Hic sunt leones. Oder: die Grenzen des Paradieses.

Ich denke aus gegebenem Anlass seit einer Weile über Grenzen nach und die Frage, welche ideengeschichtliche und symbolische Funktion sie haben. Wir sind heute oft versucht, das Vorhandensein von territorialen Grenzen für etwas Selbstverständliches und Naturgegebenes zu halten. Aber mir scheint die Idee, die Erde (die doch offensichtlich niemandem „gehört“, sondern Lebensraum aller ist) in Bereiche aufzuteilen und Linien zu ziehen, die bestimmte Menschen überschreiten dürfen und andere nicht, keinesfalls selbstverständlich. Es ist sogar eigentlich eine verrückte Idee, die gegen ein grundlegendes Gerechtigkeitsempfinden verstößt. Denn mit welchem Recht sollte ein Mensch einen anderen Menschen daran hindern dürfen, von hier nach dort zu gehen?

Klar, zwischen dem Naturzustand und heute liegt eine Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Wie also führte die zu Grenzziehungen und der Vorstellung, diese seien legitim? In der gegenwärtigen Debatte wird diese Frage meist materialistisch beantwortet: mit Überlegungen zu Wirtschaft, Eigentum und dergleichen. Grenzen sollen Eigentum schützen, die „Wirtschaftsflüchtlinge“ kommen nach Europa, weil es hier mehr Wohlstand gibt.

Ich denke aber, dass die wichtigste Funktion von Grenzen nicht ist, Eigentum und Wohlstand zu schützen (oder auch: deren gerechte Verteilung zu verhindern), sondern ein Innen von einem Außen zu trennen: Ein „Innen“, in dem eine Ordnung herrscht, und ein „Außen“, in dem Chaos herrscht.

Die Römer beschrifteten auf ihren Landkarten die Gegenden außerhalb der Grenzen des Römischen Reiches mit „Hic sunt leones“, „Hier sind Löwen“. Die staatliche Ordnungsmacht reichte nur bis zu diesen Grenzen. Nur innerhalb der Grenzen war man durch Gesetze geschützt, nur hier gab es ein Rechtssystem, Soldaten, eine Bürokratie, an die man sich wenden konnte, wenn einem Unrecht widerfuhr. Außerhalb dieser Grenzen war Wildnis, „Löwen“. Eine ähnliche Funktion hatten Stadtmauern: Innerhalb war man sicher, außerhalb drohte man, unter die Räuber zu fallen.

Auch die christliche Vorstellung vom Paradies entwickelte sich im Mittelalter genau entlang dieser Logik von „Innen“ und „Außen“. War die frühe christliche Gemeinde noch mit dem Anspruch aufgetreten, mit Hilfe einer jesuanischen Ethik das „Reich Gottes auf Erden“ zu verwirklichen, ganz allgemein, überall und für alle, so trat später gewissermaßen eine abgespeckte Version davon in Kraft: Das umzäunte „Paradiesgärtchen“. Das Paradies kann nicht überall sein, das friedliche, harmonische christliche Lebensideal existiert nur innerhalb der Klostermauern, außerhalb herrschen die Gesetze von Gewalt und Chaos. (Diese These stammt von Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker aus ihrem Buch „Saving Paradise). –

Die Funktion all dieser Grenzen war also nicht, Menschen daran zu hindern, sie zu übertreten, sondern sie begrenzte sozusagen das Gebiet, innerhalb dessen es möglich war, für Recht und Ordnung auch tatsächlich zu sorgen. Dass der westliche Eindruck der Gesetzlosigkeit meist auf die entsprechenden außerhalb der eigenen Grenzen liegenden Gegenden gar nicht zutraf, dass dort vielmehr indigene Gesellschaften lebten, die durchaus Gesetze und Regeln und Ordnungsprinzipien hatten, nur eben welche, die von einem westlich-universalistischen Blick nicht erkannt und verstanden wurden, steht dabei auf einem anderen Blatt.

Denn mit der Entstehung der Nationalstaaten wurde die gesamte Welt kolonisiert und in Staaten nach römisch-westlicher Machart aufgeteilt. Es blieb keine Wildnis mehr übrig, denn jedes Fitzelchen Erde wurde nun dem ein oder anderen Nationalstaat unterworfen oder zugeschlagen. Seither haben wir uns angewöhnt, Grenzen nicht mehr als Trennung zwischen Innen und Außen zu betrachten, sondern als Trennung zwischen dem Einen und dem Anderen. Als Trennlinien zwischen zwei souveränen Staaten, die eine jeweils unterschiedliche Ordnung haben – aber überall herrscht eben irgendeine Ordnung.

