Woher kommt die Ignoranz in Bezug auf feministische Ideen?

Feministin sein ist fast immer schön – ich schreibe das nach einem intensiven und ertragreichen Wochenende mit Denkfreundinnen – aber gleichzeitig auch immer wieder frustrierend. Der frustrierende Teil bezieht sich für mich dabei weniger auf so lächerliche Sachen wie rosa Bratwürste oder den mühsamen alltäglichen Kulturwandel oder auf tatsächlich schwierige Prozesse wie die Aushandlung interkultureller Differenzen in Bezug auf die Geschlechterdifferenz. Solche Hindernisse gehören zu einem politischen Aktivismus dazu.

Mein wirklicher Frust (und ich glaube, es geht anderen Feministinnen ähnlich) ist die undurchdringliche Ignoranz der männlichen Kultur – und tatsächlich eben auch vieler Männer aus Fleisch und Blut – in Bezug auf feministische Inhalte.

Manche von uns machen sich immer mal wieder die Mühe, an der einen oder anderen Stelle den Konflikt auszutragen. Eine Freundin zum Beispiel schrieb kürzlich an den Wirtschaftsredakteur einer großen Zeitung und fragte ihn, warum er in seiner Kritik an der Mainstream-Ökonomie eigentlich keine einzige Ökonomin zitiere, sondern nur Texte von Männern. Seine Antwort war so nett wie aufschlussreich: „Ich muss leider bekennen, dass ich die feministisch-ökonomische Literatur nicht genug kenne, um Fundiertes dazu sagen zu können. Ursache ist nicht Geringschätzung, sondern dass ich einfach nicht in allen wichtigen Themen vorne mit dabei sein kann. In Sachen Gleichberechtigung stimmt immerhin auch ohne mein Zutun die Richtung. In den Fragen, für die ich mich besonders engagiere, geht es in die falsche Richtung.“

Das Schema ist ein Altbekanntes: Die meisten Männer glauben, dass es bei feministischer Theorie ausschließlich um „Gleichberechtigung“ gehe, und sie kommen gar nicht auf die Idee, dass sie dort vielleicht Anregungen und Inspiration für alle möglichen anderen Dinge finden könnten, zum Beispiel eben für eine Kritik an der Mainstream-Ökonomie oder was immer es für Themen sind, an denen sie selber gerade arbeiten.

Es sind nicht die mittelmäßigen Krawallmacher, um die es mir dabei geht, die mit billiger „Feminismuskritik“ ein paar schnelle Klicks generieren wollen oder als Ritter gegen einen von ihnen herbeifantasierten Genderwahn das Abendland vor dem Untergang bewahren müssen. Das sind politische Gegner, mit solchen muss man leben.

Es geht mir vielmehr um die eigentlich Wohlwollenden, diejenigen, die in ihrer Selbstwahrnehmung nichts gegen Feminismus an und für sich haben. Und die oft eigentlich auch klug sind, bis auf diesen einen blinden Fleck eben. Ich verstehe nicht, woher der kommt.

Kürzlich war ich zum Beispiel bei einer Veranstaltung mit einem recht bekannten deutschen Intellektuellen, den ich sehr schätze, dessen Texte ich oft sehr gut und inspirierend finde. Und er hielt auch wieder einen klugen Vortrag, bei dem ich viel Neues lernte. Bis dann diese Stelle kam, vor der ich mich schon regelmäßig fürchte (weil sie leider inzwischen fast mit Sicherheit kommt).

In diesem Fall sprach er im Lauf seiner Rede unter anderem über Maria, darüber, wie wichtig diese Figur für die westliche Kultur sei, und regte an, dass man sich mehr mit ihr beschäftigen sollte. Und sagte dann, in einem Nebensatz: Nicht einmal die feministische Theologie würde sich ja so richtig mit Maria beschäftigen, sondern sich stattdessen lieber darauf kaprizieren, die deutsche Sprache zu verhunzen (womit er vermutlich die Bibel in gerechter Sprache meinte). Natürlich erntete er dafür prompt die vorhersehbaren Lacher aus dem linksintellektuellen, sich fortschrittlich findenden Publikum.

