Besondere Umstände, Episode 35 – Corona-Edition

Eva, Benni und ich haben endlich mal wieder gepodcastet – und zum ersten Mal haben wir uns dabei nicht gegenüber gesessen, sondern jede am eigenen Bildschirm. Nu ja, ging auch irgendwie, Thema war natürlich Corona. Aber hört selbst. Ebenfalls sehenswert (und im Podcast von Benni erwähnt) das Youtube Erklär-Video von MaiLab. Seht euch das an!

Warum war Hannah Arendt keine Feministin?

Im Radio RBB gab es vorgestern eine Sendung zu der Frage, warum Hannah Arendt keine Feministin war, hier könnt Ihr die hören. Darin sind auch einige O-Töne von mir, das Transkript des kompletten Interviews gibt es auch, ich stelle es hier in den Blog. In einem Vortrag zu Hannah Arendt sagten Sie, dass Sie überrascht bzw. enttäuscht seien, dass Hannah Arendt keine Feministin war. Warum haben Sie das von Ihr erwartet? Wahrscheinlich dachte ich, dass alle klugen Frauen Feministinnen sein müssten. Wie war Arendts Verhältnis zum Feminismus? Aus den wenigen Äußerungen, die es von ihr überhaupt zu dem Thema gibt, lässt sich schließen, dass sie nicht gerade ein großer Fan der Frauenemanzipationsbewegung war. Zum Beispiel sagt sie in dem berühmten Interview mit Günter Gaus im ZDF, dass sie der Meinung ist, dass es einer Frau nicht steht, wenn sie Befehle erteilt. Das fand ich beim ersten Mal Hören schockierend – wir haben uns ja inzwischen völlig daran gewöhnt, dass Frauen

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Gab es in der Steinzeit schon Frauen und Männer?

Heute sah ich diese interessante Arte-Dokumentation mit dem etwas merkwürdigen Titel „Geschlechterkonflikt – Frauenbilder der Geschichte“: Sehr empfehlenswert, schaut sie euch dieser Tage an, sie ist nur noch bis zum 5. April in der Mediathek verfügbar! Es geht dabei um neue archäologische Erkenntnisse über die Geschlechterverhältnisse in der Steinzeit und im Neolithikum. Im 19. Jahrhundert haben ja bekanntlich bürgerliche männliche Forscher aus Europa mehr oder weniger alle Funde aus früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden (Höhlenmalereien, Grabbeigaben, Figurinen und so weiter) durch die Brille ihrer eigenen normativen Geschlechterordnung interpretiert. Ein Skelett mit Waffe im Grab musste männlich sein, weil Frauen tragen ja keine Waffen. Feministische Kritikerinnen haben schon seit den 1970er Jahren diesen unwissenschaftlichen Blick kritisiert, und inzwischen lässt auch wissenschaftlich beweisen, dass die Wahrheit ganz anders aussah: Die Person in dem prächtigen Wikingergrab war eine Frau, viele Höhlenmalereien stammen von Frauen und so weiter. Generell scheint in der Steinzeit „Geschlechteregalität“ geherrscht zu haben: Frauen und Männer haben dasselbe gegessen, wurden in

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Männer sprechen über Feminismus und das ist okay

Per Zufall bin ich jetzt erst auf eine (schon etwas ältere) Folge des Podcasts „Deconstructing Comics“ gestoßen, in der zwei Dudes unsere „Kleine Geschichte des Feminismus“ besprechen, die ja in zwischen u.a. auch auf englisch übersetzt wurde. Hört es euch an, es ist eigentlich sehr lustig (los geht es so ab Minute 5). Am Schluss diskutieren die beiden darüber, dass sie es ein bisschen weird fänden, so als zwei Männer und ohne eine Frau dabei einen Comic über Feminismus zu besprechen. Das wiederum fand ich nun ein merkwürdig, denn genau das ist doch super: Wenn Männer sich mit Feminismus beschäftigen, wenn sie ihre eigene Rolle dabei reflektieren, Neues lernen und so weiter. Es ist dafür überhaupt nicht notwendig, dass Frauen oder Feministinnen dabei sind. Deshalb hier nochmal ausdrücklich: Nein, liebe Männer, es ist überhaupt kein Problem, wenn Ihr euch ohne Beteiligung von Frauen mit feministischen Themen auseinandersetzt. Bitte macht das, macht das sogar oft, lest feministische Bücher was das Zeug

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China, Europa, USA und das Coronavirus

Meine These: Die disruptiven Folgen des Coronavirus werden für Europa am Schlimmsten sein. In China hatten sie zwei Monate Schocktherapie, das Virus wurde dadurch recht effektiv an der Ausbreitung gehindert, nach und nach geht alles Back to normal, außer dass es jetzt zwei Wochen Quarantäne gibt für alle, die dort einreisen wollen (Wie lange? Vielleicht bis ein Impfstoff gefunden ist). In USA passiert das gegenteilige Szenario. Dort gibt es gibt überhaupt keine Versuche, das Virus einzudämmen, es gibt auch kaum Tests oder medizinische Anstrengungen, weil die Leute gar keine Krankenversicherung haben und vielen auch mit Erkältungssymptomen gar nichts anderes übrig bleibt, als arbeiten zugehen. Das heißt, mehr oder weniger alle stecken sich an. Aber das ist für das System dort nicht disruptiv, sondern es funktioniert so schon immer: Die Armen sterben, die Reichen kaufen sich einen Platz am Beatmungsgerät, die Relevanz des Themas wird kleingeredet, Business as usual. In Europa hingegen gibt es eine Mischung aus beiden Logiken. Weder haben