Vielleicht erleben wir zurzeit eine Periode, wo diese Weltordnung zusammenbricht, wo die Wildnis, in der nicht mehr Menschen und Gesetze herrschen, sondern Löwen, wieder wächst. Oder vielleicht erstmals wächst, weil die Gesetze und Ordnungen, die vor der Kolonialisierung dort das Zusammenleben geregelt und zivilisiert haben, inzwischen zerstört wurden, teilweise aus Ignoranz, teilweise mit Absicht.

Die Grenze zwischen Europa und dem Drumherum jedenfalls hat heute definitiv nicht mehr den Charakter einer Trennung zwischen dem Einen und dem Anderen, sondern sie trennt Innen und Außen. Wer es nicht hinein schafft in die Festung Europa, kann nicht einfach im Rahmen einer anderen Rechtsordnung leben, sondern muss gegen die Löwen ums nackte Überleben kämpfen.

Es ist falsch, dieses Geschehen in erster Linie unter ökonomischen Vorzeichen zu betrachten. Menschen, die nach Europa wollen und nicht hereingelassen werden ins „Paradies“, sind nicht auf der Suche nach materiellem Wohlstand, sondern sie fliehen vor den Löwen, also vor der Abwesenheit irgendeiner verlässlichen gesellschaftlichen Ordnung. Ihr Problem ist nicht nicht in erster Linie Armut, sondern die Unsicherheit, die daraus erwächst, nicht zu wissen, wer morgen das Sagen hat oder welche Regeln morgen gelten. In einem stabilen, wenn auch von materieller Knappheit geprägten System kann man irgendwie planen, einen eigenen Entwurf vom Leben haben und von dem, was man tun will. In einem System der reinen Willkür geht das nicht. Dort ist man nur Spielball anderer und nicht Protagonist, Protagonistin des eigenen Lebens (die Idee, dass Willkür das Schlimmste an Herrschaft ist, habe ich von Simone Weil).

Die Terroranschläge auf westliche Ziele machen das ebenfalls deutlich, vielleicht gar nicht mal in der Substanz, auf jeden Fall aber in der Symbolik: Sie werden nicht als ganz normale Verbrechen verstanden (die die staatliche Polizei dann auf ganz normalem Weg verfolgt, wie das innerhalb der Grenzen eben üblich ist), sondern als quasi externer Einschlag: die Löwen greifen an, punktuell, unkontrollierbar. Sie durchlöchern das Konzept vom abgeschotteten Paradies, zerstören die Illusion, dass die Grenzzäune die Löwen draußen halten können.

Der Fehler liegt nicht nur darin, dass „der Westen“ versucht, die Grenzen seines Paradiesgärtleins abzuschotten, was ihm kaum gelingen wird. Sondern auch darin, das ganze Problem in erster Linie mit Geld lösen zu wollen. Safeta Obhodjas, die 1992 vor dem Bürgerkrieg in Bosnien nach Deutschland geflohen ist, kritisiert in einem Interview, wie  nach dem „Friedensschluss“ auf dem Balkan Unsummen an Geld nach Bosnien geflossen ist, wodurch genau diese nicht-staatlichen „Löwen“ reich und mächtig geworden sind.

Und besonders fatal ist, dass beim Versuch, die Löwen möglichst effektiv zu bekämpfen, die Grenzen von Recht und Ordnung selbst gedehnt und durchlöchert werden.

 

Die Gefühle der Männer von 68

Hier kurz noch notiert ein Buch, das ich gelesen habe: „Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Eine Emotionsgeschichte der bundesdeutschen 68er-Bewegung“ von Stefanie Pilzweger.

51MsHsxy3NL._SX327_BO1,204,203,200_Anhand von neun politischen Themenbereichen, die für die 68er wichtig waren, identifiziert die Autorin unter Heranziehung von zeitgenössischen Quellen und Dokumenten Gefühle, die dabei eine Rolle spielten. So waren die politischen Utopien der 68er verknüpft mit Optimismus, Sensibilität und Omnipotenz, ihr Aufruf nach Solidarität (mit der „Dritten Welt“, mit „der Arbeiterklasse“) war Ausdruck von Zusammengehörigkeitsgefühl und einer Sehnsucht nach Gemeinschaft. Die „Sprache des Protests“, also dieser spezielle Jargon und Rededuktus der „Alt-68er“, ging einher mit Ermächtigung und Einschüchterung (speziell auch von Frauen). Ein weiteres Kapitel widmet sich der Provokation durch Kleidercodes und Frisuren, durch Protestinszenierungen, bei denen die Gefühle Angst, Spaß und Stolz im Spiel waren.

