Fünf Thesen zu Prostitution

Angesichts der jüngsten Debatten rund um das Thema Prostitution habe ich mal fünf Punkte aufgeschrieben, die mir in diesem Zusammenhang wichtig erscheinen und mir bei den Diskussionen fehlen. Sie beziehen sich ausschließlich auf die freiwillige Prostitution, also nicht auf Zwangsprostitution und Menschenhandel, was ein völlig anderes (und, nebenbei, wichtigeres) Thema ist.

Aber bei der Ablehnung von Zwangsprostitution und Menschenhandel sind sich ja alle einig. Uneinigkeit besteht im Hinblick auf die Einschätzung von freiwilliger Prostitution. Doch Freiwilligkeit allein ist noch kein Beweis für die Okayheit einer Handlung, es sei denn, man würde sich völlig einer neoliberalen Logik des „anything goes, Hauptsache es lässt sich damit Geld verdienen“ verschreiben. Freiwilligkeit ist nicht das Ende der Diskussion über Prostitution, sondern höchstens ihr Anfang. Denn alles, was nicht freiwillig geschieht, ist sowieso indiskutabel. Hier also meine 50 Cent.

1. Prostitution ist keine Naturerscheinung, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt

Von der Prostitution wird gerne behauptet, sie sei das „älteste Gewerbe der Welt“, was so viel bedeutet wie: Gab es immer und wird es immer geben. Aber mal ganz abgesehen davon, dass das historisch fraglich ist (Wissenschaftlerinnen wie Christina von Braun zum Beispiel argumentieren überzeugend, dass sich ihr Entstehen präzise bestimmen lässt, außerdem gibt es Gesellschaften, die Prostitution nicht kennen), ist es kein Argument dafür, dass das immer so bleiben muss. Genauso könnte man Sklaverei oder Zweigeschlechtlichkeit als Naturerscheinungen beschreiben. Wir als Menschen sind es, die darüber verhandeln und entscheiden, wie wir den Tausch von Sex gegen Geld/Materielles bewerten und handhaben möchten, eine ominöse „Natur der Sache“ hilft uns dabei nicht weiter.

2. Prostitution ist eine Möglichkeit, Einkommen zu erzielen

Prostitution ist, vor allem für Frauen, in erster Linie eine Möglichkeit, ein relativ gutes Einkommen zu erzielen, das sie anders nicht oder nur schwer erzielen können. Sie ist eine Alternative zum sonstigen Arbeitsmarkt, zur Versorgerehe, zu informeller Arbeit. Diese Möglichkeiten haben allesamt Nachteile: Für den Arbeitsmarkt braucht man Qualifikationen und Bescheinigungen, die nicht alle vorweisen können. Versorgerehe macht abhängig von einem Mann. Informelle Arbeit ist meist prekär und sehr schlecht bezahlt. Alle Maßnahmen, die rund um das Thema Prostitution vorgeschlagen und diskutiert werden, müssen deshalb die Frage nach realistischen Einkommensmöglichkeiten, Arbeitsbedingungen, sozialer Absicherung etc. ins Zentrum stellen.

3. Gesetzliche Verbote von Prostitution beschneiden die Handlungsoptionen von Frauen
Gesetzliche Verbote und Regulierungen erschweren oder verunmöglichen es Frauen, durch Prostitution Einkommen zu erzielen und beschneiden damit ihre Handlungsoptionen. Das ist meiner Ansicht nach der entscheidende Grund, warum solche Regulierungen abzulehnen sind. Frauen (und Männer), die sich dazu entschließen, Sex gegen Einkommen zu tauschen, werden in der Regel einen guten Grund dafür haben. Offensichtlich ist das für sie die beste Option, die sie angesichts der Realität, in der sie leben, wählen können. Wenn ihnen diese Option genommen wird, sei es durch Verbote, durch fehlenden Schutz, durch fehlende Infrastruktur, müssen sie logischerweise zur zweitbesten Lösung greifen, haben also konkrete Nachteile. Deshalb ist dieser Weg falsch.

4. Prostitution gründet auf einer fragwürdigen Vorstellung von Sex
Dennoch: Das Phänomen „Prostitution“ ist nur denkbar in einer Kultur, in der Sex nicht die beiderseitige Lust aufeinander zur Voraussetzung hat, sondern einseitig denkbar ist. Es muss also als akzeptabel gelten, wenn jemand, der Sex haben will, die eigene Lust mit jemandem befriedigt, der_die keinen Sex haben will – denn eine Frau, die Sex gegen Geld eintauscht, hat ja selbst auf diesen Sex keine Lust, sondern tut es, um Geld zu verdienen. Es ist natürlich prinzipiell möglich, dass wir als Gesellschaft Sex als eine solchermaßen einseitige Handlung verstehen wollen. Ich bin aber damit nicht einverstanden, weil ich hier zahlreiche Verwobenheiten mit patriarchalen Strukturen sehe, vor allem mit der Vorstellung, dass es beim Sex auf das Begehren der Frau nicht ankomme, sondern nur auf ihre formale Einwilligung – das ist ein Argument, das von vielen Männern auch bei Diskussionen um Vergewaltigung oder sexuelle Belästigung regelmäßig vorgebracht wird. Über diese Abkopplung von Sex und (weiblichem) Begehren möchte ich eine politische und kulturelle Debatte führen. Wegen der Argumente aus Punkt 3 kann die sich aber nicht an der Frage von Gesetzen und Regulierungen aufhängen.

5. Prostitution ist keine „normale Arbeit“
Deshalb bin ich auch dagegen, den Tausch von Sex gegen Geld als „normale Arbeit“ zu labeln. „Normale Arbeit“, also der Tausch von Arbeit gegen Geld, beruht auf einem System der Arbeitsteilung. Der Käufer von Arbeitsleistungen hat entsprechend auch einen Anspruch auf einen äquivalenten Tausch. Wenn also die erbrachte Dienstleistung oder das bezahlte Produkt Mängel aufweist, kann es zurückgegeben werden. All das ist vertraglich geregelt, und es gibt Dritte, die in Konflikten darüber entscheiden. Sicher ist es prinzipiell möglich, auch Sex in diesem Sinn als Ware oder als Dienstleistung verstehen. Aber ich will das nicht. Genauso wie ich der Ansicht bin, dass Sex nicht zu den „Pflichten einer Ehefrau“ gehört (auch Ehefrauen sind dem ja normalerweise freiwillig nachgekommen). Der Tausch von „Sex gegen Geld“ ist aber eigentlich nichts anderes als die kapitalistische Variante von „Sex gegen Ehesicherheit“. Ganz abgesehen davon, dass die „Normalisierung“ von Sex zu einer banalen Dienstleistung sich vermutlich auch auf die Preise niederschlägt: Wenn Sex nichts anderes ist als eine Massage oder eine Fußpflege, gibt es doch eigentlich keinen Grund, warum eine „Sexarbeiterin“ mehr verdienen sollte als ein Masseur oder eine Fußpflegerin, oder? Damit wäre aber Punkt 2 früher oder später obsolet.

