Grundeinkommen als Roman

Wenke_Eine_MilliardeDas Setting erinnert schwer an den Besuch der alten Dame: Margot Krause, als junge Frau aus dem Dorf weggezogen und in derselben Branche wie Beate Uhse zu Reichtum gekommen, kommt als alte Dame mit einem Geschenk nach Süderlenau zurück: Fünf Jahre lang will sie ein Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat an alle Bürgerinnen und Bürger zahlen.

Welche Hoffnungen und Befürchtungen löst das aus? Wer wird dann was machen? Wird das einen künstlerischen Kreativschub bewirken oder wird die ortsansässige Fabrik pleite gehen, weil sie nicht mehr genug Arbeiter findet? Wie reagieren Gewerkschaften, Geschäftsleute, Parteien und Vereine?

Astrid Wenke spielt das Thema Grundeinkommen in ihrem Roman an einem konkreten Fall durch und lässt dabei die wesentlichen Pro- und Contra-Argumente in Form ihrer Figuren Gestalt

Das ist keine große Literatur, aber durchaus vergnügliche Lektüre, die wie nebenbei in eine aktuelle sozialpolitische Debatte einführt. Und das alles mit den dorfüblichen Beziehungskonstellationen, geheimnisvollen Familienvergangenheiten, ein bisschen eingestreutem Krimi und aus der Perspektive einer 50jährigen lesbischen Musiklehrerin erzählt, was man ja auch nicht alle Tage hat.

Astrid Wenke: Eine Milliarde für Süderlenau, Krug und Schadenberg, 2013, 208 Seiten, 16,90 Euro.

Mal ein bisschen Mathe: Warum 50 Prozent nicht reichen.

Beim Verfolgen der 50-Prozent-Posts von Anne Roth, die in ihrem Blog die Anteile von Frauen und Männern bei Konferenzen zählt, ist mir etwas aufgefallen. Und zwar, dass es bei gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die darauf abzielen, männliche Dominanz oder stereotype Rollenmuster zu überwinden, nicht ausreicht, Gleichberechtigung anzustreben, also etwa eine 50/50-Besetzung von Speakerlisten bei Tech-Konferenzen.

Das hat ganz schlicht mathematische Gründe. Der Frauenanteil liegt bei Politik- oder Technik-Konferenzen derzeit in der Regel zwischen null und vierzig Prozent. Dass Frauen die Mehrheit der Sprechenden ausmachen, kommt fast nie vor. Um Ausgewogenheit herzustellen, reicht es deshalb nicht aus, die eigenen Konferenzen zur Hälfte mit Frauen zu besetzen. Um irgendwann unterm Strich gesamtgesellschaftlich auf Halbe-Halbe zu kommen, brauchen wir Konferenzen mit 70 oder 80 Prozent Frauenanteil.

Ein ähnliches Schema fiel mir beim Lesen von Jochen Königs Buch „Fritzi und ich“ auf. Hier geht es um die Verteilung der Kleinkinder-Betreuung zwischen Frauen und Männern. Diese liegt nach wie vor zum größten Teil in den Händen von Frauen, und auch hier wird als Gegenmaßnahme angestrebt, die Kindererziehung „gleichberechtigt“ zu verteilen.

Aber in einer Gesellschaft, in der in den allermeisten Fällen Frauen diese Arbeit übernehmen, ändert es nichts, wenn ab und zu auch mal ein Vater die Hälfte macht. Um etwas Substanzielles zu verändern, brauchen wir Fälle, in denen Männer den Löwenanteil der Kleinkinderbetreuung übernehmen.

Es geht mir hier nicht darum, halbe-halbe-Regelungen prinzipiell zu kritisieren, sondern darum, zu unterscheiden, was sie können und was sie nicht können. Eine halbe-halbe-Regelung kann eine Tech-Konferenz besser machen, weil die Organisatoren mal über die Szene der üblichen Verdächtigen hinausdenken, und sie kann das Familienleben und die Kindererziehung im Einzelfall besser machen, keine Frage. Sie kann aber nicht gesellschaftliche Verhältnisse verändern.

Oder anders: Wer im eigenen Umfeld darauf achtet, generelle Ungleichgewichte zwischen Frauen und Männern „gleichberechtigt“ auszutarieren, trägt lediglich (immerhin) dazu bei, die Situation nicht noch weiter zu verschlechtern. Aber nicht dazu, sie zu verbessern.

Das wäre auch gar nicht schlimm, wenn nicht genau das so oft behauptet würde. Wenn ich zum Beispiel darüber diskutieren will, was es politisch bedeutet, dass das öffentliche Sprechen so stark von Männern dominiert ist, oder dass Frauen für die Fürsorgearbeit zuständig sind, erwidert fast immer jemand, das Thema sei doch längst überholt, es würde sich doch alles schon ändern. Weil es inzwischen junge Paare gebe, die sich das halbe halbe aufteilen, zum Beispiel.

Das Streben nach halbe-halbe in einzelnen Bereichen (bei manchen Eltern, bei manchen Konferenzveranstaltern) wird also als Argument genommen, warum man sich politisch mit dem Gender-Gap in diesen Bereichen nicht mehr beschäftigen will. Das Streben nach halbe-halbe wird selbst schon als politische Lösung angepriesen. Es ist aber keine, und kann es rein mathematisch gar nicht sein.

Damit das öffentliche Sprechen nicht mehr von Männern dominiert wird, müsste es genauso viele Konferenzen mit Frauenüberschuss wie mit Männerüberschuss geben, und damit Kleinkinderbetreuung nicht mehr Frauensache ist, muss es genauso viele Kinder geben, die hauptsächlich von Männern versorgt werden, wie Kinder, die von Frauen versorgt werden. Und so weiter.

