Was ich gerne sein möchte…

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wann ich Cassia Eller zum ersten Mal gesehen habe. Es war im Februar 1995, ein Konzert von ihr lief in dem Fernseher, der in der Bar am Campingplatz von Salvador de Bahia stand. Der brasilianische Freund, mit dem ich damals unterwegs war, kommentierte das in der Art wie: „Das gefällt dir bestimmt, die ist eine Lesbe“, was zwar erstmal abschätzig klingt, in Wirklichkeit schien er aber eher stolz zu sein, dass es „so was“ auch in seinem Land gibt.

In den Jahren danach hörte ich ihre Platten rauf und runter, und ein paar Jahre später, Anfang 2000, sah ich sie dann endlich bei einem Konzert auch live. Mir war nicht klar, dass das mehr oder weniger die letzte Gelegenheit war: Im Dezember 2001 starb Cassia Eller im Alter von nur 39 Jahren an einer Herzkrankheit. Sie hatte einen Sohn, und ihre langjährige Lebensgefährtin musste ein Jahr lang darum kämpfen, das Sorgerecht zu bekommen.

In Deutschland ist Cassia Eller kaum bekannt, aber ihre CDs kann man über Amazon kaufen. Ein paar (nicht sehr gute) Videos gibt es auch auf Youtube. Allerdings nicht mein Lieblingslied, das mir beim Hören immer Gänsehaut macht, und dessen Text ich, wenn man mich fragen würde, kurzerhand zu einer Hymne des Feminismus erklären würde. Ich hab es deshalb mal übersetzt:

Ich könnte ein Priester oder ein Zahnarzt sein,
ein Architekt, ein Abgeordneter oder ein Journalist,
Ich könnte Schauspieler sein und es mir gut gehen lassen,
ein Poet, der Verse schreibt wie kein anderer,
Ich könnte ein Orchesterchef sein,
ein Model, ein Held der Werbebranche,
Ich könnte Arbeitssklave sein,
ein Bänker oder ein angesagter Designer…

Und es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht ziehen würde,
aber was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller.

Ich könnte ein Zauberer und Illusionist sein,
Ein Dompteur, ein Gigolo, ein Psychoanalytiker,
Ich könnte ein Golfchampion sein,
oder ein Champion im Freistil, im Schach oder was auch immer,
Ich könnte ein Bestsellerautor sein,
von dem man sehr schlecht redet (und dem das überhaupt nichts ausmacht),
Ich könnte ein hoher Funktionär sein,
ein Verkäufer oder ein blutrünstiger Bandit…

Und es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht ziehen würde,
aber was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller.

Ich könnte ein Atomphysiker sein,
ein Astronaut, ein Meeresforscher,
Ich könnte ein König des Fußballs sein,
ein Vagabund, oder ein Eliteprofessor,
Ich könnte ein großer Filmemacher sein,
ein Detektiv, und Geheimnisse in meiner Aktentasche haben,
Ich könnte ein Mönch in Nepal sein,
ein Gärtner, ein Seemann und so weiter und so fort…

Und es gibt keine Möglichkeit, die ich nicht in Betracht ziehen würde,
aber was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller.

Der brasilianische Text steht hier, das Lied könnt Ihr hier hören. Als Einstiegs-Album empfehle ich das hier, und das Lied „Eu queria ser Cassia Eller“ („Ich möchte Cassia Eller sein“) befindet sich auf diesem Album.


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14 Gedanken zu „Was ich gerne sein möchte…

  1. Pingback: Was man sein möchte. Cassia Eller. « fragen fragen

  2. Du sagst damit, dass du nichts lieber wärst als Antje Schrupp. Und bist Philosophin genug, um zu wissen, dass dieses Begehren geschlechtsneutral ist. Wieso sollte es auch weiblich oder männlich unterschieden sein, „ich selbst“ sein zu wollen? Warum „Hymne des Feminismus“? Ist es nicht eigentlich die Hymne des Individualismus?

  3. *leise* zumal es auch für Männer noch häufig und sehr intensiv leider gilt, eine Rolle „zu sein“ und nicht erst einmal „sich selbst“.

    Und jetzt such ich mal mir was zum hören von Frau Eller.

  4. @Leipziger – brasilianisches Portugiesisch ist ein bisschen anders als portugiesisches Portugiesisch. Daher.