Ein weiteres, stark emotionsbeladenes Feld waren die Generationenkonflikte mit den Vätern, in denen Misstrauen, Schweigen, Scham und Paranoia vorherrschten, und wo die Söhne gegen die väterliche Gewalt ihre eigene „moralische Überlegenheit“ setzten. Weitere Kapitel behandeln das damalige Interesse an der Psychoanalyse (rationaler Funktionär versus sensibler Mann), die Sexualität (Ende der romantische Liebe, Geschlechterverhältnisse, Verklemmtheit und Eifersucht) und die Gewalt (Ablehnung von Militär bei gleichzeitiger Faszination an revolutionärer „Gegengewalt“ und Straßenkampf, Angst und Opfersein, Wut und Hass). Den Abschluss bildet ein Kapitel über das Scheitern (Erschöpfung, Enttäuschung, Entsolidarisierung, Depression und Melancholie).

Das Buch enthielt für mich eigentlich wenig überraschende Gedanken, es ist aber nett, das einmal am Stück zusammengestellt und mit Dokumenten und Zitaten belegt zu haben. Ein bisschen hat mich diese Lektüre versöhnlich gestimmt mit den „Altlinken Männern“. Es waren halt doch auch nur Menschen.

Stefanie Pilzweger: Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Transcript, 2015, 39,99 Euro.

 

Kleines Lob auf die Non-Mentions

An den Diskussionen über den Feminismus, die dieser Tage nach einem Text von Meike Lobo durchs Netz toben, habe ich mich nicht beteiligt, weil mich dieses Thema etwas ermüdet und ich glaube, dass das alles vor allem zur Folge hat, von den inhaltlichen wichtigen Debatten eher abzulenken.

Vor einer ganzen Weile (oh, scheiße, vor über fünf Jahren) hatte ich ja schon mal vorgehabt, das F-Wort gar nicht mehr zu benutzen, um dann eine Weile später doch wieder zu kapitulieren – momentan schwanke ich aber wieder zurück. Weil mich eigentlich der Zustand „des Feminismus“ nicht die Bohne interessiert, sondern vielmehr die kontroversen Debatten unter Feministinnen. Eine gewisse feministische Grundhaltung des Gegenübers ist für mich sowieso die Voraussetzung dafür, dass ich an einem politischen Austausch interessiert bin. Die Frage ist nicht, ob Feminismus, denn das versteht sich von selbst, sondern wie genau. Oder noch anders: Mich interessiert Politik, nicht Propaganda.

(In diesem Sinne halte ich im übrigen auch Meike Lobo für eine Feministin, ebenso wie Alice Schwarzer eine ist, obwohl ich mit beiden in fast nichts einer Meinung bin, und die beiden untereinander vermutlich auch nicht über viel.)

Momentan zum Beispiel denke ich mit meiner anarchistischen Grundveranlagung über die Frage nach, ob eine Strafrechtsverschärfung tatsächlich so eine gute Idee ist, um das Problem der sexualisierten Gewalt anzugehen, während gleichzeitig viele andere Feministinnen (darunter auch die, mit denen zusammen ich gerade den #ausnahmslos-Text geschrieben habe) sich dafür einsetzen. Und ich lektoriere zurzeit ein Buch mit feministischen Positionen zum Grundeinkommen (erscheint im Herbst bei Ulrike Helmer), die in zentralen Aspekten ganz schön über Kreuz verlaufen. Undsoweiter.

Ein neuer Punkt, den Meike in ihrem jüngsten Resumee-Replik-Blogeintrag aufwirft, bringt mich jetzt aber doch zum Reagieren, und zwar ihre Kritik an den „Nonmentions“ bei Twitter:

Ein guter Teil der Äußerungen auf Twitter waren Nonmentions, also Tweets ohne Namensnennung ÜBER mich und nicht AN mich. Nonmentions sind das Äquivalent zum Hinter-dem-Rücken-Lästern, sie sind das Krebsgeschwür von Twitter, weil sie dem Kritisierten jede Möglichkeit nehmen, in irgendeiner Weise zu reagieren.

Ich habe auch eine Nonmention über Meike Lobo getwittert, und zwar aus Ärger darüber, dass sie in ihrem Text schreibt, der Feminismus würde Frauen, die Care-Arbeit leisten, jede Form von Anerkennung verweigern und dann zu dem Schluss kommt:

Dass typische Frauentätigkeiten mitunter gar nicht als Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit gelten, etwa die Pflege alter und kranker Angehöriger in der Familie, oder aber schlecht bezahlt werden und kaum eine Lobby haben, ist daher auch die Schuld der Frauenbewegung.