Dass  irgendwann JEDE Tech-Konferenz genau halbe-halbe besetzt und JEDES Kind exakt halbe-halbe von einer Frau und einem Mann erzogen wird, ist nämlich völlig unmöglich – und auch gar nicht wünschenswert. Über eine Quote mag man für Gremien nachdenken, im realen Leben funktioniert das nicht so. Es kann im konkreten Einzelfall sinnvoll sein, die Erziehungsarbeit nicht akribisch gleich aufzuteilen, oder eine Konferenz mit mehrheitlich Frauen oder Männern zu bestücken. Halbe-Halbe ist, wie jede Quote, immer nur eine Krücke, und ich gebe zu, dass die Quotengegner mit ihren Qualitätseinwänden im Prinzip durchaus recht haben.

Das Problem ist nur (und das ist es, was die Quotengegner ignorieren), dass sich bei diesen Fragen historische Geschlechtermuster mit realen Kontexten überkreuzen. Es ist also im Einzelfall nicht klar, ob nur Männer eingeladen wurden, weil sie tatsächlich in dieser konkreten Situation mal zufällig die besseren Speaker zum Konferenzthema sind, oder ob die Organisatoren den Klischees in ihren Köpfen erlegen sind. Es ist im Einzelfall nicht klar, ob in einer Familie die Frau nach der Geburt eines Kindes ihre Erwerbsarbeit aufgibt, weil es die beste Lösung ist, oder ob sie es tut, weil sie und ihr Umfeld meinen, dass das eben „normal“ sei.

Damit wir Verhältnisse schaffen können, in denen einzelne (bei der Besetzung von Konferenzen, bei der Verteilung der Erziehungsarbeit in einer konkreten Situation) sich wirklich für das „Beste“ entscheiden, brauchen wir deshalb Muster und Vorbilder, die hergebrachte Stereotype nicht nur vermeiden, sondern umdrehen. Erst wenn Tech-Konferenzen mit 70 oder 90 Prozent Speakerinnen genauso als normal empfunden werden wie andersrum, und wenn es genauso viele Väter gibt, die Hauptverantwortliche für die Versorgung von Babies sind, erst dann ist gewährleistet, dass bei der Einzelfall-Entscheidung die tatsächlichen Qualität wichtig ist und nicht das Stereotyp oder die Gewohnheit.

Wenn wir aber schon halbe-halbe für das Höchste der Gefühle halten, ist von vornherein klar, dass wir da nicht hinkommen werden.

(Titelfoto: David~/Flickr.com)

Parteienpolitikverdrossenheit. I dislike.

© contrastwerkstatt - Fotolia.com

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Die Tage kam wieder mal eine Forsa-Studie heraus, die die „Politikverdrossenheit“ in Deutschland beklagt. 30 Prozent der Wahlberechtigten wissen noch nicht, ob sie im September wählen gehen oder wen sie dann wählen.

Ich bin eine davon. Ich weiß einfach nicht, wen ich wählen soll. Ich bin mit keiner der antretenden Parteien genug einverstanden, um ihr meine Stimme zu geben. Denn für eine Partei zu stimmen bedeutet ja, zu sagen: Du sollst, wenn du die Mehrheit bekommst, in meinem Namen regieren.

Keine Politikerin stellt sich nach einem Wahlsieg vor die Kamera und sagt: „Vielen Dank, liebe Leute, die Ihr uns gewählt habt. Wir wissen, wie schwer euch die Entscheidung gefallen ist, und wir freuen uns aufrichtig, dass Ihr uns wenigstens für das kleinere Übel haltet.“

Wenn meine Stimme so interpretiert würde, könnte es ja noch angehen. Aber so ist es nicht. Die Politiker_innen stellen sich hin und sagen: Seht ihr, soundsoviel Leute haben uns ihr Vertrauen gegeben, wir haben den Wählerauftrag, was wir tun ist toll!

Und deshalb kann ich keiner der zur Wahl stehenden Parteien meine Stimme geben, weil ich jetzt schon weiß, dass sie sie fehlinterpretieren und zur Selbstlegitimation missbrauchen würden.

Mein Nichtwählen hat aber natürlich überhaupt nichts mit Politikverdrossenheit zu tun, und auch nichts mit Politikmüdigkeit, sondern es ist im Gegenteil die Folge davon, dass ich politisch denke. Dass ich die Sache mit dem Wählen und dem „Wählerauftrag“, den ich da vergeben soll, offenbar ernster nehme als ich es in den Augen derer, die mich zur Wahlbeteiligung auffordern, sollte.

Ich will mein Nichtwählen gar nicht mit dem alten Anarchospruch „Wenn Wahlen etwas verändern würden, dann wären sie verboten“ verbrämen. Natürlich ist da was dran, Parlamentswahlen sind von ihrem Wesen her systemkonform. Aber so what. Ich mache den lieben langen Tag so viele systemkonforme Dinge, dass es auf so ein bisschen Wählen auch nicht ankommt. Einmal in fünf Jahren irgendwo meine Stimme abzugeben, hindert mich ja nicht daran, an den restlichen Tagen auf die Revolution hinzuarbeiten.

Außerdem stimmt es ja ganz einfach nicht, dass Wahlen nichts verändern. Natürlich ändern sie was. Natürlich ist es ein Unterschied, ob die AfD in den Bundestag kommt oder nicht, ob Merkel demnächst weiter mit der FDP regiert oder ob es zu einer großen Koalition kommt, und so weiter. Natürlich haben Wahlergebnisse Einfluss auf die realen Geschehnisse in der Welt, auf Gesetze, auf Stellenbesetzungen, auf Ausschüsse und so weiter. Deshalb finde ich es wirklich blöd, dass ich all das mit meinem Nichtwählen gar nicht beeinflussen kann.

