehen arbeiten und sind der “Familienernährer”, die Frau sorgt für die Kinder. Nicht einmal jeder vierte vertritt für Frauen und Männer ein egalitäres Rollenbild. Dass diese Einstellung höchst problematisch ist in Zeiten, in denen Frauen unbedingt erwerbstätig sein müssen, weil das innerfamiliäre Unterhaltsrecht gerade abgeschafft wird, und in denen der Arbeitsmarkt nicht mehr unbedingt so ist, dass ein Mann allein den finanziellen Unterhalt der Familie auf Dauer garantieren kann, ist das eine und bekannt. Und dass an dieser rückwärtsgewandten Einstellung durchaus auch die Frauen mit Schuld sind, weil es immer noch viele Frauen gibt, die von den Männern diese finanzielle Versorgerrolle erwarten, stimmt auch, geschenkt.

Was mich an der Studie nachdenklich gemacht hat, ist vielmehr ein anderer Aspekt: wie sich die befragten Männer die heute so viel diskutierte “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” vorstellen. Positiv herausgehoben wurde nämlich, dass die meisten Befragten sich (anders als die Väter aus früheren Generationen) durchaus auch in der Betreuung ihrer Kinder engagieren wollen – aber nur wenn das nicht zulasten des Berufs geht. Die mehrheit der Befragten will nicht einmal in der Zeit direkt nach der Geburt beruflich etwas zurückstecken – Elterngeld hin oder her. Viele Kommentatoren zogen daraus den Schluss, das Hauptproblem liege darin , dass die meisten Firmen und Unternehmen den Vätern diesen Spielraum für mehr Famlienzeit nicht geben.

Auch wenn das sicher so ist, bin ich bin trotzdem der Meinung, dass das Hauptproblem ein anderes ist. Weil in diesem Wunsch der Männer nämlich eine große Illusion deutlich wird, die sie haben, und die wir als Gesellschaft insgesamt zunehmend zu haben drohen: Die Illusion, man könne Kinder haben, erziehen, betreuen, versorgen, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf die berufliche Leistungsfähigkeit hat. Das ist aber Unsinn. Eine totale “Vereinbarkeit” von Familie und Beruf gibt es nicht, jedenfalls solange nicht, wie das Berufsleben eine auch nur entfernte Ähnlichkeit mit dem von heute hat. Sicher: Die Situation kann noch wesentlich verbessert werden mit den bekannten Maßnahmen. Aber auch wenn wir für jedes Kind einen Krippen- und Kindergartenplatz haben, wenn wir Ganztagsschulen haben und flexible Arbeitszeiten, Kitas in den Firmen und verständnisvolle Chefs, die uns Familienurlaub geben, wann immer wir wollen – das alles wird nichts daran ändern, dass Muttersein (und, sofern die “neuen Väter” es ernst meinen, auch Vatersein) viel Zeit und Kraft kostet. Und das bedeutet nun einmal, dass diese Zeit und Kraft der Karriere nicht zur Verfügung steht.

Ich gebe zu, dass die Frauenbewegung mit dem Slogan “Beruf und Familie sind vereinbar” etwas zur Entstehung dieser Vereinbarkeits-Illusion beigetragen hat. Da früher die Arbeitgeber den Frauen pauschal unterstellt haben, sie würden ja ohnehin irgendwann Kinder haben und damit nicht mehr so komplett leistungsbereit sein, mussten wir sozusagen das Gegenteil behaupten: Auch die Frau, die Mutter ist, ist eine komplett leistungstüchtige Arbeitnehmerin. Aber wenn wir früher für die “Vereinbarkeit” von Beruf und Familie argumentierten, dann bedeutete das, etwas gegen die damals verbreitete Ansicht zu unternehmen, dass beides komplet unvereinbar sei: Jede berufstätige Frau eine Rabenmutter. “Vereinbarkeit” bedeutet, dass beides – mit Kompromissen auf beiden Seiten – durchaus unter einen Hut zu bringen ist. Dass, wenn man hier wie da ein paar Abstriche macht, sich weibliche Erwerbstätigkeit und Mutterschaft sogar unter Umständen gegenseitig bereichern und befruchten können, dass der Gegensatz nicht so pauschal und absolut ist, wie das Patriarchat früher behauptet hat.

