Luisa Muraro: Nicht alles lässt sich lehren

Bestimmt ist euch schon mal aufgefallen, dass ich mich häufig auf Luisa Muraro beziehe. Sie ist jedenfalls eine derjenigen Denkerinnen, die mich am meisten beeinflusst haben. Es gibt von ihr schon eine ganze Reihe von Texten auf Deutsch, einige davon habe ich selbst übersetzt, zum Beispiel Beiträge zu den Diotima-Bänden (1999 und 2012). Manche ihrer Aufsätze oder Vorträge stehen auch im Internet. Aber vieles davon sind philosophische, jedenfalls theoretische Texte, die manche schwer verständlich finden. Jetzt hingegen ist unter dem Titel „Nicht alles lässt sich lehren“ im Christel Göttert Verlag ein langes biografisches Interview mit Luisa Muraro erschienen. Geführt hat es mit sehr klugen Fragen der Philosoph Riccardo Fanciullacci, die Übersetzung stammt von Traudel Sattler. Luisa erzählt darin von ihrer Kindheit – sie wurde 1940 als sechstes von insgesamt elf Geschwistern in einem Dorf in der der Nähe von Vicenza geboren -, von ihren suchenden Jahren als junge Studentin, von ihrer Begegnung mit Lia Cigarini und damit dem Feminismus, von der Gründung des Mailänder Frauenbuchladens und der Rezeption

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Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank

Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir heutzutage die eugenische Selektion von nicht erwünschten Föten praktizieren (über 90 Prozent der Wunsch-Kinder werden abgetrieben, wenn sie laut Pränataldiagnostik Trisomie21 haben), während man gleichzeitig so tut, als gäbe es keine eugenische Selektion (offiziell ist nicht die befürchtete Normabweichung der Föten der Grund für diese Abtreibungen, sondern die psychische Befindlichkeit der Schwangeren), kam mir heute eine Idee, wie man das eigentlich noch zugespitzter analysieren müsste. Zunächst dachte ich, dass hier eine allgemeingesellschaftliche Heuchelei auf dem Rücken von Frauen betrieben wird: Einerseits wird ein moralischer Standard hochgehalten („Nein, bei uns gibt es keine eugenische Selektion!“), gleichzeitig kommt er faktisch aber nicht mal in jedem zehnten Fall zur Anwendung. Und anstatt das offen zuzugeben und als Gesellschaft zu den eigenen Prioritätensetzungen zu stehen („Kinder mit Behinderungen werden bei uns nur ausnahmsweise ausgetragen, sozusagen als Privathobby der beteiligen Eltern, normal finden wir das aber nicht“) werden Schwangere quasi per Default zu psychisch Kranken erklärt:

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Wer sind die Bösen und woran erkennt man sie?

Ich kann „unsere“ Probleme mit der Versorgung von Flüchtlingen oder der Bedrohung durch den IS gerade nicht so wirklich in eine Relation bringen zu den sich zeitgleich abspielenden, aber um so Vieles dramatischeren Problemen, die durch kapitalistische Raffgier verursacht werden: speziell die Umweltkatastrophe am Rio Doce in Brasilien (mehrere Millionen Menschen ohne Trinkwasserversorgung und mit zerstörten Lebensgrundlagen – Video) oder durch die Brandstiftungen in Indonesien (500.000 Menschen mit Atemwegserkrankungen, riesige Flächen Urwald inklusive Tiere verbrannt). Dass gegen diese systematische, quasi routinemäßige Erzeugung von Elend und Leid etwas unternommen wird, ist leider sehr viel unwahrscheinlicher als dass der IS irgendwann besiegt wird. Und genau deshalb wäre es wichtig, dort „mitzuleiden“ und zu überlegen, ob sich irgend etwas tun lässt. Zumindest könnten wir diesen Ereignissen einen Teil unserer Aufmerksamkeit widmen. Ich weiß, dass es unsinnig ist, existenzielle Problemen gegeneinander aufzurechnen, weil jedes für sich absolut wichtig ist. Aber die Diskrepanz der Kategorien, unter denen zurzeit Dinge als „wichtig“ und „unwichtig“ einsortiert werden, ist für mich

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Lesetipp: Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

Die Diskussion über Abtreibung hat auf feministischer Seite eine Schwachstelle, auf die Kirsten Achtelik mit ihrem Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ hinweist: und war eine, freundlich ausgedrückt, nicht sehr klare Haltung zu eugenischen Argumentationslinien in der Pro-Choice-Haltung. Was in den 1970er Jahren noch offen ausgesprochen wurde – dass es nämlich doch selbstverständlich eine Zumutung sei, ein behindertes Kind zu bekommen – wird heute etwas verschämter formuliert, nämlich als zu erwartende psychische Belastung für die Mutter. Aber gleichzeitig hat sich die Pränataldiagnostik praktisch zur Standardprozedur entwickelt, entsprechende Untersuchungen werden von den Krankenkassen bezahlt und als „Prävention“ verkauft, dabei handelt es sich keineswegs um Prävention, sondern um Selektion: Das Auffinden von „Abnormalitäten“ beim Fötus dient ja in nicht dazu, eine Krankheit oder Behinderung zu heilen oder besser versorgen zu können, sondern in der Regel als Entscheidungsgrundlage für eine Abtreibung. Es geht also um eugenische Selektion, nicht um Vorsorge. Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch eine klare Haltung gegen solche behindertenfeindlichen, „ableistischen“

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Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen

Was ich an den italienischen Feministinnen so mag ist ihr Talent dafür, Denkbewegungen und Paradigmen auf eine kurze sprachliche Formel zu verdichten, an der sich dann Debatten entzünden und das Denken sich gewissermaßen „einhaken“ kann. Sachen wie „Das Patriarchat ist zu Ende“, „Von sich selbst Ausgehen“, „der Wille zu siegen“ oder „Von der Abwesenheit profitieren“… In einem aktuellen Text (italienisch) von Paola Mammani habe ich nun wieder eine Formulierung gefunden, die mir seit einigen Tagen im Kopf herumspukt, und zwar „Omosessualità femminile e donne felici“, also „Weibliche Homosexualität und glückliche Frauen“. Offenbar stand die Frage zur Debatte, mit welchem Bild man ein Zeitungscover zu diesem Thema betiteln würde, und Mammani kam dazu sofort ein Foto in den Sinn, auf dem sich Flavia Pennetta und Roberta Vinci, die beiden Tennis-Finalistinnen der US-Open im September diesen Jahres, fest, lang und zärtlich umarmen (ich sollte wieder mehr Tennisspiele anschauen)! Daneben, so schreibt sie, hätte sie ein anderes Foto gestellt, auf dem Flavia Pennetta, die Siegerin, und

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