Bei mir im Blog wird nichts gestrichen…

… sondern radikal gelöscht und verändert. Ich mache diese Mode, alte Versionen durchzustreichen und die neue dann daneben zu schreiben, nicht mit. Genau das war es nämlich, was mir damals, gleich zu Beginn, am Internet so besonders gut gefiel: dass man dort alles, was man ändern will, auch sofort ändern kann. Und diese Freude lass ich mir von der inzwischen dort grassierenden Streicheritis nicht vermiesen.

Es war zu Printzeiten ja praktisch sinnlos, die eigene Meinung zu ändern oder Fehler zu entdecken. Noch heute geistern Druckerzeugnisse mit meinem Namen unter Ansichten in der Welt herum, die ich gar nicht mehr habe. Weil ich älter wurde und dazu gelernt habe. Ich hoffe jedenfalls, dass es daran liegt. Wie schön, als das Internet kam. Seither kann ich nicht nur schreiben was ich will und ohne vorher einen Verleger oder Redakteur dazu zu bringen, mich zu drucken. Ich muss nun auch nicht ewig mit meinen Fehlern oder Irrtümern leben. Ich kann neue Fakten, die mir bekannt werden, nachträglich in die Texte einarbeiten. Ich kann sogar ganze Texte wieder löschen. Ich kann mich von den Reaktionen anderer auf meine Texte inspirieren lassen und sie entsprechend verändern. Texte sind nicht mehr für die Ewigkeit, sondern lebendig, formbar, entwicklungsfreudig und ausbaufähig geworden. Ist das nicht wunderbar?

Umso ärgerlicher diese Mode mit dem durchgestrichenen Text in Blogs. Das sieht nicht nur fast wieder so hässlich aus, wie diese mit Tintenkiller verschmierten Schulhefte von früher. Es zeugt auch von einem veralteten Denken. Dem nämlich, dass man Urheberinnen von Ideen auf jeden Fall dafür dingfest machen können muss. Dass es im politischen Diskurs darum geht, dass irgendwelche „Autoren“ ihre „Positionen“ gegeneinander abchecken – anstatt darum, gemeinsam etwas Neues herauszufinden in einem unendlichen und nie abgeschlossenen Prozess.

Natürlich sehe ich das praktische Problem darin, wenn Texte solchermaßen ein Leben und eine Geschichte entwickeln und nicht mehr fix und fertige Produkte sind. Man will solche Situationen vermeiden wie die, dass ich in meinem Blog etwas aus einem anderen Blog zitiere und verlinke, und wenn die Leute dann draufklicken, dann steht da gar nicht mehr das, was ich behauptet habe, das dort stünde. Aber ist das schlimm? Oder sollte man nicht erwarten, dass Leute, die sich ein klein wenig im Internet auskennen, bestimmt darauf kommen werden, dass die verlinkte Seite wahrscheinlich in der Zwischenzeit verändert wurde?

Ohnehin wird für meinen Geschmack in den Blogs zu viel zitiert. Wenn der Sinn eines Blogeintrags davon abhängt, dass die Links noch funktionieren, dann ist er sowieso meistens überflüssig. Wenn man unbedingt andere wörtlich zitieren muss, um das Eigene sagen zu können, dann sollte es doch kein Problem sein, den Link mit einer Datumsangabe zu versehen.

Versteht mich nicht falsch. Ich will meine alten Fehler keineswegs leugnen oder vertuschen. Ich bin vollkommen dafür, dass es zum Beispiel eine chronologische Dokumentation des Internets gibt, also dass man irgendwann mal per Datum alle früheren Versionen einer Seite auffindbar macht. Das wäre wirklich klasse und aus der Sicht von Historikerinnen und Historikern sehr wünschenswert. Auf meiner Homepage stehen auch viele alte Texte von mir, die ich heute so nicht mehr schreiben würde. Mag sein, dass sie ja trotzdem jemanden heute noch inspirieren können.

Aber dieses Herumgestreiche gefällt mir nun mal nicht. Erstens sieht es nicht schön aus. Und zweitens folgt es noch einer alten Auffassung von Urhebertum – also der Vorstellung, dass Ideen und Aussagen direkt mit einer Peron namens „Urheber“ verbunden ist, die dann für das Gesagte wahlweise bezahlt werden oder haftbar gemacht werden muss. Eine neue und sinnvolle Version des Urheberrechts werden wir nur finden, wenn wir nicht nur hier und da ein paar Schräubchen drehen, sondern das ganze Konzept „Urheberschaft“ hinterfragen und neu interpretieren.

Ein Gedanke zu „Bei mir im Blog wird nichts gestrichen…

  1. In meinem Blog wird auch nicht gestrichen – bisher jedenfalls nicht ;). Mir ist in der letzten Zeit immer mal wieder eine Streichung aufgefallen – da hatte ich allerdings eher den Eindruck von bewusst stehengelassener Streichung, weil die nun folgenden Wörter „neutralisiert“ waren (oder wirkten).
    Was ich allerdings tue – wenn ich einen Blogbeitrag nachträglich um Informationen ergänze, dann setze ich meist ein [Edit] bzw. [/Edit] dazu – meist sogar noch das entsprechende Datum. Aber vieleicht bin ich auch einfach nicht oft genug in der Blogszene unterwegs bisher ;).

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