Und deshalb habe ich einen Vorschlag (update: Die Idee stammt ursprünglich von Benni Bärmann, aber da das damals nicht verbloggt wurde, hatte ich es inzwischen wieder vergessen), wie wir das Wahlverfahren so ändern können, dass auch Nichtwählenkönnende wie ich die Möglichkeit haben, sich daran zu beteiligen.

Ich habe nämlich durchaus eine Meinung, die sich per Abstimmungsverfahren ausdrücken ließe. Denn ich kann zwar keiner der vorhandenen Parteien meine Stimme geben, aus den oben genannten Gründen, aber dennoch sind mir nicht alle Parteien gleich unlieb. Ich habe durchaus Präferenzen in dem Sinn, dass ich manche Parteien deutlich schlimmer finde als andere.

Ich wäre also durchaus bereit, meinen politischen Willen in Form einer „Minusstimme“ auszudrücken. Also zu sagen: Von den vorhandenen Parteien will ich von der Partei X am allerwenigsten vertreten werden. Ich könnte mir denken, dass es anderen auch so geht, und ich würde wetten, dass die Möglichkeit, eine Minusstimme zu vergeben, mehr Menschen an die Wahlurnen brächte. Somit würden die Wahlergebnisse auch ein umfassenderes Bild vom „politischen Willen des Volkes“ abbilden, als sie es jetzt tun.

Jede_r Wahlberechtigte dürfte dabei nur eine Stimme haben, man müsste sich also entscheiden, ob man die Plus- oder die Minusstimme vergeben möchte. Aber es ist ja durchaus interessant zu erfahren, welche Parteien von einer Vielzahl von Menschen nicht nur gleichgültig betrachtet, sondern regelrecht abgelehnt werden.

Mein Vorschlag ist nicht nur ein pragmatischer, sondern durchaus auch ein inhaltlicher. Denn damit ein Politiker oder eine Politikerin legitimiert ist, „im Namen des Volkes“ zu sprechen, reicht es aus meiner Sicht eigentlich nicht aus, dass er oder sie 51 Prozent der Menschen hinter sich versammelt. Ich finde, es ist auch wichtig, dass die anderen 49 Prozent sie oder ihn nicht gerade hassen, sondern immerhin halbwegs akzeptieren und damit leben können.

Mit Minusstimmen hätten wir vermutlich weniger Probleme mit rechtsextremen Parteien. Vielleicht auch weniger Probleme mit Populisten. Wie wäre die Wahl wohl für Berlusconi ausgegangen, wenn es in Italien Minusstimmen gäbe? Oder für Bush in den USA? Für Orbán in Ungarn? Ich denke wirklich, dass es gut wäre, wenn in einem Wahlergebnis nicht nur abgebildet würde, wer Zustimmung aus der Bevölkerung bekommt, sondern auch, wer in hohem Maße abgelehnt wird.

Ein gewisses Problem wäre es höchstens, dass es mit Minusstimmen neue, kleine Parteien vielleicht schwerer hätten, im Parteienspektrum Fuß zu fassen, weil sie leicht Opfer von Anti-Propaganda werden könnten. Aber ich denke, dafür ließe sich bestimmt eine Lösung finden. Man könnte zum Beispiel die Fünf-Prozent-Hürde senken oder eventuell auch ganz abschaffen.

Was haltet Ihr von der Idee? Hab ich was Wichtiges übersehen?

„Alle haben jetzt Jungen“. Geschlechtsselektion und weibliche Freiheit

(Tl;dr) Vorgeburtliche Geschlechtsselektion ist längst eine Tatsache. In Asien wählen die Eltern Jungen, in den USA wählen sie Mädchen. Beides ist fatal für das gesellschaftliche Zusammenleben. Was jetzt zu tun wäre.

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Mara Hvistendahl: Das Veschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv, München 2013, 424 Seiten, 24,90 Euro.

Mara Hvistendahl: Das Veschwinden der Frauen. Selektive Geburtenkontrolle und die Folgen. dtv, München 2013, 424 Seiten, 24,90 Euro.

Die Verbreitung von Reproduktionstechnologien (Ultraschall, Abtreibung unerwünschter Föten, künstliche Befruchtung, Präimplantationsdiagnostik) hat in vielen Teilen der Welt zu einem massiven Ungleichgewicht zwischen Geburten von Mädchen und Geburten von Jungen geführt. Vor allem in drei Regionen ist die vorgeburtliche Geschlechterselektion stark verbreitet: China und die südlich angrenzenden Länder, vor allem Vietnam, Indien und Pakistan, sowie Westasien (Armenien, Aserbaidschan, Georgien).

Ohne medizintechnische Manipulation beträgt das Verhältnis der Geschlechter bei Geburten ungefähr 100 Mädchen zu 105 Jungen. In manchen Regionen der Welt werden aber inzwischen bis zu 170 oder sogar noch mehr Jungen pro 100 Mädchen geboren.

Die Wissenschaftsjournalistin Mara Hvistendahl hat diese Entwicklung im Detail untersucht. Ihr (manchmal etwas reißerisch geschriebenes, aber lesenswertes) Buch ist vor allem deshalb interessant, weil sie auf zahlreiche Vorurteile und Fehlschlüsse hinweist, die in der Debatte über dieses ja schon länger bekannte Phänomen auftauchen. Und weil ihr Maßstab, anhand dessen sie die Entwicklungen bewertet, nicht bevölkerungspolitische Kriterien sind, sondern die Frage, was das für die Freiheit der Frauen bedeutet.

Geschlechterselektion ist ein Import aus dem Westen

Das erste Vorurteil, das Hvistendahl entlarvt, ist die Behauptung, es würde sich dabei um althergebrachte vormoderne Geschlechterordnungen handeln, die bei zunehmender Modernisierung und Säkularisierung von selbst verschwinden. Im Gegenteil ist die Geschlechtsselektion eine Begleiterscheinung der Modernisierung und ein Import westlicher Machbarkeitsphilosophien.

