Wolle mer se neilasse?

„Wow let women in hacker/anarchist space, next thing you know there is harassment policy in place….“

Das ist der erste Kommentar unter einem Artikel von Hannah Grimm, in dem sie von den Entwicklungen berichtet, die in einem anarchistischen Hackerspace dazu geführt haben, dass bestimmte Anti-Harassment-Regeln dort eingeführt wurden. Der ganze Artikel ist auch interessant (für alle, die sich noch nicht mit dem Thema gut auskennen, die sich damit auskennen, werden das ein oder andere Deja Vu haben).

Ich möchte aber nicht über das Thema von Alltagssexismus schreiben und was gemischte politische Gruppen dagegen tun  können oder sollten. Was mich vielmehr angesprungen hat, war die Haltung, die hinter diesem spontanen Kommentar steht, und die meiner Ansicht nach ein grundlegendes Problem zeigt, das unsere Kultur noch immer mit der „Frauenfrage“ hat.

Dass es nämlich offenbar immer noch  Männer gibt, die das Ganze für eine Frage halten, ob sie Frauen „reinlassen“ sollen oder nicht.

Deshalb verrate ich hier mal ein kleines Geheimnis: Wir müssen gar nicht reingelassen werden, wir sind nämlich schon da. Wir waren schon immer da. Das ist nämlich unsere Welt genauso wie eure.

Ich glaube, dass viele Probleme in den Diskussionen zwischen Frauen und Männern nicht wirklich an inhaltlichen Differenzen liegen (obwohl es viele inhaltliche Differenzen gibt), sondern daran, dass diese Bewusstwerdung, die der Feminismus gebracht hat – dass Frauen freie Subjekte sind und dass dies ihre Welt ganz genauso ist – von zahlreichen Männern noch nicht verstanden wurde. Dass da immer noch im Hinterköpfchen die Idee vor sich hinschlummert, das wäre IHRE Welt, und sie hätten irgendeine Befugnis oder Verantwortung oder Möglichkeit, darüber zu entscheiden, ob Frauen „reingelassen“ werden oder nicht.

Solange dieser „Klick“ nicht stattgefunden hat, das wäre meine These, braucht man gar nicht zu diskutieren.

Um es an dem konkreten Fall deutlich zu machen: Das in politischer Hinsicht Entscheidende ist nicht, ob die betreffenden Männer in dem Hackerspace davon überzeugt werden können, dass es eine Anti-Harassment-Policy braucht. Das Entscheidende ist, dass ihnen klar wird, dass da andere sind, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sie selbst die Anliegen der anderen einsehen, verstehen, nachvollziehen können, gut oder schlecht finden. Einfach nur deshalb, weil die anderen da sind und man mit ihnen zu tun hat und man daran auch nichts ändern kann.

Und erst wenn diese selbstverständliche Akzeptanz einer freien weiblichen Subjektivität vorhanden ist – erst dann kann man ernsthaft miteinander darüber diskutieren, wie wir die Welt machen wollen, welche gemeinsamen Regeln wir finden. Und erst dann kann ich Gegeneinwände, die von Männern zu meinen Vorschlägen gemacht werden (wie zum Beispiel, dass eine Anti-Harassment-Policy auch negative Auswirkungen haben kann) ernsthaft in Betracht ziehen.

Man könnte es auch noch einfacher sagen: Bevor man einen Konflikt austragen kann, müssen erst mal alle Beteiligten verstanden haben, dass es da wirklich einen Konflikt gibt. Eine Differenz, die nicht aus der Welt zu schaffen ist. Weil es keine Option ist, die anderen einfach wieder vor die Tür zu setzen.

(Foto: Flickr.com/az1172)

Diese Medien sind kaputt

Genau zehn Jahre ist es her, da schrieb Frank Schirrmacher seinen viel diskutierten Artikel „Männerdämmerung“ und sagte eine Übernahme der „Bewusstseinsindustrie“ durch die Frauen voraus: Von Sabine Christiansen bis Elke Heidenreich – in deutschen Medien gehe ohne Frauen bald gar nichts mehr, prophezeite Schirrmacher.

