Können Feministinnen vielleicht doch „im Namen der Frauen“ sprechen?

Linda Zerillis Buch „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“ ist keine Margarine, sondern Butter, um auf eine Metapher von Kathrin Passig zurückzugreifen: Es gibt es nur teuer zu kaufen, weshalb ich es, obwohl es schon 2005 auf Englisch und 2010 auf deutsch erschienen ist, bisher nicht gelesen hatte. Und das, obwohl ich schon lange vermutet hatte, dass es mir gut gefallen würde, denn schließlich geht es um Hannah Arendt und um den italienischen Differenzfeminismus und um eine Neuorientierung des Feminismus als freiheitliche politische Bewegung – soviel hatte ich auch im Internet schon mitbekommen (zum Beispiel hatte Katrin Rönicke schon ausführlich darüber gebloggt).

Aber gemäß dem Gesetz, dass alles wirklich Wichtige irgendwann doch zu einer kommt, habe ich es vergangenes Weihnachten gleich zweimal geschenkt bekommen, und, voilà, ja, es ist wirklich ein Meilenstein der politischen feministischen Theorie.

zerilliZerilli entwickelt darin einen Vorschlag, wie der Feminismus sich aus jenem unfruchtbaren Patt herauslösen kann, in der er durch den Konflikt zwischen radikalem Feminismus und Queerfeminismus geraten war – nämlich der Vorstellung von „Frauen“ als einem politisch handelnden Subjekt, das in der so genannten „zweiten Welle“ in den 1970er Jahren die politische Bühne betreten und die bis dahin vorherrschende Norm der Männlichkeit in Frage gestellt hat, auf der einen Seite, und einer radikalen Dekonstruktion der Kategorie „Geschlecht“ auf der anderen Seite.

Also die Frage: Wie kann Weiblichkeit und Frausein einerseits eine politische Kategorie sein, wenn doch andererseits bestritten werden muss_soll, dass Frausein überhaupt ein reales Kriterium ist?

Ihre Antwort lautet – im Anschluss an Hannah Arendt: Es geht nicht darum, „was“ eine Frau ist, sondern darum, „wer“ eine Frau ist, also um ein politisches Urteil, das darin besteht, dem eigenen Frausein eine Bedeutung zu geben. „Frauen“ im Sinne des Feminismus als politischer Praxis sind nicht Menschen, die aufgrund von objektiv bestimmbaren Kriterien (naturgegebenen oder gottgewollten oder soziologisch definierten) zu dieser Gruppe gehören, sondern Menschen, die sich entschließen, in Freiheit eben, „Frauen“ zu sein, um damit ein politisches Projekt zu verfolgen.

Das ist nun für mich nicht ganz neu gewesen, denn der italienische Differenzfeminismus, mit dem ich bekanntlich engstens verbandelt bin, hat genau diese politische Praxis entwickelt, zuerst mit dem Buch „Wie weibliche Freiheit entsteht“ des Mailänder Frauenbuchladens (das schon 1989 auf Deutsch erschien), und seither mit vielen anderen Texten, etwa den von mir mit übersetzten Büchern der Philosophinnengruppe Diotima in Verona oder der Zeitschrift Via Dogana und so weiter.

Es ist natürlich schön, dass dieses Denken nun auch noch einmal von einer anderen Seite her aufgegriffen wird, zumal Zerilli den Kern dieses Denkens in einen feministischen Diskurs einbettet, wie er sich im Anschluss an Judith Butlers Buch „Das Unbehagen der Geschlechter” entwickelt hat – einen Diskurs, den ich, mangels Interesse, nur eher nebenbei verfolgt habe.

Etwas schade ist allerdings, dass sie sich ausschließlich auf das inzwischen eben schon 25 Jahre alte Buch der Mailänderinnen bezieht, so als ob sich der italienische Differenzfeminismus direkt im Anschluss an dessen Veröffentlichung in Luft aufgelöst hätte. Alle weiter führenden Diskussionen und Erkenntnisse, die daraus gefolgt sind – und auch in Deutschland ist die Idee des Affidamento ja vielfach auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch nicht an den Unis – hat sie nicht berücksichtigt.

