Was das alles kostet. Was das alles einbringt.

Gerade ist ein bisschen Aufregung in meiner Ecke des Internets, weil irgend so ein Ökonom ausgerechnet haben will, dass die Migration in Deutschland mehr kostet als sie einbringt. Während doch erst kürzlich ein paar andere Ökonomen ausgerechnet haben, dass die Migration für Deutschland ein richtiger Reibach ist.

Mir gehen solche Rechnungen auf die Nerven. Was ist das denn für eine Kultur, die gesellschaftliche Phänomene danach beurteilt, was unterm Strich dabei rumkommt?

Ich finde es falsch, politische Vorschläge mit Profit-Argumenten zu begründen. Nicht nur weil der Schuss, wie in diesem Fall, gerne mal nach hinten losgeht, weil ich, wenn ich meine politische Haltung damit begründe, dass sie unterm Strich was einbringt, in Erklärungsnot komme, sobald mir jemand vorrechnen kann, dass sie mich was kostet.

Migration ist ja nicht das einzige Thema, bei dem solche Kalkulationen aufgestellt werden. Auch bei ökologischen Fragen wird gerne vorgerechnet, was das volkswirtschaftlich kostet, so einen Regenwald abzuholzen oder die Folgen eines Atomkraftwerkunfalls zu bezahlen. Im Feminismus sind solche Argumente auch sehr beliebt: Unternehmen mit mehr Frauen in der Führung sind ja nachweislich profitabler, nicht wahr.

Ich will ja nicht altmodisch erscheinen, aber ich finde schon, dass die Frage danach, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist, ein bisschen substanzieller begründet werden sollte.

Es ist falsch, Atomkraftwerke zu betreiben und Regenwälder abzuholzen, weil damit der Ökohaushalt der Erde nachhaltig geschädigt wird. Es ist richtig, darauf zu verzichten, selbst wenn uns das was kostet. Es ist richtig, gesellschaftliche Machtpositionen nicht nur einer bestimmten demografischen Gruppe, nämlich weißen Männern, vorzubehalten, denn Demokratie bedeutet, dass alle mitbestimmen können. Deshalb sollten wir diese Positionen auch dann diversivizieren, wenn das den Profit eventuell verringern würde. Und es ist richtig, Migration zu fördern, weil die Menschen, die hierher kommen, gute Gründe dafür haben, und wir in einer globalisierten Welt kein Recht darauf, uns mit unserem Reichtum von anderen abzuschotten.

Politische Entscheidungen und Positionen müssen politisch begründet werden, nicht ökonomisch. Von daher ist es schnurzpiepegal, was Migration (oder Umweltschutz oder Diversität oder oder oder) kostet oder bringt. Allein, diese Fragen so zu diskutieren, ist schon zutiefst unpolitisch.

Die politisch relevante Frage ist: In was für einer Welt, in was für einer Gesellschaft wollen wir leben? Welche ethischen Maßstäbe legen wir an uns und andere an? Was, glauben wir, ist ein gutes Leben – eines, das wir auf Kosten anderer führen, oder eines, das für alle Menschen zugänglich ist, die auf dieser Welt leben?

 

Soll_darf man mit Fanatikern reden?

Nach einem halben Jahr Pause haben Benni und ich es heute endlich mal wieder geschafft, zu podcasten. Eine gute Stunde lang diskutierten wir über die Frage, ob man mit Fanatikern wie PEGIDA oder Islamisten reden_diskutieren soll_darf oder nicht. #

Bitte hier entlang zur Episode 15 von „Besondere Umstände“. 

Elf Thesen zu feministischem Aktivismus heute

Im Januar will ich mit Politikstudent_innen über feministischen Aktivismus heute diskutieren. Ich hab dazu als Vorbereitung mal elf Thesen formuliert. Ergänzungen? Einwände? Thoughts?

1. Die Frage ist nicht, welche „Politik für Frauen“ oder Geschlechterpolitik gemacht werden soll, sondern welche Politik Frauen machen. Frauen sind Subjekte der Politik, nicht ihre Objekte.

2. Es ist egal, ob sich jemand Feministin nennt oder nicht. Sondern es kommt darauf an, welche Inhalte jemand in Bezug auf die Geschlechterdifferenz vertritt. Es ist nicht möglich, keine Position zu diesem Thema zu haben.

3. Der Feminismus hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Analysen und Forschungen auf dem Gebiet der Geschlechterdifferenz(en) hervorgebracht. Fundiertes Mitreden beim Thema ist deshalb nur möglich, wenn man diese Ergebnisse wenigstens halbwegs zur Kenntnis genommen hat.

4. Männliche Institutionen und ihre Bewertungssysteme (etwa: Wahlsiege oder Niederlagen, wirtschaftlicher Erfolg, akademische Anerkennung, Medienpräsenz usw.) sind kein Kriterium zur Beurteilung einer Politik der Frauen. Die männliche Norm ist weder im Positiven noch im Negativen ein relevanter Maßstab.

