Nudging oder nicht Nudging – ist das überhaupt die Frage?

Mit dem so genannten Wirtschaftsnobelpreis für den Verhaltensökonomen Richard Thaler diskutiert jetzt alle Welt über „Nudging“ – also die Möglichkeit, das Verhalten von Menschen zu steuern, indem man Umgebungen auf eine bestimmte Weise gestaltet. Bekanntestes Beispiel: Die Schale Obst in Augenhöhe im Büro, die dazu führt, dass die Menschen tatsächlich mehr Obst essen. (Funktioniert bei mir auch, ich hab neulich in einem Hotel allein aus dem Grund einen Apfel gegessen, weil er in Augenhöhe auf dem Tresen stand).

Dass dieses Prinzip nicht unproblematisch ist und zu allerlei Manipulationen einlädt, ist ja offen sichtlich. Die gängigen Gefahren und Vorbehalte hat Sascha Lobo kürzlich in seiner Spiegelkolumne noch einmal notiert.

Allerdings wundert mich ein bisschen die Ausrichtung der Debatte, die sich nämlich irgendwie um „pro und contra“ Nudging zu drehen scheint, um die Frage, ob Nudging gut oder schlecht ist, ob man das machen darf oder nicht.

Aber stellt sich diese Frage denn überhaupt? Vielleicht bin ich bei diesem Thema gerade etwas vorurteilsbelastet, weil ich vor einigen Wochen das Buch „What Works? Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann“ von Iris Bohnet gelesen habe. Sie ist ebenfalls Verhaltensökonomin und hat in dem Buch unzählige Studien zusammengetragen, aus denen deutlich wird, dass die Gestaltung von Räumen, Abläufen bis hin zu Formularen entscheidend beeinflusst, ob in einer bestimmten Situation Männer oder Frauen erfolgreicher sind. Berühmtes Beispiel hier: Der Vorhang, hinter dem Menschen vorspielen, die sich für ein Orchester bewerben, sorgt dafür, dass die Chancen von Frauen, genommen zu werden, um 50 Prozent steigen.

Wäre es also auch schon „Nudging“, wenn in der Vorhalle einer Universität nicht nur die zehn Großportraits der bisherigen Universitätspräsidenten hingen, sondern auch zehn Großportraits von Frauen, die dieses oder jenes Bedeutende getan haben? Faktisch jedenfalls wäre es das, denn es ist empirisch nachweisbar, dass Menschen sich in einer Umgebung mit großen Männerportraits anders verhalten als in einer Umgebung mit gemischten oder gar keinen Portraits.

Der Punkt ist: Es gibt keine „nicht gestaltete“, neutrale Umgebung. In Punkto Gleichstellung lässt sich sagen, dass wir aus historischen Gründen in einem Arrangement leben, das uns permanent in kleinen Schubsern dazu drängt, Männer zu bevorzugen. Das nennen wir allerdings nicht Nudging, sondern normal.

Ich glaube, das stimmt auch für alle anderen Bereiche. Nehmen wir das Rauchverbot, dem ich persönlich sehr dankbar bin, denn ohne das hätte ich in der Vergangenheit bestimmt sehr viel mehr geraucht als ich es habe. Ich habe nämlich am Schreibtisch geraucht, bis das in unserem Büro verboten wurde. Das hat meinem Wohlbefinden sehr genützt, ich bin nämlich ein sehr undisziplinierter Mensch. Ich betreibe entsprechend auch Selbstnudging, indem ich es zum Beispiel vermeide, Eierlikör im Haus zu haben, weil ich ihn nicht nicht trinken kann, wenn er da ist.

Die maßgebliche Erkenntnis der Verhaltensökonomie ist doch eben die, dass Menschen sich in den meisten Fällen nicht rational entscheiden, sondern aufgrund von spontanen Impulsen, Gewohnheiten, Vorurteilen, Gefühlen. Ich finde diese Erkenntnis ja eigentlich banal, so banal wie Thalers Selbstzusammenfassung über die wichtigste Erkenntnis aus seiner Forschung: „Ökonomen sind menschlich, wirtschaftliche Modelle müssen das berücksichtigen.“ – Wer hätte das gedacht!

