Über öffentliche Ämter und persönlichen Marktwert

Auf meiner Facebook-Pinnwand hat sich anhand dieses Artikels über die Vortragshonorare der Obamas (400.000 US$ Barack, 200.000 Michelle) eine interessante Diskussion über den Marktwert entfaltet, den öffentliche Ämter ihren Inhabern (oder ggfs. auch deren Ehegatt_innen) bringen und ob das gerecht ist.

Ich hatte gepostet:

Interessante Frage zum Marktwert von Prominenz. Vielleicht müsste man neue Regeln einführen, wonach Inhaber öffentlicher Ämter sich verpflichten, im Anschluss an ihre Amtszeit einen Prozentsatz X von allen künftigen Einnahmen an den Staat abzuführen, z.b. Präsidenten 70%, deren Gattinnen 40%, Senatoren 30% usw.. entsprechend auch für Deutschland. Das wäre doch eine schöne und gerechte Einnahmequelle.

Und auf die Nachfrage „warum?“ antwortete ich:

Weil nur ein Teil des Honorars für die persönliche Leistung bezahlt wird und der andere Teil für die Prominenz, die man im Schlepptau des Amtes bekommen hat, und der daher nicht der Person zuzurechnen ist, sondern der Gesellschaft, die dieses Amt zur Verfügung stellt, sozusagen

Die Reaktionen waren geteilt.

Einigte fragten: Warum stellt sich diese Frage gerade jetzt bei den Obamas, aber nicht bei diesen ganzen weißen Männern, die diese Vorteile schon immer unhinterfragt hatten. Berechtigte Frage, allerdings wird in dem verlinkten Artikel erwähnt, dass die Honorarhöhe zwischen Obama und seinen Vorgängern nochmal einen ganz schönen Sprung gemacht hat, und zweitens ist es ja gut, wenn zweifelhafte Privilegien durch die Emanzipation ehemals als „anders“ definierter Menschen hinein in den weiß-männlichen Mainstream sichtbar gemacht werden. Denn wenn die Privilegien zweifelhaft sind, dann sind sie es auch dann, wenn „die anderen“ sie haben.

Aber sind sie denn zweifelhaft?

Viele fanden „Ist doch okay“, oder „die zahlen doch Steuern“ oder :

Dass man in das Amt gekommen ist, ist ja auch eigener Verdienst. Die Gesellschaft hat dieses Amt ja nicht Obama als Person „zur Verfügung gestellt“, er hat darum gekämpft. Und er hat es auf eine Weise ausgefüllt, die ihn zu einem begehrten Vortragenden gemacht hat. Michelle erst recht. Dafür dann Sonderabgaben zu fordern, ist wirklich merkwürdig.

Ich hingegen finde erst einmal die Vorstellung merkwürdig, dass das Gewähltwerden in ein politisches Amt ein eigener Verdienst ist. Denn im politischen demokratischen Wettbewerb werden ja nicht Leistungen beurteilt, sondern über die Frage entschieden, nach welchen Regeln eine Gesellschaft leben soll. Verschiedene Kandidat_innen schlagen dazu verschiedene Wege vor (Steuern hoch oder runter, Grenzen zu oder auf, Frauenquote ja oder nein, mehr Gesetze oder weniger…) und die Bevölkerung entscheidet dann, was sie will und wählt die entsprechenden Personen. Es ist keine „Leistung“ und kein „Verdienst“, dass man selbst das will, was auch die Mehrheit der Bevölkerung will, sondern es ist einfach ein Zufall, oder ein Fakt.

Natürlich ist mir klar, dass bei eine Wahl auch ein Teil des Erfolgs in der „Leistung“ der Kandidatin liegt – kann sie gut vermitteln, ist sie persönlich glaubwürdig, macht sie gute PR. Aber das ist meiner Ansicht nur ein Teil des Erfolgs und er sollte in einer Demokratie nicht der Wesentliche sein.

