Nachklapp zum Thema Gott oder was auch immer

Ich bin  ziemlich überwältigt von der zahlreichen Resonanz auf meine Frage nach dem Atheismus und danke allen, die kommentiert haben. Mir ist beim Lesen eurer Schilderungen und Berichte vieles durch den Kopf gegangen, und einiges davon möchte ich hier schonmal festhalten.

Einige Punkte sind ja häufiger gesagt worden, zum Beispiel, dass der Atheismus oder das Nicht-Glauben eigentlich der „Normalzustand“ bei der Geburt ist und der Glaube an irgendwas erst durch die Erziehung oder „Indoktrination“ von Eltern und Umwelt implementiert wird. Das sehe ich auch so, wobei ich allerdings glaube, dass „Indoktrination“ (ich würde eher sagen: das Vermitteln von kulturellem Wissen oder persönlichen wie gesellschaftlichen Wertvorstellungen) im Moment der Geburt unweigerlich losgeht. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, aufzuwachsen, ohne „indoktriniert“ zu werden. Die spannende Frage ist, ob das auf eine freiheitliche oder unfreiheitliche Weise passiert, wobei das in der Realität wohl meistens ein Mix von beidem ist. Aber ich halte es für unmöglich, dass Menschen bis zu dem Zeitpunkt, wo sie eigene Überzeugungen entwickeln können, „unindoktriniert“ bleiben. Einfach deshalb, weil alle Erwachsenen, mit denen sie zu tun haben, bereits eigene Überzeugungen ausgebildet haben, und Lernen nur zu einem kleinen Teil über bewusste Reflektion und zu einem größeren Teil über Nachahmung und Imitation vonstatten geht.

Interessant fand ich den häufigen Verweis auf „Märchen und Sagen“, so als wäre das ein Argument gegen Religion – ich nehme an, der Grund war, dass innerhalb von Religionen oft behauptet wird, ihre Geschichten wären etwas völlig anderes als Märchen und Sagen, nämlich „wahr“? Das werde ich mal im Hinterkopf behalten.

Ich denke eigentlich auch, dass die Bibel oder auch allgemein religiöse Erzählungen und Gleichnisse über Gott im Prinzip so etwas sind wie Märchen und Sagen, aber ich finde nicht, dass das gegen sie spricht. Auch Märchen und Sagen sind ja nicht zu Unterhaltungszwecken erfunden worden, sondern weil damit Erkenntnisse und Ansichten über Gut und Böse und das  Zusammenleben der Menschen transportiert werden sollten. Nehmen wir zum Beispiel das Märchen von „Hans im Glück“ – darin steckt eine Botschaft, eine Wertüberzeugung über den Umgang mit materiellem Reichtum, und diese Botschaft ist doch das Zentrale und nicht, ob es einen solchen Hans „wirklich“ gegeben hat.

Biblische Geschichten sind von der Gattung her nicht etwas prinzipiell anderes als „Märchen und Sagen“, nur dass ihr Thema eben „Gott“ ist. Ein Hauptmissverständnis liegt glaube ich darin, dass zu der Zeit, in der sie entstanden sind, die Frage „ob es Gott gibt oder nicht“ niemand ernsthaft gestellt hat. Bis zur Neuzeit haben sich die Leute nicht darüber gestritten, ob es Gott gibt (davon sind sie als selbstverständlich ausgegangen), sondern darüber, was genau man sich unter „Gott“ vorstellen soll.

Eine Erzählung wie die von den „Arbeitern im Weinberg“ zum Beispiel vertritt die Ansicht, Gott würde allen Menschen dasselbe geben, unabhängig von ihrer Leistung (in dem Gleichnis bekommen die Arbeiter, die nur eine Stunde arbeiten, denselben Lohn wie die, die den ganzen Tag gearbeitet haben). Wenn man davon ausgeht, dass es Gott eventuell gar nicht gibt, ergibt die Erzählung logischerweise gar keinen Sinn. Sie ist nur sinnvoll innerhalb einer Debatte, in der zwar alle davon ausgehen, dass es Gott gibt, aber nicht darüber einig sind, wie Gott agiert (vermutlich waren damals viele der Ansicht, Gott würde die Menschen eher „leistungsbezogen“ aka „gerecht“ belohnen, und denen widerspricht dieses „Märchen“).

Von daher ist es heute tatsächlich schwierig bis unmöglich, solche Geschichten einfach weiter eins zu eins zu erzählen. Das Missverständnis ist sozusagen schon einprogrammiert. Ich selber kam als Jugendliche auch irgendwann an den Punkt, wo ich „das alles, was mir da erzählt wurde“ nicht mehr geglaubt habe, und ich habe auch keine befriedigenden Antworten von Kirchenleuten darauf gefunden. Meine Reaktion war dann aber nicht, Atheistin zu werden, sondern Theologie zu studieren, und ich bin heute an einem Punkt, wo mir die Rede von Gott nicht sinnlos erscheint sondern sinnvoll. Aber ich habe gleichzeitig gemerkt, dass ich überhaupt keine Lust habe, andere diesbezüglich zu überzeugen.

Um bei dem Beispiel mit den Arbeitern im Weinberg zu bleiben: Ich habe durchaus einen „missionarischen Eifer“, wenn es darum geht, dafür einzutreten, dass es falsch ist, Geld rein entlang von Leistungskriterien zu verteilen, weswegen ich etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen bin. Aber dafür brauche ich die Denkfigur „Gott“ nicht unbedingt (was ich allerdings hin und wieder mache, ist, Argumente wie das von den Arbeitern im Weinberg in Diskussionen mit „Leistungsfetischisten“ anzubringen, die von sich selbst sagen, wie wären Christ_innen).

Überhaupt finde ich – und eure Kommentare haben mich in dieser Ansicht bestärkt – dass die entscheidenden Wertedebatten und -kontroversen heute nicht entlang der Frage verlaufen, ob Menschen das Wort „Gott“ benutzen, um bestimmte Phänomene des Lebens zu beschreiben, sondern entlang ganz anderer Kontroversen (Umgang mit sozialer Ungleichheit, Anerkennung weiblicher Freiheit, Wertschätzung von Pluralität usw.). Weshalb ich auch den Ärger gut verstehen kann, wenn behauptet wird, außerhalb von Religion gäbe es keine Moral und Ethik. Das ist natürlich falsch, logisch wie empirisch.

Für mich selbst kann ich das Wort „Gott“ jedoch weiterhin gut gebrauchen. Eine jüngst erlebte Geschichte dazu: Ich war im Urlaub, und bei der Abreise aus einer Pension, in der es mir gut gefallen hat, verabschiedete ich mich von der Köchin, indem ich zu ihr sagte: „Ich komme sicher nochmal wieder her.“ Woraufhin sie mir entgegnete: „So Gott will“. Und da war ich tatsächlich ein bisschen beschämt, weil meine Behauptung ohne einen Zusatz dieser Art natürlich leicht größenwahnsinnig gewesen war. Ich kann ja nicht wissen, ob ich nochmal wieder komme, denn das hängt nicht nur von mir ab, sondern von allem Möglichen, worauf ich keinerlei Einfluss habe. Ich fand es gut, dass sie mich darauf hingewiesen hat (und damit vielleicht auch darauf, dass ich selbst schon eine halbe Atheistin geworden bin).

Natürlich ist dieser „Gott“, der eventuell verhindert (oder es ermöglicht?), dass ich noch einmal in diese Pension fahre, kein Oberzampano, der das nach irgendwelchen mysteriösen Prinzipien entscheidet, sondern jeder einzelne dieser eventuellen Hinderungsgründe wird irgendwas innerweltlich vollkommen Logisches sein. Aber ich finde es durchaus praktisch, dieses „große Umunsherum“ (das ist ein Ausdruck von Ina Praetorius), worauf ich keinen Einfluss habe, das aber mein Leben und seine Entwicklungen prägt und beeinflusst, einfach „Gott“ zu nennen. Ich sehe darin nichts Einhorn- oder Elfenmäßiges.

