Weniger Marx, mehr André Léo

In diesem Jahr wird die Erste Internationale 150 Jahre alt. Da ich (vor 15 Jahren) meine Dissertation über die politischen Ideen von vier feministischen Sozialistinnen schrieb, die sich in der Internationale engagiert haben, fahre ich im Juni zu einem Jubiläums-Kongress in Paris.

Dass ich eingeladen wurde, obwohl ich an keiner Uni arbeite und auch seit meiner Diss mich nicht weiter mit der Internationale beschäftigt habe, freut mich natürlich, anderseits aber heißt es wohl auch, dass niemand sonst seither über Frauen in der Internationale geforscht hat (da ich die Veranstalter nicht kenne, nehme ich an, sie haben mich gegoogelt).

Wie auch immer, da es lange her, dass ich mit dem Thema zu tun hatte, dachte ich, es sei wohl keine schlechte Idee, mein Wissen vorher nochmal ein bisschen aufzufrischen. Und so las ich in den vergangenen Tagen die Biografie „André Léo (1824-1900), la Junon de la Commune“ von Alain Dalotel. André Léo (ihr Künstlerinnen-Name, zusammengesetzt aus den Vornamen ihrer Söhne André und Léo) ist eine von „meinen“ Frauen, aber da das Buch erst 2004 erschienen ist, kannte ich es damals noch nicht.

(Léos Geburtsname war Léodile Béra, verheiratet hieß sie dann Champseix. Ihren zweiten Mann hat sie nicht mehr offiziell geheiratet, von daher musste sie den Namen nicht nochmal ändern. Wahrscheinlich ist über Frauen bloß deshalb so wenig geforscht wurden, weil niemand Lust hatte, sich immer durch diesen Namenswirrwarr zu arbeiten; bei Männern ist das viel einfacher, die heißen von Geburt bis Tod immer gleich.)

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Ich war sehr erstaunt darüber, wie sehr es mich berührt hat, jetzt nochmal über André Léos Leben zu lesen, und vor allem auch ihre Texte wieder zu lesen, die in der Biografie ausführlich dokumentiert sind. Vor 15, 16, 17 Jahren, als ich mich zuerst mit ihr beschäftigte, fand ich sie nämlich ein bisschen „langweilig“ – jedenfalls langweiliger als andere von mir erforschte Aktivistinnen, speziell die Tabubrecherin Victoria Woodhull.

Während Woodhull von freier Liebe predigte, keinen Skandal scheute und man beim Nachverfolgen ihres Lebens von einem „Oha“ ins nächste „Wow“ schlingert, war Madame André Léo in meinen Augen eben das – eine Madame. Sie hatte, so schien mir, kein aufregendes Leben und vor allem keine aufregenden Positionen.

Okay, sie brachte als Witwe mit Schriftstellerei und Journalismus sich selbst und zwei kleine Kinder durch, gründete die erste Frauenrechtsvereinigung Frankreichs, war eine Aktivistin der Pariser Kommune, musste dann ins Ausland fliehen, stritt mit den Anarchisten gegen die Okkupation der Internationale durch Marx und Engels, lebte mehrere Jahre im Exil in der Schweiz und Italien, hatte eine mehrjährige Liebesbeziehung mit einem deutlich jüngeren Mann, und schrieb auch mit über siebzig noch Bücher.

Aber trotzdem fand ich sie irgendwie langweilig, damals. Alles, was sie schrieb, schien mir so besonnen und bedacht. Nicht falsch, aber auch nicht mitreißend. Selbst wenn sie anarchistische Positionen vertrat, war das nicht mitreißend, sondern nur klug und richtig. Da war keinerlei Polemik, nur strikte Analyse mit pädagogischem Anliegen. Nicht wie eine Kämpferin schrieb sie, eher wie eine Mutter, die ihren Kindern gute Ratschläge gibt.

Umso erstaunter war ich, dass ich dieselben Texte jetzt ganz anders las. Vielleicht liegt es daran, dass ich inzwischen genauso alt bin wie sie damals war, sogar noch ein bisschen älter (André Léo war während der Pariser Kommune, also Frühjahr 1871, 47 Jahre alt), während ich vor 15 Jahren so alt war wie Victoria Woodhull (nämlich Anfang 30). Maybe age matters doch.

