Besondere Umstände 20: Merkel und Wahrheit

Heute haben Benni und ich wieder gepodcastet. Wir sprachen über Angela Merkel, Flüchtlinge, globale Krisen, und in einem zweiten Teil über Wissenschaft und Wahrheit, Erkenntisformen, Relativismus und Postmoderne. Alles in handlichen nicht mal eineinhalb Stunden.

Bitte hier entlang.

Tarantinos Männlichkeit

Ich sag es gleich, ich bin ein Fan von Tarantino, und auch von seinem neuesten Film The Hateful Eight. Ich fand den besser als Django Unchained, dessen klares Gut gegen Böse mir nicht gefallen hat.

Tarantino zeigt in The Hateful Eight ein Kammerspiel über die zerstörerische Kraft des zu Ende gehenden Patriarchats. Auf die Idee brachte mich eine Bekannte, die sagte: Genau wie im wirklichen Leben ist die eigentliche Zivilisation, die dem Ganzen zugrunde liegt, im Film weitgehend unsichtbar, wird nur nebenbei erwähnt. Es ist die auf „Care“ gründende Umtriebigkeit des Alltagslebens, die sich in Maggie’s Haberdashery zeigt: ein Ort, wo gekocht, geputzt, geredet und gelacht wird, wo Feuer brennt und Kaffee auf dem Herd steht, wo Frauen und Männer, Schwarze und Weiße, Alte und Junge ihren Platz haben. Ein Ort mit Tischen und Stühlen, mit einem Dach über dem Kopf – und einem imposanten Bett in der Mitte (was für eine großartige Idee!).

Maggie und ihr Haberdashery (ein tolles Wort, ich hab’s gegoogelt, es heißt Kurzwarenladen) verkörpern genau das, was wir in unserem ABC des guten Lebens „Wirtinschaft“ nennen.

Maggie ist (Achtung, jetzt kommen Spoiler!) allerdings bereits tot, als der Film beginnt; die von ihr und ihrem „öffentlichen Haushalt“ verkörperte Zivilisation wird nur kurz in einer Rückblende gezeigt. Die „Hateful Eight“, die letzten Ausläufer eines ausgestorbenen Patriarchats beziehungsweise eher die marodierenden Brüder eines entfesselten Fratriarchats, sind gewaltsam eingedrungen. Wie grandios die filmische Idee, sie immer und immer wieder die Tür zum Haberdashery eintreten zu lassen, um sie dann jedes Mal wieder zu vernageln!

Der Film inszeniert detailreich, wie diese Typen über die von anderen wohnlich gemachte Welt herfallen und wie Parasiten von dem leben, was andere aufgebaut haben. Aufwändig wird zum Beispiel thematisiert, dass sie das Stew, das sie essen, nicht selbst gekocht haben, sondern es noch von Maggie stammt. Sie bringen nur vergifteten Kaffee zustande. Wundervoll auch, wie sie den alten Patriarchen – den General – noch gnädigerweise und zu ihren Bedingungen eine Weile im Lehnstuhl sitzen lassen, aber als es brenzlig wird, ist er der erste, der dran glauben muss. Das Ende des Patriarchats ist banal.

Besonders schön hat mir auch die Szene gefallen, wo der eine Typ von seiner Mutter erzählt, die er über Weihnachten besuchen will. Das ist gelogen, wie sich später herausstellt (und wir auch schon vermutet hatten), aber man spürt doch die hilflose Sehnsucht im Gespräch dieser beiden Männer: Sie wissen, was gut und richtig wäre, aber sie sind schon zu weit davon entfernt, und vermutlich auch zu feige, um es zu tun.

Das alles und noch viel mehr wird in liebevoll komponierten Dialogen wunderbar ausgearbeitet (allerdings weiß ich nicht, wie gut die Übersetzung ist, ich habe den Film auf Englisch gesehen). Erst gegen Ende des Films geht es dann so richtig mit tarantinteskem Splatter los, mir persönlich reichte das auch. Denn auch das ist angemessen: Die männliche Ordnung besteht nicht in erster Linie aus gewaltvollen Taten, sondern aus Worten. Und sie wird hier daher auch vor allem sprechend „dekonstruiert“, und zwar in genau den drei Säulen, auf die das untergehende Patriarchat sich stützte: Militarismus, Justiz und Rassismus. Übrig bleiben nur Kopfgeldjäger und Banditen, also letztlich der Kapitalismus.

