Warum ich das Wort „Schmarotzer“ liebe

Foto: Apolemus/Flickr.com - Lizenz CC BY-NC-SA

Schmarotzer sind ganz normal, so wie dieses Prachtexemplar. Auch zur menschlichen Natur gehört das Schmarotzertum unweigerlich dazu. Man sollte nur wissen, wie es geht. Foto: Apolemus/Flickr.com – Lizenz CC BY-NC-SA

Nach meinem gestrigen Post gab es wieder viele Reaktionen auf meine unbekümmerte Verwendung des Wortes Schmarotzer. Das war ja ein Selbstzitat: Schon vor einiger Zeit habe ich das Wort „Internetschmarotzer_innen“ erfunden, für diejenigen Leute, die nur Sachen aus dem Internet herausholen und nichts reinschreiben. Schon damals war in den Kommentaren heftig darüber diskutiert worden, ob man das Wort verwenden darf. Ich meine (obviously): Ja.

Ob Worte funktionieren und so verstanden werden, wie ich sie gemeint habe, liegt natürlich nicht in meiner Hand. Das ist eine Sache des Experimentierens. Im Fall des „Internetschmarotzertums“ hat es allerdings funktioniert. Ich werde bis heute immer wieder auf dieses Wort angesprochen, vor allem wenn ich außerhalb des Internets Menschen – meistens Frauen – begegne, die das Wort auf sich selbst beziehen und es offenbar genauso verstanden haben, wie ich es gemeint habe. Sie sagen zum Beispiel Sachen wie „Ich bin ja auch so eine Internetschmarotzerin, über die du neulich geschrieben hast“, und sie sind mir deshalb gar nicht böse. Offenbar haben sie es – meiner Intention entsprechend – nicht als moralischen Vorwurf empfunden, sondern als einen Hinweis, der sie zum Nachdenken angeregt hat. Tatsächlich haben sich im Anschluss an meinen damaligen Post viele interessante und weiterführende Debatten und Gespräche ergeben.

Ich glaube, das liegt daran, dass Schmarotzen einfach ein schönes Wort ist, das sowohl ästhetisch wie auch inhaltlich noch nicht auf den Friedhof der ausgestorbenen Wörter gehört. Man kann damit etwas nach wie vor Wichtiges benennen.

Der Hauptgrund, warum ich dieses Wort verwendet habe, ist, dass es mir gefällt. Ich spreche (und blogge) immer möglichst spontan, also ohne Wörter auf die Goldwaage zu legen, weil ich glaube, dass es etwas bedeutet, wenn Wörter mich anziehen (oder abstoßen). Und „Schmarotzer“ ist so ein Wort, das mich anzieht. Vor Jahren habe ich mir über diesen Unterschied zwischen „schönen Wörtern“ und „Scheißwörtern“ schon mal Gedanken gemacht, damals war mein Ausgangswort „Balustrade“, das ich auch sehr schön finde, aber es ist natürlich auch weitaus weniger kontrovers.

Es ist mit Wörtern immer so eine Sache, verschiedene Menschen verstehen sie unterschiedlich, und Schmarotzertum ist sicher ein sehr belastetes Wort, weil es so oft moralisch und abwertend gebraucht wurde und wird – nach dem Motto: Du lebst auf Kosten anderer, schäm dich, arbeite mal was! Das zieht dann gewöhnlich die Gegenreaktion nach sich: Stimmt gar nicht! Ich bin kein Schmarotzer, ich habe mir das verdient, das ist mein gutes Recht und so weiter. Aus dieser Diskursfigur entstammt wohl die große Ablehnung dem Begriff gegenüber.

Wer hier schon ein bisschen länger liest, weiß, dass ich das anders sehe. Erstens finde ich moralische Argumentationen ohnehin sinnlos und zweitens und vor allem finde ich Schmarotzertum ganz normal. Wir alle leben schließlich auf Kosten anderer, das gehört sozusagen zur contitio humana untrennbar dazu. Eine Freundin schrieb auf Facebook unter meinen Post von gestern, sie müsse aber eine Internetlektüreschmarotzerin sein, weil sie sonst keine Zeit zum Übersetzen wichtiger Texte hätte. Das finde ich völlig okay. Wichtig ist nicht, dass sie nicht schmarotzt, wichtig ist, dass sie weiß, dass sie es tut, und verantwortlich damit umgeht.

Zum gekonnten Schmarotzen gehört dazu, dass man sich dessen bewusst ist – dass man nämlich an einem bestimmten Punkt auf Kosten anderer lebt – und das nicht verschleiert, sondern sich zum Beispiel dafür dankbar zeigt. Ich hatte mal einen Freund, der wenig Geld hatte, und für den ich ganz häufig mitbezahlte. Seine Geldnot war größtenteils selbst gewählt, er strengte sich nämlich mit dem Geldverdienen nicht sonderlich an. Ich hatte überhaupt nichts dagegen, oft für ihn zu bezahlen, ich wusste, worauf ich mich einließ und hatte mich ja dafür entschieden. Nicht zufrieden war ich hingegen damit, dass er sich weigerte, diesen finanziellen Aspekt unserer Beziehung realistisch anzuerkennen. Es war für ihn wie ein Tabu. Immer wenn ich es aussprach, dass ich fast alles bezahlte und er nichts, machte er mir eine regelrechte Szene und stellte es so dar, als würde ich mir das nur einbilden. Deshalb verlor ich irgendwann die Lust daran und beendete die Beziehung.

