Sexismus und Regen. Oder: Drei Gedanken zu Fappygate

Ich habe nur nebenbei die Geschehnisse rund um #fappygate mitbekommen, weil ich die Tage viel unterwegs war. Im Kern ist wieder mal etwas passiert, das im Netz (und sonstwo auch) ja eigentlich dauernd passiert: Ein reichweitenstarker und gut vernetzter Mann bemerkt irgendwo eine Feministin, deren Äußerungen seiner Ansicht nach unwahr, überzogen, zu radial oder undiplomatisch sind, und bloggt darüber, wo seiner Ansicht nach die Grenze zwischen richtigem und falschem Feminismus verläuft. Anschließend schaut er genüsslich dabei zu, wie seine Follower und Fans über die besagte Feministin herfallen, bis die dann ihren Account schließt oder auf privat setzt. Die Mehrzahl der Männer und auch eine ganze Reihe von Frauen machen Popcorn auf und verfolgen die Auseinandersetzung auf dem Sofa. Viele Frauen und einige Männer versuchen zu erklären, was da grade passiert, der Betroffenen Unterstützung zu geben, lassen sich auf Debatten ein, bloggen selber darüber (hier zum Beispiel Helga).

Ich verfolge diese Debatten meist mit Schmerz. Ich leide mit denen, die da in Debatten verwickelt werden, die sie gar nicht gewinnen können. Ich beobachte, wie ungleich Genuss und Triumph und Rechthabgefühl auf der einen Seite, und Ärger, Leid und das Gefühl der Ohnmacht auf der anderen Seite verteilt sind. Und ich habe den Impuls, so was zu rufen wie: Geht nicht raus in den Regen, ihr werdet doch nass bis auf die Knochen! Oder, wenn ihr versehentlich in den Regen geraten seid: Bleibt doch nicht da stehen, lauft weg und stellt euch irgendwo unter!

Gestern habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht nur einfach zu alt und abgebrüht und desillusioniert bin für solche Formen der Auseinandersetzung. Über Nacht hat es in mir noch mal nachgedacht, und ich glaube eigentlich, dass das nicht der Hauptgrund ist (obwohl es natürlich einen Unterschied macht, ob eine diese Dynamik schon hundertmal oder erst wenige Male erlebt hat).

Ich glaube, es geht hier um die Frage, wer was von wem erwartet. Bei manchen feministischen Aktivistinnen höre ich in solchen Debatten manchmal so etwas wie Ungläubigkeit heraus darüber, dass andere die sexistische Struktur, die sie kritisieren, tatsächlich nicht sehen. Als glaubten sie, wenn sie nur klar und eindeutig nachweisen könnten, was hier passiert, dann müsste die Welt doch verstehen, was läuft. Nicht die Honks natürlich, aber doch die große Masse drumherum!

Sie versuchen die Beweisführung also nochmal so herum und dann nochmal anders herum, und die Verzweiflung wächst, weil sie, egal wie logisch die Argumentation, eben doch nicht verstanden werden. Ganz im Gegenteil sogar: Die anderen werden immer selbstgerechter. Sie versichern sich gegenseitig, dass sie natürlich keine Sexisten sind, weit davon entfernt, sie sind in Wirklichkeit nämlich selber Feministen oder zumindest sind sie für Gleichberechtigung und über jeden Verdacht erhaben, weil sie doch sogar Frauen in ihre Teams einladen. Und auf keinen Fall werden sie sich von irgendwelchen wildgewordenen FemiTrollNazis was erklären lassen.

Sexismus ist wie Regen. Er ist einfach da, manchmal schwächer, manchmal stärker. Manchmal können wir uns irgendwo unterstellen, manchmal hört er vielleicht sogar für ne Weile auf. Manchmal kommt er aus heiterem Himmel und mit einer Gewalt, mit der wir nicht rechnen konnten. Aber, und das ist mein Punkt: Wenn es regnet, können wir nichts dagegen unternehmen. Jedenfalls nicht hier und jetzt, nicht in dieser Situation. Es ist schlichtweg nicht möglich. Wenn es regnet, dann regnet es.

