Homosexualität verlernen? Gute Idee.

PSY-Cetin-2549-v03.inddMit sehr großem Interesse habe ich dieses Buch gelesen, in dem es um die Frage geht, wie sich der westliche Diskurs über Homosexualität mit Nationalismus und rassistischen Zuschreibungen an „Migrant_innen“ verbindet.

Mich hat das inzwischen Mainstream gewordene Verständnis, wonach Homosexualität eine gleichgeschlechtliche Kopie der bürgerlichen heterosexuellen Paarkonstruktion ist, noch nie wirklich überzeugt. Erstens weil ich glaube, dass aufgrund der unterschiedlichen Zugänge von schwulen, heterosexuellen und lesbischen Paaren zum Schwangerwerdenkönnen die Vergleichbarkeit an einem ganz zentralen Punkt aus rein körperlichen Gründen nicht gegeben ist, und zweitens, weil mir diese Parallelisierung auch aus politischen Gründen gar nicht wünschenswert erscheint, jedenfalls nicht für Frauen. Ich finde die in der Zweiten Frauenbewegung vertretene Sicht, wonach Lesbischsein in erster Linie eine persönliche und politische Lebensweise ist und keine Identität, fruchtbarer.

Umso interessanter nun hier zu lesen, dass man auch aus ganz anderen Ecken her zu ähnlichen Einschätzungen kommen kann. Heinz-Jürgen Voß beschreibt im ersten Teil des Buches, wie ein identitäres Homosexualitätskonzept im 19. und frühen 20. Jahrhundert von westlichen schwulen Männern entwickelt wurde, auch um sich – die „echten“ Homosexuellen – von den Männern in südlichen europäischen Ländern oder in kolonialisierten Ländern hierarchisch abzugrenzen, die lediglich auf irgend eine Weise Sex mit Männern haben, aber eben nach westlichen Maßstäben nicht wirklich homosexuell sind. Angesichts der gegenwärtigen Diskurse, in denen speziell türkischen jungen Männern eine besonders ausgeprägte Homophobie zugeschrieben wird, ist es aufschlussreich, dass am Anfang des 20. Jahrhunderts die Türkei ein Eldorado für westliche Schwule war, weil man sich dort nicht verstecken musste. Amüsant auch zu lesen, wie dann mit Hilfe westlicher Wissenschaftskonstrukte das ominöse homosexuelle Wesen, das bestimmte Menschen eben haben und andere nicht, versucht wurde, in körperlichen Markern zu vereindeutigen; in den Keimdrüsen oder in den Genen, je nachdem, was in der Biologie gerade Mode war.

Die enge Verbindung dieser westlichen Erfindung der Homosexualität mit rassistischen und nationalistischen Ideologien war mir neu. Sie ist in dem vorliegenden Buch vielleicht auch etwas zu stark gezeichnet, man müsste, sagt die politische Ideengeschichtlerin in mir, die entsprechenden Diskurse noch einmal in einem größeren Rahmen kontextualisieren, um sie entsprechend bewerten zu können. Aber unbedingt muss heutiger schwuler Aktivismus diese Schattenseiten der eigenen Geschichte reflektieren und tut er tatsächlich viel zu wenig.

Voß schlägt zudem generell vor, wir sollten Homosexualität wieder verlernen, und ich finde, das ist eine gute Idee. Denn durch die Konstruktion fester Identitäten und Schubladen (Hetero, Homo, Bi) bringen wir zum Beispiel Jugendliche in die Situation, dass sie sich irgendwo zuordnen müssen. Und diejenigen, die sexuelles Begehren zu Menschen ihres eigenen Geschlechts verspüren, werden gezwungen, sich als „Andere“ zu outen – zwar als inzwischen nicht mehr so doll wie früher diskriminierte Andere, aber eben doch. Völlig unnötiger Quark ist das.

Ebenfalls interessant fand ich die Überlegungen zur Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Die westliche Manie, alles „aufzudecken“ und „ans Licht zu bringen“ ist schon vielfach analysiert und kritisiert worden, und sie ist auch in Bezug auf gesellschaftliche Minderheiten wichtig. Denn „Sichtbarkeit“ ist eben nicht unbedingt ein Wert an sich, und manchmal ist sie auch eine Last, wie man an der derzeitigen Übersichtbarkeit muslimischer Menschen in Deutschland sieht.