Dieses Wissen und die Berücksichtigung des Faktes, dass nicht alles von uns selbst abhängt, sondern dass wir mit allem, was wir tun, eingespannt sind in ein Geflecht von allem Möglichen – dem, was andere Menschen machen, dem Zufall, guten oder schlechten Gelegenheiten, Glück und Pech, Trallala und so weiter – das ist mir allerdings in der Tat auch gesamtgesellschaftlich wichtig und erscheint mir momentan kulturell etwas unterentwickelt zu sein.

Es wird doch ziemlich oft so getan, als könnte man Sachen „im Griff haben“, es werden „sichere Lösungen“ angeboten für Sachen, für die es rational betrachtet keine sicheren Lösungen geben kann. Jüngstes Negativbeispiel ist ein Plakat der Deutschen Krebshilfe, auf dem ein kleiner Junge zu sehen ist mit dem Spruch „Jan, 8, hat erfolgreich seine Leukämie bekämpft.“ Ich frage mich, wie so ein Bild auf Menschen wirkt, denen es nicht gelingt, ihre Krankheit „erfolgreich zu bekämpfen“, oder auf Eltern, deren Kinder an Leukämie gestorben sind. Hätten die sich nur ein bisschen mehr anstrengen müssen? So ein altmodischer Zusatz wie „mit Gottes Hilfe“ würde mir da ganz gut gefallen.

Oder wie auch immer wir das heute ausdrücken wollen würden, wenn uns das G-Wort nicht mehr brauchbar erscheint.

Gott im Gendertrouble

Nicht erst seit dem berühmten Satz von Mary Daly „Wenn Gott männlich ist, dann ist das Männliche Gott“ ist das Geschlecht Gottes ein wichtiges Thema in der feministischen Theologie. Speziell der christlichen, denn im Unterschied zum Judentum und zum Islam ist der christliche Gott sozusagen ganz besonders männlich. Zum einen, weil Jesus als die Person, in der „Gott Mensch geworden ist“ ein Mann war, und zweitens, weil es im Christentum kein Bilderverbot gab, was bedeutet, dass Legionen von Künstlern Gott gemalt und in Stein gehauen haben, und zwar so gut wie immer in männlicher Gestalt.

Mein Theologiestudium liegt ja jetzt schon ein paar Jährchen zurück, und umso interessanter finde ich ein Buch zu lesen, in dem die Autorinnen der Frage nachgehen, was sich in den letzten Jahren – auch ausgelöst vom Gender-Trouble des Dekonstruktivismus – so in punkto Gott und Gender getan hat. Ich bin erst halb durch, aber ich das Buch enthält so viele kluge Gedanken, dass ich schon mal ein paar aufscheiben muss, um nicht alles wieder zu vergessen.

Helga Kuhlmann beschäftigt sich in ihrem Aufsatz mit der Frage „Wird Gott in Jesus Christus zum Mann?“. Die theologische Frage, die dahinter steckt, ist diejenige, ob das Geschlecht von Jesus sozusagen zufällig männlich war (nach dem Motto: Gott wollte Mensch werden, und da es die nur in den Varianten Mann und Frau gibt, musste er sich halt für eines entscheiden, er hätte genauso gut eine Frau werden können), oder ob Gott mit Absicht eine männliche Inkarnation gewählt hat, also eben nicht Mensch, sondern dezidiert Mann geworden ist.

Letzteres behaupten zum Beispiel diejenigen, die aus der Männlichkeit Jesu den Ausschluss der Frauen aus dem Priesteramt begründen (mit dem Argument, die Priester, die sozusagen stellvertretend für Christus das Abendmahl praktizieren, müssten diesem „ähnlich“ sein, und Männer seien ihm eben ähnlicher als Frauen). Diese Auffassung ist zwar auch heute noch verbreitet, aber natürlich nicht in der feministischen Theologie. Sie ist ja auch zu offensichtlich ein Deckmäntelchen, damit man sich nicht von alten patriarchalen Gewohnheiten trennen muss. Also sozusagen keiner echten Auseinandersetzung wert. (Oder höchstens ein Anlass, aus der Kirche auszutreten, was ja auch viele Frauen gemacht haben).

Die emanzipiert gebügelten Theologen von heute betonen natürlich, dass sie Gott keineswegs als männlich ansehen, benutzen aber dennoch weiter männliche Metaphern (Herr, Richter, König und so weiter) und sprechen von Gott immer als „er“ und nie als „sie“. Rein zufällig und bloß pragmatisch. Das ist die „Versuchung des Neutrums“, die glaubt, das Weibliche in männlichen Metaphern und männlicher Sprache mitmeinen zu können, was aber nicht funktioniert.

Neuerdings wird das noch weiter gedreht, wie Kuhlmann am Beispiel des Heidelberger Systematikers Wilfried Härle zeigt: Er verteidigt die männlichen Metaphern für Gott, weil dadurch eine größere Distanz zwischen Gott und den Menschen betont werde. Die Argumentation geht dann ungefähr so: Wenn wir alle Gottes Kinder sind, ist es besser, sich Gott als Vater vorzustellen, denn Mütter kümmern sich um einen, während Väter distanzierter sind und man sich auch ein bisschen vor ihnen fürchtet. So wie man es auch mit Gott tun soll. Diese Argumentation fällt natürlich in dem Moment in sich zusammen, wo Väter anfangen, sich anders zu verhalten als die patriarchalen Väter von früher. Die Metapher von „Gott als strengem Vater“ wäre demnach ein Auslaufmodell, das sich (hoffentlich) bald von selbst überholt, weil es keine patriarchalen, sondern nur noch fürsorgliche, quasi „mütterliche“ Väter gibt. Theologisch wäre dagegen einzuwenden, dass man hier mal über das Gottesbild diskutieren müsste. Ist es wirklich angemessen, sich Gott als distanziert, streng und ein bisschen zum Fürchten vorzustellen? Nö. Jedenfalls nicht angemessener, als sie sich als fürsorglich, helfend, schutzgebend vorzustellen.

(Kleiner Einschub: In demselben Band zeigt Gerlinde Baumann in ihrem Aufsatz „Ist der Gott des Alten Testaments männlich?“, dass Gott dort zwar als dezidiert „männlich“ geschildert wird, aber eher im Sinne von „königlich“. Sie stellt die kluge Überlegung an, dass die meisten Attribute von „herrschaftlich-königlicher Männlichkeit“ damals – wie übrigens auch heute – auf die meisten real-existierenden Männer gar nicht zutreffen).

Aber zurück zur Männlichkeit Jesu und was sie bedeutet. Helga Kuhlmann schlägt da eine dritte Denkrichtung vor (neben: Sie war Zufall und: Sie war Absicht), und zwar die Möglichkeit, dass sich in Jesus eine gegen den Strich gebügelte Männlichkeit zeigt. Jesus ist zwar unbestreitbar ein Mann, aber so wie er in den Evangelien geschildert wird, wird er nicht gerade als Paradebeispiel von „doing male gender“ geschildert. Sondern zum Beispiel als schutzbedürftiges Kind, als Weisheit (die weibliche Sophia), als Mitfühlender und so weiter. Kuhlmanns Argument ist, dass vor allem die „Leiblichkeit“ Jesu betont wird, und dass deshalb die Geschlechterdifferenz (er ist ein Mann und keine Frau) in der christlichen Systematik keine Rolle spielen sollte: Gott, so ihre Schlussfolgerung, wird in erster Linie Mensch und nicht Mann.

