Ist es besser oder schlechter geworden?

Gerade hat Dorothee Markert in unserem Internetforum bzw-weiterdenken einen kleinen Artikel online gestellt, in dem sie davon erzählt, wie sie vor 25 Jahren dem Leiter eines Museums versucht hat, eine feministische Erkenntnis zu vermitteln und damit kläglich gescheitert ist, und dass jetzt genau so eine Ausstellung, wie sie es sich damals gewünscht hätte, in demselben Museum zu sehen ist.

Das erinnerte mich an eine Diskussion, die wir anlässlich meiner elf Thesen zum feministischem Aktivismus heute neulich bei Facebook hatten über die Frage, ob es mit der Freiheit der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vorwärts gegangen ist oder nicht oder eher sogar rückwärts. Viele waren der Ansicht, ich wäre mit meiner Einschätzung, es sei vorwärts gegangen, zu optimistisch.

Mich lässt das Thema irgendwie nicht los, und vielleicht haben andere dazu ja auch noch Ideen. Wobei es vermutlich doch so ist, dass es in manchen Bereichen besser geworden ist, in anderen Bereichen schlechter. Ich bin der Meinung, darüber könnten wir noch mehr nachdenken, denn eine gute Analyse der Situation ist ja schon wichtig, um zu entscheiden, was nun weiter zu tun ist.

12 Gedanken zu „Ist es besser oder schlechter geworden?

  1. Vor ein paar Tagen dachte ich daran, wie mich in meiner Kindheit meine Mutter einmal darauf hinwies, dass es jetzt eine Straßenbahnfahrerin in Heidelberg gebe. Später gab es dann drei. Für meine Mutter war es ein Ereignis und ein großer Fortschritt. Heute sind Straßenbahnfahrerinnen eine Selbstverständlichkeit.

    (Ich könnte noch mehr Beispiele nennen.)

    Andererseits habe ich den Eindruck, dass die Rosa-Hellblau-Dichotomie schlimmer ist als früher. Ich wüsste gern woran das liegt – vielleicht daran, dass es trotz der Erfolge oder vielleicht sogar wegen ihnen, extrem wichtig geworden ist, weibliche Identität zu beweisen?

  2. Zu Ihrem Kommentar Antje – „Ist es besser oder schlechter geworden?“ – könnte man ein Buch verfassen. Nach dem letzen Absatz Ihres Artikels könnte man dieses Thema als darstellen.
    Aber nicht mehr heute. Vielleicht sehen das andere Leserinnen ähnlich.
    Da ich gestern einen „Ausraster“ gegen einen männlichen Menschen mit einem dreifachen Doktortitel hatte, wenn auch zum größten Teil berechtigt, muss ich mich erst erholen. Aber reagiert hat dieser Mann einfach vorbildlich, wie ich es mir von manchem wünschen würde.
    Also Gute Nacht.

  3. Verdammt, warum verschwinden die von mir in Klammern gesetzen Worte immer. Also Das Thema sollte behandelt werden als “ These – Synthese- Antithese. „So, jetzt bin ich gespannt.
    Entschuldigung für diesen Aufwand.

  4. Ein anderer Effekt besteht möglicherweise darin, dass Dinge, die hart umkämpft waren, heute für selbstverständlich gehalten werden, und zwar mit gutem Grund, denn sie sollten selbstverständlich sein. Und dann fällt auf, dass anderes, was eigentlich auch selbstverständlich sein sollte, noch nicht erreicht ist.

  5. Oder die Dichotomie schwarz – weiss.
    Dass es immer mehr Frauen in den sogenannten Männerberufen gibt, finde ich, ist ein sehr großen Fortschritt.
    Vergessen wir aber dabei nicht, dass Frauen meistens bedeutend mehr leisten müssen, um überhaupt so einen Job zu bekommen. Sie werden auch heute immer noch auf die“ Probe“gestellt und meistens bedeutend schlechter bezahlt, wie übrigens die meisten Frauen.
    In der ehemaligen DDR war es übrigens schon vor Lichtjahren gängig, dass Frauen in Männerberufen arbeiteten. Dagegen sind wir hier “ im Westen“, wie es auch noch heute so oft heisst – ein Entwicklungsland.
    Dass mir allerdings so eine Frau als Kanzlerin vorgesetzt wird, die auch noch zum großen Teil von Frauen gewählt wird, kann ich bis heute nicht nachvollziehen.
    Wahrscheinlich haben diese Frauen den großen Traum vom Erfolg.
    Mir kommt diese Person immer wie ein ABM Massnahme vor.