Ich muss ehrlich sagen, dass mir sehr gut gefällt, wie Tarantino diese Geschichte inszeniert. Mir gefällt, dass auf der Seite der Zivilisation zwar mehr Frauen als Männer sind, und dass Schwarze Frauen dabei die maßgebliche Rolle spielen, denn so ist es ja auch. Aber es ist auch klar, dass das Angebot, zivilisiert zu leben und ein gemeinsames gutes Leben zu führen, für alle Menschen gilt. Und analog ist richtig, dass auf Seiten des zerstörerischen, parasitären Fratriarchats überwiegend Männer sind, aber eben nicht nur, denn auch Frauen „können genauso Banditen sein wie Männer“. Und wenn sie es, wie Daisy Domergue, richtig anstellen, wenn sie ordentlich einstecken und austeilen können, dann dürfen sie sogar „Führungspositionen übernehmen“.

Am Ende sind alle tot, und das konnte im Film auch gar nicht anders kommen, weil die Grundlagen der Zivilisation ja bereits zerstört waren, bevor die Geschichte überhaupt anfing. Aber wir, wir leben in einer Welt, in der das eine oder andere Haberdashery noch in Betrieb ist und funktioniert. Das ist die gute Nachricht.

PPS: Mir gefiel auch die Idee, einen Film über das Patriarchat zu machen, in dem (fast) die ganze Zeit nur gelabert wird 🙂

PS: Man ruft mir auf Twitter grade zu, es heiße DIE Haberdashery (die Haberdasherei). Aber irgendwie klingt das…

Ciswissenschaft und Transpolitik

Diese Woche war ich bei einem Kongress über Transsexualität und hörte zwei Professoren, die (in Bezug auf Beheimatung im bestehenden System) so dermaßen Cis waren, dass es fast schon einer Karikatur ähnelt.

Kurzfassung: Die Wissenschaft hat nun festgestellt, dass Transsexualität normal ist. Normal nicht etwa deshalb, weil wir in politischen Auseinandersetzungen eine Kultur hervorgebracht hätten, die sich von den Zumutungen traditioneller Geschlechterkonzepte befreit hat. Nein, normal, weil Transsexualität nun (offenbar) die höchstmöglichen Weihen erhalten hat, die die bestehende symbolische Ordnung zu vergeben hat: Ihre Entstehung ist naturwissenschaftlich herzuleiten, man kann also experimentell-biologisch beweisen, dass es sie gibt. Die Betroffenen „bilden sich das nicht nur ein“. Tadaa!

Der erste Professor begann bei den Genen und dem Testosteron, das der Körper bei xy-Menschen im Embryonenstadium ausschüttet und bei xx-Menschen nicht. Dieses Testosteron bewirke eine Maskulinisierung des Embryos, allerdings auf komplexen Wegen und in unterschiedlichen Abschnitten, sodass es durchaus vorkomme, dass zwar der Körper maskulinisiert sei, nicht jedoch das Gehirn. Voilà Transsexualität.

Als xx-Mensch und Feministin bin ich darauf trainiert, jedes Sich-Zur-Normsetzen von xy-Menschen rigoros aufzudecken. Also fragte ich den Professor, wie denn seine Theorie die Existenz von Transmännern erkläre, da bei ihnen doch – als xx-Personen – im Embryonalstadium kein Testosteron ausgeschüttet worden sei, folglich auch ihr Gehirn, jedenfalls auf dem von ihm beschriebenen Wege, nicht maskulinisiert worden sein könne. Er nicht_antwortete mit dem Hinweis, das sei eben alles sehr komplex. Bullshit. Vielleicht war ihm auch diese kleine Lücke in seiner Theorie bisher noch gar nicht aufgefallen; es kommt ja häufiger vor, dass xy-Männer nur über sich selber und ihresgleichen nachdenken.

Jedenfalls: Die Theorie dieses Professors liefert eine Erklärung höchstens für Transweiblichkeit, nicht aber für Transmännlichkeit. Was ich nun wiederum ganz interessant finde: Sind eventuell Transweiblichkeit und Transmännlichkeit zwei völlig unterschiedliche Phänomene mit unterschiedlichen Ursachen? Für mich als feministische Cisfrau klingt das plausibel. Denn ich erlebe das „Trans“ in beiden Fällen sehr unterschiedlich: In Transfrauen erkenne ich im Allgemeinen „normale“ Frauen (soweit es in Bezug auf Frausein überhaupt sinnvoll ist, von Normalität zu reden). In Transmännern hingegen sehe ich nicht „normale Männer“. Sondern die von ihnen überschrittene Grenze, auf die sich das „Trans“ bezieht, ist eben genau nicht die hin zu den üblichen Männlichkeiten, sondern die hin zu einer anderen Art von Männlichkeit. Auf einer bestimmten Ebene sehe ich deshalb Transmänner, im Unterschied zu Cis-Männern, als „meinesgleichen“. Weshalb mir auch einleuchtet, dass in queerfeministischen Kontexten die Geschlechtergrenze nicht zwischen Frauen und Männern gezogen wird, sondern zwischen „Frauen*Lesben*Trans“ und „Cis-Typen“.