    @Chräcker – Ja, deshalb ist ja Feminismus auch was für Männer :))

    @Claudia Kinger – Nein, mein Begehren ist nicht geschlechtsneutral, denn ich bin eine Frau. Deshalb ist es ein weibliches Begehren. Wanda Tommasi hat das in einem der Diotima-Bücher unter dem Titel „Die Versuchung des Neutrums“ schön beschrieben. Ich bin kein Neutrum, ich bin weiblich. Das ist für mich alledings überhaupt kein Widerspruch zu meiner Individualität, da Frausein für mich gleichbedeutend mit frei sein ist, also nicht mit inhaltlichen Definitionen oder Zwängen verbunden. Dennoch steht mein Begehren aber im Widerspruch zu einem bestimmten Verständnis von Individualität (Autonomie, Beziehungslosigkeit), das die männliche Philosophie hervorgebracht hat. Daher kann ich den Ausdruck „Individualismus“ nicht mehr so gut brauchen – er weckt zu viele falsche Assoziationen. Männer sind aber natürlich (siehe oben) gerne eingeladen, sich bei ihrem Nachdenken über Freiheit, Zwänge und Individualismus inspirieren zu lassen.

    Um nochmal Muraro zu zitieren: „Das Werden des weiblichen Subjekts umfasst das Menschsein, die Geschlechtsidentität und die persönliche Einzigartigkeit – alle drei Dinge zusammen….“ Was mir an dem Cassia Eller-Text so gut gefällt, ist dass sie in der Aufzählung ein ganzes Panorama von „männlich konnotierten“ Berufen (abgesehen vom Model) aufzählt, von denen viele mit Sehnsuchtsfantasien aufgeladen sind, aber in dieser Aufzählung wird ihre ganze Ambivalenz, ihre Lächerlichkeit, ihre Einseitigkeit usw. deutlich, ohne dass sie das explizit aussprechen muss und ohne dass es so eindimensional und eindeutig wird.

  5. Danke für die Antwort!

    „Das Werden des weiblichen Subjekts umfasst das Menschsein, die Geschlechtsidentität und die persönliche Einzigartigkeit – alle drei Dinge zusammen….”

    Gilt das nicht ebenso fürs männliche Subjekt?

    Mir fällt es einfach schwer, ein Begehren, das allen Geschlechtern eigen ist, als feministisch anzusehen. Aber vielleicht lern ichs hier ja noch im Lauf der Zeit.. 🙂

  6. @ Claudia: Nach Luhmann ist das Subjekt die Unterscheidung zwischen sich und allem Anderen. Also ist die Unterscheidung des Geschlechts nichtig! Das Subjekt ist demzufolge wirklich das Individuelle/das Persönliche – welches nicht auf Geschlechterrollen achten sollte!

  7. @Simon – Luhmann hat nicht Recht, imho!
    @Claudia – ja klar gilt das auch für’s männliche Subjekt. Feminismus bedeutet doch nicht eine spezielle Theorie, die nur für Frauen gilt, sondern eine allgemeine Theorie, die aber (überwiegend) von Frauen erdacht wurde. Erstens weil eine gewisse Distanz zur männlichen Norm hilfreich ist, um sie nicht für ein Naturgesetz zu halten, zweitens weil Frauen und ihr Begehren und ihre Ideen in der bisherigen Tradition für unwichtig angesehen wurden.Feminismus heißt letztlich nicht mehr als: Das, was Frauen denken und tun wichtig nehmen und ihm Bedeutung zusprechen.

  8. Ich bin auf Cassia Eller gestoßen, als ich mich für Edson Cordeiro interessierte:

    Edson Cordeiro habe mal vor Jahren in einem wunderschönen Konzert in der Alten Oper erlebt. Seine Stimme ist absolut umwerfend…

  9. Wobei, Antje, Deine geschlechterübergreifende Wortdefinition von Feminismus nicht bis über die Grenzen der jeweiligen Denkturm-Türschwellen zum einfachen Volk nach draussen gedrungen ist, und in eh etwas unelastische Männerhirne eh nicht. „Anjesprochen“ fühl ich mich damit in der Tat auch in der Regel nicht. (Jaja, was auch an andere pawlische Reflexreaktionen liegen könnte, geschenkt geschenkt… ;-))

  10. „Männer sind aber natürlich (siehe oben) gerne eingeladen …“

    Sind wir das – im feministischen Bereich – wirklich, und wenn ja, in welcher Form ?

    Ich habe da – nicht erst seit meinem Wiesbadener Frauenbuchladen-Erlebnis (nochmals Ihnen vielen Dank für Ihre Antwort, Frau Schrupp) – meine Zweifel.

