Frauensauna

© Omid Mahdawi - Fotolia.com

Seit ungefähr zwanzig Jahren gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio. Leider nicht regelmäßig genug, um schon dünn und schön geworden zu sein, aber regelmäßig genug, um eine langsame, schleichende Veränderung mitzubekommen, die mir inzwischen Sorgen macht.

Die mir, genauer gesagt, seit letztem Wochendende Sorgen macht.

Und zwar geht es um den Saunabereich. Das Fitnessstudio meiner Wahl hat davon zwei, einen großen gemischten und einen kleinen nur für Frauen. Ich fand das früher immer ein wenig ungerecht, den Männern gegenüber. Einmal, so erinnere ich mich, habe ich eine Mitarbeiterin des Centers scherzhaft darauf angesprochen. Sie fragte zurück, was ich denn glauben würde, wie viele Männer wohl in einen reinen Männerbereich gehen würden.

Wie auch immer: Vor zwanzig Jahren war ich in dem Women-only-Bereich ziemlich oft allein. Die meisten Frauen gingen damals in den gemischten Bereich. Mir jedoch war an männlicher Gesellschaft nichts gelegen, und ich ging ohnehin nicht zum Leute Treffen ins Studio, sondern eher, um meine Ruhe zu haben, und die hatte ich eher in der Frauensauna. Außerdem bevorzugten die meisten meiner lesbischen Freundinnen den Frauenbereich.

Im Lauf der Jahre wurde es dann immer voller in der Frauensauna. Anfangs hat mich das sogar gefreut – ich hatte nämlich eine Weile um die Existenz des Frauenbereichs gefürchtet, weil er so schlecht besucht war. Ständig hatte ich erwartet, dass er in den großen, gemeinsamen Saunabereich eingemeindet würde.

Inzwischen ist davon keine Rede mehr. Im Frauenbereich quetschen sich die Ladies, im Männerbereich machen sich die Männer breit – ja, denn zu einem „Männerbereich“ ist der ehemals gemischte Bereich inzwischen faktisch geworden. Keine Frau mehr dort zu sehen.

Es war eine schleichende Veränderung, aber letztes Wochenende stand ich vor dem Faktum. Die winzige Frauensauna war so voll, dass es schon keine Sitzplätze mehr gab, es war nicht zum Aushalten. Ich überlegte kurz, ob ich in die gemischte Sauna gehen soll. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, das geht nicht. Nicht so allein, nicht so kurzsichtig wie ich bin. (Mir ist schon klar, dass ich theoretisch die Möglichkeit durchaus gehabt hätte. Was ich sagen will ist, dass das Verhältnis von Saunagenuss auf der einen und Unbehagen auf der anderen Seite sich über die entscheidende Kippe verschoben hatte).

Jedenfalls stelle ich fest, dass mit der sexuellen Revolution etwas schief gelaufen ist. Wir kriegen wieder Geschlechterseparatismus, zumindest dort, wo es um Körperlichkeit und Nacktsein geht. Und man schiebe das jetzt bitte nicht auf die „Migrationshintergründe“. Natürlich spielt es eine Rolle, dass heute auch Frauen und Männer in Deutschland leben, die in einer sexuell unfreizügigen Kultur sozialisiert wurden. Aber das ist nicht der Punkt.

Die Frage ist vielmehr: Warum ist deren Unfreizügigkeit für westlich sozialisierte Frauen attraktiver als die sexuelle Freizügigkeit der Westlerinnen im Gegenzug für sie? Warum haben die westlich sozialisierten Frauen das Schamgefühl der Einwanderinnen übernommen – und nicht andersrum? Zahlenmäßig sind die Migrantinnen schließlich immer noch in der Minderheit. Außerdem hatten wir in Deutschland Anfang der 1990er Jahre die Integration der DDR – die ja eine extrem freikörperkulturige Gesellschaft war. (Frage in die Runde: Wie geht es eigentlich in gemischten Saunas im Bereich der ehemaligen DDR heute zu?)

Meine Theorie ist eine andere. Meine Theorie ist, dass die sexuelle Freizügigkeit und die gemischtgeschlechtliche Nacktseins-Normalität, die wir in den 1980er Jahren zelebriert hatten, zumindest in Teilen verlogen war. Dass sie uns nicht wirklich so gut gefallen hat, wie wir behauptet hätten.

Ich für meinen Teil kann das jedenfalls so sagen. Ich erinnere mich, dass ich mich als Jugendliche immer überwinden musste, um mich vor Männern auszuziehen. Das gehörte damals aber zum guten Ton. Alle mussten frei und hübsch zusammen in den See springen. Ich musste mich an Arsch und Brüsten betatschen lassen. Bin doch nicht prüde. (Ich hatte diese Begebenheiten verdrängt, aber in meinen Tagebüchern damals festgehalten und kürzlich wieder gefunden).

Mir war das unangenehm, aber das durfte ich nicht sagen, denn nicht die Verhältnisse waren falsch, sondern ich. Ich war einfach noch zu schamhaft. Bullshit, sage ich heute.

Meine Theorie ist folgende: Die sexuelle Befreiung hat geglaubt, sie könne die patriarchale Verkorkstheit unserer Kultur überspringen und wegwischen, indem wir einfach zu „neuen Menschen“ werden. Und in dieser Logik war ich nicht neu genug. Was ich aber – weil ich damals noch nicht zur Frauenbewegung gehörte – nicht aussprechen konnte. Ich dachte, der Fehler liegt bei mir.

Deshalb erfand ich für mich dann in den 1990er Jahren die Ausrede mit dem Ruhe haben Wollen und mit der Solidarität mit den lesbischen Freundinnen. Die Wahrheit ist: Ich war froh, nicht mehr in die gemischte Sauna zu müssen. Wegzukommen von den Blicken auf meinen Busen und auf meine Vulva, von denen ich eben nicht wissen konnte, ob sie normal oder übergriffig waren, lüstern oder einfach nur auf positive Weise interessiert.

Und vielleicht ist die Windeseile, mit der die westlich sozialisierten Frauen den Migrantinnen in die Frauensauna gefolgt sind, etwas ähnliches. Vielleicht waren wir einfach endlich froh, aus diesem sexuell freizügigen Pseudoparadies wegzukommen. (Mir ist klar, dass es bestimmt noch andere Gründe gegeben hat, alles was ich sagen will ist: Dieses hier ist ein Grund, über den bisher zu wenig geredet wird).

Natürlich ist diese Geschlechterseparation ein unhaltbarer Zustand, vor allem dann, wenn die Frauensaunas winzig und die Männersaunas riesig sind.

Wir brauchen also eine neue sexuelle Revolution. Nur muss die diesmal anders ablaufen, als die damals. Und vor allem muss sie so ablaufen, dass sich niemand nicht traut zu sagen, wenn sie (oder er) sich unwohl fühlt.


Flattr this

Danke für die Spende!