Schmarotzertum ist okay, aber nur, solange man verantwortlich und realistisch damit umgeht und es nicht unter den Teppich kehrt und die Illusion erweckt, man würde gar nicht schmarotzen. Das heißt, wenn ich sage: „Das ist Internetlektüreschmarotzertum“, dann meine ich das nicht moralisch in dem Sinn von „das dürft ihr nicht machen“, sondern realistisch in dem Sinn von „das ist es, was ihr macht, beachtet bitte die Konsequenzen und übernehmt dafür Verantwortung“.

Internetlektüreschmarotzer!

Im Zusammenhang mit dem Ende des Google Readers wurde häufig die Frage gestellt, wofür man Reader denn überhaupt noch braucht, wo wir doch inzwischen unsere Tageslektüre über die Timelines der sozialen Netzwerke bekommen. Viele haben gesagt, sie hätten zwar einen Reader, würden aber nur selten darin lesen, weil sie ihre Lesekapazität schon mit Facebook- oder Twitter-Links aufgebraucht haben.

Das finde ich krass, denn es stellt sich ja sofort die Frage, wie denn dann Sachen in die sozialen Medien reinkommen, wenn wir alle nur noch von dort unsere Quellen holen und lediglich weiter teilen, was schon drin ist. Irgendjemand muss doch erst einmal interessante Texte von draußen da rein bringen (Ja, und auch Menschen, die nicht auf Facebook sind, können interessante Blogposts schreiben!). Von daher bin ich fast geneigt, Leute, die ihre Internetlektüre ausschließlich aus sozialen Medien beziehen, als „Internetlektüreschmarotzer“ zu bezeichnen, analog zu meinen „Internetschmarotzern“ von damals.

Ich würde mich niemals auf die in Twitter und Facebook weitergereichten Empfehlungen beschränken wollen, denn da ist der Hypisierungsgrad viel zu groß. Das Wichtigste daran, wenn man bei der Lektüre von Zeitung auf Internet umsteigt (und damit meine ich nicht von Papier auf Screen, sondern von einem von einer Redaktion zusammengestellten Bündel von Texten und Bildern zu allen möglichen Themen hin zu einer selbst ausgefilterten Auswahl), dann ist es doch gerade wichtig, dafür zu sorgen, dass man der eigenen Filterbubble, auch wenn sie etwas Tolles ist, regelmäßig Frischluftzufuhr von außen verschafft.

Und dafür braucht es unbedingt beides: Reader und Empfehlungen in sozialen Netzwerken. Im Reader kommen mir die leisen Texte der Blogs, die ich abonniert habe, auf den Schirm, die hintergründigen, wenig Hype geeigneten, die aber trotzdem oft sehr interessant sind, jedenfalls für mich, wenn auch nicht für viele andere (wie ich dann an den geringen Retweetraten sehe, wenn ich sie bei Twitter oder Facebook empfehle). Über die sozialen Netzwerke hingegen bekomme ich mit, wenn irgendwo etwas außerhalb der von mir abonnierten Adressen hyped. Das erweitert meinen Horizont natürlich ebenfalls und bringt mich manchmal auch zu neuen Blogabos.

Beides sind zwei völlig unterschiedliche Weisen, neuen Input zu bekommen, ich würde fast sogar sagen, es sind zwei konträre Weisen. Deshalb sind sie beide unverzichtbar und man kann niemals die eine durch die andere ersetzen. Finde ich.

 

 

Grundeinkommen und Sorgearbeit, Update.

Wer nach meinem neulichen Rant zum Thema „untaugliche Argumente für ein Grundeinkommen“ noch bezweifelt hat, dass Teile der Grundeinkommensbewegung tatsächlich meinen, die Sorgearbeit würde dann ja umso besser in Zukunft von den Frauen gemacht werden können, und die dürften sich dann sogar darüber freuen, weil sie ja das Grundeinkommen hätten, braucht nur mal diese Sendung des Bayrischen Rundfunks anschauen. Darin wird Götz Werner mit der Ansicht zitiert, das Grundeinkommen sei eine Bezahlung für Frauen, die Sorgearbeit leisten (letzter Satz vor dem letzten Zitat).

Danke, dass ich das  nun schriftlich habe – bisher hatte ich das ja von ihm nur mündlich gehört und es war immer mal wieder bezweifelt worden, dass er das tatsächlich so sieht. Um es nochmal klar zu machen: Der Punkt ist hier nicht bloß die stereotype Geschlechtsrollenverteilung. Auch wenn die Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern gleich verteilt wäre (was sie natürlich nicht ist), wäre das Argument grundfalsch. Denn es gäbe immer noch die Ungleichverteilung zwischen denen, die Sorgearbeit leisten, und denen, die es nicht tun. Wenn das Grundeinkommen leistungsunabhängig sein soll, kann es nicht die ökonomische Organisation von Sorgearbeit ersetzen.

In der deutschen Grundeinkommensbewegung, die Götz Werner wegen seines Unternehmertums und seinen pro-kapitalitischen Argumenten größtenteils sehr skeptisch gegenüber steht, gehörte ich bisher immer zu denen, die für eine Zusammenarbeit mit ihm und seinen Anhänger_innen plädiert hat. Weil das Grundeinkommen meiner Ansicht nach nur als breit angelegtes gesellschaftliches Konzept eine Chance hat, und weil ich es in der Tat großartig finde, wie sehr Götz Werner dazu beigetragen hat, das Thema in die Debatte zu bringen. Das finde ich auch weiterhin.