    Da ich in meinen wichtigsten Jahren in Frankreich gelebt habe, kann ich nicht beurteilen, wie genau die Situation in Deutschland zu dieser Zeit war. In Frankreich hatte ich immer eine sehr gut bezahlte Arbeit.
    Mitte der 8o er Jahre, als ich zurückkam, hatte ich auch hier keine Schwierigkeiten von jetzt auf gleich einen guten Job – mit allem Pipapo (Sozialabgaben ) zu bekommen.

    Heute haben Frauen mit 2 oder auch mehr Kindern oft 2 Jobs oder sogar 3, von denen sie nicht existieren können und bekommen noch – wie heißt es – öffentliche Zuschüsse.
    Das ist also nicht nur schlechter geworden – sondern hat sich inzwischen zu einer Situation ausgewachsen, die menschenunwürdig ist.
    Gegen die Ausbeutung dieser Frauen sollten vor allem die Feministen auf die Strasse gehen. Artikel und Kommentare helfen da wenig.
    Also“ last but not least“ ich finde die Situation der Frauen, die in stink normalen Berufe arbeiten müssen, beschissen.

  6. „….ob es mit der Freiheit der Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vorwärts gegangen ist oder nicht oder eher sogar rückwärts.“

    Scheint gar nicht so einfach Fort- wie Rückschritte „die Freiheit der Frauen“ betreffend zu benennen?
    Was meine Generation erkämpft hat wie z.B.Bildung, freie Berufswahl / Berufstätigkeit, sexuelle Selbstbestimmung, Reform des §218, Befreiung von Rollenklischees und damit verbunden emanzipativere und achtsamere Erziehung von Kindern,
    ist für meine Töchter-Generation selbstverständlich geworden..
    Als Rückschritt betrachten sie den heutigen Zwang zur Erwerbsarbeit, die ihre Freiheit zum selbst bestimmten Leben beschneidet. Das gilt aber auch für meine Söhne, die sich im Hamsterrad der Erwerbsarbeit alles andere als frei erleben.

  7. „Ich bin der Meinung, darüber könnten wir noch mehr nachdenken, denn eine gute Analyse der Situation ist ja schon wichtig, um zu entscheiden, was nun weiter zu tun ist.“
    Ja, finde ich auch.
    Die Freiheit vieler Frauen und Männer wird heute von „der Wirtschaft, dem sog. freien Markt“ ganz wesentlich bestimmt.
    Direkte Mitgestaltung der eigenen Lebensräume/Zusammenhänge wie z.B. Gesundheitsversorgung, Energieversorgung, Bildung, Mobilität, Raum/Wohnbebauung……. ist in der parlamentarischen Demokratie nicht vorgesehen.
    Die vielbeschworenen mündigen Bürger_innen können lediglich auf die meist vorgefertigten Konzepte der gewählten Volksvertretung reagieren und in aufreibenden Prozessen (auch juristischen) die kostbare Lebenszeit verschwenden (siehe Stuttgart21, Berliner Flughafen, Energiewende, Verkehrspolitik…..)
    Vielen fehlt es überhaupt an Zeit, um die so hochnotwendige Demokratiearbeit mit leisten zu können und diejenigen, die über Zeit verfügen, haben resigniert (z.B.Montagsdemonstrationen gegen HartzIV)

    Die Idee einer repressionsfreien Grundsicherung, wie wir sie hier in Antjes Blog ja schon öfters diskutiert haben, halte ich immer noch für einen notwendigen Schritt in Richtung ’solidarischer Ökonomie‘.

    Der sog. ‚freie Markt‘, der die Freiheit von Frauen und Männern bestimmt, gehört von allen Menschen in Freiheit gestaltet.