Aber ich glaube, es ist noch was anderes, nämlich dass nicht nur ich mich geändert habe, sondern auch die Welt drumherum. In den Neunzigern hatten wir vieles noch nicht gehabt: Es war noch vor dem 11. September, es gab noch kein Gerede vom Clash of Civilizations und keine Anti-Terror-Hysterie. Der Zusammenbruch des Sozialismus nach Sowjet-Modell war gerade erst passiert, und viele (ich jedenfalls) waren noch guter Hoffnung, dass danach etwas Besseres kommen könnte, so eine Art „guter Sozialismus“.

Ich hatte damals nicht vorhergesehen, dass es hingegen zu einer fast absoluten, weltweiten Herrschaft des Kapitalismus kommen würde (oder wie immer wir dieses System nennen wollen, nach dem heute die Welt strukturiert wird). In den Neunzigern gab es noch die Idee, zumindest als Absichtserklärung auch bei Politikern und Wirtschaftsbossen, dass Fortschritt dazu führen wird, dass es allen immer besser geht. Inzwischen wird ganz ungeniert davon ausgegangen (und werden auch offen in diesem Sinn Entscheidungen getroffen), dass es natürlich manchen Leuten schlechter gehen muss, immer schlechter, und verkauft wird das mit der Drohung, dass es ihnen andernfalls eben noch schlechter gehen wird.

Inzwischen ist, sogar auch in Europa wieder, vom Überleben die Rede, das leider eben nicht für alle Menschen gesichert werden kann, zum Beispiel nicht für Rentnerinnen in Griechenland, die kein Geld für Heizung haben, oder nicht für Menschen aus Afrika, die eben dann zuhause verhungern müssen, oder auf dem Mittelmeer ertrinken.

In den Neunzigern hatten ich noch nicht so klar das Wiederentstehen einer Klasse von Dienstbot_innen vorhergesehen, war mir noch nicht so klar, dass es darauf hinausläuft, dass die reichen Industriestaaten praktisch ihre gesamte Pflege- und Fürsorgearbeit und auch einen Großteil der Hausarbeit an Frauen und zunehmend auch an Männer übergeben würden, die prekär, illegal und zu billigsten Löhnen diese Arbeit machen, was ja nur möglich ist aufgrund eines enormen Wirtschaftsgefälles zwischen Deutschland und diesen Ländern. Die anderen müssen arm bleiben, damit sie bereit sind, für niedrige Löhne zu arbeiten, sonst lohnt sich der Deal für die Reichen ja nicht. Mir war nicht klar, wie deutlich auch die westlichen Industriestaaten wieder zu einer offenen Klassengesellschaft werden würden.

Mit anderen Worten: Manchmal habe ich den Eindruck, wir sind vom 20. nicht ins 21. Jahrhundert gekommen, sondern zurück ins 19., was die gesellschaftlichen Verhältnisse betrifft.

Jedenfalls fand ich in den Texten von André Léo, die ich damals eher von historischem Interesse fand, beim jetzigen Wiederlesen eine unglaubliche Aktualität. Zum Beispiel, wenn sie als wichtigste Aufgabe der Internationale die Schaffung einer länderübergreifenden Solidarität und Zusammenarbeit der Arbeiterinnen und Arbeiter sieht – zum Beispiel bei Kriegen wie dem französisch-preußischen Krieg oder auch bei Arbeitsmigration, die schon damals eingesetzt wurde, um das Lohnniveau zu drücken.

Deshalb twitterte und facebookte ich neulich, dass wir eigentlich dringend wieder eine Internationale Arbeiter-Assioziation bräuchten. Denn wo ist denn die Solidarität zwischen russischen und ukrainischen Arbeitern? Wo ist die Solidarität zwischen deutschen und griechischen Menschen, die von Armut betroffen sind? Wo ist die Solidarität zwischen europäischen und afrikanischen Menschen, die ums Überleben kämpfen? Das alles gibt es praktisch nicht.