Ich kann damit leben, dass Götz Werner gleichzeitig eine ziemlich altväterlich-patriarchale Weltsicht hat. Vermutlich glaubt er tatsächlich, dass Sorgearbeit etwas ist, das von Frauen irgendwie von Natur aus gratis zur Verfügung gestellt wird, vermutlich hat er es es in seinem persönlichen Umfeld immer so erlebt. Meinetwegen. Das Problem ist nicht Götz Werner, sondern seine Entourage, diejenigen, die hinter und um ihn herum stehen und sich gegen jede Kritik von außen immunisieren. Die das Grundeinkommen zu einem propagandistischen Projekt verkommen lassen, bunte Werbefilmchen drehen und Flyer drucken und alle Kritik und alle Einwände an sich runterglitschen lassen. Und hier bin ich mir nicht mehr so sicher, ob gemeinsames Ziehen an einem Strang für mich in Zukunft noch möglich ist.

Zum Beispiel hat es das Schweizer Initiativkomitee (in dem der Götz Wernerismus prominent vertreten ist) jetzt explizit abgelehnt, sich hinter eine Erklärung zu stellen, die das Zusammengehören der Themen Grundeinkommen und Sorgearbeit betont, und in der es unter anderem heißt:

Uns liegt daran, die ungelöste Frage der heute unter- oder unbezahlten, unverzichtbaren Sorgearbeit in den Debatten um das Grundeinkommen stets zum Thema zu machen. Richtig verstanden würde das Grundeinkommen eine neue Ausgangsbasis darstellen, von der aus neue, gerechte Gesellschafts- und Geschlechterverträge ausgehandelt werden können. Wird der Aspekt der fast ausschliesslich von Frauen geleisteten Sorgearbeit jedoch ausgeblendet, kann aus dem Grundeinkommen schnell ein unsoziales, neoliberales Projekt werden, das HausarbeiterInnen, Pflegekräfte und andere im Care-Sektor Beschäftigte mit einem Grundeinkommen „abspeist“. Das Grundeinkommen darf nicht als „Hausfrauenlohn“ missverstanden werden. Es wird für alle bedingungslos ausbezahlt und ermöglicht es allen, von einer gesicherten Existenzbasis ausgehend über alle Formen von Arbeit und deren Verteilung neu zu verhandeln. Zukunftsfähig ist das Projekt des bedingungslosen Grundeinkommens nur auf der Basis einer Definition von „Arbeit“ und „Wirtschaft“, die alle gesellschaftlichen Leistungen zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse umfasst.

Ina Praetorius, die selbst Mitglied im Initiativkomitee ist, hatte die Erklärung geschrieben als Erwiderung auf eine Kontroverse über die einseitige Darstellung der Grundeinkommensdebatte im Schweizer Fernsehen (Hintergründe schildert sie hier). Die komplette Erklärung haben wir jetzt auf den Seiten unseres „ABC des guten Lebens“ eingestellt, zum Nachlesen, Weiterverbreiten, Kommentieren.

Bisher habe ich immer gedacht, das Problem sei Desinteresse oder Ignoranz. Ich dachte, es gebe eben in der Grundeinkommensbewegung viele Menschen, die sich für das Thema Sorgearbeit nicht interessieren oder sich bisher nicht mit feministischer Ökonomie beschäftigt haben, oder die anderes halt für wichtiger halten. Das wäre für mich kein Problem, und da würde ich meine Rolle eben darin sehen, diesen Aspekt, den ich wichtig finde, zu vertreten und in die Debatte einzubringen.

Aber jetzt bin ich nicht mehr so sicher, ob es darum noch geht. Eigentlich erlebe ich gemischte linke Gruppen oft so, dass sie feministischen Interventionen gegenüber durchaus aufgeschlossen sind, solange es ihnen keine Arbeit macht. Und mich macht stutzig, dass das hier so gar nicht der Fall ist.

Warum hat man in der Schweiz nicht die Gelegenheit genutzt, sich – wenn man so eine Erklärung schon auf dem Silbertablett serviert bekommt und nur noch unterschreiben muss – zumindest einen aufgeschlossenen Anstrich zu geben? Damit hätte man doch Kritikerinnen wie mir (und ich bin ja bei Weitem nicht die Einzige) elegant den Wind aus den Segeln nehmen können. Warum hat das Initiativkomitee nicht die Rüge gegen den Fernsehsender strategisch genutzt, um eine weitere Sendung, diesmal mit anderem Fokus zu fordern? Wäre das nicht ein kluger Schachzug gewesen – ganz unabhängig davon, ob man das mit der Sorgearbeit persönlich für unwichtig hält oder nicht?

Nein, offenbar halten diese Befürworter des Grundeinkommens das Thema Sorgearbeit nicht einfach nur für unwichtig, sondern wollen aktiv verhindern, dass die beiden Themen miteinander verknüpft werden. Sie wollen es so sehr verhindern, dass sie sogar auf die Chance verzichten, das Thema Grundeinkommen noch einmal prominent ins Fernsehen zu bringen oder mit einer solchen Erklärung noch einmal die öffentliche Debatte anzuregen.

Ehrlich gesagt ist die einzige Erklärung, die mir dafür einfällt, die, dass ihnen das Thema eben nicht egal ist oder unwichtig erscheint, sondern dass sie tatsächlich eine sehr konträre Position zu meiner haben, sich aber bloß nicht trauen, das öffentlich auszusprechen (außer, Götz Werner verplappert sich mal wieder). Ich glaube inzwischen, dass sie tatsächlich das Grundeinkommen auch als ein Projekt verstehen, in dem sich das ungelöste Problem der Sorgearbeit wundersamerweise in Luft auflöst, weil sich dann schon Leute finden werden, die das für ein Grundeinkommen machen werden.

Und das ist der Punkt, an dem ich definitiv draußen bin. Wenn dieses Denken in der Grundeinkommensbewegung vorherrschend wird, werde ich sie nicht mehr unterstützen, sondern dann werde ich sie aktiv bekämpfen. Denn so ein Grundeinkommen halte ich für gefährlich, für unverantwortlich, für grundfalsch.

