Über die Ansteckungsgefahr von Homosexualität

In den derzeitigen Debatten über die homophobe Petition gegen den Bildungsplan in Baden Württemberg wird momentan ein Argument häufig vorgebracht, das mir ein wenig Unbehagen bereitet: Nämlich dass Homosexualität doch schließlich nicht ansteckend sei. Wovor haben denn diese Leute Angst, wird da gefragt, etwa dass die Behandlung verschiedener Lebens- und Begehrensformen im Schulunterricht ihre armen Kinder lesbisch und schwul macht?

Ich weiß nicht, ich finde das Argument zu defensiv. Es erinnert mich ein bisschen an die Argumentation vieler Frauenrechtlerinnen vor hundert Jahren, die auf den Vorwurf, das Frauenstimmrecht würde dazu führen, dass Frauen sich nicht mehr um ihre Kinder kümmern, beschwichtigend abwiegelten und sagten: Keine Sorge, es wird sich überhaupt nichts ändern. Natürlich hat sich aber doch was geändert, und die Frage, wer genau sich wie um die Kinder kümmert, steht heute ja nicht zufällig ganz oben auf der gleichstellungspolitischen Tagesordnung.

Mit politischen Argumenten ist es meistens so, dass sie einerseits so und andererseits so zu verstehen sind. Natürlich sind emanzipierte Frauen keine Monstermütter, die ihre Kinder verhungern lassen. Aber ebenso selbstverständlich muss sich im Zusammenleben von Familien etwas ändern, wenn die Frauen ihre bisherigen Tätigkeiten neu sortieren.

Und so ist es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität auch. Natürlich werden Kinder nicht reihenweise homosexuell, nur weil das Thema im Unterricht behandelt wird. Aber ebenso natürlich werden diejenigen Jugendlichen, die anders begehren, als es die heterosexistische Norm vorgibt, durch eine größere gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität dazu ermutigt, diesen Neigungen nachzugehen, sich entsprechend auszuprobieren, ihr Begehren auszuleben. Und das ist doch schließlich auch der Sinn des Ganzen!

Mit diesen Gedanken im Kopf kam ich gestern über einen lesenswerten Blogpost, der über den Zusammenhang von Class, Race und sexuellem Begehren nachdenkt, auf einen anderen queeren Blog, dessen Autor das Mantra der rein biologischen Bedingtheit von sexueller Identität, das „Born this Way“, in Frage stellt. Er schildert, wie sein von der weißen Schönheitsnorm abweichender Körper durch rassistische Diskurse und mediale Repräsentationen auch hinsichtlich des sexuellen Begehrens geformt wurde.

Das sexuelle Begehren ist nicht einfach eine Folge biologischer Prädispositionen, bei denen dann nur die Alternative besteht, ob sie quasi „in natürlicher Reinform“ ausgelebt werden können oder unterdrückt werden müssen. Es ist bei sexuellen Identitäten wie bei allem, dass es sich nämlich um ein Wechselspiel zwischen Gegebenem und Erfahrenem handelt, dass subjektive Wünsche durch äußere Einflüsse geprägt, wenn auch natürlich nicht determiniert werden.

Deshalb wurden so viele Frauen in den 1970er Jahren lesbisch, und nicht nur, weil viele von ihnen endlich ausleben konnten, was immer schon in ihnen steckte, sondern auch, weil sie durch die feministischen Debatten in sich Wünsche entdeckten und formulierten (zum Beispiel den Wunsch, „frauenidentifiziert“ zu leben und den Beziehungen zu Frauen den Vorrang vor denen zu Männern zu geben), für die es vorher keine Sprache und keine (Vor)-Bilder gegeben hatte.

Ich bin mir jedenfalls ziemlich sicher, und ich hoffe das auch sehr, dass eine Gesellschaft, in der mehr Lebensformen und Möglichkeiten sexueller Identitäten sichtbar sind, und die das alles auch in ihren Bildungsprogrammen zum Thema macht, auch in der Realität eine größere Vielfalt hervorbringen wird. Auch mehr offen lebende Lesben und Schwule.

Vielleicht bin ich auf das Thema aber auch nur deshalb so angesprungen, weil mir das Bild der Ansteckung in Bezug auf politische Diskurse generell gut gefällt. Auch die Liebe zur Freiheit ist nämlich ansteckend, wie Luisa Muraro einmal sagte. Und dass sich die Liebe zur Freiheit in all ihren Erscheinungsformen wie ein Virus unter uns ausbreiten könnte, das ist doch eine wunderbare Vorstellung!