Sexismus strukturiert die symbolische Ordnung, die uns umgibt, er lässt sich durch Argumentationen nicht wegkriegen. Sexismus ist eine Tatsache, keine Meinung. Feminismus bedeutet die Arbeit an dieser symbolischen Ordnung, und das funktioniert in der Tat hauptsächlich durch Sprache. Aber auf sehr vielen verschiedenen Ebenen, und es ist kompliziert. Es ist keine Frage der Logik, sondern eine der Kultur, tief verwurzelt, unsichtbar, normal. Es funktioniert nicht so, dass wir die sexistische Struktur unserer symbolischen Ordnung nur erst einmal lückenlos beweisen müssten, und dann geht sie weg. Für öffentliche Debatten über den Feminismus ist es wichtig, sich das ganz klar zu machen und sich jederzeit darüber bewusst zu sein. Und nicht, auch nicht ganz insgeheim in einem hinteren Winkel des Herzens, mit der Erwartung hineinzugehen, doch vielleicht überzeugende Argumente zu finden. Denn das führt unausweichlich zu der ohnmächtigen Erkenntnis, dass es hier halt nicht um Argumente geht, sondern um Macht.

Das ist einfach Realismus: Zu wissen, dass ich jederzeit in den Regen geraten kann. Wenn es draußen bereits in Strömen regnet, existiert die Option, rauszugehen und nicht nass zu werden, nicht. Muss ich also wirklich jetzt gehen oder warte ich lieber auf später, wenn es nachgelassen hat? Und wenn ich raus muss oder will, habe ich einen Regenschirm dabei? Wähle ich eine Route, wo ich mich schnell unterstellen kann, wenn es zu heftig wird? Ganz wichtig ist natürlich auch, dass wir einander nicht im Regen stehen lassen. Und wir können natürlich auch sagen: Scheiß drauf, dann werde ich halt nass. Wir sind nicht hilflos, wir sind nicht einfach nur Opfer, wir haben eine Vielzahl von Handlungsoptionen. Aber für das feministische Wohlbefinden ganz entscheidend ist, nicht zu erwarten, dass wir irgendetwas dafür tun können, dass der Regen aufhört. Und schon gar nicht darauf zu hoffen, dass der Regen uns zuliebe ein Einsehen hat.

(Jedenfalls nicht hier und in dieser Situation, langfristig ist natürlich eine andere Sache. Die Analogie des Regens funktioniert nur begrenzt.)

Vielleicht sollte ich noch einen Satz zum Thema „Victim Blaming“ anschließen, das man mir wegen des Rats „Geh nicht raus, wenn es regnet“, vielleicht vorwerfen könnte. Das Konzept ist wichtig, wird aber meiner Ansicht nach manchmal falsch oder kontraproduktiv angewendet. Es geht ja darum, den Opfern keine Mitschuld an ihrer Situation zuzuweisen, so wie: „Was muss sie in einem Minirock rausgehen, kein Wunder, wenn sie vergewaltigt wird.“ Victim Blaming zu problematisieren ist deshalb ein gutes Tool in Situationen, in denen es einen Konsens über die in Frage stehenden Sachverhalte gibt und auch Gesetze oder andere effektive Mittel, um die Täter zur Strecke zu bringen. In diesen Situationen ist es natürlich wichtig, festzustellen, wer Schuld hat und wer nicht.

Aber wenn dieser Konsens nicht besteht, dann hilft es nichts, die Frage nach der Schuld zu klären. Wir können nämlich nicht eine sexistische Ordnung zu Hilfe rufen, um diese Ordnung zu bekämpfen. Denn diese Ordnung findet sich selbst ja gar nicht falsch, sondern richtig und normal. Wir wissen zwar, dass die Opfer nicht Schuld sind, und es ist auch wichtig, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es nützt aber in der konkreten Situation nichts.

Natürlich stimmt es: Wenn ich raus in den Regen laufe, dann werde ich nass, weil es regnet. Der Regen ist schuld daran, dass ich nass werde, nicht ich. Aber dem Regen ist das ganz egal, sein Wesen ist es, zu regnen, und deshalb findet er überhaupt nichts dabei, mich nass zu machen. Deshalb nehme ich besser einen Schirm mit. Oder stelle mich unter. Oder laufe nur schnell durch, bis ich wieder in Sicherheit bin. Oder ich stelle mich drauf ein, nass zu werden, tanze im Regen und rufe den Wolken zu, sie können mich mal.

PS: Ich schalte nur Kommentare frei, die sich mit dem Thema dieses Blogposts beschäftigen und keine, die sich auf die ursprüngliche #flappygate-Debatte beziehen.

PPS: Drüben auf Tumblr noch eine Ergänzung notiert: Fappst du dir einen?