(Foto: Alain Bachellier/Flickr.com)

Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde

kein sexistDieses Buch beginnt mit einer Erzählung von Nicole von Horst. Sie beschreibt, wie sie bei einem abendlichen Spaziergang zwei Männer kennenlernte, wie sie sich ihnen freundlich zuwandte (obwohl sie eigentlich gar keine Lust auf Gesellschaft hatte), und wie dann diese Begegnung leider später umkippte in eine typische #Aufschrei-Geschichte. Nichts wirklich Gefährliches ist passiert, aber die gute Laune war weg, der Abend verdorben.

Beim Lesen wurde mir zweierlei klar: Erstens, dass ich mich – anders als Nicole – mit ziemlicher Sicherheit gar nicht auf ein Gespräch eingelassen hätte. Und dass ich das eigentlich schade finde. Ich bin, wenn ich mir unbekannten Männern begegne, ein sehr sehr unfreundlicher Mensch. Und das hat natürlich Gründe, die genau in solchen Erfahrungen liegen, wie Nicole sie hier schildert.

Und genau das ist das Schlimme am Alltagssexismus: Er vergiftet das Verhältnis zwischen Frauen und Männern.

Ich kann mich sogar noch ziemlich genau daran erinnern, wie das bei mir anfing, dass ich Männern gegenüber unfreundlich wurde. Man könnte es auch Einweihung in die unselige symbolische Ordnung des Patriarchats nennen.

Es war beim Rumknutschen mit einem Freund, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Freund, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.

Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer vom Patriarchat offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.

Ich lernte an diesem Tag, dass das ein voreiliger Schluss war. Ich lernte, dass ich damit rechnen muss, dass mein Entgegenkommen, mein Mich Öffnen, meine Freundlichkeit, von Männern (sicher nicht von allen, aber eben doch von welchen, ohne dass ich vorher wissen könnte, ob dieser konkrete Mann, mit dem ich es gerade zu tun habe, dazu gehört) quasi als Versprechen auf „Mehr“ interpretiert werden kann. Sogar als Verpflichtung. Dass Männer auf irgend eine mir damals noch unverständliche Weise die Idee entwickeln können, sie hätten irgendwelche „Ansprüche“ mir gegenüber.

Dieser Freund, der älter war als ich, verstand sein Verhalten damals nicht als Sexismus, sondern eher als Warnung. Und möglicherweise war es das auch. Er meinte es gut. Nicht jeder Mann, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir „ablassen“.

Auf diese Weise begann es, dass ich unfreundlich wurde, unfreundlich zu Männern. Ich begann auch, Männer zu unterteilen in solche, mit denen ich gegebenenfalls Sex haben könnte und solche, mit denen ich das ausschloss. Und überhaupt nur mit ersteren fing ich irgendeine Art von freundschaftliches Verhältnis an. Ich dachte mir, wenn die mich dann irgendwann vergewaltigen würden, wäre es immerhin nicht so schlimm. Es war sozusagen eine Art kalkuliertes Risiko meinerseits (es gibt alte Tagebuchaufzeichnungen, die beweisen, dass ich wirklich so reflektierte).

Allen anderen Männern gegenüber blieb ich reserviert. Ich vermied es, sie auch nur anzulächeln, geschweige denn zu berühren. Ich fertigte sie mehr oder weniger geschäftlich ab. Mir gänzlich unbekannte Männer hatten schon gar keine Chance, überhaupt meine Bekanntschaft zu machen. Ich kann das wirklich gut, das Abblocken, ich habe es trainiert, bis in die Körperhaltung. Ich mache nie ein freundliches Gesicht, wenn ich mit unbekannten Männern in einem Raum bin, zum Beispiel in der U-Bahn. Was für eine schlechte Stimmung ich auf diese Weise verbreite, das muss man sich mal vorstellen!

In gewisser Weise ist das bis heute so. Nicht, dass ich Angst habe. Ich habe nur keine Lust auf Komplikationen irgendeiner Art. Ich habe keine Lust, irgendwas zu erklären oder gradezurücken. Ich weiß, dass ich dadurch die Gelegenheit verpasse, nette Männer kennenzulernen, weil ich sie mit ihren ekligen Zeitgenossen einfach in einen Topf werfe. Aber ganz ehrlich: Das Leben ist so leichter für mich. Und es ist nicht so, dass es mir an Gesellschaft mangelt – wozu soll ich mir Stress einhandeln, wenn es doch auch genügend interessante Frauen auf der Welt gibt? (Immerhin, mit dem Internet ist es leichter geworden, Männer erstmal kennen zu lernen, ohne sich gleich gemeinsam mit ihnen in einem Raum zu befinden. Das finde ich extrem angenehm, denn so kann ich schonmal vorfühlen und bin bisher, wenn es dann doch zu Treffen in einem Raum kam, zum Glück noch nie enttäuscht worden.)

Ich erlebe selten Sexismus im Alltag, aber durch das Lesen der Geschichte von Nicole wurde mir klar, dass ich einen hohen Preis dafür bezahle. Denn ich erlebe nur deshalb wenig Sexismus, weil ich Männer meide, die mir unbekannt sind. Weil ich sie mit Blicken schon entmutige, sie schon in ihre Schranken weise, bevor sie auch nur Piep sagen können. Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.

Ich behaupte, dass ich kein Einzelfall bin, sondern dass der Alltagssexismus macht, dass sehr viel weniger Freundlichkeit von Frauen in der Welt ist, als sein könnte. Nur kurz ein Beispiel dazu, das kürzlich in meine Timeline kam: Viele Ärztinnen (sicher nicht nur in Australien) sind sexueller Belästigung ausgesetzt und ändern daraufhin ihr Verhalten – nämlich so, dass sie ihren Patienten formeller und reservierter begegnen als vorher.

