Tarantinos Männlichkeit

Ich sag es gleich, ich bin ein Fan von Tarantino, und auch von seinem neuesten Film The Hateful Eight. Ich fand den besser als Django Unchained, dessen klares Gut gegen Böse mir nicht gefallen hat.

Tarantino zeigt in The Hateful Eight ein Kammerspiel über die zerstörerische Kraft des zu Ende gehenden Patriarchats. Auf die Idee brachte mich eine Bekannte, die sagte: Genau wie im wirklichen Leben ist die eigentliche Zivilisation, die dem Ganzen zugrunde liegt, im Film weitgehend unsichtbar, wird nur nebenbei erwähnt. Es ist die auf „Care“ gründende Umtriebigkeit des Alltagslebens, die sich in Maggie’s Haberdashery zeigt: ein Ort, wo gekocht, geputzt, geredet und gelacht wird, wo Feuer brennt und Kaffee auf dem Herd steht, wo Frauen und Männer, Schwarze und Weiße, Alte und Junge ihren Platz haben. Ein Ort mit Tischen und Stühlen, mit einem Dach über dem Kopf – und einem imposanten Bett in der Mitte (was für eine großartige Idee!).

Maggie und ihr Haberdashery (ein tolles Wort, ich hab’s gegoogelt, es heißt Kurzwarenladen) verkörpern genau das, was wir in unserem ABC des guten Lebens „Wirtinschaft“ nennen.

Maggie ist (Achtung, jetzt kommen Spoiler!) allerdings bereits tot, als der Film beginnt; die von ihr und ihrem „öffentlichen Haushalt“ verkörperte Zivilisation wird nur kurz in einer Rückblende gezeigt. Die „Hateful Eight“, die letzten Ausläufer eines ausgestorbenen Patriarchats beziehungsweise eher die marodierenden Brüder eines entfesselten Fratriarchats, sind gewaltsam eingedrungen. Wie grandios die filmische Idee, sie immer und immer wieder die Tür zum Haberdashery eintreten zu lassen, um sie dann jedes Mal wieder zu vernageln!

Der Film inszeniert detailreich, wie diese Typen über die von anderen wohnlich gemachte Welt herfallen und wie Parasiten von dem leben, was andere aufgebaut haben. Aufwändig wird zum Beispiel thematisiert, dass sie das Stew, das sie essen, nicht selbst gekocht haben, sondern es noch von Maggie stammt. Sie bringen nur vergifteten Kaffee zustande. Wundervoll auch, wie sie den alten Patriarchen – den General – noch gnädigerweise und zu ihren Bedingungen eine Weile im Lehnstuhl sitzen lassen, aber als es brenzlig wird, ist er der erste, der dran glauben muss. Das Ende des Patriarchats ist banal.

Besonders schön hat mir auch die Szene gefallen, wo der eine Typ von seiner Mutter erzählt, die er über Weihnachten besuchen will. Das ist gelogen, wie sich später herausstellt (und wir auch schon vermutet hatten), aber man spürt doch die hilflose Sehnsucht im Gespräch dieser beiden Männer: Sie wissen, was gut und richtig wäre, aber sie sind schon zu weit davon entfernt, und vermutlich auch zu feige, um es zu tun.

Das alles und noch viel mehr wird in liebevoll komponierten Dialogen wunderbar ausgearbeitet (allerdings weiß ich nicht, wie gut die Übersetzung ist, ich habe den Film auf Englisch gesehen). Erst gegen Ende des Films geht es dann so richtig mit tarantinteskem Splatter los, mir persönlich reichte das auch. Denn auch das ist angemessen: Die männliche Ordnung besteht nicht in erster Linie aus gewaltvollen Taten, sondern aus Worten. Und sie wird hier daher auch vor allem sprechend „dekonstruiert“, und zwar in genau den drei Säulen, auf die das untergehende Patriarchat sich stützte: Militarismus, Justiz und Rassismus. Übrig bleiben nur Kopfgeldjäger und Banditen, also letztlich der Kapitalismus.

