Ich bin eine ideologische Feministin, und das ist auch gut so

Feminismus ist, wie inzwischen wohl alle mitbekommen haben, im Mainstream angekommen. Manchmal wird das kritisiert, weil der Feminismus damit auch kapitalistisch, angepasst, machtförmig, brav oder was weiß ich geworden sei. Mich hingegen stört das wenig. Alles andere wäre ja auch ein Wunder gewesen, und ich finde, ein radikaler Feminismus, also einer der Geschlechterverhältnisse von der Wurzel her neu und freiheitlich denken will, hat es leichter in einer Umgebung, in der Feminismus prinzipiell für etwas Gutes gehalten wird (zumindest von den Guten), als in einer, wo die Leute Feminismus für eine ganz skurrile Sache halten. Außerdem hat dieses Vordringen feministischer Grundideen in den Mainstream auch bewirkt, dass tatsächlich die Geschlechterdifferenz mehr als früher im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Theater, Museen, Universitäten, Bibliotheken, Bildungsstätten, Volkshochschulen und so weiter nehmen Themen in ihr Programm, in denen es um Frauen, weibliche Perspektiven, das Verhältnis der Geschlechter geht. Und das ist super. Allerdings ist es mir nun schon mehrmals begegnet, dass ich bei solchen Veranstaltungen

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Von wegen Gleichheit: Was eine Ehefrau von einem Ehemann unterscheidet

Mater semper certa est, hieß es im römischen Familienrecht, die Mutter ist immer sicher. Das bedeutete, dass diejenige Person, die ein Kind geboren hatte, automatisch auch die rechtliche Mutter dieses Kindes war. Die soziale Rolle der Elternschaft war demnach an den biologischen Prozess des Schwangerseins und Gebärens geknüpft. Und dieses Gesetz überlebte viele Jahrhunderte, es kam viel später genauso ins Bürgerliche Gesetzbuch Deutschlands und gilt selbst heute noch: Mutter ist die Person, die ein Kind geboren hat, laut geltendem Recht. Im Gegensatz dazu war die Vaterschaft im alten Rom nicht an eine biologische Verbindung geknüpft, sondern wurde sozusagen über Bande gespielt: pater est quem nuptiae demonstrant – Vater ist, wen die Ehe als solchen zeigt. Vaterschaft konstituierte sich also, anders als Mutterschaft, nicht über Biologie, sondern über soziale Verhältnisse: Die Ehe mit einer Mutter, nicht die Spermagabe, machte den rechtlichen Vater aus. Ob die Ehefrau das Sperma, mit dem sie schwanger wurde, von einem anderen Mann hatte, war für die

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Gender bei den Yoruba. Noch ein paar Überlegungen.

Im Nachklapp zu meinem aktuellen Text im 10 nach 8-Blog auf Zeit-Online über die Frage „Gibt es überhaupt Männer und Frauen?“ hat es noch einige Nachfragen und Anmerkungen zu dem darin angeführten Beispiel der präkolonialen Kultur der Yoruba in Nigeria gegeben. So wurde darauf hingewiesen, dass die Thesen von Oyèrónké Oyèwùmí keineswegs unumstritten sind. Bei Twitter wies mich jemand auf diesen Text von Tola Olu Pearce hin, auf Facebook jemand auf diesen Einwand von Bibi Bakare-Yusuf. Letztere argumentiert vor allem damit, dass die Abwesenheit der Kategorie „Gender“ auf der sprachlichen, also symbolischen Ebene nicht bedeutet, dass Frauen nicht benachteiligt und diskriminiert werden. Das ist bestimmt richtig, allerdings meine ich, dass diese Kritik die Thesen von Oyèwùmí auch nicht so recht trifft – zumindest nicht, soweit ich das nach diesem Abstract beurteilen kann, Pearces Buch habe ich ja nicht gelesen. Jedenfalls leugnet Oyèwùmí gar nicht, dass obinrin eine sozial niedrige Stellung haben, das steht explizit in ihrem Buch. Und sie behauptet

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Gibt es eigentlich schon ein Icon für "I told you so"?