Wenn aber eine Gesellschaft einen Politiker damit beauftragt hat, ein öffentliches Amt zu übernehmen, weil er inhaltliche Vorstellungen hat, die die Mehrheit teilt, dann stattet sie ihn mit Privilegien aus: Er darf Entscheidungen treffen, hat Einblick in anderen unzugänglich Informationen, kann wichtige Leute weltweit treffen und netzwerken, hat große Ressourcen zur Verfügung (Personal, Geld, Mobilität, Infrastruktur), damit er seine Aufgabe möglichst gut erfüllen kann.

Wenn das Amt dann vorbei ist, hat er all dieses erworbene Wissen, diese Kontakte, diese Einblicke immer noch, zusätzlich zu einer großen Prominenz. Das macht ihn – und in geringerem Maß gegebenenfalls auch die Gattin – zu einer begehrten Person mit hohem persönlichen Marktwert. Aber das ist meiner Ansicht nach ein problematischer Nebeneffekt dieses demokratischen Mechanismus.

Erstens ist es ungerecht. Zweitens setzt es falsche Anreize, weil es öffentliche Ämter für Menschen attraktiv macht, deren erstes Ziel es nicht ist, gute Sachpolitik zu machen, sondern ein großer Zampano mit hohem persönlichen Marktwert zu werden.

Was aber natürlich auch stimmt ist, dass nicht ALLES an der anschließenden Prominenz nur Folge des Amtes ist, ein Teil ist auch persönliche Leistung, persönlicher Verdienst. Deshalb muss es ja auch komplexer diskutiert werden.

Wobei man auch sagen muss, dass das Umsetzen persönlicher Politprominenz in Vortragshonorare ja noch harmlos ist im Vergleich zu dem, was Schröder und ähnliche Leute machen, wenn sie ihre im Amt gewonnenen Netzwerke und Kontakte nutzen, um private Firmen beim Profitmachen zu unterstützen und sich dafür fürstlich bezahlen zu lassen. Dass das überhaupt erlaubt ist, kann ich sowieso nicht verstehen.

Interview über Feminismus und Linkssein

Das Underdog-Fanzine hat mich zum Verhältnis von Feminismus und Linkssein interviewt – Ich kopiere das nochmal hier herein, weil ich das Layout dort irgendwie unleserlich finde. 

Antje, du hast mit einer Studie von vier Biographien das Verhältnis von Feminismus und Marxismus untersucht. Welche Rolle spielt das Verhältnis für dich?

Ich habe eigentlich das Verhältnis von Feminismus und Sozialismus untersucht, am Beispiel von vier Aktivistinnen, die in der Ersten Internationale (1864-1872)  aktiv waren. Nur eine davon, Elisabeth Dmitrieff, war ausdrücklich Marxistin, zwei andere, André Léo und Virginie Barbet, waren eher Anarchistinnen, und Victoria Woodhull schließlich lässt sich gar keiner solchen Fraktion zuordnen. Generell bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die klassischen Kategorien – wie eben Marxistin oder Anarchistin – für das politische Denken dieser Frauen nicht passen. Die politische Ideengeschichte ist historisch eine sehr männliche Disziplin, bis vor wenigen Jahrzehnten interessierte sie sich nur für die politischen Ideen von Männern. Dann kam der Feminismus auf, und man hat versucht, Frauen in die dabei bereits etablierten Systeme zu integrieren. Aber das funktioniert nicht. Zum Beispiel ist die Auseinandersetzung zwischen „Marxismus“ und „Anarchismus“ zwar wichtig gewesen, aber nur wenn man sich die Positionen von Männern in der Ersten Internationale anschaut, nicht in Bezug auf die Frauen. Frauen haben untereinander zwar auch gegensätzliche Ansichten, aber die Konfliktlinien verlaufen anderswo. Um ihre Anliegen und Ideen zu verstehen, brauchen wir andere Kategorien, wird dürfen sie nicht immer auf die Kategorien der Männer beziehen. Um nach diesem langen Schlenker zu deiner Frage zurückzukommen: Am Verhältnis von Feminismus und Marxismus ist für mich nicht interessant, ob der Feminismus marxistisch ist oder nicht, sondern ob der Marxismus feministisch ist oder nicht.

