Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

© lisalucia - Fotolia.com

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(Dies ist ein Artikel in der Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen)

Im Editorial der aktuellen brandeins schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer einen Satz, der mir zu denken gab. Er lautet:

Wolf Lotter unterbrach gern seinen Elternurlaub, um aus … zu erzählen.

Der Informationsgehalt ist ein doppelter. Erstens: Wolf Lotter ist im Elternurlaub (Kekse !!!). Und zweitens: Er ist gern bereit, seinen Urlaub zu unterbrechen, wenn es in der Firma etwas wichtiges zu tun gibt (Kekse !!!).

Unbeantwortet bleibt die dritte Frage: Und wer versorgt jetzt das Kind?

Einen Elternurlaub kann man ja nicht einfach so unterbrechen wie einen Mallorcaurlaub. Mallorca ist es egal, wenn man ihm den Rücken kehrt und zurück an den Schreibtisch eilt. Ein Kind hingegen muss trotzdem weiter versorgt werden, stündlich. Vermutlich hat Lotters Kind eine Mutter, die hier einspringt, oder es gibt andere Erwachsene, die das tun, oder Lotter schafft es, beides zu vereinbaren, ich weiß es nicht.

Aber die Frage zu stellen: Und wer versorgt das Kind? ist wichtig, weil sie zentral ist für die derzeitigen Debatten um Elternschaft.

In Bezug auf Vaterschaft hat heute das alte patriarchale Modell ausgedient, wonach ein Vater Familienoberhaupt ist, das Entscheidungen für Frau und Kinder trifft und Geld verdient, aber in die alltägliche Hausarbeit kaum involviert ist. Doch es ist noch nicht so genau klar, was Vaterschaft denn künftig stattdessen bedeuten soll.

Bei mir gehen bei Sätzen wie dem oben zitierten gewisse Alarmglocken an, weil dahinter die Idee steckt, dass Vaterschaft sich künftig zwar bis zu einem gewissen Grad am Modell von Mutterschaft orientiert (konkrete Fürsorge für das Kind im Alltag), allerdings nur als Option beziehungsweise auf Zeit. Zwei „Vätermonate“ eben, oder Elternurlaub, der unterbrochen werden kann. Ähnlich scheint es zum Beispiel auch Malte Welding zu gehen, der das Thema in seinem Blog ausführlich diskutiert hat.

Ich möchte deshalb den Gedanken in die Debatte bringen, dass das Modell „Kinderversorgen als Option“ nur denkbar ist, wenn es andere Menschen gibt, für die das Kinderversorgen eben keine Option, sondern undiskutierbare Notwendigkeit ist. Diese Menschen nenne ich einfach mal „Mütter“, weil genau das das traditionelle Modell von Mutterschaft war: „Mutter“ ist diejenige, die letzten Endes für die Versorgung des Kindes zuständig ist. Sie kann diese Arbeit delegieren, an Väter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen. Aber wenn sich niemand anderes findet, muss sie es selbst machen.

Diese Unterscheidung zwischen „Vätern“ (Fürsorgearbeit als Option) und „Müttern“ (Fürsorgearbeit als undiskutierbare Notwendigkeit) ist natürlich nicht unbedingt an das Geschlecht der betreffenden Personen gebunden, aber sie ist auch nicht völlig losgelöst davon. Denn hier setzt sich eine Realität fort, die die ungleiche Beteiligung von Elternpersonen vor der Geburt widerspiegelt: Die der Schwangeren und der Nicht-Schwangeren.

Solange ein Kind noch nicht geboren ist, ist es Teil des Körpers einer schwangeren Frau*. Im Zustand des Schwangerseins ist aufgrund purer biologischer Umstände Elternschaft keine Option, die zum Beispiel für einen Job mal eben unterbrochen werden kann. In diesem Zustand sind nur Tätigkeiten möglich, die mit der Elternschaft (dem Schwangersein) vereinbar sind, punkt, basta.

Und zwar im Unterschied zu den nicht-schwangeren Elternteilen. Sie sind in ihren sonstigen Aktivitäten durch die bevorstehende Geburt in keinerlei Weise körperlich eingeschränkt, sie können in der Woche vor dem Geburtstermin noch einen Marathon laufen oder sich bewusstlos saufen, ohne dass das – auf der körperlichen Ebene – irgend eine negative Auswirkung auf das Kind hat. Wenn sie darauf, etwa aus Solidarität mit der schwangeren Frau, verzichten, dann tun sie das aus sozialen Gründen, freiwillig: Für sie ist Option, was für die Schwangere undiskutierbare Notwendigkeit ist.

Die historisch überkommenen Geschlechterrollen verlängern diesen Zustand sozusagen in die Zeit nach der Geburt. Das hat nichts mit moralischer Schuld zu tun. Es ist auch nicht so, dass die Frauen* hier per se den schwarzen Peter haben, denn die Männer* bestehen auf der Optionalität ihrer Fürsorgetätigkeit in der Tat oft nicht einfach aus Faulheit, sondern durchaus aus Verantwortungsbewusstsein, nämlich dem, für die finanzielle Absicherung sorgen zu müssen, nicht  nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und deren Mütter (Vgl dazu auch meinen Post „Paarbildung“)

Worum es mir geht ist, dass die Symbolifigur „Elternarbeit als Option“, wie sie in dem brandeins-Zitat bekräftigt wird und auch im tatsächlichen Verhalten vieler „neuer“ Väter zum Ausdruck kommt, nicht zum neuen Interpretationsmodell für Elternschaft generell werden darf, denn dies widerspricht der Bedingtheit des Menschseins: In Bezug auf Babies und kleine Kinder ist Elternarbeit eben keine Option, sondern eine undiskutierbare Notwendigkeit, die erledigt werden muss. Von irgend jemandem. Dieser jemand ist dann die Mutter*.

Diese Person muss nicht identisch sein mit der Frau, die das Kind geboren hat, denn bei der Geburt wird der Körper des Kindes vom Körper der schwangeren Frau getrennt. Dass sie es aber auch heute noch, nach Jahrzehnten aktiver Gleichstellungspolitik nach wie vor fast immer ist, liegt meines Erachtens daran, dass wir die Nicht-Optionalität von Elternsein nicht genügend diskutieren und in unserem Handeln und Sprechen bewusst machen.