Im zweiten Teil beschreibt Zülfukar Çetin, wie sich diese Diskurse heute in Berlin darstellen, wie sich antimuslimischer Rassismus und schwuler Lobbyismus miteinander verbinden, wie das Ganze Gentrifizierungsprozesse anstößt und emanzipatorische queere Bewegungen in den muslimischen oder migrantischen Communities unsichtbar macht oder behindert. Hier hätte ich mir manchmal eine stärkere Anknüpfung an die ideengeschichtlichen Grundlagen des ersten Teils gewünscht, da sich hier manches eher als Predigt zu den bereits Bekehrten liest, während die Vermittlung der Analyse etwas zu kurz kommt. Wer die Grundthese nicht ohnehin schon teilt, wird sich hiervon kaum überzeugen lassen.

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß: Schwule Sichtbarkeit – schwule Identität. Kritische Perspektiven. Psychosozial-Verlag, Gießen 2016, 146 Seiten, 19,90 Euro.

Warum weiße Frauen mehrheitlich Trump gewählt haben

Über die vielen Artikel, in denen sich darüber gewundert/ geärgert/ lustig gemacht wurde, dass weiße Frauen in den USA mehrheitlich Trump gewählt haben, muss ich nun doch noch ein Wort verlieren. Zumal aus der Tatsache allerlei Schlussfolgerungen abgeleitet wurden, wie zum Beispiel die, dass letztlich also der Feminismus an Trumps Sieg Schuld ist und sich nun endgültig diskreditiert hat (denn hätten die Feministinnen sich mit den wirklich wichtigen Dingen beschäftigt und die weißen Frauen nicht verschreckt…) oder dass weiße Frauen als feministische Bündnispartnerinnen nicht viel taugen (weil sie, wenn’s drauf ankommt, nur an sich selber denken).

Nun, hinter der Erwartung, weiße Frauen (oder, for that matter, irgendwelche Frauen) würden „für Frauen“ oder „für ihre Interessen“ oder „für Fraueninteressen“ oder was dergleichen abstimmen, steckt die inzwischen doch eigentlich längst als falsch erwiesene Vorstellung, „die Frauen“ wären eine ähnlich geartete Rubrik von Menschen wie „die Arbeiter“ oder „die Schwarzen“ oder „die Buddhistinnen“. Also eine partikulare Gruppe innerhalb der allumfassenden „Menschheit“, die sich durch gemeinsame Ideen, Werte, Kulturen, Interessen auszeichnen würde, die wiederum durch eine Partei mehr oder weniger gut vertreten werden können, sodass diese Partei dann eben die bevorzugte Wahl wäre, wenn denn alle nur vernünftig handelten.

Aber Frauen haben nicht qua Geschlecht gemeinsame Interessen, oder nur sehr sehr wenige. Die Idee, dass das so wäre, kommt daher, dass wir Frauenbewegung gelernt haben, analog zu Arbeiterbewegung zu sehen, und Sexismus analog zu Rassismus. Und natürlich gibt es Ähnlichkeiten, aber es gibt vor allem wesentliche Unterschiede.

Der Hauptunterschied ist der, dass die Geschlechterdifferenz keine unterschiedlichen Lebenswelten markiert. Es gibt keine „Frauenviertel“ oder „Männerstraßen“ (oder nur sehr punktuell und zeitweise), weil Frauen und Männer eben nicht getrennt voneinander leben, sondern in einem Haushalt, meistens schlafen sie sogar zusammen in einem Bett. Frauen und Männer essen dasselbe Essen, hören dieselbe Musik, benutzen dieselbe Sprache. Ihre jeweils unterschiedlichen Kulturen, von denen man durchaus sprechen kann, entwickeln sich nicht separat voneinander, sondern sind im Alltag in einem ständigen Austausch.