Ich muss ehrlich sagen, dass mir sehr gut gefällt, wie Tarantino diese Geschichte inszeniert. Mir gefällt, dass auf der Seite der Zivilisation zwar mehr Frauen als Männer sind, und dass Schwarze Frauen dabei die maßgebliche Rolle spielen, denn so ist es ja auch. Aber es ist auch klar, dass das Angebot, zivilisiert zu leben und ein gemeinsames gutes Leben zu führen, für alle Menschen gilt. Und analog ist richtig, dass auf Seiten des zerstörerischen, parasitären Fratriarchats überwiegend Männer sind, aber eben nicht nur, denn auch Frauen „können genauso Banditen sein wie Männer“. Und wenn sie es, wie Daisy Domergue, richtig anstellen, wenn sie ordentlich einstecken und austeilen können, dann dürfen sie sogar „Führungspositionen übernehmen“.

Am Ende sind alle tot, und das konnte im Film auch gar nicht anders kommen, weil die Grundlagen der Zivilisation ja bereits zerstört waren, bevor die Geschichte überhaupt anfing. Aber wir, wir leben in einer Welt, in der das eine oder andere Haberdashery noch in Betrieb ist und funktioniert. Das ist die gute Nachricht.

PPS: Mir gefiel auch die Idee, einen Film über das Patriarchat zu machen, in dem (fast) die ganze Zeit nur gelabert wird:)

PS: Man ruft mir auf Twitter grade zu, es heiße DIE Haberdashery (die Haberdasherei). Aber irgendwie klingt das…

„Alle Frauen werden gebeten, sich von der Front zurückzuziehen“

Übermorgen läuft im Kino der Dokumentarfilm „Maidan“ von Sergei Loznitsa an (eine niederländisch-ukrainische Koproduktion), der sich mit den Protesten in Kiew im Winter 2013/2014 beschäftigt, die schließlich zum Sturz des damaligen Präsidenten führten.

839239Ich habe den Film schon vor einigen Wochen gesehen, und er hat mich ein bisschen ratlos zurückgelassen, was den Stand revolutionärer Bewegungen im 21. Jahrhundert angeht. Dabei ist er interessant gemacht, nämlich so, dass man den Eindruck hat, dabei zu sein. Es gibt keine großartige Dramaturgie oder Kameraführung, sondern die Kamera steht immer für längere Zeit fix an einem Punkt und filmt ab, was vor ihr passiert: Leute, die vorbeilaufen und irgendwelche Dinge tun. Es sind verschiedene Stellen am Maidan-Platz, von denen gefilmt wird, die Bühne natürlich, aber auch Nebenstraßen, Schulen, in denen Aktivist_innen sich versammeln, die Küche, und so weiter. An verschiedenen Tagen über den ganzen Zeitraum der dortigen Proteste.

Ist es ein nationalistischer Propagandafilm oder ein Dokument sozialrevolutionärer Proteste? Das lässt sich erstaunlicherweise nicht so richtig sagen, denn die Symbolik vermischt und überlappt sich. Revolutionsansagen gegen „die da oben“, solidarische Proteste und Blockaden sowie eine Ästhetik, wie man sie auch bei Blockupy sieht, stehen neben strammstehendem Absingen der ukrainischen Nationalhymne (man hört sie im Film satte vier Mal in voller Länge, sie hat übrigens eine schöne Melodie), redenschwingenden Popen und einem Präsidenten in Spe, der auf der Bühne Kinder herzt.

Es gab einen Punkt in dem Film, wo diese Anspannung des „Wie soll ich das denn jetzt finden?“ von mir abfiel, und zwar, als es zum gewalttätigen Aufeinandertreffen zwischen Polizei und Protestierenden kommt und aus den Maidan-Lautsprechern die Aufforderung erfolgt: „Alle Frauen werden gebeten, sich von der Front zurückzuziehen.“ Ja, das machte ich dann mal und sank etwas entspannter in meinen Kinosessel.

