Bond und die anderen

Gibt es eigentlich schon eine Untersuchung zum Thema “Die soziale Selbstverortung des weißen, heterosexuellen Mannes am Beispiel der James Bond Filme?” Wenn nicht, fände ich das ein ergiebiges Thema.

Während in alten Bonds ja praktisch alle maßgeblichen Akteure weiße heterosexuelle Männer waren und zum Beispiel Frauen die ausschließliche Aufgabe zufiel, diesen Männern ihre Großartigkeit zu spiegeln (oder, skandalöserweise, nur so zu tun als ob und in Wirklichkeit andere, am Ende sogar eigene Interessen zu verfolgen – Triple X ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt) stellt sich das Ganze heute sehr viel komplexer dar.

Es gibt alte Frauen, schwarze Frauen, junge Männer, schwule Männer und so weiter. Zu ihnen allen muss sich der Norm-Mann Bond irgendwie verhalten, und wie er das tut, ist aufschlussreich.

Man muss sich dabei klar machen, dass diese “Diversifizierung” nicht etwa für sich, aus der eigenen Perspektive dieser “anderen”, erzählt wird, sondern konsequent aus der von “MarkTomJack”-James: Die Frage ist: Was bedeutet diese neue Vielheit für IHN? (Und nicht etwa: was bedeutet sie für die Welt, für Frauen, für People of Colour und so weiter. Dafür bräuchte es andere Filme.)

In “Operation Skyfall” (Vorsicht, das Folgende enthält Spoiler) beginnt der Schlamassel schonmal damit, dass die Frauen (die alte weiße Frau UND die junge Woman of Color) nicht mehr darauf vertrauen, dass Bond den Bösen besiegen wird. Stattdessen entscheiden sie sich, selbst zu handeln – und scheitern.

Bond nimmt ihnen das aber nicht übel, denn er versteht , dass sie nicht anders können – die Frauen (auch wenn sie noch “Mom” genannt werden, vielleicht als kleiner, sehnsuchtsvoller Wunsch nach einer anderen Beziehungslogik) müssen heutzutage eben auch ihren Job machen. Ihr Scheitern ist nicht eine Folge ihrer Inkompetenz, sondern im Gegenteil, Folge ihrer Professionalität.

Es ist auch nicht nötig, sich diese Frauen zu Feindinnen zu machen, nein, der Mann von heute ist ihnen gegenüber loyal. Ihr Schicksal ist sowieso auch ohne sein Zutun besiegelt: Am Ende ist die eine tot, die andere entscheidet sich freiwillig fürs Dasein als Sekretärin.

Während das Verhältnis Bonds (also des idealen “Normalmannes”) zu den Frauen also vielleicht als “respektvoll-distanziert darauf vertrauend, dass sich das Thema irgendwann von selbst erledigt” charakterisiert werden könnte, ist seine Haltung anderen Männern gegenüber von offener Arroganz geprägt:

Der schwule Mann etwa ist ein tuntiger Böser, der Bond Avancen macht und dabei auf dessen bekannte Rolle als zelebrierte Frauenheld anspielt: “Es gibt für alles ein erstes Mal”. Bond antwortet aber ganz cool: “Woher weißt du, dass es das erste Mal wäre?”

Was oberflächlich betrachtet ein Lacher ist, vielleicht sogar so tun könnte, als wäre männliche Homosexualität damit in den Adelsstand der Normalität erhoben – sogar Bond HAT eventuell schonmal – ist in Wahrheit eine ziemlich unverschämte Einverleibung: Homo kann der moderne heterosexuelle Mann jetzt auch, er macht halt nur kein Aufhebens darum. Thema vom Tisch (und es gibt sicher Schwule, die genau das gut finden, ist es doch die vollendete Assimilation an einen privilegierten Status. Ich wäre jedoch, wäre ich ein schwuler Mann, very much not amused über diese Repräsentation.)

Genauso arrogant ist Bonds Haltung zu dem jungen Mann (Q): der ist noch grün hinter den Ohren, hat keine Erfahrung, überschätzt sich selbst. Klassisches Patriarchat an dieser Front, von der jungen computeraffinen Generation befürchtet der Normmann nichts – oder will sich das zumindest einreden.

Interessant hingegen, dass der andere Bestandteil des klassischen Patriarchats – die Frau als Sexobjekt – überhaupt keine Rolle mehr spielt. Dreimal wird zwar eine Bondvögelei angedeutet, aber das ist vollkommen nebensächlich, dramaturgisch sind die Szenen einfach absurd, komplett überflüssig und unglaubwürdig. Sie dienen bloß als historische Anspielungen auf alte Bond-Girls, sie bilden keinen Teil der Realität mehr (wohlgemerkt: Der Realität, wie der Normmann sie sich vorstellt bzw. seines Selbstbildes).

Irgendwie klar, dass Bond die Frau auch nicht mehr rettet. Für Mädels , die noch auf das Prinzen-Modell bauen, brechen harte Zeiten an. Die Prinzen machen schlicht den Job nicht mehr.

Aufschlussreich ist schließlich der Schluß. Bond trifft auf seinen neuen Chef. Bond mochte ihn erst nicht, erkannte ihn dann jedoch – im Kampf, Seite an Seite – als Ebenbürtigen.

Wenn die Frauen abtreten oder die Karriere “in the field” zurückweisen, stehen die Normalmänner wieder bereit, um zu übernehmen. Mit bestem Gewissen.

Zumindest glauben sie, und versichern dich gegenseitig, dass es so kommen wird. Schaun wir mal.