Genauso banal wie diese Erkenntnis ist auch die Erkenntnis, dass „Nudging“ funktioniert. Mir kommt es fast schon albern vor, dafür überhaupt ein Wort zu kreieren. Es ist banal und selbstverständlich, und nur, wer sich bisher als völlig rationaler Selbstentscheider halluziniert hat, kann davon ernsthaft überrascht sein.

Die Frage ist also, was wir nun damit machen. Es gibt keine neutrale Umgebung, so wenig wie es einen neutralen Gott gibt. Es gibt nur verschiedene Arten, Umgebungen zu gestalten. An diesem Punkt müssten die Diskussionen ansetzen. Dass wir uns erst einmal darüber klar werden und das anerkennen, wie beeinflussbar wir sind. Dass wir in einem zweiten Schritt anerkennen, dass sich das nicht ändern lässt – dass wir also aufhören, unser Selbstbild des Rationalen Freien Willensentscheiders zu pflegen, der sich gegen „Manipulationsversuche“ wehren muss.

Und dass wir dann in einem dritten Schritt anfangen, für diese Tatsache, Verantwortung zu übernehmen. Indem wir über die Art und Weise, wie das „Nudging“ in unserer Kultur und Gesellschaft betrieben wird, politisch verhandlen. Indem wir es nicht kapitalistischen Profitinteressen überlassen und auch nicht politischen Manipulateuren, sondern indem wir dazu transparente Prozesse, dezentrale Lösungen (nicht alle wollen eben in dieselbe Richtung „genudgt“ werden) überlegen und Maßstäbe dessen, was wir als „gut“ verstehen.

Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank

Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir heutzutage die eugenische Selektion von nicht erwünschten Föten praktizieren (über 90 Prozent der Wunsch-Kinder werden abgetrieben, wenn sie laut Pränataldiagnostik Trisomie21 haben), während man gleichzeitig so tut, als gäbe es keine eugenische Selektion (offiziell ist nicht die befürchtete Normabweichung der Föten der Grund für diese Abtreibungen, sondern die psychische Befindlichkeit der Schwangeren), kam mir heute eine Idee, wie man das eigentlich noch zugespitzter analysieren müsste.

Zunächst dachte ich, dass hier eine allgemeingesellschaftliche Heuchelei auf dem Rücken von Frauen betrieben wird: Einerseits wird ein moralischer Standard hochgehalten („Nein, bei uns gibt es keine eugenische Selektion!“), gleichzeitig kommt er faktisch aber nicht mal in jedem zehnten Fall zur Anwendung. Und anstatt das offen zuzugeben und als Gesellschaft zu den eigenen Prioritätensetzungen zu stehen („Kinder mit Behinderungen werden bei uns nur ausnahmsweise ausgetragen, sozusagen als Privathobby der beteiligen Eltern, normal finden wir das aber nicht“) werden Schwangere quasi per Default zu psychisch Kranken erklärt: Weil ja angeblich ihre psychische Befindlichkeit im Einzelfall der Grund für die Abtreibung ist, ist die Gesellschaft sozusagen fein raus. Verantwortung erfolgreich abgeschoben.

Aber dann fiel mir auf, dass das Thema größer ist. Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass ein solches Sich-in-die-Tasche-Lügen bald auch so ähnlich in Bezug auf Sterbehilfe um sich greifen wird. Gerade ist ja ein Gesetz verabschiedet worden, das geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid verbietet. Gleichzeitig wünschen sich aber immer mehr Menschen eine legale und praktikable Möglichkeit, sich bei einem Suizid helfen zu lassen. Und auch da böte sich eine „psychische Krankheit“-Lösung an: Man könnte den moralischen Fake („Bei uns gibt es keine organisierte Sterbehilfe…“) aufrechterhalten, indem man psychisch bedingte Ausnahmen zulässt („… außer in den Fällen, wo die Betroffenen psychisch krank sind.“)

Und wenn man dann noch einen Schritt zurücktritt, ist das, worum es eigentlich geht, eine Care-Krise. Denn wäre Care, also Sorgearbeit, bei uns ein zentraler Wohlstandsindikator und würde entsprechend für wichtig erachtet, dann könnten diese Themen völlig anders diskutiert werden.