Zum Glück sieht es in Deutschland ein bisschen anders aus. Hier ist die Grundeinkommensbewegung vielfältiger – hoffe ich jedenfalls. Vor dem Hintergrund meines neulichen Rants zum Beispiel twitterte Wolfgang Strengmann-Kuhn seine Slides zum Thema – er setzt sich bei den Grünen für ein BGE ein und hat das Thema Sorgearbeit zumindest auf dem Radar, auch wenn es mir noch etwas zu optimistisch klingt. Aber immerhin kehrt er das Ganze nicht unter den Tisch.

Ich selbst werde auch immer wieder explizit angefragt, diese Thematik in die Bewegung einzubringen. Zum Beispiel wird im September ein von Werner Rätz und Ronald Blaschke herausgegebener Sammelband erscheinen (im Rotpunkt-Verlag), der auch einen Aufsatz von mir zum Thema Notwendigkeit enthalten wird. Auch wenn ich im Moment etwas grummelig bin, weil der Text schon fertig ist, es jetzt aber noch so lange dauert, bis das Buch da ist, bin ich für das Buchprojekt ziemlich dankbar, denn ohne diese Einladung hätte ich mich wahrscheinlich noch lange nicht hingesetzt und das mal sortiert aufgeschrieben.

Ich argumentiere darin, dass die Aufmerksamkeit für das, was notwendig ist, und die Bereitschaft, das Notwendige dann auch konkret zu tun, eine kulturelle Fähigkeit ist, die nicht einfach gegeben ist, sondern gefördert und gepflegt werden muss. Das ist meiner Ansicht nach der „missing link“ in der derzeitigen Debatte. Götz Werner sagt in der oben verlinkten BR-Sendung:

Freiheit hat etwas damit zu tun, dass man plötzlich in der Lage ist, nein zu sagen. Der andere kann mich nicht abhängig machen. Das ist eine ganz neue Idee.

Ja, aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Wenn wir diese Art von Freiheit, die Freiheit, Nein zu sagen, durch ein Grundeinkommen ermöglichen wollen, geht das nur, wenn wir gleichzeitig in unsere Köpfe reinkriegen, dass Freiheit ebenso bedeutet, Ja zu sagen, wenn irgendwo etwas notwendigerweise getan werden muss. Und dass diese Fähigkeit, das Notwendige zu sehen und dann auch im eigenen Handeln Verantwortung dafür zu übernehmen, derzeit nicht bei allen Menschen gleichermaßen vorhanden ist und vorausgesetzt werden kann.

Sexuelle Übergriffe und das Internet

Gerade lese ich diese Geschichte in der FAZ und raufe mir die Haare: Eine Reporterin hat sich in für Kinder konzipierten Chats und Foren als Mädchen ausgegeben und war ausnahmslos nach wenigen Minuten mit sexuellen Belästigungen und Übergriffen konfrontiert. Was kann man dagegen machen? Na klar, das Internet kontrollieren, Vorratsdatenspeicherung, trallala. Schuld daran, dass man den Bösewichten nicht beikommen kann, sind die Internetaktivisten, die allen, die da etwas unternehmen möchten, gleich mit einem Shitstorm drohen.

Kein Wort hingegen darüber, was für eine Kultur und Gesellschaft das ist, die massenweise Leute (Männer) hervorbringt, die ihre Freiheit damit verbringen, Kinder sexuell zu belästigen. Kein Wort darüber, dass es sich hier ja ganz offensichtlich nicht um eine winzige Gruppe von Einzeltätern handelt, sondern um ein verbreitetes Phänomen, das eingebettet ist in eine Kultur, in der Sexualität mit Macht verwoben ist, in der Frauen überall auf Plakaten und im Fernsehen als Objekte sexueller Männerphantasien dargestellt werden. Nicht das Internet, sondern diese Kultur ist das Problem.

Ich habe grade keine Zeit, das ausführlicher zu verbloggen. Aber was hier mehr hilft als Versuche, diese angeblichen Einzeltäter durch eine Kontrolle des Internets aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, was ohnehin nicht besonders aussichtsreich ist, ist ein realistischer Umgang mit dieser Situation:

Wir müssen benennen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die leider sexuelle Belästigung als weithin akzeptiertes Verhalten hervorbringt. Und wir müssen wohl auch schon mit Kindern darüber sprechen und sie darauf vorbereiten, dass sie mit ziemlicher Sicherheit solchen Typen begegnen werden, im Internet auf jeden Fall, aber leider allzu oft auch außerhalb.

Wir müssen zunächst einmal uns selbst eingestehen, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Kinder vor sexuellen Belästigungen zu schützen, jedenfalls nicht, solange sexuelle Belästigungen in unserer Kultur so normal und weit verbreitet sind, wie es derzeit eben der Fall ist. Zu behaupten, mit ein bisschen Vorratsdatenspeicherei würden wir das schon in den Griff kriegen, ist hingegen zynisch.

Wir werden das nicht in den Griff kriegen, solange sich unsere gesellschaftliche Mentalität nicht ändert, solange nicht sexuelle Belästigung überall und in allen Bereichen des Lebens ganz klar als inakzeptables Verhalten geächtet und unterbunden wird. Und, leider, wird das realistischerweise wohl noch eine ganze Weile dauern.

Solange es ist, wie es ist, bleibt uns nichts anderes übrig, als diese Gefahr offen auch mit Kindern zu besprechen. Damit sie wissen, was sie in solchen Fällen tun können: Diese Belästigungen Erwachsenen zeigen, mit anderen darüber reden, die Typen blockieren, sich auf keinerlei Konversation einlassen.