Ich habe auch keine Idee, woher man die jetzt so schnell herbekommen könnte, aber ich glaube, es wäre nötig, wieder so etwas wie „Klassenbewusstsein“ zu kultivieren und zu pflegen. Denn diejenigen, die von den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Entwicklungen arm und rechtlos gemacht werden, verorten sich selbst doch eher anderswo, über Nationalität, über Religion, über Kultur und so weiter. Deshalb sind die allermeisten von ihnen nicht „revolutionär“.

Auch mit diesem Problem war André Léo schon konfrontiert, und zwar war es in ihrem Kontext der Unterschied zwischen Paris und dem Land – revolutionär war man nur in Paris, auf dem Land war die Bevölkerung konservativ bis monarchistisch. Ihre Pariser Mit-Revolutionäre schauten deshalb immer etwas auf die „Landeier“ hinab, André Léo aber sagte voraus, dass eine Revolution, die von den Massen der armen Leute nicht getragen und unterstützt wird, nicht gelingt.

Ihr wichtigstes Anliegen war daher die Bildung, und damit meinte sie nicht Bildung im heutigen arbeitsmarktkonformen Sinn des Herstellens von „Employability“, sondern Bildung im Sinne von: „Wie funktioniert eine freie und gerechte Gesellschaft?“ Das ging ihrer Ansicht nur über Argumente, Überzeugen, Debattieren, Vorleben, Experimentieren. Solange die Prinzipien der Demokratie nicht in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert sind, wird keine Revolution lange etwas ausrichten, war ihre Prognose, wobei sie unter Demokratie natürlich nicht dieses Klappergerüst von formalem Wahlrecht und repräsentativem Parteienproporz meinte, das wir heute haben, sondern eine Gesellschaftsform, die tatsächliche Partizipation aller bei der Entscheidungsfindung ermöglicht.

Deshalb stieg sie auch aus dem Anarchismus in dem Moment aus, wo dort mit dem Bombenschmeißen begonnen wurde: Nicht, weil sie prinzipiell etwas gegen den Einsatz von Gewalt hatte – sie hatte ja schließlich auch die militärische Verteidigung der Kommune gutgeheißen – sondern weil diese Attentate genau das Gegenteil von dem erreichten, was ihr vorschwebte: Sie trieben die Bevölkerung direkt in die Arme der Reaktionäre.

Noch etwas anderes ließ mich beim Lesen von André Léos Biografie fast schon wehmütig werden: Die Vision eines Sozialismus ohne Marxismus. Denn Karl Marx war zwar Léos Zeitgenosse, aber damals noch nur ein Sozialist unter vielen und nicht jener große Zampano, an dem sich alle abarbeiten müssen, der er heute ist.

André Léo war eine der schärfsten Gegnerinnen von Marx, der nämlich eine völlig andere Vorstellung von der Internationale hatte als sie. Marx hatte mit dem „Kapital“ (der erste Band erschien 1867) eine sozusagen „objektive und wissenschaftliche“ Analyse des Kapitalismus vorgelegt, von der er meinte, dass sie die Grundlage für jegliches sozialistisches Engagement sein müsste – und ihm war kein Trick zu schäbig und keine Polemik zu hinterhältig, wenn sie nur dazu diente, dieses Ziel durchzusetzen. Wer objektiv und wissenschaftlich Recht hat, muss eben nicht mehr diskutieren, er kann die Gegner direkt bekämpfen oder in den Gulag stecken, so kann man doch eigentlich das politische Erbe des Marxismus kurz und knapp zusammenfassen.

Léo hingegen war der Ansicht, dass es die Aufgabe der Marginalisierten selbst sein müsste, ihre Situation zu analysieren, zu verstehen und Aktionsformen zu erfinden und zu erproben, die durchaus von Land zu Land, von Kontext zu Kontext auch unterschiedlich ausfallen könnten. Sie war nicht dagegen, dass von Intellektuellen und Gebildeten Theorien entworfen werden, ja dass sie versuchen, gewissermaßen auch „die Massen zu belehren“. Aber sie bekämpfte vehement jeden Versuch, die Internationale „auf Linie zu trimmen“, der ja auch tatsächlich nicht gelang, sondern die Internationale hingegen kaputtmachte.