Die Geschlechterdifferenz funktioniert daher auf eine ganz andere Art und Weise als jede andere Art kultureller Differenz. Sie befindet sich im Alltag ständig in Konfrontation mit der anderen Kultur, es gibt nur sehr wenig „Eigenes“, und wenn, dann jedenfalls im klassischen heteronormativen Familienmodell noch mehr auf der Seite der Männer (im Beruf, im öffentlichen Raum) als der der Frauen. Dies ist besonders in westlichen Kulturen so, in anderen Regionen der Welt gibt es noch mehr Bereiche des Lebens, in denen Frauen und Männer jeweils „unter sich“ sind und in denen sie sozusagen eigenständige kulturell Formen entwickeln können. In der westlichen Welt hingegen ist das grundlegende soziale Organisationsmodell seit mindestens dem frühen 19. Jahrhundert die heteronormative Kleinfamilie, die sich um das Ehepaar aus je einem Mann und einer Frau gruppiert.

Es ist daher kein Wunder, dass sich Frauen nicht analog wie „Schwarze“ oder „Arbeiter“ als einheitliche Gruppierung verstehen, die sich über die Abgrenzung von der jeweils unterdrückerischen Gegenseite konstituiert. Aus diesem Grund lässt sich Feminismus auch nicht analog zu anderen Protestbewegungen organisieren. Das haben Feministinnen in den 1970er Jahren längst ausführlich analysiert. Einige haben sich genau deshalb aus heterosexuellen Paarbeziehungen verabschiedet und eine lesbische Lebensweise gewählt, nicht als Ausdruck individuellen sexuellen Begehrens, das nach bürgerlicher Anerkennung strebt, sondern als Ausdruck einer politischen Praxis, die den bürgerlichen Lebensformen, der Vereinzelung der Frauen in den Kleinfamilien, etwas entgegensetzt.

Freilich ist das keine Massenbewegung gewesen oder geworden. Die Mehrheit der Frauen verortet sich persönlich kulturell genau dort, wo ihre Community sich verortet. Also weiße Frauen in dieser US-Wahl eben bei Trump.

Hier sind wir auch beim zweiten Missverständnis: Dass der Feminismus nur dann erfolgreich ist, wenn er eine Mehrheit von Frauen hinter sich hat. Feminismus analysiert die Welt aus der Perspektive der weiblichen Freiheit, aber das kann er nicht „im Namen der Frauen“ tun. Der Versuch, „im Namen der Frauen“ zu sprechen, ist eine Art von Repräsentationspolitik, die mit Frauen nicht funktioniert.

Frauen haben keine gemeinsamen Interessen. Sie sind immer nur „unter anderem auch“ Frauen, in erster Linie sind sie das, was sie sonst noch so sind. Ihre Loyalität ist spontan erst einmal dort, wo ihre Lebenswelt ist: bei den Weißen oder den Schwarzen, bei den Armen oder den Reichen, und so weiter. Der Schritt dahin, die eigene Geschlechtszugehörigkeit so zu werten, dass daraus auch Konflikte mit den Männern der eigenen Community erwachsen, ist nichts Naturgegebenes, sondern ein Schritt, den jede Frau bewusst machen muss, wenn er passieren soll. Einige machen den mehr oder weniger, aber nie die Mehrheit.

Und deshalb ist es überhaupt nicht erklärungsbedürftig, dass Frauen und Männer in den USA je nach Community mehr oder weniger dasselbe gewählt haben.

Nicht ganz dasselbe übrigens, wie die Exit polls zeigen: Es gab durchaus ein Gender-Gap, so haben 52 Prozent der weißen Frauen, aber 62 Prozent der weißen Männer Trump gewählt. Wenn man das mit dem Gender-Gap der letzten Bundestagswahl vergleicht, war das geschlechtsbezogene Unterschiedlichwählen in den USA durchaus recht groß (nicht nur unter Weißen, sondern in allen Gruppen). Das heißt, die eindeutig geschlechtlich konnotierten Darstellungen von Trump und Clinton spielten durchaus eine Rolle. Bei den deutschen Bundestagswahlen waren die geschlechterbezogenen Differenzen viel geringer, am größten noch bei der um 5 Prozentpunkte größeren Zustimmung der Frauen für die CDU (wohl wegen Merkel).

Von daher: Aus dem Wahlverhalten der weißen Frauen in den USA kann man in Bezug auf den Feminismus genau überhaupt gar nichts ableiten. Es ist kein bisschen verwunderlich oder erklärungsbedürftig.

PS: Ganz dumm deshalb auch: In Frankreich wählen die Frauen Marine Le Pen. Nicht dass Ihr euch dann demnächst schon wieder wundern müsst.