Es sind vor allem die modernen, an westlichem Lebensstil orientierten Mittel- und Oberschichtsfamilien, die Geschlechtsselektion betreiben, und keineswegs die „einfachen Leute“.  Zwar stimmt es, dass viele Kulturen traditionsgemäß dem männlichen „Stammhalter“ einer Familie großen Wert beimessen, aber solange Paare vier, fünf oder sechs Kinder haben, ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin mindestens ein Junge dabei. Es gibt keinen Grund für vorgeburtliche Geschlechtselektion. Der Wunsch nach gezielter Abtreibung weiblicher Föten entsteht erst dann, wenn die Zahl der Kinder auf eins oder zwei pro Familie beschränkt werden soll oder muss.

Ältere Brüder gibt es nicht mehr – nur noch kleine Prinzen

Dass Geschlechtselektion nicht generell Jungen bevorzugt, sondern die Geburt eines „Statthalters“ sicherstellen soll, zeigt sich daran, dass sie  nicht bei allen Geburten gleichermaßen angewendet wird. Das erste Kind wird meist noch auf üblichem Weg gezeugt. Ist es ein Junge, folgen keine weiteren Kinder, ist es ein Mädchen, wird weiterprobiert und mit zunehmender Kinderzahl umso radikaler selektiert. Entsprechend ist das Geschlechterverhältnis bei Erstgeburten nur leicht zugunsten von Jungen verschoben, doch das Ungleichgewicht steigt von Mal zu Mal an: Bei Dritt- oder Viertgeburten gibt es fast keine Mädchen mehr.

Das aber hat Auswirkungen auf die Familienkonstellationen, nämlich: Ältere Brüder gibt es praktisch nicht mehr. Jungen wachsen entweder als Einzelkinder auf oder haben ältere Schwestern – sie sind also die Prinzen, um die die anderen sich kümmern. Fast alle Mädchen hingegen haben jüngere Brüder, die – im Gegensatz zu ihnen – sehnlichst erwartet wurden. Es ist nicht schwer, sich die negativen Auswirkungen solcher „Default-Konstellationen“ auf die Entwicklung von Geschlechterrollen vorzustellen.

Der Westen wollte Geburten senken – um jeden Preis

Das Horrorszenario einer Überbevölkerung der Welt wird im Westen seit den 1960er Jahren diskutiert. Von hier aus ging die Idee um die Welt, dass die Zahl der Geburten um jeden Preis gesenkt werden müsse – und zwar nicht nur mit Hilfe sozialpolitischer Maßnahmen wie Bildungschancen für Frauen oder familienunabhängige Altersvorsorge, sondern mit jedem nur denkbaren Mittel.

Seither wird fieberhaft an medizintechnologischen „Lösungen“ geforscht. Abtreibung galt in den 1960ern in den USA (und dort auch unter Rechten) noch als probates Mittel, zumal wenn es um die Bevölkerung der „Dritten Welt“ ging. Nachdem in den 1970er Jahren in Indien eine Kampagne zur Zwangssterilisierung von Männern erheblich zum Untergang der Regierung von Indira Gandhi beitrug, konzentrierte sich das auf weibliche Körper: Frauen zur Abtreibung zu zwingen schien ein gangbarerer Weg zu sein, als Männer ihrer „Potenz“ zu berauben.

Gleichzeitig wurde – ebenfalls vom Westen aus – die Ultraschaltechnologie in alle Welt verbreitet. Dass beides zusammen zu einer Geschlechterselektion führen würde, also zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten, war natürlich abzusehen und wurde damals auch offen diskutiert. Viele (westliche) Bevölkerungsexperten erhofften sich davon ganz ungeniert (es war noch die Zeit vor der Frauenbewegung) einen positiven Nebenaspekt: Je weniger Frauen, desto weniger Geburten, ist doch toll! Dass eine solche Entwicklung auch soziale und kulturelle Auswirkungen hätte, hatten sie nicht im Blick und es interessierte sie auch nicht.

Bald schon waren in Ländern wie Korea oder China mobile Abtreibungskliniken unterwegs, die aus westlichen Geldern finanziert wurden. Fötusuntersuchungen mit sofortiger Abtreibung bei unerwünschtem, weil weiblichem Geschlecht wurde eine gängige Praxis. Diese Abtreibungen fanden oft erst im zweiten oder sogar letzten Drittel der Schwangerschaft statt, denn je später, umso sicherer kann per Ultraschall das Geschlecht bestimmt werden.

Dass Frauen als Mangelware ihren „Wert“ steigern, ist Bullshit

Eine besonders dämliche Theorie ist die aus dem ökonomistischen Kurzschlussdenken stammende Vorstellung, der Rückgang von Frauen würde deren Wert steigern und damit ihre gesellschaftliche Stellung anheben. Das stimmt allerhöchstens für eine sehr kleine Gruppe von Frauen, nämlich für Frauen aus gehobenen sozialen Schichten, die einen Mann heiraten und Kinder haben möchten. Sie können jetzt in der Tat aus einem größeren „Angebot“ an Kandidaten wählen. Für Lesben hingegen oder für Frauen, die aus anderen Gründen nicht den Weg der „Ehefrau und Mutter“ gehen möchten, ist die Entwicklung fatal, denn der soziale Druck auf sie, einen rollenkonformen Lebensweg zu gehen, wird immer stärker.

