Vergewaltigungsdiskurse im Feminismus

Vor dreißig Jahren war ich eine vehemente Anhängerin des Spruches, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Satzes (auch wenn er rein logisch zutreffend ist), sind mir schon früher gekommen. Jetzt gibt es ein Buch dazu: „Vergewaltigung“ von Mithu Sanyal. Ich habe es für bzw-weiterdenken.de rezensiert und empfehle die Lektüre sehr.

Ich habe dazu noch ein kleines Gedankenexperiment, das ich schon manchmal in feministischen Kontexten zur Diskussion gestellt habe, speziell wenn ich dort über Gewalt gesprochen habe: Stellen Sie sich vor, Sie haben die Wahl, entweder einen Finger abgehackt zu bekommen oder vergewaltigt zu werden. Was würden Sie vorziehen?

Mir ist schon klar, dass das eine doofe, vielleicht auch makabre Frage ist. Aber die Diskussionen, die sich daran entzündet haben (inklusive der Diskussionen darüber, wie bekloppt diese Frage ist), waren meistens durchaus spannend. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich lieber vergewaltigt würde als einen Finger abgehackt zu bekommen.

Stark sein in der Differenz: Toller Text, bitte lesen!

Dorothee Markert hat auf bzw-weiterdenken.de einen tollen Text darüber geschrieben, wie sie als Angehörige einer Minderheit aus der Differenz Stärke gewinnt anstatt sich darauf zu beschränken, Diskriminierung anzuprangern. Sie spricht mir sowas von aus dem Herzen, bitte lest das!

Feministische Perspektiven zum Grundeinkommen. Und das Problem, zu linken Männern vorzudringen.

bge

Tuuut Tuut, dies ist ein Werbe-Blogpost. Allerdings kein bezahlter, sondern einer für das Buch „Das Bedingungslose Grundeinkommen. Feministische und postpatriarchale Perspektiven“, das ich zusammen mit Ronald Blaschke und Ina Praetorius herausgegeben habe. Das Thema ist ja hier im Blog praktisch ein Basso Continuo.

Wir bedanken uns besonders bei Ulrike Helmer, die das Projekt als Verlegerin unterstützt, und mit der ich ja auch bei meinen anderen Büchern seit Jahren (bzw. Gosh, seit Jahrzehnten), zusammenarbeite.

Aber ganz ehrlich, dieses Buch hätte ich eigentlich lieber nicht in einem feministischen Verlag herausgebracht. Denn das dortige Publikum weiß eigentlich schon, dass das Grundeinkommen feministische und postpatriarchale Perspektiven braucht. Deshalb hatten wir ursprünglich vor, das Buch in einem der einschlägigen linken Männerverlage herauszubringen, von denen es ja etliche gibt in Deutschland, Österreich, der Schweiz, und die auch fleißig Männerbücher zum Grundeinkommen im Programm haben.

Aber die wollten alle nicht. Oder hätten es nur gemacht, wenn wir ihnen Druck und Herstellung finanziert hätten. Sie glauben offenbar, dass ihr Publikum sich nicht für feministische und postpatriarchale Perspektiven interessiert. Und vermutlich haben sie damit ja sogar recht, jedenfalls ist das auch meine Erfahrung: Linke Männer interessieren sich schlichtweg nicht für feministische Ideen.

Natürlich gibt es Ausnahmen, zum Beispiel eben Ronald Blaschke, der sich seit Jahren für einen Austausch mit feministischen Grundeinkommenstheorien engagiert und der dieses Buchprojekt ganz maßgeblich vorangetrieben hat, oder auch Werner Rätz, der mit einem Beitrag dabei ist.

Aber in vielen Fällen sind linke Männer (nicht nur zum Thema Grundeinkommen) am Denken von Frauen nur dann interessiert, wenn sie darin eine Unterstützung für das vermuten, was sie selbst ohnehin schon immer sagen. Wenn sie es gebrauchen können, damit ihre Projekte nicht so männerlastig aussehen. Und vor allem mögen sie es natürlich, wenn sie von Frauen für ihre Revoluzzerei bewundert und angehimmelt werden. Nein, sie haben nichts gegen Frauen an sich, keineswegs.

Bloß wenn sie mit ihren Überzeugungen von einer Frau herausgefordert oder gar kritisiert werden, dann schalten sie auf Durchzug und ignorieren das weg. Sie streiten nicht einmal, wie die Maskulinisten, sie sind einfach gleichgültig. Ich finde das fast noch schlimmer. (PS: Das gilt natürlich nicht nur für LINKE Männer, sondern für alle, aber die anderen interessieren mich nicht als politische Bündnispartner, von daher ist es mir egal).

Feministische Verlage sind toll, und ich veröffentliche absichtlich fast nur dort, weil ich mich mit meinem politischen Denken normalerweise an Frauen richte, nicht an Männer. Ich will keine Männer von irgendwas überzeugen. Ich freue mich, wenn sie oder andere Geschlechter sich für meine Ideen interessieren, aber meine eigentlichen Adressatinnen und Bezugspunkte sind andere Frauen.