Wenn wir die traditionellen Bedeutungen von Mutterschaft und Vaterschaft ablehnen und an ihrer Stelle neue einführen möchten, müssen wir also unbedingt die Frage stellen und beantworten: Wie ist verlässlich dafür gesorgt, dass die früher den Müttern zugeschriebene Aufgabe, nämlich im Fall dass das Kind etwas braucht, alles andere ohne Wenn und Aber hinten anzustellen und die notwendige Arbeit zu tun, auch in Zukunft erfüllt wird? Optionale Vaterschaft ist da keine Lösung. Und solange wir keine Lösung haben, wird diese Funktion, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei den Frauen hängenbleiben, die ein Kind geboren haben.

Das Trauerspiel von Schwäbisch-Gmünd

koffer

Foto: schockwellenreiter/ Flickr.com cc-by-nc-nd

Oft schreibe ich hier im Blog ja eher theoretisch, und in letzter Zeit oft über mein Unbehagen an der Art und Weise, wie politischer Diskurs abläuft, oder aber über die Sackgasse, in die es führt, wenn „Arbeit“ auf individuelle Erwerbsarbeit verkürzt wird. Nun gibt es ein aktuelles Beispiel dafür, das das auf so traurige Weise anschaulich macht: Das gescheiterte „Kofferträger-Projekt“ von Schwäbisch-Gmünd.

Hier gab es ein konkretes Problem, nämlich dass der Bahnhof umgebaut wird und Menschen ihre Koffer über eine provisorische Brücke schleppen müssen, was für viele beschwerlich und für manche unmöglich ist. Es kam die Idee auf, dass Asylbewerber, die dort in einer Sammelunterkunft leben, die Koffer tragen könnten, gegen ein kleines Entgelt von gut einem Euro pro Stunde – mehr dürfen Asylbewerber laut Gesetz nicht verdienen.

Stadt und Bahn fanden die Idee ebenso gut wie einige der Flüchtlinge: Der Oberbürgermeister sah darin einen Schritt zur Integration, die Bahn einen billigen Service für ihre Fahrgäste, und für einen Asylbewerber macht es durchaus einen Unterschied, acht Euro am Tag zu haben oder nicht zu haben, zumal wohl auch noch Trinkgeld dazu gekommen wäre.

Dass das ganze Konstrukt problematisch sein könnte, an koloniale Bilder vom „Kofferträger“ erinnert und Ausbeutung einer konkreten Notlage bedeutet, schien im Vorfeld niemand bemerkt zu haben, bis sich über soziale Netzwerke eine Flut an Kritik und Protesten über die Aktion entlud. Nun ist sie eingestellt.

Hätte es denn wirklich keine Lösung gegeben? Hat denn überhaupt jemand eine Lösung gesucht? Nein, so zumindest mein Eindruck, stattdessen riefen alle nur: Das geht nicht!

„Das geht nicht, dass wir den Flüchtlingen mehr als einen Euro bezahlen, denn per Gesetz dürfen sie nicht mehr verdienen!“ riefen die einen. „Das geht nicht, dass wir Flüchtlinge für einen Euro schuften lassen, das ist Rassismus!“ riefen die anderen.

Und damit war die Patt-Situation hergestellt. Niemand kam offenbar auf die Idee, dass man vielleicht eine andere Sichtweise auf das Thema „Koffertragen“ finden könnte als das der individuellen Erwerbsarbeit. Wenn es so ist, dass die Bahn „eigentlich“ bereit gewesen wäre, für diese Tätigkeit Tariflohn zu zahlen, wenn es aber andererseits aufgrund der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht möglich ist, einzelnen Asylbewerbern mehr als einen Euro auszuzahlen – hätte man nicht etwas kreativer sein können?

Wie wäre es zum Beispiel, zu sagen: Die Flüchtlinge verdienen zwar Tariflohn, bekommen aber individuell nur den vorgeschriebenen einen Euro ausgezahlt, und der Rest des Geldes geht in einen Fonds, der der Ausstattung der Sammelunterkunft zugute kommt? Das ist nur so eine spontane Idee (die nicht von mir ist, sondern von einem Freund, mit dem ich darüber gesprochen habe). Vielleicht hätte es noch andere Lösungen gegeben.

Mein Punkt ist, dass das Scheitern dieses Projektes, wie so oft, daran liegt, dass beide Seiten offenbar mehr Wert darauf legen, „Recht zu haben“, als darauf, eine gangbare Lösung zu finden. Und dass dieses Lösungfinden eben daran scheitert, dass allgemeine Prinzipien auf eine konkrete Situation angewandt werden, anstatt von einer konkreten Situation ausgehend Verfahrensweisen zu suchen, die gleichzeitig praktikabel wie auch symbolisch akzeptabel sind.

Vordergründig stehen sich hier zwei Positionen gegenüber: Die Prinzipienreiter und die Pragmatiker. Aber das ist wieder mal ein falscher Dualismus, der direkt in eine politische Sackgasse führt. Vielmehr ist es so, dass ein Prinzip, das auf die Realität nicht passt, ungeeignet ist, diese Realität zu beschreiben. Und ein Pragmatismus, der symbolisch falsche Bilder bedient, nützt auch in der Realität nichts, sondern richtet Schaden an.

Worauf es ankommt ist, die konkrete Situation ernst zu nehmen, sich also nicht mit einem Ausgang zufrieden zu geben, der konkret den Beteiligten mehr schadet als nutzt – so wie es jetzt für die betroffenen Flüchtlinge der Fall ist. Aber nicht, indem prinzipielle Einwände mit dem Pragmatismusargument abgeschmettert werden, sondern indem die Prinzipien entsprechend überdacht und verändert werden.

In diesem Fall war es das Prinzip „Jede Arbeit muss unter dem Aspekt individueller Erwerbsarbeit betrachtet werden“, das den Blick für ein kreatives Weiterdenken verstellt hat, und zwar auf beiden Seiten.

So schade.

Update: Vielleicht geht es in Schwäbisch Gmünd weiter, der OB hatte offenbar eine ähnlich Idee 🙂 

Von sich selbst ausgehen und die „anderen“

arbogast

Wir sind das: Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht, Andrea Trenkwalder-Egger (hinten), Caroline Krüger, ich, Dorothee Markert, Cornelia Roth und Anne Claire Mulder (vorne, jeweils von links nach rechts).

