Lesenswerte Einführung in die feministische Ökonomie

feministischeoekonimoeDieses Büchlein ist empfehlenswert für alle, die sich kurz und übersichtlich einen Einblick in die feministische Ökonomie verschaffen möchten.

Es geht los mit einem Rückblick auf die Anfänge im 19. und frühen 20. Jahrhundert, wo es bereits eine Vielzahl von Frauen gab, die über die (neu entstandene) Wissenschaft der Ökonomie schrieben.

Weiter geht’s mit einer Übersicht über die Anfänge der Debatten im Rahmen der neuen Frauenbewegung, es folgen eine Kritik am männlichen Konzept des „Homo Oeconomicus“, ein Überblick über die „Hausarbeitsdebatte“ und eine Analyse der Mechanismen, mit denen Frauen und Genderaspekte generell in der gängigen Wirtschaftswissenschaft unsichtbar gemacht werden.

Ganz zu recht gibt es dann ein ganzes Kapitel zum Thema Care-Arbeit (als dem heute wichtigsten Feld feministischer Ökonomiekritik), eine Analyse des Zusammenhangs zwischen Makroökonomie und Geschlechterverhältnissen, und zum Abschluss einen kurzer Überblick über drei aktuelle politische Vorschläge: Frigga Haugs „Vier-in-Eins“-Perspektive, die Commons und das Bedingungslose Grundeinkommen.

Ich finde die Herangehensweise der Autorinnen an dieses komplexe Thema sehr gelungen und auch die Systematisierung nach Kapiteln gut gewählt.

Eine kleine Differenz gibt es nur zwischen meiner und ihrer Einschätzung des „revolutionären Potenzials“, wenn man so will, der Care-Debatte. Die Autorinnen sehen eine Gefahr darin, dass durch die Tendenz, nicht mehr „Reproduktion“ sondern „Care“ in den Mittelpunkt zu stellen (wie ich und andere es tun), das Thema entpolitisiert werden könnte, dass die „harten ökonomischen Forderungen“ quasi unter den Tisch fallen. Diese Kritik läuft allerdings eher unterschwellig mit.

Mir hingegen erscheint gerade dieser Perspektivenwechsel sehr viel radikaler als eine „bloße“ Einbeziehung der Notwendigkeit von Care-Arbeit in ökonomische Modelle und Forderungen wie es eben die „Vier-in-Eins“-Perspektive, die Commons oder das Grundeinkommen versuchen.

Vielleicht bewegen wir uns hier auf verschiedenen Ebenen. Die eine wäre die Argumentation innerhalb des bestehenden Konzepts von „Ökonomie“ (eine Folie, vor der die Care-Debatte manchmal tatsächlich etwas „unpolitisch“ wirken kann). Demnach wäre Care ein Teilbereich der Ökonomie.

Das andere wäre aber ein gänzliches Heraustreten aus der bestehenden symbolischen Ordnung, so ähnlich wie es Luisa Muraro im Rückblick auf das „eigentliche“ Anliegen des Feminismus beschreibt. Und vor dieser Folie, so meine ich, hat es eine viel grundlegendere Bedeutung, Care ins Zentrum zu stellen.

Weil dann nämlich Care nicht mehr nur eine Unterkategorie von Ökonomie ist, sondern tatsächlich das umfassendere und übergeordnete Anliegen, von dem die Ökonomie wiederum nur eine Unterkategorie ist. So ähnlich, wie wir es im Abschnitt „Care“ im ABC des guten Lebens beschreiben.


Bettina Haidinger, Käthe Knittler: Feministische Ökonomie. Mandelbaum 2014, 12 Euro.

Cis, Trans, Feminismus

Ich habe gerade (weil Teresa Bücker es in ihrem Republica-Vortrag empfohlen hat) das lesenswerte Buch „Excluded. Making Feminist and Queer Movements More Inclusive“ von Julia Serano gelesen. Die Trans-Aktivistin kritisiert darin die Tendenz mancher feministischer Gruppen, andere auszuschließen und plädiert für einen vielfältigen Aktivismus und einen „holistischen“ Feminismus, der verschiedene Strategien (wie zum Beispiel „radikal“ und „reformistisch“) nicht als Gegensätze, sondern als gegenseitige Ergänzung begreift.

Besonders kritisiert sie eine bestimmte Art von radikalem Lesben-Feminismus, der Transfrauen ausschließt, zum Beispiel mit der Behauptung, sie wären gar keine „richtigen“ Frauen oder sogar Männer, die sich quasi in Frauenzusammenhänge „einschmuggeln“ oder diese „unterwandern“.