Passiert ist genau das Gegenteil: Die Medien sind so männerdominiert wie kaum noch eine andere gesellschaftliche Organisation. 98 Prozent Männeranteil in den Chefredaktionen von Tages- und Wochenzeitungen, das ist eine Dominanz wie im 19. Jahrhundert, vor der Frauenemanzipation. Beim Fernsehen, Online-Medien und Radio ist es nicht ganz so krass, aber auch da sind mehr als 80 Prozent der Redaktionen von Männern geleitet.

Dass das Problem ein generelles ist und nicht nur die obersten Führungsspitzen der Medien betrifft, zeigt nun das Programm der Medientage München im Oktober, die laut Programm „der bedeutendste Treff der Medien- und Kommunikationsbranche in Europa“ sein wollen: 82 bis 84 Prozent Männeranteil bei den Mitwirkenden ist ein deutlicher Befund. Wie gehen wir damit um?

Der Verein Pro Quote setzt sich für 30 Prozent Frauenanteil in den Chefredaktionen ein. Ich selbst sehe das skeptischer. Erstens sind 30 Prozent Frauenanteil immer noch eine Männerdominanz von mehr als zwei Dritteln, außerdem sind Quoten eh nur Scheinlösungen, die das eigentliche Problem eher verschleiern als beheben.  Habe ich hier zu gebloggt.

Mein Weg wäre eher, diese eklatante Differenz offen zu thematisieren. Unsere Medien, diejenigen, die für sich beanspruchen, „Qualitätsjournalismus“ zu machen und zu definieren, sind keine Institutionen, die für die Gesamtheit der Gesellschaft sprechen. Es sind Männermedien, nicht, weil sie Frauen explizit ausschließen würden, sondern weil sie faktisch  ohne Frauen auskommen und sich – wie aus dem Konzept der Medientage ganz offensichtlich wird – in ihrer Selbstanalyse auch für die Ansichten von Frauen nicht interessieren.

Und es ist ja nicht so, als ob sich diese Männerdominanz nicht auswirken würde. Es gibt in diesen Medien so gut wie keine Sachkenntnis in Hinblick auf die Geschlechterdifferenz, über Frauen und weibliche Freiheit wird fast immer unter Rückgriff auf dumme Klischees berichtet, Feminismus kommt praktisch in der Berichterstattung nicht vor, schon gar nicht dessen neuere Entwicklungen und Forschungsergebnisse  (als Ersatz wird Alice Schwarzer als Dauergast eingeladen), die Verwendung des generischen Maskulinums ist gängiger Usus und gilt ungebrochen als „professionell“ und alternativlos, und es herrschen keinerlei Skrupel, offen sexistische oder frauenfeindliche Werbung zu verbreiten oder sogar selbst solche Beiträge zu produzieren.

Diese Medien, so sehe ich es, sind kaputt, und zwar unrettbar. Sie gehen mich, da ich eine Frau bin, nur bedingt etwas an. Sie haben keine Autorität, mir die Welt zu erklären, weil sie die Welt, die mich interessiert, überhaupt nicht kennen. Es gibt ganz hin und wieder auch mal was anderes, aber das muss man suchen wie die Nadel im Heuhaufen.

Es hat aus meiner Sicht keinen Zweck, da noch Energie reinzustecken.

Stattdessen greife ich lieber eine Formel auf, die die italienischen Diotima-Phiosophinnen im Anschluss an eine Einladung von Carla Lonzi diskutieren, die sagte: „Die Differenz der Frauen besteht aus Jahrtausenden ihrer Abwesenheit von der Geschichte. Profitieren wir von dieser Abwesenheit.“

Dass die derzeitigen Medien viele grundsätzliche Probleme und Schwächen haben, ist ja offensichtlich, und das betrifft nicht nur ihre fehlende Sachkenntnis im Bezug auf Feminismus und Geschlechterdifferenz. Die Abwesenheit der Frauen ist nicht das eigentliche Problem, sondern nur ein Symptom für tiefer gehende Probleme, und dabei ist es egal, ob diese Abwesenheit durch einen Ausschluss der Frauen seitens der Männer verursacht ist, oder durch ein Desinteresse seitens der Frauen.