So sehr ich die Argumentation nachvollziehen kann und auch teile, so melden sich bei mir an dieser Stelle doch meine differenzfeministischen Fragezeichen. Denn die Männlichkeit Jesu bleibt dennoch eine Tatsache, auch wenn sie performanzmäßig unterlaufen wird und mir die Betonung von Jesu Menschlichkeit und Leiblichkeit durchaus Anknüpfungs- und Identifizierungsmöglichkeit gibt, auch wenn ich kein Mann, sondern eine Frau bin. Aber die Differenz ist damit ja längst nicht aufgehoben, denn wir beide – sowohl Jesus als auch ich – haben nach wie vor die ganze geschlechterdifferente Geschichte der vergangenen 4000 Jahre plus auf dem Buckel.

Mit anderen Worten: Ich werde mich mit Jesus niemals so identifizieren können, wie ein Mann es kann, da gebe ich dem Vatikan vollkommen Recht. Ich bin Jesus nicht in derselben Weise „ähnlich“, wie ein Mann es ist. Da ich aber natürlich die Schlussfolgerung des exklusiv männlichen Zugangs zum Priestertum (und den ganzen übrigen Rattenschwanz an Frauenfeindlichkeit, die das faktisch nach sich zog) nicht teilen kann, muss ich mir eine andere überlegen. Und  zwar zunächst einmal die, dass die Männlichkeit Jesu für Frauen – und damit für das Christentum allgemein – ein PROBLEM bleibt, das sich nicht postgendermäßig auflösen lässt.

Nicht in dem Sinne, dass das Christentum deshalb für Frauen prinzipiell ungeeignet wäre. Auch nicht in dem Sinne, dass irgendjemand daran Schuld ist, denn ich sehe schon ein, dass Gott eben irgendetwas werden musste. Gott ist faktisch ein Mann geworden, was im Übrigen angesichts der patriarchalen Gesellschaftsstrukturen vor 2000 Jahren auch keineswegs Zufall war. Und damit müssen wir nun irgendwie zurechtkommen.

Dass an einem Problem niemand Schuld ist und dass man es nicht hätte verhindern können, bedeutet ja nicht, dass es kein Problem mehr wäre. Die Männlichkeit Jesu bleibt ein Problem, und diesem Problem muss man sich stellen, es lässt sich nicht de-konstruieren. Ich vermute, es lässt es sich auch nicht lösen. Möglicherweise könnte man das aber sogar zu einem Vorteil wenden im Vergleich zu den „geschlechtsneutraleren“ Varianten Judentum und Islam. Denn die Männlichkeit Jesu bleibt uns Christinnen ein ständiger Stachel im Fleisch und verhindert, dass wir uns in angeblich geschlechtsneutralen, faktisch aber eben doch männlich konnotierten Gottesmetaphern bequem einrichten.

Gerlinde Gerber, Silke Petersen, Wolfram Weiße (Hg): Unbeschreiblich weiblich? Neue Fragestellungen zur Geschlechterdifferenz in den Religionen. Berlin 2011.

(Diese Seite auf Französisch lesen)

Der Papst, das Amt, der liebe Gott und ich

Jetzt ist der Papst wieder weg, und seit gestern kurven einige Gedanken dazu in meinem Kopf herum, die ich hier niederbloggen will, damit ich gleich in Ruhe (und ohne Papst im Kopf) noch mal das schöne Wetter genießen kann.

Der Gedanke, der mir seit gestern im Kopf herum geht, lautet: Der Papst hat euch alle um den Finger gewickelt. Und zwar nicht nur die Christlichen, sondern auch die Atheistischen, die sich – ich habe die Blogs und Tweets dazu so nebenbei verfolgt – an einem bestimmten Punkt aufhielten, der meiner Meinung nach der falsche Punkt ist: Nämlich dem, dass der Papst in seiner Bundestagsrede darauf verwiesen hat, dass es neben dem Recht und der menschlichen Vernunft noch eine andere Instanz gebe, die Natur der Dinge beziehungsweise auch Gott, und dass das einen Rahmen für das ethische Bewusstsein vorgibt, den Menschen nicht einfach nach Gutdünken verändern können.

Viele papstkritische Stimmen haben das so übersetzt: Der Papst behauptet, es gebe eine Natur des Menschen, und deshalb dürfen wir zum Beispiel Homosexualität nicht erlauben und Frauen nicht gleichstellen. Und sie erwidern: Das ist aber Quatsch, denn es gibt eine solche „Natur“ nicht, und außerdem hat der Papst seine homophoben und frauenfeindlichen Ansichten bitte im Privaten (übersetze: innerkirchlich) zu verbreiten und nicht im Bundestag.

Nun ist es ja keine Neuigkeit, dass Joseph Ratzinger behauptet, Homosexualität und die Freiheit der Frauen würden gegen die Natur des Menschen und gegen Gottes Willen verstoßen. Ich bin da anderer Ansicht, denn ich bin – nach ebenso reiflicher Überlegung, Bibelstudium, Beterei etcetera – zu der Auffassung gelangt, dass Gott überhaupt nichts gegen Homosexualität und weibliche Freiheit hat, ganz im Gegenteil. Menschen haben unterschiedliche Ansichten, und über die müssen sie sich halt streiten. Ich streite mich gerne, und je nachdem, mit wem ich es zu tun habe, argumentiere ich mit Gott, der Bibel, der Vernunft, der Natur, dem Grundgesetz, der Bagavadgita oder was auch immer in der jeweiligen Situation dazu beitragen kann, die andere Seite zu überzeugen.

Das Problem ist aber, dass der Papst behauptet, er allein wisse ganz genau, was Gott will. Er muss nicht argumentieren. Beziehungsweise noch nicht einmal das, sondern: Die Struktur der Katholischen Kirche ist derart, dass sie ihre eigene „Unfehlbarkeit“ behauptet, also dass ein Mensch, in diesem Fall Joseph Ratzinger, nur weil er Papst ist, sich anmaßen kann, Gottes Willen zu kennen und daher es nicht mehr nötig hat, sich mit anderen Leuten auseinander zu setzen, die zu anderen Auffassungen kommen. Zum Beispiel mit mir.

Denn ich bin ja nur Antje, und Herr Ratzinger ist der Papst, und darin liegt der Teufel begraben. Denn: Genau diese Hierarchie wird auch durch die oben skizzierte papstkritische Argumentation letztlich bestätigt. Auch die Papstkritiker_innen gestehen ihm die Definitionsmacht zu, Gottes Willen auszulegen. Nur so können sie ja aus dem Inhalt dieser Rede die Schlussfolgerung ziehen, an Gott zu glauben sei gleichbedeutend mit homophob und frauenfeindlich, obwohl der Papst diese Themen ja gar nicht angesprochen hat. Das hat er eben gar nicht nötig, denn alle Welt, die Gläubigen wie die Ungläubigen, gestehen ihm zu, dass seine Ansichten diesbezüglich die Maßgeblichen sind. Was ich zum Beispiel (und ich bin da ja nicht allein) zu dem Thema zu sagen hat, ist uninteressant.

Das Vorhandensein einer obersten institutionellen Instanz, die darüber befindet, was Gott angeblich will, ist der entscheidende Unterschied zwischen katholisch und evangelisch. Es ist im Übrigen auch ein entscheidender Unterschied zwischen katholisch und muslimisch, denn auch der Islam kennt keine solche oberste und unfehlbare Instanz, die festlegt, was alle gefälligst für Gottes Willen oder den „natürlichen“ Lauf der Dinge zu halten haben.

