Freiheit in Bezogenheit. Eine Auseinandersetzung mit Joachim Gauck und Co.

Joachim Gauck nennt sich – im Vorwort zu seinem gerade veröffentlichten Essay – einen „Liebhaber der Freiheit“. Als Betreiberin eines Blogs, der sich „Aus Liebe zur Freiheit“ nennt, musste ich den natürlich lesen.

Noch mehr Ähnlichkeiten in seiner und meiner Wortwahl zeigten sich dann während der Lektüre. So schreibt Gauck ganz explizit von „Freiheit in Bezogenheit“ – eine Formulierung, die einige politische Denkfreundinnen und ich in einem 2009 erschienenen Buch gewählt haben, dessen Titel lautet: „Sich in Beziehung setzen. Für eine Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit“.

Ob Gauck seine Wortwahl von uns hat oder ob es sich hier um eine bloße Koinzidenz handelt, weiß ich nicht (allerdings ist unser Buch in evangelischen Kreisen, zumindest unter Frauen, recht breit rezipiert worden). Aber das ist auch nicht so wichtig, für gute Ideen gibt es ja kein Copyright, und je weiter sie sich verbreiten, umso besser.

Leider aber versteht Gauck den Begriff völlig anders als wir. Sein Aufgreifen des (letztlich schon auf Hannah Arendts Diktum vom „Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten” zurückgehenden) Gedankens, dass Freiheit nicht nur Unabhängigkeit bedeutet, sondern erst in Beziehungen zum Ausdruck kommt, verhungert sozusagen auf halber Strecke. Es bleibt auf der Ebene einer Binsenweisheit.

Gauck beschreibt zwei Arten von Freiheit: Die „jugendliche“, revolutionäre Freiheit, die vor allem auf Autonomie und Unabhängigkeit setzt, also „Freiheit von etwas“ ist. Und dann die „erwachsene“, Verantwortung übernehmende Freiheit, die die Welt gestaltet, also „Freiheit zu etwas“ ist. Damit umreißt er im Wesentlichen den Konsens, den die westeuropäische männliche Philosophie seit langem tradiert. Freiheit wird dabei aus der Perspektive des erwachsenen, mündigen, gesunden Mannes gedacht (der heute, in emanzipierten Zeiten, freilich auch eine Frau sein darf).

Freiheit ist dabei ein Objekt des männlichen Begehrens, dem sich verschiedene Männer auf durchaus unterschiedliche Weise nähern: Der Engländer liebt die Freiheit „wie sein rechtmäßiges Weib“, der Franzose „wie seine erwählte Braut“ und der Deutsche „wie seine Großmutter“ – wie es der wortgewaltige Heinrich Heine einmal formuliert hat, der von Gauck wieder herangezogen wird.

Und – Bezogenheitsdenken hin oder her – auch Gauck macht wieder die alten Gegenüberstellungen auf zwischen „freiheitsliebenden“ Bürgern einerseits und „Besitzstandswahrern“, denen ihre materielle Sicherheit wichtiger ist als die Freiheit, andererseits.

Unter „Bezogenheit“ versteht Gauck nämlich nichts anderes, als die Integration von Verantwortung in das autonome Freiheitsstreben. Damit zelebriert er erneut den klassischen patriarchalen Kampf zwischen Vätern und Söhnen: Während letztere sich gegen jeden Zwang und jede Fremdbestimmung wehren, will Gauck die Freiheit (eben unter dem Stichwort „Bezogenheit“) nicht mehr individuell-egoistisch, sondern pragmatisch-realitätsbezogen sehen unter der Formel: „Wenn ich für andere sorge, bin ich erst so richtig frei“.

Dass er sich damit explizit von den Linken distanziert, wurde in den letzten Tagen von verschiedenen Seiten heftig kritisiert, aber natürlich kriegt diese Art der Argumention von linker Seite auch immer wieder neues Futter. Zum Beispiel wenn Denker wie der von vielen unter ihnen quasi als Popstar verehrte Philosoph Slavoj Zizek Sachen schreiben wie: Wer wirklich revolutionär sein will, muss Frau und Kind letztlich erschießen, um nicht mehr erpressbar zu sein.

Für mich und viele politisch denkende Frauen, die ich kenne, ist dieser altbackene Streit zwischen revoluzzenden Söhnen und verantwortungsschweren Vätern schon lange langweilig geworden. Worum es uns geht, das ist die Einsicht in die eigene Bedürftigkeit, die eigene Abhängigkeit. Denn nur wer diesen Standort einnimmt, wird die Fülle der wahren Freiheit entdecken, die das „Bezugsgewebe der menschlichen Angelegenheiten“ bereithält. Und kann sich dann von dem krampfhaften Streben nach Autonomie und Eigenverantwortung verabschieden, das prinzipiell unerreichbar ist, weil es sich lediglich um eine patriarchale Illusion, ein Wolkenkuckucksheim handelt.

Wir haben in unserem Buch vorgeschlagen, Freiheit überhaupt nicht mehr von der Autonomie her zu denken (sei sie nun mit Verantwortung für andere verknüpft oder nicht), sondern im Gegenteil von der eigenen Bedürftigkeit her. Bedürftigkeit und Abhängigkeit sind nämlich nicht menschliche Besonderheiten, die von der „normalen“ Autonomie abweichen und daher mit Freiheit tendenziell in Konflikt stehen. Sondern sie sind im Gegenteil die Voraussetzungen für Freiheit: Frei sein können wir, weil wir von anderen bereits Fürsorge und Zuwendung bekommen haben.

Mehr Männern als Frauen fällt dieser Paradigmenwechsel schwer. Die meisten Befürworter des Grundeinkommens argumentieren zum Beispiel damit, dass Sozialleistungen vom „Stigma der Fürsorge“ befreit werden sollen. Genau das Gegenteil ist notwendig!

Und auch Gauck zeigt nun: Selbst wenn Männer die Formel „Freiheit in Bezogenheit“ aufgreifen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie sich von dem alten Autonomiegedanken verabschiedet haben. Irgendwo scheint es eine Barriere zu geben, die es ihnen (und manchen „emanzipierten“ Frauen vermutlich ebenso) schwer macht, die eigene Bedürftigkeit anzuerkennen und sie in ihr Freiheitskonzept integrieren.

Offensichtlich ist es durchaus möglich, „Bezogenheit“ zu sagen und trotzdem weiterhin die Perspektive des großen Zampanos beizubehalten, der für andere etwas tut. Worauf es aber ankäme wäre, zu verstehen (und in die politische Reflektion über Freiheit einzubeziehen), dass andere immer schon etwas für mich getan haben, bevor ich selber frei sein kann. Und dass ich diese Abhängigkeit mein Leben lang nicht loswerde.

Joachim Gauck: Freiheit. Ein Plädoyer. Kösel 2012.