Wichtig ist, dass die Kinder nicht glauben, dass das etwas ist, was nur ihnen passiert und niemandem sonst, sondern dass sie wissen, dass das leider nun einmal ganz weit verbreitet ist und nicht auf sie persönlich zielt. Wir müssen mit ihnen üben, wie man auf sexuelle Belästigung reagieren kann, wir müssen sie aufklären, damit sie nicht an sich selbst zweifeln, wenn ihnen so etwas begegnet, und wir müssen eine Atmosphäre schaffen, die sie souverän genug macht, die Situation zu durchschauen und sich davor zu schützen.

Das gilt übrigens bei sexueller Anmache generell, im Internet genauso wie anderswo.

Offene Orte, an denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht

© silvae - Fotolia.com

© silvae – Fotolia.com

Was ich am Bloggen und den daraus entstehenden Diskussionen so besonders liebe ist, dass das mein Denken in Trab hält. Die Kommentardebatte über meinen vorvorgestrigen Post über Facebook und Zensur zum Beispiel hat seither in meinem Kopf gegärt. Und hat sich dabei verbunden mit einigen anderen Diskursen in der letzten Zeit, die sich ebenfalls um das Thema „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen !!!!!“ drehten – die Debatten um rassistische Wörter in Kinderbüchern, um sexistische Bemerkungen gegenüber Frauen, um sarrazineske Gesellschaftsanalysen. Da hat sich ja so einiges angesammelt in der letzten Zeit, was man jetzt plötzlich angeblich nicht mehr sagen kann.

Aber halt! Natürlich darf man das alles sagen, man darf das N-Wort weiterhin sagen, sogar auf die Titelseiten großer Zeitungen schreiben, man darf  frauenverachtende Witze machen, sogar zur besten Sendezeit im Fernsehen, man darf über bestimmte Menschengruppen lästern und herziehen, zumindest in der eigenen Stammkneipe.

Das, was sich aber in der Tat verändert hat, ist, dass man das jetzt nicht mehr überall sagen kann. Zum Beispiel in diesem Blog nicht, weil da wird es weggelöscht. An anderen Orten kann man es sagen, zum Beispiel auf Twitter, aber man muss mit Konsequenzen rechnen – man kriegt Kritik, wird geblockt, muss damit rechnen, dass andere eine_n dann nicht mehr leiden können und das am Ende auch noch weitererzählen.

Diese Erfahrung, dass man nicht alles, was man meint, überall und konsequenzenfrei sagen kann, scheint manche zu überraschen. So sehr, dass sie dann „Zensur“ rufen. Aber ich sag euch was: Das ist ganz normal. Es gibt nämlich keine offenen Räume, in denen alle alles sagen können. Nie und nirgendwo gibt es die. Die Idee der absoluten Meinungsfreiheit ist eine Illusion, vergleichbar mit der Idee, es gäbe autonome Menschen.

In der wirklichen Welt existieren solche offenen Räume nicht, sondern jeder beliebige Ort, an dem ich mich aufhalte, jeder Blog, jede Plattform, jede Party, jeder Klassenraum, jedes Parlament und jeder Küchentisch ist ein geschlossener Raum mit mehr oder weniger eng gezogenen Grenzen. Ein Raum, in dem man bestimmte Dinge sagen kann – und andere nicht.

Je besser man im Mainstream des jeweiligen Raumes mitschwimmt, desto weniger bemerkt man das natürlich. Denn die eigenen Erfahrungen sind ja in der Regel so ähnlich wie die der meisten anderen auch, sie gelten als normal, sodass das meiste, was man meint, zum Spektrum dessen gehört, was in dem jeweiligen Raum gesagt werden darf. Je weniger man hingegen der jeweiligen Norm entspricht, desto häufiger erlebt man, dass die eigenen Erfahrungen und Perspektiven jetzt und hier nicht gesagt werden können.

Das hat in den seltensten Fällen etwas mit expliziten Verboten zu tun. Es hat noch nicht einmal etwas damit zu tun, dass man unangenehme Konsequenzen befürchten muss, auch wenn das schon öfter vorkommt. Noch viel häufiger ist es aber, dass das, was man gerne sagen würde, schlichtweg unvermittelbar ist, weil die anderen es nicht verstehen würden. Oder damit, dass es unhöflich wäre. Oder dass es die Beziehungen belasten würde, weil in dem Moment, wo ich etwas sage, was sich vollkommen außerhalb dessen bewegt, was hier und jetzt „sagbar“ ist, eine Differenz manifest wird, die vielleicht nicht mehr zurückgenommen werden kann (nicht nur von den anderen, sondern auch von mir nicht). Dass ich also meine Zugehörigkeit aufs Spiel setze.

Der Rahmen, der festlegt, was jeweils an einem Ort sagbar ist und was jeweils unsagbar ist, ist ein wesentlicher Aspekt der „symbolische Ordnung“. Ohne einen solchen Orientierungsrahmen wären menschliche Gemeinschaften nicht denkbar, denn man müsste ständig über alles verhandeln. Eine wesentliche Praxis des Feminismus ist daher die „Arbeit an der symbolischen Ordnung“, denn Dinge können nur verändert werden, wenn sie vorher überhaupt erst einmal denkbar und sagbar geworden sind.

Indem die Frauenbewegung den Separatismus als politische Praxis erfunden hat – also Orte schuf, zu denen keine Männer zugelassen waren – hat sie die herrschende symbolische Ordnung herausgefordert. Aber immerhin hat sie das transparent und offen gemacht: Es war klar, weshalb, und warum. Viel üblicher ist es, dass die Grenzen dessen, was jeweils erlaubt ist und was nicht, wer zugelassen ist und wer nicht sind, intransparent sind, dass sich diejenigen, die diese Räume definieren und dominieren, einbilden (und behaupten), diese Orte wären offen für alle. Das sind sie nicht, denn solche für alle offenen Orte gibt es nicht, es kann sie nicht geben.