Ich will euch hier ja nicht dauernd mit Simone Weil nerven, aber sie hat auch hierzu wieder kluge Dinge gesagt: Das „Anatema sit“, also die Selbstermächtigung der Institution Katholische Kirche dazu, festzulegen, was „wahrer“ und was „falscher“ Glaube ist, war für sie der entscheidende Grund, dieser Kirche nicht beizutreten. Und dieses Selbstverständnis ist auch meiner Ansicht nach der eigentliche Punkt, an dem man dem Auftreten des Papstes etwas entgegen setzen muss.

Mir war, ehrlich gesagt, fast schon entfallen, wie stark dieses katholische Amtsverständnis noch ist. Die Bundestagsrede des Papstes hat es mir wieder vor Augen geführt: Ihre hauptsächliche und eigentliche Bedeutung hat diese Rede dadurch bekommen, dass es ein Papst war, der sie gehalten hat, und nicht etwa wegen ihres Inhaltes.

Diese Amtsautorität ist etwas, das wir in der evangelischen Kirche schon lange nicht mehr kennen, was auch damit zu tun hat, dass es hier Pfarrerinnen gibt. In einem älteren Vortrag habe ich mal darüber geschrieben und bin zu dem Schluss gekommen, dass sich mit dem Zugang von Frauen zum Pfarramt etwas Entscheidendes verändert hat: Nicht mehr das Amt trägt den Menschen, der es innehat, sondern der Mensch muss das Amt erst einmal ausfüllen, um Autorität zu haben.

Früher war „Pfarrer“ (auch bei den Evangelischen) per se etwas Besonders. Auch der schlichteste Geist, trug er bloß einen Talar, war eine Autoritätsperson. Frauen hatten diesen „Amtsbonus“ nie. Sie mussten immer erst einmal beweisen, „dass sie das auch können“. Dies hat inzwischen auf die gesamte Amtsstruktur ausgestrahlt – auch ein Mann, der Pfarrer wird, kann sich nicht allein deshalb schon der entsprechenden Aufmerksamkeit und Wichtigkeit sicher sein. Meiner Ansicht nach ist das eine Veränderung zum Positiven. Die im Übrigen sich nicht nur in der evangelischen Kirche so abgespielt hat, sondern auch im Politischen. Seit es etwa Bürgermeisterinnen und Rektorinnen und Richterinnen und was weiß ich gibt, stehen diese Ämter in einem größeren Legitimitätsdruck, kommt es zunehmend darauf an, wie sie von der entsprechenden Person ausgefüllt werden.

Nicht alle finden diese Entwicklung gut, in der evangelischen Kirche (und auch politische Analysten tun das zunehmend) wird gerne über die so genannte „Feminisierung“ geklagt. Das sind Männer, die ihren alten Privilegien hinterher jammern, die die Frauen nie hatten, und die in einer gleichberechtigten und pluralen Gesellschaft nun auch den Männern abhanden kommen.

Und das ist – das habe ich jetzt mit Hilfe des Papstbesuches kapiert – der eigentliche Grund, warum die katholische Kirche sich mit Händen und Füßen gegen die Ordination von Priesterinnen wehrt. Mir war diese Sturheit bisher immer einigermaßen unverständlich, weil alle Argumente dafür (die Bibel, Jesus, die Tradition) ziemlich mager sind. Und weil die diversen katholischen Veröffentlichungen zum Thema Geschlechterverhältnis, wenn man sie genau liest, eigentlich gar nicht so schrecklich sind, wie es in der öffentlichen Debatte darüber manchmal den Anschein hat. (Vgl. zum Beispiel diesen Text von Luisa Muraro: „Wenn Kardinal Ratzinger ein Student von mir wäre“)

Ich glaube, jetzt weiß ich, woher diese strikte Weigerung kommt, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Es hat nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun, sondern damit, dass diese Ämter dann nicht so bleiben könnten, wie sie sind. Das selbstgefällige Getue älterer Herren in Roben (wer sich einmal anschauen möchte, was ich meine, kann diesen Mitschnitt einer Pressekonferenz im Rahmen des Papstbesuches anschauen) könnte keinen Bestand haben, sobald es auch Frauen in solchen Roben gäbe.

Es geht hier – wie bei der weiblichen Freiheit generell – genau nicht um Gleichstellung und Emanzipation. Es geht darum, die alte Verknüpfung von „persönlicher Meinung“  und „Maßgeblichkeit“ in Form von institutionalisierten Ämtern aufzugeben. Eine Verknüpfung, die der Papst nicht aufgeben will, und er weiß auch sehr genau, warum. Das ganze Konstrukt einer Institution, die davon lebt, für alle (Gläubigen) verbindlich den Willen Gottes auszulegen, würde dann nämlich in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

Ich glaube, dem lieben Gott würde das gefallen. Und vernünftig wäre es auch.


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Gespräch über Gott und die Welt

Mit einer Frage von Benni auf Formspring begann vor ein paar Tagen dieses Gespräch über Gott und die Welt, das dann in philosophischen Überlegungen zu Immanenz und Transzendenz mündete. Ich finde es interessant genug, um hier sortiert auch im Blog dokumentiert zu werden. Vielleicht möchten sich ja andere auch noch daran beteiligen…

Benni: Stimmt es, dass Du „Gott“ und „Gutes Leben für Alle“ synonym verwendest? Hab das irgendwo gelesen von Dir. Vielleicht in diesem e-mail-Wechsel?

Antje: Hm, ja, schon. Aber nicht im Sinne einer Definition. Eher mache ich die Erfahrung, dass man es tatsächlich oft synonym verwenden kann. Je nach Kontext, mit wem man spricht. Also Leute, denen „Gott“ nichts sagt, die will ich nicht missionieren, sondern umschreibe, was ich meine, mit „gutes Leben für alle“. Was genau das ist, muss natürlich unbestimmt bleiben, man kann es ebenso wenig fassen, wie „Gott“. Und andersrum: Leuten, die „Gott“ so verwenden, dass es dem „guten Leben für alle“ widerspricht, denen widerspreche ich, dass es das dann wohl nicht sein kann.

Benni: Dann ist „Gott“ für Dich was komplett Immanentes? Ist das so wie bei Spinoza? Also Gott als in der Welt allgegenwärtige „Substanz“ und nicht als etwas außerhalb der Welt stehendes? Weil sonst würde das ja nicht zusammengehen, oder?

Antje: Nein, nicht immanent. (Spinoza kenn ich nicht.) Eher geht es darum, eine Beziehung zwischen immanent und transzendent zu beschreiben. Gott/das „gute Leben für alle“ ist durchaus transzendent im Sinne von nicht verfügbar, nicht kontrollierbar, nicht herstellbar, nicht beweisbar. Aber man kann sich zu ihm in Beziehung setzen, sich daran orientieren (auch wenn er/es nicht existiert im Sinne von „Beweisbarkeit“), herbeisehnen, darauf hin arbeiten usw. Interessanter Weise sind ja die Einwände dieselben: „Gott gibt es nicht“ „Das gute Leben für alle gibt es nicht“. Ist mir egal, weil ich trotzdem so tue als ob, gewissermaßen :) Was findest du an Spinoza interessant?

Benni: Die radikale Immanenz seiner Weltsicht (obwohl religiös formuliert). Und seine Sprache, die von der Mathematik (Axiom, Satz, Beweis, …) inspiriert ist und gleichzeitig inhaltlich aber jeden Formalismus hinter sich lässt – das spricht einen Computer-Nerd mit geisteswissenschaftlichem Interesse wie mich natürlich an. Und schließlich, dass er den berühmteren Zeitgenossen Descartes aber so was von alt aussehen lässt, insbesondere was dessen Dualismus angeht. Er ist sozusagen der Beweis, dass der schon immer falsch war, nicht erst von heute aus betrachtet. Außerdem wird er von zeitgenössischen postoperaistischen Philosophen gerne als Basis ihrer Erzählungen genutzt, das hat mich auf die Spur gebracht.

