Ohne jede Moral: Was Frauen Sex bedeutet

Frauen und Sex ist ein mühsames Thema, vor allem weil es normalerweise nie diskutiert wird, ohne die Antwort mit den Männern zu vergleichen: Wollen Frauen seltener Sex oder genauso oft? Wollen sie “kuscheligeren” Sex oder ist das nur anerzogen?

Wunderbar anders geht Barbara Sichtermann an das Thema heran. Sie lässt sieben Frauen ihre Geschichte erzählen und verpackt das Ganze in Romanform: Ihre fiktive Ich-Erzählerin soll Frauen für eine sozialwissenschaftliche Studie zum Thema Sex befragen und gibt dabei nichts vor, sondern lässt die Interviewpartnerinnen einfach frei erzählen, was ihnen dazu einfällt.

Ich vermute, dass dem Ganzen wirkliche Gespräche zugrunde liegen, die Barbara Sichtermann selbst geführt hat, die sie aber aus (nachvollziehbaren) Gründen vor der Veröffentlichung verfremden wollte. Eine kurze Runde bei Google konnte mir diese Frage nicht beantworten, und auch das Buch selbst lässt die Leserin in Bezug auf seine Entstehungsgeschichte im Dunkeln, was auch sein einziges Manko ist. Denn die Geschichten sind so spannend, interessant, aufschlussreich, dass ich einfach gerne gewusst hätte, welche Mischung von Authentizität und Fiktion dahinter steht.

(Update: Ein_e Blogleser_in hat bei Barbara Sichtermann nachgefragt und eine ausführliche Antwort bekommen, die unten in den Kommentaren steht)

Aber gut: Die Geschichten sind individuelle Geschichten, die Ansichten und Erfahrungen der Frauen unterscheiden sich stark, widersprechen sich teilweise krass, Gemeinsamkeiten finden sich eigentlich kaum, wenn man die äußeren Fakten ihres Umgangs mit Sexualität betrachtet oder ihre Einstellungen dazu.

Aber gerade deshalb tritt das, was sie gemeinsam haben, umso frappierender zu Tage: Und das ist die vollständige Abwesenheit jeglicher Moral. Das ist ein sehr interessanter Befund, denn schließlich hat man das den Frauen doch lange zugeschrieben – dass sie moralisch wären, gerade im Bezug auf Sexualität. Doch das sexuelle Begehren scheint sich, auch wenn es sich bei jeder Frau völlig anders äußert, genau nicht in konventionelle Beziehungsformen leiten zu lassen, selbst bei den Frauen nicht, die dieses Bild nach außen aufrechterhalten. Das Begehren folgt einer anderen Logik, es überwältigt, schmeißt Konventionen um, ist unverfügbar, bringt Dinge durcheinander.

Gleiches gilt im Übrigen von der biologischen Folge der Sexualität: dem Mutterwerden. Auch hierzu nehmen die Frauen eine erstaunlich selbstbestimmte Haltung an. Insofern ist das Buch auch eines über das weibliche Begehren in einem weiteren Sinn, das sich – gerade in der Sexualität, aber ich meine, das Prinzip ließe sich auch darüber hinaus ausweiten – einen Weg in die Welt bahnt, die nicht immer erfreulich ist, sondern von komplizierten Beziehungen, von Gewalt, von Zwängen, von ungleichen Chancen geprägt.

Barbara Sichtermann: Was Frauen Sex bedeutet. 183 S., Brandes & Apsel, Frankfurt 2012, 17,90 Euro.

Luxusprobleme

Mein nasser Bademantel wartet, bis der Blogpost fertig ist. Im Hintergrund die Donau.

Heute morgen war ich schwimmen. In einem auf 29 Grad beheizten Außenpool auf  dem Hoteldach, mit Blick über die Donauhügel. Das Hotel, in dem ich als Referentin von den Veranstaltern eines Symposiums untergebracht wurde, hat so einen. Ich war ganz allein. Es war atemberaubend schön.

Natürlich dachte ich sofort: Wie pervers ist das denn! Wir haben Energiekrisen und hier wird ein 1,40 Meter tiefer Pool so aufgeheizt, dass Madame Antje vor dem Frühstück ein paar Runden in frischer Luft kraulen kann.

Luxusprobleme.

Normalerweise gibt es bei uns zwei Alternativen, wie Leute damit umgehen: Moral und Ingnoranz.

Die Moral sagt: Das ist böse, das darfst du nicht machen, oder wenn, dann nur mit schlechtem Gewissen. Du verbrauchst Ressourcen, die eigentlich anderen gehören. Du musst, um ein guter Mensch zu sein, gegen solche Ungerechtigkeiten kämpfen. Am Besten gehören beheizte Außenpools im Winter gleich ganz verboten.

Die Ignoranz hingegen – die meiner Ansicht nach eine Reaktion auf Moral ist – ignoriert das Problem. Sie denkt sich Rechtfertigungen aus, die die Illusion erzeugen, es gäbe gar kein ethisches Dilemma. Zum Beispiel: Das hab ich mir verdient. Ich hab ja dafür bezahlt. Dieser beheizte Pool kurbelt den Tourismus an und sichert Arbeitsplätze. Wenn die Leute sich nur mehr anstrengen würden, könnten sie auch in einem beheizten Außenpool schwimmen.

In der Realität treten Moral und Ignoranz sogar meistens gleichzeitig auf. Man redet bei dem einen Problem moralisch und handelt bei dem anderen Problem ignorant, oder – noch schlimmer – redet öffentlich moralisch und handelt insgeheim ignorant.