Feminismus bezeichnet für dich weniger eine bestimmte politische Position, sondern eher die bewusste Zugehörigkeit zu einer sozialen Bewegung. Was meinst du damit?

Unter Feminismus verstehe ich eine politische Position, die erstens die Geschlechterdifferenz für eine unverzichtbares Analysekategorie hält. Ohne Geschlechterdifferenzen zu berücksichtigen und zu untersuchen lässt sich zu keinem Thema der Welt irgendetwas Vernünftiges sagen, einfach weil es keinen Aspekt der Welt gibt, der nicht von Geschlechterkonstruktionen betroffen wäre. Und zweitens bedeutet eine feministische Haltung, dass man die Freiheit der Frauen für einen Zweck an sich hält, der nicht zur Disposition gestellt werden kann. Die Freiheit der Frauen ist für Feministinnen nicht verhandelbar, sie ist nicht an eine bestimmte soziale Position oder ein bestimmtes Wohlverhalten von Frauen gebunden oder daran, dass Frauen irgendeinen gesellschaftlichen Nutzen erfüllen. Wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, ist jemand Feminist_in. Da das rein formale Kriterien sind, sagt das noch nichts über eine bestimmte inhaltliche Position aus. Zum Beispiel kann eine Feministin Anarchistin oder Marxistin sein, für Quoten oder gegen Quoten, Matriarchatsfeministin oder Queeraktivistin. Feminist_innen erkennt man nicht an ihren inhaltlichen Positionen, sondern an ihrem Bekenntnis zur Freiheit der Frauen, daran, dass sie sich bewusst mit der Frauenbewegung identifizieren. Was aber beinhalten kann, dass sie sich von bestimmten anderen feministischen Positionen und Aktionen distanzieren.

Viele sagen: Der Feminismus ist zu einem ignoranten, akademischen Diskurs verkommen, den viele Menschen „da draußen“ gar nicht mehr verstehen… (bitte kommentieren)

Ja, aber das ist ja eine Krankheit der Linken generell, die vielleicht auch nochmal speziell in Deutschland verbreitet ist. Die Frauenbewegung kommt ja historisch aus der Studentenbewegung und daher ist ein gewisser sektiererischer Duktus nicht verwunderlich, ich würde zudem sagen, dass der in feministischen Szenen deutlisch weniger krass ausgeprägt ist als er es zum Beispiel in den klassischen K-Gruppen war. Das soll keine Rechtfertigung sein, aber es steht eben in einem Kontext. Vielleicht ist ein gewisses Sektierertum auch notwendig zur Herausbildung radikaler Positionen. Das Entwerfen steiler Thesen, die dann mit Verve gegen einen überwältigend dominierenden Mainstream verbissen verteidigt werden, ist mir sogar in gewisser Weise sympathisch. Ich glaube, diese Debatte über die „Ignoranz“ des Feminismus, die sich ja nur auf kleine Szenen von Feministinnen bezieht, zeigt eher, dass wir als Gesellschaft an Frauen und Feministinnen andere Ansprüche haben als an Männer in Bezug auf ihr politisches Engagement. Wir erwarten von Frauen mehr als von Männern, dass sie ihre Anliegen nett vermitteln und nicht „über das Ziel hinausschießen“. Ich persönlich finde es aber meistens gut, wenn Frauen über das Ziel hinausschießen, mich inspirieren radikale Positionen. Ich muss mich ihnen ja nicht unterwerfen. Wir reden hier ja auch nicht über Personen in starken gesellschaftlichen Machtpositionen, sondern in der Regel sind es doch marginalisierte Szenen. Mich überzeugt auch das Argument nicht, Feminismus müsste doch den Mainstream „abholen“ und „mitnehmen“. Jeder Mensch ist selbst dafür verantwortlich, feministisch zu sein oder nicht, der Feminismus ist doch keine Serviceeinrichtung.

