Besondere Umstände – Episode 2

Heute morgen haben Benni Bärmann und ich wieder eine Stunde lang gepodcastet und geredet über:

- Wieso wir mit dem Zählen der Episoden bei Null angefangen haben (und warum Jesus ein Nerd ist)
- Glück und was es bedeutet und wozu es gut sein soll oder nicht (1:45)
- Liebe, Karriere und was es bedeutet, dass laut Spiegel junge Leute keine klassischen Führungskarrieren mehr anstreben. (22:55)
- Davon ausgehend über Macht, Hierarchien, Autorität, Open Source (26:30)
- Twitter vs. Facebook vs. Menschheit: Warum sind bei Twitter nur bestimmte Leute und welche und bei Facebook alle und was machen wir damit? (35:00)
- Was sind Intellektuelle? /Formspring/ Davon ausgehend über: Ist es legitim, unpolitisch zu sein? Was das für Liquid Feedback und allgemein für Demokratie bedeutet.(44:55)

Zum Anhören oder Download bitte hier entlang (oder auch über itunes)

 

Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungen

Solche hübschen Sandalen sind für die meisten Jungen leider noch nicht wirklich eine Option.

Zu der ganzen Debatte über das pinke Überraschungsei für Mädchen ist schon viel geschrieben und gesagt worden, aber ich will nun doch noch einen Aspekt anführen, der mir in der Debatte fehlt, obwohl er meiner Meinung nach zentral sein müsste.

Und zwar dass sich diese ganze Aktion eigentlich nur scheinbar an die Mädchen richtet. Die wirklichen Adressaten sind die Jungen. Die rosa Überraschungseier sind für sie sozusagen ein überdimensioniertes Stoppschild, das sagt: Achtung, Mädchenkram, Finger weg!

Ich glaube, dass Ferrero tatsächlich durch Marktanalysen dazu gebracht wurde, diese Aktion zu machen. Vermutlich haben sie ergeben, dass Mädchen sich wünschen, nicht nur Bastel- und Zusammenbaukram und putzige Tierfigürchen in den Eiern zu finden, sondern manchmal eben auch pinkes Feen-Glitzerzeug.

Und ich finde es gut und richtig, dass Ferrero diesen Wünschen entspricht und nun eben auch pinken Feen-Glitzerzeug-Kram in die Eier packt. Wieso nun aber wird der nicht einfach in “geschlechtsneutralen” Eiern untergebracht, wie wir uns das wohl alle gewünscht hätten?

Es ist zu kurz gedacht, hier einfach Ferrero die Schuld zu geben, denn diese Option ist wirklich nur theoretisch vorhanden. Faktisch würde Ferrero es riskieren, die Zielgruppe der Jungen auf diese Weise zu vergraulen. Denn für Jungen – und mehr noch vermutlich für ihre Eltern – ist so ein Spielzeug derzeit noch unakzeptabel – eben weil zu eindeutig mit “Weiblichkeit” assoziiert.

Eigene “Jungeneier” hingegen braucht es nicht zu geben, weil es für Mädchen im Allgemeinen kein Problem ist, “Jungenkram” in einem Überraschungsei vorzufinden.

Mädchen können nämlich beides, Jungenkram machen und Mädchenkram. Mädchen und Frauen haben ihre Emanzipation aus dem alten patriarchalen Geschlechterdualismus bereits hinter sich. Sie akzeptieren es nicht mehr, auf einen bestimmten Rollenentwurf festgelegt zu sein, sie machen einfach die Sachen, die sie wollen – unabhängig davon, ob sie nach der alten Geschlechterordnung als “weiblich” oder “männlich” einsortiert worden waren.

Es ist für Mädchen kein Problem, auch mal blaue Trekkingsandalen anzuziehen oder mit Feuerwehrautos zu spielen, einfach deshalb, weil sie inzwischen genügend weibliche Vorbilder haben, die ebenfalls “Männersachen” tun, ohne ihre Weiblichkeit dadurch aufs Spiel zu setzen.

Jungen hingegen können das nicht. Und zwar deshalb nicht, weil es unter Männern noch keine Kultur dafür gibt, wie sie ihre Männlichkeit behalten können, ohne sich von allem als “weiblich” Identifizierten abgrenzen zu müssen.