Interessant fand ich allerdings, wo Zerilli andere Vorschläge zum Weiterdenken entwickelt, als die Italienerinnen und „wir“ es getan haben. Aus der zentralen Erkenntnis von „wie weibliche Freiheit entsteht“ – dass es nämlich kein „Wir der Frauen“ gibt, das als politisches Subjekt auftreten kann – sind nämlich „bei uns“, wenn ich es jetzt mal so verkürzt sage, Praktiken und Vorschläge entstanden, die vor allem auf eine politische Praxis der Beziehungen unter Frauen fokussieren. Das „Von sich selbst Ausgehen“, die Aufmerksamkeit für „weibliche Autorität“ und das persönliche Begehren, die Notwendigkeit der Vermittlungsarbeit, und die Ablehnung einer Repräsentanzpolitik, bei der einzelne beanspruchen, im Namen von anderen zu sprechen, zuletzt die Unterscheidung von Macht und Politik.

Zerilli hingegen ist der Ansicht, dass Frauen, die im oben genannten politischen Sinn „als Frauen“ sprechen, durchaus „im Namen der Frauen“ generell sprechen können. Ich zitiere diese Passage (Seite 238) mal ausführlich. Zerilli schreibt:

„Im Hinblick auf den Feminismus wollen wir also nicht wissen, ob die Frauen/die Frau (etwa in Form einer durch gemeinsame Erfahrung verbundenen sozialen Gruppe) existieren, sondern was die Frauen/die Frau für diejenigen bedeutet, die beanspruchen, in diesem Namen politisch zu sprechen. Durch ein solches Sprechen kann eine Norm entweder weiter sedimentiert, oder aber transformiert werden. Ob ein im Namen „der Frauen“ Sprechen eine vorgängige Definition von „Frauen“ zementiert oder sie für Diskussion, Kritik und phantasievolle Umgestaltung öffnet, können feministische politische Akteurinnen vor diesem Sprechen einfach nicht wissen. Wenn wir uns dazu entscheiden sollten, ein „unbestimmtes Urteil“ über die Frauen/die Frau zu formulieren, so liegt dies nicht daran, dass die Kategorie als undefinierbar geschützt oder von der öffentlichen Debatte ausgeschlossen wäre, weil sie kein legitimes Objekt des Wissens darstellte. … In der Politik geht es vielmehr um Forderungen und Urteile – und den Mut, sie zu stellen, bzw. zu fällen -, die nicht durch objektive Kriterien oder Regeln abgesichert sind. Sie können sich also weder auf ein objektives Wissen berufen noch garantieren, dass ein solches Sprechen im Namen der Frauen von anderen aufgenommen oder aufgegriffen wird.“

Diesen Vorgang als solchen – dass also eine etwas sagt, das nicht beweisbar oder objektiv wahr ist, und dessen Wirksamkeit dann davon abhängt, ob andere es aufgreifen und dem zustimmen – haben wir im von Italien inspirierten Differenzfeminismus auch bearbeitet und beobachtet, es ist letztlich das Wechselspiel von Autorität und Begehren: Wenn eine etwas Neues sagt, bekommt dies Autorität dadurch, dass es andere aufgreifen, weil es eine Antwort auf ihr Begehren ist. Die Italienerinnen sprechen dabei auch von einer „Wette“, die die Sprechende eingeht. Dass also etwas Neues, das gesagt wird, den Charakter von „Wetten, dass es so ist?“ hat (und nicht, wie es ansonsten üblicherweise gehandhabt wird, den Charakter von „Ich kann beweisen, dass es so ist“).