Wieso glaubst Du, dass die Möglichkeit eines guten Lebens für alle nicht beweisbar sei? Zumindest für die materielle Seite ist das ja anhand verfügbarer Güter relativ einfach möglich.

Antje: Ja klar. Aber das gute Leben hat ja nicht nur eine materielle Seite. Es bringt auch nichts, zu versuchen, es zu „beweisen“, viel interessanter ist an einer Praxis zu arbeiten, wie man ihm näher kommt bzw. sich an dieser Idee im Alltag orientieren kann. Leute, die angeblich genau wissen, wie das gute Leben aussieht und wie es allgemein implementiert werden kann, sind mir genauso suspekt wie diejenigen, die angeblich genau wissen, was Gott will.

Benni: Ja klar. „Beweisen“ ist das falsche Wort. Für mich ist es halt einfach nur plausibel aus den Daten ableitbar. Das ist doch schon was anderes als „glauben“. Schwächt das nicht das Streben nach dem guten Leben, wenn man es als bloßen „Glauben“ betrachtet?

Antje: Für mich ist Gott auch plausibel aus den Daten ableitbar :)) – kleiner Scherz… „Glauben“ (im biblischen Sinn) ist ja auch nicht glauben im Sinne von vermuten, annehmen, mutmaßen (als Gegenteil von Wissen), sondern heißt eigentlich (wörtliche Bedeutung von „pistis“ in Griechisch) „vertrauen“. So gesehen ist Glauben keine Schwächung (das wäre er nur verglichen mit dem stärkeren „Wissen“), sondern eine Stärkung (verglichen mit Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Zweifeln): Es gibt zwar Unwägbarkeiten und ich habe in der Tat keine Garantie, dass es klappt, aber ich vertraue darauf, dass es gehen kann. Aus den verschiedensten Gründen (eigene Erfahrungen, Erzählungen von anderen etc.)

Benni: Ok, ich brauch erst mal einen Schritt zurück: Was genau ist denn das „Gute Leben für Alle“ für Dich? Ich würde darunter das alte „Jeder nach ihren Bedürfnissen, jede nach ihren Fähigkeiten“ verstehen. Du auch?

Antje: Ich finde es schwierig, da eine Definition zu finden. Für mich ist „gutes Leben für alle“ eher so was wie ein Kriterium zur Beurteilung einer Situation, einer Idee, eines Vorschlags: Dient dies oder das dazu, das gute Leben für alle zu befördern oder nicht? Wenn es abstrakt, also vom Kontext losgelöst definiert wird, kann jede „Maßnahme“ auch für andere Zwecke instrumentalisiert werden. Auch was jemandes Bedürfnis ist und was jemandes Fähigkeiten sind steht ja nicht abstrakt fest, sondern muss jeweils in einer Situation verhandelt werden. Mir würde es schon reichen, wenn wir uns darauf verständigen könnten, dass das „gute Leben für alle“ der Maßstab sein soll und nicht irgendwas anderes, so wie meistens. Und zwar eben wirklich, und nicht instrumentell…

Benni: Und Du glaubst nicht, dass „Gutes Leben“ hauptsächlich etwas mit Erfüllung von Bedürfnissen und Einsetzen von Fähigkeiten zu tun hat? Womit denn sonst noch so?

Antje: Damit sicher auch. Noch wichtiger sind aber gelingende Beziehungen. These: Ein einzelner Mensch im Paradies hat kein gutes Leben (hab ich auch aus der Bibel, aber nicht nur daher :)) Jetzt könnte man Beziehungen natürlich unter „Bedürfnisse“ subsumieren, aber der springende Punkt ist, dass die Figur des „Anderen“ dabei nicht expliziert ist. Gutes Leben ist Bezogenheit, und vor allem die Fähigkeit/Möglichkeit, sich auf Anderes zu beziehen. Das Andere ist vielleicht auch ein Synonym für Gott.

Benni: „Schwächung“ meinte ich in Bezug auf das transzendente Moment. Mit der Immanenz haben wir alle zu tun, Transzendenz ist aber keine gemeinsame menschliche Basis. Glaubst Du nicht, dass das eine Schwächung für das Anliegen des Guten Lebens Aller ist?

Antje: Ich denke schon, dass Transzendenz eine gemeinsame menschliche Basis ist, aber nicht alle machen sich das klar. Die Vorstellung, wir wären ganz auf die Immanenz (also letztlich auf uns selbst und das, was schon da ist) angewiesen, finde ich beängstigend. Es entspricht auch nicht meinen Erfahrungen.

Benni: Mit „dem Anderen“ kann ich glaube ich deswegen wenig anfangen, weil das für mich impliziert, der Mensch sei erst mal da und dann käme diese(s|r) „Andere“ dazu. „Mensch“ heißt aber für mich immer schon Bezogenheit und Gesellschaftichkeit.

Antje: Bezogenheit und Gesellschaftlichkeit sind aber nicht automatisch auch Bezogenheit auf das ANDERE. Es gibt auch Gesellschaften, die auf Gleichheit, Übereinstimmung, Normen, Konventionen usw. bauen. (bzw. jede Bezogenheit/Gesellschaftlichkeit hat vermutlich Anteile von beidem). Dieser Aspekt der Offenheit für bzw. Interessiertheit an der Andersheit der anderen (und nicht an ihrer Uns-Ähnlichkeit bzw. Uns-Gleichheit) ist es, den ich betonen will. Die anderen sind für uns eben auch immer ein Stück weit „transzendent“, d.h. unverständlich, fremd, irritierend, falsch, doof und es gehört Übung dazu, damit gut leben und umgehen zu können. Aber es ist eine Vorraussetzung für gutes Leben für alle…

Benni: Für mich beinhaltet die Gesellschaftlichkeit des Menschen immer beides zusammen: Bezogenheit aufeinander als Gleiche (weil Menschen) und als Verschiedene (weil _unterschiedliche_ Menschen). Dann meint „Das Andere“ nur den zweiten Teil?

Antje: Nein, die „Gleichheit“ gibt es natürlich auch und in politischen Strukturen ist sie wichtig, aber sie ist nur ein Modell, das heißt, sie kommt im wirklichen Leben nie vor (es gibt sie nicht, in konkreten Situationen haben wir es IMMER mit Ungleichheit zu tun). Ich würde eher zwischen zwei Varianten von „anderen“ unterscheiden: Das „andere“ bezogen auf mich (Beispiel: das Andere wird interpretiert im Hinblick darauf, wie es sich von mir unterscheidet, was ihm natürlich nicht gerecht wird – Beispiel „Frausein“ in Abgrenzung zum „Mannsein“ definieren oder Muslime über ihre Unterschiede zu Christen). Oder das „andere“ bezogen auf alles, auf das Noch-Nicht, auf die eigenständige, vom Vergleich zu mir unabhängige Differenz. In politischen Diskussionen wird das Andere meistens im ersteren Sinne verstanden. Das Konzept „Transzendenz“ hilft mir vielleicht, das „andere“ im zweiteren Sinn zu verstehen.

Benni: Ok, ich glaube, wir verstehen unter Transzendenz was ganz Unterschiedliches. Für mich ist das etwas, das außerhalb der Welt ist und deswegen meiner Erkenntnis und meinem Handeln nicht zugänglich, das unabhängig vom Menschen Wahrheit beansprucht.

