Zu Fuß über die Alpen

Stell dir vor, du bist grade einen Berg hinaufgeklettert – nicht so ein Hügelchen wie es sie hier im Spessart gibt, sondern einen Berg, wie in „Alpen“ – setzt dich komplett erschöpft endlich für ein Päuschen hin. Und dann kippt ganz langsam dein Rucksack um, nach vorne, Richtung unten. Langsam genug, damit Du den Schreck schön auskosten kannst. Aber doch eben zu schnell, um ihn aufzufangen. Es sind solche kleinen Szenen, mit denen man beim Lesen dieses Büchleins fast den Eindruck bekommen kann, dabeizusein, wenn Verena Lettmayer die Alpen überquert. Man fiebert mit, bei der Frage wo schlafen, man freut sich mit, wenn es etwas Leckeres zu essen gibt, oder bei einer neuen Begegnung mit netten Menschen. Zu Fuß von Salzburg nach Triest laufen hört sich für mich, ehrlich gesagt, etwas wahnsinnig an, und wäre Verena nicht eine Freundin von mir, hätte ich das Buch wahrscheinlich nicht gelesen. Aber ich hätte definitiv etwas verpasst. Sehr angenehm ist ihre Art, die

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Hic sunt leones. Oder: die Grenzen des Paradieses.

Ich denke aus gegebenem Anlass seit einer Weile über Grenzen nach und die Frage, welche ideengeschichtliche und symbolische Funktion sie haben. Wir sind heute oft versucht, das Vorhandensein von territorialen Grenzen für etwas Selbstverständliches und Naturgegebenes zu halten. Aber mir scheint die Idee, die Erde (die doch offensichtlich niemandem „gehört“, sondern Lebensraum aller ist) in Bereiche aufzuteilen und Linien zu ziehen, die bestimmte Menschen überschreiten dürfen und andere nicht, keinesfalls selbstverständlich. Es ist sogar eigentlich eine verrückte Idee, die gegen ein grundlegendes Gerechtigkeitsempfinden verstößt. Denn mit welchem Recht sollte ein Mensch einen anderen Menschen daran hindern dürfen, von hier nach dort zu gehen? Klar, zwischen dem Naturzustand und heute liegt eine Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Wie also führte die zu Grenzziehungen und der Vorstellung, diese seien legitim? In der gegenwärtigen Debatte wird diese Frage meist materialistisch beantwortet: mit Überlegungen zu Wirtschaft, Eigentum und dergleichen. Grenzen sollen Eigentum schützen, die „Wirtschaftsflüchtlinge“ kommen nach Europa, weil es hier mehr Wohlstand gibt. Ich denke aber, dass

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Wer sind die Bösen und woran erkennt man sie?

Ich kann „unsere“ Probleme mit der Versorgung von Flüchtlingen oder der Bedrohung durch den IS gerade nicht so wirklich in eine Relation bringen zu den sich zeitgleich abspielenden, aber um so Vieles dramatischeren Problemen, die durch kapitalistische Raffgier verursacht werden: speziell die Umweltkatastrophe am Rio Doce in Brasilien (mehrere Millionen Menschen ohne Trinkwasserversorgung und mit zerstörten Lebensgrundlagen – Video) oder durch die Brandstiftungen in Indonesien (500.000 Menschen mit Atemwegserkrankungen, riesige Flächen Urwald inklusive Tiere verbrannt). Dass gegen diese systematische, quasi routinemäßige Erzeugung von Elend und Leid etwas unternommen wird, ist leider sehr viel unwahrscheinlicher als dass der IS irgendwann besiegt wird. Und genau deshalb wäre es wichtig, dort „mitzuleiden“ und zu überlegen, ob sich irgend etwas tun lässt. Zumindest könnten wir diesen Ereignissen einen Teil unserer Aufmerksamkeit widmen. Ich weiß, dass es unsinnig ist, existenzielle Problemen gegeneinander aufzurechnen, weil jedes für sich absolut wichtig ist. Aber die Diskrepanz der Kategorien, unter denen zurzeit Dinge als „wichtig“ und „unwichtig“ einsortiert werden, ist für mich

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