Die interessante Frage, die für mich momentan offen ist, ist die, ob dieser Vorgang sich sinnvollerweise in eine politische Repräsentanz übersetzen lässt. Die Sichtweise, dass ich „als Frau“ sprechen könnte (also in gewisser Weise durchaus als Repräsentantin „der Frauen“), habe ich bisher immer abgelehnt, sondern es vielmehr so formuliert, dass ich, die ich eine Frau bin, etwas sage, also mein Frausein dabei sichtbar und explizit mache, ihm eine Bedeutung gebe, aber eben eine andere Bedeutung als die der Repräsentanz.

Ich merke aber, dass dies kaum durchzuhalten ist, wenn ich öffentlich spreche. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens versteht es niemand, das heißt, was ich sage, wird als repräsentatives Sprechen wahrgenommen, ob ich will oder nicht, und daran schließen sich dann immer endlose Erklärungsnotwendigkeiten an. Zweitens, weil ich damit (und das gilt ja für den italienisch inspirierten Differenzfeminismus in Deutschland generell) vom öffentlichen, medialen Diskurs so gut wie gar nicht wahrgenommen werde. Feministische Thesen werden nur wahrgenommen, wenn sie Aussagen über „die Frauen“ zu machen beanspruchen, wie man an der Dauerpräsenz von Alice Schwarzer oder auch Hypes um Bücher wie die Tussikratie sieht.

Das repräsentative Denken ist einfach in unserer politischen Kultur so stark verankert, ja, Politik wird praktisch mit repräsentativem Anspruch gleichgesetzt, dass es von vielen einfach nicht verstanden wird, wenn jemand sich dem verweigert.

Nach dem Lesen von Zerillis Buch frage ich mich, ob es vielleicht möglich sein könnte, das Pferd quasi von der anderen Seite aufzuzäumen: Nicht die Repräsentation als solche mit ihren offiziellen und freiheitsfeindlichen Defiziten gänzlich abzulehnen, sondern stattdessen zu versuchen, der Repräsentation eine freiheitlichere Bedeutung zu geben, in dem Sinne, wie Zerilli es vorschlägt? Nämlich so, dass ich mir einfach die Freiheit nehme, „im Namen der Frauen zu sprechen“ – aber eben in dem Sinne, dass die Berechtigung meines Sprechens sich in der Reaktion anderer Frauen darauf zeigt?

Ich bin mir nicht sicher, es hat etwas Verlockendes. Andererseits aber… Hm.

Hannah Arendt im Kino

Foto: NFP

Foto: NFP

Übermorgen kommt Margarete von Trottas neuer Film “Hannah Arendt” ins Kino. Ich hab ihn schon gesehen und empfehle ihn wärmstens – nicht als cineastischen Höhepunkt, sondern weil ich finde, dass die Persönlichkeit Arendts sehr gut getroffen ist. Mehr dazu hab ich drüben bei bzw-weiterdenken.de geschrieben.

Hannah Arendt über die Liebe

© arokas - Fotolia.com

Gerade ist mir folgender Text von Hannah Arendt wieder in die Hand gefallen, in dem sie sich mit der Unterscheidung zwischen Ehe, Liebe und Freundschaft auseinander setzt und analysiert, wie Frauen und Männer mit dem Thema umgehen. Den Gedankenschnipsel schrieb sie im Dezember 1950 in ihr Notizbuch.

Liebe ist ein Ereignis, aus dem eine Geschichte werden kann oder ein Geschick. Die Ehe als Institution der Gesellschaft zerreibt dies Ereignis, wie alle Institutionen die Ereignisse aufzehren, auf denen sie gegründet waren. Institutionen, die sich auf Ereignisse gründen, halten der Zeit so lange stand, als die Ereignisse nicht völlig aufgezehrt sind. Vor solchem Verzehrt-werden sind nur Institutionen sicher, die auf Gesetzen basieren. Solange die Ehe, immer zweideutig in dieser Hinsicht, als unscheidbar galt, war sie doch wesentlich auf dem Gesetz, nicht auf dem Ereignis der Liebe gegründet und damit eine echte Institution. inzwischen ist die Ehe zur Institution der Liebe geworden und als solche ist sie noch um ein weniges hinfälliger als die meisten Institutionen der Zeit. Die Liebe wiederum ist seit ihrer Institutionalisierung ganz und gar heimat- und schutzlos geworden.