Das ist übrigens auch das große Versagen der meisten so genannten “Männerrechtler”, weil sie genau das Falsche tun: Sie versuchen die Rettung der Männlichkeit über die Abwertung und Denunziation des Weiblichen. Sie warnen vor einer “Feminisierung” der Kultur und zementieren damit die Vorstellung, dass das für Männer etwas Gefährliches sei. Auf diese Weise tragen sie ganz objektiv dazu bei, die Optionen für Jungen zu reduzieren, für deren Wohlergehen sie sich doch angeblich einsetzen wollen.

Eine Ursache dafür ist, dass in unserer Kultur trotz Gleichstellung das “Weibliche” immer noch als untergeordnet, tendenziell defizitär oder aber zumindest partikular als “nur für Frauen” betrachtet wird, während das “Männliche” weiterhin als das Übergeordnete, Normale, Erstrebenswerte gilt. Entsprechend war der Anreiz von Frauen, dieses “Männliche” in ihr Repertoire aufzunehmen, viel größer als der Anreiz für Männer, das “Weibliche” in ihres aufzunehmen.

Das gilt prinzipiell für alle gesellschaftlichen Bereiche. Diese Überraschungsei-Affäre macht das es nur besonders plakativ anschaulich: Mädchen können alle Eier kaufen. Jungens aber dürfen auf keinen Fall die Mädchen-Eier kaufen.

Das ist ein echtes gesellschaftliches Problem, aber eines, das die Frauen nicht lösen können. Wir können natürlich darauf achten, die Puppen-Glitzer-Optionen auch für männliche Kinder in unserem Umfeld möglichst offen zu halten. Aber das stößt sehr schnell an Grenzen.

Einer meiner Neffen hat früher gerne mit meinen Barbiepuppen gespielt, aber ich habe selbst erlebt, wie viel Druck er dafür bekommen hat. Dauernd wurde ihm erklärt: “Du bist doch ein Junge, da spielt man doch nicht mit Puppen”. Ganz klar, dass er es zwangsläufig irgendwann aufgegeben hat. Bis heute wird Jungen ganz massiv beigebracht, dass ihr Mannsein prekär ist, ein kostbarer Schatz, der durch “Mädchensachen” quasi kontaminiert wird.

Ich habe nie erlebt, dass Mädchen in meiner Gegenwart so rigide und offen damit gedroht wurde, sie würden ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen, wenn sie sich für “Jungskram” interessieren.

Abhilfe schaffen können hier nur männliche Vorbilder, die den männlichen Kindern vermitteln, dass sie alles machen können, wozu sie Lust haben, auch “Mädchensachen”, ohne dass sie dadurch ihre Männlichkeit riskieren.

Problematische Kreuzessymbole in Wikipedia

Mein Kuschelkreuz.

Gestern und heute habe ich die Abschrift einer Podiumsdiskussion redigiert, an der ich zusammen mit Björn Beck und Ina Praetorius im April teilgenommen habe.

Es ging um das Thema Kreuzestheologie, und unsere Debatte war extrem spannend.Irgendwann, irgendwann, wird das auch im Internet nachzulesen sein, wahrscheinlich passend zur Passionszeit im Frühjahr 2013. Und ein Buch wirds auch geben.

Einen Aspekt möchte ich hier aber schon kurz verbloggen, weil vielleicht jemand das liest, der den Gedanken weitertragen und sich drum kümmern kann.

Und zwar hat Björn Beck (der für die jüdische Gemeinde Wiesbaden mit auf dem Podium war), darauf hingewiesen, dass in Wikipedia die Todesdaten auch von Juden und Jüdinnen mit einem Kreuzessymbol dargestellt werden (zum Beispiel hier bei Regina Jonas). Und dass das aus jüdischer Sicht sehr problematisch sei.

Problematisch nicht unbedingt deshalb, weil das Kreuz ein speziell christliches “Logo” ist, sondern weil die Kreuzigung damals ein Symbol der Ausstoßung aus dem Volk Israel war. Einen Juden, eine Jüdin am Kreuz sterben zu lassen, war also nicht einfach nur eine Form der Hinrichtung, sondern “eine unglaubliche Demütigung”, wie Beck es sagte. Aus jüdischer Sicht ist es deshalb nicht möglich, das Kreuz einfach als neutrales Symbol zu sehen, denn es ist nicht “fremd” und ein Symbol von anderen, das eine selbst nichts angeht (wie zum Beispiel für Buddhisten), sondern ein bereits mit einer anderen Bedeutung als der christlichen besetztes Symbol. Ich hatte das zwar mal irgendwann im Theologiestudium gelernt, aber mir die alltagsrelevanen Konsequenzen ehrlich gesagt gar nicht so klar gemacht.