Vereinbarkeit bedeutet aber nicht, dass ich beides haben kann ohne dass es auch nur den allerleisesten Konflikt geben wird. Frauen wissen das natürlich. Deshalb gehen ja so viele von ihnen auf Teilzeit, wenn sie Mütter werden. Deshalb bekommen sie nur ein oder zwei Kinder statt drei oder vier, um im Beruf nicht ganz den Anschluss zu verlieren. Dies bedeutet “Vereinbarkeit von Beruf und Familie” – auf beiden Seiten Abstriche machen, um die beiden Bereiche mit einander zu kombinieren und zu verbinden.

Es ist aber völliger Wahnsinn, wenn sich immer mehr die Meinung durchsetzt, diese Abstriche wären keinesfalls nötig, sondern es ließe sich die 100-prozentige Berufstätigkeit umsetzen, auch wenn man Mutter (oder Vater) von Kindern ist – und wenn für diese 100-prozentige Berufstätigkeit auch noch der verheiratete Mann zum Maßstab genommen wird, dessen Frau sich nicht nur um die Kinder kümmert, sondern ihm selbst das Wäschewaschen, Putzen und Essenkochen weitgehend abnimmt.

Die aktuelle Studie hat gezeigt, wie weit verbreitet diese Vereinbarkeitsillusion unter jungen Männern schon ist, und deshalb ist Zeit, ihnen zu sagen: Wenn ihr aktive Väter werden wollt, dann heißt das auf jeden Fall, dass Ihr Abstriche beim Beruf machen müsst. Man kann nicht gleichzeitig aktiver Vater und 60-Stunden-Karrieremacher sein. Der Tag hat nämlich nur 24 Stunden und unsere Kräfte sind irgendwann erschöpft, und eure auch.

Die Botschaft der Stunde wäre also die: Beruf und Familie sind nicht vereinbar. Jedenfalls nicht ohne Kompromisse. Beruf und Familie sind natürlich auch nicht ganz und gar unvereinbar. Aber es handelt sich beim Kombinieren von Erwerbsarbeit und Haus- und Fürsorgearbeit eben weder um ein plattes “entweder-oder”, wie man früher meinte, noch um ein ebenso plattes “sowohl als auch”, wie man heute meint. Sondern die Herausforderung (und das war der Grund, warum die Frauenbewegung vor dreißig Jahren eine “Vereinbarkeitsdebatte” vom Zaun gebrochen hat) besteht darin, beides auf ganz neue Weise zu kombinieren, ohne das eine von vornherein dem anderen unterzuordnen. Solange so viele Männer und leider auch die Mehrzahl der “Familien”-Politikerinnen und -Politiker dies nicht in Angriff nehmen, sondern so tun, als könnte man alles um den 100-Prozent-Vollzeitarbeitnehmer (in männlicher und weiblicher Version) organisieren, wird es dabei bleiben, dass das Problem der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie diejenigen ausbaden müssen, die Kinder haben und versorgen.

Das sind heute noch in übergroßer Mehrheit Frauen. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wir als Gesellschaft die “Kinder haben schränkt doch die Erwerbsfähigkeit kein bisschen ein”-Lüge auf dem Rücken derer austragen, die sich den Tatsachen stellen und auf Karrierechancen und Einkommen verzichten, um Zeit und Energie fürs Kinderversorgen zu haben. Ob davon nun 5 Prozent Männer sind (wie jetzt) oder 50 (wie in einer möglichen gleichstellungsparadiesischen Zukunft), ist aus meiner Sicht so ziemlich egal.

Zum Weiterlesen: Bertelsmann Stiftung (Hrsg): Null Bock auf Familie? Der schwierige Weg junger Männer in die Vaterschaft. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2008, 20 Euro.