Die Macht der Differenz

Nachdem ich neulich hier meine spontanen Gedanken zu Clintons Niederlage aufschrieb, hier noch mal eine geordnete Version in der Jungle World:

http://jungle-world.com/artikel/2016/46/55192.html

Und dann schrieb ich auf Zeit-Online noch, warum uns gar nichts anderes übrig bleibt, als mit Rechtspopulisten zu reden:

http://www.zeit.de/kultur/2016-11/populismus-fortschritt-emanzipation-gender-gap-10nach8

Was nun?

Hillary Clinton ist nicht Präsidentin von Amerika geworden, und was bedeutet das nun für unser Projekt (ich vereinnahme euch jetzt mal ganz dreist), als freie Frauen in der Welt mitzuwirken und sie unseren Vorstellungen vom guten Leben gemäß zu gestalten?

Barbara Streidl hat aufgeschrieben, warum Hillary Clinton auch „als Frau gescheitert ist“ (und nicht nur als „geschlechtsneutrale“ Politikerin). Und das stimmt meiner Meinung nach. Nicht nur, weil die Angriffe gegen sie offensichtlich sexistisch waren. Sondern meiner Ansicht nach ist sie auch mit ihrem Weg gescheitert, bei dem sie die Symbolfigur des Emanzipationsfeminismus der „zweiten Frauenbewegung“ war, nämlich durch Integration und Anpassung an den von Männern erfundenen und eingeübten Weisen des Politikmachens Einfluss zu bekommen.

Annarosa Buttarelli von den italienischen Diotima Philosophinnen hat ihren kurzen Kommentar in der Huffington Post (leider nur italienisch) „Hillary, eine Frau ohne Volk“ betitelt. Sie schreibt, die Parteien stünden heute vor der Alternative: entweder die Frauen oder das Volk. Tatsächlich hatte ich, nachdem ich von Trumps Sieg gehört hatte, kurz den Gedanken, dass es vielleicht falsch war, eine Frau aufzustellen, weil die Leute offensichtlich noch nicht so weit sind, eine Frau zu akzeptieren. Jedenfalls nicht, wenn diese Frau eigenständige Sachen macht und nicht nur das, was „das Volk“ hören will.

Es ist eine Haltung, die ich schon länger bei den Beiträgen von Frauen im öffentlichen Diskurs beobachte: Sie werden hoffiert, solange sie nützlich sind, aber wenn sie etwas sagen, das einem nicht passt, dann wird umso heftiger zurückgeschlagen. Hier habe ich das in Punkto Feminismus mal analysiert. Aber es stimmt auch in Punkto Frauen überhaupt. Und es stimmt auch für die Linken, die Clinton meiner Ansicht nach für ihre „nicht linken“ Positionen um ein Vielfaches heftiger kritisiert haben, als sie das bei einem Mann getan hätten. Eine Frau, die eine andere Meinung vertritt, das geht eben nicht. Das ist im Konzept der „Gleichstellung“ nicht vorgesehen.

Es ist natürlich toll, dass die Demokraten Clinton aufgestellt haben, aber ich könnte mir denken, wenn sie einen Mann aufgestellt hätten – nicht Bernie Sanders, ich glaube nicht, dass er Chancen gehabt hätte, aber einen „Hillarius Clinton“, der hätte gegen Trump gewonnen. Erschwerend kam ja auch noch dazu, dass zuvor acht Jahre lang ein Schwarzer Präsident gewesen war. Obama war im konservativen Milieu der USA auf eine solche Weise verhasst, dass sich das nur mit Rassismus erklären lässt. Diese acht Jahre aufgestauter Hass auf einen schwarzen Präsidenten, der dann noch nicht einmal richtige Fehler machte, und anschließend eine weibliche Kandidatin, die auch keine Fehler machte – das war zu viel. Ich bin felsenfest überzeugt, wäre Obama weiß gewesen und Clinton männlich und alle anderen Koordinaten identisch – dann wäre jetzt nicht Trump Präsident.

