Zwei Dinge, die ungesagt blieben

1308 Lukas Rimbach

Foto: Lukas Rimbach

Gestern war ich im BR2-Hörfunk zugeschaltet zu einer Sendung über Feminismus. Hier ist das Interview mit mir, hier die Seite zu der ganzen Sendung (auch die anderen Beiträge sind hörenswert, vor allem dieser hier von Hakan Tanriverdi über Netzfeminismus.)

Wie das ja immer so ist, bleiben bei solchen Interviews auch wichtige Dinge ungesagt, die Zeit!

Zwei Sachen möchte ich diesmal noch anmerken.

Erstens: Viele Medienbeiträge über Feminismus, auch dieser, beginnen mit der Feststellung, dass das Wort Feminismus bei vielen (gerne auch “jungen”) Frauen so unbeliebt ist. Das finde ich immer ein bisschen lustig. Also ob jemals die Mehrheit der Frauen hinter den Feministinnen gestanden hätte!

Wenn man um 1910 eine Straßenumfrage über das Frauenwahlrecht gemacht hätte oder 1970 eine Umfrage dazu, ob Vergewaltigung in der Ehe verboten werden sollte, dann hätte die Mehrheit der Frauen immer gesagt: Igitt, auf keinen Fall, das ist mir viel zu radikal!  Der Feminismus stellt grundlegende Mainstream-Paradigmen in Frage und ist deshalb selbstverständlich in der Minderheit, auch unter den Frauen, weil auch die natürlich ebenfalls den Mainstream prägen bzw. ihm anhängen. Vielleicht ändert sich das irgendwann, momentan sind wir noch weit davon entfernt. Und früher war es ganz bestimmt nicht besser.

Die Idee, Feministinnen würden die Mehrheitsmeinung aller Frauen vertreten (quasi als wären sie Lobbyistinnen für Fraueninteressen gegen die Männer), und die Vermutung, irgend etwas müsste mit ihnen falsch sein, wenn so viele Frauen nicht hinter ihnen stehen, ist Quatsch mit Soße. Nur rückblickend glauben wir gerne, früher hätten alle Frauen den Feministinnen ihrer Zeit begeistert applaudiert. Aber das kommt nur daher, weil ihre damaligen Thesen aus heutiger Sicht nicht mehr radikal wirken, weil sie inzwischen im Mainstream angekommen sind. Ich meine: Wer ist heute noch ernsthaft gegen das Frauenwahlrecht?

Das Gute daran ist: Das, was heute noch “übertrieben radikal” erscheint, kann morgen schon ganz normal sein.

Der zweite Punkt, den ich noch anmerken möchte, betrifft die “älteren Feministinnen”. Im Interview bestätige ich ja den Eindruck, den Hakan in seinem Beitrag schon angesprochen hat, dass eben die älteren Frauen im Netzfeminismus fehlen (das habe ich hier ja auch schon öfter geschrieben). Als Grund nenne ich die generell größere Internetskepsis und -distanz älterer Frauen im Vergleich zu jüngeren, und ältere Feministinnen sind da keine Ausnahme.

Es gibt aber noch einen zweiten wichtigen Grund, der mir in Gesprächen in letzter Zeit klar geworden ist: Ältere Feministinnen haben einfach keine Zeit übrig. Sie sind dermaßen aktiv und beschäftigt, dass sie im Lauf der Jahre immer mehr Verpflichtungen, Interessen und Beziehungsnetze aufgebaut haben. Ihre Tage sind einfach schon vollkommen dicht, und würden sie sich im Internet wirklich engagieren, also etwa bloggen, müssten sie von ihren liebgewordenen Aktivitäten welche aufgeben. Das wollen aber die meisten nicht.

Jüngere Frauen, die sich anfangen für Feminismus zu interessieren, haben hingegen sozusagen noch die freie  Auswahl. Sie können sich erst aussuchen, auf welchen Feldern, in welchen Gruppen sie sich engagieren und ihre Zeit aufwenden möchten. Deshalb ist für sie das Internet einfach naheliegender.

Besondere Umstände – Episode 5

Heute morgen haben Benni Bärmann und ich wieder gepodcastet.

Angefangen haben wir mit dem Cliffhanger vom letzten Mal - Facebook oder die Frage: Wie korrumpierbar sind Beziehungen?

Danach haben wir über das Buch von Diotima gesprochen, das ich zusammen mit Dorothee Markert übersetzt habe und das Benni inzwischen gelesen hat: Macht und Politik sind nicht dasselbe. Benni fragt vor allem an, ob in dem Ansatz nicht die Analyse von Strukturen zu kurz kommt? Dann ging es noch um so Sachen wie was “Ende des Patriarchats” heißt, was es mit der “symbolischen Ordnung” auf sich hat, und wie das Ganze in die gegenwärtigen Debatten der Linken oder der Frauenbewegung einzusortieren wäre.

Außerdem stellen wir die derzeit viel diskutierte (hier und hier und hier) Frage, ob 2012 für den Feminismus im Netz ein gutes oder schlechtes Jahr war? (Spoiler: Ich finde, ein gutes).

Und zum Schluss geht es um ein Wort, das Benni eigentlich schon in Episode 3 zur Sprache bringen wollte: Stigmergie. Ein interessantes Konzept zur Organisation von Zusammenarbeit.

Und: Kein Cliffhanger diesmal, eher sogar das Gegenteil!

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