Jedenfalls finde ich, dass es wirklich nicht geht, zum Beispiel bei Rabbinerinnen in der Wikipedia das Todesdatum mit einem Kreuz zu markieren. Vor allem war ich wirklich überrascht, dass das in Wikipedia tatsächlich so gehandhabt wird, ich dachte wohl, der Atheismus wäre schon verbreiteter, als er ist, lol.

Jedenfalls schlage ich vor, das zu ändern, da ich aber vor Wikipedia Angst habe (Achtung, Ironie), mag das vielleicht jemand anderes anstoßen.

PS.

Als Christin finde ich es übrigens auch nicht gut, dass das Kreuz zum Synonym für Tod geworden ist. Das ist noch Auswuchs der sehr problematischen Interpretation des damaligen Geschehens, die ungefähr im 11. Jahrhundert entstanden ist, wonach Gott Jesus quasi stellvertretend “für uns” ans Kreuz geschickt hätte. Hat er nicht, das waren die Römer. Und wir müssen uns deshalb nicht schuldig fühlen. Die feministische Theologie hat das schon lange problematisiert, so richtig wurde es mir aber erst klar, seit ich das Buch “Saving Paradise”lese, in dem die Autorinnen zeigen, dass in den ersten zehn Jahrhunderten Christentum die Kreuzigung keine zentrale Rolle gespielt hat.

PPS.

Nicht, dass ich meine, man müsste das Kreuz jetzt ganz abschaffen. Ich habe mir bei dieser Podiumsdiskussion damals sogar eins gekauft, und zwar ein Kuschelkreuz des Darmstädter Künstlers Ralf Kopp. Es hängt jetzt in meinem Arbeitszimmer. Fight ALL the Dogmatism.

PPPS.

Zur Kreuzigung hatte ich auch hier schonmal gebloggt.

Warum die Rede von der „umgekehrten Diskriminierung“ falsch ist

In den letzten Tagen sind mir zwei Gelegenheiten untergekommen, an denen sich mal wieder die Rede von der „umgedrehten Diskriminierung“ festgemacht hat: Die Berichte über die Praxis der australischen Airline Quantas, alleinreisende Kinder nicht neben alleinreisende Männer zu setzen, und die Kritik an einem Blogpost von Julia Schramm, die Kritik an dem Handeln von „vier männliche Weißeuropäern“ geäußert hat.

Dann war da noch diese Studie, zu der ich den Link leider nicht mehr finde, wonach sich (in den USA, glaub ich), Weiße und Männer mehr diskriminiert fühlen, als People of Color und Frauen (wenn ich es recht erinnere, vielleicht weiß jemand, wovon die Rede ist, und postet den Link in die Kommentare).

Tja, die Rede von der „umgedrehten Diskriminierung“ wird ja schon lange vorgebracht, sie gehört zum Standardrepertoire rassistischer und antifeministischer Diskurse. Meist ist sie ja schon sachlich falsch und damit könnte der Fall erledigt sein, mir ist aber noch ein anderer Aspekt wichtig, und zwar die inhaltliche Unsinnigkeit des Arguments (also selbst, wenn es stimmen würde).

Denn das Problem, worum es hierbei geht, ist nicht die pure Unterscheidung zwischen Frauen und Männern, Menschen  verschiedener ethnischer oder kultureller Zugehörigkeit und so weiter. Sondern das Problem ist die herrschaftsförmige Ausrichtung dieser Unterscheidung.

Um es am Beispiel Geschlecht deutlich zu machen: Das Problem ist nicht, dass es Frauen und Männer und womöglich weitere Geschlechter gibt, sondern dass sich ein Geschlecht, nämlich das männliche, zur Norm gesetzt hat. Wenn wir die verkorksten Geschlechterverhältnisse auf dieser Welt, die wir bei unserer Geburt schon vorgefunden haben (und in die wir qua Geschlechtzuordnung persönlich unweigerlich involviert sind), sinnvoll verbessern möchten, geht es also darum, diese Sich-Zur-Normsetzung des Männlichen zu kritisieren und zu untergraben.