Dass Frauen bei den derzeitigen, noch aus dem Patriarchat stammenden Medien nicht so viele Eisen im Feuer haben wie Männer, ist aus meiner Sicht eine Chance. Umso freier sind wir nämlich, ganz unabhängig davon, was dort als „normal“ oder „selbstverständlich“ gilt, darüber nachzudenken, wie gesellschaftliche Kommunikation, Information, Transparenz, Auseinandersetzung, Debatte und Analyse unter postpatriarchalen Vorzeichen organisiert werden kann.

Männer, die das auch interessiert, können natürlich gerne mitmachen. Und den klassischen Medien schauen wir derweil beim Sterben zu. Nicht hämisch, bloß gleichgültig.

Das neue feministische Männerwählen

Gestern Abend schrieb Frank-Walter Steinmeier von der SPD auf seiner Facebookseite:

Simon Rottloff will für die SPD in den Bundestag. Seine Gegenkandidatin hier in Wiesbaden: Familienministerin Kristina Schröder. Ich finde: Jeder Tag dieser Ministerin im Amt ist ein Schlag ins Gesicht jeder selbstbewussten, modernen Frau. Deshalb Erststimme für Simon Rottloff!

Damit liegt er in einem Trend, den ich im gegenwärtigen Wahlkampfgeblubber sich leider abzeichnen sehe, und zwar die Argumentation, Frauen müssten Männer wählen, weil die kandidierenden Frauen nicht frauenfreundlich genug seien.

Kein Wunder, dass so ein Argument von der SPD kommt, die es seit Jahrzehnten nicht schafft, eine ordentliche Anzahl von Frauen für ihre Spitzenämter zu gewinnen (oder deren Männerbündischkeit noch immer so intakt ist, dass ambitionierte Frauen keine Chance haben, keine Ahnung, was der Grund ist).

Aber das Argument höre ich auch gerne mal bei grünen Wahlkämpfer_innen, die sich selber nur mit einer starren Quote auf einen akzeptablen Frauenanteil retten können, obwohl naja, immerhin. Und ich höre es von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten, wobei es bei denen ja sozusagen zum Jobprofil gehört, alles daraufhin abzuklopfen, „ob es den Frauen nützt“, was ein Grund ist, warum ich dem Gleichstellungsansatz skeptisch gegenüber stehe. Und man hört es natürlich gerne auch von den Medien, aber die haben von weiblicher Freiheit bekanntlich eh keine Ahnung.

Sorry, ich rante, aber ich bin auch wirklich ärgerlich.

Also, hier nochmal zum Mitschreiben: Die Aufgabe von Frauen, die in der Öffentlichkeit agieren, zum Beispiel indem sie politische Ämter übernehmen, ist es nicht, „für Fraueninteressen“ einzustehen.

Ihre Aufgabe ist es, für ihre eigenen Ansichten einzustehen. Sie sind nicht unsere Lakaien, sie sind freie handelnde Subjekte. Und der Kern des Feminismus, wie ich ihn verstehe, ist es doch gerade, dieser Kultur mit ihrer patriarchalen Geschichte auf dem Buckel, langsam beizubringen, dass Frauen in der Tat freie handelnde Subjekte sind.

Das aber genau bedeutet, dass Frauen alle beliebigen Ansichten vertreten können.

ES GIBT KEIN „WIR“ DER FRAUEN.
ES GIBT KEINE „FRAUENINTERESSEN“.