Dann kämen Eltern eines behinderten Kindes nicht in Versorgungs-Engpässe: Sie könnten, je nach Belieben, ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder gesellschaftliche Hilfen in Anspruch nehmen, oder beides. Ich glaube nicht, dass die eugenischen Abtreibungen dasselbe Ausmaß hätten, wenn die Schwangeren keine Angst haben müssten, und zwar vollkommen berechtigt, mit der Betreuungsaufgabe allein gelassen zu werden. Dasselbe gilt für den Wunsch, das eigene Leben im Fall von Pflegebedürftigkeit und Krankheit zu beenden: Gäbe es qualitativ hochwertige Pflege in Hülle und Fülle, wäre die Angst weniger groß. Und hätten wir eine Kultur mit einem inklusiven Menschenbild, wo nicht nur die Starken und Leistungsfähigen etwas gelten sondern alle, dann fänden wir es auch nicht so schwer erträglich, diesem Bild nicht zu entsprechen. Sicher, vermutlich gäbe es auch dann noch Schwangere, die partout kein behindertes Kind austragen wollen, und Menschen, die ihr Leben beenden möchten. Aber das wären dann tatsächlich freie Entscheidungen, und keine von den Umständen getriebenen.

Doch so ist es bekanntlich nicht. In Zeiten, wo alle Erwachsenen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen, haben Eltern ja schon kaum genug Zeit, ihre voll funktionstüchtigen und normentsprechenden Kinder zu versorgen, geschweige denn solche mit größerem Betreuungsbedarf. Und in Zeiten, wo Pflege sich betriebswirtschaftlich rechnen muss, ist es nun einmal unwirtschaftlich, alte Leute gut zu versorgen. Die in den Debatten viel beschworene Palliativversorgung, die das Leben auch bei Krankheit und großer Pflegebedürftigkeit lebenswert machen kann, die gibt es zwar tatsächlich. Aber nur in der Theorie. Ja, Reiche können sie sich kaufen. Aber die Krankenkassen finanzieren sie nur für schwer und unumkehrbar Todeskranke in ihren letzten zwei, drei Lebenswochen. Viele Suizidwillige haben aber gerade Angst vor langem Siechtum, zum Beispiel nach einem schweren Schlaganfall. Dann steht ihnen aber nur die bekanntlich schlechte 0-8-15-Pflege zu. Alle Menschen bei Bedarf ohne Wenn und Aber gut zu versorgen, das ist mit einer an materiellem Profit orientierten Wirtschaftsweise faktisch nicht vereinbar. Jedenfalls sind wir davon meilenweit entfernt.

Wer sich angesichts dieser Rahmenbedingungen für die Abtreibung eines voraussichtlich behinderten Kindes oder für einen Suizid entscheidet (und sich dafür Hilfe wünscht), handelt nicht unmoralisch und ist schon gar nicht psychisch labil. Sondern handelt angesichts der gegebenen Verhältnisse und den ihnen zugrunde liegenden Normen rational. Höchstens könnte man ihm oder ihr vorwerfen, die eigene Situation bloß individuell zu betrachten und nicht politisch zu skandalisieren. Aber dieser Vorwurf gilt ja uns allen, nicht nur den Betroffenen.

Weder Abtreibung noch organisierte Sterbehilfe sollten deshalb meiner Ansicht nach gesetzlich verboten sein, denn beides betrifft die körperliche Selbstbestimmung. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass eine Gesellschaft ethisch versagt, wenn in ihr die eugenische Selektion von Kindern oder Suizide am Lebensende gängige Praxis sind. Gesetze oder Pseudogesetze zu machen, die dazu dienen, diesen Fakt zu verschleiern, indem sie strukturelle Probleme zu psychischen Problemen Einzelner umdefinieren – das ist meiner Meinung nach schlimmer als offen zu dem zu stehen, was man tut. Der Kapitalismus soll, wenn er denn schon Hegemonie beansprucht, wenigstens seine hässlichen Auswirkungen in aller Deutlichkeit ausstellen und nicht hinter moralischen Nebelschwaden verstecken.

Ist es besser oder schlechter geworden?

Gerade hat Dorothee Markert in unserem Internetforum bzw-weiterdenken einen kleinen Artikel online gestellt, in dem sie davon erzählt, wie sie vor 25 Jahren dem Leiter eines Museums versucht hat, eine feministische Erkenntnis zu vermitteln und damit kläglich gescheitert ist, und dass jetzt genau so eine Ausstellung, wie sie es sich damals gewünscht hätte, in demselben Museum zu sehen ist.