(Foto: Sanofi Pasteur/Flickr.com)

Von Menschen und Tieren (und Politik)

artgereicht KopieIrgendwann in den 1980er Jahren saßen wir in meiner damaligen WG vor dem Fernseher, und es kam eine Sendung über das Sterben von Robbenbabies. Meine Mitbewohnerin konnte sich gar nicht mehr einkriegen – die armen Robbenbabies! Ich fand das ein bisschen übertrieben und ließ die Bemerkung fallen, dass in Afrika schließlich massenweise Menschen verhungern, warum sie denn darüber nicht weine.

Ihre Antwort war: Ja, aber die armen Robben sind doch unschuldig! Wir Menschen hingegen haben unser Elend selbst verschuldet! Seither habe ich, milde gesagt, ein gespanntes Verhältniss zur Tierethik. Und deshalb ist dieses Buch ist eigentlich gar nichts für mich. Dass ich es trotzdem gelesen habe, liegt daran, dass Hilal Sezgin immer so grandiose Texte schreibt, dass mir das Thema fast egal ist 🙂

Hilal Sezgin zeichnet hier die tierethischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte nach und beschreibt die grausamen Fakten „unseres“ Umgangs mit Tieren, nimmt dabei die philosophischen Klassiker genau an den richtigen Stellen aufs Korn und kommt zu dem Schluss, der so hieb- und stichfest ist, dass ich nicht wüsste, wie irgendjemand dem etwas entgegensetzen könnte.

Sezgins Schluss lautet: Es ist unmoralisch, empfindungsfähige Tiere (sie zieht die Grenze, auch mit überzeugenden Argumenten, bei den Wirbeltieren) zu züchten, zu töten, zu nutzen, ja überhaupt zu halten, geschweige denn sie zu quälen. Die einzig moralische Lebensweise sei es deshalb, vegan zu leben und sich ansonsten für eine Abschaffung jeglicher Tiernutzung einzusetzen.

Eine solche radikale Position wird natürlich, das ist absehbar, viel Gegenwind bekommen. Allerdings engagiert sich Hilal Sezgin schon seit Jahren auf diesem Gebiet. Sie kennt die einschlägigen Gegenargumente und hat sie in ihrem Buch bereits widerlegt.

Trotzdem bleibe ich auch nach der Lektüre „Speziezistin“. Das heißt, ich bin dafür, klar zwischen Menschen und Tieren zu unterscheiden, und ich halte es für falsch, das Verhalten von Menschen gegenüber Tieren mit dem Verhalten von Menschen anderen Menschen gegenüber zu vergleichen.

Nicht dass ich meine, Menschen wären gegenüber Tieren zu nichts verpflichtet. Das sind sie. Aber die Rede von „Speziezismus“ verharmlost diskriminierende Praktiken der Menschen untereinander, weil sie angesichts der offensichtlichen Unterschiede zwischen Menschen und Tieren das Bekenntnis zur prinzipiellen Gleichheit aller Menschen verwässert und relativiert. Wenn eine Kuh nicht in die Schule geschickt werden muss, wieso dann ein Mädchen?

Da braucht jetzt übrigens gar niemand den Kopf zu schütteln, diese Vergleiche sind in Westeuropa bis ins 19. Jahrhundert hinein ganz genauso gemacht worden. Weiße männliche Philosophen siedelten Frauen und Menschen of Color irgendwo zwischen den „richtigen“ Menschen (sich selbst) und Tieren an. Deshalb sehe ich, sobald jemand ernsthaft Speziezismus mit Rassismus und Sexismus gleichsetzt, rot. Denn damit gibt es eben keine klare Grenze, sondern einen fließenden Übergang zwischen Menschen und Tieren. Und warum dann nicht auch zwischen Menschen untereinander, sodass bestimmte Menschen höher und andere tiefer stehen, näher an den Kühen eben?

Denn die Antwort, darauf, warum eine Kuh nicht in die Schule gehen muss, ist ja klar und offensichtlich (Hilal Sezgin gibt sie in ihrem Buch): Sie braucht keine. Und nun dürfen Sie mal raten, wie die weißen männlichen Philosophen es ehedem begründeten, warum Mädchen und Menschen anderer Hautfarben keine Schulen brauchen? Bingo!

Sowieso habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu jeder Philosophie, die universalistisch von „dem Menschen“ spricht. Ich wählte nicht zufällig die Politikwissenschaft, weil es da um die Differenzen unter Menschen geht, und ich finde, alles Weitere – also zum Beispiel das Verhältnis von (diesen oder jenen) Menschen zu Tieren, zur Umwelt, zu Gott und so weiter – muss auf einer Analyse der Beziehungen von Menschen untereinander aufbauen und nicht andersrum.

Sezgin unternimmt aber genau so eine philosophische Analyse, sie fragt, wie ein moralisches Verhältnis zwischen Menschen und Tieren aussehen soll. Theoretisch ist das lesenswert, und wenn man eine moralische Perspektive einnehmen will, habe ich dem auch nichts entgegenzusetzen. Es stimmt ja: Es ist moralisch nicht erlaubt, Tiere zu nutzen. Aber meine nächste Frage wäre: So what?