Allerdings sind die Grenzen der jeweiligen Orte nicht in Stein gemeißelt, und symbolische Ordnungen sind veränderbar. Wie das geht, habe ich mal in einem anderen Blogpost aufgeschrieben. Worum es dabei geht ist die mühsame Arbeit der Vermittlung.

Worum es mir jetzt hier geht ist der Hinweis auf das, was sich gerade verändert, sowohl durch das Internet als auch durch einen wieder selbstbewusster werdenden Feminismus. Darin zeigt sich nämlich das Ende der alten patriarchalen symbolischen Ordnung. Und zwar nicht nur insofern der Inhalt dieser Ordnung (Männer sind mehr wert als Frauen) in Frage gestellt wird – also die Gleichstellung der Frauen eingefordert. Sondern es wird sichtbar, dass es nicht die eine symbolische Ordnung gibt, sondern dass viele nebeneinander bestehen. Und dass die eine auch nie wieder zurückkehren wird, sondern dass jetzt nicht nur diejenigen mit der Minderheitsmeinung, sondern auch diejenigen mit der Mehrheitsmeinung mit dieser Realität zurechtkommen müssen: dass sie eben nicht alles überall sagen können.

Wer in der Frauenbewegung aktiv ist, weiß das schon immer und kennt dieses Gefühl, etwa von einem feministischen Wochenende wieder zurück nach Hause zu kommen, den Fernseher einzuschalten, und dann erstmal den Schock überwinden zu müssen, was für ein unsägliches (haha) Zeug dort geredet wird. Vermutlich kennen auch andere Angehörige marginalisierter Gruppen dieses leichte Schwindelgefühl, das entsteht, wenn man sich in verschiedenen symbolischen Ordnungen bewegt, wenn sie zwischen „ihren Räumen“ und den „normalen Räumen“ hin- und herwechseln.

Das Internet gibt dem Ganzen aber noch einmal eine neue Dynamik, weil hier diese unterschiedlichen Räume mit ihren unterschiedlichen symbolischen Ordnungen zumindest teilweise der gesamten Öffentlichkeit zugänglich sind. Mit einem Klick ist man plötzlich auf einmal wo, wo die eigene Perspektive oder die eigene Erfahrung als total falsch und komplett gaga gilt. Auf diese Weise sind nun auch alle mit dieser schockierenden Tatsache konfrontiert, dass anderswo eben ganz andere Regeln gelten und ganz andere Dinge und Perspektiven für normal gehalten werden als die eigene. Und auch die „Normalen“ können ihre Meinung nun nicht mehr einfach behaupten, sondern müssen sich der mühsamen Anstrengung unterziehen, sie anderen zu vermitteln.

Tja, so ist das Leben, besser ihr gewöhnt euch dran.

Das dumme Gerede von Zensur

Dem Journalisten Jürgen Domian wird „angst und bange“ um die Meinungsfreiheit, weil Facebook – versehentlich, wie der Konzern inzwischen mitgeteilt hat – einige seiner Posts gelöscht hat. Unheilsschwanger fragt er in die Runde seiner über 70.000 Facebook-Fans: „So etwas darf man nicht mehr schreiben? Hier schon übt Facebook Zensur aus?“ Und natürlich wurde Domians demokratiebesorger Aufschrei massenweise in den Netzwerken herumgereicht und auch jede Menge Zeitungen haben es wiederholt: Facebook übt Zensur aus!

Mir hingegen wird angst und bange, weil offenbar selbst professionelle Journalist_innen nicht mehr wissen, was Zensur eigentlich ist: Nämlich ein von staatlicher Seite unter Strafandrohung verhängtes Verbot, bestimmte Ansichten und Meinungen öffentlich zu äußern. Stephan Urbach hat das kürzlich schon in seinem Blog dankenswerterweise klargestellt.

Es kann doch eigentlich nicht so schwer sein, den Unterschied zu verstehen zwischen der Weigerung eines Seitenbetreibers, bestimmte Ansichten auf seiner Plattform zu verbreiten, und einem generellen Verbot, diese Ansichten überhaupt öffentlich äußern zu dürfen. Es vergeht kaum eine Woche, wo mir selbst nicht auch Zensur vorgeworfen wird, wenn ich Kommentare lösche, die ich auf diesem Blog nicht haben will. Jürgen Domian hat allen Platz der Welt, das Internet (und nicht nur das) mit seinen Meinungen vollzuschreiben, genauso wie all die Leute, deren Kommentare ich weglösche.

Natürlich gibt es einen gewissen Unterschied zwischen meinem Blog und Facebook, der aber vor allem ein quantitativer ist: Facebook ist als Plattform sehr viel relevanter. Aber genausowenig wie ich hat Facebook irgendeine Möglichkeit, Menschen in Deutschland daran zu hindern, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Wir beide, Facebook und ich, können lediglich verhindern, dass bestimmte Meinungen auf den von uns zur Verfügung gestellten Plattformen veröffentlicht werden, was im Fall meines Blogs zugegebenermaßen leichter zu verschmerzen ist. Trotzdem: Was Facebook hier macht, das ist keine Zensur, sondern eine Form der Kommentarmoderation. Möglicherweise eine, die nicht gefällt, möglicherweise auch eine, die staatlich reglementiert werden muss, aber eben keine Zensur.

Ganz abgesehen davon, dass sich dieselben Leute, die sich über die angebliche Facebook-Zensur gegen Jürgen Domian echauffieren, sich genauso darüber echauffieren, dass Facebook andere Postings – die von der NPD zum Beispiel – nicht weglöscht.