Deshalb ist die Rede von der „umgekehrten Diskriminierung“ für sich genommen kein sinnvolles Argument: Kein anderes Geschlecht als das Männliche hat sich jemals zur Norm gesetzt und den Anspruch erhoben, über die anderen Geschlechter zu herrschen. Und keine Bevölkerungsgruppe hat sich jemals mit Hinweis auf ihre Hautfarbe über andere Menschen erhoben außer die Weißen.

Diskriminierung gibt es immer, sie ist ein notwendiges gesellschaftliches Verfahren, was ich in einem früheren Blogpost schonmal genauer erläutert habe.

Die Frage, die jeweils zu verhandeln ist, ist also nicht: Ob Diskriminierung vorliegt? Sondern: Ob diese Art der Diskriminierung sinnvoll ist? Also – um einen möglichen und von mir gerne herangezogenen Maßstab zu nehmen – ob die jeweils in einem konkreten Fall getroffene Unterscheidung zwischen verschiedenen Gruppen von Menschen dabei hilft, die Herrschaft des Männlichen oder der Weißen zu verringern oder nicht.

Das ist unter Umständen kompliziert, es gibt in den meisten Fällen keine einfachen Antworten.

Nehmen wir zum Beispiel den Fall der Quantas: Wenn man Kinder – um sie vor sexuellen Belästigungen zu schützen – prinzipiell nur neben Frauen setzt, ist das klar eine Diskriminierung, denn die Erwachsenen werden qua Geschlecht unterschieden. Übrigens werden in diesem Fall beide „diskriminiert“, wenn man so will: Die Männer, weil sie nicht neben Kindern sitzen sollen, die Frauen, weil sie genötigt werden, neben Kindern zu sitzen.

Ist diese Diskriminierung nun eine sinnvolle Maßnahme oder nicht? Einerseits trägt sie natürlich dazu bei, Geschlechterstereotype zu verfestigen – also das Bild von den fürsorglichen Frauen und den gefährlichen Männern, was die Realität nur ziemlich verzerrt wiedergibt.

Andererseits ist es aber gar nicht so sehr an der Realität vorbei, wenn man bedenkt (diesen Hinweis verdanke ich einer Freundin, die lange bei der Quantas am Check-In gearbeitet hat), dass ein Großteil der alleinreisenden Männer in Flugzeugen von Deutschland nach Australien den Zwischenstopp Bankok zum Ziel haben und in aller Regel Sextouristen sind. Es handelt sich also bei diesen Passagieren um eine spezielle Gruppe von Männern, die mit höherer Wahrscheinlichkeit sexuell übergriffig wird als Männer generell.

Was daraus klar wird: Eine Diskussion um eine solche Maßnahme kann sich nicht darauf beschränken „Das ist aber ungerecht!“ zu rufen, sondern sie muss das dem zugrunde liegende Herrschaftsverhältnis, das damit bekämpft werden soll, aufgreifen und mit bearbeiten.

Das ist eine Aufgabe, der sich gerade auch die von einer konkreten Diskriminierung „betroffenen“ Männer oder Weißen stellen müssen, denn, ja: Dass andere ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe Privilegien nutzen, um andere Menschen auszubeuten, ist ein Problem, das auch sie persönlich betrifft.

Und zwar nicht nur, weil sie die komfortable und unverdiente Möglichkeit haben, sich netterweise dafür zu entscheiden, diese Privilegien nicht auszunutzen, sondern weil sie – und das ist nunmal notwendig, wenn diese Privilegien abgeschafft werden sollen – unter Umständen auch „Opfer“ einer umgekehrten Diskriminierung werden können. Wenn ihnen eine gerechtere Welt am Herzen liegt, müssten sie dafür eigentlich Verständnis haben.

Es bleibt ihnen ja unbenommen, bessere Lösungsvorschläge zu machen, sich also konstruktiv an dieser Aufgabe zu beteiligen.

Von der hohen Kunst, “Kackscheiße” zu sagen oder auch nicht

Haha, lustig. Malte Welding erklärt den Antirassist_innen und Feminist_innen, dass es für einen ernsthaften Diskurs nicht zuträglich ist, dem Gegenüber zu sagen, er oder sie produziere sexistische und rassistische “Kackscheiße”.

Foto: T. Michel/fotolia.com

Echt jetzt? Da wäre man ja von selber gar nicht drauf gekommen.

Nadia Shehadeh hat schon eine Erwiderung darauf geschrieben, in der sie den überheblichen Gestus, der Weldings Ermahnungen zugrunde liegt, gut dekonstruiert (und btw damit zeigt, dass Überheblichkeit auch nicht gerade ein gutes Stilmittel ist, um das Gegenüber von irgendwas zu überzeugen).