Und dass Trump jetzt Präsident ist, halte ich für eine Katastrophe ohne positiven Nebenaspekt, aber das Thema führt jetzt hier zu weit. (Hier könnt Ihr das teilweise in der Diskussion nachlesen). Jedenfalls habe ich mich gefragt, ob, um Trump zu verhindern, es den Preis wert gewesen wäre, auf einen Schwarzen und eine Frau zu verzichten? Okay, das ist jetzt WIRKLICH Pest oder Cholera.

Warum finde ich Trump so schrecklich, dass ich glaube, es wäre möglicherweise einen so hohen Preis wert gewesen, ihn zu verhindern? Weil sich mit ihm das politische Klima verändern wird und schon hat. Es werden jetzt Dinge sagbar, die unter Clinton nicht sagbar wären.  Wer Präsident eines Landes ist, entscheidet nicht über die Revolution, denn Präsidenten (bzw. Präsidentinnen) sind immer nur soweit wie der gesellschaftliche Mainstream. Sie gehen Veränderungen nicht voran, sondern hinterher.

Aber sie haben eine Bedeutung dafür, wie sich der Mainstream entwickelt. Dass Clinton in ihrer Concession Speach Mädchen Mut gemacht hat, sie könnten alles werden, ist ja bereits sehr vielsagend: Denn genau das ist jetzt offenbar nicht mehr selbstverständlich, es muss gesagt werden (das Selbstverständliche muss nicht gesagt werden). Wir werden jetzt wieder für Selbstverständlichkeiten und Minimaldinge kämpfen müssen, statt uns darauf konzentrieren zu können, weiter zu gehen. Wir werden nicht Clinton für all die Dinge kritisieren können, die man ihr zu Recht vorwerfen kann, sondern wir werden dafür kämpfen müssen, dass Arme nicht einfach auf der Straße verrecken, dass es nicht alle ganz normal finden, wenn Frauen geschlagen und vergewaltigt werden und so weiter. Mit der Wahl von Trump ist eine Verschiebung der symbolischen Ordnung geschehen.

Die Bedingungen des libertären und feministischen Aktivismus haben sich einfach grade sehr verschlechtert. Zunächst in den USA, aber ich fürchte, es wird sich auch in Europa ausbreiten. In den USA werden jetzt tausende Stellen mit entsprechenden Leuten besetzt. Rassistische und homophobe Lehrer werden es sehr viel leichter haben als bisher, weil wenn der Präsident sowas sagt, kann es doch nicht schlimm sein. Frauen in Gewaltbeziehungen werden es schwerer haben, sich zur Wehr zu setzen, die sollen sich nicht so anstellen, selbst der Präsident findet sowas doch gut. Migrantinnen werden viel leichter abgeschoben werden, was für jedes einzelne Schicksal schlimm ist. Die Rechtsextremen werden das Klima prägen, in den Medien, in den Schulen, im Kino. Das alles wäre unter Clinton anders. Und deshalb stimmt genau, was Judith Butler gesagt hat: Eine linke Opposition gegen Clinton hätte viel mehr Möglichkeiten, als unter Trump.

Ich hatte heute kurz den Gedankenblitz, dass der Umbruch vielleicht so groß ist, dass sogar die Tage von Marine Le Pen und Frauke Petry gezählt sind – als Frauen waren sie gut für eine Übergangszeit, weil sie rechtsextreme Politik im Gewand weiblicher Zivilisation präsentierten. Nach dem Motto: Wenn Frauen das gut finden, wird es wohl nicht so schlimm sein. Aber ich glaube, diese Bastion ist jetzt gebrochen. Trump hat gezeigt: Rechtspopulismus kann man auch im Westen mit Männern an der Spitze gewinnen. Dieses Privileg muss nicht mehr klassischen Patriarchen wie Putin oder Erdogan vorbehalten bleiben. Möglicherweise wird es bald gar nicht mehr von Vorteil sein, den Rechtspopulismus mit einem weiblichen Frontgesicht zu verschönern. Männerehrgeiz ist sexy, die Leute wählen Machotum, und dann nehmen sie lieber das virile Original als die weibliche Kopie.