„Die Zwanziger werden das Jahrzehnt, in dem die Demografie die Strukturen des Sozialstaats durchschüttelt. Nicht nur die Zahl der Rentner wächst enorm. Zugleich gibt es weniger Menschen in Deutschland, die zwischen 20 und 64 Jahre alt sind, die Erwerbsfähigen also, die Wohlstand schaffen und Steuern zahlen. Ihre Zahl schrumpft innerhalb von zehn Jahren um 3,8 Millionen. Dieser Verlust ist – rein statistisch – nur vergleichbar mit der Dezimierung einiger Weltkriegsjahrgänge.“ In den Dekadevorschauen (dieses Zitat ist aus dem Spiegel) wird derzeit viel über den anstehenden demografischen Wandel geschrieben. Der scheint jetzt plötzlich mit unvorhergesehener Wucht über Deutschland niederzukrachen. Ja, echt überraschend, wer konnte das ahnen! Ganz unbescheiden möchte ich dazu einmal anmerken, dass ich vor 13 Jahren ein Buch geschrieben habe, „Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels“. Dort steht drin, was man hätte tun können und müssen, damit die Veralterung der Gesellschaft, die natürlich auch damals schon vorhersehbar war, nicht in eine Katastrophe führt, sondern vielleicht sogar zu einer besseren

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Die einen haben einen Uterus, die anderen ein Gehirn

Hier gibt es einen interessanten Artikel des Historikers Philipp Sarasin zum Thema 250 Jahre Sexualität. Wie ich drüben auf piqd schon geschrieben habe, vertritt er die Ansicht, dass „Sexualität“ als Konzept erst vor rund 250 Jahren, nämlich mit Beginn der bürgerlichen Moderne, entstanden ist. Galt vorher der Geschlechtsakt in christlicher Tradition als etwas, von dem sich Menschen möglichst fernhalten sollten, als etwas tierisch-problematisches, das nur zum Zweck der Fortpflanzung in Kauf zu nehmen sei, bekam „die Sexualität“, wie das Phänomen nun genannt wurde, ab dem späten 18. Jahrhundert eine gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung zuerkannt. Diese Entwicklung diente allerdings nicht nur zur Befreiung von kirchlichen Zwängen, sondern auch zur Zementierung von Geschlechterstereotypen, insofern Erotik, Lust und Sextrieb als etwas galten, wodurch sich Frauen und Männer wesentlich unterscheiden. Im 20. Jahrhundert dann rückte Sexualität, ausgehend von Freud, noch weiter ins Zentrum des Menschseins vor, bis sie dann schließlich sogar zum Dreh- und Angelpunkt menschlicher Befreiung und Freiheit wurde. Heute widerum könnte das Zeitalter der

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Brace for Impact. Ein kleiner Mutlosigkeits-Rant.

Ich finde nach wie vor die Frage der strukturellen Ineffizienz der repräsentativen Demokratie eines der wichtigsten Themen der Zeit. Ein weiterer Baustein dabei ist das Phänomen der verzögerten Auswirkung von politischen Maßnahmen, die dazu führt, dass in dem Moment, wo die Gesellschaft ein Problem als dringlich erkennt, der Schaden bereits eingetroffen ist und eigentlich nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Klimawandel ist nur ein Beispiel: Hätte man auf das, was in den 1980ern bereits gewusst wurde, rational und vernünftig reagiert, wären die notwendigen Maßnahmen nicht sozial gravierend gewesen. Anderes Beispiel ist der Notstand in der Pflege und im zwischenmenschlichen „Kümmern“ generell. Hätte man irgendwie auf das reagiert, was Feministinnen vor zwanzig, dreißig Jahren zur notwendige Care Revolution gesagt haben, gäbe es heute das Problem nicht. In konkreteren Figuren: die unsägliche Idee der Fallpauschalen, deren katastrophale Auswirkungen heute erst sichtbar werden in Form von nicht mehr wirklich gut gewährleisteter Versorgung im Krankenhaus. Ebenso das Unterschätzen von rassistischem und rechtsnationalem Gedankengut, das

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Die Schuld der Menschenhändler. Die Schuld einer repressiven Familienideologie.