Dagegen protestieren Männer wie Frauen, jeder auf seine Weise. Beide versuchen, die zunehmende Flüchtigkeit der Liebe, ihre zunehmende Substanzlosigkeit zu verhindern. Die Frauen, indem sie aus der Liebe, die ein Ereignis ist, ein Gefühl machen, was nicht nur die Liebe degradiert, weil ein Göttliches zu einem Menschlichen gemacht wird, sondern auch alle Gefühle degradiert, weil sie offenbar dem Feuer der Liebe, an dem sie gemessen werden, nicht standhalten.

Der Irrtum kommt daher, dass die Liebe sich im Herzen des Menschen einnistet; das menschliche Herz ist die Wohnung, aber nicht die Heimat! der Liebe; das Missverständnis ist zu glauben, die Liebe entspringe dem Herzen und sei daher, mit einem weiteren Missverständnis, vom Herzen wie ein Gefühl hervorgebracht. Diesem Gefühl geben die Frauen – die besten gerade, die die Institutionalisierung der Liebe durch die Ehe mit Recht fürchten – sich hin, mit dem Erfolg, dass die Liebe im Gefühl und von ihm verzehrt wird, dass der dazugehörende Mann sich so schnell wie möglich retten muss, denn es geht im wirklich ans Leben!, und dass die Frauen, meist nur gelinde enttäuscht über die Flucht des für das Gefühl eher störenden Mannes, aus der „Liebe“ ihren Lebensunterhalt machen. Inhalt eines Lebens kann die Liebe aber nur werden, wenn sie mindestens ein halb Dutzend Kinder hervorgebracht hat, zwecks täglicher Beschäftigung. Dann aber geht der ganze Humbug in der entstehenden ernsten Arbeit ohnehin zum Teufel. Die Frauen, deren Lebensinhalt die Liebe als solche ist, gehen meist an Tagträumerei oder, in selteneren Fällen, an Langeweile zugrunde.

Der Protest der Männer führt zu dem Umdenken der Liebe in Freundschaft. Zu diesen gehören wesentlich Kants Definition der Ehe, deren Gegenseitigkeit ein Kontrakt der Freundschaft verbürgt; dieser Kontrakt hat nur leider zum Inhalt, was keine Freundschaft schon rein physisch je zu leisten vermag. Auch Nietzsches Bemerkung, dass der größte Teil der Ehe der Unterhaltung gilt, weist in diese Richtung: Sie schlägt vor, Kriterien der Freundschaft zu Kriterien der Ehe zu machen. Keine Freundschaft aber kann tragen, was eine Ehe zumutet. Die Liebe kann es ertragen, wenn die Ehe als Institution durch freien Entschluss zweier Menschen vernichtet wird; dies heißt aber, dass das Zusammen der beiden Menschen die Geschichte und das Geschick des Ereignisse frei entwickelt, ohne alle Garantien und treu nur in dem Nicht-vergessen des Ereigneten und Geschickten. Und es heißt weiter, dass Freundschaft gerade nicht anerkannt wird, denn in der Freundschaft gilt die Treue zum Freunde als das Höchste, sie ist der Freiheit der Liebe also gerade entgegengesetzt. Wenn der Freundschaft zugemutet wird das tägliche Zusammen der Ehe oder der Liebe, geht sie zugrunde. – Die Ehe als reine, legal gesicherte Institution kann das Zusammen mühelos ertragen, nicht nur um der Kinder willen, sondern weil ein solches Tragen oder Ertragen gar nicht zum Problem wird. Sie wahrt ja immer die absolute Distanz der Partner, die in der Liebe durchbrannt wird und in der Freundschaft dauernd überbrückt.

Zur Abgrenzung: Gefühle habe ich; die Liebe hat mich. Freundschaft ist wesensmäßig abhängig von ihrer Dauer – eine zwei Wochen alte Freundschaft existiert nicht; die Liebe ist immer ein „coup de foudre“.

aus: Hannah Arendt: Denktagebuch, Dezember 1950.