Gewissermaßen von außen betrachtend, als eine, die ohnehin nur so halb beteiligt sein kann_soll_will_darf, kam ich zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich einfach keine eindeutige Weise gibt, diesen Film zu lesen: Er ist tatsächlich gleichzeitig ein Lob auf revolutionäre Proteste und eine Karikatur davon. Jedenfalls mit meinen Augen betrachtet ist das so. Ich weiß nicht, ob ich diese revoltierenden Leute, die da zu sehen sind, für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit bewundern oder wegen ihrer Lächerlichkeit auslachen soll. Ich weiß nicht, ob eine solche „revolutionäre Dynamik“ mir Hoffnung macht oder Angst.

Letzten Endes weiß ich nicht, ob der Film ironisch gemeint ist oder ernst. Und damit ist er eigentlich sehr typisch für einen Großteil dessen, was heutzutage unter dem Label „Politik“ geschieht. Ob revolutionär oder nicht.

Im Trailer kommt übrigens ganz gut rüber, was ich meine. Interessanterweise haben sie sogar das Zitat mit den Frauen rausgesucht, obwohl es im Film selber nur eine ziemliche Nebensächlichkeit ist. Ich habe aber den Eindruck, es soll im Trailer etwas anderes belegen als bei mir, nämlich nicht die latente Männlichkeit des Geschehens, sondern die wirklich Ernsthaftigkeit der Sache. Das wissen wir ja, nech: So richtig zur Sache gehen kann es erst, wenn die Frauen weg sind. (Ihr könnt ja mal raten, ob ich das jetzt ironisch meine oder nicht.)

Rope of Solidarity – ein Film über Brustkrebs und Bergsteigen

Brustkrebs und Bergsteigen – es dürfte schwierig sein, zwei Themen zu finden, die mich weniger interessieren, mit denen ich weniger persönliche Emotionen oder Erfahrungen verbinde. Ehrlich gesagt habe ich mir den Film nur angeschaut, weil die Regisseurin, Gabriele Schärer, eine politische Freundin ist und vor elf Jahren einen wunderbaren Film über „Die schönste Revolution des 20. Jahrhunderts“ gedreht hat: „Sottosopra“ (die schönste Revolution war natürlich der Feminismus).

Nun also einen über hundert von Brustkrebs betroffene Frauen, die gemeinsam einen Berg besteigen – okaaaay.

Umso mehr wunderte ich mich, wie sehr mich der Film in den Bann zog. Dabei ist er ganz simpel gemacht. Die Kamera zeigt die Gruppe, wie sie sich in Zermatt trifft, sich von einem Bergsteiger erklären lässt, wie man einen Berg besteigt, am nächsten Morgen loszieht, großartiges Bergpanorama inklusive diverser Widrigkeiten. Dazwischengeschnitten sind Interviews mit 15 der Frauen, die von ihrer Geschichte erzählen, davon, wie sie mit der Diagnose konfrontiert worden sind, was sie dabei erlebt haben, wie sie damit umgegangen sind, welche Schwierigkeiten sie hatten, was die Krankheit in ihrem Leben verändert hat und was nicht.

Das hört sich nicht sehr spektakulär an, ist es aber. Denn irgendwie gelingt es, dass die Frauen der Zuschauerin nicht als „andere“ begegnen, als die, die „dieses Problem“ haben, das man selber nicht hat, sondern sie werden zu Vorbildern. Sie sind ganz unterschiedlich, und gerade deshalb erkennt man sich in ihren Schilderungen wieder. Wer hat denn keine Schwierigkeiten damit, sich anderen verständlich zu machen? Wer hat keine Probleme mit dem Aussehen des eigenen Körpers? Wer kennt nicht Schuldfragen gegenüber Kindern oder die Angst vor dem Jobverlust? Wer hat keine Angst vor dem Ungewissen und damit, nicht alles „im Griff“ zu haben?

Deutlich wird dabei, dass Verletzlichkeit und Prekarität, das Angewiesensein auf andere eben gerade etwas Normales ist, und dass man trotzdem „das gute Leben in die eigenen Hände nehmen“ kann, wie es im Begleittext zum Film heißt. Und dass das gute Leben nichts ist, was „trotz“ Krankheit, Unglück, schlechtem Wetter möglich ist, sondern gerade in und durch alle Widrigkeiten hindurch.

Zum Thema Brustkrebs hat Gabriele Schärer schon vor einigen Jahren einen Kurzfilm mit Interviews veröffentlicht, lest hier, was sie dazu sagt.

