Brace for Impact. Ein kleiner Mutlosigkeits-Rant.

Ich finde nach wie vor die Frage der strukturellen Ineffizienz der repräsentativen Demokratie eines der wichtigsten Themen der Zeit. Ein weiterer Baustein dabei ist das Phänomen der verzögerten Auswirkung von politischen Maßnahmen, die dazu führt, dass in dem Moment, wo die Gesellschaft ein Problem als dringlich erkennt, der Schaden bereits eingetroffen ist und eigentlich nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Klimawandel ist nur ein Beispiel: Hätte man auf das, was in den 1980ern bereits gewusst wurde, rational und vernünftig reagiert, wären die notwendigen Maßnahmen nicht sozial gravierend gewesen. Anderes Beispiel ist der Notstand in der Pflege und im zwischenmenschlichen „Kümmern“ generell. Hätte man irgendwie auf das reagiert, was Feministinnen vor zwanzig, dreißig Jahren zur notwendige Care Revolution gesagt haben, gäbe es heute das Problem nicht. In konkreteren Figuren: die unsägliche Idee der Fallpauschalen, deren katastrophale Auswirkungen heute erst sichtbar werden in Form von nicht mehr wirklich gut gewährleisteter Versorgung im Krankenhaus. Ebenso das Unterschätzen von rassistischem und rechtsnationalem Gedankengut, das

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Die Schuld der Menschenhändler. Die Schuld einer repressiven Familienideologie.

Hier ein krasser Bericht des Deutschlandfunks über Babyhandel in Nigeria. Junge Frauen werden dort entführt, vergewaltigt, damit sie schwanger werden, und die Babies dann verkauft, an kinderlose Paare in Nigeria oder im Ausland. Ich finde es allerdings zu kurz gegriffen, das Problem nur bei den skrupellosen Menschenhändlern zu sehen. In dem Bericht wird auch klar, dass diese Form der Versklavung von Menschen, die schwanger werden können, nur aufgrund einer repressiven Ideologie rund um das Thema Reproduktion überhaupt möglich ist: Kinderlosigkeit ist ein Stigma, Adoption aber auch nicht akzeptiert, Frauen, die außerhalb einer Ehe mit einem Mann schwanger werden, werden aus ihren Familien und der Gesellschaft ausgeschlossen, sodass manche von ihnen „freiwillig“ in diese Babyhandels-Häuser gehen. Ja, die Menschenhändler, die aus der Not von ungewollt Schwangeren und ungewollt Kinderlosen ein skrupelloses Geschäftsmodell machen, sind schuld. Ebenso schuld sind aber alle, die ein bestimmtes Familien- und Reproduktionsmodell als verbindlich für alle propagieren, die Schwangerschaften außerhalb von heterosexuellen Ehen bestrafen, die Abtreibungen verbieten,

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Feminismus auf 100 Seiten

Die Reclam-Reihe 100 Seiten mag ich sehr, ich mag das Konzept, sich einem Thema kurz und knackig zu nähern, gerne auch persönlich, und dabei gleichzeitig viele Hinweise da zu lassen, auf denen man weiterforschen kann. Jetzt ist ein Bändchen zum Feminismus erschienen –  lobenswerter Weise zusätzlich zu dem Bändchen über Emanzipation, das es schon gibt. Nicht viele Leute und schon gar nicht Verlage wissen ja, dass Feminismus und Emanzipation zwei ganz verschiedene Sachen sind! Autorin des Feminismus-Bandes ist Barbara Streidl, die mich vor kurzem erst für den Lila Podcast über das Schwangerwerdenkönnen interviewt hat. Feminismus auf nur hundert Seiten darzustellen ist natürlich der Wahnsinn. Tatsächlich ist die Fülle von Daten, Namen, Fakten manchmal arg dicht, und ich könnte mir vorstellen, dass es für Neueinsteiger*innen in das Thema sogar etwas zu viel ist. (Ich komm sogar auch drin vor :)) Trotzdem liest sich das aber nicht ermüdend, was vor allem am dialogischen Zugang liegt. Barbara erzählt von sich selbst und stellt den Leser*innen