Die Moral hat es doch längst schon vergeigt. Wir sind keine moralische Gesellschaft (und mit „wir“ meine ich jetzt die westlich-europäischen Gesellschaften und Kulturen). Ich wüsste nicht, wo die kantische Pflichtethik des von der Vernunft aufgenötigten „Du sollst“ ernsthaft noch in Kraft wäre. (Ich habe da vor einigen Jahren schonmal etwas dazu geschrieben.)

Genau das waren auch die Stellen, an denen sich beim Lesen besonders viele Fragezeichen in meinem Kopf formierten, und damit komme ich auf das eingangs Gesagte zurück: Sezgin nämlich stellt gegenüber, was im Umgang zwischen Menschen angeblich „völlig normal“ sei – dass wir andere nicht töten dürfen, das Gewalt schlecht ist, zum Beispiel – während wir bei Tieren da keine Skrupel hätten.

Ich will nicht behaupten, dass die Dimensionen vergleichbar sind, aber ich sehe nicht, dass „wir“ keine moralischen Skrupel hätten, Menschen zu töten, zumindest fahrlässig, zum Beispiel auf Flüchtlingsboten im Mittelmeer oder mit Entscheidungen globaler Unternehmen, die Elend und Tod in anderen Weltregionen zur Folge haben.

„Wir“ opfern nicht nur Tiere „unserer“ Bequemlichkeit, unseren Profitinteressen, dem Erhalt unserer Privilegien, sondern all dem opfern „wir“ selbstverständlich auch Menschen. Die Moral meldet sich erst da zu Wort, wo wir Skrupel haben, anderen Menschen persönlich den Hals umzudrehen, das tun wir natürlich nicht. Aber das tun wir bei Tieren normalerweise auch nicht. Aber es gilt nicht als moralisch verwerflich, Unterschriften unter irgendwelche Verträge zu setzen, die unweigerlich den Tod und das Leiden vieler anderer Menschen zur Folge haben wird.

Das Prinzip, das Sezgin im Umgang mit Tieren kritisiert, gilt ganz genauso auch im Umgang mit anderen Menschen: Die Empathie nimmt mit der Distanz des Verfahrens zu ab, und vor lauter Hantieren mit Bilanzen, Zahlen, Statistiken lösen sich die konkreten Folgen des eigenen Handelns als moralische Fragestellung quasi in Luft auf.

Der spannende Punkt liegt also in der Frage, wie wir es – als politische Wesen – schaffen, das was gut ist, auch zu tun. Denn die Tierethik ist ja bei weitem nicht das einzige Feld, auf dem menschliche Gesellschaften es nicht hinkriegen, das, was (sogar unbestritten) gut und richtig ist, politisch auch umzusetzen, und das, was falsch ist, zu unterlassen.

Man denke nur mal an das Desaster beim Klimaschutz. Oder, kleinere Hausnummer, das unentwirrbare, kontraproduktive und teure Konglomerat an „Familienförderung“ in Deutschland, das dringend mal konsistent gemacht werden müsste. In vielen, ich würde sogar sagen, in den meisten Bereichen wissen „wir“ sehr genau, was richtig und was falsch ist, und sind uns im Großen und Ganzen auch darüber einig. Nur kriegen wir es nicht hin, es dann auch politisch umzusetzen. Das ist ein grundlegendes Defizit der politischen Verfahren, derer wir uns bedienen, auch der demokratischen.

Allerdings hat Hilal Sezgin recht, dass diese Einigkeit darüber, was richtig wäre (die zum Beispiel in Punkto Umweltschutz, Hungerbekämpfung und so weiter gegeben ist) in Punkto Tierethik noch nicht herrscht. Viele sind noch der Meinung, es sei moralisch legitim, Tiere für das Wohlbefinden von Menschen zu nutzen, auch wenn das faktisch heißt, sie zu quälen und zu töten.

Und von daher ist das Buch durchaus empfehlenswert, vielleicht trägt es dazu bei, hier das, was als „normal“ und legitim gilt, etwas zu verschieben.

Hilal Sezgin: Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen. C.H. Beck, 301 Seiten, 16,95 Euro. 

Mörderinnen

mörderinnenMörderinnen faszinieren, denn sie verstoßen nicht nur gegen die Moral und die Gesetze, sondern auch gegen Weiblichkeitsnormen. Deshalb werden sie in Filmen, in Krimis und in den Medien groß rausgebracht, während Mörder hingegen fast schon langweilig, weil so normal sind.