Ansonsten: Schaut euch den Film an. Er kommt am 19. Oktober in der Schweiz ins Kino, aber vielleicht lässt sich ja auch in Deutschland was organisieren? www.ropeofsolidarity.ch

Hannah Arendt im Kino

Foto: NFP

Foto: NFP

Übermorgen kommt Margarete von Trottas neuer Film „Hannah Arendt“ ins Kino. Ich hab ihn schon gesehen und empfehle ihn wärmstens – nicht als cineastischen Höhepunkt, sondern weil ich finde, dass die Persönlichkeit Arendts sehr gut getroffen ist. Mehr dazu hab ich drüben bei bzw-weiterdenken.de geschrieben.

Bond und die anderen

Gibt es eigentlich schon eine Untersuchung zum Thema „Die soziale Selbstverortung des weißen, heterosexuellen Mannes am Beispiel der James Bond Filme?“ Wenn nicht, fände ich das ein ergiebiges Thema.

Während in alten Bonds ja praktisch alle maßgeblichen Akteure weiße heterosexuelle Männer waren und zum Beispiel Frauen die ausschließliche Aufgabe zufiel, diesen Männern ihre Großartigkeit zu spiegeln (oder, skandalöserweise, nur so zu tun als ob und in Wirklichkeit andere, am Ende sogar eigene Interessen zu verfolgen – Triple X ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt) stellt sich das Ganze heute sehr viel komplexer dar.

Es gibt alte Frauen, schwarze Frauen, junge Männer, schwule Männer und so weiter. Zu ihnen allen muss sich der Norm-Mann Bond irgendwie verhalten, und wie er das tut, ist aufschlussreich.

Man muss sich dabei klar machen, dass diese „Diversifizierung“ nicht etwa für sich, aus der eigenen Perspektive dieser „anderen“, erzählt wird, sondern konsequent aus der von „MarkTomJack“-James: Die Frage ist: Was bedeutet diese neue Vielheit für IHN? (Und nicht etwa: was bedeutet sie für die Welt, für Frauen, für People of Colour und so weiter. Dafür bräuchte es andere Filme.)

In „Operation Skyfall“ (Vorsicht, das Folgende enthält Spoiler) beginnt der Schlamassel schonmal damit, dass die Frauen (die alte weiße Frau UND die junge Woman of Color) nicht mehr darauf vertrauen, dass Bond den Bösen besiegen wird. Stattdessen entscheiden sie sich, selbst zu handeln – und scheitern.

Bond nimmt ihnen das aber nicht übel, denn er versteht , dass sie nicht anders können – die Frauen (auch wenn sie noch „Mom“ genannt werden, vielleicht als kleiner, sehnsuchtsvoller Wunsch nach einer anderen Beziehungslogik) müssen heutzutage eben auch ihren Job machen. Ihr Scheitern ist nicht eine Folge ihrer Inkompetenz, sondern im Gegenteil, Folge ihrer Professionalität.

Es ist auch nicht nötig, sich diese Frauen zu Feindinnen zu machen, nein, der Mann von heute ist ihnen gegenüber loyal. Ihr Schicksal ist sowieso auch ohne sein Zutun besiegelt: Am Ende ist die eine tot, die andere entscheidet sich freiwillig fürs Dasein als Sekretärin.

Während das Verhältnis Bonds (also des idealen „Normalmannes“) zu den Frauen also vielleicht als „respektvoll-distanziert darauf vertrauend, dass sich das Thema irgendwann von selbst erledigt“ charakterisiert werden könnte, ist seine Haltung anderen Männern gegenüber von offener Arroganz geprägt:

Der schwule Mann etwa ist ein tuntiger Böser, der Bond Avancen macht und dabei auf dessen bekannte Rolle als zelebrierte Frauenheld anspielt: „Es gibt für alles ein erstes Mal“. Bond antwortet aber ganz cool: „Woher weißt du, dass es das erste Mal wäre?“

Was oberflächlich betrachtet ein Lacher ist, vielleicht sogar so tun könnte, als wäre männliche Homosexualität damit in den Adelsstand der Normalität erhoben – sogar Bond HAT eventuell schonmal – ist in Wahrheit eine ziemlich unverschämte Einverleibung: Homo kann der moderne heterosexuelle Mann jetzt auch, er macht halt nur kein Aufhebens darum. Thema vom Tisch (und es gibt sicher Schwule, die genau das gut finden, ist es doch die vollendete Assimilation an einen privilegierten Status. Ich wäre jedoch, wäre ich ein schwuler Mann, very much not amused über diese Repräsentation.)