Seit Ingeborg Nordmann und Ursula Ludz die zwei Bände “Denktagebuch” mit den Notizen Arendts 2002 herausgegeben haben (Piper Verlag) sind sie für mich ohnehin eine ständige Quelle der Inspiration. Der Neupreis von 118 Euro ist natürlich krass, aber dem Aufwand, der nötig war, um diese Dokumente zugänglich zu machen, durchaus angemessen. Immerhin bekommt man dafür 1200 Seiten ungeschminktes Philosophieren – denn beim Niederschreiben dachte Arendt sicher nicht daran, dass jemand das mal so unbearbeitet lesen würde. Von daher ist es auch ein bisschen wie durchs Schlüsselloch gucken. Inzwischen bekommt man die Bücher gebraucht immerhin schon für um die 60 Euro.


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Freiheit in Zeiten des Algorithmus

... oder wie ich mich nicht finden lasse.

Amazon weiß, welche Bücher mir gefallen, Facebook kennt meine Freundinnen, die Werbung schlägt mir nur noch Produkte vor, die mich tatsächlich interessieren: Wird das menschliche Handeln immer vorhersehbarer und ausrechenbarer? Viele befürchten das. Und sie befürchten deshalb Schlimmes für unsere Freiheit.

Die Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel zum Beispiel hat in einem Interview davor gewarnt, dass die zunehmende Verfeinerung von Algorithmen es erlaubt, menschliches Verhalten immer genauer vorherzusagen und Informationen passgenau zuzuschneiden. Sie findet das problematisch und fragt, ob es nicht ein gewisses Maß an Unsicherheit braucht, um Freiheit zu ermöglichen.

Ich finde die Frage sehr bedenkenswert. Aber – auch wenn mir jetzt manche wieder Optimismus vorwerfen: Ich teile diese Angst nicht. Denn ein Algorithmus kann ja nicht mehr tun, als prognostizieren. Er rechnet hoch, was aus unserer Vergangenheit bereits bekannt ist. Ob er damit recht hat oder nicht, steht damit noch lange nicht fest. Freie Menschen sind in ihrem Handeln nicht vorhersehbar. Die Möglichkeit, aus der Vergangenheit Prognosen für die Zukunft zu erstellen, schränkt ja nicht die Freiheit der Einzelnen ein, in jeder beliebigen Situation dann doch etwas ganz anderes zu tun. Etwas Unvorhergesehenes, Unberechenbares.

Wenn Amazon mir zum Beispiel Bücher vorschlägt, die mich wahrscheinlich interessieren, dann ist das schön und gut. Trotzdem weiß Amazon nicht, welche Bücher ich mir tatsächlich kaufe. Ich kann gleichzeitig dankbar für die Vorschläge sein – und mir dann trotzdem ein völlig anderes Buch kaufen. Keine noch so komplexe Auswertung meines Jetzt-Bestandes an Daten sagt etwas Definitives über mich aus – und deshalb haben Algorithmen auf mich keinen Zugriff. Denn wie mein zukünftiges Ich sein wird, das hängt von dem ab, was ich als nächstes tue. Und das weiß ich meistens ja selbst noch gar nicht.

Es gibt allerdings eine Voraussetzung dafür, dass die Algorithmisierung der Welt uns keine Angst machen muss: und zwar die, dass wir unsere Freiheit lieben, dass wir also politische Menschen im Sinne von Hannah Arendt sind – und nicht bloß Teile einer Gesellschaft, die sich so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird. Arendt sah den Kern der Politik in der Möglichkeit jedes Einzelnen und jeder Einzelnen, in jeder beliebigen Situation einen neuen Anfang zu setzen. Das ist eine Folge unserer Gebürtigkeit. Jedes Kind zum Beispiel ist ein solcher neuer Anfang. Diese Fähigkeit, etwas Neues in die Welt zu bringen, ist der Kern der menschlichen Freiheit.