5. Die Innerhalb-Außerhalb-Logik der autonomen Frauenbewegung ist nicht mehr sinnvoll. Politik im Sinne weiblicher Freiheit ist heute sowohl innerhalb der traditionell männlichen Institutionen (Parteien, Gewerkschaften usw.) möglich, als auch außerhalb. Oder eben auch nicht.

6. Pick your fights! Es ist wichtig, nicht auf jede Empörungsblase im öffentlichen medialen Diskurs aufzuspringen, sondern den eigenen Interessen und Themen treu zu bleiben. Mediale Diskurswellen können aber genutzt werden, um bei entsprechender Gelegenheit die eigenen Einsichten wirksamer zu vermitteln.

7. Das Internet ist von seinem Charakter her (dezentrale Organisation, Bedeutungsverlust von Repräsentanzpolitik, Wichtigkeit von Beziehungen) eine ideale Plattform für eine Politik der Frauen. Deshalb sollte die Bekämpfung seiner destruktiven Aspekte (Trolle, Hate-Speech usw.) eine sehr hohe Priorität haben.

8. Politik ist heute nur noch in der ersten Person möglich, denn die repräsentative Politik ist kraftlos geworden. Deshalb ist die Zugehörigkeit zu Parteien oder Verbänden kein Ersatz für individuelle Beteiligung und Aktionismus.

9. Es ist nicht mehr nötig, die Kämpfe der anderen schlechtzumachen – eine Unsitte, die die Konkurrenzlogik des Parteiensystems hervorgebracht hat. Vielmehr gilt das Sowohl-als-auch: Unterschiedliche Schwerpunktsetzungen verschiedener Aktivistinnen sind notwendig und unproblematisch.

10. Notwendige Kritik sollte aber gleichzeitig nicht aus falsch verstandener Solidarität zurückgehalten werden. Hier kommt es auf die Beziehungen (Loyalität) und den Tonfall (Respekt) an. Aber: Feministinnen, die sich streiten, setzen Themen, diskutieren über Fragen, die für die Welt wichtig sind, und sind interessant für einander und für andere.

11. Feminismus war schon immer eine Politik der Beziehungen. Diese Einsicht ist heute zentraler denn je. Wichtiger als inhaltliche Standpunkte zu schärfen ist es, politische Beziehungen zu pflegen und zu stärken – zu konkreten anderen Aktivist_innen. Dies beinhaltet gleichzeitig, Beziehungen ggfs. bewusst zu vermeiden oder zu beenden.

Trinkgeld für die Toilettensaubermacherin – gewusst wie!

Heute bemerkte ich auf der Toilette beim Karstadt neben dem Teller für den Obolus ein recht großes Schild, auf dem so in etwa stand, man würde sich bemühen, den Kunden doch immer schöne saubere Toiletten zur Verfügung zu stellen und empfehle daher, dass diese pro Besuch etwa 50 Cent dafür geben.

Aha, dachte ich, offenbar versucht hier jemand, sich juristisch abzusichern, damit nicht wieder eine Reinigungsfrau auf die Idee kommt, das Geld, das die Kundinnen hier ablegen, sei ihr Trinkgeld. Ich selbst wäre freilich auch nie auf die Idee gekommen, das Geld, das ich hier ablege, könnte eventuell etwas anderes sein als Trinkgeld. Aber die Kaufhäuser, bzw. die von ihnen als Subunternehmen beauftragten Reinigungsfirmen, finden, das Geld gehört in ihre Kassen und nicht in die Taschen der Putzfrauen, denn es sei eine „freiwillige Nutzungsgebühr“. Und dieses Schild ist offensichtlich dazu da, den Sachverhalt zu klären und diese Sicht der Dinge gerichtsfest zu machen.

Nun nehme ich das mit der Freiwilligkeit relativ ernst, und freiwillig möchte ich kein Nutzungsentgeld für Toiletten in Kaufhäusern bezahlen, weil ich finde, die Bereitstellung selbiger sollte zum Service eines Kaufhauses oder einer Shoppingmall dazugehören. Meiner Meinung nach verhält sich der Grad der Zivilisation einer Kultur analog zur Verfügbarkeit kostenloser sauberer Toiletten.

Sehr wohl möchte ich aber den Reinigungskräften ein Trinkgeld geben, damit sie am Ende des Tages etwas mehr in der Tasche haben als ihren kargen Stundenlohn. Ich habe also die Frau neben dem Teller gefragt, ob sie denn das Geld, das ich ihr eventuell gebe, abgeben muss oder behalten kann. Ihre Antwort: „Das kommt darauf an, was Sie wollen.“

Ich hab ihr dann 50 Cent gegeben und dazu gesagt, dass das keine freiwillige Nutzungsgebühr ist, sondern ein Trinkgeld für sie und dass ich will, dass Sie es behält. So müsste nun alles seine juristische Richtigkeit gehabt haben.

Ich werde zukünftig mal auch an anderen Örtlichkeiten die Augen nach solchen Beschilderungen aufhalten.