Nur ist es halt aber so, dass die feministische Theologie eine bibliotheksfüllende Literatur über Maria hervorgebracht hat. Zu behaupten, feministische Theologinnen würden sich für Maria nicht interessieren, ist so ungefähr das Uninformierteste, was sich über das Thema sagen lässt. Bei jedem anderen Gegenstand könnte sich kein Intellektueller eine so eklatante Offenbarung seiner Unkenntnis leisten, ohne vom Publikum ausgelacht zu werden.

Aber in Bezug auf feministische Theorie ist Ahnungslosigkeit eben kein Makel, sondern scheint im Gegenteil fast schon eine Art kultureller Code zu sein, mit dem sich Zugehörigkeit zu den „ernst zu nehmenden Kreisen“ der Debatte markieren lässt. Distinktionsgewinn durch demonstratives Zelebrieren von Desinteresse. Es ist schick, von Feminismus keine Ahnung zu haben, das kann man quasi wie einen Orden vor sich hertragen.

Hinterher stand ich noch mit einigen anderen feministischen Theologinnen zusammen, und wir stellten fest, dass keine von uns Lust gehabt hatte, dazu überhaupt noch etwas zu sagen. Weder in der anschließenden Diskussion mit dem Vortragenden, noch zu unseren Sitznachbarn, die zu der Szene ihre beifälligen Lacher beigesteuert hatten. Es ist nämlich bereits alles gesagt.

Aber ich kann es nicht verstehen. Warum lesen Männer, die nach Alternativen zur Mainstream-Ökonomie suchen, keine feministische Ökonomiekritik? Warum wissen Männer, die sich für Maria interessieren, nichts über all die feministisch-theologischen Forschungen zu Maria? Das heißt doch nicht, dass sie allem, was sie da lesen würden, zustimmen müssten (was auch ganz unmöglich wäre, weil feministische Theologinnen sich über Maria ja ebenso uneins sind wie feministische Ökonominnen eine Vielzahl unterschiedlicher bis gegensätzlicher Theorien und Ansätze hervorgebracht haben). Sondern sie könnten doch die dort entwickelten Forschungsergebnisse und Diskussionsbeiträge in ihre Überlegungen einbeziehen, sie kritisch diskutieren, meinetwegen auch widerlegen, um dann von dieser Basis aus weiterzudenken? Müsste das denn nicht in ihrem eigenen Interesse sein?

Nein, ich kann es nicht verstehen.

(Ina Praetorius hat auch schon einmal was zu dem Thema geschrieben)

Schweiß, Tränen, Kacke, Blut

41sx-XlU1eL._SX303_BO1,204,203,200_Passend zu meiner Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen las ich gestern und vorgestern im Zug den Roman „Lasse“ von Verena Friederike Hasel (Ullstein Verlag).

Ich will nicht wirklich viel von der Geschichte verraten, weil dann der Lesespaß weg ist, aber so viel: die körperlichen Aspekte des Schwangerseins und Gebärens und Stillens und Kleinbabyversorgens werden liebevoll-krass-detailliert geschildert, sodass auch bei Männern und anderen Nichtgeborenhabenden nicht mehr  viele Fragen offenbleiben.

Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt auch der Sachverhalt, um den es in meinem vorigen Blogpost ging, dass nämlich die Entscheidung über das Austragen einer Schwangerschaft einzig und allein bei der Schwangeren liegt, und dass ihre Verantwortung für das (noch nicht) geborene Leben unmittelbar mit diesem körperlichen Umstand zusammenhängt. Und das gleichzeitig doch das Gelingen des ganzen Unternehmens darauf angewiesen ist, dass es ein soziales Umfeld gibt, in dem Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten eben nicht klar sind, sondern bei allen anderen Menschen Verhandlungssache ist. (Und wenn die Schwangere sich in Bezug auf diese Verhandlungen als unfähig erweist, ist nicht nur sie die Gelackmeierte, sondern eben auch das Kind).

Falls jemand also eine Lektüreempfehlung sucht: Hier.

Verena Friederike Hasel: Lasse. Roman, Ullstein 2015, 18 Euro Print, 14,00 E-Book.