Ebenso teuer kommt ihr „Wert“ Frauen aus ärmeren Schichten oder Ländern zu stehen. Sie haben es schwer, ihre eigenen Wünsche durchzusetzen, wenn sie durch eine Heirat mit einem zahlwilligen Kandidaten ihrer Familie zu materieller Besserstellung verhelfen können. Die Heiratsvermittlung ist inzwischen ein riesiger Markt und führt zu großen sozialen Verwerfungen. Zu Beispiel dazu, dass fast alle Frauen bei Heirat weit weg von ihrer Herkunftsfamilie ziehen: Vietnamesinnen gehen nach China, aber auch innerhalb der riesigen Länder ziehen Frauen aus ärmeren Regionen in reichere Regionen um.

Dabei ist nur selten offener Zwang im Spiel, denn die meisten Frauen heiraten „freiwillig“, weil sie den realen Vorteil für ihre Familie wichtiger finden als die Verfolgung eigener Lebenspläne. Aber was bedeutet es für den gesellschaftlichen Einfluss von Frauen, wenn die Männer „Einheimische“ sind, die meisten Frauen aber „Zugewandert“ ohne soziales Netz und eigene Beziehungen?

Ebenfalls schlecht ergeht es Männern, die über keine Finanzmittel verfügen. Da die traditionell üblichen „Brautpreise“ inzwischen explodiert sind, haben sie praktisch keine Chance, jemals zu heiraten. Entsprechend boomt die Prostitution. Frauen haben es aber – da es ihnen ja an gut betuchten Heiratskandidaten nicht mangelt – eigentlich nicht mehr nötig, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Deshalb sind Bordelle oft nur noch mit Zwang zu bestücken: In manchen Gegenden können junge Frauen nicht mehr allein aus dem Haus gehen, weil sie ständig in Gefahr sind, verschleppt und zur Prostitution gezwungen zu werden.

Auch linke und feministische NGOs verdrängen das Problem

Was kann man gegen diese Entwicklung tun? Hvistendahl kritisiert auch linke und feministische NGOs, die sich des Themas nur zögerlich annehmen, weil sie eigentlich selbstbestimmte Reproduktion, also Abtreibung, befürworten. Denn es ist ja nicht so, dass die schwangeren Frauen mit dem Messer auf der Brust zum Abtreiben weiblicher Föten gezwungen würden. Sie selbst sind es, die sich einen Sohn wünschen. Bei den Familien, die Geschlechtsselektion betreiben, ist auch kaum ein Unrechtsbewusstsein da, da sie ja meist bereits ein, zwei Töchter haben – subjektiv stellt sich die gezielte Produktion eines Jungen für sie so dar, als würden sie lediglich ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis herstellen.

Der zögerliche Umgang der linken und feministischen NGOs mit diesem Thema rächt sich inzwischen, denn seit einiger Zeit nutzen die rechten Anti-Abtreibungs-Organisationen das Thema Geschlechterselektion, um Abtreibung generell abzuschaffen. Das ist umso fataler, als derzeit das Pendel in einigen Ländern wieder umschlägt, wie etwa in Südkorea. Dort war zu Zeiten der Anti-Geburten-Propaganda Abtreibung gang und gäbe und staatlich geduldet, offiziell jedoch blieb sie immer verboten. Inzwischen ist in Südkorea die Geburtenrate so sehr gesunken, dass eine starke Veralterung der Gesellschaft droht – und seither wird das Abtreibungsverbot wieder strikt kontrolliert, natürlich aber nicht nur bei geschlechtsselektiver Abtreibung, sondern generell.

Im Westen hätten Eltern lieber Mädchen

Auch im Westen verbreitet sich die Geschlechtsselektion immer mehr, allerdings nicht in Form von Abtreibungen unerwünschter Föten sondern durch Präimplantationsdiagnostik. Per künstlicher Befruchtung werden dabei im Labor Embryonen hergestellt (In-Vitro-Fertilisation) und dann auf unerwünschte Eigenschaften selektiert – zum Beispiel eben das Geschlecht. Es werden dann nur diejenigen Embryonen in die Gebärmutter einsetzt, die die erwünschten Merkmale aufweisen.

In Europa ist die Präimplantationsdiagnostik bislang offiziell nur erlaubt, um schwere Krankheiten auszuschließen, in den USA hingegen ist diese Art der Geschlechterselektion inzwischen gang und gäbe und wird von Kliniken offen beworben. Es gibt sogar schon Paare, die durchaus per Geschlechtsverkehr ein Kind zeugen könnten, aber dennoch die In-Vitro-Fertilisation bevorzugen, weil sie so das gewünschte Geschlecht sicherstellen können.

Allerdings liegen in den USA die Präferenzen genau andersrum: Hier wünschen sich 80 Prozent der Paare lieber Mädchen als Jungen. Doch das ist keineswegs ein Zeichen für grassierenden Feminismus. Als Grund für die Bevorzugung von Mädchen wird nämlich genannt, dass man sie so hübsch anziehen kann, dass sie fleißig und unproblematisch sind. Was aber, wenn das Mädchen trotzdem lieber im Schlamm spielt und keine Lust hat zum Lernen? War dann die ganze Investition umsonst?

Geschlechtsselektion ist Realität – let’s deal with it

Momentan ist diese Entwicklung in den USA noch in den Anfängen, da die künstliche Befruchtung bislang sehr teuer ist. Aber wie jede Technologie wird auch diese mit der Zeit billiger werden. Und auch wenn in Europa die Warnung, mithilfe von Präimplantationsdiagnostik würden „Designerbabies“ hergestellt, noch entrüstet zurückgewiesen wird, so ist doch klar, dass man sich auf Dauer dem Druck der Ökonomie nicht entziehen wird. Wenn mit Geschlechtsselektion Geld verdient werden kann, dann werden das auch europäische Kliniken im Zuge ihrer „Wettbewerbsfähigkeit“ in ihr Angebot aufnehmen.