Aus den Erfahrungen von Hillary Clinton und Angela Merkel können wir sehen, dass „emanzipierte“ Frauen in dem derzeitigen Politsystem nur Autorität haben, solange sie die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sobald sie Konflikte eingehen (wie zum Beispiel Merkel in der Flüchtlingsfrage) werden sie auf eine Weise demontiert, wie es Männern nie passieren würde. Und mir fällt keine Frau ein, die in diesem Geschäft perfekter wäre als Clinton und Merkel es sind. Das sind Super-Women, was Einsatz, Intelligenz, Fleiß usw. betrifft. Wenn die schon scheitern, haben wir „Normalos“ auf diesem Weg sowieso keine Chance.

Was können wir also tun?

Annarosa Buttarelli schlägt in ihrem Kommentar vor, beim Politikmachen konsequent von der weiblichen Differenz auszugehen. Die eigene politische Praxis ins Zentrum zu stellen und nicht den Wunsch, „bei den Männern mitzuspielen“. Sie glaubt, dass Frauen solche „radikalen“ Frauen dann wählen würden (wohingegen sie Frauen wie Clinton nicht wählen). Diesbezüglich bin ich mir nicht so sicher, vor allem bin ich skeptisch, was die Chancen betrifft, auf diese Weise als Frau in den bestehenden Parteien überhaupt jemals für irgend ein Amt nominiert zu werden. Zumal sich ja gezeigt hat, dass die weißen bürgerlichen Frauen gar nicht unbedingt an so einem Projekt interessiert sind. Ich fürchte, sie haben nicht gegen Hillary, sondern tatsächlich für Trump gewählt, zwar nicht so deutlich wie ihre Männer, aber eben doch.

Aber vielleicht könnten wir – also die radikalen Feministinnen – uns mit den anderen Anderen zusammentun. Gezielt die Beziehungen mit denen pflegen, die ebenfalls mit dem Demokratieprojekt, so wie es sich weiße bürgerliche Männer ausgedacht haben, weder „mitgemeint“ noch einverstanden sind. Die auch längst wissen, dass Integration und Anpassung keine echten Optionen sind, sondern nur Simulationen. Also eine intersektional agierende Bewegung aller möglichen „Nicht-Typen“, die die Differenz zu ihrem Motto macht. Vielleicht sowas ähnliches, wie Negri/Haardts „Multitude“, aber nicht als Theorie, sondern als Praxis, in Form einer Politik der Beziehungen. Und auch nicht als einfachen Zusammenschluss, sondern in Auseinandersetzung und Konflikt.

Das alles ist natürlich noch total schwammig, aber ich finde, das Nachdenken sollte in diese Richtung gehen. Jedenfalls könnten wir diese Option für den eigenen Aktivismus im Gedächtnis zu behalten, wenn der Frust uns überwältigt. Zumal wir ja überhaupt nicht bei Null anfangen müssen. Michaela Moser schrieb vorhin sehr zu recht auf Facebook: „Was mich auch grad sehr stört: Das Gerede, das niemand Lösungen gegen Trump & Co hat. Es geht nicht bloß drum, diese Typen zu „entzaubern“, die Verhältnisse gehören geändert! Und dazu gibts seit Jahrzehnten Vorschläge genug.“

Die gibt es. Es gibt Praktiken der Politik, feministische und andere, es gibt Erfahrungen mit Community-Building, mit Konsensfindung, mit Lernen und Forschen, mit Gerechtigkeit, mit Heilung, mit Kultur und so weiter, die jenseits der Welt der weißen bürgerlichen Männer funktionieren.

Die Italienerinnen haben vor Jahren mal ein Buch geschrieben mit dem Titel „Von der Abwesenheit profitieren“. Die Niederlage von Hillary Clinton könnte das Signal dafür sein, dass auch diejenigen von uns, die bisher noch versucht haben, durch Anpassung die Akzeptanz der „Meinungsmacher“ zu erkaufen, sich davon abwenden. Vielleicht entzieht es ihren Institutionen ja auch die Lebenskraft, wenn wir ihnen nicht mehr unsere Energie, unsere Kreativität, unsere Aufmerksamkeit und unsere Anerkennung schenken.

Hillary Clinton, der Feminismus und die Sozialgesetzgebung in den USA

Da ich momentan nicht so recht zum Bloggen komme, möchte ich hier wenigstens kurz einen Tipp festhalten.