Antje: Vielleicht liegt der Unterschied darin, dass ich Immanenz bzw. Transzendenz nicht absolut definiere, sondern kontextbezogen. Ich stimme z.B. Luisa Muraro zu, die sagt, Gott sei kontingent. Also nur in einer bestimmten konkreten Situation da und relevant, nicht absolut. Von daher ist seine/ihre Transzendenz auch auf die jeweilige Situation bezogen, und in gewisser Weise könnte man sagen, ein Kind, das an den Weihnachtsmann glaubt und sich auf die von ihm gebrachten Geschenke freut, übt sich in Transzendenz ein. Nun kann man hingehen und sagen: Der Weihnachtsmann ist aber nur der verkleidete Papa, also – ätsch – immanent. Und das dann weiter treiben bis wohin auch immer und sich darüber streiten, ob man irgendwo an eine Grenze kommt, wo es dann „wirklich“ transzendent ist. Das interessiert mich eben nicht. Denn in einer konkreten Situation ist die Transzendenz so oder so eine Realität. Und der Witz ist, dass keine Situation denkbar ist, in der keine dieser „kontingenten Transzendenz“ vorhanden ist. Die Herausforderung besteht nicht darin, dass diese immer letzten Endes doch „immanent“ ist, was sein kann oder auch nicht sein kann, sondern dass man in der Lage ist, mit diesem „transzendenten Aspekt“ in jeder Situation etwas Vernünftiges und Sinnvolles anzufangen. Dafür ist es – in der Situation – vollkommen egal, ob irgendwann mal rauskommen wird, dass es doch immanent war oder nicht.

Warum genau ist Dir radikale Immanenz wichtig? Was hast Du gegen Transzendenz?

Benni: Ich glaube, wir verstehen da einfach was Unterschiedliches drunter. Deine Einstellung immer nach dem konkreten zu gucken, auf die menschlichen Beziehungen, fällt für mich durchaus unter radikale Immanenz. Das was für Dich schon Transzendenz ist, also alles was über das Jetzt hinaus weist, Hoffnung zum Beispiel, ist für mich noch nicht Transzendenz. Keine Ahnung, ob das irgendeiner „offiziellen“ Definition entspricht, ich habe es jedenfalls schon oft in dieser Form verwendet gesehen. Was dann noch übrig bleibt für Transzendenz ist eben alles was sich außerhalb der Welt abspielt, alles Spirituelle, Göttliche oder auch nur übermenschlich wahre. Jede Berufung auf Instanzen außerhalb menschlicher Beziehungen (oder der Naturgesetze). Dagegen hab ich etwas, weil das vom Miteinander ablenkt und von den konkreten Problemen. Meistens wird sowas strategisch eingesetzt um Herrschaftsansprüche durchzusetzen. Früher war es halt „Gottes Wille“, dass der eine Knecht sei und der andere Herr, heute ist es „der Weltmarkt“ zum Beispiel (wobei der Fall beim Weltmarkt komplizierter liegt als bei Gott, weil da die Transzendenz versteckt ist und quasi-natürlich auftritt).


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Sex, wie er Gott gefällt…

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Kürzlich besuchte ich eine Veranstaltung in der Evangelischen Stadtakademie in Frankfurt, bei der eine Jüdin (Hanna Liss), eine Christin (Susanna Hrasova) und eine Muslimin (Naime Cakir) über das Thema „Lieben, wie es Gott gefällt“ diskutierten. In Wirklichkeit ging es vor allem um das Thema „Sex, wie er Gott gefällt“ beziehungsweise noch genauer um „Sex, wie er nach den Mainstream-Theologen Gott angeblich gefällt bzw. vor allem auch nicht gefällt.“

Nun stehen die monotheistischen Religionen allgemein nicht in dem Ruf, der Sexualität gegenüber besonders positiv eingestellt zu sein, und schon gar nicht der weiblichen Sexualität gegenüber. Und mit gutem Grund. Aber insgesamt wird diese Kritik doch immer recht allgemein-pauschal in den Raum gestellt.

Deshalb poste ich hier einige Dinge und Aspekte, die ich an diesem Abend gehört habe, die mir neu waren, und die vielleicht helfen, die Hintergründe dieser sexualfeindlichen Entwicklungen zu verstehen. Diese Punkte liste ich hier einfach mal auf, zum einen, um sie selber nicht zu vergessen, weil ich an der einen oder anderen Stelle noch Nachdenkensbedarf sehe, und zum anderen, weil sie ja vielleicht auch noch andere interessant finden könnten. Es ist eine sehr subjektive Auswahl, bei der sich zudem meine eigenen Gedanken mit dem von den Rednerinnen Gesagten vermischt haben, sodass ich sie nicht mehr auseinander dröseln kann. Deshalb ordne ich sie auch nicht im Einzelnen den Referentinnen zu.

* In der Bibel (Tora und Neues Testament) sowie im Koran wird Sexualität tendenziell weniger negativ dargestellt als später in den Auslegungen dieser Schriften. Der gemeinsame Nenner ist, grob gesagt: Sexualität an sich ist durchaus in Ordnung, aber nicht zu jeder Zeit, nicht mit jedem und nicht überall.

* In allen Religionen ist Homosexualität verboten. Ebenso Inzest und Sex mit Tieren. In Judentum und Islam ist Sex auch zu bestimmten Zeiten verboten, etwa während der Fastenzeit oder wenn die Frau menstruiert.

*„Guter“ Sex hat in der Ehe stattzufinden. Allerdings ist die Frage, was genau mit „Ehe“ gemeint ist. Sicher nicht die kleine Familienzelle, die wir heute damit assoziieren. Im Islam etwa ist die Ehe kaum formal geregelt, sie ist ein privater Rechtsvertrag: Man übernimmt füreinander Verantwortung, macht das öffentlich, und dann ist das eine Ehe. Entsprechend kann man sich auch wieder scheiden lassen.

* Eine sozialhistorische Begründung für diese Beschränkung von Sex auf die Ehe, also eine rechtlich verbindliche Beziehung, kann in dem Versuch gesehen werden, die Verantwortlichkeit des Mannes für die Folgen von Sex zu gewährleisten, also konkret: Im Fall, dass die Frau schwanger wird, ihre wirtschaftliche Versorgung (und die ihrer Kinder) sicherzustellen. In patriarchalen Gesellschaften wie denen von damals, in denen Frauen vieles verboten war, vielleicht keine ganz unwichtige Sache.

* Judentum und Islam lassen auch „Nebenfrauen“ zu, kennen also eine gewisse Bandbreite von Beziehungsformen, nicht nur das Mann-Frau-Paar. Berühmtes Beispiel ist die Liebesgeschichte von Josef und Rahel aus der Tora: Sieben Jahre arbeitete er für ihre Familie, bevor er sie heiraten durfte. Dann schob sie ihm mit einem Trick in der Hochzeitsnacht ihre Schwester Lea unter (interessante Frage, wie das praktisch funktionieren konnte…). Er musste dann noch mal sieben Jahre arbeiten, bevor er auch Rahel heiraten konnte. Menage a trois. Geht allerdings nicht mit einer Frau und mehreren Männern.

* Das Christentum ist die einzige der drei Religionen, in der Sexualität generell als problematisch angesehen wird (also auch dann, wenn sie innerhalb des erlaubten Rahmens stattfindet). Paulus war der erste, der die Ehelosigkeit lobte, aber noch nicht in einem prinzipiellen Sinn, sondern eher pragmatisch: Wer eine Familie hat, ist tendenziell weniger bereit, alles für die „Sache“ zu geben. So ähnlich, wie das auch in den K-Gruppen der 68er-Bewegung gesehen wurde: Familiäre Bindungen als kleinbürgerliche Ablenkung von der Revolution. Oder wie heute bei Managern ungebundene Singles beliebt sind, weil die mobiler einsetzbar sind und die nicht etwa abends zum Elternabend müssen. Paulus hielt es einfach für vorteilhaft, wenn die christlichen Missionare und Missionarinnen nicht von Liebesgeschichten abgelenkt wurden.