    Zum einen verfügen Feministinnen nach meiner bisherigen Erfahrung anscheinend über ein sehr genaues, allumfassendes Männerbild („männliche Norm“. s.o). Das habe ich mit Frauen, die sich nicht ausdrücklich als „Feministinnen“ bezeichnen, eigentlich nie erlebt. Und das kränkt mich umso mehr, als ich seit Geburt Asthmatiker bin, und als Schwerbehinderter gerade in der Pubertät vor mehr als dreißig Jahren nicht in die Verlegenheit kam, mir allzu stereotypische Männerbilder anzueignen.

    Zum anderen beinhaltet eine Einladung eine Zuweisung als Gast, die/der sich nach den Regeln des Gastgebers zu verhalten hat. Das wäre hier eine nicht nur parteiische, sondern tendenziöse Sichtweise, von der ich mich frage, ob sie hier vertretenen – zumindest geäußerten – Sichtweisen widerspricht. Denn „den Männern“ wird vorgeworfen, das/die Andere/n nicht gedacht zu haben, aber die eigentlich wundervollen Texte und Erläuterungen von Frau Schrupp zu „affidamento“ usw. werden – anscheinend schon von den Autorinnen – nur auf Frauen bezogen (obwohl es mir so scheint, als ob es passen würde, wenn man statt „weiblich“ „menschlich“ setzen würde, insofern habe ich für Claudias Äußerungen große Sympathie), die Rolle von (nichtpatriarchalen) Männern aber ausgeblendet oder bewußt negiert.

    Hier ging es eigentlich um ein Musikstück. Aber Ihre Einladung, sehr geehrte Frau Schrupp, hat mich ein bißchen provoziert. Ihre Einladung lehne ich daher dankend – und was feministische Inhalte angeht, wohl auch noch die nächsten drei Jahrzehnte – ab, werde mich statt dessen an die vielleicht differenzierende Lektüre von Frau Muraro machen, die heute hier ‚reinkam (viel Geld für wenig „Gott der Frauen“; lesen das so wenige ?) :-).

  11. @Frank – Nun, „die Feministinnen“ und „den Feminismus“ gibt es halt nicht. Pauschale Urteile in dieser Hinsicht sind sinnlos. Man muss immer die jeweilige Situation sehen. Und zuweilen ist das für Männer eben ein „Gaststatus“. Was findest du daran so problematisch? Wenn ich Leute zu mir einlade, heißt das, ich bin offen für ihre Anliegen und an ihnen interessiert, aber, ja, sie sind dann nicht die „Hausherren“ bei mir und ich bestimme die Regeln. Für Frauenzentren und Frauenbuchläden finde ich das eine gute Lösung. Natürlich ist es keine Möglichkeit für prinzipiell „gemischte“ Orte. Das muss man halt immer differenzieren. Und wenn eine Gruppe von Frauen ein Buch schreibt mit dem Vorhaben, die Beziehungen unter Frauen zu analysieren und zu verstehen (oder sonst irgend ein Thema zu bearbeiten), warum muss man dann von ihnen verlangen, dass sie im gleichen Atemzug auch die Beziehungen zu/unter Männern analysieren? Es muss doch nicht immer alles gleichzeitig an einem Ort verhandelt werden. Also: Ich kann doch an einem Abend in meiner Frauengruppe über ausschließlich Frauenbeziehungen diskutieren und am nächsten Morgen beim Frühstück mit nichtpatriarchalen Männern disktutieren. Was ist daran so schlimm?

  12. was ich wirklich gerne sein möchte, das ist Cassia Eller…
    Was ist damit gemeint? Damit kann unendlich viel gemeint sein, denke ich.
    Ich würde für mich mal interpretieren: Ich würde mich gerne ganz verstehen und wissen dürfen, wer ich bin. Was will ich, was macht mich aus, was bin ich in der Tiefe?
    So sehr ich Lyrik schätze, sie ist manchmal verdammt „ungenau“, gerade wenn man einen einzelnen Begriff hinwirft und ihn nicht weiter ausführt.
    Im Übrigen schätze ich Deinen Hinweis auf „gute“ Musik, Antje – da heutzutage unendlich viel Musik gemacht und verbreitet wird, ist es immer interessant, Rosinen vermittelt zu bekommen – und von da aus vielleicht weiter zu forschen.
    Ich werde mich also mit Cassias Musik beschäftigen.

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