Dabei sind die Frauen, so könnte man die Statistik interpretieren, eigentlich ziemlich gut darin, andere Menschen umzubringen: Der Anteil der von ihnen insgesamt verübten Gewaltverbrechen beträgt zwar, über Kulturen und Zeitepochen hinweg ziemlich stabil, bloß ungefähr zehn Prozent. Ihr Anteil an „erfolgreich“ zu Ende gebrachten Tötungen hingegen satte zwanzig Prozent.

Das ist eine der Zahlen, die man aus diesem Band erfährt. Er versammelt Beiträge einer interdisziplinären Tagung Ende 2011 zum Thema „Mörderinnen: Verbrechen – Körper – Inszenierung“ an der Uni Siegen. Die unterschiedlich interessanten Texte beschäftigen sich mit allen möglichen Darstellungen von Mörderinnen, von Amazonen über Kindsmörderinnen à la Gretchen bis hin zu Bette Davis als schwestermordender „Baby Jane“ oder einer grandios metzelnden Lady Snowblood.

Deutlich wird, dass es nicht nur Unterschiede darin gibt, wie Mörderinnen und Mörder wahrgenommen werden, sondern auch darin, wie sie handeln: Frauen töten – anders als Männer – fast ausschließlich in ihrem privaten Umfeld. Fast immer ist ihr Opfer der Ehemann oder Beziehungspartner, ansonsten ihre eigenen Kinder (wobei die Juristenterminologie unterscheidet zwischen „Neonatizid“ und „Infantizid“, wieder was gelernt) oder, an dritter Stelle, ihnen anvertraute Menschen wie etwa im Fall von Pflegerinnen, die ihre Patient_innen umbringen. So gut wie nie töten Frauen Fremde, oder aus Habgier, oder weil sie andere dominieren möchten. Das fast einzige Motiv tötender Frauen ist, dass sie sich aus belastenden Beziehungsstrukturen befreien möchten.

Daraus ergeben sich für mich eine Menge Fragen: Was führt Menschen dazu, Beziehungen auf so eine krasse Weise zu „beenden“? Wie sollten wir (moralisch, juristisch, soziologisch, politisch) mit diesen Fällen umgehen? Welche Strafen sind da angemessen, welche Präventionsmaßnahmen erfolgversprechend? Und – im Kontext der Fragestellung dieses Buches – wie wird das in Kulturproduktionen, in Romanen, Filmen, Opern verhandelt und beantwortet?

Leider nehmen die meisten Beiträge nicht diese Perspektive ein, sondern sind mal wieder auf den Olle-Kamellen-„Männervergleich“ fixiert. Also auf die Frage, warum Frauen so „anders“ morden als Männer. Als sei die Art und Weise, wie und warum Männer töten, irgendwie normal und also das, woran sich das weiblichen Morden bitteschön zu orientieren hätte.

Natürlich zeigen sie – Überraschung! – dass die Art und Weise, wie sie (nicht) töten den Frauen anerzogen bzw. diskursiv konstruiert ist. In Teilen des feministischen Diskurses wird offenbar von einer Vermännlichung der weiblichen Mordpraxis sogar die Weltrevolution erhofft. So lässt Thea Dorn in ihrem Roman „Die Hirnkönigin“, in dem es um eine Serienmörderin geht (der Anteil der Frauen ist bei Serienmorden noch deutlich niedriger als bei Morden insgesamt), die ermittelnde Journalistin sagen: „Eine wirklich gewalttätige Frau, eine Frau, die durch und durch skrupellos, böse ist, würde diese Gesellschaft heftiger erschüttern als alle Revolutionen.“

Really? I don’t think so. In emanzipierten Zeiten wäre das doch nur der Beweis dafür, dass seitens der Frauen keine Irritationen des Status Quo zu befürchten sind.

Nicht, dass so ein Szenario ganz chancenlos wäre. Neuere Untersuchungen lassen vermuten (hoffen? oder doch eher befürchten?) dass sich das weibliche Tötungsverhalten dem der Männer allmählich annähert: 15- bis 20-jährige Mädchen, so wird eine Studie des Deutschen Jugendinstituts zitiert, würden inzwischen ebenso häufig zu Gewalt neigen wie ihre männlichen Altersgenossen.

An der Durchschlagkraft der Emanzipation ist also nicht zu zweifeln. Aber vielleicht ist es trotzdem noch nicht ganz zu spät, auch mal die Frage zu stellen, warum eigentlich so vergleichsweise viele Männer morden und Gewaltverbrechen begehen? Ob und wie ihnen das anerzogen wird, wie wir alle gemeinsam das diskursiv konstruieren und was sich dagegen vielleicht unternehmen ließe?