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Tokarczuk oder Handke? Wie Political Correctness als Männerquote fungiert

Ich interessiere mich nicht wirklich für Nobelpreise, ich finde diese Zuspitzung von Qualität auf „einen Sieger“ nicht angemessen, in keinem Gebiet, aber erst recht nicht auf dem Gebiet der Literatur zum Beispiel. Nicht nur wegen dem Medien- und Kommerz-Zirkus, der auf solchen „Events“ zwangsläufig liegt, sondern auch, weil es ein symbolisch völlig falsches Framing setzt. Qualität ist kein objektiver Maßstab, sondern hängt von den jeweiligen Beziehungen ab, vom Begehren. Im ABC des guten Lebens schreiben wir dazu: Qualität ist etwas Unverfügbares, das entstehen kann, wenn Menschen, die sich an ihrem Begehren ausrichten, durch immer wieder neue Praktiken bemüht sind, Veränderungen zu erreichen, um dem näherkommen, was sie sich für ihr Leben und die gemeinsame Welt wünschen. Worüber Nobelpreise etwas aussagen ist nicht die Qualität der Werke der Geehrten, sondern der „Zeitgeist“, also das, was in einem diskursiven Hauptstrom jeweils als wichtig gilt und was nicht. Beim diesmaligen Literaturnobelpreis wurde im Vorfeld viel über die demografischen Kriterien diskutiert: Müssen es Frauen sein, müssen es Personen aus

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Zwangssterilisationen an trans Personen als Unrecht anerkennen und entschädigen

Ein Aspekt, der mir in Zusammenhang der Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen wichtig geworden ist, ist die Erkenntnis, dass reproduktive Selbstbestimmung von Menschen, die schwanger werden können, nicht nur bedeutet, dass sie nicht gezwungen werden dürfen, eine Schwangerschaft zu Ende zu führen, sondern dass sie auch nicht an einer Schwangerschaft gehindert werden dürfen. Abtreibungsverbote sind moralisch verwerflich, weil sie einen Eingriff in das Menschenrecht Schwangerer auf körperliche Selbstbestimmung sind. Auch eine gesellschaftliche Behinderung von konkreten Abtreibungsmöglichkeiten – wie eine schlechte Versorgung mit entsprechenden Arztpraxen oder zu hohe Kosten – sind menschenrechtlich inakzeptabel, weil sie die körperliche Selbstbestimmung schwangerer Menschen missachten. Auf der anderen Seite ist es menschenrechtlich aber genauso verwerflich, Menschen mit Uterus daran zu hindern, schwanger zu werden, wenn sie das möchten. Und dieses Recht wird und wurde gesellschaftliche ebenso oft missachtet. Ein Beispiel ist das Transsexuellengesetz in Deutschland, dass bis 2011 nur dann die Möglichkeit einer juristischen Anerkennung des jeweiligen Geschlechts vorsah, wenn die betreffenden Personen sich sterilisieren ließen.

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„Diese östrogeninduzierte Unfähigkeit zur Logik macht mich rasend“

Nachdem mein Buch „Schwangerwerdenkönnen“ vorige Woche in den Buchhandel kam, gab es ein Interview dazu in Spiegel-Online, worüber ich mich sehr gefreut habe. Das gibt natürlich eine schöne Reichweite über die eigene Bubble hinaus. Leider aber auch hinein in die Szene der Frauen- und Feministinnenhasser. Einer dieser  hat sich in einem sehr länglichen Text mit diesem Interview auseinandergesetzt und dabei ein für dieses Genre so dermaßen idealtypisches Pamphlet geschaffen, dass ich ein paar Highlights hierhin kopiere (Achtung, Triggerwarnung, schlimm schlimm). Ich schwöre, ich hab es nur gekürzt und mir nicht ausgedacht. Um dort nicht noch für Traffic zu sorgen, setze ich keinen Link. Ich würde auch davon abraten, sich hinzugooglen.) Normalerweise ignoriere ich dieses Genre inzwischen, aber wenn ich davon erzähle, stelle ich immer wieder fest, dass viele Menschen sich tatsächlich keine Vorstellung davon machen, mit welchen Reaktionen zu rechnen ist, wenn man (zumal eine Frau) feministische Ansichten öffentlich vertritt. Dieser Text ist so typisch, dass er sich geradezu als

