Tokarczuk oder Handke? Wie Political Correctness als Männerquote fungiert

Ich interessiere mich nicht wirklich für Nobelpreise, ich finde diese Zuspitzung von Qualität auf „einen Sieger“ nicht angemessen, in keinem Gebiet, aber erst recht nicht auf dem Gebiet der Literatur zum Beispiel. Nicht nur wegen dem Medien- und Kommerz-Zirkus, der auf solchen „Events“ zwangsläufig liegt, sondern auch, weil es ein symbolisch völlig falsches Framing setzt. Qualität ist kein objektiver Maßstab, sondern hängt von den jeweiligen Beziehungen ab, vom Begehren. Im ABC des guten Lebens schreiben wir dazu: Qualität ist etwas Unverfügbares, das entstehen kann, wenn Menschen, die sich an ihrem Begehren ausrichten, durch immer wieder neue Praktiken bemüht sind, Veränderungen zu erreichen, um dem näherkommen, was sie sich für ihr Leben und die gemeinsame Welt wünschen. Worüber Nobelpreise etwas aussagen ist nicht die Qualität der Werke der Geehrten, sondern der „Zeitgeist“, also das, was in einem diskursiven Hauptstrom jeweils als wichtig gilt und was nicht. Beim diesmaligen Literaturnobelpreis wurde im Vorfeld viel über die demografischen Kriterien diskutiert: Müssen es Frauen sein, müssen es Personen aus

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Den Staat geht unser Geschlecht nichts an

Mit welcher Legitimation darf der Staat eigentlich ein Geschlecht der Bürger*innen definieren? Die ganze aktuelle Debatte um Selbstbestimmungsgesetz springt eigentlich zu kurz, wenn man es genau durchdenkt. Denn sobald Gleichberechtigung gilt, braucht der Staat mein Geschlecht nicht zu kennen. Ansonsten braucht eine bestimmte Art von Quoten-Gleichheits-Feminismus die Geschlechtsbestimmung, aber die ist finde ich eh politisch gescheitert. Differenzpolitik funktioniert über die Praxis der Beziehungen, nicht über Formalia. Und eine politische Praxis der Differenz braucht keine Definitionen von Geschlecht. Sondern eben ein Bewusstsein für Unterschiede, die konkret in einer Situation relevant sind. Ich finde, Forderung muss sein: Geschlecht raus aus dem Personenstand. Denn staatliche Geschlechtsbestimmung ist nur notwendig, wenn Menschen auch je nach Geschlecht unterschiedlich behandelt werden sollen. Ein häufig vorgebrachter Einwand gegen meinen Vorschlag (hier etwa im Facebook-Thread dazu) lautet, dass das Patriarchat noch nicht zu Ende sei und dass wir (staatliche) Geschlechtsbestimmungen noch bräuchten, um das abzuwickeln. Die klassischen Beispiele sind „Frauenschutzräume“ und „Frauenquoten“. Nun war ich bekanntlich noch nie

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Feminismus und Krieg

Ist es nicht sehr erstaunlich, wie wenig geschlechterpolitische Analysen in diesem Krieg eine Rolle spielen? In der medialen Begleitdebatte scheint sich kaum jemand zu trauen, Worte wie „Feminismus“ oder „Frauen“ in den Mund zu nehmen. Dass die Verhandlungsdelegationen ausschließlich aus Männern bestehen, wird als selbstverständlich zur Kenntnis genommen. Auch dass die stärksten inländischen Proteste sowohl gegen Putin (Pussy Riot) als auch gegen Lukaschenko feministische Proteste waren, spielt in den Analysen keine Rolle. Meiner Ansicht nach ist ein Großteil der westlichen Fehlanalysen und Fehleinschätzungen gegenüber Putin auch darin zu sehen, dass seine Unterdrückung von Feminismus und Queeren für nebensächlich gehalten wurde. Dabei ist sie ein Pfeiler seiner Herrschaft. Ich bin auch der Meinung, dass die Bewunderung, die ihm von Machthabern überall auf der Welt (Erdogan, Schröder usf) entgegengebracht wird auch etwas mit seiner Performance von Männlichkeit zu tun hat. Über das „männliche Imaginäre“ schrieben wir 1999 schon hier – und es ist doch bei Putin so überdeutlich zu sehen! Auch Merkels

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Pro und Contra ist nicht die Frage. Gegen die Logik der Culture Wars.