Ende August veranstalte ich, wie einige wohl schon mitbekommen haben, zusammen mit acht Freundinnen eine „Denkumenta“, einen Kongress zum Weiterdenken am ABC des guten Lebens. Ich habe die Organisation der Anmeldungen übernommen und stelle fest: Die dort hinkommen werden, sind alle ziemlich ähnlich wie wir selbst: Weiße Frauen zwischen 40 und 70. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: Es sind auch einige Männer dabei, auch einige jüngere und einige ältere Frauen. Aber die meisten sind wie wir.

Überraschung? Nein, so ist das immer: Die demografische Zusammensetzung derjenigen, die etwas initiieren, spiegelt sich ziemlich genau in der demografischen Zusammensetzung derjenigen wieder, die sich für die initiierte Sache interessieren und daran beteiligen möchten.

So ist es ja nicht nur bei uns, sondern auch bei Wikipedia, um nur ein sehr offensichtliches Beispiel zu nennen 🙂

Als wir uns im März zur Progammplanung trafen, hat sich das schon abgezeichnet, denn auch diejenigen, die auf unseren „Call for Contributions“ geantwortet hatten und sich mit eigenen Beiträgen am Programm beteiligen, passen in unser demografisches Profil. Wir haben dann kurz darüber gesprochen, ob wir vielleicht aktiv gegensteuern sollten: Gezielt jüngere Frauen ansprechen? Männer ansprechen? Women/Men of Colour? Oder andere „andere“? Sollen wir versuchen, uns zu „diversifizieren“?

Schnell war uns klar, dass das Quatsch ist. Und zwar aus zwei Gründen.

Erstens sind wir durchaus „diversifiziert“. Wir sind religiös oder atheistisch, Heteras oder Lesben, haben mehr oder weniger Geld, sind Mütter oder nicht. Ganz abgesehen von den unterschiedlichen Meinungen, die uns viel Stoff zur Diskussion bieten. Es ist ein Fehler, zu glauben, Frauen zwischen 40 und 70 seien eine irgendwie homogene Gruppe.

Zweitens würde es ohnehin nicht funktionieren. Wir haben, indem wir bei der Vorbereitung von uns selbst ausgingen und dem, was uns interessiert, den Rahmen unweigerlich bereits abgesteckt. Wir können nicht von „anderen“ verlangen, dass sie sich für unsere Anliegen interessieren – wir können nur offen und einladend sein für diejenigen, die es von sich aus tun. Sie sind herzlich willkommen. Wir werden dafür sorgen, dass es auch für sie ein angenehmes und interessantes Treffen wird. Weil es uns ja ausgesprochen freut, wenn sich „andere“ für unsere Themen interessieren und den Austausch mit uns suchen.

Aber all das wird selbstverständlich nichts daran ändern, dass dieser Kongress einer sein wird, der von den Perspektiven, Interessen und Themen von „Leuten wie uns“ dominiert wird.

Wenn wir mit „anderen“ ins Gespräch und in Austausch kommen wollen, dann geht das nicht, indem wir sie dazu einzuladen, „bei uns mitzumachen“. Dann müsste die ganze Veranstaltung ganz von vorne anders geplant werden. Wir könnten dann nicht darauf warten, dass die „anderen“ zu uns kommen, sondern wir müssten zu ihnen gehen, Beziehungen aufbauen, uns für ihre Themen interessieren.

Daraus könnten sich dann neue Projekte und Initiativen entwickeln, die wir gemeinsam anstoßen, und von denen wir allein gar nicht wissen können, wie sie aussehen. Jedenfalls würden sie ganz anders aussehen, als das, was wir selbst uns vorstellen.

Vielleicht machen wir das später noch mal. Als Einzelne machen wir das schon jetzt, in diversen anderen Projekten.

Aber diesmal nicht, diesmal denken wir an unseren Themen weiter, ausgehend von uns selbst, in all unserer Unterschiedlichkeit. Und ohne uns einzubilden, wir wären der Nabel der Welt und unsere Erfahrungen und Ansichten der Maßstab für alle. Das ist der Schlüssel.

Ich schreibe das hier auf, weil es mir schon länger im Kopf herum geht, und weil ich mit der Frage: „Wie erreichen wir die anderen?“ sehr oft konfrontiert bin. Meistens fragen Leute: „Wie erreichen wir die Frauen?“ – Oft wird auch gefragt: „Wie erreichen wir die Jüngeren?“. Mein Rat ist: Vergesst es, ihr „erreicht“ sie nicht. Euer Vorhaben, das eigene Angebot für „andere“ attraktiv zu machen, ist zum Scheitern verurteilt. Weil schon die dahinter stehende Denkweise falsch ist.

Die „anderen“ – und das gilt, so behaupte ich, generell und ist auf alle möglichen Situationen anwendbar – sind keine „Zielgruppe“, die „erreicht“ werden muss, sondern sie sind ein Gegenüber. Wer mit ihnen den Austausch sucht, darf nicht versuchen, sie irgendwie „anzulocken“, sondern muss hingehen. Also nicht fragen: „Wie kann ich es erreichen, dass sie sich für mich interessieren?“ sondern fragen: „Interessiere ich mich denn überhaupt für sie? Und wenn ja: Warum gehe ich dann nicht zu ihren Veranstaltungen?“

Und beides schließt sich ja auch gar nicht aus. Man kann an dem einen Wochenende das Eigene machen (was Offenheit für „andere“, die sich dafür interessieren, meiner Ansicht nach sowieso beinhalten sollte), und an dem anderen Wochenende sucht man den Austausch mit anderen, die aus anderen Kontexten kommen und andere Themen haben.

Wobei das Ereignis, das wirklich „alle“ umfasst, vermutlich erst noch erfunden werden muss. Und wahrscheinlich auch ziemlich langweilig wäre. Wichtig ist nämlich nicht, nach Universalität zu streben, sondern sich in jeder gegebenen Situation der eigenen Position und Perspektive bewusst zu sein. Und nicht den Anspruch zu erheben, für andere zu sprechen.

PS:
Wenn Ihr zur Denkumenta kommen wollt, ein paar Plätze sind noch frei.

