Das Ende der Demokratie, wie wir sie kannten

Dass es schlecht um „die Politik“ steht, so wie wir sie bisher kannten, ist inzwischen ein offenes Geheimnis. Vergangenes Wochenende nahm ich an einer Tagung zum Thema „Sprache und Politik“ in der Evangelischen Akademie Bad Boll teil. Während der drei Tage wurden immer wieder die gegenseitigen Zwänge, die Medien und Repräsentationspolitik aufeinander ausüben, thematisiert: Politikerinnen beklagten, wie unmöglich es sei, in den Medien differenzierte und fundierte Positionen unterzubringen, das Publikum klagte über nichtssagende und banalisierte Polit-Rhetorik. Bei der Schlussdiskussion zog Johano Strasser, Vorsitzender des Deutschen PEN-Zentrums, eine sehr ernüchternde Bilanz: Symbolpolitik sei heute an die Stelle von inhaltlichem Profil getreten, Parteitage seien lediglich Inszenierungen und nicht Foren für echte Auseinandersetzungen. „Aber eine Demokratie, wo es keinen Platz mehr gibt für den Austausch von Argumenten, kann nicht bestehen“, so Strassers Warnung, und er gestand ein: „Ich weiß auch nicht, was man da machen kann.“

Ein interessanter Bogen schloss sich von hier zu einer Beobachtung der Grünen-Politikerin Antje Vollmer. Sie sagte, noch nie habe es von einem deutschen Bundeskanzler eine solche Fülle an Bildern gegeben wie von Angela Merkel und stellte die – wie ich meine, zutreffende – These in den Raum, dass Merkel die erste Frau in einem hohen Amt sei, der ihr Frausein mehr nütze als schade.

Leider wurde in der Diskussion dieser Hinweis nicht weiter verfolgt (wie während der ganzen Tagung die Geschlechterdifferenz außer in meinem Vortrag und ganz wenigen Publikumsäußerungen nicht thematisiert wurde, auch nicht von den zahlreich vertretenen anderen Referentinnen). Aber mich brachte er zum Nachdenken: Ist die tatsächlich auffällige Inszenierung von Angela Merkel als Kanzlerin vielleicht ein unbewusster Hinweis darauf, dass man sich von weiblicher Differenz irgendetwas erhofft?

Eine Hoffnung, die jedoch auf der Ebene der Sprache tabuisiert wird. Die Gleichheit der Geschlechter ist das alles überragende Paradigma, das es verhindert, der sexuellen Differenz jenseits eines bloßen Benachteiligungs-Diskurses eine Bedeutung beizumessen. Das ist natürlich schade, weil auf diese Weise Angela Merkel die einzige dezidiert als „weiblich“ konnotierte politische Persönlichkeit bleibt, das heißt, sie kann sozusagen den gesamten „Differenzbonus“ auf die Mühlen ihrer persönlichen Politik, die ja weitgehend die der CDU insgesamt ist, umleiten.

Dabei gäbe es so viele Anhaltspunkte dafür, wie eine weibliche symbolische Ordnung aus dem geschilderten Dilemma der männlichen Politik herausführen kann. Freilich nur, wenn man hinter die Dinge schaut und nicht bloß vordergründig auf das Geschlecht der beteiligten Personen verweist – obwohl ich durchaus den Eindruck hatte, dass die bei der Tagung anwesenden Politikerinnen, etwa Renate Schmidt, Beate Weber und Ute Vogt, immer ein kleines ironisch-distanziertes Lächeln auf den Lippen hatten, während die Männer, etwa Erhard Eppler, Freimut Duve und eben Strasser, tatsächlich unter dem diagnostizierten Ende einer vertrauten Ordnung persönlich zu leiden schienen. Aber so ein Eindruck kann natürlich täuschen.

Der eigentliche Bonus der weiblichen Differenz liegt ohnehin auf einer tieferen Ebene, einer, die symbolische Umwertungen erlaubt, auf vielen Ebenen, bei eigentlich allen Fragen. Ich möchte hier nur auf ein Beispiel näher eingehen: Auf die Frage aus dem Publikum, ob nicht vielleicht das Internet mit seinen entstehenden sozialen Netzwerken eine neue Plattform für jenen „Austausch an Argumenten“ sein könne, der laut Strasser Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie ist, blieb dieser skeptisch. Solche Netzwerke, so sein Argument (das auf die Thesen von Cass R. Sunstein und dessen Buch „Republic 2.0“ zurückgeht), filterten Nachrichtenflüsse lediglich auf der nicht vernunftgemäßen, bloß„ästhetischen“ Basis von „mag ich“ oder „mag ich nicht“. Bei Facebook zum Beispiel bewege man sich nur noch im quasi privaten Kreis derer, die man „mag“, und man müsse daher die eigenen Argumente nicht mehr der Kritik von Andersdenkenden aussetzen. Solche Plattformen seien also kein „öffentlicher“ Raum und könnten logischerweise auch nicht jene Funktion eines Aushandlungsortes, der für die Demokratie notwendig sei, übernehmen.