Das erinnerte mich an eine Diskussion, die wir anlässlich meiner elf Thesen zum feministischem Aktivismus heute neulich bei Facebook hatten über die Frage, ob es mit der Freiheit der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vorwärts gegangen ist oder nicht oder eher sogar rückwärts. Viele waren der Ansicht, ich wäre mit meiner Einschätzung, es sei vorwärts gegangen, zu optimistisch.

Mich lässt das Thema irgendwie nicht los, und vielleicht haben andere dazu ja auch noch Ideen. Wobei es vermutlich doch so ist, dass es in manchen Bereichen besser geworden ist, in anderen Bereichen schlechter. Ich bin der Meinung, darüber könnten wir noch mehr nachdenken, denn eine gute Analyse der Situation ist ja schon wichtig, um zu entscheiden, was nun weiter zu tun ist.

Mein Sabbat-Experiment, zweiter Teil

Kürzlich schrieb ich an dieser Stelle, warum ich vor einigen Monaten ein „Sabbatexperiment“ gestartet habe und wie genau es funktioniert. Hier nun die versprochene Bilanz.

Das erste, was mir klar wurde, war, dass einen Tag pro Woche „nichts Profanes zu tun“ zur Folge hat, dass man an den anderen Tagen „mehr Profanes“ tun muss, es sei denn, man reduziert das gesamte Volumen, also etwa den Anteil an bezahlter Arbeit oder politischem Engagement (was ich aber nicht wollte).

Konkret: Wenn etwas am Montag fertig sein musste, dann konnte ich das ja am Sonntag nicht fertigmachen und musste es entweder noch am Samstag abend fertigkriegen oder eben am Montag früher aufstehen. Teilweise hatte das durchaus einen gewissen Charme, denn es gab diesem Experiment Bedeutung. Und es sorgte auch dafür, dass meine Umgebung davon mitbekam, wenn ich etwa sagte: „Nein, ich kann nicht noch eine Folge Firefly gucken, weil ich das und das noch fertig kriegen muss, weil morgen ja Sabbat ist.“

Andererseits stellt sich bei sowas dann immer auch die Frage nach den Ausnahmen. Wie viel an Komplikationen war ich bereit, zu akzeptieren, und wann war der Punkt erreicht, an dem ich nach dem Motto „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat“ dann doch eben eine Ausnahme machte? Das ist wohl der Unterschied zwischen einer selbst gewählten und einer von außen auferlegten Regel.

In dem Zusammenhang spürte ich auch deutlich, dass es einen großen Unterschied macht, ob man so einen „geheiligten“ Tag im Individualprojekt einrichtet, oder ob es in einem gesellschaftlichen Kontext stattfindet, wo alle anderen auch die „Sonntagsruhe“ einhalten. Überall da, wo kollaborativ gearbeitet wird, hängt das eigene Arbeiten nämlich auch von anderen Menschen ab. Also wenn ich als Redakteurin Texte bearbeiten muss, die montags fertig sein müssen, von den Autorinnen aber erst am Samstagabend oder Sonntagmorgen geliefert werden, habe ich ein Problem. Denn erstens arbeiten sie ja am Sonntag, außerdem denken sie: Die hat ja noch einen Tag Zeit, das zu bearbeiten, obwohl ich nach meiner Rechnung eben keinen Tag Zeit mehr habe, sondern nur die frühen Morgenstunden des Montags.

Ich war in dieser Zeit zufällig für eine Woche in Israel und erlebte da auch den Sabbat mit, zwar nur in Tel Aviv, wo er nicht allzu streng gehandhabt wird, aber es legte sich doch eine deutliche Stille über die Stadt. Noch krasser war es am Tag meines Rückflugs, wo nämlich abends Jom Kippur begann, ein hoher Feiertag, an dem dann wirklich alles still stand. Sogar der internationale Flughafen stellte den Betrieb ein (einige Reisende erzählten, dass ihr Flug gestrichen wurde und sie einen Tag länger bleiben mussten als geplant, meiner wurde am Freitagnachmittag nur um zwei Stunden vorverlegt, damit wir noch wegkamen, bevor der Flughafen geschlossen wurde). Es ist klar, dass das Sabbathalten für die Einzelne um ein Vielfaches einfacher ist, wenn es alle tun, weil eben alles darauf eingerichtet ist.