Genauso arrogant ist Bonds Haltung zu dem jungen Mann (Q): der ist noch grün hinter den Ohren, hat keine Erfahrung, überschätzt sich selbst. Klassisches Patriarchat an dieser Front, von der jungen computeraffinen Generation befürchtet der Normmann nichts – oder will sich das zumindest einreden.

Interessant hingegen, dass der andere Bestandteil des klassischen Patriarchats – die Frau als Sexobjekt – überhaupt keine Rolle mehr spielt. Dreimal wird zwar eine Bondvögelei angedeutet, aber das ist vollkommen nebensächlich, dramaturgisch sind die Szenen einfach absurd, komplett überflüssig und unglaubwürdig. Sie dienen bloß als historische Anspielungen auf alte Bond-Girls, sie bilden keinen Teil der Realität mehr (wohlgemerkt: Der Realität, wie der Normmann sie sich vorstellt bzw. seines Selbstbildes).

Irgendwie klar, dass Bond die Frau auch nicht mehr rettet. Für Mädels , die noch auf das Prinzen-Modell bauen, brechen harte Zeiten an. Die Prinzen machen schlicht den Job nicht mehr.

Aufschlussreich ist schließlich der Schluß. Bond trifft auf seinen neuen Chef. Bond mochte ihn erst nicht, erkannte ihn dann jedoch – im Kampf, Seite an Seite – als Ebenbürtigen.

Wenn die Frauen abtreten oder die Karriere „in the field“ zurückweisen, stehen die Normalmänner wieder bereit, um zu übernehmen. Mit bestem Gewissen.

Zumindest glauben sie, und versichern dich gegenseitig, dass es so kommen wird. Schaun wir mal.

Wahrheit vs. Objektivität: Julia Hasletts Film über Simone Weil

Bevor ich die DVD ins Regal aufräume, will ich noch ein paar Anmerkungen zu einem Dokumentarfilm von Julia Haslett über Simone Weil verbloggen. Und zwar deshalb, weil er mir ein gutes Beispiel dafür zu sein scheint, wie man anders als in der herkömmlichen Lexikons-Wissenssammelns-Kultur mit historischem Erbe umgehen kann.

Dass es eine objektive Darstellung der Vergangenheit nicht gibt, sondern jede Geschichtsforschung das Dokument einer Auseinandersetzung zwischen zwei Subjekten ist – derjenigen, die forscht und derjenigen, über die geforscht wird – ist theoretisch zwar bekannt. Praktisch merkt man davon aber nichts. Bis heute erheben Lexika – besonders frappierend bei Wikipedia – den Anspruch, möglichst „objektiv“ zu sein, die Autoren verschwinden quasi hinter den Zeilen.

Was natürlich nicht bedeutet, dass sie als Subjekte nicht da wären. Es bedeutet nur, dass sie als Subjekte nicht sichtbar sind.

Die feministische Geschichtsschreibung hat schon lange darauf hingewiesen, dass dieses vermeintlich nicht vorhandene Subjektive nur daher verschleiert werden kann, weil es ein Default-Subjekt ist, der weiße, bürgerliche Mann nämlich, der die eigene Sichtweise auf die Welt zur einzig möglichen und Normalen erklärt. Objektivität kann es ja schon allein deshalb nicht geben, weil zu keiner beliebigen Sache der Welt sämtliche Fakten erzählt werden können, jede Darstellung ist mindestens eine Auswahl dessen, was für relevant gehalten wird, und ein Verschweigen und Ausfiltern dessen, was für irrelevant gehalten wird.