Aber ganz davon abgesehen geht Weldings Einwand natürlich vollkommen am Thema vorbei, weil “Kackscheiße” inzwischen das Mem geworden ist, mit dem in einem bestimmten Kontext gerade ausgedrückt werden soll, dass hier die Diskussion am Ende ist. Es ist gerade der Sinn dieses Wortes, genau diesen Schnitt und diesen Bruch anzuzeigen.

Wenn man also das Phänomen, dass dieses harsche Wort neuerdings in bestimmten Kontexten Verwendung findet, ernsthaft analysieren will, müsste man damit beginnen, verstehen zu wollen, warum hier Leute eine Grenze ziehen und somit markieren, dass sie nicht zur Diskussion bereit sind, und dann könnte man darüber reflektieren, ob diese Diskussionsverweigerung sinnvoll ist oder nicht.

Ich selber benutze den Begriff “Kackscheiße” selten oder nie, obwohl ich auch oft keinen Bock mehr aufs Diskutieren habe. Allerdings nicht aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten meines Gegenübers, sondern weil ich den Begriff “Scheiße” generell nicht mehr metaphorisch benutzen möchte. Ich bin nämlich zusammen mit meinen Denkfreundinnen beim Schreiben des “ABC des guten Lebens” zu der Einsicht gekommen, dass man viel öfter über Scheiße im realen Sinn sprechen müsste, und dass es dafür nicht gut ist, wenn das Wort eine Metapher für alles Böse und Schlechte ist.

Zurück aber zur eigentlich interessanten Frage: Wie steht es um die Notwendigkeit, Dinge zu vermitteln? (Auch das ist ein wichtiges Wort in unserem ABC.)

Richtig ist: Vermittlungen zu suchen ist die einzige Möglichkeit, Leute zu überzeugen und eine wirkliche politische Diskussion zu führen. Ihnen dabei “sexistische Kackscheiße” an den Kopf zu werfen, ist normalerweise kontraproduktiv.

Falsch ist: Dass wir alle verpflichtet sind, ständig und überall und mit allen Leute politische Diskussionen zu führen.

Und zwar nicht nur, weil wir müde sind, keinen Bock haben und so weiter, sondern aus einem viel wichtigeren Grund: Um eine echte Diskussion zu führen, ist es notwendig, eine Beziehung zum Gegenüber einzugehen. Mit manchen Menschen und in manchen Situationen ist das aber nicht möglich, oder es wäre zwar möglich, aber nicht sinnvoll.

Die Arbeit an Beziehungen war eine der wesentlichen feministischen Praktiken, die die Frauenbewegung in den 1970er Jahren erfunden hat. Sie stellte nicht politische Programme und Forderungen, sondern den Wunsch nach guten Beziehungen in den Mittelpunkt.

Gute Beziehungen, wohlgemerkt, nicht irgendwelche Beziehungen. Dass Frauen allzu häufig ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellen, um schlechte und schädliche Beziehungen aufrecht zu erhalten, hat die Frauenbewegung als Teil des Problems erkannt. Dass nicht jede Beziehung es Wert ist, aufrecht erhalten zu werden, ist am offensichtlichsten natürlich, wenn Gewalt im Spiel ist. Es gilt aber auch in anderen Fällen.

Zur politischen Praxis der Frauenbewegung gehörte es deshalb, sowohl bewusst Beziehungen zu anderen Frauen und feministischen Männern einzugehen, als auch – und das ist wichtig – Beziehungen aufzukündigen, in denen gutes Leben nicht möglich ist, weil sie von Gewalt und Macht dominiert sind und das Gegenüber nicht bereit ist, davon runterzukommen.

Eine sehr radikale Auswirkung davon war der Separatismus, also die Entscheidung, die politische Zusammenarbeit mit Männern generell aufzukündigen, wozu auch die Bewegung der “politischen Lesben” gehörte. Das war eine sehr wichtige Praxis, auch wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse uns inzwischen woanders hin gebracht haben und sie, wie jede Praxis, überdacht werden muss.

Inzwischen ist das Pendel aber vielleicht schon wieder ins Gegenteil umgeschlagen, und das Mantra “Der Feminismus muss Männer einbeziehen” wird für meinen Geschmack zuweilen etwas zu oft und laut und zu pauschal gesungen.