Schwierig war es auch bei meiner Teilnahme an Wochenendtagungen. Bei der Denkumenta zum Beispiel habe ich eine Ausnahme gemacht, denn es wäre ja blöd gewesen, wenn ich beim Abschlussplenum am Sonntag nicht dabei gewesen wäre.

Und so entwickelte sich mein Experiment durchwachsen. Einerseits habe ich die Sonntage, an denen keine „Komplikationen“ im oben geschilderten Sinne auftraten, als sehr angenehm erlebt. Ich habe es sehr genossen, an einem Tag in der Woche nichts „Profanes“ tun zu dürfen. Die Sonntage jedoch, an denen es Komplikationen gab, erlebte ich als stressig. Und zwar stressig wegen der Notwendigkeit, dauernd entscheiden zu müssen, ob ich nun eine Ausnahme mache oder nicht.

Abgesehen von solchen Komplikationen, die mir von außen, durch andere Menschen oder „die Verhältnisse“ auferlegt wurden, gab es dann auch noch Wochen, in denen ich das Profane gerne aufgeschoben hätte – zum Beispiel wenn es am Samstag tollsten Sonnenschein gab, aber für Sonntag Regen angekündigt war. Wie blöd wäre es dann, den Samstag am Schreibtisch zu verbringen, statt draußen das gute Wetter zu genießen, bloß weil ich die anstehenden Arbeiten nicht am Sonntag machen darf?

Oder wenn es unter der Woche schon viele „heilige“ Zeitfenster gegeben hat, also etwa Gelegenheiten zu ausführlichen Gesprächen mit Freundinnen oder Nachmittage, an denen ich mich in einem Roman festgelesen hatte und so weiter. Vor dem Sabbatexperiment hatte ich sieben Wochentage, über die sich solche Oasen verteilten, jetzt hatte ich nur noch sechs, außer sie fielen rein zufällig auf den Sonntag. Was bedeutete, dass ich auf manche dieser Gelegenheiten verzichten musste, um unterm Strich mit meinem „Profanitätsvolumen“ noch hinzukommen.

Am Ende fand ich mich also vor die Wahl gestellt, entweder meinen Profanitätsanteil, also die notwendigen, bezahlten usw. Arbeiten generell zu reduzieren, was ich, wie gesagt, nicht wollte (teils wegen des Geldes, aber auch, weil mir meine profanen Tätigkeiten ja im Allgemeinen Spaß machen und ich sie wichtig finde). Oder aber auf das Sabbathalten wieder zu verzichten.

Irgendwann war ich an dem Punkt angekommen, wo ich dieses ganzen Hickhacks überdrüssig war und also verkündete, ich würde das Sabbatexperiment jetzt wieder sein lassen. Das wäre alles zu kompliziert. Was mich dann jedoch überraschte, war die Reaktion des Mitbewohners, der sagte, das wäre aber sehr schade (obwohl er selbst gar nicht an dem Experiment teilnahm). Ich wäre an meinen Sabbaten immer so entspannt und umgänglich gewesen. Ich sollte doch weiter machen.

Das fand ich erstaunlich und aufschlussreich, und es brachte mich dazu, darüber nachzudenken, ob es nicht noch eine dritte Möglichkeit gäbe. Und in der Tat fiel mir was ein:

Ich mache das Sabbatexperiment jetzt erstmal weiter, aber in einer flexibleren Form. Ich versteife mich also nicht auf den Sonntag, sondern entscheide Woche für Woche neu, ob es der Sonntag, der Samstag, der Freitag oder der Montag ist (in dieser Reihenfolge).

Also: Wenn der Sonntag aus den erwähnten Komplikationsgründen schwierig ist, wird es der Samstag, wenn es da auch nicht geht, ist es der Freitag, und wenn es da auch nicht geht, ist es der Montag, und nur wenn das auch nicht geht, bleibt es eben der Sonntag und ich nehme die Komplikationen in Kauf. Wenn also an einem Samstag sowieso etwas genuin „Heiliges“ ansteht, etwa eine Einladung zum Kaffeetrinken oder ein Ausflug oder schönes Wetter usw., dann mache ich den Samstag zu meinem wöchentlichen Sabbattag. Oder wenn am Sonntag etwas „Profanes“ lockt, auf das ich nicht verzichten will, wie etwa ein interessanter Vortrag oder eine Demo.