Über die Geschlechterdifferenz sprechen ist nicht Sexismus

Es passiert mir immer wieder, dass Leute mir Sexismus vorwerfen, wenn ich – wie in meinem vorigen Blogpost über das unterschiedliche Verhältnis von (vielen) Männern und (vielen) Frauen zur Macht – über die Geschlechterdifferenz spreche. Ist es nicht Sexismus, zu behaupten, Männer hätten eine größere Faszination für die Macht?

Möglicherweise ist dieses Urteil falsch (ich habe versucht, Argumente und Beispiele dafür zu finden, aber man kann darüber sicher streiten), aber sexistisch ist es nicht. Tatsächliche – also in der Realität bestehende und beobachtbare – Unterschiede zwischen Geschlechtern zu benennen ist kein Sexismus, sondern unverzichtbarer Bestandteil jeder sinnvollen politischen Analyse. Denn wie sonst sollte man über die Verwobenheit von Geschlecht und gesellschaftlicher Realität sprechen, wenn man diese Differenzen nicht benennen darf? Über die Geschlechterdifferenz zu schweigen bedeutet, sie, so wie sie ist, zu zementieren, indem man die Augen davor verschließt.

Sexismus bedeutet, bestimmte Zuordnungen zu Geschlecht als unveränderbar und wesentlich zu behaupten. Sexismus wäre es also gewesen, wenn ich behauptet hätte, die Faszination von Männern für Machtprozesse wäre normativ im Sinne von „Ein richtiger Mann muss von der Macht fasziniert sein“. Meine Intention war aber das genaue Gegenteil. Ich wollte gerade eine andere Sicht auf die Macht vorschlagen, und ich wollte sie gerade auch Männern vorschlagen. Jörg Rupp zum Beispiel twitterte den Einwand, was ich beschreibe, sei ein veraltetes Männlichkeitsbild, und auch wenn ich im Gegensatz zu ihm befürchte, dass es derzeit leider noch nicht so veraltet ist, dass es sich bereits erledigt hätte, bin ich doch mit ihm ganz einig darin, dass das toll wäre.

Ich habe also überkommene Geschlechterbilder zur Diskussion gestellt in dem Bemühen, sie zu verändern. Sexistische Zuschreibungen stellen aber im Gegenteil Geschlechterbilder gerade nicht zur Diskussion, sondern versuchen, diese zu zementieren, zum Beispiel indem sie behaupten, der Machthunger läge den Männern in den Genen oder sei von der Evolution eben so hervorgebracht worden oder von Gott so gewollt. Also unveränderlich.

So wie man lange von Frauen erwartete hat, sie müssten besonders häuslich und fürsorglich sein, weil das eben „ihre Natur“ oder ihr „Schöpfungsauftrag“ sei. „Eine richtige Frau verbringt viel Zeit mit ihren Kindern.“ Nun wäre es aber albern, zu bestreiten, dass Frauen in der Realität, in der wir leben, sich tatsächlich mehr um Kinder kümmern als Männer. Nicht alle, aber eben doch im Schnitt, in der Mehrheit. Und es wäre fatal, diese Realität zu ignorieren, sie nicht mehr zu benennen, so als würde sie davon verschwinden. Wir müssen sie benennen, aber eben in dem Bemühen, diese Zuschreibung gerade aufzuheben, sie aus ihrer normativen Zwangsläufigkeit zu lösen und das ganze Thema politisch neu zu verhandeln.

Und was ist mit der Definition von Sexismus als „negativer Zuschreibung qua Geschlecht“? Habe ich nicht Männer solchermaßen negativ beurteilt, indem ich ihnen so etwas wie „Machthunger“ unterstelle?

Dieser Einwand ist wichtig, er gilt aber lediglich für konkrete Begegnungen. Ich würde mich tatsächlich des Sexismus schuldig machen, wenn ich bestimmten konkreten Männern, mit denen ich zu tun habe, eine „männliche“ Faszination für die Macht unterstellen würde, ohne zu prüfen, ob es in ihrem Fall auch tatsächlich zutrifft. Genauso wie es Sexismus ist, einer Frau zu unterstellen, sie könne gut putzen und kochen, bloß weil sie eine Frau ist und ohne dass ich etwas von ihr weiß.

Aber von konkreten Menschen habe ich ja nicht gesprochen, ich habe ein allgemeines Phänomen beschrieben, eine Tendenz. Die Geschlechterdifferenz durchzieht unsere Gesellschaft auf einer sehr elementaren Ebene, und es gibt praktisch keinen Bereich, der von ihr nicht geprägt ist. Antisexistische Arbeit bedeutet, diese Verwobenheit zu benennen, sie sichtbar zu machen und zu analysieren. Nicht zu behaupten, das alles gäbe es nicht.