Vielleicht ist der zunehmende Wunsch, auch mal “Kackscheiße” zu sagen, also die Beziehung und die Diskussion aufzukündigen, ein Ausdruck davon, dass jetzt die Frage ansteht: Mit welchen Männern wollen wir zusammenarbeiten – und mit welchen nicht? Wobei, wohlgemerkt, “zusammenarbeiten” nicht bedeutet, dass man einer Meinung ist, sondern dass man sich gegenseitig als aufrichtigen Gesprächspartner, Gesprächspartnerin ernst nimmt.

Der Punkt ist doch, dass es  keine generellen Regeln gibt, an denen man sich im politischen Handeln orientieren kann. Die Kunst in der Politik besteht darin, in einer jeweiligen Situation dies oder jenes zu tun, das ist eben eine Sache der Praxis, der Erfahrungen, die gesammelt und reflektiert werden.

Es ist, in anderen Worten, die Kunst, mal “Kackscheiße” zu sagen (oder etwas anderes zu tun, um zu signalisieren, dass man jetzt und mit dieser Person nicht diskutieren, also sich nicht in eine Beziehung setzen möchte), und mal aber auch nicht.

Kein Bock mehr

Nachdem ich gerade diesen schönen Erklärbär-Artikel von Anatol Stefanowitsch gelesen habe, möchte ich dem Thema über die ermüdenden Auseinandersetzungen zur Frage “Ist Diskriminierung wirklich so schlimm oder warum versteht Ihr keine Witze” gerne noch einen Aspekt hinzufügen, der mir seit einer Weile im Kopf herumgeht.

Und zwar die Ermüdungserscheinungen, die ich in letzter Zeit immer häufiger nicht nur an mir, sondern unter vielen Feministinnen meiner Generation (also der schon etwas Älteren) beobachte. Vielleicht interessiert es ja jemanden, zu erfahren, dass wir längst keinen Bock mehr haben, ständig die Ruferinnen in der Wüste zu sein.

Denn es ist ja nicht so, dass die Kritik an diskriminierenden Strukturen und Stereotypen gerade vorgestern erfunden wurde. Ich kann mich dran erinnern, wie prickelnd und begeisternd es für mich in den 1980er Jahren noch war, als uns das alles erstmals klar wurde. Wie begeistert ich war, dass mir feministische Analysen ermöglichten, Strukturen zu durchschauen, Mechanismen zu verstehen, neue Perspektiven zu finden.

Inzwischen ist mir das alles selbstverständlich, es kann alles nachgelesen und herbeigegoogelt werden. Und ich bin wirklich genervt davon, die Debatten immer wieder bei Adam und Eva beginnen zu müssen.

Stoffel am Samstag im Güntersburgpark. “Entzückend schöne Frauen” sammelten die Spenden, my ass.

Und nicht nur ich. Neulich saß ich mit einer Bekannten beim Kaffee, die ebenfalls seit über zwanzig Jahren feministische Aktivistin ist. Und sie empfand das ganz ähnlich wie ich. Es ist einfach nervig, immer die einzige zu sein, die in Sitzungen auf inklusiver Sprache besteht, zum Beispiel. “Ich hab da keinen Bock mehr drauf”, sagte sie. “Bevor ich mich dauernd mit irgendwem rumstreite, gehe ich doch lieber ins Kino.”

Nur mal so ein Beispiel: Am Samstag war ich beim Stoffel, das ist ein eigentlich sehr nettes Freiluftfestival, das es sommers immer in Frankfurt gibt. Bühne, Musik, gute Laune, kostet nicht mal Eintritt. Aber es werden Spenden gesammelt. Und zwar, wie uns so ein angestrengt lustiger Schnösel von der Bühne herunter ankündigte, von “entzückend schönen Frauen”, die mit entsprechenden Beuteln gleich durchs Publikum gehen würden.

Das ist so eine Situation: Soll ich mich aufregen? Es nützt ja nichts. Ist doch nur witzig gemeint. Ist ja nicht so wichtig. Wahrscheinlich hat er nicht richtig nachgedacht. Schwamm drüber.

Ja, ich habe mich aufgeregt, aber fast mehr noch habe ich mich darüber aufgeregt, dass ich mich aufgeregt habe. Denn ich habe keine Lust mehr, ständig die Genderpolizei zu spielen. Es ist doch nicht MEIN Problem, wenn Ihr eure Kinder mit dummen Stereotypen vollpumpt (es waren viele Eltern mit kleinen Kindern da). Es ist doch nicht MEIN Problem, wenn Männer und Frauen ihre Energie mit Klischeeerfüllungsanstrengungen verschwenden, anstatt was Sinnvolles zu tun. Immer stärker wird in mir der Impuls zu sagen: Bleibt halt einfach dumm.