Ähnlich formuliert es Luisa Muraro, die die Praxis der Frauenbewegung einmal beschrieb als „Von sich selbst ausgehen und sich nicht finden lassen“. Meine Herkunft, meine Familie, meine Geschichte, mein Körper, meine bisherigen Vorlieben und Gewohnheiten, kurz: die Gesamtheit meiner „Daten“ – sie sind nicht eine fixe Identität, sondern lediglich der Ausgangspunkt, von dem aus ich jetzt und hier starte. Ein Ausgangspunkt gibt mir eine Basis, hält mich aber nicht fest. Freiheit ist, sich von dort aus auf den Weg zu machen, anderswo hin. Ich habe natürlich niemals alle Möglichkeiten der Welt. Aber ich habe immer mehr als eine Möglichkeit. Die Behauptung „There is no alternative“ ist immer, wirklich immer, eine Lüge.

Ihr Weg führt freie Menschen nicht auf ein vorab festgelegtes Ziel zu. Es gibt keine Möglichkeit, die Zukunft zu kennen. Man muss sie machen – oder sich treiben lassen. Dieses Verhältnis von Vorhersehbarkeit (den bekannten Daten) und der Unvorhersehbarkeit des menschlichen Handelns (der Freiheit) bestand schon immer, es ist nichts Neues. Verändert hat sich durch die immer verfeinerten Algorithmen und Rechenkapazitäten lediglich die Genauigkeit der Prognose: All das, was bislang nur theoretisch vorhersehbar war, ist nun auch tatsächlich vorhersehbar. Mehr aber auch nicht.

Aber selbst wenn das keine grundsätzliche Veränderung ist, müssen wir uns doch auf die neuen Gegebenheiten einstellen. Um es wieder am banalen Beispiel Amazon zu erläutern: Früher war es schwierig, von Büchern, die mich möglicherweise interessieren, überhaupt etwas zu erfahren, jedenfalls wenn meine Interessen sich außerhalb des Mainstreams bewegten: Die örtliche Buchhandlung führte praktisch keine feministischen Autorinnen, mühsam musste ich mir entsprechende Rundbriefe besorgen, und wenn ich mal in die Stadt kam, ging ich in den Frauenbuchladen und staunte über die vielen Neuerscheinungen, von denen ich noch nichts gehört hatte.

Das war typisch für das Leben in Vor-Internet-Zeiten: Wir waren ständig umgeben von Dingen, Informationen und Menschen, die zufällig in der Nähe waren, die wir nicht selbst gewählt hatten. Der Vorteil war: Wir waren automatisch mit Anderem konfrontiert. Der Nachteil war: Wir mussten uns sehr anstrengen, um „Gleichgesinnte“ und interessante Dinge zu finden, sie um uns zu sammeln, möglichst noch in stabilen Organisationen wie Vereinen oder Parteien abzusichern. Das Andere hingegen, die restlichen Informationen, die uninteressanten Leute, die nahmen wir als gegeben hin. Wir empfanden sie sogar als Ärgernis, da sie uns ja von dem fernhielten, was uns wirklich wichtig war.

Heute ist die Situation eine ganz andere: Über sämtliche feministischen Neuerscheinungen werde ich schon lange vor dem Erscheinungstermin informiert. Das kostet mich keine Mühe mehr. Und das ist so was von toll! Ich muss meine Zeit auch nicht mehr mit den Leuten verbringen, die zufällig im selben Ort wohnen, sondern ich kann mich rund um die Uhr mit solchen Leuten austauschen, die auf meiner Wellenlänge liegen. Das ist eine Bereicherung, ein großartiger Fortschritt. Die Algorithmen machen mir das Leben leichter, denn sie „spülen“ mir gewissermaßen alles, was mich interessiert, automatisch ins Haus.