#Aufschrei – analog und politisch

Meine Grimme Urkunde hängt jetzt im Büro.

Meine Grimme Urkunde hängt jetzt im Büro.

Gerade habe ich mir, wie von Nicole von Horst mehrfach (zum Beispiel auch bei dieser Veranstaltung) empfohlen, meine Grimme-Urkunde zu #Aufschrei ausgedruckt und ins Büro gehängt. Der zweite Ausdruck kommt später noch zuhause in den Flur.

Die Idee ist erstens ein symbolischer Akt, um deutlich zu machen, dass hier nicht ein einzigartiges originäres Masterhirn sich in seiner Genialität die ultimative Internetkampagne ausgedacht hat, sondern dass es um ein Hasthag geht, das eben, wie es in der Natur der Sache liegt, aus einem Zusammenspiel der Vielen besteht (was die Verdienste der Initiatorinnen ja auch überhaupt nicht schmälert).

Aber zweitens ist die auf Papier ausgedruckte Grimme-Urkunde da an der Schrankwand auch sehr real vorhanden, sozusagen zum Anfassen, und gerade in ihrer Materialität bietet sie tolle Möglichkeiten: Zum Beispiel erfahren Menschen, die in mein Büro kommen, dadurch vom Grimmepreis und von #Aufschrei, und vielleicht kommen wir ins Gespräch, je nachdem über Alltagssexismus oder über das Internet oder über die Zukunft des Journalismus, und das sind ja alles drei interessante Themen.

Und wie geht es jetzt noch weiter mit Aufschrei?

Mein Eindruck ist, dass wir dringend darauf drängen sollten, die Diskussion stärker zu einer politischen zu machen. Für meinen Geschmack wird nach wie vor zu viel individualistisch darüber gesprochen: Wie kann/soll eine Frau auf Alltagssexismus reagieren? Was kann ein Mann machen, der das beobachtet? Wie können betroffene Frauen Unterstützung bekommen und wie wecken wir Sensibilität für das Thema?

Alles gute und wichtige Fragen, aber die Debatte um eine Energiewende zum Beispiel erschöpft sich ja auch nicht darin, dass wir uns gegenseitig über die Probleme austauschen, die wir dabei haben, die Heizung niedriger zu stellen.

Alltagssexismus ist nicht in erster Linie ein persönliches Problem der davon betroffenen Frauen, es ist ein gesellschaftlich-strukturelles Problem. Die “betroffenen” Frauen haben damit sozusagen nur insofern etwas zu tun, als sie es sind, die die Gesellschaft mit Aktionen wie #Aufschrei immer wieder darauf aufmerksam machen. Aber das Problem ist nicht (in erster Linie) ihres, sondern das der Gesellschaft.

Die angemessene Reaktion der Gesellschaft wäre also, das Thema nun politisch zu debattieren, und nicht, gönnerhaft zu überlegen, wie den armen “betroffenen” Frauen nun zu helfen wäre oder das Ganze immer noch unter “Frauenrechte” einzusortieren, wie etwa die Zeit in ihrem Bericht über den Grimmepreis schreibt. (Über das unsägliche Wort “Frauenrechte” habe ich hier schon mal geschimpft)

Alltagssexismus ist nicht (nur) ein individuelles oder psychologisches Thema der beteiligten Frauen und Männer, sondern ein politisches, strukturelles. Es lässt sich nicht dadurch beheben, dass Frauen sich bessere Taktiken überlegen, wie sie damit umgehen, und dass wir über die sexistisch handelnden Männer psychologisieren (A la: “Der hat sicher Minderwertigkeitskomplexe”). Es geht um soziale Codes, um Strukturen der Macht, um ein Zusammenspiel aus vielen Puzzleteilchen.

Niemand ist vom Alltagssexismus nicht betroffen. Auch deshalb finde ich analog ausgedruckte Grimmeurkunden so toll, weil sie hoffentlich Gespräche über dieses Thema anstoßen, die losgelöst sind von einem konkreten “Vorfall”. Über die Energiewende sprechen wir ja auch nicht nur, wenn wir bemerken, dass irgendwo die Heizung zu sehr aufgedreht ist.

Mehr zum Thema:

#Aufschrei hat gezeigt, wie Internet geht

Wie Lappalien relevant werden

Wie Lappalien relevant werden

Sind sexuelle Belästigungen von Frauen, die sich deutlich unterhalb strafrechlich relevanter Grenzen abspielen, eine Lappalie oder ein vollkommen unakzeptabler Zustand? Über diese Frage wird zurzeit in Deutschland diskutiert, nachdem zwei Journalistinnen über ihre Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrer Arbeit berichtet haben, zuerst Annett Meiritz im Spiegel am Beispiel einiger Piraten, dann Laura Himmelreich im Stern über ihre Erlebnisse mit Rainer Brüderle von der FDP.