Ansonsten: Lest das Buch, verschenkt es, gebt es weiter. Besonders brilliant ist die Analyse von Mithu M. Sanyal, die sehr gut erklärt, was es mit dem Begriff Sexismus auf sich hat.

Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal, Jasna Strick: „Ich bin kein Sexist, aber…“ Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Orlanda, Berlin 2013, 95 Seiten, 10 Euro.

Information und Wissen: Nochmal über Journalismus

In meinem letzten Post schrieb ich, dass der Kern des Journalismus im Recherchieren bislang nicht verfügbarer Informationen liege, und dass ich deshalb der Meinung bin, Journalismus sei gesellschaftlich nützlich und solle aus allgemeinen Ressourcen ermöglicht werden. Haha, wie naiv.

Kurz darauf kam nämlich dieser Link herein, ein Text von Henry Farrell, der sagt, die Bedeutung von Medienjournalismus liege überhaupt nicht darin, Informationen zugänglich zu machen, sondern vielmehr darin, Informationen in Wissen zu verwandeln. Dass eine Information öffentlich bekannt ist, sei nämlich vollkommen unerheblich. Wichtig werde das erst, wenn man sie auch für eine wichtige Information hält. Und welche von den vielen vorhandenen Informationen wichtig sind, das entscheiden die Medien. Sie sagen uns, was wir wissen müssen (weil „man“ darüber eben spricht), und was wir getrost ignorieren dürfen.

Tja, leider hat er ja recht. Allerdings: Schön ist das nicht.

Wenn ich hier im Blog öfter von „Mainstream“-Medien spreche, dann meine ich genau das: Dass es eine, vielleicht sogar inzwischen tatsächlich die einzige Funktion großer Medien ist, durch die Art und Weise ihrer Berichterstattung darüber zu entscheiden, was als relevant zu gelten hat und was nicht.

Auf diese Weise haben die Medien und die darin einflussreichen Journalist_innen eine sehr große politische Macht. Vermutlich ist das auch der Grund, warum so viele von ihnen derzeit behaupten, die Zukunft des Journalismus liege im Kuratieren und Gewichten von Informationen.

Als ich dies in meinem vorigen Blogpost zurückwies, vermutete ich noch, diese Einschätzung könne daran liegen, dass die Dynamik sozialer Medien falsch eingeschätzt wird (die nämlich so eine Arbeit tendenziell überflüssig machen). Aber vermutlich liegt es eher an der Eitelkeit der Medienmacher_innen. Denn wenn sie mit ihrer Kuratiererei darüber entscheiden, was für wichtig zu gelten hat und was nicht (und wenn das von der Allgemeinheit auch als ihre genuine Aufgabe angesehen und bejubelt wird) dann sind sie selber eben SUPERWICHTIGWICHTIG. Klar, dass ihnen das gefällt.

Nur: Gesellschaftlich nützlich sind sie dann leider nicht mehr. Sondern im Gegenteil: schädlich.

Denn eine solche Dynamik führt zur Mainstreamisierung und Normatierung im politischen Handeln, wo Differenzierung und Komplexitätsbewusstsein notwendig wäre. Sie leitet politische Debatten in einseitige Bahnen, unterdrückt abweichende Ansichten, verdrängt und marginalisiert Perspektiven, die nicht Mainstream sind.

Man kann wohl kaum bestreiten, dass genau das gegenwärtig in den Medien passiert. Die Frage ist: Finden wir das gut? Bejubeln wir diese Entwicklung als Rettung für den ach so gesellschaftlich bedeutsamen Berufszweig Journalismus? Oder müsste uns dieser Trend nicht vielmehr Anlass zur Besorgnis sein?

Wenn wir uns als politische Wesen verstehen wollen, dann, finde ich jedenfalls, müsste der Prozess der Transformation von Informationen in Wissen von jeder Person selbst geleistet werden. Um eine politisch Handelnde zu sein (und nicht bloß Teil einer Herde, die nachplappert, was grade im Brennpunkt gesendet wird), muss ich selber zu einem Urteil finden und auch dazu stehen. Muss ich selber entscheiden, welche Relevanz ich welchen Informationen zuspreche und wie ich sie verstehen, interpretieren, in meine Weltanschauung einpassen will. Natürlich nicht einsam am Schreibtisch, sondern im Austausch und im Gespräch mit anderen. Aber urteilen muss ich selbst, und dieses Urteil dann auch wieder in der Debatte anderen gegenüber vertreten. Das und nichts anderes ist Politik.

Wenn wir hingegen die Anstrengung, Informationen in Wissen zu transformieren, an irgendwelche Leute in Redaktionsstuben abgeben, dann sind wir keine politischen Wesen mehr. Dann gestalten wir nicht mehr in Freiheit unsere Welt, sondern begnügen uns damit, zwischen Joghurt mit Vanille- und Erdbeergeschmack zu wählen, aber dass es auf jeden Fall Joghurt gibt, das haben andere für uns bereits entschieden.

Und wenn man in diesem Zusammenhang dann noch einmal auf die Tatsache zurückkommen will, dass diese Medienwelt zu über 80 Prozent die Ideen und Ansichten von weißen, bildungsbürgerlichen Männern wiedergibt, wird das ganze Ausmaß des Desasters noch deutlicher.

Nein, so einen Journalismus brauchen wir nicht.

(Foto: mkorsakov/Flickr.com)

Brauchen wir noch Journalismus?

Ob wir noch Journalismus brauchen? Wo wir doch jetzt das Internet haben? Das war die Frage bei einem Panel der Medientage München, an dem ich gestern teilgenommen habe. Aus diesem Anlass habe ich nochmal etwas systematischer über diese Frage nachgedacht.

Und bin zu dem Schluss gekommen: Ja, wir brauchen Journalismus. Stellt sich nur die Frage, was genau Journalismus ist.

Journalismus, so würde ich es definieren, ist in erster Linie professionelle Recherche, die zu dem Zweck betrieben wird, Informationen der Allgemeinheit zugänglich und verfügbar zu machen. Das ist aus einer gesellschaftlichen Perspektive wünschenswert, weil politische Debatten darauf angewiesen sind, alle für ein bestimmtes Thema relevanten Informationen zur Verfügung zu haben.

Leider wird Journalismus häufig mit Schreiben verwechselt. Geschrieben wird aber viel, es gibt ja nicht nur journalistische Texte (Videos und Audios subsumiere ich der Einfachheit halber mal). Es gibt viele Gründe zu schreiben, Journalismus ist nur einer davon. Und es gibt viele Textformate, journalistische Texte sind nur ein Teil davon.