Wichtig ist, dass dann aber wirklich der ganze Tag von morgens bis abends „profanfrei“ bleibt und auch, dass ich mich bewusst darauf einstelle. Um die Bedeutung hervorzuheben, trage ich mir das jeweils mit einem großen S in den Kalender ein. In gewisser Weise habe ich so die häufigsten Ausnahmen in meine Regel integriert. Denn Regeln, von denen es dauernd Ausnahmen gibt (geben muss), sind Mummpitz und Stressverursacher.

Mal sehen, wie sich das Experiment von hier aus nun weiter entwickelt.

PS.: Habe zwischenzeitlich mitbekommen, dass Plomlompom das so ähnlich macht, oder jedenfalls vermute ich es, denn ich habe nicht so ganz genau verstanden, wie er das regelt 🙂

(Foto: Roberto Verzo/Flickr.com)

Rope of Solidarity – ein Film über Brustkrebs und Bergsteigen

Brustkrebs und Bergsteigen – es dürfte schwierig sein, zwei Themen zu finden, die mich weniger interessieren, mit denen ich weniger persönliche Emotionen oder Erfahrungen verbinde. Ehrlich gesagt habe ich mir den Film nur angeschaut, weil die Regisseurin, Gabriele Schärer, eine politische Freundin ist und vor elf Jahren einen wunderbaren Film über „Die schönste Revolution des 20. Jahrhunderts“ gedreht hat: „Sottosopra“ (die schönste Revolution war natürlich der Feminismus).

Nun also einen über hundert von Brustkrebs betroffene Frauen, die gemeinsam einen Berg besteigen – okaaaay.

Umso mehr wunderte ich mich, wie sehr mich der Film in den Bann zog. Dabei ist er ganz simpel gemacht. Die Kamera zeigt die Gruppe, wie sie sich in Zermatt trifft, sich von einem Bergsteiger erklären lässt, wie man einen Berg besteigt, am nächsten Morgen loszieht, großartiges Bergpanorama inklusive diverser Widrigkeiten. Dazwischengeschnitten sind Interviews mit 15 der Frauen, die von ihrer Geschichte erzählen, davon, wie sie mit der Diagnose konfrontiert worden sind, was sie dabei erlebt haben, wie sie damit umgegangen sind, welche Schwierigkeiten sie hatten, was die Krankheit in ihrem Leben verändert hat und was nicht.

Das hört sich nicht sehr spektakulär an, ist es aber. Denn irgendwie gelingt es, dass die Frauen der Zuschauerin nicht als „andere“ begegnen, als die, die „dieses Problem“ haben, das man selber nicht hat, sondern sie werden zu Vorbildern. Sie sind ganz unterschiedlich, und gerade deshalb erkennt man sich in ihren Schilderungen wieder. Wer hat denn keine Schwierigkeiten damit, sich anderen verständlich zu machen? Wer hat keine Probleme mit dem Aussehen des eigenen Körpers? Wer kennt nicht Schuldfragen gegenüber Kindern oder die Angst vor dem Jobverlust? Wer hat keine Angst vor dem Ungewissen und damit, nicht alles „im Griff“ zu haben?

Deutlich wird dabei, dass Verletzlichkeit und Prekarität, das Angewiesensein auf andere eben gerade etwas Normales ist, und dass man trotzdem „das gute Leben in die eigenen Hände nehmen“ kann, wie es im Begleittext zum Film heißt. Und dass das gute Leben nichts ist, was „trotz“ Krankheit, Unglück, schlechtem Wetter möglich ist, sondern gerade in und durch alle Widrigkeiten hindurch.

Zum Thema Brustkrebs hat Gabriele Schärer schon vor einigen Jahren einen Kurzfilm mit Interviews veröffentlicht, lest hier, was sie dazu sagt.

Ansonsten: Schaut euch den Film an. Er kommt am 19. Oktober in der Schweiz ins Kino, aber vielleicht lässt sich ja auch in Deutschland was organisieren? www.ropeofsolidarity.ch

Keine Ziele haben. Eine Frage zur Grinsekatze im Wunderland.