Ich frage mich manchmal, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn sich der Marxismus nicht als Dreh- und Angelpunkt jeglicher Kapitalismuskritik durchgesetzt hätte, wenn es ihn vielleicht gar nicht gegeben hätte. Wenn die Arbeiterbewegung sich pluralistisch und vielfältig weiter entwickelt hätte, und wenn sie André Léos ständig eingeforderte Mahnung beherzigt hätte, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt.

Wenn Bildung im Sinne von Analysieren, Lernen, Ideen austauschen eine alltägliche Praxis der Linken geworden (oder geblieben) wäre, so wie es André Léo vorgeschlagen hat, anstatt mit dem platten Spruch „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ solche Versuche für obsolet zu halten oder als bürgerliche Naivität zu verleumden. Wenn sich nicht alle Linken seit 150 Jahren an Marx abarbeiten müssten, also an der Frage, ob sie dafür oder dagegen sind (und natürlich waren auch immer welche dagegen, aber dieses sich Abarbeiten hat sie immer auch blockiert und gelähmt).

Ich glaube, ganz ehrlich, die Geschichte der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung wäre ohne Karl Marx besser verlaufen. Und ich bin der Meinung, wenn es heute darum geht, wieder sowas wie eine „Internationale“ zustande zu kriegen, dann müssten wir viel mehr André Léo lesen und viel weniger Karl Marx.

Ein angebliches Buch über Jenny Marx

Als mir die Verlagsvorschau dieses Buches in die Hände fiel, habe ich es mir sofort bestellt. Ich war neugierig, etwas über Jenny Marx zu erfahren, über die ich nämlich erstaunlicherweise nicht viel weiß. Erstaunlicherweise, weil ich immerhin zum Thema „Frauen in der Ersten Internationale“ meine Promotion geschrieben habe, und Jenny Marx ja mit einem wichtigen Protagonisten der Internationale verheiratet war, nämlich Karl Marx.

Viele, viele engagierte Frauen sind mir während meiner Recherchen begegnet, darunter nicht nur die vier Aktivistinnen, über die ich letztlich geschrieben habe, sondern auch viele aus der „zweiten Reihe“. Es gab eine ganze Reihe von Paaren, bei denen beide gleichermaßen engagiert waren, etwa die Schriftstellerin André Leo und ihr Lebensgefährte Benoit Malon, oder Anna und Victor Jaclard. Manche Ehefrauen waren weniger “berühmt” als ihre Männer, aber dennoch politisch aktiv, wie Antonia Bakunin, die eine Zeitlang die Genfer Frauensektion leitete. Jenny Marx aber war mir nicht untergekommen, sie ist in politischer Hinsicht nicht in Erscheinung getreten. Daher interessierte mich ihre Biografie.

Leider war das Buch dann eine große Enttäuschung. Um es kurz zu machen: Ulrich Teusch liefert eine Schmonzette, die sich gar nicht mit Jenny Marx als Person beschäftigt, sondern ausschließlich mit Jenny Marx in ihrer Rolle als Ehefrau von Karl, dem Großen. Das Buch ist schlicht und ergreifend keine Biografie, sondern ein Familienportrait, und hätte es den Titel getragen „Das bewegte Schicksal der Familie Marx“ wäre es vielleicht halbwegs okay gewesen.

So jedoch wird Jenny Marx (oder das derzeit virulente Interesse an “Frauengestalten”?) instrumentalisiert, um die Glorie von Karl Marx zu erhöhen. Sie gibt ihm eine „menschliche“ Seite, man sieht ihn als liebenden Familienvater. Außerdem sollen natürlich Leserinnen eine Identifikationsmöglichkeit bekommen, daher muss Jenny wie heute üblich auch als „emanzipiert“ dargestellt werden und Karl Marx als „gleichberechtigter“ Mann.

Luce Irigaray hat die Krux in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern darin gesehen, dass Frauen nicht als eigenständige Wesen betrachtet werden, sondern dass man ihnen die Funktion zuweist, das Männliche zu spiegeln. Dieses Buch ist ein glänzender Beleg dafür.