Ich bin für ein (nicht-Ehegatten)-Splitting 2.0

LUX_1302_TITEL_130712_01-471x591Die Rosa Luxemburg Stiftung hat gerade unter dem Titel „Luxemburg 2“ eine Zeitschrift – eher ein Buch – veröffentlicht, in dem auch ein Artikel von mir ist, nämlich ein Plädoyer für ein „Ehegattensplitting 2.0“. Er baut eine These aus, die ich schon in einem früheren Blogpost formuliert hatte, nämlich dass das Problem am Ehegattensplitting nicht das „Splitting“, sondern das „Ehegatten“ ist, also nicht die Tatsache, dass es Steuererleichterungen für Lebensgemeinschaften und Kollektive gibt, sondern die Tatsache, dass diese Erleichterungen auf „Ehegatten“ (neuerdings auch homosexuelle) beschränkt sind.

Leider ist der Artikel nicht online verfügbar, aber die ganze Zeitschrift (das Buch) könnte ihr für 10 Euro bestellen, und es enthält auch noch viele andere Texte, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema neue Arbeitsformen, Care und Fürsorge, Feminismus und so weiter beschäftigen.

Zu meinem Artikel gibt es eine Erwiderung von von Katrin Mohr, die ein „Splitting 2.0“ ablehnt, weil es ihrer Ansicht nach die Abhängigkeit dennoch zementiert, halt nicht mehr nur die Abhängigkeit von Ehefrauen von ihren Ehemännern, sondern dann eben die Abhängigkeit von der WG oder eben sonstigen Lebensgemeinschaft.

Das ist lesenswert, und mich interessiert, wie Ihr das seht. Allerdings bemerke ich an mir selbst in letzter Zeit ein paar Ermüdungserscheinungen in Bezug auf einen Teil des „linken“ Diskurses, der, so scheint mir, nicht über die Idee hinauskommt, dass die Lösung für alles immer über Erwerbsarbeit laufen muss. Ich singe dann neuerdings immer ganz laut Bernadette La Hengsts Lied zur Senkung der Arbeitsmoral, und dabei vor allem die Zeile „Denn dies ist kein Arbeiterlied“!

Und ich verweise gerne auf die tolle Rede von Clara Zetkin, die schon 1889 bemerkt hat, dass der Wechsel der Frauen von unbezahlter Hausarbeit zu bezahlter Erwerbsarbeit nicht per se ein Zugewinn an Freiheit ist, sondern dass sie damit letztlich „nur den Herren gewechselt“ haben, nämlich die Abhängigkeit vom Ehemann (oder: im Konzept Splitting 2.0, die Abhängigkeit von anderen Partner_innen oder Kollektiven) gegen die Abhängigkeit vom „Kapitalisten“, bzw. eben vom Arbeitsmarkt eingetauscht.

In unserem ABC des guten Lebens ist „Abhängigkeit“ nicht zufällig der erste Begriff, nicht nur alfabetisch, sondern auch systematisch. Unabhängigkeit gibt es in menschlichen Gesellschaften nicht, wir sind immer auf andere angewiesen. Kein Mensch ist autonom. Und worum es geht, das ist nicht, die Abhängigkeit angeblich abzuschaffen, was eine Illusion ist, sondern die Abhängigkeit so zu gestalten, dass sie möglichst hierarchiefrei ist und möglichst viel Freiheit ermöglicht.

Und dann kommt es eben ganz auf den Kontext beziehungsweise die Ausgestaltung an. Die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt ist nicht per se besser als die Abhängigkeit von Beziehungsnetzen – wobei dasselbe natürlich auch andersrum gilt.

Frauen „wissen” weniger von Politik – aber von welcher?

home_coverAnfang Juli machten Meldungen über eine Studie des britischen „Economic and Social Research Council” (ESRC) die Runde. Ausgehend von der schon aus vielen anderen Untersuchungen bekannten Tatsache, dass Frauen überall auf der Welt weniger Faktenwissen über politische Sachverhalte haben als Männer, wollte die Studie untersuchen, ob und wie diese Lücke zusammenhängt mit dem in einem jeweiligen Land erreichten Status an Geschlechtergleichheit.

Das für manche überraschende Ergebnis war, dass es eine deutliche kontra-intuitive Korrelation zwischen beidem gibt, dass nämlich dieser Unterschied umso größer ist, je gleichberechtigter die jeweiligen Gesellschaften sind. Frauen im emanzipationsmäßig vorbildlichen Norwegen, aber auch in UK oder Kanada haben im Vergleich zu ihren männlichen Landsleuten weniger politisches Faktenwissen als Frauen in Ländern mit eher patriarchalen Gesellschaftsstrukturen wie Südkorea, Griechenland, Italien oder Kolumbien. Dass es sich wirklich um eine Geschlechterdifferenz speziell in Bezug auf politisches Faktenwissen handelt, wurde durch Kontrollfragen zu anderen Themen verifiziert, bei denen sich keine solche Differenz gezeigt hat.

Mich hat das Ergebnis nicht so sehr überrascht, denn ich interessiere mich schon länger für die Unterschiede in Bezug auf das, was Frauen und Männer jeweils unter Politik verstehen, wie Frauen und Männer sich Politik wünschen und was ihnen dabei jeweils wichtig ist. So interessieren sich deutlich mehr Männer als Frauen für institutionelle Verfahrensweisen oder Parteikarrieren – man denke nur, jüngstes Beispiel, an die Urwahl der Grünen für ihr Spitzenduo zur Bundestagswahl, wo neben den vier aussichtsreichen Kandidat_innen sich noch zehn weitere Männer zur Wahl aufstellen ließen, aber keine einzige Frau.

Frauen unterscheiden deutlicher zwischen Macht und Politik, gehen seltener und weniger gern den Weg juristischer Auseinandersetzungen, haben ein weniger empathisches Verhältnis zu formalen Politikstrukturen und ihren Ämtern. Und daher ist es meiner Ansicht nach auch kaum verwunderlich, dass sie gerade dort, wo sie nicht mehr so sehr gegen formale und strukturelle Diskriminierung kämpfen müssen, andere Prioritäten setzen. Je größer die Freiheit der Frauen ist, umso weniger sehen sie sich genötigt, sich an einer männlichen Norm orientieren zu müssen, um anerkannt zu sein. Sie beschäftigen sich eben mit den Sachen, die sie wirklich interessieren, und nicht mit denen, für die sie sich unter Gleichstellungsgesichtspunkten interessieren sollten. Und wenn sie sich für institutionelle Repräsentationspolitik nicht so sehr interessieren, wissen sie natürlich auch nicht so viel darüber.