Denn, ehrlich gesagt, mich wundert es nicht, dass Mörderinnen so faszinierende Gestalten sind: Frauen, die Gewalttaten verüben, verstoßen nämlich nicht nur gegen Weiblichkeitsbilder, sie verstoßen vor allem auch gegen Menschlichkeitsbilder. Genauso wie übrigens Männer, die gewalttätig werden. Der Punkt bei den Männern ist eben nur, dass sie, wenn sie anderen Gewalt antun, NICHT unbedingt gegen Männlichkeitsbilder verstoßen. Im Gegenteil, sie bestätigen damit unter Umständen ihre Männlichkeit sogar noch. Und das ist das eigentlich „Unnormale“ bei diesem ganzen Thema, wenn man so will, und außerdem ein echtes gesellschaftliches Problem.

PS. Ein Klischee stimmt übrigens nicht, dass nämlich Frauen in der Regel die Leute vergiften würden. Ihre liebste Mordwaffe ist das Messer, ein Fünftel von ihnen tötet mit bloßen Händen (Schläge, Drosseln Würgen) und ebenso viele wählen eine Schusswaffe. Von wegen Arsen und Spitzenhäubchen.

Hyunseon Lee, Isabel Maurer Queipo (Hg): Mörderinnen. Künstlerische und mediale Inszenierungen weiblicher Verbrechen. Transcript, 2013, 369 Seiten, 33,99 Euro.

 

PPS: Gerade bekomme ich von einer Leserin den Hinweis auf diese Seite, und in der Tat ist es merkwürdig, dass politische Attentäterinnen in dem Band gar nicht vorkommen, obwohl es doch eine ganze Reihe davon gibt/gegeben hat und sie auch in Kulturproduktionen bearbeitet wurden.

Balken im Auge

Man könnte darüber diskutieren, ob Homosexualität und andere nicht-traditionelle sexuelle Identitäten in der deutschen Schulbildung als „normal“ akzeptiert werden sollten, oder ob man ihr Vorkommen nur unter gewissen Voraussetzungen tolerieren will. Das genau ist nämlich die Frage, um die es im Kern bei der Auseinandersetzung in Baden-Württemberg über den von der grün-roten Landesregierung beschlossenen Bildungsplan 2015 geht.

Der derzeitige Stand des deutschen Mainstream ist wohl der, dass Homosexualität zwar nicht mehr verboten sein soll und dass man Schwule, Lesben, Transsexuelle oder andere „Queers“ auch nicht mehr aktiv diskriminieren will, dass aber gleichzeitig doch große Uneinigkeit darüber besteht, inwiefern diese sexuelle Vielfalt tatsächlich auch als ganz genauso „normal“ angesehen werden soll wie das klassische biologisch definierte Mann-Frau-Paar.

Eher nicht für „normal“ gehalten wird Homosexualität (und Queerness generell) jedenfalls von einer Mehrheit der Christinnen und Christen. Zwar gibt es auch christliche Gruppierungen und Einzelpersonen, die der Auffassung sind (mit guten christlichen Begründungen), dass sexuelle Vielfalt vorbehaltlos akzeptiert und unterstützt werden muss – inklusive der dafür notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen wie etwa modifizierter Bildungspläne. Diese Fraktion ist im Übrigen gar nicht so klein, wie viele glauben, es gehören zahlreiche normale Kirchenmitglieder dazu, kirchliche Angestellte (wie ich), auch viele Pfarrerinnen und Pfarrer, und sogar einige hohe kirchenleitende Amtspersonen.

Aber es wäre doch albern, zu behaupten, dass wir die christliche Mehrheit repräsentieren. Der Mainstream der Kirchennahen sieht es eher so, dass nicht-heteronormkonforme Lebensweisen und Identitäten halt irgendwie Realität, aber trotzdem „nicht ganz normal“ sind. Die Palette reicht dabei von schlichtem Desinteresse über Ignoranz gegenüber Homophobie bis hin zu offenen Vorbehalten. Es gibt im Übrigen leider auch noch christliche Kreise, die Homosexualität am liebsten wieder verbieten würden.

Und natürlich haben die Kirchen wie jeder andere gesellschaftliche Akteur das Recht, ihre Meinung öffentlich zu vertreten und in die allgemeine Debatte einzubringen. Niemand zwingt sie, „dem Zeitgeist hinterherzulaufen“, wie immer unterstellt wird. Was ich mich frage, ist: Warum, um Himmels willen, tun sie das nicht?

Warum vertreten sie nicht offen und argumentativ ihre Ansichten zum Thema sexuelle Vielfalt? Vielleicht, weil sie ahnen, dass sie damit nicht mehr den gesamtgesellschaftlichen Mainstream treffen würden? (Ob das so wäre, weiß ich nicht). Oder weil sie keine wirklich plausiblen und haltbaren Argumente haben, sondern ihre Ansichten darüber eher Gewohnheit, Bequemlichkeit, Weltfremdheit sind? Sicher ist: Sie würden sie sich angreifbar machen. Sie müssten sich für ihre Ansichten zur Verantwortung ziehen lassen. Es würden innerchristliche Konflikte aufpoppen. Und das ist natürlich unbequem.