Seither wird offensichtlich, dass sich die “Relevanzkriterien” zu diesem Thema in der Öffentlichkeit verschoben haben. Am besten auf den Punkt gebracht hat das der hessische FDP-Justizminister Jörg-Uwe Hahn, der mit dem Satz zitiert wird: “Diese Geschichte ist ein Tabubruch. Wer es nötig hat, so etwas als ‘Story’ zu verkaufen, hat sich von seinem Chefredakteur vor den schmutzigen Karren spannen lassen.”

Ja genau, es ist ein Tabubruch, denn bisher gehörte es sich nicht, solche Erlebnisse an die große Glocke zu hängen. Eine Frau, die es in die oberen Ränge des Alpha-Journalismus geschafft hatte, hatte dankbar zu sein, dass die Herren sie mitspielen lassen. Und nicht rumzicken wegen irgendwelcher nebensächlicher Lappalien.

Wie Jörg-Uwe Hahn gingen bis vorgestern wohl viele Männer davon aus, dass solche Begebenheiten unterhalb der Schwelle öffentlicher Erregung bleiben. Wie er waren wohl viele der Ansicht, dass so ein bisschen sexistische Anmache für sich genommen keine Story ist (man muss ja seiner Ansicht nach es noch aus irgendwelchen anderen Gründen “nötig haben”). Auch viele Männer, die sich selbst gegenüber Frauen völlig korrekt verhalten, dachten bis vorgestern: Das ist zwar nicht schön, aber doch keine Nachricht – und suchten deshalb nach “Nebengründen”, die diese Veröffentlichung erklären könnten.

Es braucht aber keine weiteren Gründe, um so eine Story zu veröffentlichen, denn es gibt inzwischen massenweise Frauen und auch Männer, die das durchaus für eine Nachricht halten. Die sexuelle Belästigung keineswegs für eine Lappalie halten, auch dann nicht, wenn sie sich auf “niedrigem Niveau” abspielt. Die nicht wollen, dass solche Leute uns regieren, weil so ein Verhalten nämlich keine Privatsache oder persönliche Macke ist, sondern viel über die Mentalität, die Rollenvorstellungen, die Haltung des Betreffenden aussagt. Für sie als Wählerinnen und Wähler ist es also aus politischen Gründen interessant, solche Berichte zu lesen.

Wie viel sich an Ärger da bereits angesammelt hatte, zeigt sich an der großen Resonanz, die unter dem Hashtag #Aufschrei gerade bei Twitter trendet. Unter diesem Tag tragen Frauen ihre Erlebnisse bezüglich solcher “Lappalien” zusammen und machen damit sichtbar, dass die “Lappalien”-Einschätzung aufgrund der schieren Menge an entsprechenden Vorfällen schlicht falsch ist. Männer beteiligen sich übrigens ebenfalls unter dem Hashtag #Scham. Auch in den klassischen Medien sind zahlreiche Kolleginnen und Kollegen Meiritz und Himmelreich zur Seite gesprungen, weil auch sie die neue Relevanz der ehemaligen “Lappalien” erkannt haben.

Dass dieser Knoten gerade jetzt geplatzt ist, war letztlich Zufall. Zuerst der Artikel gegen die Piraten, bei dem alle Etablierten noch geklatscht haben – immer druff, wir wussten ja, dass die Piraten Sexisten sind. Dieser Artikel war aber nötig, damit der  zweite Artikel erscheinen konnte: Nicht nur bei den Piraten, auch bei der FDP. Und dann gab es kein Halten mehr, weil genau diese Debatte unter der Oberfläche schon lange gebrodelt war. Früher oder später musste sie rauskommen.

Zurück in den Sack kriegt Ihr das jetzt nicht mehr. Weil nämlich diejenigen, die sowas für eine Lappalie halten, nicht mehr die maßgeblichen Meinungsmacher in Deutschland sind. Sondern Relikte aus vergangenen Zeiten.

PS: Das ist übrigens ein gutes Beispiel für politische Veränderungsprozesse, wie ich sie gegen Zizek hier kürzlich stark gemacht habe: Sie erfordern keine revolutionäre Tat, sondern sie werden über längere Zeit von sozialen Bewegungen im mehr oder weniger Unsichtbaren vorbereitet. Geschieht dann ein “Ereignis” kommen sie lediglich ans Licht, sie werden von diesem Ereignis aber nicht ausgelöst.