Niemand ist dazu verpflichtet, eine bestimmte Meinung haben zu müssen, bloß, weil sie eine Frau ist. Frauen haben jedes Recht der Welt, für Betreuungsgeld, gegen Quotenregelungen, für Kriege, gegen inklusive Sprache und was auch immer zu sein.

Unser gutes Recht ist es dann, ihnen zu widersprechen, sie nicht zu wählen, sie argumentativ zu widerlegen, sie davon zu überzeugen, dass sie Unrecht haben, und so weiter und so fort. Man nennt das politische Debatte.

Aber wir haben nicht das Recht, ihnen vorzuwerfen, sie würden dabei ihr Geschlecht verraten. Das ist die allerallerälteste Begründung dafür, warum das Patriarchat das öffentliche Handeln von Frauen unterbunden hat: das Argument, freie denkende Frauen würden der Weiblichkeit schaden.

Es schmerzt mich wirklich sehr, dieses Argument jetzt auch noch pseudofeministisch gewendet zu hören.

Update:
Passend dazu auch diese fünf Minuten Video von Alessandra Bocchetti für alle, die Italienisch verstehen.

Diesen Blogpost auf Französisch lesen

Erkennen, was notwendig ist

Kürzlich habe ich tagelang das Badezimmer geputzt, habe Schränke ausgeräumt, Wände gescheuert, bis in die letzte Ritze, immer und immer wieder. Dabei bin ich gar nicht besonders pingelig in Bezug auf Sauberkeit. Putzen macht mir auch nicht sonderlich Spaß und bezahlt hat mich auch niemand dafür. Der Grund für meinen Arbeitseifer war etwas viel Zwingenderes: pure Notwendigkeit. Denn bei meiner Rückkehr von einer mehrwöchigen Reise hatte sich mein Bad in ein schimmeliges Feuchtbiotop verwandelt. Der Heißwasserhahn hatte die ganze Zeit vor sich hin getröpfelt, während gleichzeitig Tür und Fenster fest verschlossen waren. Selten war ich zu einer Arbeit so motiviert wie an diesem Tag….

… so beginnt mein Beitrag mit dem Titel „Erkennen, was notwendig ist“, den ich für das soeben erschienene Buch „Teil der Lösung. Plädoyer für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ geschrieben habe. Darin vertrete ich die Auffassung, dass das Erkennen dessen, was notwendig ist, die Voraussetzung für sinnvolles Tätigsein (und auch fürs Arbeiten) ist. Eine bessere Motivation jedenfalls als „Geld verdienen“ oder „Spaß haben/sich selbst verwirklichen“.

Ina Praetorius hat das Buch schon gelesen und hier ein bisschen was darüber geschrieben. Lustig fand ich auch diesen Verriss in der NZZ, in dem ich mit der Aussage zitiert werde, zur Ökonomie gehöre nicht nur das Tauschen, sondern auch, Dinge ohne Gegenleistung zu bekommen. Was man dort offenbar völlig absurd findet. Wahrscheinlich sind die Redakteure der NZZ niemals Kinder gewesen, sondern von irgendwoher voll funktionstüchtig auf die Erde geplumpst, sodass sie jederzeit für sich selber sorgen konnten.

Oh, wait…

Herausgegeben haben das Buch Ronald Blaschke und Werner Rätz, erschienen ist es im Rotpunktverlag, 204 Seiten dick und kostet 17,90 Euro. Just in case.

Lob auf den Mainstream

Der Mainstream wird in diesem Blog öfter erwähnt, und meistens kommt er nicht gut weg: Der Mainstream ist rückständig, stellt Normen auf und bestraft alle, die sich ihm nicht anpassen wollen oder können. Der Mainstream interessiert sich nicht für die wirklich wichtigen Themen, er plappert nach, treibt Säue durchs Dorf, hat Schuppen auf den Augen, zelebriert Klischees, grenzt aus.