Inwieweit ist Gleichberechtigung im Kapitalismus angekommen?

Formal sehr weit, allerdings ist der Kapitalismus noch nie ein großer Feind der Gleichberechtigung gewesen. Es ist kein Zufall, dass liberale Ökonomen wie zum Beispiel John Stuart Mill gleichzeitig überzeugte Frauenrechtler waren: Der Kapitalismus will die weibliche Arbeitskraft ausbeuten, und klassische patriarchale Vorstellungen standen dem historisch entgegen. Gleichberechtigung war für den Kapitalismus nie ein Problem, solange sie sich wirklich auf formale Rechte für Frauen beschränkte. Es waren eher die männlichen Sozialisten, die sich historisch gegen gleiche Rechte für Frauen aussprachen, weil sie die Frauen eher in der Rolle der dem Ehemann untergeordneten Hausfrau mit „natürlichen Pflichten“ in der familiären Care-Arbeit sahen. Ansonsten gibt es eben einen großen Unterschied zwischen der Gruppe „die Frauen“ und einer Gruppe etwa wie „die Arbeiter“. Die Arbeiter sind durch gesellschaftliche Verhältnisse bestimmt, das Proletariat ist ein Produkt des Kapitalismus, in anderen Gesellschaftsformen gibt es das nicht. Daher kann man auch von einem gemeinsamen Klasseninteresse sprechen. Bei „den Frauen“ stimmt das nicht. Natürlich ist die Situation von Frauen ebenfalls gesellschaftlich geprägt, aber Frauen gibt es auch ohne diese Prägungen. Es gibt sie in allen Gesellschaften und Kulturen, und auch in allen Schichten und Milieus. Frauen haben als solche keine gemeinsamen Interessen, man kann die Frauenbewegung nicht analog zur Arbeiterbewegung verstehen. Es gibt in jeder Gesellschaftsform, und auch im Kapitalismus, immer auch Frauen, die von den damit verbundenen Privilegien profitieren. Außerdem bot der Kapitalismus immer auch Chancen für Frauen, aus patriarchalen Fesseln und Strukturen auszubrechen und „Self Made Women“ zu werden, das heißt, manche Frauen haben durchaus Gründe, den Kapitalismus gut zu finden.

Warum ist der Kampf für Frauenbefreiung weiter aktuell?

Weil die Welt noch nicht so ist, wie Frauen sie sich wünschen. Die Existenzberechtigung des Feminismus ist nicht davon abhängig, dass Frauen diskriminiert und unterdrückt werden. Ganz im Gegenteil: Je emanzipierter Frauen sind und umso mehr Möglichkeiten sie haben, umso wichtiger ist es, dass sie aus einer feministischen Perspektive heraus handeln und nicht einfach nur „mitspielen“. Früher brauchten wir Feminismus, um gleiche Rechte zu erkämpfen, heute brauchen wir Feminismus, um uns gegen die Assimilation in einer männliche symbolische Ordnung zu wehren.

Wie weit trennt die Unterdrückung der Frauen im modernen Kapitalismus die allgemeine frauliche Befreiung?

(Die Frage verstehe ich nicht ganz…)