Die Crux ist, dass Putins Narrativ, wonach „westliche Werte“ keine universalen Werte seien, den Finger in die Wunde legt. Diese Idee ist gut, aber wir haben sie eben selbst nie umgesetzt. Freiheit etc. schön und gut, aber nicht für Schwarze. Demokratie schön und gut, aber Frauen dürfen nicht wählen. Menschenwürde schön und gut, aber für die Armen nicht unbedingt. Solidarität ja, aber nur wenn sie nicht zu viel kostet. Das macht das Konzept natürlich für alle außerhalb der „Mitgemeinten“ problematisch. Das Problem ist glaub ich, dass wir „im Westen“ in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten nicht nur unsere Infrastruktur haben verrotten lassen, sondern auch die Weiterentwicklung unserer kulturellen Werte, die wir in sinnlosen „Culture Wars“ verheizt haben, anstatt wirklich darüber konstruktiv zu debattieren. Eine Möglichkeit, sich der diskursiven Logik von Culture Wars zu entziehen, ist, pro-con-Debatten zu verweigern. Sondern zu fragen, inwiefern etwas gut ist und inwiefern schlecht. Was daran ist problematisch, was daran ist nicht problematisch und vielleicht sogar

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Vortragsrückblick

7000x HERR – in Gottes Namen? Online-Podiumsdiskussion veranstaltet von der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg, der Evangelischen Akademie zu Berlin und den Evangelischen Frauen in Deutschland e.V. am 13.6.2022. Antifeminismus in Kirche und Gesellschaft bekämpfen. Vortrag beim Studientag „Kirche und Differenz“ an der Theologischen Fakultät Halle, 8.6.2022. Reproduktive Freiheit. Eine feministische Ethik der Fortpflanzung. Session bei der Anarchistischen Buchmesse in Mannheim, 27.5.2022. §§218 ff historisch, politisch, evangelisch. Fachtage für Träger beziehungsweise Beraterinnen von Schwangerschaftsberatungen im Diakonischen Werk Baden, 24. und 31.5.2022. Feministische Perspektiven auf Elternschaft. Lesung und Diskussion aus dem gleichnamigen Handbuch mit der Herausgeberin Alicia Schlender, Mitautorin Tina Jung und mir, Uni Magdeburg, 2.6.2022. Diversity in Kirchlicher Arbeit. Online-Fachtag veranstaltet von den Evangelischen Frauen in Deutschland (EFiD), 26.4.2022. Was tun, wenn Krieg ist? Thesen zu einer feministischen Außenpolitik. Vortrag und Diskussion online auf Einladung der Ev. Frauenarbeit Mitteldeutschland und des Friedensbeauftragten der EKM, 21.4.2022. Mutter – Vater – Schwanger: Die natürlichste Sache der Welt? Online: Ringvorlesung der TU Darmstadt, 14.4.2022. Schwangerwerdenkönnen.

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Die einen haben einen Uterus, die anderen ein Gehirn

Hier gibt es einen interessanten Artikel des Historikers Philipp Sarasin zum Thema 250 Jahre Sexualität. Wie ich drüben auf piqd schon geschrieben habe, vertritt er die Ansicht, dass „Sexualität“ als Konzept erst vor rund 250 Jahren, nämlich mit Beginn der bürgerlichen Moderne, entstanden ist. Galt vorher der Geschlechtsakt in christlicher Tradition als etwas, von dem sich Menschen möglichst fernhalten sollten, als etwas tierisch-problematisches, das nur zum Zweck der Fortpflanzung in Kauf zu nehmen sei, bekam „die Sexualität“, wie das Phänomen nun genannt wurde, ab dem späten 18. Jahrhundert eine gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung zuerkannt. Diese Entwicklung diente allerdings nicht nur zur Befreiung von kirchlichen Zwängen, sondern auch zur Zementierung von Geschlechterstereotypen, insofern Erotik, Lust und Sextrieb als etwas galten, wodurch sich Frauen und Männer wesentlich unterscheiden. Im 20. Jahrhundert dann rückte Sexualität, ausgehend von Freud, noch weiter ins Zentrum des Menschseins vor, bis sie dann schließlich sogar zum Dreh- und Angelpunkt menschlicher Befreiung und Freiheit wurde. Heute widerum könnte das Zeitalter der

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