Weil aus den Pressemeldungen aber nicht genau ersichtlich war, wie die Studie aufgebaut war, welche Fragen genau in welchen Ländern überhaupt gestellt wurden, und wie die Ergebnisse im Detail ausgefallen sind, habe ich mir eine umfangreiche Auswertung schicken lassen – was, großes Lob an den ESRC – auch sehr unkompliziert mit einer simplen Mail ging.

Leider war Deutschland nicht dabei, die Studie hat einen starken Fokus auf die anglophonen Länder: Australien, Kanada, USA und UK waren sozusagen das eigentliche Interesse, die anderen Länder dienten vor allem als vergleichende Beispiele. Aus Europa waren Griechenland, Italien und Norwegen dabei, aus Asien Südkorea und Japan, aus Lateinamerika Kolumbien. Kein einziges Land aus Osteuropa und auch keines aus Afrika waren vertreten.

Dass Afrika und Osteuropa gefehlt haben, ist deshalb schade, weil dort noch einmal ganz andere Gesellschaftsstrukturen gerade in Bezug auf das Geschlechterverhältnis vorherrschend sind. Dass Deutschland fehlte, ist schade, weil hier das Setting mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin anders ist als in Ländern mit männlichen Regierungschefs. Zumal die Studie einen Zusammenhang ergeben hat, wonach Frauen mehr Faktenwissen über Politik haben, wenn Frauen in der politischen Berichterstattung vorkommen und wenn Frauen Akteurinnen mit politischen Ämtern sind.

Besonders interessant fand ich in diesem Zusammenhang, dass vor allem die „Quality-Papers“ (also die großen Zeitungen mit politischem Schwerpunkt) sehr viel mehr Aktivitäten von Männern berichten als Aktivitäten von Frauen, und zwar relativ unabhängig vom Stand der Gleichberechtigung in dem jeweiligen Land. Im Fernsehen hingegen ist das Verhältnis von Frauen und Männern weniger krass verzerrt (wenn auch lange nicht ausgewogen) – allerdings stellt sich dabei natürlich auch noch die Frage, wie Frauen dort gezeigt werden. Jedenfalls geben laut Studie in allen Ländern die Männer einen deutlich größeren Medienkonsum an als die Frauen, und zwar in allen Medien (Zeitungen, Fernsehen, Radio, Internet).

Ich sehe dabei durchaus auch einen Zusammenhang mit der oben erwähnten Geschlechterdifferenz im Bezug auf das, was jeweils unter Politik verstanden wird. In den Medien (und in den Fragen der Studie) steht vor allem das im Fokus, was italienische Feministinnen einmal „zweite Politik“ genannt haben, nämlich jene Politik, die die konkreten Kontexte des menschlichen Zusammenlebens in Richtung strukturelle Repräsentationslogik verlassen hat. Die „erste Politik“ hingegen findet im Lokalen statt, in Gewerkschaften, Schulbeiräten, Nachbarschaftsinitiativen, Umweltgruppen und so weiter. Aber über diese „erste Politik“ wird kaum in den „großen“ Medien berichtet, und deshalb wurde nach ihr auch nicht in der ESRC-Studie gefragt, denn die Fragen wurden jeweils landesspezifisch konstruiert anhand dessen, was von den „großen“ Medien berichtet worden war.

So entstand natürlich ein feiner Zirkelschluss: Die Medien berichten vor allem über das, was Männer tun und was Männer interessant finden, dann wird das, worüber die Medien berichten, für das relevante Wissen über Politik gehalten und zur Grundlage für Fragen gemacht, die dann – Überraschung! – Männer „richtiger“ beantworten als Frauen.

Trotzdem ist aber die Geschlechterdifferenz längst nicht der einzige Faktor, der hier eine Rolle spielt. So ist der Unterschied zwischen den einzelnen Ländern größer als der zwischen den Geschlechtern. Generell über wenig politisches Faktenwissen verfügen Menschen in Amerika, also Kolumbien und USA sowie die Frauen in Kanada (sie beantworteten weniger als 40 Prozent der Fragen richtig), während die Menschen in allen anderen Ländern sowie die kanadischen Männer vergleichsweise eng beisammen liegen (zwischen 40 und 60 Prozent richtige Antworten) und lediglich die norwegischen Männer mit über 70 Prozent richtigen Antworten einen Ausreißer nach oben bilden.

Außerdem gibt es auch eine klare Alterskorrelation: Je älter die Menschen sind, desto mehr politisches Faktenwissen haben sie, wobei dieser Trend bei den Männern stärker ist als bei den Frauen. Man kann also durchaus mit gewissem Recht sagen, dass die „zweite Politik“ ein spezielles Interessensgebiet älterer Männer darstellt. (Soziale Unterschiede etwa in Bezug auf Einkommen oder kulturellen Hintergrund wurden nicht gesondert untersucht, sondern nur bei der Auswahl der Befragten auf eine repräsentative Mischung bezüglich der Bevölkerung des jeweiligen Landes geachtet).

Bemerkenswert ist auch, dass der „Alterssprung“ hin zu mehr Wissen sich bei den Frauen erst jenseits der 54 Jahre zeigt, während Männer bereits ab 35 Jahren mehr Fragen richtig beantworten. In der Studie wird das damit erklärt, dass Frauen erst in höherem Alter sich politisches Faktenwissen aneignen, was damit zusammenhängen könnte, dass ihnen vorher die zeitlichen Ressourcen wegen Kindererziehung und -betreuung fehlen. Aber ich halte das nicht für den hauptsächlichen Grund, zumal die jüngeren Frauen ja offenbar durchaus Zeit haben, sich über andere Themen zu informieren.