Foto: fronx (cc by)

Foto: fronx (cc by)

Gestern hatte ich mal wieder eine Begegnung der dritten Art. Damit meine ich Situationen, in denen ich auf Menschen treffe, denen ich das, was ich sagen will, partout nicht vermitteln kann.

Der Witz an der gestrigen Begegnung war nun, dass sie im Rahmen einer Fortbildung stand, die ich genau zum Thema „Ideen anderen vermitteln“ machen wollte. Vielleicht war es ein bisschen naiv von mir, zu glauben, dass es solche Fortbildungen wirklich geben könnte. Jedenfalls stellte sich bei dem Seminar recht schnell heraus, dass die Veranstaltung eigentlich daraufhin konzipiert war, anderen Dinge zu verkaufen. Es ging um Werbung, nicht um Vermittlung von Ideen.

Zum Beispiel diskutierten wir über das Kommunikationsmodell „AIDA“, wonach eine erfolgreiche Kommunikation vier Stationen umfassen muss: Attention (Aufmerksamkeit), Interest (Interesse), Decision (Entscheidung) und Action (Handlung). Ich kann nachvollziehen, dass das Kriterien für eine Werbekampagne sind, denn wenn ich Werbung schalte, will ich damit nicht nur Aufmerksamkeit generieren, sondern auch erreichen, dass es konkrete Folgen hat, also eben zu Handlungen führt.

Vielleicht hängt es mit dem Internet zusammen, dass ich dieses Modell aber nicht mehr für Kommunikation generell akzeptieren kann. In gewisser Weise ist dieser Blog hier ja auch Werbung in dem Sinne, dass es eine Plattform für meine Ideen, Gedanken, Thesen oder Vorschläge sein soll. Und erfolglos wäre der Blog, wenn er nicht die nötige Aufmerksamkeit hätte. Aber schon der zweite Schritt, nämlich das Interesse, ist aus meiner Sicht offen. Denn es gibt Leute, die an meinen Ideen, Gedanken, Thesen oder Vorschlägen nicht interessiert sind, und das ist natürlich ihr gutes Recht.

Wenn also jemand auf diesen Blog kommt und dann feststellt, „das interessiert mich nicht“, würde ich das durchaus als erfolgreiche Kommunikation einordnen. Misslungen wäre die Kommunikation lediglich, wenn jemand, obwohl sie oder er sich inhaltlich eigentlich dafür interessiert, durch die Art der Präsentation abgeschreckt würde, also glaubt, es sei uninteressant für sie oder ihn, obwohl es in Wahrheit doch interessant wäre.

Wie auch immer: Angesichts der schier unendlichen Fülle von Informationen, die mit dem Internet zugänglich sind, ist es wirklich die Pest, wenn durch Marketingkonzepte sozusagen falsche Interessen suggeriert werden, wenn ich also zehn Mal klicken muss, weil ich anfangs denke, dass mich etwas interessiert, nur um dann hinterher festzustellen, dass es mich eben doch nicht interessiert. Ich bin inzwischen sehr, sehr intolerant gegenüber Leuten geworden, die mich so auf falsche Fährten locken und also meine Zeit verschwenden. Umso schlimmer, wenn das mit Absicht geschieht.

Würde ich Kurse zum Ideenvermitteln geben, würde ich in etwa Folgendes raten: Versucht nicht, Leute für das zu interessieren, was euch im Kopf oder wichtig ist, sondern versucht, eure Ideen, Thesen und Vorschläge in eine konstruktive und hilfreiche Beziehung zu dem zu setzen, was andere interessiert. Nur dann könnt ihr nämlich mit gutem Gewissen deren Aufmerksamkeit beanspruchen.

Ein anderes Thema, das während dieser Fortbildung aufkam, war die Frage der Ziele. Ich bin gegen Ziele, weil sie den Raum des Unvorhersehbaren einengen. Ich versuche, mir möglichst keine Ziele zu setzen, sondern offen zu bleiben für Entwicklungen, die ich mir momentan noch gar nicht vorstellen kann (und das Problem an Zielen ist ja, dass sie vom jetzigen Zeitpunkt her die Zukunft definieren wollen).