Die Frage der Meinungsfreiheit im Internet ist eine sehr ernsthafte, und alle Plattformbetreiber_innen, die Postings oder Kommentare von anderen zulassen, stehen vor dem Problem, wie sie mit unqualifizierten, vom Thema ablenkenden, die Rechte anderer verletzender oder einfach nur blödsinnigen Beiträgen umgehen.

Dabei muss man sich klar machen, dass es dafür keine objektiven, verallgemeinerbaren Kriterien geben kann. Deshalb schätze ich Filterbubbles. Bei Facebook handelt es sich vor allem um ein Kapazitätenproblem. Irgendwelche Leute müssen sich halt durch den ganzen Wust von Beschwerden arbeiten. Also ich kann verstehen, dass da auch mal was danebengeht. Ich lege auch keine Hand dafür ins Feuer, dass ich nicht gelegentlich Kommentare lösche, die es eigentlich verdient hätten, stehen zu bleiben. Auch bei mir ist das letzten Endes ein Kapazitätenproblem.

Ich denke auch, dass ab einer gewissen Größe und Relevanz einer Plattform seitens der Allgemeinheit Vorgaben gemacht werden müssen, in welcher Form diese Moderation von User-Beiträgen stattzufinden hat. Facebook fällt ganz sicher in diese Kategorie. Es kann nicht sein, dass bei einer Plattform von dieser Verbreitung den Betreibern einfach freie Hand gelassen wird, nach eigenem Gusto dies oder jenes wegzulöschen oder nicht. Es besteht ein öffentliches Interesse daran, dass es hier halbwegs gerecht zugeht und keine prinzipiellen Ausschlüsse stattfinden. Nur hat das Ganze eben nichts mit der Bekämpfung von Zensur zu tun.

Im übrigen finde ich auch, dass die Frage der „Zensur“ sich tatsächlich nicht auf staatliche Eingriffe beschränken sollte. Das, was im Zentrum der Zensur steht, ist nicht, dass sie vom Staat ausgeübt wird, sondern dass mit Gewalt bestimmte Meinungsäußerungen verhindert werden. Der Staat spielt hierbei nur deshalb eine besondere Rolle, weil er in Deutschland das Gewaltmonopol hat. Theoretisch.

Denn man muss ja fragen: Hat der Staat im Bezug auf die freie Meinungsäußerung im Internet wirklich das Gewaltmonopol? Ist der Staat wirklich die einzige Instanz, die mich unter Androhung von Gewalt davon abhalten kann, bestimmte Meinungen öffentlich zu äußern?

Bisher ja wohl eher nicht. Viele Hetz-Meinungsäußerungen gegen die jenigen, die im Internet zum Beispiel feministische Meinungen äußern, sind ganz klar Gewaltandrohung (und wahrscheinlich passiert ähnliches auch in anderen Fällen. Wenn ich mich hier auf die „Zensur“ gegen feministische Blogs oder Postings beschränke, dann nicht, weil ich Exklusivität beanspruche, sondern weil ich mich damit am besten auskenne).

Ich weiß von vielen Frauen, die ihre Meinung genau deshalb nicht ins Internet schreiben, weil sie befürchten, angegriffen, beschimpft, verunglimpft, bedroht zu werden. Auf maskulinistischen Seiten kursieren explizite Drohungen gegen mich, mit Link auf Adresse und alles. Ich lasse mich davon bekanntlich nicht abhalten, trotzdem ins Internet zu schreiben, was ich will, aber das ist kein Gegenargument: Auch unter den Bedingungen staatlicher Zensur haben sich immer wieder Leute gefunden, die trotzdem verbotenerweise ihre Flugblätter und Zeitungen gedruckt und verbreitet haben. Aber Gewaltandrohungen im Netz sind nicht „virtuell“, denn es sind reale Menschen aus Fleisch und Blut, die davon Angst kriegen, oder auch einfach nur entmutigt werden oder die Lust verlieren. Auch staatliche Zensurmaßnahmen greifen nicht erst dann, wenn Leute deswegen in den Knast wandern, sondern bereits präventiv, weil sie Leuten Angst machen.

Die Gewaltandrohungen gegen Frauen im Internet, diese „Zensurmaßnahmen“, sind tatsächlich effektiv – anders als die angebliche Facebook-Zensur gegen Jürgen Domian. Und anders als bei anderen Formen von privater Gewalt schützt der Staat ihre Meinungsfreiheit im Internet nicht, denn es gibt derzeit keinerlei wirksame Möglichkeit, zum Beispiel als Bloggerin staatliche Hilfe zu bekommen, wenn man  solchen Angriffen ausgesetzt ist.

Ich habe den Eindruck, dass es vor allem Männer mit gewissen Privilegien sind, die diese beiden Sachen verwechseln: Sie glauben, wenn sie ihre  Meinung nicht jederzeit und überall veröffentlichen dürfen, sei das dasselbe, als wenn sie sie gar nicht veröffentlichen dürfen. Also „Zensur“. Aber das sind Szenarien, von denen weniger privilegierte Menschen nicht mal träumen. Ihnen ist es nämlich vollkommen klar, dass sie ihre Meinung nicht jederzeit und überall laut sagen können. Es würde ihnen schon reichen, wenn sie sie überhaupt in Ruhe und ohne Angst vor Gewaltandrohungen öffentlich sagen könnten.