Stattdessen lenken sie vom Thema ab und reden über „Indoktrination“, die angeblich vom baden-württembergischen Bildungsplan 2015 ausgeht. In einer gemeinsamen Stellungnahme der evangelischen und katholischen Kirche in Baden-Württemberg zum Thema heißt es: „Jeder Form der Funktionalisierung, Ideologisierung und Indoktrination gilt es zu wehren. Dies gilt nicht zuletzt im sensiblen Bereich der sexuellen Identität.“

Hooray, könnte man da aus queerer Sicht eigentlich jubeln. Ist das denn nicht genau das, was wir auch wollen? Dass Kinder nicht mehr vom ersten Tag an in blaue oder rosane Geschlechtsrollen hineinerzogen werden? Dass sie nicht mehr in Büchern und Lehrplänen mit einem einzigen als „normal“ behaupteten Lebensstil namens heterosexuelle Ehe indoktriniert werden? Dass Unterricht nicht mehr ideologisch darauf abzielt, irgendwelche angeblich „natürlichen Geschlechterordnungen“ zu stabilisieren? Ist denn nicht genau das die Absicht, die hinter dem neuen Bildungsplan steht? Zu verhindern, dass weiterhin – wie in den vergangenen Jahrhunderten, auch und gerade seitens der Kirchen – funktionalisierend, ideologisierend und indoktrinierend auf die Herausbildung der sexuellen Identität von Kindern eingewirkt wird?

Aber so, als queeres Manifest, ist die kirchliche Stellungnahme natürlich nicht gemeint. Was schön klingt, wenn man es im Wortlaut zitiert, wurde von den Medien sofort – und zu Recht – als Kritik am Bildungsplan aufgefasst. Denn mit dieser Wortwahl solidarisieren sich die Kirchen mit einer homophoben Petition, die derzeit von der „christlichen Basis“ in Baden Württemberg vorangetrieben wird – mit oberkrassesten Begründungen – und die den Bemühungen des Bildungsplanes – genau – Indoktrination und Ideologie unterstellt.

Und sorry, das ist unverschämt. Das ist eine arrogante Herablassung, die die Argumente der anderen noch nicht einmal wenigstens zur Kenntnis nehmen will. Da hilft es dann auch nicht, wenn sich die Stellungnahme im Schlusssatz von „Hetzportalen und diffamierenden Blogeinträgen“ distanziert. Denn in der Substanz hat sie sich die Sichtweise der Petition zu eigen gemacht.

Die baden-württembergischen Kirchen hätten sich besser an Angela Merkel ein Beispiel genommen und eingestanden, dass sie sich mit der Akzeptanz von Homosexualität „nicht ganz wohl fühlen“. Ich zumindest hätte ihnen das nicht übelgenommen. Aufgrund ihrer Geschichte, und auch angesichts einer weltweiten christlichen Ökumene, in der sogar das Tolerieren von Homosexualität noch weithin abgelehnt wird, wäre das doch durchaus zu verstehen.

Niemand erwartet von den Kirchen, dass sie sich zur Speerspitze der deutschen Queerbewegung machen. Sie repräsentieren nun einmal vorwiegend konservative, bürgerliche Milieus. Sie hätten also sehr gut eine vom derzeitigen „Zeitgeist“ abweichende Positionierung in Sachen Queer einnehmen können und sich damit als genau als das erwiesen, was sie sind: einer von vielen gesellschaftlichen Akteuren, die eine spezielle Sichtweise auf ein Thema haben.

Aber sie diskutieren nicht, und sie argumentieren nicht. Stattdessen spielen sie mit Muskeln, stellen sich über ihre Gegner_innen und behaupten, diese wären nicht satisfaktionsfähig, weil sie ja „Indoktrination und Ideologie“ betreiben würden.

Liebe Kirchen in Baden Württemberg: Lest doch vielleicht nochmal die Stelle mit dem Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen.

PS: Lest auch das Interview mit Nele Tabler im Missy Magazine

Foto: fraencko/Flickr.com

Besondere Umstände – Episode 13

Benni Bärmann und ich haben nach langer Zeit mal wieder gepodcastet. Episode 13 von „Besondere Umstände“ geht über: die Grünen, Parteipolitik im allgemeinen und Angela Merkel im besonderen. – Blockupy, Hamburg, die Eigentumsfrage und Gewalt bei Demonstrationen (21:25) – Soziokratie und Konsens (44:20). Listen and enjoy!