In diesem Zusammenhang brachte die Seminarleiterin das Beispiel von Alice im Wunderland und der Grinsekatze. Der entsprechende Dialog geht so: Alice trifft auf ihrem Weg durch das Wunderland eben diese Grinsekatze und fragt sie, welchen Pfad sie einschlagen soll. Die Katze antwortet: „Das kommt ganz darauf an, wo du hin willst.“ – „Das ist mir ziemlich egal“, erwidert Alice, woraufhin die Grinsekatze sagt: „Dann ist es egal, welchen Weg Du nimmst.“

Als ich eben wegen des genauen Wortlauts nach dieser Geschichte googelte, stellte ich fest, dass das in Fortbildungen und Coachings offenbar ein weit verbreitetes Beispiel ist, das nicht nur von meiner Seminarleiterin gestern, sondern generell als Parabel dafür genommen wird, wie wichtig es ist, Ziele zu haben, weil man sonst nicht weiß, wo man lang laufen soll.

Ich hingegen hatte die Geschichte spontan ganz anders verstanden, nämlich so, dass wenn ich keine Ziele habe, ich frei bin, jeden beliebigen Pfad einzuschlagen und mich einfach auf das einzulassen, was mich dort erwartet. Mich also von der Zukunft überraschen zu lassen. Das ist jedenfalls bisher meine Praxis, und damit bin ich in den vergangenen 48 Lebensjahren recht gut gefahren.

Jetzt würde mich interessieren, wie diese Episode in der Geschichte von Alice und der Grinsekatze eigentlich im Kontext gemeint ist, aber ich habe keine Lust, die ganze Alice im Wunderland-Geschichte zu lesen. Vielleicht ist es ja auch zweideutig. Und mich würde mal interessieren, wie Ihr das mit den Zielen handhabt und welche Erfahrungen Ihr damit habt.

Alles, was ich machen muss, ist nichts kaputt

Keine Ambitionen: Kwai Chang Caine.

Seit der unvergleichliche Kwai Chang Caine (whatever happened to such Männerbildern?) in einer Kung Fu-Folge neulich die Frage „What are your ambitions?“ mit einem schlichten „I have no ambitions“ beantwortete, geht mir das im Kopf herum. Der Weg des Tao. Keine Ambitionen haben. Yeah. Wie schön.

Und welch ein Kontrast zu den heutigen Imperativen Leistung, Effizienz, Motivation, Commitment.

Aber Caine hat recht: Ambitionen sind zu nichts gut. Sie lenken davon ab, was notwendig ist, weil sie immer das Weltverbessern (das natürlich notwendig ist) mit persönlicher Ehre und Ruhm vermengen. Es ist kein Zufall, dass die Weltretter meistens die Katastrophen erst selbst herbeiführen, die sie dann hinterher wieder fixen müssen.

„I have no ambitions“ – das ist auch ein Männer-Frauen-Ding. Den Frauen war es früher ja erlaubt, keine Ambitionen zu haben, es war sogar die ihnen zugeschriebene Rolle. Heute hingegen stehen, Imperativ der Gleichstellung, vor allem sie in der Pflicht, Ambitionen zu haben. Wo kämen wir denn sonst hin mit der Emanzipation.

Die Männer hingegen dürfen manchmal auch faul sein. Das ist dann sozialkritisch. Sie bejubeln gerne in rhythmischen Abständen das olle Buch „Recht auf Faulheit“. Aber Faulheit ist nur die andere Seite der Medaille. Es ist NICHT das Gegenteil von Ambitioniertsein. Bei beidem steht nämlich das Ego im Zentrum des Handelns (oder Nicht-Handelns), nicht die Welt und ihre Notwendigkeiten.

Ich bin leider oft auch faul und ambitioniert, eben ein Kind meiner Zeit. Aber ich glaube, Kwai Chang Caine, Simone Weil und die anderen Mystiker_innen, die das seit Jahrhunderten predigen, haben Recht: Es ist ein Fehler.

Momentan mache ich jedenfalls gute Erfahrungen damit, mir jedesmal, wenn ich wieder etwas unglaublich Wichtiges zu tun vorhabe, sage: „I have no ambitions.“ Das ist wie eine Befreiung im Geist. Und eine echte Erleichterung. Denn mir wird klar:

Alles, was ich machen muss, ist nichts kaputt.