Nach vier Tagen in Jerusalem habe ich meine Meinung überdacht. Mir wird langsam klar, dass es einer Gesellschaft gut tut, einen Mainstream zu haben, also ein Spektrum von Meinungen, die irgendwie als „normal“ gelten, als selbstverständlich vorausgesetzt und für „wahr“ gehalten werden.

Nur dann sind nämlich politische Debatten möglich, die das gemeinsame Wohl aller im Blick haben. Der Mainstream ist sozusagen die Folie des Gemeinsamen, von der Einzelne oder Minderheiten abweichen. Die Differenzen, die diese Einzelnen oder Minderheiten markieren, haben zum Ziel, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen. Und in der Tat ist der Mainstream ja nicht in Stein gemeißelt, sondern veränderbar. Zum Beispiel hat er sich in Deutschland in den vergangenen Jahren in Richtung Akzeptanz weiblicher Erwerbstätigkeit verändert oder seine Auffassungen zur Homosexualität geändert.

Solche Auseinandersetzungen zwischen Dissident_innen und Mainstream sind meistens schmerzhaft und anstrengend für diejenigen, die in der Minderheit sind – und es ist richtig, auf dieses Ungleichgewicht hinzuweisen und es sich bewusst zu machen – aber sie sind notwendig und sie sind sinnvoll. Der Mainstream sorgt sozusagen für den größeren Rahmen, in dem das Wechselspiel zwischen dem, was mehrheitsfähig ist, und dem, was es nicht ist, überhaupt stattfinden kann. Oder anders gesagt: Die Adressat_innen einer politischen Intervention, die aus der Perspektive einer Minderheit vorgebracht wird, sind letztlich „alle“. Es geht darum, Hegemonie zu erringen, um mit Gramsci zu sprechen.

Hier in Jerusalem gibt es hingegen keinen Mainstream, sondern mehrere partikulare Wahrheiten. Augenfällig aufgeteilt in den drei verschiedenen Quartieren der Altstadt – das muslimische, das jüdische, das christliche Viertel –, augenfällig auch in offensiv vorgetragenen Symbolen, Sprachen, in der Art sich zu kleiden, sodass man einzelnen Menschen sofort ansieht, zu welcher Gruppe sie gehören und zu welcher nicht.

Das führt aber dazu, dass eine politische Intervention im oben genannten Sinn – also als Vorschlag oder Anregung für „alle“ – gar nicht möglich ist. Das Bekenntnis zu einer bestimmten Überzeugung ist nicht mehr der Versuch, Einfluss auf den Mainstream zu nehmen, den es ja nicht gibt, sondern dient in erster Linie der oft sogar nur provokativen Abgrenzung von den Anderen.

Wenn ich in einer Position der Ohnmacht bin (was immer der Fall ist, wenn ich als Einzelne oder kleine Minderheit dem „Mainstream“ gegenüberstehe), kann ich mich nicht auf reines Muskelspiel zurückziehen, denn es ist von vornherein klar, dass ich unterliegen würde. Ich muss also Vermittlungen suchen, muss werben, überzeugen, meine Ideen und Vorstellungen „rüberbringen“ (oder ich werde zur Sekte, was bedeutet, dass ich mich bewusst abspalte vom Rest und aus dieser Abspaltung meine Befriedigung ziehe).

Diese Suche  nach Vermittlungen ist schwierig und anstrengend, aber es besteht immerhin die Chance, erfolgreich zu sein, es besteht die Chance, dass ich tatsächlich andere überzeuge – kraft meiner Argumente, denn andere Möglichkeiten habe ich nicht.

Stehen sich hingegen mehrere mehr oder weniger gleichstarke Gruppierungen gegenüber, ist die Versuchung groß, solche Mittel der politischen Argumentation zu verlassen und stattdessen auf pure Macht zu setzen. Krieg ist oft die Folge, und nicht zufällig.