(PS: Analog finde ich übrigens auch, dass Schwulsein und Lesbischsein zwei unterschiedliche Angelegenheiten sind und nicht bloß die männliche oder weibliche Variante von „Homosexualität“).

Aber zurück zum Kongress. Der zweite Professor erläuterte die Unterschiede zwischen Männergehirnen und Frauengehirnen, die bekanntlich dazu führen, dass Frauen harmoniedüdelig und Männer aggressiv sind, und – oh Wunder – die Gehirne von Transfrauen sehen aus wie die von xx-Menschen und die von Transmännern wie die von xy-Menschen. Nun jaaaa. Der Professor wusste offenbar selber, auf welch dünnem Eis er hier wandelte und betonte immer wieder (ohne sich allerdings ein paar Seitenhiebe auf den Feminismus, der die biologischen Grenzen des Geschlechts bekanntlich einfach ignorieren will, verkneifen zu können), dass diese Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen letztlich nur winzig klein seien. Andererseits war seine These ja, dass sie das Phänomen der Transsexualität erklären sollen, also können sie so klein dann ja auch wieder nicht sein. Männliche Logik? (scnr).

Ich sehe ja irgendwie ein, dass solche „Adelungsprozesse“ von Seiten des Mainstreams durchaus ambivalent zu sehen sind. Wenn die Wissenschaft plötzlich ganz normal findet, was sie bis gestern noch, mit gleicher Verve, vollkommen unnormal fand, könnte dieses Umdenken konkrete Verbesserungen bei Gesetzen etc. möglich machen. Aber der Jubel sollte doch, finde ich zumindest, nicht allzu ungebrochen sein.

9783837921700In der Pause traf ich zufällig eine Bekannte, und wir lästerten nicht nur ein bisschen über diese merkwürdige Vorstellung der Männer, sie könnten Phänomene verstehen, indem sie die Ursachen davon aufdecken, sondern sie überredete mich auch, das autobiografische Buch „Die transzendierte Frau“ von Jean Lessenich zu kaufen. Weil ich mich darin prompt während der folgenden zwei Vorträge festlas, kann ich nicht sagen, ob der Kongress ebenso merkwürdig weiter ging.

Aber ich empfehle euch das Buch wärmstens (Psychosozial-Verlag, Gießen 2012). Die Autorin erforscht nicht die Ursachen von Transsexualität, um diese dann in den Griff zu bekommen, sondern erzählt von einem komplexen Phänomen, wobei sie genau nach jener Art und Weise vorgeht, die feministische Erkenntnis ausmacht: Von sich selbst ausgehend die Welt verstehen und den Ereignissen eine freie, eigene Bedeutung geben, die Sinn vermittelt. Nebenbei ist das Buch auch historisch sehr interessant, ein Stückchen deutsche Kulturgeschichte seit den 50er Jahren. Frankfurt kommt auch drin vor.

PS: Und falls es doch eine auf Genetik gründende Erklärung für Transmännlichkeit gibt, würde mich die interessieren, diesbezügliche Hinweise gerne in die Kommentare, danke!

Ein paar Anmerkungen zu den Suffragetten

Gestern Abend hab ich den Film gesehen, und möchte dazu ein paar Anmerkungen machen. Ich finde ihn nicht rundum gelungen, und warum, dazu schreibe ich hier die wichtigsten Punkte auf (die im Prinzip nicht nur diesen Film betreffen, sondern mich in historischen Darstellungen der Frauenbewegung häufiger stören).

Der Slogan „Taten statt Worte“ gefällt mir nicht, denn Worte sind auch Taten. Eigentlich ging es ja um die Frage der Militanz, aber genau deren Pro und Contra wird in dem Film meiner Meinung nach nicht wirklich ernstgenommen. Sondern es wird irgendwie darauf gesetzt, dass wir Zuschauerinnen sowieso auch finden, dass „Taten besser sind als Worte“.

Das Verhältnis der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen zu den Arbeiterinnen wird doch arg idealisiert. Es gab dazu ziemlich viele Konflikte, etwa zu der Frage, warum die bürgerliche Frauenbewegung ihre Aktionen allein auf das Wahlrecht fokussiert, so als würden Klassenunterschiede damit quasi von alleine verschwinden. Dass hier im Film die Arbeiterinnen und Bürgerlichen so völlig smoothly Hand in Hand arbeiteten, naja. Und als einmal die Privilegien sichtbar wurden (bei der Frage der Entlassung auf Kaution), war natürlich allein der böse Ehemann schuld.