Zu dieser Verwechslung konnte es kommen, weil früher, vor dem Internet, ein Großteil der in den klassischen Medien – Zeitungen, Radio, Fernsehen – veröffentlichten Texte journalistische Texte waren. Die Veränderung, die das Internet mit sich brachte, ist die, dass jetzt jede Art von Geschriebenem publiziert wird. Es gibt im Internet alle möglichen Arten von Content. Persönliche Betrachtungen, Briefe, Tagebucheinträge, Gespräche, Meinungsäußerungen aller Art, Forschungsergebnisse, Pressemitteilungen – alles wird veröffentlicht, und zwar direkt von denen, die diese Texte produzieren.

Mir ist klar, dass Definitionen und Differenzierungen immer eine Unschärfe haben und sich in der Realität die Dinge oft vermischen und Grauzonen aufweisen, aber um die Dinge durchschauen zu können, ist es doch wichtig, Unterscheidungen zu ziehen und zu sehen, wo die Grenzen verlaufen – und wo nicht.

Die Grenze zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt zum Beispiel nicht mit dem Medium zusammen, über das der Content verbreitet wird: Sowohl auf Blogs als auch in Zeitungen oder im Fernsehen können journalistische ebenso wie nicht journalistische Inhalte verbreitet werden. Höchstens aus den genannten historischen Gründen gibt es in Blogs oder in sozialen Netzwerken mehr nicht-journalistischen als journalistischen Inhalt. Aber einem Text ist es erstmal egal, ob er als Webseite oder als Print verbreitet wird. Es gibt inzwischen viele Blogs mit journalistischem Inhalt, und vieles, was in Zeitungen steht oder im Fernsehen gesendet wird, hat mit Journalismus nichts zu tun.

Es geht auch nicht um Qualität als solche. Beide Textformen, journalistische wie auch nicht-journalistische, haben eine jeweils eigene Qualität.

Ich schlage vor, den Unterschied folgendermaßen zu fassen: Nicht-journalistische Texte (oder Audios oder Videos), so meine These, sind solche, die nicht auf Recherchen beruhen, die eigens für die Veröffentlichung vorgenommen wurden. Die meisten Blogger_innen zum Beispiel geben Wissen, Einsichten und Erfahrungen weiter, die sie ohnehin haben, die sie auch hätten, wenn sie nicht bloggen würden. Sie wurden also nicht extra für die Publikation recherchiert.

Das bedeutet nicht, dass ihr Content deshalb weniger fundiert, weniger relevant, weniger verlässlich wäre als klassischer Journalismus – ganz im Gegenteil: Oft schreiben Menschen ja über Themen, mit denen sie sich sehr gut auskennen, meist sogar besser als entsprechende Fachjournalist_innen. Ganz einfach deshalb, weil es ihre Leib- und Magen-Themen sind, weil sie sich mit ihnen aus persönlichem Interesse beschäftigen. Oder weil sie ohnehin gerade anwesend waren, als etwas Interessantes passierte.

Der Unterschied, auf den ich hinaus will, ist nicht einer der Qualität, sondern der Perspektive: Blogger_innen teilen ihr Wissen mit der Öffentlichkeit, aber dieses Wissen hätten sie auch, wenn sie es nicht teilen würden. Zum Beispiel rezensiere ich hier im Blog Bücher oder Filme, berichte über Veranstaltungen oder schreibe Meinungsartikel zu gesellschaftlichen Debatten. Der Punkt ist: Diese Bücher würde ich auch lesen, diese Veranstaltungen auch besuchen und diese Meinungen auch haben, wenn ich nicht bloggen würde.

Das ist auch der Grund, warum Blogger_innen keine Bezahlung für ihre Texte verlangen: Sie haben keinen zusätzlichen Rechercheaufwand, der Aufwand des Bloggens besteht lediglich darin, das in Worte zu fassen, was man ohnehin schon weiß. Man veröffentlicht das, weil man darin ein persönliches Anliegen sieht, weil man die eigenen Ansichten und das eigene Wissen in den allgemeinen Diskurs einspeisen möchte, weil man Einfluss nehmen möchte, oder weil es wenig Aufwand ist, ein Foto, das man sowieso gemacht hat, dann auch noch rasch zu veröffentlichen und somit der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Ganz anders steht es aber um den professionellen Fotografen, der extra irgendwo hinfahren muss, um ein Foto zu machen. Oder die Journalistin, die den Auftrag bekommt, über ein Thema zu schreiben und dann erst einmal aufwändig recherchieren muss, um die notwendigen Inhalte in Erfahrung zu bringen. Wenn ich journalistisch schreibe, dann beschäftige ich mich aus professionellen Gründen mit einem Thema, mit dem ich mich ansonsten nicht beschäftigen würde. Weil ich dafür bezahlt werde, zum Beispiel.

Der Unterschied zwischen journalistischem und nicht-journalistischem Content hängt also am Zustandekommen des Wissens: Ist dafür eine Recherche notwendig, die eigens betrieben wird, um etwas für das Publizieren herauszufinden? Oder ist es ein aufgrund persönlicher Interessen oder anderweitiger beruflicher Expertise erworbenes Wissen, das dann auch noch publiziert wird, quasi als Nebenprodukt?

Wichtig ist mir dieser Unterschied, weil er aus meiner Sicht entscheidend ist, um die Notwendigkeit von Journalismus zu begründen: Denn ich behaupte, wenn wir keinen Journalismus hätten, wenn also nur das publiziert würde, was irgendjemand ohnehin schon weiß, würden wichtige Dinge unbekannt bleiben, würden Informationen, die für eine gesellschaftliche Debatte wichtig sind, nicht verfügbar sein.

Es ist nämlich ein Irrtum, zu glauben, dass sich alles googeln ließe. Es gibt sehr viele Dinge, die man nicht googeln kann. Sei es, dass jemand die entsprechenden Informationen geheim halten will – dafür braucht man dann investigativen Journalismus. Oder sei es, dass wirklich noch niemand die entsprechenden Informationen zusammengetragen hat, dass sich niemand aus persönlichen Gründen so sehr dafür interessiert, um es freiwillig zu recherchieren. Oder sei es, dass diejenigen, die sich dafür interessieren würden, nicht die notwendigen Ressourcen, nicht die Zeit, nicht das Know-How haben, um es zu recherchieren.