Hier ein krasser Bericht des Deutschlandfunks über Babyhandel in Nigeria. Junge Frauen werden dort entführt, vergewaltigt, damit sie schwanger werden, und die Babies dann verkauft, an kinderlose Paare in Nigeria oder im Ausland. Ich finde es allerdings zu kurz gegriffen, das Problem nur bei den skrupellosen Menschenhändlern zu sehen. In dem Bericht wird auch klar, dass diese Form der Versklavung von Menschen, die schwanger werden können, nur aufgrund einer repressiven Ideologie rund um das Thema Reproduktion überhaupt möglich ist: Kinderlosigkeit ist ein Stigma, Adoption aber auch nicht akzeptiert, Frauen, die außerhalb einer Ehe mit einem Mann schwanger werden, werden aus ihren Familien und der Gesellschaft ausgeschlossen, sodass manche von ihnen „freiwillig“ in diese Babyhandels-Häuser gehen. Ja, die Menschenhändler, die aus der Not von ungewollt Schwangeren und ungewollt Kinderlosen ein skrupelloses Geschäftsmodell machen, sind schuld. Ebenso schuld sind aber alle, die ein bestimmtes Familien- und Reproduktionsmodell als verbindlich für alle propagieren, die Schwangerschaften außerhalb von heterosexuellen Ehen bestrafen, die Abtreibungen verbieten,

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Feminismus auf 100 Seiten

Die Reclam-Reihe 100 Seiten mag ich sehr, ich mag das Konzept, sich einem Thema kurz und knackig zu nähern, gerne auch persönlich, und dabei gleichzeitig viele Hinweise da zu lassen, auf denen man weiterforschen kann. Jetzt ist ein Bändchen zum Feminismus erschienen –  lobenswerter Weise zusätzlich zu dem Bändchen über Emanzipation, das es schon gibt. Nicht viele Leute und schon gar nicht Verlage wissen ja, dass Feminismus und Emanzipation zwei ganz verschiedene Sachen sind! Autorin des Feminismus-Bandes ist Barbara Streidl, die mich vor kurzem erst für den Lila Podcast über das Schwangerwerdenkönnen interviewt hat. Feminismus auf nur hundert Seiten darzustellen ist natürlich der Wahnsinn. Tatsächlich ist die Fülle von Daten, Namen, Fakten manchmal arg dicht, und ich könnte mir vorstellen, dass es für Neueinsteiger*innen in das Thema sogar etwas zu viel ist. (Ich komm sogar auch drin vor :)) Trotzdem liest sich das aber nicht ermüdend, was vor allem am dialogischen Zugang liegt. Barbara erzählt von sich selbst und stellt den Leser*innen

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Tokarczuk oder Handke? Wie Political Correctness als Männerquote fungiert

Ich interessiere mich nicht wirklich für Nobelpreise, ich finde diese Zuspitzung von Qualität auf „einen Sieger“ nicht angemessen, in keinem Gebiet, aber erst recht nicht auf dem Gebiet der Literatur zum Beispiel. Nicht nur wegen dem Medien- und Kommerz-Zirkus, der auf solchen „Events“ zwangsläufig liegt, sondern auch, weil es ein symbolisch völlig falsches Framing setzt. Qualität ist kein objektiver Maßstab, sondern hängt von den jeweiligen Beziehungen ab, vom Begehren. Im ABC des guten Lebens schreiben wir dazu: Qualität ist etwas Unverfügbares, das entstehen kann, wenn Menschen, die sich an ihrem Begehren ausrichten, durch immer wieder neue Praktiken bemüht sind, Veränderungen zu erreichen, um dem näherkommen, was sie sich für ihr Leben und die gemeinsame Welt wünschen. Worüber Nobelpreise etwas aussagen ist nicht die Qualität der Werke der Geehrten, sondern der „Zeitgeist“, also das, was in einem diskursiven Hauptstrom jeweils als wichtig gilt und was nicht. Beim diesmaligen Literaturnobelpreis wurde im Vorfeld viel über die demografischen Kriterien diskutiert: Müssen es Frauen sein, müssen es Personen aus

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