Ärger zwischen Kapitalismus und Feminismus gibt es immer dann, wenn Feministinnen sich nicht mit gleichen Rechten für Frauen zufriedengeben, sondern mehr verlangen, nämlich Freiheit und gutes Leben für alle. Wenn der Feminismus kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen hinterfragt. Momentan ist dabei vor allem die Diskussion über Care-Arbeit zentral. Diese Arbeit wird von Frauen weitaus mehr als von Männern erwartet, und dass sie getan wird ist grundlegend für das Funktionieren des Kapitalismus. Aber sie wird marginalisiert und unsichtbar gemacht. Auch im Marxismus und in fast allen anderen linken Theorien war das Thema viel zu lange vernachlässigt worden, eine Folge davon, dass die Geschlechterdifferenz für nebensächlich gehalten wurde. Care-Arbeit ist ja mehr als Reproduktionsarbeit, ihr Zweck ist es nicht allein, Arbeitskraft wieder herzustellen. Sonst gäbe es ja keinen Grund, etwa für alte Menschen zu sorgen. Es ist nicht möglich, den Sektor der unbezahlten Arbeit einfach in den der Geldwirtschaft einzugliedern. Auch da brauchen wir wieder ganz andere Kriterien. Feministische Ökonominnen thematisieren das schon lange. Sie weisen auch darauf hin, dass die Ungerechtigkeiten, die kapitalistische Gesellschaften hervorbringen, in der Praxis nicht „geschlechtsneutral“ sind, auch wenn sie sich so geben, weil sie eben mit traditionellen patriarchalen Strukturen verwoben sind. Das haben Feministinnen von Anfang an gewusst und thematisiert, heute wird es unter dem Stichwort „Intersektionalität“ diskutiert, was bedeutet, dass verschiedene Diskriminierungsstrukturen miteinander verwoben sind: Rassismus und Sexismus zum Beispiel kann man nicht einfach aufaddieren, sondern eine Schwarze Frau wird auch als Frau anders behandelt als eine weiße.

Die dominierende Vorstellung ist aber, dass sozialistische oder marxistische Politik nicht genügt, um Unterdrückung zu erklären oder zu untersuchen. Welche Ansicht vertrittst du und sind Patriarchat und Ausbeutung voneinander getrennt zu erklären?

Das Patriarchat ist als Gesellschaften prägendes Herrschaftsverhältnis ja viel älter als der Kapitalismus, nämlich ungefähr vier- bis fünftausend Jahre, während der Kapitalismus gerade mal ein paar hundert Jahre alt ist. Patriarchat gibt es in vielen Varianten, und das kapitalistische Patriarchat ist nur eine davon. Der Grundfehler des Marxismus ist meiner Meinung nach, dass er die Bedeutung der Ökonomie für gesellschaftliche Verhältnisse absolut gesetzt hat. Die Herrschaft von Männern über Frauen hat aber nicht in erster Linie ökonomischen Gründe. Ökonomie ist immer mit Kultur verknüpft, mit Vorstellungen von Familie und Generationenverhältnissen und so weiter. Das alles muss immer zusammen diskutiert werden, nicht getrennt. So wie es der intersektionale Feminismus versucht. Manche Marxisten versuchen das inzwischen zwar auch, sind aber, soweit ich es sehe, noch nicht sehr weit gekommen. Und es gibt auch viele, die immer noch am Primat der Ökonomie festhalten und höchstens mal einen „Frauenaspekt“ einfügen. Aber man muss Herrschaftsverhältnisse immer in ihrer gegenseitigen Verwobenheit sehen, sonst wird man sie nicht verstehen.

Warum brauchen wir, um Frauenunterdrückung zu beseitigen, einen revolutionären Wandel und welche Grundlagen müssen hierfür geschaffen werden?

Ein Kampf nur gegen Frauenunterdrückung – und nicht gegen Unterdrückung generell – ist meiner Meinung nach sinnlos. Zum Beispiel finde ich die Hoffnung auf eine „Fifty-Fifty“ Gesellschaft immer ein bisschen albern: Ja, es ist ungerecht, dass Frauen viel mehr unbezahlte Care-Arbeit machen als Männer, aber was wäre damit gewonnen, wenn wir das Halbe-Halbe zwischen den Geschlechtern aufteilen, aber diese Arbeit immer noch abgewertet wird? Oder was würde es helfen, 50 Prozent Frauen in Aufsichtsräten zu haben, wenn die dann aber eine genauso ausbeuterische Unternehmenspolitik machen? Feminismus, jedenfalls der interessantere Teil davon, hatte immer eine Perspektive auf die Welt, es geht darum, welche Ideen und Vorschläge Frauen für das menschliche Zusammenleben haben, ausgehend von ihren Erfahrungen und Wünschen. Es geht nicht darum, Lobbyismus für Fraueninteressen zu machen. Oder, wie ein alter Spruch der Frauenbewegung lautete: Wie wollen kein größeres Stück vom vergifteten Kuchen, wir wollen einen anderen Kuchen.