Ich kann mich aus meinen eigenen feministischen Frühzeiten (in den 1980ern) daran erinnern, dass es solche Diskussionen gab, und dass ältere Feministinnen solche Ansichten über Transfrauen vertreten haben. In meinem eigenen Umfeld beziehungsweise unter den etwas jüngeren Frauen „meiner“ Generation spielte das jedoch schon keine so große Rolle mehr, allerdings war ich auch nicht in großen Bewegungen aktiv, sondern eher in kleineren, überschaubaren Netzwerken, in denen die ein, zwei Transfrauen selbstverständlich dabei waren.

Doch auch wenn ich und die anderen Cis-Feministinnen, die ich kannte (das Wort „cis“ für diejenigen, deren Geschlecht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, gab es damals allerdings noch nicht), zwar nicht die Skepsis der älteren Feministinnen teilten, so hatten doch auch wir – oder zumindest ich – das Phänomen Transsexualität damals noch nicht wirklich verstanden. Letztlich hielt ich es für relativ unwichtig (Transsexualität kommt ziemlich selten vor, Julia Serano schreibt von 0,2 Prozent der Bevölkerung), und wie sollte eine solch vergleichsweise kleine Zahl von Personen den Feminismus irgendwie „unterwandern“?

Ich selbst war von diesen Frauen irgendwie beeindruckt, weil sie, obwohl „als Männer“ geboren, sich bewusst dafür entschieden, Frauen zu sein – zumindest sah ich das so, denn ich verstand nicht, dass das Frausein für sie keine Entscheidung war, sondern eine Notwendigkeit, keine „Wahl“, sondern eine Tatsache. Dieser Punkt berührt aber vielleicht auch die Unterschiede oder Missverständnisse, die hinter den Konflikten standen.

Der Unterschied zwischen Cisfrauen und Transfrauen ist ja der, dass die einen ihr Geschlecht bereits bei der Geburt von der Gesellschaft zugewiesen bekommen (im Queer-Vokabular heißt das „FAAB“, „female-assigned at birth“), während die anderen bei der Geburt zunächst fälschlicherweise als „männlich“ einsortiert werden. Julia Serano vertritt die Ansicht, dass dieser Unterschied letzten Endes unbedeutsam ist, denn schließlich sind wir doch alle Frauen und das ist es, was zählt.

Allerdings war die Auseinandersetzung damit, was es bedeutet, bei der Geburt als Frau einsortiert zu werden, ein zentrales Thema im Feminismus der 1970er und 1980er Jahre. Es ging ja gerade darum, die inhaltlichen Zuschreibungen, die damit verbunden waren – wie Frauen zu sein hätten – zu kritisieren und zu hinterfragen. Alles das, was daraus an „natürlichen, weiblichen Attributen“ geschlussfolgert wurde, „dekonstruierten“ wir als künstlich, gesellschaftlich gemacht. „Man wird nicht als Frau geboren“ war das Mantra der Zweiten Frauenbewegung, man wird es eben erst durch die gesellschaftlichen Zuschreibungen und die Art und Weise, wie man sich dazu in ein Verhältnis setzt.

Wenn ich ehrlich bin, empfinde ich das auch heute noch so. Ich könnte keine Substanz meines Frauseins benennen, die über die Tatsache dieser Zuweisung hinausgeht. Aber es ist natürlich möglich, dass das einfach eine typische Cis-Erfahrung ist, also eine Folge davon, dass mein Frausein nie in Frage gestellt wurde (außer von mir selbst), dass es mir so selbstverständlich ist wie das Atmen, bei dem man auch erst merkt, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn plötzlich mal kein Sauerstoff da ist.

Aber ich habe kein empathisches Verhältnis zu meinem Frausein, sondern ein pragmatisches. Dies ist aber eng mit meiner FAAB-Erfahrung verbunden: Es gab Zeiten, in denen wollte ich kein Mädchen sein, keine Röcke und Schleifchen tragen, ich wäre lieber ein Junge gewesen, der alles tun kann. Die Zuschreibungen waren so stark und so allgegenwärtig, dass es in meinem Leben tatsächlich einen Punkt gab (und ich erinnere mich daran), an dem ich mich entschieden habe, eine Frau zu sein. Also trotz dieser Zuschreibungen zu der Tatsache meines Frauseins zu stehen, sie zu akzeptieren, aber sie eben in einem freien Sinne auszuleben. Nicht mehr die Inhalte der Zuschreibungen zu akzeptieren – und zwar keinen einzigen – sondern nur noch die Tatsache als solche, und auf diese Weise durch feministisches Engagement die Freiheit der Frauen zu vergrößern.

Ja, ich bin eine Frau, aber das bedeutet inhaltlich gar nichts. Die Freiheit der Frauen ist durch nichts anderes bestimmt als durch ihr eigenes Begehren. Es gibt nichts, was eine Frau tun oder sein muss, um eine „richtige“ Frau zu sein.