* Die speziell christliche Sexfeindlichkeit entstand erst ab dem 2. Jahrhundert, und dann vor allem bei Augustinus, der der Meinung war, Sex sei nie gut, auch in der Ehe nicht. Weil er es als Ideal ansah, dass der Geist über dem Körper steht und diesen kontrolliert, was bei gutem Sex bekanntlich normalerweise nicht der Fall ist. Hintergrund dieser Idee war die Verdrehung einer Metapher, die damals über Jesus zirkulierte: Dieser habe die Kirche so geliebt wie ein Mann eine Frau, hieß es. Das drehten die Kirchenväter dann um und machten daraus: Ein Mann soll seine Frau lieben wie Jesus die Kirche. Also gewissermaßen „sakramental“.

* Daraus wiederum entstand dann die Vorstellung, die Ehe sei ein Sakrament, etwas Heiliges – also nicht mehr, wie im Judentum und später im Islam ein rechtlicher, weltlicher Vertrag, der mit Gott erstmal nichts zu tun hat. Mit der „Verheiligung“ der Ehe bekamen die „Übertretungen“ beim Sexleben eine ganz andere Bedeutung. Sie waren nun keine Angelegenheit mehr, die Menschen untereinander zu regeln hatten (etwa wirtschaftliche Versorgung), sondern sie berührten das Verhältnis der Menschen zum Göttlichen. Als umso schlimmer wurden daher die die Übertretungen dieser Regeln gewertet.

* Martin Luther hat das allerdings wieder rückgängig gemacht, für ihn war die Ehe wieder „ein weltlich Ding“. Deshalb dürfen sich Evangelische auch scheiden lassen und erneut heiraten, Katholische nicht. Allerdings ist auch in protestantischen Milieus der Spaß, den man beim Sex haben kann, nicht wirklich wichtig und wird tendenziell skeptisch beäugt.

* Die „Weltlichkeit“ der Ehe in Judentum, Islam und evangelischem Christentum ist der Grund, warum hier die Möglichkeiten besser sind, auch andere Beziehungsformen zu legitimieren. So ist Homosexualität zwar im Islam verboten, um sie tatsächlich zu verfolgen, muss es aber mehrere Zeugen geben, die den Geschlechtsakt unabhängig voneinander gesehen haben. Was in der Praxis nicht so oft vorkommen dürfte. Wenn Homosexualität hingegen als Sünde gegen Gott angesehen wird, ist die Möglichkeit verstellt, sie wenigstens heimlich zu praktizieren: Gott sieht alles!

* Die Sakralität der Ehe nach katholisch-christlichem Verständnis bedeutete auch, dass Sex keinen Spaß machen soll (weil dann der geistige Kontrollverlust droht), sondern nur zu dem Zweck erlaubt ist, Kinder zu zeugen. Daher die katholische Abneigung gegen Verhütungsmittel. Deshalb ist auch eine Ehe, in der Frau oder Mann nicht zum Vollzug des Geschlechtsverkehrs in der Lage ist, nach katholischer Vorstellung ungültig. Nicht ungültig hingegen ist eine katholische Ehe bei Unfruchtbarkeit (da wird die Möglichkeit eingeräumt, dass Gott ein Wunder tut). Erst in den 1960er Jahren, beim 2. Vatikanischen Konzil, kam als ein zweiter Ehegrund neben dem Kindermachen das „Wohl der Ehepartner“ hinzu.

* Dass das Kinderzeugen in christlich-katholischer Sicht die einzige Legitimation für Sexualität war, führte dann zum kategorischen Verbot jeder Sexualpraxis, die nicht zur Zeugung führen kann, also Analverkehr oder Onanieren. Es hatte dann auch so merkwürdige Vorstellungen zur Folge wie die, dass eine Vergewaltigung weniger schlimm sei als Onanieren – weil ja bei einer Vergewaltigung ein Kind gezeugt werden kann, beim Onanieren nicht.

* Sowohl im Islam als auch im Judentum ist Sex nicht nur erlaubt, er ist – innerhalb der Ehe – sogar religiöse Pflicht. Es gibt auch keine Vorstellung von Zölibat, im Gegenteil: Mohammed soll gesagt haben, wer sexuell enthaltsam lebt, könne nicht zu seiner Gemeinde gehören.

* Im Islam dient Sexualität nicht vorrangig dem Zweck, Kinder zu zeugen, sondern als Vorgeschmack auf das Paradies. Die sexuelle Lust ist quasi ein „Trick“ Gottes, um Menschen zum Vögeln zu bringen. Dass dabei Kinder entstehen, ist aber ein erfreulicher Nebeneffekt. Die beim Sex empfundene Lust lässt uns erahnen, wie toll es im Paradies sein wird – mit der Folge, dass wir uns dann anstrengen, dort hin zu kommen und entsprechend gottesfürchtig leben. Auf muslimischen Internetseiten wird das Thema, welche Sexualpraktiken erlaubt oder besonders anzuraten sind, offen diskutiert. Im Islam ist auch Verhütung erlaubt, im 13. Jahrhundert wurde sogar die Abtreibung positiv diskutiert (heute im islamischen Mainstream wird sie verurteilt).

* Apropos Paradies. Zu dieser Sache mit den vielen Jungfrauen, die dort angeblich die Männer erwarten: Das Paradies ist nach islamischer Vorstellung ein Ort, wo es keine Differenz mehr gibt zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Von daher sagt diese konkrete Vorstellung vom Paradies vor allem etwas aus über die Wünsche der Männer, die sie formuliert haben.

* Im Judentum ist die Sache mit dem Zweck von Sex komplizierter. Interessant ist, dass der „Fruchtbarkeitsbefehl“ aus der Schöpfungsgeschichte („Seid fruchtbar und mehret euch“) grammatikalisch männlich formuliert ist. Manche schließen daraus, dass nur die Männer verpflichtet sind, Kinder zu zeugen. Verhütung ist daher auch nur für Männer verboten, für Frauen nicht.

* Ausdrücklich wichtig ist sowohl im Islam als auch im Judentum die sexuelle Befriedigung der Frau. Im Judentum gibt es etwa die Vorstellung, dass die Frau nur dann einen Sohn empfängt, wenn sie den Sex genossen hat. Das ist natürlich in sich auch schon wieder eine frauenfeindliche Denke, denn es ist ja nichts falsch an einem Mädchen. Andererseits gibt es Männern, die sich einen Sohn wünschen, durchaus gewisse „Anreize“, darauf zu achten, dass die Frau den Sex genießt.

* Im Talmud gibt es eine Stelle, wo es heißt, man soll nicht miteinander verkehren „wie die Perser“ (also die Kleider anlassen, einen Quicky sozusagen), sondern der Mann soll sich ausziehen (oder auch: es langsam angehen lassen). Tut er das nicht, hat die Frau das Recht, sich scheiden zu lassen.

* In der Tora kommen sehr viele Mann-Frau-Paare vor. Demgegenüber ist es auffällig, dass im Neuen Testament nur zwei Mann-Frau-Paare namentlich erwähnt werden: Maria und Josef und Priscilla und Aquila (ein Missionarspaar). Den Koran kann man damit nicht vergleichen, weil darin eher allgemeine philosophische Betrachtungen stehen und keine Geschichten erzählt werden.