Als Alternative haben feministische Wissenschaftlerinnen den Weg der „Kontextualisierung“ vorgeschlagen, sowie das Offenlegen des eigenen Erkenntnisinteresses. Auf diese Weise kann begründet und transparent gemacht werden, warum welche Aspekte in einem jeweiligen Kontext interessieren und andere nicht.

Julia Haslett geht jetzt methodisch noch einen Schritt weiter und legt ihren ganzen Dokumentarfilm als eine Auseinandersetzung zwischen sich selbst und Simone Weil an. Sie legt ihr eigenes Erkenntnisinteresse also nicht nur offen, sondern stellt es ins Zentrum ihrer Arbeit. Sie zieht Parallelen zwischen Simone Weils Engagement im spanischen Bürgerkrieg und ihrem eigenen politischen Aktivismus, über die Depressionen ihres Bruders und fragt, was Weils radikale Ethik ihr in so einer Situation nützen kann.

Dabei geht sie handwerklich professionell und sehr aufwändig vor. Sie hat Menschen aufgetrieben und befragt, die Simone Weil noch persönlich kannten, sie interviewt Weils Nichte Sylvie Weil, sie reist viel – mit anderen Worten, der Film ist außerordentlich informativ, auch für Zuschauerinnen wie mich, die sich eben für Simone Weil interessieren (und nicht für Julia Haslett).

Außerdem gibt sie sich nicht zufrieden mit dem, was man nicht wissen kann. Da sie in Simone Weils Werken nicht Antworten auf alle ihre Fragen finden konnte, engagiert sie eine Schauspielerin und lässt sie in die Rolle Weils schlüpfen. Auf diese Weise kann sie tatsächlich mit „Simone Weil“ sprechen, ich fand das ein interessantes Experiment.

Ich frage mich, wie Geschichtsunterricht aussehen würde, wenn historische Personen und Ereignisse nicht mehr als eine Ansammlung von dürren Fakten betrachtet würden, sondern als ein Fundus, der uns heute zur Verfügung steht, um das eigene Begehren zu verfolgen? Wenn wir nicht länger die eigene subjektive Involviertheit als ein ärgerliches Hindernis betrachten würden, das uns bei der Annäherung an die Geschichte im Wege steht, sondern als wesentliche Basis dafür, eine Tür zur Vergangenheit zu öffnen?

Ich glaube, das wäre großartig. Und ich glaube, es würde mehr „Wahrheit“ ans Licht bringen.

PS: Zum Thema „Brauchen wir große Frauen? Zum Sinn und Unsinn historischer Frauenforschung“ gibt es auch ein bereits älteres Vortragsmanuskript von mir.

Wie die Psychoanalyse der Demokratie die Politik ausgetrieben hat

Den Piraten wird momentan gerne vorgeworfen, dass sie keine Inhalte hätten. Mal abgesehen davon, ob das stimmt, finde ich die Inhalte gar nicht das Wichtigste an den Piraten.

Viel wichtiger ist, dass sie Diskussionen darüber anstoßen, wie in einer Demokratie die Ansichten und Meinungen der Vielen übersetzt werden können in konkrete politische Projekte – Liquid Feedback ist ein praktischer Versuch, das anders zu organisieren als mit dem einen Kreuzchen alle paar Jahre. Auch das Pochen auf Transparenz in politischen Prozessen betrifft weniger den Inhalt von Politik als vielmehr deren Verfahrensweisen.

Und genau das – nämlich die Frage, auf welchen Grundlagen wir eigentlich das organisieren, was meist so irgendwie schwammig „Demokratie“ genannt wird – ist, glaube ich, die drängendste Frage.

Die übrigens erst mal gar nichts mit dem Internet zu tun hat. Das wurde mir klar, als ich in den letzten Tagen eine wirklich ganz fantastische vierteilige BBC-Dokumentation gesehen habe, die schon ein paar Jahre alt ist. Sie zeigt, wie sich die westliche Demokratie im Lauf des 20. Jahrhunderts eigentlich nie darauf eingelassen hat, dass die Menschen in ihrer Pluralität politische Prozesse aushandeln.

In „The Century oft the Self“ erzählt Adam Curtis, wie die psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud im Verlauf des 20. Jahrhunderts in der Werbeindustrie und in der Politik eingesetzt worden sind.