Nackte Frauen, zu hunderten!

staedelJedesmal, wenn ich an der Konstablerwache in die U4/U5 Richtung Hauptbahnhof einsteige, ärgere ich mich über eine Werbung der Frankfurter Museen, die am Beispiel zweier Teenager den lüsternen männlichen Blick auf den nackten Frauenkörper zeigen, und die schon seit Jahren dort hängt. Nackte geile Frauen gibt es im Museum zu sehen, ist das nicht sowas von geil?

Auf ähnlich „lustige“ Weise wird häufig auch für Ausstellungen geworben, die prähistorische Figurinen zeigen. Zum Beispiel wurde für die Ausstellung der Venus von Willendorf in Österreich mit einem Plakat geworben, das sie als Call-Girl (mit Telefonnummer) zeigt.

Umso wohltuender ist es, in dem 600 großformatige Seiten dicken Band „The Language of MA, the primal mother. The evolution of the female image in 40.000 years of global Venus Art“ der niederländischen Religionshistorikerin Annine van der Meer zu stöbern. In einer unglaublichen Fleißarbeit hat sie hier hunderte von Venus-Darstellungen aus allen Epochen gesammelt (alle mit Abbildungen) und erläutert, in einen historischen Kontext gestellt. Die begleitenden Texte reflektieren die Entwicklung der Darstellung von Frauenkörpern über die Jahrtausende hinweg.

Durchlesen kann man das Buch nicht wirklich, aber darin blättern, sich hier und da festlesen und immer wieder interessante Geschichten entdecken.

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Der mit 29,95 Euro unglaublich günstige, englischsprachige Band ist in Holland erschienen, von Deutschland aus kann es für nur 8 Euro Porto beim Christel-Göttert-Verlag gekauft werden. Eine deutsche Übersetzung ist geplant, die wird allerdings deutlich teurer werden. Subskribentinnen bekommen aber Rabatt. Alle Infos hier.

Es gibt auch eine Facebook-Seite

Gegner_innen und politische Konflikte

Kürzlich habe ich endlich mal Chantal Mouffe gelesen (ihr Buch „Über das Politische“, das so eine Art Zusammenführung ihres Denkens ist), und darin eine Antwort auf eine Frage gefunden, die mich in den letzten Wochen bewegt hat: Warum es mich so sehr ärgert, dass die Grünen in Hessen eine Koalition mit der CDU machen. Denn ich habe gar nichts Prinzipielles gegen Schwarz-Grüne Koalitionen. Im Bund oder in anderen Ländern kann ich mir das zum Beispiel vorstellen. Aber nicht in Hessen, nicht mit dieser CDU. Warum kann oder will ich mir das nicht vorstellen?

Die Antwort, die ich bei Mouffe gefunden habe, ist ihr Vorschlag, im Bereich des Politischen wieder mehr mit dem Begriff der Gegnerschaft und des Konflikts zu operieren. Sie beobachtet (wie ich finde, zu Recht), dass sich in der Art und Weise, wie heute über politische Dinge debattiert wird, eine falsche Grundannahme eingeschlichen hat, nämlich die, dass es für alles eine „richtige“, „rationale“ Lösung gibt.

Wenn nur alle genügend logisch nachdenken und das Thema wissenschaftlich erforschen, so scheinen viele zu glauben, dann kommt raus, dass jeder vernünftige Mensch zum Ergebnis xyz kommen muss. Diejenigen, die zu einem anderen Ergebnis kommen, die also eine andere Meinung vertreten als ich, haben dementsprechend noch nicht genug über das Thema nachgedacht, oder sie hängen Ideologien und Aberglauben an, die einer vernünftigen Erkenntnis im Weg stehen.

Hier wird naturwissenschaftliches Denken auf die Politik übertragen, beziehungsweise wird so letztlich der politische Charakter von Konflikten geleugnet. Aber die Menschen, die zum Beispiel gegen ein Adoptionsrecht für homosexuelle Paare sind, gegen ein Grundeinkommen, für ein Betreuungsgeld oder was auch immer, sind keineswegs einfach zurückgeblieben und unaufgeklärt. Sie haben sich nur anders entschieden, sie stehen auf einer anderen Seite des politischen Spektrums.

Es spricht natürlich nichts dagegen, zu versuchen, sie mit Argumenten zu überzeugen. Man muss aber realistischerweise davon ausgehen, dass das unter Umständen nicht gelingt. Und zwar nicht deshalb, weil die anderen zu dumm wären, die Wahrheit zu erkennen, sondern weil sie schlicht und ergreifend etwas anderes wollen als ich.

Die gängige Sichtweise sieht zwei Möglichkeiten vor, mit politisch Andersdenkenden umzugehen: Man kann sie entweder für dumm und unaufgeklärt halten, oder man kann im Gegenteil die Differenzen herunterspielen und zu einer Frage von unbedeutenden Vorlieben machen.