* In jüdischer Vorstellung hatten Adam und Eva erst nach dem Essen der Frucht vom „Baum der Erkenntnis“ sexuelles Lustempfinden (Sex hatten sie vorher schon). Sexuelle Lust und Erkenntnis hängen also eng zusammen. Deshalb wird es in den Torageschichten auch als Synonym genutzt: „Er erkannte sie“ heißt soviel wie „er hatte Sex mit ihr“. Erst in christlicher Theologie wurde die Geschichte von der „Erkenntnis“ interpretiert als „Sündenfall“.

 

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Liebe ohne Objekt. Eine Erinnerung an Margarete Porete.

Margarete Porete nach einem Gemälde von Hans Memling, ca. 1470

Vor 700 Jahren, am Pfingstmontag des Jahres 1310, wurde in Paris eine etwa fünfzig Jahre alte Frau auf dem Scheiterhaufen verbrannt: Margarete Porete hatte ihr Buch „Der Spiegel der einfachen Seelen“ nicht widerrufen, obwohl eine kirchliche Kommission nach langer Prüfung festgelegt hatte, dass einige seiner Thesen gotteslästerlich seien. Die Ermordung der Autorin konnte aber nicht verhindern, dass der „Spiegel“ von vielen Menschen gelesen wurde und die christliche Mystik (und darüber auch weite Teile vor allem der weiblichen Philosophie bis heute) stark beeinflusst hat.

In dem Buch geht es um die Suche nach Gott. Das klingt in den Ohren vieler Leute heute wahrscheinlich antiquiert. Aber im Mittelalter war Gott noch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Dispute, bei denen sich Gelehrte darüber stritten, ob er existiert oder nicht und wie man das eine oder das andere beweisen könnte. „Gott“ war eher ein Wort, das für einen bestimmten Aspekt der Realität stand. Praktisch alle waren sich darüber einig, dass es sinnvoll ist, dieses Wort zu benutzen, und dass es erstrebenswert ist, Gottes Willen zu tun. Man war sich nur nicht einig darüber, woher man wissen soll, was Gott will. Heute könnten wir vielleicht sagen, es ging dabei um die Frage, was „richtig“ ist und woher man das wissen kann.

Für Margarete Porete ist es keine Lösung, sich einfach nach den Autoritäten zu richten: Es steht so im Gesetz, es ist nicht verboten, mein Chef will das so (damals: die Sitten sind so, der Fürst will es, die Kirche sagt es). Sie geht davon aus, dass Menschen eine Beziehung zu Gott haben können, das heißt also wissen, was „richtig“ ist, ohne auf die Vermittlung kirchlicher Autoritäten angewiesen zu sein. So gesehen könnte sie auch als eine frühe Vorläuferin der Reformation gelten.

Porete geht aber noch einen Schritt weiter als später Martin Luther, denn sie stellt auch zwei andere Wegweiser hin zum „Guten“ und „Richtigen“ in Frage, auf die ja auch heute noch gerne verwiesen wird: die Vernunft und die Tugend. Der Verstand, schreibt Porete, sieht immer nur „das Grobe“. Und die „Tugend“ sei zwar lobenswert – habe aber nichts mit Gott zu tun. Ihr persönlicher Weg führte sie vielmehr hin zu der Erkenntnis, dass es keine andere Möglichkeit gibt, als Gott zu lieben.

Ich finde das einen genialen Dreh und auch heute noch eine hilfreiche Denkfigur. Das „Richtige“ zu finden ist keine Angelegenheit von äußerlichen Fähigkeiten, von genialer Wissenschaft und moralischer Tugend, sondern eine Frage der „Liebe“, also der inneren Haltung, die eine Person hat, und zwar genau hier und jetzt, in einer konkreten Situation: Wenn ich vor eine Entscheidung gestellt bin, dann kann ich das „Richtige“ tun, wenn ich liebe – und zwar nicht irgend etwas liebe (nicht einmal das „Richtige“ – das ist der Punkt, wo die Analogie nicht mehr stimmt) sondern eben „Gott“, also das, was gerade kein Objekt ist. Liebe „einfach nur so“ würden wir heute vielleicht sagen. Eine Liebe, die „im Nichts befestigt“ ist, wie Porete schrieb.

Es geht ihr nicht darum, ein philosophisches Denkgebäude zu zimmern, sondern sie beschreibt einen praktischen, experimentellen Weg (darin ist sie der Literatur der Frauenbewegung aus den 1970er-Jahren ähnlich). Deshalb ist das Buch auch nicht als Traktat geschrieben, sondern in Dialogform: Die Liebe, die Vernunft und die Tugenden diskutieren miteinander; auch die Seele, der Heilige Geist, die Kirche und die Wahrheit mischen sich ein. Dazu gibt es Selbstreflektionen und Schilderungen des eigenen Erkenntnisweges. Kein belehrendes Kompendium eben, sondern ein Dokument, das die Leserinnen und Leser an den Gedankenprozessen der Autorin teilnehmen lässt.

Es ist offensichtlich, dass so eine Philosophie bei Autoritäten nicht gut ankommt. Wenn „Gott“ (also das, was „richtig“ ist) nur über die Liebe gefunden werden kann – dann gibt es nämlich keine objektive „Ordnung“ mehr, die aufrechterhalten werden muss. Sondern alles hängt an den Fähigkeiten der Beteiligten, der einzelnen Menschen, in einer bestimmten, konkreten Situation das Richtige zu tun. Man kann daraus keine Gesetze machen, keine Regeln, keine abstrakten Konzepte. Jede Situation ist anders. Was man braucht, das sind selbstbewusste, gebildete, offenherzige, mutige Menschen. Menschen, die lieben können „einfach nur so“, also ohne ihre Liebe auf ein bestimmtes Objekt zu richten. Ich finde, das ist immer noch eine sehr anspruchsvolle Lebenshaltung.

Margarete Porete war mit ihren Ideen dabei keineswegs alleine. Als Begine gehörte sie zu einer religiösen Bewegung und Lebensgemeinschaft von Frauen, die im späten Mittelalter sehr bedeutend war. Später wurden die Beginenhäuser entweder verboten oder in die offizielle Kirche eingereiht.

Der „Spiegel der einfachen Seelen“ war durch die Jahrhunderte hinweg eine Art internationaler Bestseller, Übersetzungen in Latein, Englisch und Italienisch entstanden bereits im 14. Jahrhundert. Nach der Hinrichtung seiner Autorin wurde das Buch anonym verbreitet und man vergaß, wer es geschrieben hatte. Im Lauf der Zeit wurde es verschiedenen religiösen Autoritäten zugeschrieben, bis eine Historikerin 1946 Margarete Porete zweifelsfrei als die Autorin identifizierte.

Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird das Buch auch mit katholischer Druckerlaubnis verlegt. Eine broschierte Neuauflage ist soeben im Topos-Verlag erschienen.

Einen ausführlicheren Text zu Margarete Porete hat Irmgard Kampmann geschrieben

Herr Gott und Herr Schmidt

Ist Gott männlich? Und wenn nicht (wie natürlich alle immer wieder behaupten) – warum stellen wir ihn uns dann männlich vor? Ganz einfach: weil man sich Neutrales so schlecht vorstellen kann. Bei einem Interkulturellen Frauentag in Frankfurt diskutierten Christinnen, Musliminnen und Jüdinnen über ihre Vorstellungen von Gott und suchten gemeinsam nach Wegen, wie ihre jeweiligen Religionen von frauendiskriminierenden Anteilen befreit werden könnten. Sehr spannend!

http://evangelischesfrankfurt.de/2008/12/herr-gott-und-herr-schmidt