Ein weiteres wichtiges Thema für dich ist die Verbindung von Anarchismus und Feminismus. Welchen Beitrag zur radikalen feministischen Gesellschaftsanalyse leistest du?

In Deutschland ist der Feminismus – wie die meisten sozialen Bewegungen – traditionell sehr „staatsnah“ organisiert. Viele Frauen denken bei Verbesserungen gesellschaftlicher Umstände zuerst an neue Gesetze oder verstehen unter politischem Engagement eines in Parteien und Institutionen. Und man muss auch sagen, dass es inzwischen viele Feministinnen in den staatlichen Institutionen oder staatsnahen Organisationen gibt, die tatsächlich einiges bewirken. Trotzdem bemühe ich mich, in die feministischen Debatten einen weiteren Horizont einzubringen und darauf hinzuweisen, dass zu viel Staatsnähe problematisch ist, weil sie unseren Visionen Grenzen setzt. Radikale Gesellschaftskritik kann sich darauf jedenfalls nicht beschränken oder verlassen.

Die radikale feministische Perspektive ist nahezu identisch mit dem Anarchismus. Warum entsprechen und ergänzen sich Anarchismus und Feminismus?

Ich weiß nicht, ob deine These so stimmt, denn es gibt zahlreiche anarchistische Positionen, die ganz ohne Feminismus auskommen, und dabei muss man nicht mal auf einen exzessiven Frauenfeind wie Proudhon zu sprechen kommen. Ich finde ja auch, dass Anarchismus und Feminismus gut zusammenpassen, aber identisch sind sie nicht. Der gemeinsame Nenner ist natürlich die Herrschaftslosigkeit, aber da fängt es ja schon an: Was ist Herrschaft? Es gibt zum Beispiel eine starke männliche anarchistische Tradition, die unter Herrschaftslosigkeit die Abwesenheit von Zwängen versteht, aber das ist in der Praxis dann oft das Sich-Ausleben des Stärkeren. Feminismus kritisiert immer auch die unsichtbaren und informellen Privilegien, die Gesellschaften strukturieren, und die wird man unter Umständen nur los, indem man klare Regeln aufstellt. Es gibt auch eine starke individualistische Strömung im Anarchismus, man denke etwa an Stirner, während Feminismus in der Regel eine Politik der Beziehungen verfolgt und die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen voneinander in den Blick nimmt. Da gibt es also vieles zu diskutieren.

Wie sind anarcha-feministische Konzepte in deinem Alltag eingebunden?

Ebenso wie der Feminismus hat auch der Anarchismus keinen bestimmten „Platz“ in meinem Alltag, sondern es ist eher eine Grundhaltung, mit der ich an alles herangehe, was ich tue. Ob ich an Tagungen teilnehme, Artikel schreibe, Beziehungen pflege, mich ehrenamtlich engagiere – das alles tue ich quasi auf „anarchafeministische Weise“. Ich suche aber in meinem politischen Engagement immer auch Kontakt außerhalb der eigenen Gruppe hinaus. Ich finde in der Politik die Arbeit der Vermittlung von Ideen wichtiger als die Ausarbeitung von Theorien. Deshalb bin ich in vielen gemeinsamen Projekten auch mit Nicht-Feministen und mit Nicht-Anarchistinnen.

Wie wichtig ist dir eine Selbst-Reflexion von Geschlecht und der eigenen Einbindung in Machtverhältnisse und wie lässt sich das Gefühl von Solidarität für gemeinsame Kämpfe herstellen?