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Rue Virginie Barbet in Genf

Aus Genf wurde mir gerade folgendes Foto zugeschickt: Dort gibt es jetzt eine Rue Virginie Barbet! – Die Benennung erfolgte im Rahmen der Aktion 100elles.ch, bei der 100 Straßen in Genf nach Frauen benannt wurden! Virginie Barbet war eine der vier Frauen in der Ersten Internationale, über die ich 1999 meine Dissertation geschrieben habe. Das Kapitel über sie wurde später von einem kleinen anarchistischen Verlag ins Französische übersetzt und als Büchlein herausgebracht, und dieses wiederum wird jetzt in dem Begleittext zur Aktion 100elles.ch als Quelle angegeben. Nun sage noch jemand, wissenschaftliches Arbeiten wäre „nur akademisch“, ha! Update: Gerade ruft mir auf Twitter jemand zu, dass die Aktion nur temporär ist und die Schilder im Juni 2020 wieder ab kommen. Wie blöd ist das denn! Virginie Barbet auf der Seite 100elles Ein Text von mir über Virginie Barbet

Wirtschaft ist Care, aber Care ist mehr als Wirtschaft

Heute ist Equal Care Day, gestern Abend schon gab es dazu im Frankfurter Mousonturm eine Auftaktveranstaltung, organisiert von Beate Wörner vom Frauenreferat der Stadt, unter dem Titel „Sie nennen es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit“. Wir hörten einen Ausschnitt aus dem grandiosen Hörspiel „Who Cares“ des Künstlerinnenkollektivs Swoosh Lieu, das ihr euch hier auch in voller Länge runterladen könnt, Katharina Pelosi von Swoosh erzählte von den Hintergründen des Stücks. Swoosh Lieu sind übrigens Anfang April mit einem neuen Stück wieder im Mousonturm, es heißt Dea Ex Machina und handelt von feministischen Utopien! Gestern Abend gab es außerdem einen kleinen Input von mir zum gegenwärtigen Stand des Care-Aktivismus. Vorab dazu habe ich einige Gedanken aufgeschrieben, den Text dokumentiere ich hier im Blog. Gesagt habe ich dann zu einem großen Teil doch was anderes, aber ist ja egal 🙂 Also: Feministinnen haben Care-Arbeit schon lange thematisiert, spätestens seit den 1970er Jahren. Sie kritisierten die Unsichtbarmachung des Füreinander Sorgens in den gängigen

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Ich bin eine ideologische Feministin, und das ist auch gut so

Feminismus ist, wie inzwischen wohl alle mitbekommen haben, im Mainstream angekommen. Manchmal wird das kritisiert, weil der Feminismus damit auch kapitalistisch, angepasst, machtförmig, brav oder was weiß ich geworden sei. Mich hingegen stört das wenig. Alles andere wäre ja auch ein Wunder gewesen, und ich finde, ein radikaler Feminismus, also einer der Geschlechterverhältnisse von der Wurzel her neu und freiheitlich denken will, hat es leichter in einer Umgebung, in der Feminismus prinzipiell für etwas Gutes gehalten wird (zumindest von den Guten), als in einer, wo die Leute Feminismus für eine ganz skurrile Sache halten. Außerdem hat dieses Vordringen feministischer Grundideen in den Mainstream auch bewirkt, dass tatsächlich die Geschlechterdifferenz mehr als früher im Fokus der Aufmerksamkeit steht. Theater, Museen, Universitäten, Bibliotheken, Bildungsstätten, Volkshochschulen und so weiter nehmen Themen in ihr Programm, in denen es um Frauen, weibliche Perspektiven, das Verhältnis der Geschlechter geht. Und das ist super. Allerdings ist es mir nun schon mehrmals begegnet, dass ich bei solchen Veranstaltungen

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Von wegen Gleichheit: Was eine Ehefrau von einem Ehemann unterscheidet

Mater semper certa est, hieß es im römischen Familienrecht, die Mutter ist immer sicher. Das bedeutete, dass diejenige Person, die ein Kind geboren hatte, automatisch auch die rechtliche Mutter dieses Kindes war. Die soziale Rolle der Elternschaft war demnach an den biologischen Prozess des Schwangerseins und Gebärens geknüpft. Und dieses Gesetz überlebte viele Jahrhunderte, es kam viel später genauso ins Bürgerliche Gesetzbuch Deutschlands und gilt selbst heute noch: Mutter ist die Person, die ein Kind geboren hat, laut geltendem Recht. Im Gegensatz dazu war die Vaterschaft im alten Rom nicht an eine biologische Verbindung geknüpft, sondern wurde sozusagen über Bande gespielt: pater est quem nuptiae demonstrant – Vater ist, wen die Ehe als solchen zeigt. Vaterschaft konstituierte sich also, anders als Mutterschaft, nicht über Biologie, sondern über soziale Verhältnisse: Die Ehe mit einer Mutter, nicht die Spermagabe, machte den rechtlichen Vater aus. Ob die Ehefrau das Sperma, mit dem sie schwanger wurde, von einem anderen Mann hatte, war für die

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