Dabei ließ Strasser es durchaus offen, ob das Internet zukünftig vielleicht dennoch so ein öffentlicher Raum sein könne, aber ich will hier auf etwas anderes hinaus: Nämlich auf die seinem Argument ganz offensichtlich zugrunde liegende alte patriarchale Dualisierung und Hierarchisierung von „öffentlich“ und „privat“. In dieser Logik hat er natürlich recht: Das alte „Heim“ des Familienvaters war in der Tat nie eine Plattform für demokratische Aushandlungsprozesse gewesen, weil man ja davon ausging, dass ohnehin alle Familienmitglieder des Patriarchen Meinung sind bzw. sein müssen. Wobei das in der Regel wohl nur auf einer symbolischen Ebene zutraf, denn faktisch dürfte es auch früher in allen Haushalten Meinungsverschiedenheiten und argumentativen Austausch gegeben haben. Aber sie galten damals eben qua Definition als „unpolitisch“ und damit als uninteressant für die Demokratie (ein Irrtum, den dann die Frauenbewegung zur Sprache brachte, indem sie erklärte, das Private sei politisch).

Die alte patriarchale Familienordnung, die der strikten Trennung von „privat“ und „öffentlich“ zugrunde liegt, ist also längst nicht mehr wahr – weder faktisch, noch symbolisch. Die Frauen haben speziell auch durch ihr Vordringen ins Erwerbsleben längst Fakten geschaffen, die es unmöglich machen, zu jener zweigeteilten Welt zurückzukehren – was heute jedes Kind weiß. Doch dass dies auch die andere Seite verändern muss, nämlich jenen „öffentlichen“ Raum und damit unsere Vorstellung von Demokratie samt den dazugehörigen Institutionen, ist noch nicht ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. Im Bezug auf ein verbreitetes Politik- und Demokratieverständnis leben diese falschen Kategorien einfach weiter als wäre nichts gewesen. Kein Wunder, wenn daraus dann intellektuelle Ratlosigkeit resultiert.

Das Ende der männlich-patriarchalen Politik und damit auch der „Demokratie“, wie wir sie bisher kannten, ist keine Katastrophe, sondern eine logische Begleiterscheinung des zu Ende gehenden Patriarchats. Und vielleicht sind die sozialen Netzwerke im Internet bereits erste institutionalisierte Ausdrucksformen einer neuen Ordnung. Nicht zufällig sind sie ja weder öffentlich noch privat, sondern „halböffentlich“, haben also zumindest an diesem Punkt die alten Dualismen hinter sich gelassen. Richtig, ich muss mich dort nicht jedem blödsinnigen Argument aussetzen und nicht mit jedem Deppen diskutieren wie in der alten Demokratie (obwohl die sich, Beispiel Neonazis, an dieses theoretische Ideal mit guten Gründen auch selber nie gehalten hat). Das heißt aber nicht, dass ich im Internet nur das lese, was mir genehm ist und womit ich ohnehin schon übereinstimme.

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn mir eine Freundin in Facebook etwas empfiehlt, dann werde ich das wahrscheinlich auch dann lesen, wenn es mir widerstrebt. Weil sie es mir empfohlen hat (in der Zeitung hätte ich es garantiert überblättert). Wenn jemand, aus dessen Tweets ich bereits wertvolle Anregungen bekommen habe, mich auf etwas hinweist, dann widme ich dem womöglich Aufmerksamkeit, auch wenn es mich vom Thema her gar nicht interessiert. Ich persönlich kann jedenfalls aufgrund meiner eigenen Erfahrung im Web 2.0 sagen, dass ich mich, seit ich soziale Medien nutze, mit einer größeren Bandbreite an Themen beschäftigt habe als vorher aufgrund der Lektüre einer Tageszeitung.

Und ja, vielleicht ist das ein eher „weibliches“ Verständnis von Beziehung. Dass ich mich gerade auch für solche Leute interessiere und mich von ihnen angezogen fühle, die auf den ersten Blick gar nicht zu mir passen, in die Fremden, die Anderen. Vielleicht suchen Männer sich eher diejenigen Freunde, Gattinnen, Liebhaber aus, von denen sie keinen Widerspruch oder Infragestellen ihrer bisherigen Positionen fürchten müssen. Aber wenn das so ist, dann werden diese Männer zusammen mit den Institutionen einer repräsentativen Politik untergehen, die auf echte menschliche Beziehungen keinen Wert gelegt haben, sondern nur auf ihre Zerrbilder vom autonomen Ich, der unabhängigen Vernunft, dem unkorrumpierbaren Argument.

Ich will gar nicht leugnen, dass das Ende des Patriarchats auch Gefahren mit sich bringt. Der Zusammenbruch einer alten Ordnung ist sicher kein Spaziergang. Die Zukunft ist immer offen, sie kann gut, aber sie kann auch schrecklich werden. Sicher bedeutet es Arbeit, Sorgfalt und Aufmerksamkeit, um Institutionen, Räume und Plattformen die für eine neue, postpatriarchale Politik notwendig sind, so zu gestalten, dass sie funktionieren. Ich meine, das würde uns besser gelingen, wenn wir die Geschlechterdifferenz offen thematisieren und nicht die in ihr liegende Dynamik unter dem Gleichheitsparadigma tabuisieren würden. Aber so oder so wird es nicht helfen, wenn wir uns an überkommenen Strukturen festklammern.