Ich glaube kaum, dass diese Entwicklung sich aufhalten lässt. Aber vielleicht lässt sie sich weniger leidvoll gestalten, wenn wir der Realität ins Auge sehen und uns die Dinge nicht schönreden.

Als Maßstab zur Beurteilung von Positionen und Maßnahmen in diesem Bereich scheint mir Folgendes wichtig zu sein: das Bewusstsein, dass technologische Maßnahmen und Entwicklungen niemals losgelöst von gesellschaftlichen Prozessen beurteilt werden können. Sie haben immer soziale und kulturelle Begleitumstände und Auswirkungen haben, die mitgedacht werden müssen.

Unsere Aufgabe wäre es also, durch politische Debatten solche sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass die Tatsache der allgemein verbreiteten Geschlechterselektion nicht die negativen Auswirkungen auf das gute Leben aller hat, wie sie derzeit zu beobachten und zu befürchten sind. Gleichzeitig sollte es aus meiner Sicht auch Verbote und Gegenkampagnen geben, nicht weil ich glaube, dass die die Geschlechtsselektion langfristig verhindern können, sondern um ihre Ausbreitung zu verlangsamen, damit wir mehr Zeit haben, die dafür notwendigen Kulturpraktiken zu entwickeln.

Menschen, Maschinen und Arbeit

Robot in an Easter Egg

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Das Versprechen vom Ende der Arbeit ist extrem populär. Auch bei der Republica, dem Blogger_innentreffen in Berlin, gab es einen Vortrag dazu, von Johannes Kleske, und er war total überfüllt. „Wenn Maschinen uns ersetzen“ lautete der Untertitel. Hier kann man die Videoaufzeichnung sehen.

Ich bin dort hingegangen, weil das Thema mich interessiert und ich unentschieden bin. Denn einerseits arbeite ich selbst ja nie, wie ich hier schonmal schrieb, andererseits verbindet sich aus meiner Sicht mit der Idee vom „Ende der Arbeit“ auch viel Illusorisches, wie ich wiederum hier schrieb.

In seinem Vortrag zeigte Johannes Kleske, dass inzwischen nicht mehr nur schwere körperliche Arbeit von Maschinen ersetzt wird, sondern auch viel Arbeit in hochqualifiziert-bildungsbürgerlichen Berufen: in der Medizin, im Rechtswesen, im Finanzwesen können Algorithmen vieles schneller erledigen als Menschen von Hand. Der Trend zur Entwertung menschlicher Arbeit betrifft also längst nicht mehr nur die wenig qualifizierten Tätigkeiten, sondern auch alle anderen.

Wie viele sieht auch Kleske den hauptsächlichen Beleg für die These vom „Ende der Arbeit“ vor allem in einer zunehmenden Arbeitslosigkeit. Doch das ist ein Denkfehler: Zunehmende Arbeitslosigkeit beweist nämlich keineswegs, dass keine Arbeit da ist, sondern nur, dass sie nicht profitträchtig genug ist, um für ihre Erledigung zu sorgen: Schultoiletten verdrecken, Pflegebedürftige werden im Minutentakt abgefertigt, Sachen werden nicht repariert, und so weiter. Dass Arbeit da ist, bedeutet halt nicht automatisch, dass sie auch getan wird.

Kleskes Botschaft war allerdings nicht: Toll, wir erfinden lauter Maschinen und dann müssen wir nichts mehr arbeiten und können den ganzen Tag Spaß haben. Sondern seine Botschaft war: Toll, wir erfinden lauter Maschinen und dann überlegen wir, was Maschinen gut können und was Menschen gut können. Sein Plädoyer ging also in Richtung bestmögliche Kooperation aus beidem – was ich durchaus unterschreiben würde.

Die Frage ist aber, was der Maßstab dafür ist, ob die Kooperation zwischen Mensch und Maschine gut funktioniert, und in welchem symbolischen Rahmen wir uns diese Kooperation vorstellen. Kleske griff dabei auf das alte Idealbild der griechischen Antike zurück: So wie die freien Bürger Athens den lieben langen Tag über die Agora flanierten und sich dem freien Philosophieren und Politisieren hingaben, so würden auch wir bald unbehelligt von Alltagsarbeiten uns den schönen und wirklich wichtigen Dingen des Lebens widmen – nur dass die lebensnotwendigen Arbeiten nicht mehr von Sklavinnen und Sklaven erledigt würden, sondern von Maschinen.

Meiner Ansicht nach ist aber das Problem am patriarchal-athenischen Modell nicht (nur), dass dabei Menschen ausgebeutet wurden, sondern dass dahinter eine fragwürdige Hierarchisierung der Welt in Oben und Unten, in Wertvoll und Wertlos, in Wichtig und Unwichtig stand, die dann immer weiter ausgeufert ist, etwa in Dichotomien wie geistig/körperlich, Kultur/Natur, männlich/weiblich etc. Und aus der Science Fiction wissen wir ja bereit, dass sich das auf die Hierarchie von Mensch/Maschine ausweiten lässt und wir es wahrscheinlich irgendwann auch mit Emanzipationsforderungen von  Robotern zu tun kriegen. Dass bestimmte Arbeiten und Tätigkeiten als minderwertig und andere als höherwertig gelten (und welche), liegt ganz und gar nicht „in der Natur der Sache“, sondern ist immer das Ergebnis eines kulturellen Entwicklungs- und Aushandlungsprozesses.

Die dualistische Zweiteilung der Welt führt unser Denken generell auf falsche Gleise. Sie wird nicht dadurch besser, dass jetzt Roboter an die Stelle der Sklavinnen und Sklaven treten. Denn diese Zweiteilung deformiert auch diejenigen, die „oben“ stehen.