Entscheidet man sich für das erste, so gilt es, weiter mit ihnen zu diskutieren, es ihnen zu erklären, sie zu überzeugen. Wenn sie sich weigern, muss man sie hingegen aus dem politischen Diskurs ausschließen, denn sie haben ja objektiv unrecht.

Entscheidet man sich hingegen für das zweite, dann misst man dem Konflikt keine tiefgehende Bedeutung zu, sondern zeigt sich tolerant für die abweichende Ansichten, hat also letztlich die Vorstellung, beides könne friedlich nebeneinander bestehen.

Das alles kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Zum Beispiel ist es richtig, Neonazis aus dem Diskurs auszuschließen. Oder es ist richtig, verschiedene Spielarten des Feminismus als unterschiedliche Wege zu einem ähnlichen Ziel anzusehen und zum Beispiel eine andere nicht schon deshalb für eine Gegnerin zu halten, weil sie für oder gegen Quoten ist.

Doch für die meisten politischen Konflikte, mit denen wir es zu tun haben, ist weder das eine noch das andere ein gangbarer Weg. Homophobie zum Beispiel oder Mainstream-Rassismus kann ich weder tolerieren, noch kann ich diejenigen, die so denken, ernsthaft aus dem politischen Diskurs ausschließen, allein schon, weil sich diese Frage aufgrund der Mehrheitsverhältnisse gar nicht stellt. Ich muss akzeptieren, dass sie Teil der politischen Sphäre sind, das bedeutet etwa, dass ich zusammen mit ihnen in einem Parlament sitzen kann und ihnen das Recht zugestehe, ihre Ansichten zu vertreten.

Doch zu akzeptieren, dass Andersdenkende legitime politische Akteur_innen sind, bedeutet nicht, dass man auch verpflichtet ist, mit ihnen konkret zusammenzuarbeiten. Der Spruch „Alle demokratischen Parteien müssen miteinander koalieren können“, den man neuerdings manchmal hört, ist irreführend, wenn er als moralisches Postulat verstanden wird.

Ich kann in Andersdenkenden auch echte politische Gegner_innen sehen. Das bedeutet, dass ich mich nicht der Illusion hingebe, ich müsste nur lang genug argumentieren, bis auch sie endlich verstanden haben, dass ihre Ansichten falsch sind. Sie irren sich nämlich nicht, und sie sind auch nicht dumm. Sie entscheiden sich nur ganz bewusst für Dinge, die ich ebenso bewusst für falsch halte. Das ist der Kern unseres Konfliktes, der nicht durch vernünftiges Räsonnieren aufgelöst werden kann.

Allerdings ist es in der Realität nicht so einfach, wie es sich bei Chantal Mouffe liest. Sie hat noch die alte, sozusagen „klassenkämpferische“ Gesellschaft vor Augen, die klare Verhältnisse zwischen „links“ und „rechts“ kannte und wünscht sich so etwas zurück. Heute verlaufen die Konfliktlinien der politischen Gegnerschaft aber nicht mehr so eindeutig, und schon gar nicht zwischen klar abgegrenzten Parteien.

Meiner Ansicht nach geht es eher darum, die Kategorie der „Gegner_innenschaft“ wieder bewusst in das politische Repertoire aufnehmen (das persönliche, das der eigenen Gruppe…), als zusätzliche Möglichkeit sozusagen, das eigene Verhältnis zu anderen Akteurinnen zu begreifen – neben den beiden bereits gängigen Kategorien von „Geht gar nicht/ist dumm“ oder „Kann-man-tolerieren“.

Noch komplizierter wird das Ganze übrigens dadurch, dass durch persönliche Beziehungen in konkreten Fällen einzelne Andere von der einen in die andere Kategorie wechseln können. Dass etwa ein wirkliches Argumentieren doch möglich ist oder irgendwann nicht mehr  möglich ist. Dass Zusammenarbeit stattfinden kann oder nicht mehr stattfinden kann. Aber eigentlich klingt das jetzt auch wieder schwieriger, als es in einem konkreten Fall ist. So ähnlich wie es schwierig ist, theoretisch zu definieren, wann man ein Kunstwerk schön findet, aber ganz leicht, es zu entscheiden, wenn man davor steht.

Denn, um zur hessischen Situation zurückzukommen: Für mich und viele andere, die hier grün gewählt haben, gehört die hessische CDU ganz einfach nicht in die „Kann-man-mit-zusammenarbeiten“-Kategorie, sondern in die der Gegnerschaft. Und das ist der Grund, warum ich mich über diese Koalition so ärgere.

(Foto: Surfguard/Flickr.com)