Es ging dabei immer auch um die Frage, ob man den Massen eigentlich überhaupt zutrauen kann, sich politisch rational zu verhalten. Sie wurde meistens mit „Nein“ beantwortet. Entweder wurde versucht, die Leute irgendwie ruhig zu stellen, damit die Politiker unbehelligt regieren können (am Anfang des Jahrhunderts) oder aber Politik erschöpfte sich darin, herauszufinden, was sich die Masse der Menschen gerade so wünschte und den Ergebnissen der Meinungsumfragen hinterherzustolpern (am Ende des Jahrhunderts).

Freud hatte ja die Vorstellung entwickelt, dass im Unbewussten ein gewaltiges aggressives Potential von Emotionen schlummert, das gefährlich werden kann (Nazideutschland schien das zu bestätigen). Freuds Neffe Edward Bernays hatte dazu die Idee: Wenn wir die Menschen zu „guten Konsumenten“ machen, machen sie keine Revolutionen.

Schon in den 1920ern hatte Bernays (der Erfinder der „Public Relations“) im Auftrag großer Konzerne vorgemacht, wie man Menschen dazu bringen kann, Produkte zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen, indem man an ihre unbewussten Sehnsüchte appelliert und diese mit Produkten verknüpft. Zum Beispiel brachte er Frauen dazu, Zigaretten zu kaufen, indem er das öffentliche Rauchen mit der Wahlrechtsbewegung und weiblicher Unabhängigkeit verknüpfte – Hammer, dass das tatsächlich funktionierte. Das alles wird im ersten Teil der Doku-Reihe erzählt.

Im zweiten Teil geht es um die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier war neben Bernays auch Anna Freud maßgeblich, die Tochter von Sigmund Freud. In dieser Zeit gab es einen massenhaften Aufstieg der Psychoanalyse. Sie diente dazu, Menschen „anzupassen“ an die Gegebenheiten, ihnen „Anomalien“ auszutreiben. Konformismus war angesagt in den Fifties.

Erzählt wird in diesem Teil auch, wie Bernays mit seinen PR-Strategien im Auftrag der Bananenindustrie einen Putsch in Guatemala inszenierte und es auch ganz generell schaffte, die Industrie und den unbegrenzten Konsum (und nicht die Politik) als Garanten für Freiheit zu etablieren – als direkten Affront gegen Präsident Roosevelt und seinen „New Deal“, der noch dem Ideal einer wirklichen Demokratie anhing. Auch mit Gehirnwäsche und regelrechter „Umprogrammierung“ von Menschen wurde experimentiert, finanziert und beauftragt von der CIA.

Doch gegen Ende der 1960er kam es in der Gesellschaft zu einem Aufstand gegen den Konformitätsdruck. Dies erzählt die dritte Folge:

Leute wie Herbert Marcuse und Wilhelm Reich argumentierten, dass nicht ein „unbewusst-unzivilisierter“ menschlicher Wesenskern eine Bedrohung für die Gesellschaft sei, sondern dass vielmehr der Zwang zur Konformität, der die Persönlichkeit unterdrücke, das Gefährliche sei.

In der Folge entstanden Versuche, dieses „eigentliche Selbst“ frei zu lassen, die Gefühle nicht mehr zu unterdrücken, sondern rauszulassen. Allerdings wurde dieses „wahre Selbst“, um das es da ging, sehr schnell entpolitisiert. Ging es anfangs noch um den Protest gegen eine Gesellschaft, in der nur der Konsum zählt und es keine Solidarität und Gemeinschaftlichkeit gibt, entstand sehr bald die Vorstellung, dass man auf der Suche nach dem „Selbst“ nicht nur gesellschaftliche Normierungen ablegt, sondern am Ende sozusagen ein „leeres Blatt“ ist, das man dann nach Belieben neu beschriften kann, nach dem Motto „Erfinde dich selbst“.

Die Befreiung von Zwängen wurde so zur Legitimierung dafür, nur nach dem persönlichen Glück zu streben und sich um das allgemeine Gute gar nicht mehr kümmern zu müssen. Auf dieser Folie entstand dann die „Lifestyle“-Industrie mit dem Versprechen, die nötigen Produkte für dieses „individuelle Selbst“ zu verkaufen. Und genau diese auf Individualität und persönliche Selbstfindung Wert legenden Gruppen waren es, die 1980 den Reagans und Thatchers zum Sieg verholfen haben.