Ich glaube, dass sich hier vor allem kohortenspezifische biografische Erfahrungen niederschlagen. Die Studie war ja keine Langzeitstudie, sondern nur eine Momentaufnahme, das heißt, die Ergebnisse bilden das Politikverständnis und -interesse bestimmter Jahrgänge ab. Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen müssen ihre Ursache also nicht im Alter als solchem haben, sondern das höhere politische Faktenwissen älterer Frauen auch in „gleichgestellten“ Ländern könnte damit zusammenhängen, dass diese Länder früher, als die betreffenden Frauen jung waren, überhaupt noch nicht gleichberechtigt waren. Erst die jüngeren und mittelalten Frauen sind ja bereits unter den Bedingungen relativ großer Gleichberechtigung aufgewachsen. Daher könnte der von mir vermutete Effekt, dass nämlich Frauen unter gleichberechtigteren gesellschaftlichen Bedingungen sich eher dafür entscheiden, andere Prioritäten und Relevanzkriterien in Punkto Politik zu setzen, eben für die älteren Frauen nur eingeschränkt gelten.

Bei den Männern hingegen hält sich der Charme der „zweiten Politik“ auch noch in den mittleren Alterskohorten der 35-54-Jährigen. Erst die noch jüngeren Männer interessieren sich für die Fakten dessen, was institutionellerweise als „Politik“ verstanden wird, fast so wenig wie die Frauen.

Die Verantwortlichen der Studie ziehen am Ende auch selbst den Schluss, dass ihr Ansatz eigentlich nicht geeignet war, um das politische Wissen und das Politikinteresse von Frauen zu erfassen, weil sie sich von der ganzen Anlage her eben an dem orientiert haben, was – vor allem ältere – Männer für Politik halten oder ins Zentrum ihres politischen Interesses stellen, und zwar sowohl die Politiker als auch die Journalisten und Redakteure der „quality papers“ als auch die normalen Bürger.

Von daher hoffe ich, dass das Vorhaben weiter verfolgt wird, das am Ende der Zusammenfassung der ESCR-Studie skizziert ist, nämlich der jetzigen Untersuchung über ‚männliche‘ Politik noch eine über ‚weibliche‘ Politik folgen zu lassen:

Women do as well or better than men in answering questions about ‚feminine‘ political knowledge such as local social policies that are more relevant to everyday life, or about specific politics pursued by women politicians. In order to track down whether or not national gender equity regimes influence women’s knowledge of ‚feminine‘ politics, we would like to revisit this subject and develop a questionnaire that better captures awareness of the political issues that women see as the most important.

Nur dass ich hier eben statt von ‚männlicher‘ und ‚weiblicher‘ lieber von ‚zweiter‘ und ‚erster‘ Politik sprechen würde.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Social Media

Wanderschuhe

Da war der Fuß noch nicht verknackst.

Eine häufige Kritik an Social Media und vor allem an Facebook ist, dass die Menschen dort vor allem ihre positiven Seiten präsentieren würden, sich selbst in ein gutes Licht rücken, und dass das zu Neid bei den anderen Nutzer_innen führen würde. Irgendwas an dieser Darstellung hat mich schon immer gestört, aber ich konnte es nicht recht fassen. Jetzt habe ich aber eine Idee.

Vergangene Woche war ich Wandern im Elsass und am Freitag knickte ich dabei um und verstauchte mir leicht den Knöchel. Das postete ich auf meiner Facebook-Pinnwand, wobei tatsächlich auch sacht leise im Hinterkopf die Mahnung pochte: Schreib doch nicht immer die tollen Sachen dahin, die du machst, sondern auch mal was Negatives.

Der Post bescherte mir kaum Likes (wem sollte es denn auch gefallen, dass ich mir den Knöchel verknackse), aber ein paar besorgte Mails und Ratschläge, was nun zu tun sei. Und das gab mir zu denken: Wenn Aufmerksamkeit das rare Gut im Internet ist, wieso habe ich die Aufmerksamkeit meiner Kontakte mit meinem popeligen verknacksten Knöchel in Anspruch genommen? So sehr, dass manche sich sogar Sorgen um mich machten? Ist Facebook für so was ein sinnvolles Medium?

Darüber fiel mir auf, dass ich eigentlich auch nicht so gerne „negative“ Postings von anderen lese, und zwar genau aus dem Grund, dass ich mir dann überlegen muss, ob und was ich eventuell darauf antworte. Denn auch wenn es sich bei Social-Media-Plattformen nicht um Medien für ausschließlich enge Freund_innen handelt, sondern eher um die Organisation von „schwachen Kontakten“, so handelt es sich aber doch letztlich um Beziehungen.

Es ist also ein Unterschied, ob ich in der Zeitung lese, dass sich irgend eine Promi beim Wandern den Knöchel verknackst hat, oder ob ich das bei Facebook von einer alten Schulfreundin, einem Arbeitskollegen oder auch nur von jemandem lese, mit dem ich schon regelmäßig in Kommentarspalten unserer Blogs diskutiert habe. Bei der Promi in der Zeitung sind keinerlei Beziehungen involviert, ich kann ihr Unglück voyeuristisch zur Kenntnis nehmen, vielleicht beruhigt es sogar meinen Neid darauf, dass sie zu den Schönen und Reichen gehört, denn immerhin verknackst sie sich ja auch den Knöchel.

Eine solche Haltung kann ich aber nicht Leuten gegenüber einnehmen, die ich persönlich „kenne“, auch wenn das Kennen nur sehr lose und sporadisch sein mag. Andererseits wäre ich aber auch emotional überlastet, wenn ich die verknacksten Knöchel all meiner Facebook- und Twitter-Kontakte auch nur zur Kenntnis nehmen wollte – von ihren wirklich ernsthaften Problemen ganz zu schweigen.

Und deshalb glaube ich, dass die intuitive Praxis der Nutzer_innen von Sozialen Medien, dort eher die positiven Aspekte ihres Lebens zu veröffentlichen, aber nicht die negativen, eine sehr sinnvolle ist: Sie vermeiden damit, ihrer Timeline zuviel „Beziehungskapazitäten“ abzuverlangen. Natürlich kommt dabei unterm Strich ein geschöntes Gesamtbild ihrer Existenz heraus, aber warum sollte das ein Problem sein?

Ja, der Neid, den das angeblich bei den anderen auslöst. Das Argument überzeugt mich aber nicht wirklich. Denn erstens gleicht es sich unterm Strich wieder aus (wenn ich selber nur die positiven Aspekte poste, dann gehe ich doch wohl davon aus, dass die anderen das eher auch so handhaben). Und zweitens ist Neid nur unter einer bestimmten kulturellen Perspektive etwas Schlechtes. Man kann ihn auch als Ausdruck eines Begehrens sehen, also als eine produktive Kraft: Wenn ich bei einer anderen etwas sehe, das ich auch gerne hätte, dann hilft mir das selbst bei der Orientierung, ich komme dadurch unter Umständen auf Ideen, kann mich ermutigt fühlen oder inspiriert. (Über das Verhältnis von Neid und Begehren habe ich früher schonmal was geschrieben.)