Väter, Mütter und der Elefant im Raum

In der Serie „Orange is the new black“, die in einem Frauengefängnis spielt, gibt es eine Liebesgeschichte zwischen einer Inhaftierten (Daya) und einem Wärter (John). Sie hatten Sex, Daya ist schwanger. Gegen Ende der zweiten Staffel fordert Daya John auf, öffentlich zu seiner Vaterschaft zu stehen, aber er hat Angst, weil er höchstwahrscheinlich selbst im Knast landen würde, denn Sex zwischen Wärtern und Inhaftierten gilt prinzipiell als Vergewaltigung. Daraufhin bietet Daya, die die Heimlichtuerei nicht mehr möchte, ihm eine Alternative an: Er könne die Beziehung auch beenden, sie würde nichts verraten. Er sagt entrüstet: „Do you think I would walk away from my child?“ Sie antwortet: „Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, das Ganze zu vergessen, würde ich mit Sicherheit darüber nachdenken.“

Es ist klar: Daya hat diese Möglichkeit nicht. Die Option „to walk away from her child“ existiert für sie nicht, denn das Kind ist in ihrem Bauch, ein Teil ihres Körpers. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Vaterschaft und Mutterschaft: Vaterschaft konstituiert sich nicht automatisch durch den biologischen Zeugungsakt, es muss ein Prozess der sozialen Anerkennung hinzukommen. Es gibt die Möglichkeit, dass die Beteiligten sich gegen die Vaterschaft des biologischen „Erzeugers“ entscheiden. Sie – oder die Gesellschaft – können auch einen anderen Mann zum Vater küren (in der Realität gilt oft der Mann als Vater, der mit der Schwangeren verheiratet ist, egal ob das Kind tatsächlich „von ihm“ ist. Im konkreten Fall der Fernsehserie ist ein konkreter Kandidat ein anderer Wärter, mit dem Daya ebenfalls Sex hatte, und der von sich selbst fälschlicherweise glaubt, der Vater zu sein).

In Bezug auf Mutterschaft gibt es diese Möglichkeit, quasi „per Abmachung“ zu entscheiden, nicht. Man kann das befruchtete Ei nicht im Lauf der Schwangerschaft in einen anderen Körper transferieren (vielleicht kommt das ja noch). Wer die biologische Mutter eines Kindes ist, ist eine evidente, für alle offensichtliche Tatsache: diejenige, in deren Körper das Kind heranwächst und die es schließlich zur Welt bringt. Selbstverständlich ist Mutterschaft auch sozial geprägt. Aber sie ist eben dennoch und gleichzeitig ein materieller Fakt: dieser schwangere Körper und dieses Kind, das daraus geboren wird.

Andersrum ist natürlich auch die biologische Vaterschaft feststellbar (wenn auch erst seit kurzem), allerdings nicht einfach per Anschauung, sondern nur mit technologischem Aufwand. Es muss ein Vaterschaftstest gemacht werden, was aber nur im Streitfall geschieht. Es geschieht zum Beispiel nicht, wenn sich alle Beteiligten auf einen Vater „einigen“. Und es geschieht auch dann nicht, wenn gar kein Kandidat vorhanden ist. Es ist ja zum Beispiel möglich (und kommt auch öfter mal vor), dass weder die schwangere Frau noch der Mann, mit dem sie Sex hatte, an dieser konkreten Vaterschaft ein Interesse haben – und deshalb schlicht darüber schweigen.

Die soziale Konstruktion von Vaterschaft bedeutet: Jemand muss sagen „Dieser Mann ist der Vater meines Kindes“ oder „Ich bin der Vater dieses Kindes“ – wenn das nicht geschieht, gibt es keinen Vater. Im Fall von Mutterschaft aber muss niemand etwas sagen. Eine Mutter gibt es immer, denn andernfalls wird gar kein Kind geboren. Eine Mutterschaft zu verheimlichen ist zwar nicht völlig unmöglich, setzt aber einen ziemlichen organisatorischen Aufwand voraus.