Das inhaltliche Anliegen von Uwe Ulrich Teusch ist, eine in der Marxforschung seiner Wahrnehmung nach verbreitete Annahme zu widerlegen, wonach Karl und Jenny eine nicht sehr glückliche Ehe geführt haben. Er will Jenny gegen den „Vorwurf“ in Schutz nehmen, sie habe Karls politische Anliegen nicht oder nur halbherzig geteilt. Demgegenüber zeichnet er das Bild einer hingebungsvollen Ehefrau, die ihren Mannes vorbehaltlos unterstützt und durch ihr häusliches Wirken maßgeblich zum Gelingen des „Marx-Projektes“ beigeträgt.

Wer in diesem Streit Recht hat, ist mir ziemlich einerlei, vermutlich kann man es nicht mehr zweifelsfrei rekonstruieren. Wie alle anderen, so spekuliert auch Teusch herum, aber das kann man machen. Und warum soll man nicht ein Buch schreiben für alle, die ein bisschen voyeuristisch lesen wollen, wie das Marx’sche Familienleben so gewesen sein könnte?

Liest man das Buch als Groschenroman, wozu ja auch der Untertitel „Die rote Baronesse“ gut passen würde, ist es gar nicht mal übel. Es ist flott geschrieben, eben mit der für Groschenromane üblichen Portion Schwülstigkeit, und die Geschichte (ob wahr oder nicht) ist exakt die Geschichte, die alle Groschenromane erzählen:

Erst nach vielen Widrigkeiten und Wirrungen kann die Protagonistin in den Hafen der Ehe einfahren. Sie folgt ihrem Mann ohne Murren, wo immer es ihn in der Welt auch hinzieht, und hält durch alle Höhen und Tiefen zu ihm. Unglück und Armut erträgt sie mit großer Willensstärke (von sieben Kindern, die Jenny Marx zur Welt bringt, sterben drei schon in den ersten Monaten, eines im Alter von acht Jahren). Um der guten Sache willen hält sie Anfeindungen der bösen Gegner stand und lässt sich auch von der Herablassung des Mainstreams nicht ins Wanken bringen. Sie verzeiht ihrem Liebsten sogar, dass er das Hausmädchen schwängert (natürlich nicht, ohne zunächst einmal zerrissen zu sein, und nur unter der Bedingung, dass das Kind sofort aus dem Haushalt entfernt wird). Trotz aller Schicksalsschläge hat sie immer ein heiteres Lächeln auf den Lippen. Kurz: Ohne sie hätte der Held nicht der Held sein können, der er war.

Aber muss man das lesen? Wem’s gefällt. Nicht erwarten sollte man jedenfalls, aus diesem Abziehbild etwas über die wirkliche Jenny Marx zu erfahren, über ihre Persönlichkeit, über das, was sie vom „Klischeebild Frau“ möglicherweise unterscheidet und einzigartig macht.

Was mich an diesem Buch besonders geärgert hat, ist, dass es so tut, als würde es etwas einlösen, was die feministische Geschichtsforschung eingefordert und angestoßen hat: nämlich Geschichte nicht mehr anhand der großen Taten großer Männer zu erzählen, sondern auch hinter die öffentliche Fassade zu schauen. Das Alltagsleben und das Wirken der Frauen darin ernst zu nehmen, die „vergessenen“ Frauen ans Licht zu holen, ihr Wirken zu würdigen und so weiter.

Das alles behauptet Teusch  zu leisten, was er aber in Wirklichkeit tut, ist das genaue Gegenteil. Er kennt offensichtlich keine der historisch-kritischen Methoden, die die feministische Geschichtsforschung für dieses Vorhaben entwickelt hat, er kann die von ihm angeführten Quellentexte nicht in einen Kontext stellen – weil er sich nicht wirklich für das politische Wirken von Frauen interessiert, auch nicht für das von Jenny Marx, sondern nur für das Funktionieren von Frauen als Spiegel der Männer.

Ulrich Teusch: Jenny Marx. Die rote Baronesse. Rotpunktverlag 2011, 19,50 Euro.