Und genau diese Lücke kann nur professioneller Journalismus füllen. Journalist_innen, so könnte man also sagen, sind notwendig, um Wissen googlebar zu machen, das ohne ihre Arbeit nicht googlebar wäre. Sie recherchieren Dinge, die niemand freiwillig ins Netz stellt, die aber dennoch wichtig sind oder vielleicht in einem späteren Kontext einmal wichtig werden könnten.

Wo ich hingegen langfristig keine Zukunft für den Journalismus sehe, auch wenn das derzeit häufig behauptet wird, ist im Kuratieren und Aufbereiten bereits vorhandenen Wissens. Momentan mag es noch einen gesellschaftlichen Nutzen haben, wenn Leute die Fülle der vorhandenen Informationen ordnen, sortieren, evaluieren, verifizieren und häppchenweise aufbereiten. Aber ich glaube, das werden wir alle zunehmend selber machen. Die entsprechenden Tools gibt es bereit, es bilden sich entsprechende Mechanismen heraus. Woran es momentan noch fehlt, ist die dafür notwendige Medienkompetenz, die noch nicht bei allen vorausgesetzt werden kann. Aber das wird kommen. Das Kuratieren von Informationen durch Redaktionen mag ein Modell sein für den Journalismus der nächsten fünf, zehn Jahre, aber nicht auf Dauer.

Bleibt natürlich die Frage, wer Journalismus in Zukunft bezahlen soll. Meiner Meinung nach werden das nicht die User sein. Denn ein anderer häufig genannter Zusammenhang ist ebenfalls ein Irrtum: der zwischen Relevanz und Reichweite. Beides hat nichts miteinander zu tun.

Die Relevanz eines Contents lässt sich NICHT daran ablesen, wie viele Leute sich dafür interessieren. Ich sage nur: NSU versus Königshochzeiten. Die Menschen interessieren sich im Alltag für Buntes, Skandalöses, Emotionales und nicht unbedingt für die „wirklich wichtigen“ Dinge, und ich finde, das kann man ihnen nicht vorwerfen. Das geht mir auch selber oft so.

Nicht aus einer individuellen, sondern lediglich aus einer gesellschaftlichen Perspektive heraus ist es wichtig, dass möglichst viele Dinge recherchiert und veröffentlicht werden. Damit sie im Fall des Falles vorhanden und referenzierbar sind. Aber diese Rechercheergebnisse sind keine massenverkaufbare Ware. Und deshalb ist klar, dass die Finanzierung von Journalismus in  Zukunft weder über Nutzergebüren, noch über Werbung laufen kann (die ja in direktem Zusammenhang mit Reichweite und Quoten steht).

Leider befinden sich die traditionellen Medien derzeit in der Falle, dass sie sich auf der Suche nach Reichweite und damit nach Einnahmen immer weiter von genuin journalistischem Content entfernen, weil mit solchem Content eben nicht dieselben Reichweiten und Renditen erzielt werden können wie mit nicht-journalistischem Content, also mit Unterhaltung und PR. Unterhaltung (wozu auch Skandalberichterstattung gehört) erzielt Reichweiten und generiert Einnahmen. PR wiederum kostet wenig und rentiert sich daher auch bei geringeren Reichweiten, was etwa das Geschäftsmodell der Huffingtonpost ist (warum die Huffingtonpost nicht Journalismus, sondern PR ist, hat Michael Pantelouris grade auf Carta erklärt, full ack. meinerseits).

Das heißt, die Frage nach der Zukunft des Journalismus ist eine gesellschaftspolitische Frage, die nicht auf marktwirtschaftliche Weise gelöst werden kann. Angesichts der Vielzahl von anderem Content, der kostenlos verfügbar ist und das Interesse der Menschen in der Masse mehr trifft als die Ergebnisse fundierter journalistischer Recherche, werden die Leute nicht in relevantem Ausmaß dafür bezahlen. Vielleicht bei einzelnen Crowdfunding-Projekten, doch dass werden immer nur kleine Nischen sein.

Wenn der professionelle Journalismus erhalten bleiben soll, wird das meiner Ansicht nach nur über gesellschaftliche Mittel wie Kulturflatrate oder Stiftungen oder ähnliches funktionieren.

Sicher wird es auch in Zukunft noch Geschäftsmodelle für Medienangebote geben, die sich über Nutzungsgebüren oder Werbung finanzieren, aber das werden meiner Ansicht nach keine genuin journalistischen Inhalte sein, sondern in erster Linie Unterhaltung. So, wie es ein Großteil des Contents im Fernsehen oder in Zeitschriften ja jetzt schon ist.

Soweit erstmal meine Überlegungen zum Thema. Das Panel bei den Medientagen wird Anfang November auch  noch ausgestrahlt (dann reiche ich den Link nach). Bereits online steht ein Interview dazu, das der BR vor dem Panel mit mir gemacht hat (das Foto ist ein Screenshot daraus).

Weiterlesen: Information und Wissen

Mein Sabbat-Experiment, zweiter Teil

Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle, warum ich vor einigen Monaten ein „Sabbatexperiment“ gestartet habe und wie genau es funktioniert. Hier nun die versprochene Bilanz.

Das erste, was mir klar wurde, war, dass einen Tag pro Woche „nichts Profanes zu tun“ zur Folge hat, dass man an den anderen Tagen „mehr Profanes“ tun muss, es sei denn, man reduziert das gesamte Volumen, also etwa den Anteil an bezahlter Arbeit oder politischem Engagement (was ich aber nicht wollte).

Konkret: Wenn etwas am Montag fertig sein musste, dann konnte ich das ja am Sonntag nicht fertigmachen und musste es entweder noch am Samstag abend fertigkriegen oder eben am Montag früher aufstehen. Teilweise hatte das durchaus einen gewissen Charme, denn es gab diesem Experiment Bedeutung. Und es sorgte auch dafür, dass meine Umgebung davon mitbekam, wenn ich etwa sagte: „Nein, ich kann nicht noch eine Folge Firefly gucken, weil ich das und das noch fertig kriegen muss, weil morgen ja Sabbat ist.“

Andererseits stellt sich bei sowas dann immer auch die Frage nach den Ausnahmen. Wie viel an Komplikationen war ich bereit, zu akzeptieren, und wann war der Punkt erreicht, an dem ich nach dem Motto „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat“ dann doch eben eine Ausnahme machte? Das ist wohl der Unterschied zwischen einer selbst gewählten und einer von außen auferlegten Regel.