Positive Postings über eigene Erlebnisse und Erfahrungen haben, so meine These, in Sozialen Medien eine produktive Energie, sie machen eher glücklich als depressiv, und zwar nicht nur diejenigen, die sie posten, sondern auch diejenigen, die sie lesen. Und zwar auch dann, wenn der erste Impuls der Lesenden vielleicht „Neid“ sein mag.

Postings über persönliche Unglücke oder Probleme hingegen sind im Kontext von Sozialen Medien eher unproduktiv, sie verbreiten sozusagen „negative vibrations“. Sie setzen die Lesenden unter einen gewissen Druck, sich zu überlegen, ob sie nun reagieren sollen und wie: Beileid aussprechen, Hilfe anbieten, whatever. Sie erfordern also „Beziehungsarbeit“, und die wird zwar häufig unterschätzt, ist aber anstrengend und kräftezehrend.

Von daher machen wir es, entgegen allen Unkenrufen, genau richtig, wenn wir in Sozialen Medien ein geschöntes Bild unserer eigenen Existenz malen und über Probleme, Sorgen, Unglücke und so weiter nur in Ausnahmefällen etwas posten. Hier ist es besser, sich direkt an denjenigen Kreis von Freund_innen zu wenden, von denen man sich wirklich Hilfe oder Unterstützung erhofft oder erbittet, aber sie nicht einfach unadressiert zu veröffentlichen.

Please discuss.

PS: Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.

PPS: Anders verhält es sich mit „politischen“ Problem-Postings, also mit Nachrichten und Hinweisen auf Unglücke oder Problematisches, das nicht mich persönlich betrifft, sondern eine politische, gesellschaftliche Dimension hat. Der Unterschied liegt eben genau darin, dass solche Posts Informationscharakter haben und nicht eine Reaktion auf der Beziehungsebene erfordern.

Garbo statt Klum. Ein paar Gedanken zur Mittelmäßigkeit.

garbo

Ich denke weiter über Körpernormen nach. Nach wie vor glaube ich, dass sich heute im Vergleich zu vor dreißig Jahren (als ich 18 war) etwas wichtiges verändert hat, dass der Unterschied aber nicht darin liegt, dass Frauen sich zu dick fühlen – das taten sie damals wie heute – sondern darin, dass das Thema Körper und Aussehen heute einen anderen Stellenwert und eine andere gesellschaftliche Bedeutung hat. Aber welche?

Schon in der Kommentardiskussion zu meinem ersten Blogpost entstand bei mir die Vermutung, dass die Unzufriedenheit mit dem Körper heute möglicherweise oft nicht nur das ist, was es besagt – Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper eben – sondern dass das Körperthema ein Kulminationspunkt ist für Unzufriedenheiten aller Art mit sich selbst.

Selbstzweifel, ein gewisses Sich ungenügend Fühlen, gehört unweigerlich zum Leben dazu. Nobody is perfect. Heute aber herrscht, anders als früher, ein enormer Druck bei der Lebensplanung: unsichere Jobsituation, unsichere familiäre Rollenmodelle, ungewisse Zukunft – all das ist ein guter Nährboden dafür, sich ungenügend und überfordert zu fühlen.

Aber ich höre selten Menschen darüber sprechen, dass sie sich bei der Arbeit ungenügend fühlen, dass sie Angst haben, die Prüfung nicht zu schaffen oder keinen Job zu finden, oder dass sie generell an ihren Plänen für das weitere Leben zweifeln. Vielleicht spricht man über so etwas mit guten Freund_innen, aber es ist kein Thema bei Smalltalk, von ständigen Bemerkungen nebenbei.

Hingegen zu sagen, dass eins sich dick fühlt, dass dieses Stück Kuchen jetzt eigentlich zu viel ist, dass man eigentlich fünf Kilo abnehmen müsste, das passiert häufig. Ich höre es von Kolleginnen beim Mittagessen, neulich sogar von einer Wildfremden an der Käsetheke. Zu sagen: „Ich bin zu dick“ ist viel einfacher, als über andere Dinge zu sprechen, bei denen eins sich ungenügend gefühlt. Es wird schneller verstanden, ist sozial akzeptiert und nicht weiter erklärungsbedürftig. Aber es erfüllt eben dennoch den Zweck: das chronische Gefühl des Nicht-Genügens einfach mal rauszulassen, mit anderen zu teilen.

Zumal heutzutage Mittelmäßigkeit ja nicht mehr erlaubt ist. Das zeigt sich zum Beispiel in einem veränderten Verhältnis der „normalen Leute“ zu den „Stars“. Früher waren Stars etwas zum Anhimmeln, zum „Vergöttern“ (die Garbo), aber nichts, was eins ernsthaft auf sich selbst bezog. Die Garbo war die Garbo, und meine Mutter eine ganz normale Hausfrau. Heute hingegen sind Stars „Benchmarks“ für alle.

Das ist der eigentliche Grund dafür, warum Formate wie Germanys Next Topmodel so problematisch sind. Sie sagen uns nicht mehr: „Schau mal, wie außergewöhnlich schön diese Schauspielerin ist“, sondern: „Du kannst auch ein Topmodel sein, Du musst dich nur halt ein bisschen anstrengen.“

Hier schlägt letztlich eine pervertierte Variante der demokratischen Parole von der „Gleichheit aller Menschen“ durch, kombiniert mit einer Elitenideologie, in der Mittelmäßigkeit keinen Platz mehr hat. Und vielleicht ist das das eigentliche Problem: dass uns die Option auf Mittelmäßigkeit als normale und akzeptierte Daseinsform verloren gegangen ist, während es doch gleichzeitig in der Natur der Sache liegt, dass die Mehrzahl der Menschen eben mittelmäßig sind, in so ziemlich allen Bereichen des Lebens.