Doch bei so einem Thema, das eine politische Bewegung von Männern ansatzweise von ihrer Männerzentrierung (die sie selbst natürlich vehement bestreitet) wegbringen möchte, ist das natürlich ein bisschen wie das Predigen zu den bereits Bekehrten.

Von daher, liebe Leute, die ihr das hier lest, und die ihr Kontakt zu linken Männern in der Grundeinkommens-Bewegung habt: Macht ihnen dieses Buch bekannt, schenkt es ihnen zu Weihnachten, lest es und verwickelt sie in Diskussionen darüber. Oder so was in der Art.

PS: Die Einleitung hab ich vorhin ins Internet gestellt, am Ende findet ihr auch die Namen aller anderen, die etwas für den Sammelband geschrieben haben

PPS: Hier eine Inhalts- und Autor_innen-Übersicht (pdf)

Die fehlende Aufmerksamkeit vor der Meinung

Gerade stolperte ich über einen Tweet von mspro, der auf einen Blogpost aufmerksam macht, in dem Facebook-Kommentare zu dem Buch  “Hier ist alles Banane – Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994-2015” dokumentiert sind. Im Ton der Entrüstung stellen da Leute fest, dass es sich dabei ja wohl um eine Fälschung handeln muss.

Soweit so Banane, und nach einem ersten Impuls – ist lustig, muss ich teilen – habe ich dann gezögert, weil es immer etwas blöd ist, sich über die vermeintliche Ungebildetheit und Dummheit anderer Leute lustig zu machen. Aber ich glaube, es handelt sich hier nicht (im Wesentlichen) um eine Frage von Bildung. Sondern was hier deutlich wird, ist der fehlende Wille, irgend einem Thema oder einer Sache auch nur ein Minimalbisschen Aufmerksamkeit zu widmen, bevor man die eigene Meinung dazu öffentlich äußert.

Es ist nämlich keine Frage der Bildung, zu erkennen, dass dieses Buch selbstverständlich nicht originale Honecker-Tagebücher enthält. Wer auch immer nur fünf Sekunden darüber nachdenkt, muss drauf kommen. Aber warum fünf Sekunden über was nachdenken, wenn ich doch sofort eine Meinung habe? Vielleicht auch einfach nur frei assoziiert zu der Farbe Gelb auf dem Cover?

Diese grottige Art von Oberflächlichkeit ist mir in letzter Zeit auch häufiger bei Twitter oder auf Facebook begegnet, wenn ich zum Beispiel einen Link zu einem Text poste, der eine vielleicht ein bisschen unklare Überschrift hat. Dann gibt es sofort RATATATAT Meinungen und Kommentare und Replys, die sich aber nicht auf den Inhalt des verlinkten Textes beziehen, sondern irgend ein anhand der Überschrift frei vermutetes Gelaber sind. Woher kommt das Bedürfnis, sich zu einem Text zu äußern, den man überhaupt nicht gelesen hat?

Ich glaube, fehlende Aufmerksamkeit ist ein wichtiger Grund für den desolaten Zustand der aktuellen Debattenkultur – neben Hass und Dummheit. Vielleicht sind Hass und Dummheit auch eher Auswirkungen fehlender Aufmerksamkeit, ich vermute jedenfalls sehr stark, dass sie weniger die Folge fehlender Bildung sind.

Denn die Unsitte, Dinge zu beurteilen, bevor man ihnen auch nur ein Minimalbisschen Aufmerksamkeit gewidmet hat, findet sich auch in den Feuilletonseiten, dazu muss man nur irgend einen beliebigen Artikel aus dem Genre „Feminismuskritik“ nehmen. Höhere Bildung hilft natürlich dabei, die so ganz groben Patzer zu vermeiden, dazu ist man dann eben Profi genug.

Hannah Arendt hat unterschieden zwischen Meinung und Urteil. Meinen bedeutet, die eigenen Ansichten zu einem Gegenstand flüchtig hinauszuposaunen, ohne Sachkenntnis zu dem Gegenstand und ohne für die eigenen Äußerungen geradezustehen („Ich hab ja nur meine Meinung gesagt.“) Urteilen hingegen bedeutet, dass man sich eine ausreichende Zeit mit dem Gegenstand beschäftigt hat und dann begründet zu einem Urteil darüber kommt, für das man dann auch persönlich ein- und geradesteht.

Wenn man eine Demokratie sein will, muss man Menschen haben, die bereit sind, zu urteilen. Menschen, die einfach nur mal was „meinen“, schaden der Demokratie. Und mit der Aufmerksamkeit fängt alles an.

Sagte auch schon Simone Weil, die die Messlatte dafür, was es bedeutet, wirklich aufmerksam zu sein, zwar ganz schön hoch gelegt hat, die ich hier aber dennoch zitieren möchte. Sie sagt:

„Die Aufmerksamkeit besteht darin, sein Denken zu umgehen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand durchlässig zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu nutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie den Geist berührten. … Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“

Das ist sicher super-schwer, macht aber deutlich, wie die fehlende Aufmerksamkeit in unserer öffentlichen Debatte zustande kommt: Die Geister sind schon voll, voll mit komplett undurchlässigen Meinungen, die der Welt nur noch übergestülpt werden müssen. Scheißegal, was die Welt eigentlich macht.