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Zu Fuß über die Alpen

Stell dir vor, du bist grade einen Berg hinaufgeklettert – nicht so ein Hügelchen wie es sie hier im Spessart gibt, sondern einen Berg, wie in „Alpen“ – setzt dich komplett erschöpft endlich für ein Päuschen hin. Und dann kippt ganz langsam dein Rucksack um, nach vorne, Richtung unten. Langsam genug, damit Du den Schreck schön auskosten kannst. Aber doch eben zu schnell, um ihn aufzufangen. Es sind solche kleinen Szenen, mit denen man beim Lesen dieses Büchleins fast den Eindruck bekommen kann, dabeizusein, wenn Verena Lettmayer die Alpen überquert. Man fiebert mit, bei der Frage wo schlafen, man freut sich mit, wenn es etwas Leckeres zu essen gibt, oder bei einer neuen Begegnung mit netten Menschen. Zu Fuß von Salzburg nach Triest laufen hört sich für mich, ehrlich gesagt, etwas wahnsinnig an, und wäre Verena nicht eine Freundin von mir, hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht gelesen. Aber ich hätte definitiv etwas verpasst. Sehr angenehm ist ihre Art, die

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Strandlektüre zum Thema Grundeinkommen

Ich gebe zu, dass ich lange sehr skeptisch gegenüber dem Projekt „Mein Grundeinkommen“ war. Finanziert aus privaten Spenden werden dabei Ein-Jahres-Grundeinkommen von 1000 Euro pro Monat verlost, also 12.000 Euro pro Gewinner*in. Ich hielt das für Effekthascherei, mich machte skeptisch, dass die Medien sich so darauf stürzten, obwohl es doch gar kein richtiges Grundeinkommen ist – denn ein richtiges Grundeinkommen, davon bin ich immer noch überzeugt, müssen ALLE bekommen und auch nicht nur für eine begrenzte Zeit. Aber dann saß ich voriges Jahr bei einem Kongress zufällig beim Abendessen neben Claudia Cornelsen, die zusammen mit dessen Erfinder Michael Bohmeyer eine der treibenden Kräfte hinter „Mein Grundeinkommen“ ist. Sie ist PR-Frau und auch Ghostwriterin von Götz Werner. Wir kamen ins Gespräch – und, was soll ich sagen, sie steckte mich mit ihrem Elan irgendwie an. Vor allem war mir sympathisch, wie konsequent sie die „Bedingungslosigkeit“ des Grundeinkommens ins Zentrum ihrer Argumentation stellte (und nicht, wie viele andere, die Höhe), denn genau

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Die Prinzessinnenlinie. Gedanken zur Gentrifizierung von Veranstaltungen.

Sammelmappe hat in ihrem Blog heute darüber geschrieben, warum sie nächstes Jahr nicht zu den Tagen der deutschsprachigen Literaur nach Klagenfurt fährt: Der Anstieg der Preise, der in keiner vernünftigen Relation mehr zum Anlass steht. Es gibt da so eine dünne Prinzessinnenlinie, die ich nicht überschreiten mag. Da könnt ihr euren Glitzer halt für Euch behalten. Ich hab keine Lust mich mit ins Land der unbeschränkten Geldströme abtreiben zu lassen. Auch bei der Re:publica ist es ihr schon so ergangen. Der Grund, den Preisanstieg irgendwann zu verweigern ist nicht, ob man das Geld hat. Sie wie ich wären schon in der Lage, diese Preis zu bezahlen, es sind ja keine regelmäßigen Ausgaben. Es geht ums Wollen. Auf Facebook schrieb sie noch: Auch vorher war ich mir darüber bewusst, dass die drei Tage ein Luxus sind. Faktisch kann ich nicht genau sagen, warum ich bis hierher akzeptiere, aber den nächsthöheren Preissprung nicht mehr. Ich vermute, es reicht, wenn es „nur so ein

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