Gleichzeitig ist es in einer Gesellschaft ohne Mainstream schwer, Selbstkritik zu üben oder innerhalb der eigenen Gruppe eine dissidente Meinung zu vertreten. Steht das doch schnell im Verdacht, den „anderen“ in die Hände zu spielen. Das führt dann dazu, dass die Gesellschaft verstarrt, dass sie sich nicht erneuert, dass sie sich nicht in Frage stellen und vom Anderen befruchten lässt, dass alles letztlich absurd wird.

Dieses Problem besteht zwar innerhalb von Minderheitengruppen in einer „Mainstream“-Gesellschaft auch, und zwar sogar noch verstärkt, aber für die Abweichler_innen besteht dann immerhin die Möglichkeit, sich gewissermaßen in die sicheren Gefilde des Mainstreams hinüberzuretten. In einer Gesellschaft, die in verschiedene feste Gruppen aufgespalten ist, müssen sie hingegen „zur Gegenseite“ überwechseln, was ungleich schwieriger und konsequenzenreicher ist.

Wenn aber Selbstkritik nur noch schwer möglich ist, führt das schnell dazu, dass nicht mehr echte Differenzen ausgetragen werden, sondern Pseudo-Differenzen. Dass Konflikte letztlich nur noch symbolisch aufgeladen sind und nicht mehr real. Denn natürlich gibt es auch in Jerusalem so etwas wie Mainstream, aber der wird ignoriert und nicht wertgeschätzt.

Mainstream scheint hier zum Beispiel zu sein, dass Frauen Kopftücher tragen und fromme Männer Bärte. Aber anstatt zum Symbol einer jerusalemerischen Gepflogenheit zu werden, dient auch dieses eigentlich Gemeinsame faktisch der Abgrenzung voneinander: Es wird viel Mühe darauf verwendet, dass gleich auf den ersten Blick deutlich wird, ob es sich um ein muslimisches, ein jüdisches oder ein christlich-orthodoxes Kopftuch handelt.

Jedenfalls bin ich nach dieser Erfahrung mehr denn je eine Anhängerin des Synkretismus, also der Vermischung von Glaubensinhalten und Kulturen. Denn nur auf diese Weise ist es möglich, aus einer gegebenen Differenz heraus einen neuen Mainstream zu etablieren, also das allgemeine Gute im Blick zu behalten. Faktische Differenzen können zum Beispiel durch Migration entstehen, weil dann plötzlich verschiedene „Mainstreame“ aufeinander treffen. Das führt zu Konflikten, die ausgetragen gehören. Aber die Diskussionen, die sich daraus ergeben, sollten immer zum Ziel haben, ein neues Gemeinsames herzustellen, einen gemeinsamen „Mainstream“ zu finden.

Das bedeutet nicht, dass sich alle auf einen einheitlichen Stil einigen müssen. Es kann auch bedeuten, dass bestimmte Unterschiede angesichts des gewachsenen Gemeinsamen keine so große Wichtigkeit mehr haben, sondern nur noch ein Aspekt des persönlichen Lebensstils sind. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen (und hoffe es), dass die Frage, ob eine Frau Kopftuch trägt oder nicht, in Deutschland bald auf dieser Ebene wahrgenommen wird.

Auf der Ebene eines solchen neu gefundenen Mainstreams können sich dann wiederum andere Differenzen ergeben, die später durch politische Debatten wieder den Mainstream beeinflussen, worauf hin wieder andere Unterscheidungen wichtig werden und immer so weiter. Und so blöde man in einer konkreten Situation den Mainstream auch finden mag – ohne ihn ist keine politisch produktive Gesellschaft vorstellbar.

Für mich persönlich bedeutet das, dass ich auch meine feministische Filterbubble – die ich nach wie vor schätze – von nun an bewusst in diesem größeren Kontext sehe. Die dort herausgearbeiten dissidenten Positionen, die mich/uns in Widerspruch zum Mainstream bringen, sind keine „reine Lehre“, sondern sie bleiben auf den Mainstream ausgerichtet. In anderen Worten: Es genügt mir nicht, Recht zu haben, ich will auch alle anderen davon überzeugen – und gehe dabei bewusst das Risiko ein, dass meine reine Lehre dabei verwässert wird. Dieses Wechselspiel ist es, worauf es ankommt.