Es stimmt natürlich, dass es Feministinnen gibt, die Hausarbeit abwerten (vor allem in den 1980er und 1990ern), aber der feministische Mainstream sieht heute in der ungelösten Frage der Care-Arbeit eines der zentralen Themen. Und vermutlich war ich besonders angepisst, weil ich selber seit längerem gefühlt über praktisch gar nichts anderes rede und schreibe als über Care.

Aber hier sollte es jetzt ja um Nonmentions gehen: Ich habe Meike Lobo also nicht deshalb in dem Tweet nicht gementioned, weil ich hinter ihrem Rücken über sie lästern wollte, sondern weil ich keine Lust/Zeit/Energie hatte, mit ihr darüber eine Diskussion zu eröffnen. Zumal sie ja mit dieser These klargemacht hat, dass sie an meinem Feminismus offenbar nicht die Bohne interessiert ist. Weil sie offenbar weder mich, noch die feministische Szene, in der ich mich bewege (und die gar nicht mal so miniklein ist), noch die Care Revolution oder sonst irgend etwas, das ich mit Feminismus verbinde, auch nur ansatzweise auf dem Radar hat.

Auf die Idee, dass das Nichtmetionen irgendwie unhöflich sein könnte, kam ich gar nicht. Denn ich nehme es selber so wahr, dass ich mich selber durch eine Mention mit einer Kritik darin irgendwie herausgefordert fühle, zu reagieren. Also ich empfinde es als unhöflich, gementioned zu werden und dann nicht darauf zu antworten. Und deshalb finde ich es gut, wenn Leute, die etwas zu mir zu sagen haben, mich nur dann mentionen (gibt es das Wort überhaupt?), wenn sie von mir eine Reaktion haben wollen, und wenn nicht, dann nicht. (Manchmal wenn mir langweilig ist, suche ich bei Twitter meinen Namen und schaue, was die Leute so über mich reden, und habe dabei ein entspanntes Gefühl, weil ich nicht reagieren muss, aber durchaus kann).

Das ist jetzt natürlich Interpretationssache und Vorliebensache, aber ich glaube, es ist auch ein Trend in der Art, wie sich die Twitternutzung weiterentwickelt hat und wie wir (einige von uns, ich :)) inzwischen mit der Tatsache umgehen, dass wir nicht alle Diskussionen, die womöglich interessant sind, auch tatsächlich führen können:

*Mention bedeutet: Ich will, dass du auf meinen Einwand reagierst.

*Namensnennung bedeutet: Ich habe nichts dagegen, dass du meine Kritik erfährst, aber du musst nicht reagieren. Wenn du das Thema deinerseits weiter verfolgen willst, dann mentione halt mich.

*Anonymisierte Kritik (also public, aber ohne eindeutige Zuordnung zu der Person, wobei aber für viele durchaus erkennbar ist, wer gemeint ist) bedeutet: Ich habe das starke Bedürfnis, meine Kritik an der Position von XY öffentlich zu äußern, aber ich will auf gar keinen Fall mit ihr darüber diskutieren. Ich habe allerdings nichts dagegen, dass sie erfährt, was ich von ihr halte.

*Lästern im Darktwitter (also privat nur in einer bestimmten Gruppe) bedeutet: Diese Person nervt mich so, dass ich mich über sie mal bei Gleichgesinnten auskotzen muss, aber ich will dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden, daher sage ich es nicht öffentlich.

Allenfalls Letzteres würde ich als „Lästern hinter dem Rücken“ empfinden, aber auch das finde ich eigentlich legitim, denn niemand hat ja doch einen Anspruch darauf, zu erfahren, was andere über sie_ihn denken. Außerhalb vom Internet ist es ja auch ganz normal, dass ich über Dritte Sachen sagen kann, ohne von diesen dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das ist, finde ich, völlig in Ordnung.

Eine gekonnte Anwendung dieser „vier Stufen der twitterbasierten Kritik an Positionen, mit denen ich nicht einverstanden bin„, wenn man so will, hilft uns allen, unsere Kräfte beisammen zu halten, uns die Debatten und Auseinandersetzungen zu wählen, die uns jeweils interessant erscheinen und so weiter. Wie ich auch in meinem Artikel „Pluralität statt Parteibildung“ über die Entwicklungen des „Netzfeminismus“ in den vergangenen drei Jahren schrieb, ist das, glaube ich, einfach nur eine Weiterentwicklung von Konventionen, die der Tatsache geschuldet sind, dass es nicht möglich und auch nicht notwendig ist, mit allen über alles zu diskutieren.

Und dann ist diese Erkenntnis ja wiederum auch gar nicht so neu.

Früher hieß das: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“