Was aber bleibt von der Demokratie übrig, wenn die Menschen nur noch nach ihrem individuellen Glück streben ist? Dies erzählt der vierte Teil der Reihe:

Hier wird gezeigt, wie die „linken“ Parteien (Clinton in den USA, Blair in UK) umgebaut wurden von Arbeiterparteien mit einer bestimmten inhaltlichen Position hin zu „Meinungsforschungsparteien“, die – genau wie die Werbeindustrie – versuchten, die Bedürfnisse der Leute herauszufinden, um ihnen dann genau das zu versprechen.

Update: Man weist mich gerade darauf hin, dass das ungenau formuliert war: In Wirklichkeit wurden natürlich nur die Wünsche und Meinungen der Wechselwähler_innen befragt, weil die den Ausschlag geben. Die Ansichten des „Stammpublikums“ der Labor Party hingegen spielten dabei keine Rolle, da deren Stimmen sicher waren.

Auf diese Weise gelang es ihnen tatsächlich, wieder Wahlerfolge zu erzielen. Aber eben um den Preis, dass sie die Politik letztlich abschafften. Sie selbst haben das freilich nicht so gesehen: Sie glaubten, diese Art des Populismus sei „wahre Demokratie“, denn: Was ist denn falsch daran, den Leuten zu geben, was sie wollen?

Curtis zeigt sehr richtig, dass hier ein Denkfehler liegt: Denn zur Politik gehört, dass wir unterschiedliche Ansichten unter der Fragestellung diskutieren, in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Befragt man nur einzelne Leute nach ihren Wünschen, werden sie auch nur ihre individuellen Wünsche preisgeben. Eine konsistente Politik lässt sich daraus nicht ableiten.

Während Bernays in den zwanziger Jahren noch argumentiert hatte: „Wir lullen die Leute in Konsumismus ein, damit die Politiker unbehelligt regieren können“, so ist mit „New Labor“ die Politik (im Sinne von: Organisierung der Gesamtheit der Gesellschaft) vollkommen tot, denn nun machen sich nicht mal mehr die Politiker Gedanken über das allgemeine Gute, sondern stolpern nur den Wünschen der Leute hinterher.

Und da diese Wünsche notwendigerweise disparat und widersprüchlich sind – weil es viele verschiedene Leute sind – kommt nicht einfach eine „falsche“ Politik heraus (in dem Sinne, dass sie nicht Gutes, sondern Schlechtes bewirkt), sondern schlicht unsinnige Politik, die heute dies macht und morgen jenes. Hauptsache immer die Meinungsumfragen, die nächsten Wahlen im Blick.

Was ich an den Piraten nun so spannend finde ist, dass sie tatsächlich wieder so etwas wie politischen Diskurs organisieren wollen. Diskussionen, bei denen sich Menschen darüber auseinandersetzen, was ihrer Ansicht nach dem allgemeinen Guten entsprechen würde. Nicht Lobbyismus eben, nicht bloßes Machtstreben, sondern Politik im eigentlichen Sinne.

Womit ich nicht sagen will, dass das in anderen Parteien und an anderen Orten nicht geschehen würde und auch nicht, dass das den Piraten schon wunderbar gelingt.

Aus vielerlei Gründen  (einer davon ist die Wiedervereinigung, die staatliche Interventionen erforderlich machte, ein anderer ist unser Wahlsystem, das auch kleinere Parteien zulässt und nicht nur einen Kampf zwischen zwei Blöcken inszeniert) ist die Lage der Politik in Deutschland meiner Ansicht nach nicht ganz so „PR-dominiert“ wie im angelsächsischen Raum.

Aber die Probleme, die in dieser Dokureihe aufgeworfen werden, erhellen auch vielerlei, was hierzulande passiert ist.

tl;dr? DANN SCHAUT EUCH DIE VIDEOS AN!!!

(allein schon wegen der fantastischen Zeitdokumente).