Bekenntnisse

Ich habe noch nicht viel von Jerusalem gesehen, nur die Busfahrt in die Stadt hinein und dann den Fußweg vom Lions Gate zum österreichischen Hospiz, wo ich die nächsten drei Tage wohne. Aber schon ist mir aufgefallen, dass ich es unangenehm finde, dass ich den meisten Menschen hier schon von Ferne ansehe, zu welcher Religion sie gehören.

Da ich noch auf mein Zimmer warten muss, habe ich Zeit, das kurz zu bloggen.

Die Bekenntnisse sind nicht nur visuell, sondern auch akustisch aufdringlich. In der Cafeteria kommen Strauss-Walzer aus den Lautsprechern, aus der Moschee nebenan tönt der Muezzin.

Das stört mich alles. Ich fühle mich wie von Schubladen umgeben. In Wien stören mich Strauss-Walzer hingegen nicht, in Sarajevo fand ich die häufigen Gebetsrufe von den Moscheen richtig schön.

Vielleicht lässt sich mein Unbehagen gerade an diesem Vergleich gut beschreiben. In Sarajevo empfand ich die Gebetsrufe deshalb angenehm, weil sie mich (und das ist doch auch der Sinn) fünfmal am Tag daran erinnerten, dass es Gott gibt. Mir wurde dabei zwar auch jedesmal die kulturelle Differenz zwischen mir und meiner muslimischen Umgebung bewusst, aber das empfand ich nicht als störend. Die wesentliche Botschaft des Muezzinrufs galt auch für mich, auch wenn ich sie in meine eigenen kulturellen Formeln übertragen musste.

Hier hingegen habe ich den Eindruck, dass die sichtbaren Bekenntnisse eher der Abgrenzung dienen. Ich bin keine Österreicherin, ich bin keine Muslimin, sagen sie mir.

Ich weiß noch nicht genau, was ich aus diesem erst einmal spontanen Unbehagen machen soll. Vielleicht kommt es auch daher, dass ich es bevorzuge, „undercover“ zu sein. Wenn ich reise, bin ich gerne unauffällig, ich passe mich gerne auch äußerlich den Gepflogenheiten an, weil die wesentlichen Differenzen doch nicht die des Labels sind, sondern der Haltung.

Ich käme auch nie auf die Idee, mir ein Kreuz anzuhängen oder ein Frauenzeichen, außer, ich bin in dezidiert christlichen oder feministischen Kontexten. Dann sind diese Signale ein Zeichen der Verbundenheit, aber eher in der Bedeutung von Zugehörigkeit als in der Bedeutung von Übereinstimmung. Mit den meisten Christ_innen und den meisten Feminist_innen stimme ich ja gar nicht überein (in den meisten Fragen).

Andererseits habe ich kein Problem, mir ein Kopftuch umzubinden oder einen Rock anzuziehen, wenn ich in einer Gegend bin, wo man das eben so macht.

Hier in Jerusalem wird mir das wohl nicht gelingen, denn es gibt nichts, woran ich mich anpassen könnte. Ich muss mich bekennen, es gibt hier keinen Mainstream. Oder vielleicht doch, und ich habe ihn nur noch nicht entdeckt?

Ich bin gespannt auf die nächsten Tage. Vielleicht könnte ich mich als Touristin verkleiden.

20130908-134510.jpg

Bin noch sprachlos

Vier Tage lang war ich in Österreich bei der „Denkumenta“ und bin noch etwas sprachlos. Die Begegnungen und Diskussionen dort waren so gut, dass ich ein bisschen Angst habe, etwas kaputt zu machen, wenn ich versuche, es in Worte zu fassen. In der Zwischenzeit gibt‘ schon mal ein Blog und Fotos.