Allerdings heißt das, dass ich nun auch meine Aufmerksamkeit anders fokussieren muss. Ich muss zwar feministische Bücher nicht mehr mühselig suchen, dafür muss ich mir aber immer wieder die Frage stellen, ob ich denn nicht vielleicht auch mal etwas anderes lesen will als immer nur feministische Bücher. Der Algorithmus macht es mir in der Tat immer leichter, diesen anderen Dingen, über die ich mich vielleicht ärgern würde, aus dem Weg zu gehen. Das ist verführerisch. Und darin liegt durchaus eine Gefahr. Jedenfalls für Menschen, die ihre Freiheit nicht lieben, sondern es einfach nur bequem haben wollen.

Das weibliche Denken hat sich – ganz unabhängig von dieser neuen technischen „Wende“ – schon lange mit dieser Problematik beschäftigt. Von christlichen Mystikerinnen wie Margarete Porete über Politikwissenschaftlerinnen wie Arendt bis hin zu Vordenkerinnen der neuen Frauenbewegung wie Luce Irigaray zieht sich durch einen Großteil weiblicher Philosophie genau dieses Thema: dass es für die Freiheit der Menschen unverzichtbar ist, sich nicht auf das eigene Ich zurückzuziehen, dem Anderen Raum zu geben, keine universalen Normen aufzustellen, kein großes „Eins“ zu schaffen, dem sich die anderen unterordnen müssen. Vielleicht war das den Frauen deshalb so wichtig, weil sie selbst in patriarchaler Logik als das „andere“ galten und die schädlichen Auswirkungen dieses Denkens am eigenen Leibe zu spüren bekamen. Ihre Gedanken und Vorschläge sind aber für alle, Frauen und Männer, hilfreich.

Und heute eben mehr denn je: Wer sich am Algorithmus orientiert, läuft Gefahr, den Input von Außen zu verlieren. Will ich wirklich immer nur im eigenen (ideologischen) Saft spüren? Oder wäre es nicht viel interessanter, ein paar Andersdenkende in die Timeline zu holen? Viele gar?

Die interessante Frage im Bezug ist heute auch für Männer nicht mehr die, wie wir Möglichkeiten finden, uns gegen Beschränkungen und die „bösen Anderen“ zu wehren. Die Anstrengung darf sich nicht länger darauf richten, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun (die Logik der sozialen Bewegungen in Vor-Internetzeiten, die Logik der Parteien, Verbände usw.) Sondern Freiheit in Zeiten des Algorithmus bedeutet, sich bewusst an die Orte der Anderen zu begeben, die Differenz nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung des eigenen Horizontes zu erkennen, aktiv auf diejenigen zuzugehen, die anderer Meinung sind. Nicht weil ich ein so netter Mensch und so tolerant bin. Sondern weil ich nur dann die Möglichkeit habe, mich weiterzuentwickeln, eine andere zu werden. Mich nicht finden zu lassen.

Eigentlich läuft es auf eine einzige simple Frage hinaus: Ist das, was ich glaube zu wollen, auch das, was ich tatsächlich will? Akzeptiere ich die Zukunft, die der Computer für mich als die Wahrscheinlichste ausrechnet (und zwar immer treffsicherer, also verführerischer) – oder bin ich offen für eine andere mögliche Zukunft, von der ich noch nicht wissen kann, wie sie aussieht? Meine Freiheit hängt davon ab, ob ich die Möglichkeit in Betracht ziehe, auch etwas anderes zu tun. Davon, dass ich immer wieder prüfe, ob es vielleicht besser ist, mein derzeitiges Selbst zu verlassen. Niemand zwingt mich, genau in die Richtung zu marschieren, die mir vom Algorithmus aufgrund meiner Vergangenheit prognostiziert wird. Ich habe zu jedem beliebigen Zeitpunkt meines Lebens die Möglichkeit, mich anders zu entscheiden. Unberechenbar zu sein. Mich nicht finden zu lassen.

Und diese Freiheit kann mir niemand nehmen, schon gar nicht ein Computerprogramm. Das einzige, was diese Freiheit bedroht, ist eine Kultur, die sich von ihr nichts mehr verspricht.