Was Ihr unbedingt lesen solltet ist dieser exzellente Essay von Namara Smith über die komplizierte Geschichte der Sozialgesetzgebung in den USA und Hillary Clinton als eine der Protagonistinnen jener Richtung der Frauenbewegung, die Emanzipation ausschließlich über die Einbeziehung der Frauen in den Erwerbsarbeitsmarkt erreichen wollen. Differenziert wird aufgedröselt, wie die Sozialhilfegesetzgebung systematisch weiße vollerwerwerbstätige Männer bevorzugt (hat), dass sie inhärent rassistisch ist, und wie Bill Clintons Sozialhilfereform vor allem alleinerziehenden Müttern geschadet hat.

Und, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Genau bei diesem Thema hat Bernie Sanders kein bisschen bessere Antworten zu bieten als Hillary Clinton. Von Donald Trump sowieso ganz zu schwiegen.

Über diesen Link kann man den Essay auch hören

Trump, Obama, Emcke usw. – Besondere Umstände, Episode 24

Mit Benni und Eva habe ich heute morgen wieder gepodcastet, und zwar über

Donald Trump und die Faszination für ihn die Frage, ob das ein  Zeichen für das Ende des Patriarchats ist. Und was das mit der Demokratie zu tun hat. Wie man die retten kann. Nicht.
Die Reden von Michelle Obama und Carolin Emcke
Die Menschheitsgeschichte, das Recht auf Fortpflanzung und Ghostbusters

Hier ist der Link

Die Herren Strache etc. und das Ende des Patriarchats

strache

(Archivierungspost, nachdem dieser kleine Text drüben auf Facebook so viel diskutiert worden ist und demnach interessant zu sein scheint)

Das Plakat ist interessant, weil es ja tatsächlich von vielen Männern (nicht nur von Strache) als wahr empfunden wird.

Dass die objektive Realität messbar eine andere ist, weil ja weiße Männer unvergleichlich viel mehr Redezeit haben als andere Menschen, weil sie viel, viel seltener angeschrien, unterbrochen, beschimpft usw. werden als jede andere demografische Gruppe, weil im Gegenteil ja Menschen wie sie selbst es sind, die andere am allerhäufigsten anschreien, unterbrechen, beschimpfen (wie man in jedem Thread und in jeder Talkshow sieht) tut da nichts zur Sache.

Worum es geht ist nämlich tatsächlich „Entitlement“: Menschen reagieren emotional nicht einfach auf die realen Verhältnisse, sondern auf die Differenz zwischen den realen Verhältnissen und dem, worauf sie glauben, einen Anspruch zu haben. Und weiße, bürgerliche Männer glauben (so ist weiße Männlichkeit ja konstruiert), einen Anspruch darauf zu haben, dass sie nur von „Gleichrangigen“ kritisiert werden dürfen, nicht aber von „anderen“. Sie glauben, einen Anspruch darauf zu haben, dass ein Argument nicht als im öffentlichen Diskurs legitim gilt, solange sie es nicht verstehen und teilen. Sie empfinden es als übergriffig, wenn andere Menschen, auch noch solche, die „unter“ ihnen stehen, eine andere Meinung haben als sie und sich um ihre Meinung auch gar nicht scheren.

Die schlechte Nachricht: Diese Auseinandersetzung um gesellschaftliche Hegemonie wird nicht ohne Schmerzen abgehen. Und zwar eben tatsächlich Schmerzen auf Seiten derjenigen, die von den weißen bürgerlichen Männern jetzt als ihre Gegner_innen definiert werden, so wie die Frau auf dem Plakat: Denn da sie ja subjektiv das Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden, fühlen sie sich umso mehr berechtigt, jetzt ihrerseits zuzuschlagen. Ihre Gewalt ist reine Notwehr, sozusagen.

Die gute Nachricht: Es scheint sich tatsächlich etwas zu ändern. Denn während sie Emanzipation und Gleichstellung noch ignorieren konnten, weil sie dachten, das betrifft sie ja nicht, merken sie nun so langsam, dass es tatsächlich auch um sie geht. Dass die Welt, so wie sie sie sich bisher zurechtphantasiert haben, nicht die ganze Realität ist. Dass es da noch andere gibt, die ihren Platz behaupten.

Was wir hier erleben ist das Ende des Patriarchats. In einem intakten Patriarchat wäre so ein Plakat völlig undenkbar.