Dass das wichtig ist, liegt ja auf der Hand. „Das Private ist politisch“ lautete nicht zufällig ein wichtiges Motto der Frauenbewegung, Politik ist nicht nur die Analyse gesellschaftlicher Zustände, sondern ein Wechselspiel zwischen dem eigenen Erleben und der Welt, den Anderen. „Von sich selbst ausgehen“ ist daher auch eine wichtige feministische Praxis, also das eigene Erleben und die eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen und durch die Diskussion mit anderen daraus Schlüsse für das Allgemeine zu ziehen. Das bedeutet auch, zu sehen, dass die eigene Position sich nicht verallgemeinern lässt, dass sie sich von der anderer Menschen unterscheidet, und dass es deshalb wichtig ist, anderen zuzuhören. „Von sich selbst ausgehen“ heißt eben  auch, nicht bei sich selbst stehen zu bleiben, sondern sich wirklich dafür zu interessieren, was andere leben, was andere erzählen, was andere sich schon gedacht und überlegt haben. Gerade bei vielen linken Männern vermisse ich allerdings ein solches Interesse zum Beispiel an feministischen Analysen. Sie lesen leider nur selten Bücher von Frauen.

Der europäische politische und gesellschaftliche Rechtsruck und extrem rechte Positionen stärken den Anti-Feminismus. Der Widerstand gegen Vielfalt, Akzeptanz und Gleichberechtigung scheint größer geworden zu sein. Was mögen deiner Meinung nach die Gründe hierfür sein?

Frauenfeindlichkeit und Antifeminismus sind in der Tat, neben Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, das einigende Band der Rechtspopulisten. Andererseits ist dadurch aber auch die Frauenbewegung wieder stärker geworden, und wenn man sich die großen Demonstrationen in USA, Spanien, Polen oder der Türkei anschaut, ist sie diejenige Plattform, auf der sich gesellschaftlicher Widerstand gegen den Rechtsruck sammelt. Ich glaube, die neue Aggressivität gegen den Feminismus kommt schon auch daher, dass sich die Geschlechterverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten durchaus stark verändert haben. Wenn wir an die 1980er oder gar 1950er Jahre zurückdenken, dann ist es schon enorm, was Frauen erreicht haben, und wie weit wir mit der Vielfalt von Geschlechteridentitäten und Lebensweisen gekommen sind. Viele dachten, die Emanzipation der Frauen sei etwas eher Nebensächliches, etwas, das nur die Frauen selber betrifft. Aber die Geschlechterverhältnisse strukturieren eben unsere gesamte Kultur auf einer sehr tiefen Ebene und es ist deshalb keine Kleinigkeit, sie zu verändern. Ein so grundlegender Wandel gefällt eben nicht allen, das fordert alte Gewissheiten, Gewohnheiten und Privilegien heraus. Ich glaube, das Unbehagen war immer da, aber mit den Rechtspopulisten hat es jetzt ein Sprachrohr gefunden und bricht sich Bahn. Jetzt haben wir den Konflikt und müssen ihn austragen. Feminismus und Rechtsnationalismus sind zwei Alternativen zum neoliberalen Wirtschaftsegoismus, der die Welt in den vergangenen Jahrzehnte dominiert hat. Linke und bürgerliche Männer müssen jetzt verstehen, dass es bei diesen Kämpfen nicht um „Frauenkram“ geht, sondern ums Ganze, und sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen.

Besondere Umstände – Episode 32

Die Episode 32 unseres Podcasts „Besondere Umstände“ ist raus, diesmal war Eva wieder dabei und zu dritt sprachen wir über Rechts und Links und ob man diese Begriffe noch braucht, den Unterschied von Extremismus und Radikalismus, über Populismus und ob das ein sinnvoller Begriff ist, über Brasilien, über Demonstrationen und Gefühle und den Rechtsstaat, und ganz am Schluss noch ganz kurz über Angela Merkel.

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