Lasst-Väter-Vater-seinDerzeit ist die Art und Weise, wie Vaterschaft sozial konstruiert wird, stark im Umbruch und damit in der Debatte. Unter dem Titel „Lasst Väter Vater sein“ hat Barbara Streidl eine Streitschrift vorgelegt, in der sie vehement und engagiert dafür plädiert, die Rolle von Vätern zu stärken. Sie wünscht sich – wie wohl viele heutzutage – dass Väter eine aktive und von Umfang und Qualität her ähnliche Verantwortung für Kinder annehmen und zugesprochen bekommen wie Mütter. Sie fordert die Frauen, die Männer und die Gesellschaft insgesamt auf, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Doch allein schon die Häufigkeit und Vehemenz, mit der sie immer wieder betont „Kinder brauchen Väter“, „Väter sind wichtig!“ ist ein Beleg dafür, dass dieses Brauchen und diese Wichtigkeit gerade nicht evident sind. Diese Sätze sind ein Appell, nicht die Feststellung einer Tatsache.

Sollen Väter also wichtig sein? Ich bin in dieser Frage nicht so klar entschieden wie Barbara Streidl. Aber so oder so: Jede gesellschaftliche Debatte darüber, was Vaterschaft sein soll, wird nicht darum herumkommen, sich dem Thema von Schwangerschaft und Geburt zu stellen, also die damit verbundenen körperlichen Unterschiede von Mutterschaft und Co-Elternschaft wahrzunehmen. Diesen Part der Co-Elternschaft müssen ja auch nicht unbedingt die Väter übernehmen, es gibt auch lesbische Co-Mütter oder Poly-Familien und alle möglichen anderen denkbaren Konstellationen. Aber sie alle haben eines gemeinsam: den Unterschied zwischen den Co-Eltern und der Person, die das Kind austrägt und gebiert. Diese Unterschiede spielen eine Rolle, wenn man sinnvoll darüber diskutieren will, wie Elternschaft kulturell gestaltet werden soll: Let’s talk about Schwangerwerdenkönnen!

Erstaunlicherweise kommt aber genau dieses Thema in Streidls Buch nicht mit einem Wort vor. Es scheint sich dabei wirklich um eines der größten Tabus unserer Zeit zu handeln. Vor einiger Zeit wunderte ich mich bereits über ein feministisches Mädchenbuch, das in großer Ausführlichkeit über alle möglichen Dinge und  auch die körperlichen Aspekte des weiblichen Erwachsenwerdens spricht – aber das Schwangerwerdenkönnen mit keiner Silbe erwähnt. Und nun gibt es ein Buch über Vatersein und Muttersein, das genau dieselbe Leerstelle aufweist. Der riesige Elefant im Raum. Was ist an ihm eigentlich so gefährlich?

In Bezug auf die soziale Konstruktion von Vater- und Mutterschaft, um die es in Streidls Buch geht, ist relativ klar, wo das Problem liegt: Die klassische patriarchale Aufteilung von Mutter- und Vaterrolle in Bezug auf die Kindererziehung wurde schließlich genau mit dem Schwangersein und Gebären begründet, aus dem dann allerlei angeblich naturgegebene Unterschiede für die Zeit nach der Geburt abgeleitet wurden. Doch die körperliche Evidenz des Mutterseins endet mit der Geburt. Nach der Geburt ist alles in der Tat verhandel- und veränderbar, es gibt zum Beispiel keine biologische Notwendigkeit, dass die Person, die schwanger war und das Kind geboren hat, auch diejenige ist, die es anschließend versorgt.

Doch das bedeutet nicht, dass das Thema Schwangerschaft für die Verhandlung von Vater- und Mutterschaft unwichtig wäre. Denn worum es hier geht, das sind vor allem die Beziehungen zwischen der Mutter und dem – potenziellen – Vater. Diese Beziehung ist von einer ganzen Reihe an Ungleichheiten geprägt. Zum Beispiel kann die schwangere Frau nicht sicher sein, dass der Mann, von dem sie schwanger ist, auch bis zur Geburt anwesend bleibt (er muss sie gar nicht mal unbedingt verlassen, er kann auch sterben zum Beispiel). Ein Mann wiederum kann prinzipiell nicht allein entscheiden, ein Kind zu bekommen – er ist darauf angewiesen, dass eine Frau nicht nur mit ihm Sex hat (darauf ist eine Frau ebenfalls angewiesen), seine Sexpartnerin muss das Kind anschließend auch austragen. Sie kann das Kind nämlich auch abtreiben, eine Entscheidung, die (faktisch) allein bei ihr liegt, auch wenn sie normalerweise seine Meinung dazu wohl irgendwie berücksichtigt. Aber es ist ihr Körper. Andersrum heißt das auch: Wenn die Schwangere ein ungeplant gezeugtes Kind gebären möchte und ihr Sexpartner nicht – dann kann er das nicht verhindern.