Diese Richtung des Feminismus – die vom italienischen Differenzfeminismus geprägt ist – unterscheidet sich deutlich von anderen Formen des Feminismus, die die Gemeinsamkeit der Frauen in ihrer (zum Beispiel „mütterlichen“) Natur sahen oder in einer gemeinsam geteilten Opfergeschichte und Sozialisation – also jene beiden Strömungen, die dazu tendierten, Transfrauen auszuschließen (weil sie ja entweder nicht dieselbe „Natur“ teilten oder aber eben nicht dieselbe Opfer-Sozialisation hatten durchlaufen mussten).

Mein feministisches „Bekenntnis“, wenn man so will – dass die Freiheit der Frauen darin liegt, dass ihr Frausein nur durch ihr eigenes Begehren bestimmt ist – ist nun sicherlich etwas, das Transfrauen ganz genauso unterschreiben würden, allerdings gelangen sie eben von einer anderen Ausgangsposition dort hin. Die Hindernisse, die ihnen von einer patriarchalen Kultur auf dem Weg zu ihrer Freiheit, also dem Folgen ihres Begehrens, in den Weg gelegt werden, sind andere, aber im Ergebnis sind ihre Anliegen gleich.

Allerdings gibt es noch einen weiteren Punkt, der zu unterschiedlichen feministischen Prioritäten führt. Dass manche Menschen bei ihrer Geburt das Attribut „weiblich“ zugewiesen bekommen, geschieht ja nicht einfach willkürlich oder nach dem Zufallsprinzip. Der Anlass ist ihre körperliche Verfasstheit, nämlich dass sie mit einer ziemlich großen Wahrscheinlichkeit später einmal schwanger werden können. Während Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Verfasstheit niemals schwanger werden können, das Attribut „männlich“ zugesprochen bekommen.

Nun war aber der Kampf für reproduktive Selbstbestimmung ein ganz wichtiges Thema in der Zweiten Frauenbewegung. Es ging um selbstbestimmte Schwangerschaft, die Möglichkeit, selbst über eventuelle Abtreibungen entscheiden zu können, den Kampf gegen väterliche Bestimmungsrechte über Mütter und ihre Kinder und so weiter.

Das heißt, dass zwei der wichtigsten Anliegen des Feminismus damals – die Zurückweisung von „Frauisierungs“-Versuchen und das selbstbestimmte Kinderkriegen – eigentlich nicht so sehr „Frauen“ betrafen als vielmehr „FAAB-Menschen“, nämlich Cis-Frauen und Trans-Männer. Dass die „radikalen“ transfrauenfeindlichen Lesben oft nichts gegen Allianzen mit Transmännern haben ist ein Punkt, über den Julia Serano sich wundert, aber mich wundert er nicht, denn sie haben eben faktisch ähnliche Probleme und Interessen.

Und zwar Probleme und Interessen, die Transfrauen und Cismänner nicht haben, oder von denen sie jedenfalls auf andere Weise betroffen sind. Zum Beispiel stehen beide nie vor der Entscheidung, ob sie abtreiben sollen oder nicht. Entsprechend sind auch ihre Anliegen tendenziell andere, selbst wenn sie Feministinnen und Feministen sind. Julia Serano zum Beispiel beschreibt in ihrem Buch den Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung als wichtigstes feministisches Anliegen. Dem würde ich nicht so zustimmen.

Sicher ist der Kampf gegen Marginalisierung und Diskriminierung wichtig, und genau das sind ja auch die Überschneidungen, die den Feminismus mit anderen politischen Aktionsfeldern verbinden. Aber Feminismus, so wie ich ihn verstehe, ist eben darüber hinaus auch von Themen geprägt – und sollte das sein – die eben speziell mit dem „FAAB“-Dilemma, wenn ich es mal so nennen will, zusammenhängen.

Eine politische Allianz zwischen Cisfeminismus und Transfeminismus ist deshalb nicht „einfach so“ aufgrund der Interessenslage gegeben, sie muss durch einen gemeinsame politische Praxis begründet werden, so ähnlich, wie es Linda Zerilli vorschlägt. Und diese Praxis kann einerseits von vielen Gemeinsamkeiten ausgehen, die darin liegen, dass beide, Cis- und Transfrauen, mit ähnlichen Problemen und Anliegen zu tun haben, wie eben Sexismus, Abwertung von Weiblichkeit, Gewalt gegen Frauen und so weiter. Andererseits muss sie sich aber auch der Unterschiede (und damit möglichen Konflikten oder anderen Prioritäten) bewusst sein, die daraus resultieren, dass die einen bei der Geburt als weiblich kategorisiert wurden (nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer realen, körperlichen Verfasstheit) und die anderen als männlich.