  8. „Die größte Leistung aber ist: Wann immer die Frage aufgeworfen wird, warum Tunesien im Vergleich zu den Nachbarstaaten so gut da steht, wird auf den großen Einfluss der Frauen verwiesen.“

    http://www.fr-online.de/meinung/arabischer-fruehling-wenig-arabellion-fuer-frauen,1472602,29476214.html

    Zwar ist die Situation der Frauen im arabischen Raum nicht mit der hiesigen vergleichbar. Was aber hier durch das Engagement der Frauenbewegung für Frauen besser geworden ist, ist die Enttabuisierung von innerfamiliärer Gewalt und sexuellem Kindesmissbrauch. Das hat so etwas wie eine geistig-moralische
    Wende in Gang gesetzt und dieser Entwicklungsprozess
    trägt mit dazu bei, dass heute Frauen und Männer ihre Beziehungen
    nicht mehr hierarchisch, sondern partnerschaftlich(er) ansehen und leben.
    Bezüglich der Wahl der Lebensformen ist es heute für Frauen ebenfalls besser. Sie erfahren keine gesellschaftliche Ächtung mehr
    durch die Geburt sog. uneheliche Kinder.

  9. @Antje – Wundere mich über die geringe Resonanz zu diesem Beitrag.
    Liegt es an fehlendem Wissen über die Geschichte von Frauen?
    Fort- und Rückschritte der Freiheit von Frauen können ja nur im Rückblick auf die Geschichte von Frauen gesehen werden.

    Was vermutest du?

  10. @Ute – Ja, gute Frage. Allerdings hatten viele ihr Pulver schon in den Facebook-Kommentaren verschossen. Ich bedauere das auch, dass sich Debatten immer mehr zwischen Blog, Twitter und Facebook aufblättern, aber das ist wohl nicht zu ändern…

  11. Ich möchte gern zwei Beispiele beisteuern, die ich einmal in der Berliner Woche (vom 3.1.15) und zum anderen in der Berliner Zeitung (vom 5.1.15) gefunden habe.

    Zum Analysieren fehlt mir allerdings zur Zeit: die Zeit. (Bin in einem neuen Job und ziemlich absorbiert von all dem Neuen, was auf mich einströmt.)

    In der Berliner Woche fand ich folgenden Beitrag:
    „Jobabsage unzulässig. Schulpflichtiges Kind darf kein Hindernis sein“.
    Es geht um ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Hamm. In dem Fall hatte eine Bewerberin ihre Unterlagen zurückbekommen. „Im Lebenslauf war mehrmals handschriftlich vermerkt worden, dass ihr Kind sieben Jahre alt ist.“

    Die Bewerberin sah sich diskriminiert und erhob Klage. „Die Richter sahen in der Ablehnung eine mittelbare Diskriminierung wegen ihres Geschlechtes“ und sprachen ihr eine Entschädigung zu.
    „Da nach wie vor Frauen die Betreuung ihrer Kinder häufiger übernehmen als Männer, sei die Frau mittelbar wegen ihres Geschlechts bei der Bewerbung für die Stelle benachteiligt worden.“
    Zum einen fand ich das Urteil gut, zum anderen zeigt die Begründung auf, wo es noch besser werden kann: bei der Betreuung der Kinder.

    Bei dem Artikel in der Berliner Zeitung geht es um die Vergewaltigung einer Japanerin in Indien. „Zwei Brüder wurden …wegen der wiederholten Vergewaltigung einer 22-jährigen japanischen Touristin festgenommen, die sie demnach drei Wochen lang unter Waffengewalt in einem unterirdischen Raum festgehalten und sexuell missbraucht hatten.“

    Ich las weiter folgenden Abschnitt:
    „Drei Männer sollen die Frau zuvor unter Druck gesetzt haben…Das Trio hatte die 22-jährige Studentin …angesprochen. Die Männer überredeten sie, 76.000 Rupien – umgerechnet etwa tausend Euro – abzuheben, mit ihnen zur etwa 500 Kilometer entfernten, heiligen buddhistischen Stätte Bodh Gaya zu reisen und ihnen dort das Geld auszuhändigen.“

    Ich ertappte mich dabei, dass ich dachte „wie blöd ist das denn“. Als ich dann jedoch über den Artikel nachdachte, ärgerte ich mich über die Art der Darstellung – dass es eben genau so rübergekommen ist: die Frau ist selbst schuld.

    Das erinnerte mich an die Sache mit der Definitionsmacht: https://antjeschrupp.com/2012/11/14/definitionsmacht/

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