Ein anderes Paradigma, das aus meiner Sicht hinterfragt werden müsste, das Kleske aber kritiklos übernahm, war der Maßstab der Effizienz: Maschinen können effizienter Statistiken auswerten, Menschen können effizienter außerhalb des „Rahmens“ denken und kreativ sein. Die Frage, wie zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Maschineneinsatz unterschieden werden könnte, beantwortete er mit dem Vorschlag, die „wirklich menschlichen“ Arbeiten von solchen Arbeiten zu unterscheiden, die Maschinen besser erledigen können.

Das ist eine gute Idee, aber was heißt „besser“? Das Problem ist doch, dass Qualität in Bezug auf Arbeit fast immer mit Effizienz gleichgesetzt wird. Dorothee Markert hat einmal schön geschildert, wie ihr Streben nach Effizienz die Qualität ihrer Gartenarbeit beschädigt hat. „Nichts auf der Welt kann den Verlust der Freude an der Arbeit wettmachen“ hat Simone Weil schon vor achtzig Jahren gesagt und damit die Gewerkschaften kritisiert, die ihre Forderungen allein auf Effizienzsteigerung, also mehr Lohn und weniger Arbeitszeit, fokussiert haben.

Wenn Effizienz auf Kosten der Freude an der Arbeit geht,  befördert sie nicht das gute Leben, sondern behindert es. Das ist genau der alte athenische Dualismus, wonach man die Arbeit „weg kriegen“ muss, damit man Zeit für das „Eigentliche“ hat, aber das ist eine falsche Gegenüberstellung.

Dasselbe gilt für die Qualität. Ein Pflegeroboter mag einen alten Menschen zwar hygienisch „sauberer“ kriegen als ein Mensch, aber eine besondere Qualität der menschlichen Pflege, nämlich gleichzeitig eine Beziehungsdimension zu haben, geht dabei verloren. Ein professionelles Catering bringt zwar vielleicht ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis zustande, aber eine gemeinsame Mahlzeit von Selbstgekochtem hat eben eine zusätzlich Qualität, weil nicht das Sattwerden, sondern die Beziehung der Beteiligten im Zentrum steht.

Damit will ich nicht sagen, dass überall da, wo menschliche Beziehungen im Spiel sind, keine Maschinen eingesetzt werden sollen. Manchmal kann der Einsatz von Maschinen Beziehungen fördern und stützen und zum guten Leben für alle beitragen, manchmal kann er sie aber auch beschädigen und zerstören. Die Pflege von alten Menschen zum Beispiel ist ohne jegliche technische Unterstützung sehr anstrengend und mühsam. Das kann zur Überforderung führen und sich negativ auf die Beziehung zwischen Pflegerin und Pflegebedürftiger auswirken. Wenn aber im Gegenteil fast die gesamte Pflegearbeit von Maschinen oder rein professionellen Kräften erledigt wird, kann sich das ebenfalls negativ auf die Beziehungen auswirken, wenn zum Beispiel Kinder und Enkel die Großmutter sonntags im Altenheim besucht und mühsamen Smalltalk gemacht wird, man sich aber eigentlich nicht viel zu sagen hat, weil es keinen geteilten Alltag gibt.

Ein anderes Problem, das sich vor allem durch den Einsatz von Algorithmen stellt, ist die Unterordnung des Einzelfalls unter die statistische Wahrscheinlichkeit. Gerade in der Medizin ist das ein Problem, wenn etwa nicht mehr der Arzt oder die Ärztin über die Behandlung entscheidet, sondern „der Computer“. Gerade habe ich von einem Fall gehört, in dem eine Patientin wiederholt mit einem Medikament behandelt wurde, auf das sie allergisch reagiert. Obwohl ihre Angehörigen die Ärzte immer wieder darauf hingewiesen haben, wurde es immer wieder eingesetzt, denn „im Allgemeinen wird auf dieses Medikament sehr gut reagiert“, wurde ihnen mitgeteilt.

Algorithmen berücksichtigen Einzel- und Sonderfälle nicht, im wirklichen Leben hat man es aber konkret mit überhaupt nichts anderem zu tun als mit Sonder- und Einzelfällen. Und es liegt eben im Wesen von Sonder- und Einzelfällen, dass es völlig uneffizient ist, ihnen Aufmerksamkeit und Zeit zu widmen.

Das alles ist natürlich nicht die Schuld der Maschinen und der Algorithmen selber, sondern eine Folge davon, dass wir sie im Rahmen einer falschen symbolischen Ordnung zum Einsatz bringen. Die männliche westliche Ideengeschichte ist von zwei Grundfehlern geprägt, die sich hier auswirken: Die Abwertung von Beziehungen im Vergleich zu formalen Verhältnissen und Hierarchien, und die Abwertung der Kontingenz (also des Zufälligen, des Einzelfalls) im Vergleich zu verallgemeinerbaren und universalen Gesetzmäßigkeiten.

Wenn diese Art zu denken zusammenkommt mit dem Potenzial von Maschinen und Algorithmen, dann hat es genau die negativen Auswirkungen, die wir überall beobachten können: Die Maschinen und Algorithmen werden aus reinen Effizienzgründen eingesetzt ohne Rücksicht darauf, wie sich das auf die Beziehungen unter Menschen auswirken, und ihr Einsatz führt dann dazu, dass die Einzel- und Sonderfälle, eben die Kontingenz, noch mehr unter die Räder kommt als sowieso schon.

Das ist aus meiner Sicht auch der Grund, warum so viele Frauen – und vor allem feministische Frauen, die die männliche symbolische Ordnung kritisch reflektieren – eine tendenziell technikkritische Haltung einnehmen.