PPS: Hier auch noch ein Erklärbärin-Videointerview mit Anke Domscheit-Berg zum Thema

Wenn Markenexperten unsanft geweckt werden

Ist es ein Trend? Ich glaube schon.

Gerade mal einen Tag hat es gedauert, bis die Lufthansa ihre dümmliche Super-Women-Partnercard-Aktion wieder einstellen musste, nachdem Anatol Stefanowitsch vorgestern darüber gebloggt hat, Anke Domscheit-Berg dann über Twitter die Medien aufforderte, darüber zu berichten, und sich die Nachricht dann in gewohnter Geschwindigkeit über Blogs, Tweets und Zeitungsartikel durchs Internet verbreitete.

Vor ein paar Monaten gab es schonmal einen ähnlichen Fall, wo die Eon-Tochter e-wie-einfach einen gewaltverharmlosenden Videoclip für lustige Werbung hielt. Auch hier dauerte es nicht mal einen Tag, bis “das Internet” die Verantwortlichen dazu brachte, den Clip wieder abzuschalten.

Der Grund ist natürlich nicht, dass die üblichen Witzbolde jetzt verstanden hätten, was an ihrer Art von “Humor” problematisch ist. Der Grund ist auch nicht, dass die Mehrheit der Menschen inzwischen sensibel auf Sexismus reagiert.

Ich vermute, wenn man eine repräsentative Umfrage machen würde, wäre die Mehrheit der Leute wohl der Meinung, diese Art von Werbung sei doch irgendwie ganz witzig oder zumindest harmlos. Das zeigt sich ja auch in den Mehrzahl der Kommentare zu diesen Vorfällen ebenso wie an den bemühten Rechtfertigungsversuchen der zuständigen Werbeagenturen und Marketingabteilungen (die, wie üblich, sich nicht für ihre Kampagnen entschuldigen, sondern nur bedauern, dass wir sie falsch verstanden haben).

Aber egal. Der Punkt ist: Das nützt ihnen nichts mehr!

Offenbar genügt es, wenn eine gewisse Anzahl problembewusster Menschen – und das müssen im Anfang gar nicht viele sein, zwei, drei, vier – im Internet ihren Unmut kundtut und ihren Unwillen, sowas zu tolerieren. Sie haben durch ihre Vernetzung, durch ihre Blog-,  Twitter-, Google- und Facebook-Reichweiten genug Einfluss, um den Verantwortlichen das Leben unangenehm zu machen.

Heissa!

Und da hilft es diesen Verantwortlichen auch nicht, dass es – zum Beispiel – unter den Lufthansa-Business-Geschäftskunden wahrscheinlich tatsächlich immer noch eine Menge Männer gibt, die in Beziehungen zu Frauen leben, die so unsäglich spießig und klischeehaft sind, wie der Werbebrief, der sie ansprechen sollte. Es hilft ihnen nichts, dass die Kampagne womöglich – weil die Welt eben schlecht ist – tatsächlich funktioniert hätte.

Denn Teilöffentlichkeiten gibt es nicht mehr. Eine einzige undichte Stelle genügt – im Fall der Lufthansa der eine Mann, der sich von diesem Werbebrief nicht gebauchpinselt fühlt, sondern sich ärgert und diesem Ärger unkompliziert Luft machen kann. Öffentlich. Und der dann dafür Resonanz bekommt – von Leuten, die überhaupt nicht zur eigentlich vorgesehenen Zielgruppe gehören.

Ich glaube, hier werden alte Machtverhältnisse gerade ein wenig durcheinandergeschüttelt. Noch bis vor wenigen Jahren konnten sich die Werbeleute darauf verlassen, dass sie ruhig #sexistische Kackscheiße (so das inzwischen etablierte Label für sowas) produzieren können, ohne dass das zu größerem Aufheben führt. Die ganzen Briefe, die Frauenbeauftragte oder einzelne Frauen seit Jahr und Tag in entsprechenden Angelegenheiten verschickten, landeten eben auf irgendwelchen Ablagen.

Werber machen sexistische Mistwerbung ja nicht in erster Linie, weil sie ihnen so gut gefällt. Sondern weil sie funktioniert. Das ist blöd, aber leider der Fall. Es gibt Leute, die sowas erforschen, zum Beispiel dass Bilder von nackten, erotisierten, “hübschen” Frauen Männer (statistisch gesehen) zum Geld Ausgeben animieren.