In dem Zusammenhang spürte ich auch deutlich, dass es einen großen Unterschied macht, ob man so einen „geheiligten“ Tag im Individualprojekt einrichtet, oder ob es in einem gesellschaftlichen Kontext stattfindet, wo alle anderen auch die „Sonntagsruhe“ einhalten. Überall da, wo kollaborativ gearbeitet wird, hängt das eigene Arbeiten nämlich auch von anderen Menschen ab. Also wenn ich als Redakteurin Texte bearbeiten muss, die montags fertig sein müssen, von den Autorinnen aber erst am Samstagabend oder Sonntagmorgen geliefert werden, habe ich ein Problem. Denn erstens arbeiten sie ja am Sonntag, außerdem denken sie: Die hat ja noch einen Tag Zeit, das zu bearbeiten, obwohl ich nach meiner Rechnung eben keinen Tag Zeit mehr habe, sondern nur die frühen Morgenstunden des Montags.

Ich war in dieser Zeit zufällig für eine Woche in Israel und erlebte da auch den Sabbat mit, zwar nur in Tel Aviv, wo er nicht allzu streng gehandhabt wird, aber es legte sich doch eine deutliche Stille über die Stadt. Noch krasser war es am Tag meines Rückflugs, wo nämlich abends Jom Kippur begann, ein hoher Feiertag, an dem dann wirklich alles still stand. Sogar der internationale Flughafen stellte den Betrieb ein (einige Reisende erzählten, dass ihr Flug gestrichen wurde und sie einen Tag länger bleiben mussten als geplant, meiner wurde am Freitagnachmittag nur um zwei Stunden vorverlegt, damit wir noch wegkamen, bevor der Flughafen geschlossen wurde). Es ist klar, dass das Sabbathalten für die Einzelne um ein Vielfaches einfacher ist, wenn es alle tun, weil eben alles darauf eingerichtet ist.

Schwierig war es auch bei meiner Teilnahme an Wochenendtagungen. Bei der Denkumenta zum Beispiel habe ich eine Ausnahme gemacht, denn es wäre ja blöd gewesen, wenn ich beim Abschlussplenum am Sonntag nicht dabei gewesen wäre.

Und so entwickelte sich mein Experiment durchwachsen. Einerseits habe ich die Sonntage, an denen keine „Komplikationen“ im oben geschilderten Sinne auftraten, als sehr angenehm erlebt. Ich habe es sehr genossen, an einem Tag in der Woche nichts „Profanes“ tun zu dürfen. Die Sonntage jedoch, an denen es Komplikationen gab, erlebte ich als stressig. Und zwar stressig wegen der Notwendigkeit, dauernd entscheiden zu müssen, ob ich nun eine Ausnahme mache oder nicht.

Abgesehen von solchen Komplikationen, die mir von außen, durch andere Menschen oder „die Verhältnisse“ auferlegt wurden, gab es dann auch noch Wochen, in denen ich das Profane gerne aufgeschoben hätte – zum Beispiel wenn es am Samstag tollsten Sonnenschein gab, aber für Sonntag Regen angekündigt war. Wie blöd wäre es dann, den Samstag am Schreibtisch zu verbringen, statt draußen das gute Wetter zu genießen, bloß weil ich die anstehenden Arbeiten nicht am Sonntag machen darf?

Oder wenn es unter der Woche schon viele „heilige“ Zeitfenster gegeben hat, also etwa Gelegenheiten zu ausführlichen Gesprächen mit Freundinnen oder Nachmittage, an denen ich mich in einem Roman festgelesen hatte und so weiter. Vor dem Sabbatexperiment hatte ich sieben Wochentage, über die sich solche Oasen verteilten, jetzt hatte ich nur noch sechs, außer sie fielen rein zufällig auf den Sonntag. Was bedeutete, dass ich auf manche dieser Gelegenheiten verzichten musste, um unterm Strich mit meinem „Profanitätsvolumen“ noch hinzukommen.

Am Ende fand ich mich also vor die Wahl gestellt, entweder meinen Profanitätsanteil, also die notwendigen, bezahlten usw. Arbeiten generell zu reduzieren, was ich, wie gesagt, nicht wollte (teils wegen des Geldes, aber auch, weil mir meine profanen Tätigkeiten ja im Allgemeinen Spaß machen und ich sie wichtig finde). Oder aber auf das Sabbathalten wieder zu verzichten.

Irgendwann war ich an dem Punkt angekommen, wo ich dieses ganzen Hickhacks überdrüssig war und also verkündete, ich würde das Sabbatexperiment jetzt wieder sein lassen. Das wäre alles zu kompliziert. Was mich dann jedoch überraschte, war die Reaktion des Mitbewohners, der sagte, das wäre aber sehr schade (obwohl er selbst gar nicht an dem Experiment teilnahm). Ich wäre an meinen Sabbaten immer so entspannt und umgänglich gewesen. Ich sollte doch weiter machen.

Das fand ich erstaunlich und aufschlussreich, und es brachte mich dazu, darüber nachzudenken, ob es nicht noch eine dritte Möglichkeit gäbe. Und in der Tat fiel mir was ein:

Ich mache das Sabbatexperiment jetzt erstmal weiter, aber in einer flexibleren Form. Ich versteife mich also nicht auf den Sonntag, sondern entscheide Woche für Woche neu, ob es der Sonntag, der Samstag, der Freitag oder der Montag ist (in dieser Reihenfolge).

Also: Wenn der Sonntag aus den erwähnten Komplikationsgründen schwierig ist, wird es der Samstag, wenn es da auch nicht geht, ist es der Freitag, und wenn es da auch nicht geht, ist es der Montag, und nur wenn das auch nicht geht, bleibt es eben der Sonntag und ich nehme die Komplikationen in Kauf. Wenn also an einem Samstag sowieso etwas genuin „Heiliges“ ansteht, etwa eine Einladung zum Kaffeetrinken oder ein Ausflug oder schönes Wetter usw., dann mache ich den Samstag zu meinem wöchentlichen Sabbattag. Oder wenn am Sonntag etwas „Profanes“ lockt, auf das ich nicht verzichten will, wie etwa ein interessanter Vortrag oder eine Demo.