Ich finde, dies ist ein Punkt, an dem wir weiter denken sollten. Ein erster Vorschlag wäre, als Sinnbild für freies Tätigsein nicht die von den realen und materiellen Notwendigkeiten des Lebens entfremdeten Männer auf der athenischen Agora zu nehmen, sondern Männer und Frauen, die sich bei ihrem Arbeiten oder Tätigsein an den Notwendigkeiten der Welt orientieren und ihre dabei gemachten Alltagserfahrungen politisch und philosophisch reflektieren. Die sich von Maschinen unterstützen lassen, allerdings nicht unter dem Leitbild der Effizienz und des Möglichst-wenig-arbeiten-Müssens, sondern unter dem Leitbild des guten Lebens für alle Menschen und gelingender Beziehungen untereinander.

Vollkommen schamlos

sufi

Achtung, dieser Blogpost enthält Spuren von Frömmigkeit.

Nachdem mir ja das Kirchentagsprogramm keine große Hilfe im Auffinden interessanter Veranstaltungen war, benutzte ich gestern Abend einfach die Funktion „In der Nähe“ der Kirchentags-App und besuchte die einzige Veranstaltung in der Gegend meines Hotels: „Drehtanz aus der Sufi-Tradition zum Mitmachen“ in der Apostelkirche in Eimsbüttel.

Und was soll ich sagen? Es war eine gute Wahl (bzw. eben keine Wahl meinerseits, sondern göttliche Fügung, haha. Kein Scherz).

Sufi ist ja eine muslimische Variante der Mystik, also eine Praxis, wie man unmittelbare Verbindung zu Gott bekommen kann („unmittelbar“ heißt, ohne Vermittlung etwa über eine Heilige Schrift oder einen Priester etc.). In diesem Fall besteht diese Praxis darin, sich dauernd im Kreis zu drehen, und zwar immer in dieselbe Richtung, zu einer meditativen Musik.

In der Apostelkirche waren eine Art „Sufi-Band“ und einige professionelle Sufi-Tänzerinnen und Tänzer, die genaue Einführung habe ich nicht mitbekommen, weil ich zu spät kam, aber sie hat auch nicht lange gedauert, das meiste war tatsächlich das Tanzen. Oder sich im Kreis drehen. Dazu gab es keine Anleitung oder so, es ging einfach die Musik los und dann haben die Leute aus dem Publikum angefangen zu tanzen, je nachdem wie sie Lust hatten. Natürlich nicht alle, aber doch viele, im Übrigen auch viele Männer. Einige schienen auch schon Erfahrung darin zu haben, anscheinend gibt es in Deutschland Kurse für Sufitanz. Erkennbar waren die „Profis“ daran, dass sie Spezialschuhe trugen, Spezial-Sufi-Schuhe, eine Art Mischung aus Ballerinas und Stiefeletten.

Wie auch immer, ich selbst tanzte nicht mit, sondern saß nur da und schaute mir das an, allerdings zweieinhalb Stunden lang praktisch bewegungslos, wodurch ich auch ein bisschen in Trance geriet. Ein paar der Mantras habe ich mitgesungen. Allah u Allah.

Und irgendwann merkte ich, dass ich richtiggehend glücklich war, genau an diesem Ort zu sein. Vor meinen Augen hatte ich all die Klischees, die über die evangelische Kirche so kursieren, die Männer-Softies in unmodischen Cordhosen und Blazern über Rollkragenpullis, die dicken Frauen in den wallenden Leinenkleidern, die hageren Betschwestern und so weiter, ja, sie alle waren da, und nicht nur das, sie tanzten da auch noch nach irgendwelchen orientalischen Klängen albern im Kreis herum. Sie wären ein gefundenes Fressen gewesen für jeden taz- oder Titanicreporter.

Aber diesen Menschen war das völlig egal. Sie kannten keine Scham. Sie bewegten ihre alten und jungen, weiblichen und männlichen, sehr sehr dicken und sehr sehr dünnen, eleganten und plumpen, beweglichen und steifen Körper durch diese Kirche, mit albernen Gesichtern und komischen Verrenkungen, manche schnell und souverän, andere im Schneckentempo, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, darüber zu lachen. Es war einfach keinerlei Coolness im Raum. Und selbst die wenigen, die sich möglicherweise ein wenig eitel darin gefielen, das Sufitanzen schon besonders gut zu beherrschen, störten das Gesamtgeschehen nicht. Wenn überhaupt, dann waren eher sie es, die ein bisschen lächerlich wirkten, aber nicht mal das. Gestern Abend, an diesem Ort, brauchte sich niemand wegen irgendetwas zu schämen, nichtmal wegen eventueller Eitelkeit. Ich saß zweieinhalb Stunden auf meinem Hintern, hörte die Musik, sah den Menschen zu, und war glücklich.

„Und sie kannten keine Scham“ wird über Eva und Adam im Paradies gesagt. Und ich glaube, das ist wirklich etwas, das paradiesische Zustände beschreibt: ein Ort, wo niemand sich schämt, wo alle so sind, wie sie sind, ohne beurteilt zu werden. Ein Ort, wo man sicher sein kann, dass jemand zu Hilfe kommt, wenn man hinfällt (und es sind gestern Abend einige hingeknallt, die vermutlich ihre Fähigkeit überschätzt hatten, sich ohne schwindlig zu werden dauernd in dieselbe Richtung zu drehen), und zwar ohne dass die Frage der Schuld überhaupt nur von Ferne im Raum steht. Ein Ort, wo die Körperlichkeit des Menschen zentral wichtig ist und geschützt wird, ohne dass damit irgendwelche Normierungen und Erwartungen und Ideale in irgendeiner Weise verbunden sind.

Einen Ort, an dem wir wirklich „nackt“ sein können, so nackt, wie sich die Menschen bei diesem Sufitanzen gemacht haben, obwohl sie natürlich Kleider am Leib hatten. Also ehrlich, ich glaube, ich war gestern Abend kurz im Paradies.