Vater- und Mutterrollen werden also nicht erst ab dem Moment der Geburt verhandelt, sondern spätestens ab dem Moment der Zeugung, unter Umständen sogar schon vorher. Geburten haben eine Vorgeschichte, die von einer wesentlichen Ungleichheit geprägt ist: der Ungleichheit zwischen derjenigen Person, die schwanger ist und eventuell ein Kind zur Welt bringt, und einer (oder mehreren) anderen Personen, die das nicht sind, aber dennoch eine Beziehung zu diesem Kind haben möchten. Die mit all dem verbundenen Verhandlungen und Abmachungen sind von dieser Ungleichheit geprägt und müssen ihr deshalb Rechnung tragen – Daya und John aus der Fernsehserie sind da keine Ausnahme.

Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Beltz 2015, 167 Seiten, 16,95 Euro.

Was Feministinnen über den Staat sagen

Gundula-Ludwig-Geschlecht-Macht-Staat-Feministische-staatstheoretische-InterventionenIch werde öfter mal gefragt, ob ich nicht Buchtipps hätte falls man sich einen Überblick über den Feminismus verschaffen wolle, und dann stöhne ich meistens, weil es „den Feminismus“ nicht gibt, sondern Feminismus doch grade bedeutet, dass Frauen souveräne und freie Subjekte sind und damit eben ihre jeweils eigenen Urteile und Ansichten haben. Wer den Feminismus kennen lernen will, kommt also nicht darum herum, sich mit einzelnen Frauen und ihren Ideen zu beschäftigen, und zwar nicht „als Frauen“ sondern als sie.

Aber jetzt habe ich doch mal einen Tipp. Gundula Ludwig hat ein Buch geschrieben über „Feministische staatstheoretische Interventionen“ und gibt dabei eine Zusammenfassung davon, was feministische Politikwissenschaftlerinnen in den vergangen zwei, drei Jahrzehnten zum Thema Staat geschrieben haben (mit umfassender Literaturliste). Dabei gelingt es ihr, sowohl die einzelnen Ansätze in ihrer Eigenständigkeit vorzustellen, als auch gemeinsame Diskursstränge herauszuarbeiten. Sehr gelungen, sehr lesenswert, und für Politikwissenschaftler_innen ein Muss aus meiner Sicht.

Leider fehlt wieder die Traditionslinie des nicht-essenzialistischen Differenzfeminismus, aber daran habe ich mich inzwischen ja schon gewöhnt. Der wird im deutschsprachigen akademischen Milieu einfach ignoriert, Differenzfeminismus wird hier immer auf dessen essenzialistische Vertreterinnen reduziert (Im englischsprachigen Raum ist das zum Glück ein bisschen anders.). Und weil man an Luce Irigaray dann doch nicht vorbeikommt, wird sie eben essenzialistisch interpretiert. Wenn etwas nur oft genug wiederholt wird, glauben es am Ende halt alle.

Aber sei’s drum, abgesehen davon ist die Diskussion  gut dargestellt. In ihrem Fazit destilliert Ludwig aus den vielfältigen Debatten drei Aspekte heraus, die alle feministischen Staatstheoretikerinnen gemeinsam haben, und zwar:

Erstens: Dass sie die geschlechtsneutralen „Halbwahrheiten“ aufbrechen, die die politische Theorie ansonsten prägen, indem sie zeigen, dass angeblich „geschlechtsneutrale“ Strukturen, Institutionen und Politiken in Wirklichkeit androzentrisch sind.

Zweitens: Dass sie das Ziel haben, Begriffe und Konzepte durch die Analysekategorie „Geschlecht“ zu präzisieren und daraus neue Begriffe und Konzepte entwickeln.

Drittens: Dass sie den staatstheoretischen Kanon um neue Konzepte des Politischen erweitern möchten.

Gundula Ludwig: Geschlecht, Macht, Staat. Feministische staatstheoretische Interventionen. Verlag Barbara Budrich, Berlin & Toronto 2015, 161 Seiten, 14,90 Euro.