Aber heute muss man eben damit rechnen, dass nicht nur diese Männer, sondern auch die übrige geschätzte Öffentlichkeit von solcher Werbung etwas mitbekommt. Und nicht nur das – sondern die machen auch noch ordentlich Wirbel, diskutieren darüber, überzeugen andere, argumentieren. Damit ist ein Faktor dazu gekommen, der den Mehrwert, den sexistische Werbung auf der Einnahmenseite möglicherweise bringt, durch negatives Image auf der anderen Seite wieder zunichte macht.

Was dann zu dem einzigen Umstand führt, der den Verantwortlichen auf diesem Gebiet einsichtig ist und sie dazu bringen könnte, ihre Strategien zu ändern: Sexistische Werbung rechnet sich nicht mehr!

Noch nicht alle haben das freilich kapiert, zum Beispiel der “Markenexperte” Thomas Otte, der in einem Interview sagt: “Die Werbekampagne der Lufthansa ist vorsichtig originell und besitzt keinerlei Polarisierungspotenzial. Diese Entrüstung ist ein interessantes Beispiel für künstlich entfachte Empörungskultur.”

So kann man die Augen vor der Realität verschließen. Denn eben diese Realität hat ja nun ganz unbestreitbar gezeigt, dass die Kampagne sehr wohl “Polarisierungspotential” hatte. Nur dass sich dieses Potenzial heutzutage aber nicht mehr an das Urteil der so genannten Experten hält – sondern ganz allein von der Blog-, Tweet- und Retweetlust einer ausreichenden Anzahl von Personen abhängig ist.

Der Fachmann Otte irrt außerdem, wenn er glaubt:

Durch diese lächerliche Aufregung suchen gewisse Leute gezielt die Öffentlichkeit, um aus einem linden Lüftchen einen Orkan zu erzeugen. Diese übertriebene, politische Korrektheit vonseiten frustrierter Empörungskünstler erstickt jedwede Kreativität, Originalität sowie Individualität in unserer Gesellschaft. Das führt dazu, dass nur mehr der Mainstream akzeptiert wird.

Nichts könnte falscher sein!

Denn der Mainstream ist – und das macht diese Dynamik ja so interessant – keineswegs auf Seiten der zwei bis drei Handvoll antisexistischen Blogger_innen und Twitter_innen, sondern eher auf Seiten von Lufthansa, der Agentur und Herrn Otte. Der Mainstream findet den Brief harmlos. Denn der Mainstream hat sich mit dem Thema Sexismus, Geschlechterklischees, Rollenmuster und so weiter noch nicht großartig auseinander gesetzt. Und deshalb macht sich der Mainstream über klischeehafte Männlein-Weiblein-Werbung auch keine weiteren Gedanken. Das haben wir ja schließlich immer so gemacht!

Das Interessante an dem Fall ist, dass der Mainstream hier gerade nicht mehr den Ton angibt sondern diejenigen, die sich mit solchen Themen auskennen, weil sie – wie zum Beispiel Anatol Stefanowitsch und Anke Domscheit-Berg – sich schon lange damit beschäftigt haben und daher auf entsprechende Reichweiten kommen. Weil sie sich unter einschlägig Interessierten ein entsprechendes Ansehen erworben haben, was dazu führt, dass ihre Anstöße Aufmerksamkeit finden, weil dadurch andere, die ebenfalls Expertise auf diesem Gebiet haben, angeregt werden, ebenfalls darüber zu schreiben und das weiter zu verbreiten.

In anderen Worten: Es ist gerade nicht der uninformierte Internet-Mob, der sich hier Gehör verschafft, sondern eine informierte Gegenöffentlichkeit, der bislang aber vom “Mainstream” kein Gehör geschenkt wurde.

Das ist es, was den Fall für mich so interessant macht. Dass wir es offenbar zunehmend hinkriegen, die Werber und “Markenexperten” unsanft aus ihrer sexistischen Alltagsroutine aufzuschrecken.

Wer weiß, am Ende werden sie jetzt tatsächlich noch kreativ?

Drei verbreitete Irrtümer zum Feminismus

Illustration: Uschi Madeisky

Anlässlich der erneut aufgepoppten Gender-Debatten in der Piratenpartei fällt mir auf, dass immer wieder (und nicht nur bei den Piraten) drei Argumente vorgebracht werden, die aus meiner Sicht ein grobes Missverständnis im Hinblick auf den Feminismus zeigen. Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März will ich die Gelegenheit mal nutzen, sie hier aufzuschreiben.