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Abschied vom Traummann (für eine Vaterschaft light) und

Über das Müssen

Vaterschaft vielfältig gestalten

“Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr” – noch nie war dieses Sprichwort so wahr wie heute. Das alte Rollenmodell des patriarchalen Familienoberhauptes ist wohl endgültig passé. Doch was an seine Stelle treten soll, ist noch ziemlich unklar. Ist ein Vater einfach die männliche Version einer Mutter? In Zeiten, in denen die Gleichstellung von Frauen und Männern politische Zielvorgabe ist, erscheint das vielen als die plausibelste Lösung. Doch der Blick auf das wirkliche Leben zeigt, dass die Situation weitaus komplizierter ist.

Mit meinem Artikel “Abschied vom Traummann” beginnt eine Diskussionsreihe über Familienbilder in der Zeitschrift “Publik Forum”. Weiterlesen hier: http://www.antjeschrupp.de/abschied_vom_traummann.htm

Die beste Familie gibt es nicht!

Die jüngste Brigitte-Studie hat es gezeigt: Der Kinderwunsch von Frauen ist nach wie vor hoch. Die bekannten gesellschaftlichen Hürden bewirken jedoch, dass Frauen in der Realität viel weniger Kinder bekommen, als sie eigentlich wollen. Ein großes Hindernis dabei ist die sinkende Kinderlust der Männer. Mehr als ein Viertel der jungen Männer will ein Leben ohne Kinder. Das stellt uns vor große Herausforderungen. Wichtig ist, dass wir schleunigst unser Familienbild verändern. Keine Ideale mehr, sondern eine pragmatische Förderung einer ganzen Vielfalt von Möglichkeiten des familiären Zusammenlebens. Meine ich. Mehr dazu in meinem neuen Artikel: “Die beste Familie gibt es nicht!” -
http://www.antjeschrupp.de/die_beste_familie.htm

Vätern einen Platz geben

Eines der wichtigsten Themen im Zusammenhang mit neuen Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind die Verhandlungen über die Rollen innerhalb der Familie. Es ist unübersehbar, dass überkommene patriarchale Väterkonzepte schon lange ihre Überzeugungskraft eingebüßt haben. Doch was tritt an ihre Stelle? Leider bleiben auch die neuen Väterkonzepte bislang vielfach unglaubwürdig und führen zu allerhand Problemen, vor allem dann, wenn sie mit einer Schwächung der mütterlichen Position einhergehen – zahlreiche Fallbeispiele dazu haben Anita Heiliger und Eva-K. Hack in ihrem Sammelband „Vater um jeden Preis?“ zusammengetragen. Im Widerspruch zu einer verbreiteten Haltung, die Vatersein und Muttersein einfach in einem egalitär-geschlechtsneutralen „Elternsein“ aufzulösen versucht, meint Andrea Günter, dass die Position des Vaters auch in nachpatriarchalen Zeiten nicht mit der Mutter identisch ist: „Die Frage der Vaterschaft ist eine andere Frage als die der Mutterschaft. Die Aufgabe, Vätern einen Platz zu geben, ist eine eigenständige Aufgabe und bleibt eine eigene Anstrengung.“ Zu den dafür notwendigen Debatten leistet sie mit ihrem Büchlein „Vätern einen Platz geben“ einen wesentlichen Beitrag. Eine Leseempfehlung: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-7-110.htm

“Elternzeit” ist “Mütterzeit”

Eine Super-Jubelmeldung war dass heute: Seit Einführung des “Elterngeldes” hat sich die Zahl der Väter, die “Elternzeit” nehmen, verdoppelt, meldet das Statistische Bundesamt – von 3,5 auf sagenhafte 7 Prozent! Und von diesen wunderbaren 7 Prozent nimmt die Hälfte nur die zwei “Vätermonate” in Anspruch. Ich finde, wir sollten aus diesen Zahlen nun endlich die Konsequenz ziehen, und das “Elterngeld” als das benennen, was es ist: “Müttergeld”. Denn der geschlechtsneutralisierende Neusprech verschleiert die Realität mehr, als er sie erhellt.