Was mich also so nervt  (und ich glaube eben, es geht nicht nur mir so) ist NICHT, dass manche Menschen andere Meinungen haben als ich, ich gehe keiner ernsthaften Diskussion aus dem Weg. Was mich nervt ist, dass in den Debatten dauernd der Eindruck erweckt wird, wir Feministinnen würden Interessenspolitik und Frauenlobbyismus betreiben, es ginge uns vor allem um uns selbst.

NEIN, ES GEHT NICHT UM MICH. Mir persönlich, danke schön, geht es gut. Ich habe persönlich überhaupt kein Problem mit männlicher Sprache und nicht mal mit sexistischer Kackscheiße wie rosa Lego oder Mädchen-Überraschungseiern. Das geht mir vollkommen hinten vorbei.

In meiner Welt gibt es genug interessante Dinge, interessante Menschen, mit denen ich sehr gut beschäftigt bin. Es fällt mir überhaupt nicht schwer, Leute, die bis heute nicht die minimalsten Grundkenntnisse davon haben, was feministische Reflektion in den vergangenen vierzig Jahren an Erkenntnisfortschritten gebracht hat, einfach zu ignorieren. Ich halte sie schlicht für ein bisschen dumm und gehe ihnen aus dem Weg.

Aber es geht eben nicht um mich. Es geht darum, in welcher Welt wir leben wollen.

Parteipolitik, Lobbyismus, kommerzieller Journalismus – that’s why nix funktioniert

Beim Frühstück las ich die taz von gestern und darin einen Artikel über familien- und ehebezogene Sozialleistungen. Für erstere gibt der Staat im Jahr 123 Milliarden, für letztere 73 Milliarden aus (überwiegend Ehegattensplitting). Das ganze System ist der helle Wahnsinn. Es gibt 152 verschiedene familienpolitische Leistungen, und kein Mensch weiß, wie dieser ganze Wust an Bestimmungen sich überhaupt auswirkt – ein entsprechendes Gutachten ist schon lange angekündigt, wird aber irgendwie nicht fertig.

Also: Es wird viel Geld unnütz verschleudert, während die meisten Familien doch selbst sehen müssen, wo sie bleiben. Das Ganze wäre für mich kein Thema, wenn es hierbei bloß um verschiedene Meinungen und Ansichten gehen würde, nach dem Motto: Die einen sind für Ehegattensplitting, andere dagegen, man tauscht Argumente aus, stimmt ab, und macht dann das, wofür die Mehrheit ist. Da würde ich mich gegebenenfalls zwar ärgern, wenn die Mehrheit es anders sieht als ich selber, aber das wäre kein prinzipielles Problem. Denn so ist das eben im Leben, dass nicht alle meiner Meinung sind.

Nein, der Artikel hat mich aufgeregt, weil das derzeitige System für Familienförderung eigentlich von niemandem befürwortet wird. Es handelt sich also gar nicht um eine politische Meinungsverschiedenheit. Alle Parteien und alle Beteiligten wissen, dass das familienpolitische Leistungskuddelmuddel Unfug ist und man dringend eine Schneise hinein schlagen und sich irgend ein halbwegs sinnvolles Modell ausdenken müsste.

Der Punkt ist: Das ist im Rahmen unserer politischen Verfahrensweisen offenbar unmöglich. Die taz zitiert einen Politiker mit den Worten: “Die gesamte Sozialpolitik ist politisch vermint. Wer sich da an einer falschen Stelle meldet, der verliert ‘ne Wahl.”

(Mal ganz abgesehen von der Frage, was so schlimm daran ist, eine Wahl zu verlieren, wenn sich herausstellt, dass die eigenen Ideen eben nicht mehrheitsfähig sind)…

… sieht man hier auch, wo das Problem ist. Das Problem ist die Art und Weise, wie über diese Dinge öffentlich verhandelt wird. Wir haben Politik in Form von Machtpositionen organisiert, um die Parteien konkurrieren, die sich entsprechend gegeneinander profilieren müssen. Sie haben kein Interesse daran, gemeinsam zu vernünftigen und sinnvollen Entscheidungen zu kommen, sondern vor allem daran, sich gegenseitig schlecht zu machen, die anderen  zu diffamieren und in ein schlechtes Licht zu rücken.