Zwei Argumente, die für’s Grundeinkommen nicht taugen

In der Schweiz ist neulich etwas Tolles passiert. Und zwar hat die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio und Fernsehen (UBI) aufgrund der Beschwerde einer Frau – es war Martha Beéry – die Politsendung „Arena“ dafür gerügt, wie sie das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ dargestellt hat: nämlich so, dass „zentrale Aspekte nicht zur Sprache kamen, weshalb sich das Publikum keine eigene Meinung dazu bilden konnte.“

Die Aspekte, die nicht zur Sprache kamen, waren der ganze Bereich der Sorgearbeit, und generell eine weibliche Perspektive auf das Thema: Nicht nur waren ausschließlich Männer als Diskutanten eingeladen, sie verfolgten nach Einschätzung der UBI auch „eine zu enge Optik“:

Erörtert wurden primär die möglichen finanziellen Folgen, die Vereinbarkeit mit einem liberalen Staatsverständnis und einem entsprechenden Menschenbild sowie die Auswirkungen auf die Erwerbstätigkeit generell. Aspekte der Initiative, welche vor allem die weibliche Bevölkerung betreffen, kamen dagegen nicht oder nur am Rande zur Sprache. Zu verweisen gilt es vorab auf den ganzen Bereich von unbezahlter Arbeit, welcher namentlich die Haus- und Familienarbeit, aber auch freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten sowie die Unterstützung von betreuungsbedürftigen Personen umfasst. Die Diskussion erweckte weitgehend den Anschein, dass die Initiative die in diesem Bereich Tätigen gar nicht betreffe. Die fehlende Transparenz diesbezüglich wirkte sich vor allem auch angesichts des fehlenden Vorwissens des Publikum zur Initiative negativ auf die Meinungsbildung aus.

Ich finde das großartig, denn das Ausblenden des Sorgebereichs ist meiner Ansicht nach tatsächlich die große Achillesferse der gesamten Grundeinkommensbewegung.

Etwa gleichzeitig entspann sich auf Twitter eine Diskussion über die Thesen von Jeremy Rifkin, der glaubt, das Ende der Arbeit sei nahe (und der, wie die anschließende Debatte auf Twitter ergab, auch ein Befürworter der Grundeinkommens ist). Anke Domscheit-Berg hatte in einem Tweet ein Interview mit Rifkin in der Stuttgarter Zeitung empfohlen, worauf sich dann ein kleines Hin-und-Her ergab, weil ich die These, die Arbeit gehe uns aus, für eine Illusion halte – beziehungsweise für eine Analyse, die einen falschen Arbeitsbegriff zugrunde legt, der Sorgearbeit ausblendet. (Ich habe Rifkin nicht gelesen, aber viele Rückmeldungen bekommen, wonach er dieses Thema in seinen Schriften durchaus berücksichtige. Aber selbst wenn das stimmt, ist der „Claim“, unter dem er seine Ideen vermarktet – das „Ende der Arbeit“ – meiner Ansicht nach einer, der die Debatte auf völlig falsche Gleise leitet und der leider inzwischen schon in großen Teilen der Grundeinkommensbewegung verbreitet ist).

Auszüge dieses Twitter-Debättchens habe ich mal auf Storify zusammengeklickt. Unter anderem schrieb Susanne Wiest (deren Engagement für das Grundeinkommen ich ansonsten großartig finde) dabei folgenden Tweet, dem ich überhaupt nicht zustimme:

Ein BGE in existenzsichernder Höhe, ich spreche von 1500€, würde mir Care- und Sorgeabeit ermöglichen.

Ich finde es grundfalsch, das Grundeinkommen als Lösung für die Frage anzupreisen, wer künftig die Sorgearbeit verrichten soll. Denn das ist erstens nämlich nicht mehr als Spekulation (wir hoffen lediglich, dass sich dann Menschen dafür finden werden) und zweitens widerspricht es der zentralen Idee des Grundeinkommens, nämlich dass es leistungsunabhängig gedacht ist.

Der Denkfehler der bisherigen ökonomischen Modelle, die Sorgearbeit systematisch ignoriert haben, weil sie davon ausgingen, dass irgendwelche Leute die schon naturgemäß machen werden, sollte nicht von Grundeinkommens-Modellen wiederholt werden. Sorgearbeiten sind ein Teil der Ökonomie, sie verdienen eigene Betrachtung, Diskussion und Aufmerksamkeit. Sie erledigen sich nicht „von selber“, weil „irgendwelche Leute“ sich schon dafür verantwortlich fühlen werden. Und ich reite jetzt gar nicht darauf rum, dass das sehr viel mehr Frauen als Männer sein würden, auch unter den Bedingungen des Grundeinkommens (trotzdem würde ich meine Hand dafür ins Feuer legen). Aber selbst wenn es unter den Geschlechtern gleich verteilt wäre, wäre damit nichts gewonnen.

Wir brauchen also eine offene Debatte – womit ich wieder beim Anfang des Blogposts bin – die die Idee des Grundeinkommens offensiv verbindet mit Überlegungen zur Zukunft der Sorgearbeit. Und zwar eine Debatte, die eingesteht, dass wir (die Befürworter_innen eines Grundeinkommens) diese Frage auch noch nicht gelöst haben und dass wir die Einwände und Zweifel, die vor allem feministische Ökonominnen wie zum Beispiel Mascha Madörin aus genau diesem Grund dagegen vorbringen, ernst nehmen.

Zwei häufig gehört Argumente sollten daher aus meiner Sicht in Zukunft beim Werben für ein Grundeinkommen nicht mehr angeführt werden, weil sie falsch sind und das Projekt insgesamt unglaubwürdig machen:

Erstens die Behauptung, uns würde die Arbeit ausgehen, und

Zweitens die Behauptung, ein Grundeinkommen würde dazu beitragen, die Zukunft der Sorgearbeit zu gewährleisten.

(Verschiedene Texte von mir zum Thema Grundeinkommen stehen hier)