Wichtig ist, dass dann aber wirklich der ganze Tag von morgens bis abends „profanfrei“ bleibt und auch, dass ich mich bewusst darauf einstelle. Um die Bedeutung hervorzuheben, trage ich mir das jeweils mit einem großen S in den Kalender ein. In gewisser Weise habe ich so die häufigsten Ausnahmen in meine Regel integriert. Denn Regeln, von denen es dauernd Ausnahmen gibt (geben muss), sind Mummpitz und Stressverursacher.

Mal sehen, wie sich das Experiment von hier aus nun weiter entwickelt.

PS.: Habe zwischenzeitlich mitbekommen, dass Plomlompom das so ähnlich macht, oder jedenfalls vermute ich es, denn ich habe nicht so ganz genau verstanden, wie er das regelt 🙂

(Foto: Roberto Verzo/Flickr.com)

Für mehr anarchistische Theorie

Vorgestern stellte Philippe Kellermann im Rahmen der Frankfurter Gegenbuchmasse sein Buch „Anarchismusreflexionen“ vor. Darin versammelte er Gespräche mit elf Personen (unter anderem mit mir) über den Anarchismus, und zwar vor allem unter der Perspektive, was an anarchistischer Theorie heute noch brauchbar ist, wo Fehler liegen und so weiter.

Bei der Debatte ging es unter anderem auch um die Frage, warum anarchistische Theorie in Deutschland so wenig bekannt ist und kaum rezipiert wird und welche Auswirkungen das auf die Linke insgesamt hat. Ich schreibe die angesprochenen Punkte mal auf, um sie festzuhalten. Auch wenn die natürlich alle etwas plakativ und verkürzt sind.

* Marxismus ist der einzige Referenzpunkt für „linke“ Debatten in Deutschland (in anderen Ländern ist das nicht so) – also: Marx muss man kennen, um ein guter „Linker“ zu sein, Bakunin nicht. (generisches Maskulinum ist in diesem Fall bewusst gewählt).

* Der Marxismus ist inzwischen selbst ausdifferenziert, es gibt auch „libertäre“ Marxisten, die Teile von anarchistischem Gedankengut aufnehmen. Philippe Kellermann zog hier den Vergleich mit dem Christentum: Es wird immer dieselbe Bibel ausgelegt, aber alle interpretieren sie anders, sodass sich ganz unterschiedliche und gegensätzliche Ansätze auf dasselbe Buch berufen. Ähnlich ist es mit Marx: Auch seine Schriften werden ganz unterschiedlich interpretiert und alle möglichen Ansätze finden darin Belege für sich selbst.

* Ich würde dazu allerdings anmerken, dass das genau das Problem ist, denn während die Bibel tatsächlich eine große Bandbreite an Positionen enthält, da sie Texte von sehr unterschiedlichen Autor_innen versammelt und über einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten entstanden ist, sind die Texte von Marx, wenn auch noch umfangreicher als die Bibel, doch eben von einem bestimmten Autor geprägt und lassen meiner Ansicht nach eigentlich keinen so wirklich großen Spielraum. Das heißt, auch wenn es natürlich eine Bandbreite an möglicher Interpretation gibt, so bleiben doch andere linke Positionen durch diese Fokussierung per se ausgeschlossen bzw. auf die Idee, es ganz anders machen zu können, kommt man gar nicht, wenn man innerhalb des „Marx-Kosmos“ bleibt.

* Historische Gründe: Die Dominanz der SPD in der deutschen Arbeiterbewegung, die von Anfang an anti-anarchistische Propaganda betrieb (wie auch Marx selbst), was dazu führte, dass anarchistische Theorie kaum bekannt war. Zu dieser Propaganda gehört maßgeblich die Behauptung, der Anarchismus hätte überhaupt keine Theorie.

* Besonders krass in Preußen, in Süddeutschland ist es teilweise anders. Und: Mit der Shoah ist die libertäre Tradition zusätzlich abgebrochen, weil libertäre Denker_innen vertrieben wurden.

* Übergroße Dominanz des Staates als Bezugsrahmen für linke Politik – hier sehe ich eine Kombination aus Marxismus und Preußentum. Politischer Einfluss wird hauptsächlich als Einfluss auf Parteien und Parlamente gedacht. Kritik und Forderungen kreisen um den Staat und darum, was Parteien und Politiker_innen falsch oder richtig machen. (Hier sehe ich eine Parallele zu einem Feminismus, der immer rund um das Patriarchat kreist).

* An den Unis gibt es praktisch nur „marxistische“ Professoren (oder gab es, inzwischen gibt es auch die nur noch selten). Das hängt auch damit zusammen, dass der Marxismus einerseits „akademischer“ auftrat und andererseits das bürgerliche Bildungsverständnis nicht grundsätzlich in Frage stellt.

* Dagegen wandte eine Teilnehmerin ein, dass das eigentlich nur für Fächer wie Wirtschafts- oder Politikwissenschaft stimmt, die marxistisch dominiert sind, während in Fächern wir Literatur- oder Erziehungswissenschaft durchaus anarchistische Theoretiker_innen rezipiert werden.

* Dazu fiel mir wiederum ein, das sich darin auch eine unterschiedliche Revolutionskonzeption zeigt, dass nämlich laut Marxismus die wesentlichen Themen dabei Ökonomie (Hauptwiderspruch) und Staatsform (Arbeiterpartei, Übernahme des Staates durch das Proletariat) sind, während anarchistische Theorie schon immer Revolution als breiter angelegtes Konzept verstand (Antipädagogik, Geschlechterverhältnis, alternative Konzepte des Zusammenlebens ausprobieren).

* Nach der Veranstaltung fiel mir noch ein Punkt ein, der hieraus folgt: Die Behauptung, Sozialismus wäre eine „wissenschaftliche“ Angelegenheit, führt zu der besonders in Deutschland verbreiteten Haltung, es gehe darum, „objektive Verhältnisse“ zu erforschen, die dann einen „objektiv richtigen Weg zur Revolution“ vorgeben (das zeigt sich in vielen politischen Debatten, auch solchen, die gar keinen Bezug auf den Marxismus nehmen. Aber meiner Ansicht nach darauf zurückzuführen sind, evt. in Wechselwirkung mit Preußentum). Während in einer anarchistischen Tradition es eher darum geht, Verfahrensweisen angesichts von Differenzen zu finden: Es gibt keinen „richtigen“ Weg (den etwa eine Partei repräsentieren könnte) sondern Politik bedeutet, möglichst herrschaftsfreie Aushandlungsprozesse unter Verschiedenen zu ermöglichen.