Hier eine Alternative, die ich mir heute im Pool zu der falschen Wahl zwischen Moral und Ignoranz ausgedacht habe.

Und zwar habe ich mir überlegt, dass man solche Luxusmomente mit Dankbarkeit genießen sollte und in dem Bewusstsein, dass man jetzt ein unfassbares Glück hat. Also wissend, dass man hier etwas genießt, völlig unverdient, worauf man kein Recht und keinen Anspruch hat.

Jedenfalls hatte ich den starken Drang, beim Hin- und Herschwimmen ständig zu rufen „Wow, ist das schön!“ Meiner Ansicht nach ist das eine mögliche Übersetzung von „Danke“, das als Wort wie als Konzept heute ja etwas antiquiert klingt.

Luxus ist etwas Schönes, weil es einfach Dinge auf der Welt gibt, die so unglaublich schön sind, dass sie das „Normale“ übersteigen. Und es stimmt nicht, dass das nur in der Natur oder in spiritueller Innerlichkeit erfahren werden kann. Nein, die von Menschen erfundenen Luxusgüter wie etwa beheizte Außenpools spielen da eine Rolle. Luxus ist hergestellt, ein Produkt.

Luxus bedeutet aber auch, dass diese Dinge selten sind, die Ausnahme von der Regel. Jeden Tag in einem beheizten Außenpool zu schwimmen, das wäre wirklich pervers. Man kann keine Umverteilung von Luxus auf alle fordern, wie man Umverteilung von Brot und Grundeinkommen auf alle fordern kann.

Und noch etwas: Damit Luxus „ethisch okay“ ist, muss wirklich der Genuss im Vordergrund stehen und nicht die soziale Distinktion, also das Sich über andere Stellen. Bei dem meisten, was heute als „Luxus“ gehandelt und verkauft wird, ist es genau andersrum. Wenn man also schon etwas verbieten will, dann Werbung, die nicht mit der Schönheit der Dinge wirbt, sondern mit dem sozialen Status, der damit verbunden ist. Die ist nämlich pervers.

Aber wenn diese drei Punkte bedacht sind: Man ist dankbar für das Großartige, das man momentan genießt, man macht sich klar, dass das ein Glück ist und dass man das nicht selbst verdient hat, und man genießt wirklich die Sache als solche und nicht das „Mehr wert Sein“ als die anderen – dann ist Luxus wirklich okay.

Und in diesem Sinn will ich Luxus für alle. Genau so, wie wir ja auch alle Königinnen sind.

(Ähnliches Thema: Die Regeln der anderen)

Über das Müssen

In einem Internetforum fand ich kürzlich den Beitrag eines Bloggers namens „Franklin“, der sich über einen Vortrag lustig machte, in dem ich das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bei der unbezahlten Fürsorgearbeit behandelt hatte. Er schrieb: „Frauen ziehen also immer noch den Kürzeren. Sie müssen sich um Kinder, Alte und Haushalt kümmern (die Haustiere hat sie dabei noch vergessen). Wer sagt eigentlich, dass sie müssen? Wer zwingt sie dazu? Das Patriarchat, verkörpert durch den Herrn und Gebieter daheim?“ Seither denke ich über das Müssen nach. Oder, um es in einem klassischen philosophischen Ausdruck zu formulieren, über die Pflicht. Was bedeutet es, etwas zu müssen?

Einen Artikel dazu habe ich für das Internetforum „beziehungsweise weiterdenken“ geschrieben, Ihr findet ihn unter: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-3-145.htm

Wie können wir dem Bösen begegnen?

In ihrem philosophischen Text “Verfluchen, beten, nicht fragen” denkt Annarosa Buttarelli über eine Praxis von Frauen nach, das Böse in seinen Tod zu begleiten, anstatt es mit der Kraft des Guten heilen zu wollen. Der Text stammt aus einem neuen Aufsatzband der Philosophinnengemeinschaft “Diotima” in Verona. Dorothee Markert hat ihn aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt: http://www.bzw-weiterdenken.de/artikel-3-106.htm

Der schwierige Umgang mit dem Bösen – und mögliche Wege des Guten

Dem Bösen etwas entgegen zu setzen, ist schwierig. Denn die Gefahr ist groß – das zeigt die Geschichte wie auch die gegenwärtige Politik – im Widerstand oder beim Kampf gegen das Böse selbst zu problematischen Mitteln zu greifen. Feministische Philosophinnen haben vorgeschlagen, das Böse nicht zu bekriegen, sondern ihm auf andere Weise zu begegnen: Verfluchen, Klagen, Beten, Weggehen sind einige Möglichkeiten. Was heißt das konkret im Hinblick auf den Alltag und auf ethische Anliegen? Und welche Möglichkeiten gibt es, das das Gute zu tun – wenn sich das Gute nicht negativ vom Bösen herleiten lässt?

Zu diesem Thema gibt es am Mittwoch, 22. August, um 19 Uhr eine Diskussion im Evangelischen Frauenbegegnungszentrum in Frankfurt am Main (Saalgasse 15). Grundlage ist ein Vortrag, den ich vor einiger Zeit schon einmal gehalten habe, und den Ihr hier nachlesen könnt: http://www.antjeschrupp.de/das_boese.htm. Interessant dazu ist auch Hannah Arendts Abhandlung „Über das Böse“, die ich für die FR rezensiert habe: http://www.antjeschrupp.de/rez_arendt_das_boese.htm