Früher war es eben ganz normal, mittelmäßig zu sein und ein durchschnittliches Leben zu führen. Natürlich ging das zuweilen auch mit einer ekligen Spießbürgerlichkeit einher. Man war stolz, nicht ins soziale Abseits „abzurutschen“ (und schaute verächtlich auf jene hinab, die sich dort befanden), hatte aber keinerlei Ambitionen, in die Glitzerwelt der Schönen und Reichen aufzusteigen. Das war ein gemütliches Leben, sozusagen.

Das Negative daran war diese „Schuster bleib bei deinen Leisten“-Ideologie, die zu Recht vom demokratischen Gleichheitsgedanken kritisiert worden ist. Weil sie verhinderte, dass Menschen überhaupt Ambitionen des Aufstiegs entwickelten. Aber der Kampf dafür, dass einzelne, die das wollen, die Möglichkeit zum Aufstieg bekommen, ist längst schon umgeschlagen in den Zwang zum Aufstieg. Wenn die das kann, warum du nicht auch?

Ein Freund erzählte mir von einem Managementprinzip in einem großen US-amerikanischen Konzern, das so funktioniert: Jedes Jahr werden die Top-Performer, die leistungsmäßig obersten 10 Prozent, belohnt, und die untersten 20 Prozent entlassen. Die Mittelmäßigen werden noch ein weiteres Jahr geduldet. Das System zeigt: Nur die Topleute sind wichtig, die Schlechten werden rausgeschmissen, und die Mittelmäßigen können nicht mittelmäßig bleiben, denn wenn sie sich nicht anstrengen und besser werden, sondern einfach nur so bleiben, wie sie sind, werden sie unweigerlich irgendwann aussortiert (das ist nur eine Frage der Zeit, weil ja der Abstand nach „unten“ immer kleiner wird).

Diese Ideologie, wonach es nicht mehr genügt, mittelmäßig zu sein, sondern man zum Überleben Top sein muss, führt paradoxerweise gleichzeitig zu einer gesellschaftlichen Uniformierung. Denn nicht mehr die Einzigartigkeit zählt (die lässt sich nämlich nicht benchmarken), sondern die Vergleichbarkeit. Die Qualität einer Person oder einer Arbeitsleistung wird nicht mehr in absoluten Werten gemessen (ist sie gut oder schlecht), sondern in relativen (ist sie besser oder schlechter als…).

Wirkliches Expertinnentum funktioniert nicht über Konkurrenz. Ich bin zum Beispiel „Germanys Topmodel“ in Bezug auf Wissen über Frauen in der Ersten Internationale. Aber da ich so ungefähr die einzige bin, die sich mit diesem Thema überhaupt auskennt, lässt sich dazu kein Ranking aufstellen. Ich bin die Beste von einer Gruppe, die aus einer Person besteht, haha. Ranglisten und Topmodels lassen sich nur bestimmen, wenn man Menschen vergleichbar macht. Mit Spezialthemen funktioniert das nicht. Man braucht also Themengebiete, wo es überhaupt möglich ist, miteinander konkurrieren.

Und das einzige, was wir tatsächlich alle gemeinsam haben, wo wir allesamt miteinander verglichen werden können, ist ein Körper. Wir alle sehen irgendwie aus. Das Aussehen ist schlicht und einfach das simpelste und vielleicht sogar einzige Thema, bei dem sich eine ganze Gesellschaft miteinander in einen Wettbewerb begeben kann.

Ich glaube, dass das der Grund dafür ist, warum unsere Gesellschaft eine solche Obsession in Bezug auf das Aussehen entwickelt hat. Der Kern dieses ganzen Schlamassels ist in Wahrheit gar nicht der Körper und seine Normierungen, sondern die Verkorkstheit unserer gegenwärtigen Kultur, die ständig alles mit allem vergleichbar machen will, weil sie keine wirklichen Qualitätskriterien mehr kennt.

Vielleicht könnte das sogar ein Grund sein für das große (und für mich immer so unverständliche) Bedürfnis nach „Genderisierung“ von Kindern, nach klaren Grenzen zwischen Jungen und Mädchen in blau und rosa: Die Geschlechterdifferenz zu zementieren, wenn auch auf alberne Art und Weise, könnte vielleicht ein letzter verzweifelter Versuch sein, wenigstens einen einzigen Bereich der Vergleichbarkeit zu entziehen. Wenn Frauen so sind und Männer so, dann spielen sie in verschiedenen Contests und brauchen nicht gegeneinander anzutreten.

Eine Gesellschaft, in der „Top-Sein“ nicht mehr an den eigenen, jeweils individuellen Begehren und Interessen orientiert ist, sondern daran, auch von der Allgemeinheit, von Hinz und Kunz sozusagen, als „Top“ anerkannt zu werden, ist dysfunktional. Sie behindert Individualität und Originalität, weil nur zählt, was vergleichbar ist. Und damit wird dann über die Hintertür die Mittelmäßigkeit wieder einführt, weil am Ende alle gleich und „normschön“ sind und grottensterbenslangweilig.

Das Gegenbild, das ich dazu im Kopf habe, sind die nächtelangen Gespräche, die ich als Doktorandin mit einer Freundin führte. Sie war ebenfalls Wissenschaftlerin und Expertin für eine ganz bestimmte Sorte antiker Romane. Die Welt um uns herum interessierte sich weder für ihr Forschungsthema noch für das meine, aber wir hatten tolle Gespräche. Wir kamen nie in Versuchung, miteinander zu konkurrieren, das wäre vollkommen absurd gewesen. Ich habe keine Ahnung von antiker Romanliteratur, und sie hatte keine Ahnung von Frauen in der Ersten Internationale. Und genau deshalb waren unsere Gespräche so interessant – wir hatten einander viel zu erzählen.

Die Sache ist also nicht aussichtlos, denn wir haben immer die Wahl: Sehen wir in anderen Menschen lauter herummäkelnde Heidi Klums, die uns antreiben, genauso „gut“ (schlank/normschön/sexy) zu werden wie sie selbst es (angeblich) sind?

Oder erkennen wir in ihnen die Garbo, sehen wir sie also wirklich als Andere, lassen uns von ihnen faszinieren, gerade weil wir nicht mit ihnen vergleichbar sind? Bewundern und respektieren wir sie, weil sie etwas können auf einem Feld, in dem wir selbst total mittelmäßig sind? Dann könnte unsere Begegnung wirklich interessant werden.