* Letzter Punkt: „Den Anarchismus“ gibt es eigentlich nicht (nicht in derselben Weise wie „den Marxismus“), weil unter dem Label eigentlich alle zusammengefasst werden, die einen libertären, nicht-marxistischen Sozialismus vertreten. Auch in dieser Sichtweise ist eigentlich noch immer Marx die Referenz. Besser wäre es, von Bakuninsmus, Kropotkinismus, Goldmanismus, Reclusismus, Weilismus, Landauerismus und so weiter zu reden, und dass diese Wörter so bekloppt klingen, ist eigentlich schon ein Zeichen dafür, dass das Konzept, politische Ideen in „ismen“ zu interpretieren, ohnehin falsch ist.

* Wichtig wäre es daher aus meiner Sicht, dass wir uns die linke Ideentradition unabhängig von Labels anschauen. Das heißt erstens: Texte von Linken aus der Geschichte vorurteilsfrei lesen und als Beiträge zu einer linken Tradition lesen, die uns für heutige Projekte und Kämpfe möglicherweise helfen können. Nicht versuchen, sie in Schubladen zu sortieren. Und vor allem: Sie mal lesen, ohne dass dabei gleich die Frage im Hinterkopf ist, ob sie mit dem Marxismus zusammenpassen oder nicht.

Subjektive Lektüreempfehlungen dazu meinerseits wären für den Einstieg:

Michael Bakunin: Staatlichkeit und Anarchie
Peter Kropotkin: Die freie Vereinbarung
Emma Goldmann: Ursachen des Niederganges der russischen Revolution
Simone Weil: Unterdrückung und Freiheit

Aber im Prinzip ist das wie Nadel im Heuhaufen. Es gibt nicht den handlichen „Einstieg in den Anarchismus“ (ebenso wenig wie den handlichen „Einstieg in den Feminismus“). Anarchismus ist (wie Feminismus) kein „Fach“, kein „Thema“, sondern eher eine Haltung gegenüber der Welt. Bevor man das „lernen“ kann, muss man deshalb die eigenen Fragestellungen, Interessen und Perspektiven klären, denn je nachdem würden die Anknüpfungspunkte ganz unterschiedlich aussehen.

Eine gute Seite für den Einstieg in die Lektüre anarchistischer Klassiker_innen ist die auch Textsammlung auf anarchismus.at. Ebenfalls zum Stöbern: http://a-bibliothek.org/ -Überhaupt gibt es inzwischen viele Texte im Netz und auch einige als Gratis-E-Books.

Oder Ihr fangt hier im Blog an:
Eine Rezension von zwei neueren Textausgaben von Errico Malatesta und Gustav Landauer
Simone Weils Plädoyer für die Abschaffung der politischen Parteien

Hier noch meine Rezension zur Neuausgabe von Emma Goldmans Memoiren „Gelebtes Leben“

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismusreflexionen. Zur kritischen Sichtung des anarchistischen Erbes. 11 Interviews mit Martin Baxmeyer, Torsten Bewernitz, Roman Danyluk, Sebastian Kalicha, Jens Kastner, Gabriel Kuhn, Jürgen Mümken, Wolf-Dieter Narr, Antje Schrupp, Peter Seyferth, Siegbert Wolf. AV-Verlag, 263 Seiten, 17 Euro.

Rope of Solidarity – ein Film über Brustkrebs und Bergsteigen

Brustkrebs und Bergsteigen – es dürfte schwierig sein, zwei Themen zu finden, die mich weniger interessieren, mit denen ich weniger persönliche Emotionen oder Erfahrungen verbinde. Ehrlich gesagt habe ich mir den Film nur angeschaut, weil die Regisseurin, Gabriele Schärer, eine politische Freundin ist und vor elf Jahren einen wunderbaren Film über „Die schönste Revolution des 20. Jahrhunderts“ gedreht hat: „Sottosopra“ (die schönste Revolution war natürlich der Feminismus).

Nun also einen über hundert von Brustkrebs betroffene Frauen, die gemeinsam einen Berg besteigen – okaaaay.

Umso mehr wunderte ich mich, wie sehr mich der Film in den Bann zog. Dabei ist er ganz simpel gemacht. Die Kamera zeigt die Gruppe, wie sie sich in Zermatt trifft, sich von einem Bergsteiger erklären lässt, wie man einen Berg besteigt, am nächsten Morgen loszieht, großartiges Bergpanorama inklusive diverser Widrigkeiten. Dazwischengeschnitten sind Interviews mit 15 der Frauen, die von ihrer Geschichte erzählen, davon, wie sie mit der Diagnose konfrontiert worden sind, was sie dabei erlebt haben, wie sie damit umgegangen sind, welche Schwierigkeiten sie hatten, was die Krankheit in ihrem Leben verändert hat und was nicht.

Das hört sich nicht sehr spektakulär an, ist es aber. Denn irgendwie gelingt es, dass die Frauen der Zuschauerin nicht als „andere“ begegnen, als die, die „dieses Problem“ haben, das man selber nicht hat, sondern sie werden zu Vorbildern. Sie sind ganz unterschiedlich, und gerade deshalb erkennt man sich in ihren Schilderungen wieder. Wer hat denn keine Schwierigkeiten damit, sich anderen verständlich zu machen? Wer hat keine Probleme mit dem Aussehen des eigenen Körpers? Wer kennt nicht Schuldfragen gegenüber Kindern oder die Angst vor dem Jobverlust? Wer hat keine Angst vor dem Ungewissen und damit, nicht alles „im Griff“ zu haben?

Deutlich wird dabei, dass Verletzlichkeit und Prekarität, das Angewiesensein auf andere eben gerade etwas Normales ist, und dass man trotzdem „das gute Leben in die eigenen Hände nehmen“ kann, wie es im Begleittext zum Film heißt. Und dass das gute Leben nichts ist, was „trotz“ Krankheit, Unglück, schlechtem Wetter möglich ist, sondern gerade in und durch alle Widrigkeiten hindurch.

Zum Thema Brustkrebs hat Gabriele Schärer schon vor einigen Jahren einen Kurzfilm mit Interviews veröffentlicht, lest hier, was sie dazu sagt.

Ansonsten: Schaut euch den Film an. Er kommt am 19. Oktober in der Schweiz ins Kino, aber vielleicht lässt sich ja auch in Deutschland was organisieren? www.ropeofsolidarity.ch