Den Trope „Eine Frau will sich emanzipieren und ihr Ehemann wird dann böse“ kann ich nicht mehr sehen. Dafür kann der Film nun nichts, das ist mein persönlicher Geschmack, aber ich habe es über. Außerdem fand ich es in dem konkreten Fall etwas unglaubwürdig, dass Maud mit ihrem Mann überhaupt nicht über das Thema geredet hat, denn vor ihrer Politisierung schienen sie sich ja ganz gut zu verstehen und er ein netter Kerl zu sein. Wenn sie ihre Meinung ändern kann, warum nicht er auch?

Am Ende schummelt sich der Film aus der Frage raus, ob Militanz denn überhaupt was geholfen hat. Er endet mit dem Trauermarsch und suggeriert, dass der Märtyrerinnentod von Emily Davison sozusagen die Wende in der Stimmrechtsfrage gebracht hätte. Das muss heutzutage dramaturgisch vermutlich so sein, Happy End und so, aber es ist doch Quark. Andere Länder, in denen die Stimmrechtsbewegung nicht militant war, haben das Stimmrecht zur selben Zeit bekommen wie England, teilweise sogar früher. Ich frage: War das Leid, das diese Frauen auf sich nahmen (Selbstmord, Verlieren des Sohnes, gesundheitliche Schäden durch Knast usw.) tatsächlich sinnvoll und notwendig für den Erfolg des Anliegens? Oder wird hier ein (männlicher) Heldenmythos auf die Frauenbewegung übertragen? (Ich frage wirklich, das heißt, ich finde die Antwort nicht eindeutig).

In historischen Darstellungen politischer Bewegungen finde ich auch immer den Gestus des „Wie konnten die damals nur so blöd sein?“ ganz – blöd. Denn auch wenn WIR uns heute nicht vorstellen können, warum um Himmels willen Frauen nicht wählen dürfen sollten, so war das im damaligen Kontext eben für viele sehr plausibel. Es war die vorherrschende symbolische Ordnung. Es waren eben nicht nur Dummköpfe und Bösewichte und Männer und Zurückgebliebene, die sich dem Kampf der Suffragetten entgegen stellten. Politik ist keine Frage von „Die einen wissen schon die Wahrheit und die anderen sind noch zu dumm dafür.“ Der Kampf um das Wahlrecht war nicht einfach eine Machtfrage, er war auch und vor allem eine symbolische Frage, die mit dem Gesamtkomplex der Frauenemanzipation zusammenhing (deren wichtigster Bestandteil im übrigen nicht die Frage des Wahlrechts, sondern des Zugangs zur Erwerbsarbeit war).

Generell ist es für die weibliche Freiheit sehr viel wichtiger, dass Frauen sich gegen die  herrschende symbolische Ordnung stellen, also sich innerlich und im Denken frei machen von dem was „doch alle wissen“, als dass sie heldinnenhaft Steine schmeißen und strategische Machtkämpfe ausfechten (was hin und wieder natürlich sinnvoll sein kann). Beim Unabhängigwerden von der herrschenden symbolischen Ordnung haben freiheitsliebende Frauen – damals wie heute – nicht nur „die Männer“ sondern auch die Mehrheit der anderen Frauen gegen sich.

Woher bekommen Frauen die Stärke und Selbstsicherheit, um sich gegen den Mainstream zu stellen? Was befähigt sie, unabhängig zu denken, und woher nehmen sie dann den Mut, auch entsprechend zu handeln und dafür Konflikte in Kauf zu nehmen? Das wäre eine bis heute aktuelle Frage.

Was sind heute die Ansichten, die der weiblichen Freiheit entgegen stehen, aber so fest in der herrschenden symbolischen Ordnung verankert sind, dass alle Welt, die allermeisten Frauen inklusive, sie völlig normal und alternativlos finden?

PS: Andrea Hanna Hünniger 10 nach 8 findet Suffragetten auch eher meh

„Speculum, the Other man. Eight points on the spectres of Cologne“

„Listening to the other – her experience, her story, her needs, her desires, her traumas, her resources – is a necessary condition for repairing the pattern of civilisation, and in a direction opposite to that of the clash of civilisations. In this, the racket of the media machine, wholly programmed not to listen but to shout, is no help to us – rather, it is an obstacle.“

Italienische Feministinnen – darunter einige Freundinnen der Philosophinnengemeinschaft Diotima – haben unter dem Titel „Speculum, the Other man. Eight points on the spectres of Cologne“ eine lange, meiner Meinung nach sehr gute Analyse der Debatten nach den Köln-Ereignissen geschrieben.

Verzeiht, dass ich immer noch kein anderes Thema hier habe.

Hier ist der Link zum (englischen) Text.