Irrtum 1: Feminismus muss es nur geben, wenn Frauen diskriminiert werden

Mal ganz abgesehen, ob die Beteuerungen, dass bei „bei uns“ Frauen doch total gleich behandelt werden, im konkreten Einzelfall stimmen oder nicht: Der Kampf gegen Diskriminierung ist nicht der Hauptgrund für den Feminismus. Feminismus ist eine politische Praxis, die die Freiheit von Frauen befördern will. Das heißt, es geht darum, wie Frauen mit ihren eigenen, individuellen Wünschen und Ideen die Welt gestalten können. Natürlich richtet sich das in patriarchalen Gesellschaften, die Frauen aufgrund ihres Geschlechtes zu allem möglichen zwingen oder von allem möglichen ausschließen, zunächst einmal darauf, diese Zwänge abzuschaffen. Aber wenn das geschafft ist, wird der Feminismus keineswegs überflüssig. Ich meine sogar, er wird umso wichtiger. Denn gerade wenn Frauen alles mögliche werden und tun können, kommt es ja umso mehr darauf an, nach welchen Maßstäben sie das tun – nach ihren eigenen oder denen, die andere ihnen vorgeben. Auch in emanzipierten Gesellschaften gibt es Konformismus und Erwartungsdruck. Die Abwesenheit von Zwängen bedeutet nicht automatisch Freiheit (auch für Männer übrigens nicht).

Irrtum 2: Feministinnen müssen für alle Frauen sprechen

Ein ebenso oft gehörter Einwand gegen feministische Initiativen lautet: Was du sagst, ist falsch, denn es gibt viele Frauen, die deine Meinung gar nicht teilen. Aber seit wann sprechen Feministinnen für „alle Frauen“? Das haben sie nie getan. Als Feministinnen für das Frauenwahlrecht kämpften, war die Mehrheit der Frauen der Ansicht, dass das nicht gebraucht wird. Ganz abgesehen davon, dass es „die Frauen“ als homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen sowieso nicht gibt. „Die Frauen“ gibt es nur, wenn man sie mit „den Männern“ vergleicht. Und genau diesen Maßstab setzt der Feminismus ja außer Kraft. Frauen sind Individuen, sie haben ihre subjektiven Meinungen und Ansichten. Die innovative Kraft des Feminismus liegt und lag schon immer in den Differenzen unter Frauen, darin, dass aus den Diskussionen, die Frauen untereinander führen, Ideen und Impulse entstehen, die nicht nur für sie selbst, sondern für die Gesellschaft insgesamt wichtig sind.

Irrtum 3: Feministinnen müssen Männer zu ihren Gruppen zulassen

Empfindlichkeiten gegen Feministinnen werden immer dann besonders groß, wenn Männer irgendwo nicht dabei sein dürfen. Heute wird ihnen dafür sogar Sexismus vorgeworfen. Aber der Vergleich hinkt: Frauen wurden früher nicht aus irgendwelchen privaten Männergruppen ausgeschlossen, sondern aus Institutionen, die die Belange der Allgemeinheit regelten – Parlamente, Universitäten, Verbände. Das ist Sexismus: Menschen aufgrund ihres Geschlechtes von den Orten auszuschließen, wo über Dinge entschieden wird, die sie selber unmittelbar betreffen. Wenn Frauen sich hingegen in Diskussionsgruppen, Mailinglisten oder sonstwo ohne Männer zusammen finden möchten, um untereinander Dinge zu diskutieren, ist das etwas völlig anderes. Sie nehmen für sich ja nicht in Anspruch, auch über Männer zu entscheiden. Frauen, die auf solche Gruppen keine Lust haben, müssen dabei natürlich nicht mitmachen (siehe Irrtum 2). Und selbstverständlich steht es Männern jederzeit frei, für sich auch solche Räume zu schaffen, wenn sie das wollen. Klar ist es notwendig, dass die in Frauengruppen gewonnenen Erkenntnisse und Ideen auch mit Männern diskutiert werden, aber das ist ja ohnehin eine Selbstverständlichkeit. Ich persönlich bin sowieso der Meinung, dass Männer zu Frauenveranstaltungen öfter zugelassen werden sollten. Dieser Dialog gelingt – nach meiner Erfahrung – immer dann besonders gut, wenn sich die Männer auch wirklich für das, was Frauen an möglicherweise anderem zu sagen haben, interessieren. Und nicht gleich wieder versuchen, es ihren eigenen Maßstäben oder Kriterien unterzuordnen.



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