Und wir haben den gesamten öffentlichen Bereich in Form des Lobbyismus organisiert, das heißt, sobald eine Politikerin oder ein Politiker einen Vorschlag zur Reform der familienpolitischen Sozialleistungen unterbreiten würde, meldeten sich die Verbände dieser und die Verbände jener zu Wort, und ihr Kriterium wäre NICHT, ob der Vorschlag von einem allgemeinen Standpunkt aus sinnvoll wäre, sondern einzig und allein, ob er ihnen und den Interessensgruppen, die sie repräsentieren, nützt (dann wären sie Feuer und Flamme dafür) oder ob er sie im Vergleich zu heute schlechter stellt (dann würden sie ihn als Untergang des Abendlandes verdammen).

Und schließlich haben wir auch noch die veröffentlichte Meinung der Bildzeitungen, Spiegels, HartaberFairs und all den Kram, die unter Berichterstattung verstehen würden, genau diese Lobbyismus-Ansichten und Politik-Schaukämpfe gegeneinander zu hetzen, für die eine oder andere Seite, entsprechend ihrer “Blattlinie”, Partei zu ergreifen und Stellung zu beziehen. Sie würden die Sachen aufbauschen, “pointieren”, und dabei hätten sie weder eine gute Lösung für das zugrunde liegende Problem im Sinn, und noch nicht einmal die Unterstützung für diese oder jene Interessensgruppe, sondern allein ihre Quote und damit ihren kommerziellen Erfolg.

Parteipolitik, Lobbyismus und kommerzieller Journalismus sind das Dreigespann, das heute wirkliche Politik – im Sinne von: gemeinsam Regeln für das gute Zusammenleben aller zu finden – aktiv verhindert und unmöglich macht.

Die absurde Zersplitterung familienpolitischer Leistungen, die man nicht mehr eingefangen bekommt, ist natürlich nur ein Beispiel für dieses Versagen. Auch die Europapolitik funktioniert aus genau diesem Grund nicht, weil die Länder alle ihre Nationalismuskarte spielen (Deutschland vorneweg).

Auch dazu gab es ein Beispiel in der gestrigen taz. Ulrike Herrmann kritisiert in ihrem Artikel, wie die deutschen Parteien auf ein Interview von Mario Monti, dem italienischen Premierminister, im Spiegel reagiert haben – nämlich genau in der bekannt bekloppten Weise, die ich oben beschrieben habe.

Allerdings macht sie ihnen daraus einen moralischen Vorwurf, sie appelliert an die Verantwortlichen, doch bitte nicht nationalistisch zu sein. Ich glaube aber, dass es sich hier um ein grundsätzliches Problem handelt, um einen systemimmanenten Mechanismus, und nicht um ein Problem des Missbrauchs, persönlicher Eitelkeiten oder negativer Einzelfälle. Es sind nicht die einzelnen Politiker, Lobbyistinnen oder Journalistinnen schuld, wenn sie bei diesem Theater mitspielen.

Trotzdem hat aber der und die Einzelne durch aus Handlungsspielraum. Niemand ist gezwungen, sich so zu verhalten. Auch nicht innerhalb des Systems, denn “Macht und Politik sind nicht dasselbe”, und es ist durchaus möglich, auch innerhalb der gegebenen Strukturen nach einer anderen Logik zu spielen.

Allerdings: Man muss sich darüber bewusst sein, dass man dort nach einer anderen Logik spielt. Man muss bereit sein, das Risiko der Niederlage einzugehen – dafür kann man dann aber auch mehr gewinnen als Wahlen. Man kann gewinnen, dass endlich wieder Politik gemacht wird, in der Sinnhaftigkeit und Allgemeinwohl etwas bedeuten. Man kann diese wirkliche Politik aber nur zurückgewinnen, wenn man sich von der Logik der Macht (nicht von den Orten der Macht!) fernhält.

Ich werde das Thema weiter verfolgen. Auch Simone Weil ist dabei noch immer meine Lehrerin. Über ihr “Manifest zur Abschaffung der politischen Parteien” habe ich ja schon gebloggt. Sie hat sich aber auch ausführlich mit dem Thema Pressefreiheit beschäftigt (die sie für falsch hält) – ein heikles Thema, aber ich werde es demnächst mal angehen.