 

Refugees, Gutes tun, Facebook, Rassismus, Identitäten und Angst

Refugees, Gutes tun, Facebook, Rassismus, Identitäten und Angst – die Themen von benni_b und mir in der neuen Episode unseres Podcasts „Besondere Umstände“: http://besondereumstaende.podcaster.de/bu/besondere-umstaende-episode-18 

„Alle Frauen werden gebeten, sich von der Front zurückzuziehen“

Übermorgen läuft im Kino der Dokumentarfilm „Maidan“ von Sergei Loznitsa an (eine niederländisch-ukrainische Koproduktion), der sich mit den Protesten in Kiew im Winter 2013/2014 beschäftigt, die schließlich zum Sturz des damaligen Präsidenten führten.

839239Ich habe den Film schon vor einigen Wochen gesehen, und er hat mich ein bisschen ratlos zurückgelassen, was den Stand revolutionärer Bewegungen im 21. Jahrhundert angeht. Dabei ist er interessant gemacht, nämlich so, dass man den Eindruck hat, dabei zu sein. Es gibt keine großartige Dramaturgie oder Kameraführung, sondern die Kamera steht immer für längere Zeit fix an einem Punkt und filmt ab, was vor ihr passiert: Leute, die vorbeilaufen und irgendwelche Dinge tun. Es sind verschiedene Stellen am Maidan-Platz, von denen gefilmt wird, die Bühne natürlich, aber auch Nebenstraßen, Schulen, in denen Aktivist_innen sich versammeln, die Küche, und so weiter. An verschiedenen Tagen über den ganzen Zeitraum der dortigen Proteste.

Ist es ein nationalistischer Propagandafilm oder ein Dokument sozialrevolutionärer Proteste? Das lässt sich erstaunlicherweise nicht so richtig sagen, denn die Symbolik vermischt und überlappt sich. Revolutionsansagen gegen „die da oben“, solidarische Proteste und Blockaden sowie eine Ästhetik, wie man sie auch bei Blockupy sieht, stehen neben strammstehendem Absingen der ukrainischen Nationalhymne (man hört sie im Film satte vier Mal in voller Länge, sie hat übrigens eine schöne Melodie), redenschwingenden Popen und einem Präsidenten in Spe, der auf der Bühne Kinder herzt.

Es gab einen Punkt in dem Film, wo diese Anspannung des „Wie soll ich das denn jetzt finden?“ von mir abfiel, und zwar, als es zum gewalttätigen Aufeinandertreffen zwischen Polizei und Protestierenden kommt und aus den Maidan-Lautsprechern die Aufforderung erfolgt: „Alle Frauen werden gebeten, sich von der Front zurückzuziehen.“ Ja, das machte ich dann mal und sank etwas entspannter in meinen Kinosessel.

Gewissermaßen von außen betrachtend, als eine, die ohnehin nur so halb beteiligt sein kann_soll_will_darf, kam ich zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich einfach keine eindeutige Weise gibt, diesen Film zu lesen: Er ist tatsächlich gleichzeitig ein Lob auf revolutionäre Proteste und eine Karikatur davon. Jedenfalls mit meinen Augen betrachtet ist das so. Ich weiß nicht, ob ich diese revoltierenden Leute, die da zu sehen sind, für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit bewundern oder wegen ihrer Lächerlichkeit auslachen soll. Ich weiß nicht, ob eine solche „revolutionäre Dynamik“ mir Hoffnung macht oder Angst.

Letzten Endes weiß ich nicht, ob der Film ironisch gemeint ist oder ernst. Und damit ist er eigentlich sehr typisch für einen Großteil dessen, was heutzutage unter dem Label „Politik“ geschieht. Ob revolutionär oder nicht.

Im Trailer kommt übrigens ganz gut rüber, was ich meine. Interessanterweise haben sie sogar das Zitat mit den Frauen rausgesucht, obwohl es im Film selber nur eine ziemliche Nebensächlichkeit ist. Ich habe aber den Eindruck, es soll im Trailer etwas anderes belegen als bei mir, nämlich nicht die latente Männlichkeit des Geschehens, sondern die wirklich Ernsthaftigkeit der Sache. Das wissen wir ja, nech: So richtig zur Sache gehen kann es erst, wenn die Frauen weg sind. (Ihr könnt ja mal raten, ob ich das jetzt ironisch meine oder nicht.)