Stoff zum Lesen

Hier sind drei Bücher, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe und euch empfehlen möchte.

„Die Argonauten“ von Maggie Nelson ist schon vor zwei Jahren erschienen. (Korrektur: Das Original ist vor zwei Jahren erschienen, die deutsche Übersetzung ist neu) : Der Verlag hat mir das Buch zugeschickt mit dem Hinweis, es könnte mich interessieren, vermutlich wegen meiner Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen – und tatsächlich war dem auch so. Maggie Nelson erzählt die Geshcichte einer quasi doppelten Körpererfahrung: Sie selbst ist schwanger, ihr Ehemann Harry Dodge durchläuft eine Testosterontherapie und geschlechtsangleichende Operation, wobei es dann auch um das Familienleben mit Harrys Sohn geht, den er zuvor selbst geboren hatte. Also eine sehr spannende Geschichte um Geschlecht als sowohl körperliche Erfahrung als auch soziale Konstruktion, und das Ganze so intelligent wie unterhaltsam erzählt mit jeder Menge philosophischer Referenzen. Also wirklich nach meinem Geschmack und vielleicht auch nach eurem. (Maggie Nelson: Die Argonauten, Hanser 2015, 20 Euro, 188 Seiten)

„Fa(t)shionista“ von Magda Albrecht ist gerade eben erst erschienen und enthält quasi die Theorie zum Fat-Activism, für den Magda nun schon seit längerem bekannt ist. Ein richtig gutes und empfehlenswertes Einführungsbuch in das Thema Dickendiskriminierung. Es geht sowohl um Informationen (Wie valide sind die Studien zur Gefährlichkeit von hohem Körpergewicht eigentlich? Welche Diskurstradition haben wir zu diesem Thema? Welche politischen Initiativen und Akteur_innen gibt es und was sagen die?) als auch um politische Einschätzungen und Bewertungen. Zwischendurch erzählt die Autorin ihre eigene Geschichte als dickes Kind und macht auf diese Weise nachvollziehbar, wo die Probleme liegen: nämlich vor allem darin, dass die Dickenfeindlichkeit unserer Kultur den Betreffenden Unmengen Probleme macht, die – ganz egal für wie problematisch man das Dicksein selbst halten mag – offensichtlich kontraproduktiv sind. Also: lehrreiche und Augen öffenende Lektüre!  – PS. über mein eigenes Dicksein hatte ich schonmal gebloggt (Magda Albrecht: Fa(t)shionista. Ullstein  2018, 16 Euro, 331 Seiten).

„Zukunftsmodell Grundeinkommen?“ von Werner Rätz und Dagmar Paternoga ist ein schmales Bändchen, das in der Reihe „AttacBasisTexte“ handlich und übersichtlich die Idee eines emanzipatorischen Grundeinkommens vorstellt. Es stellt die Philosophie hinter einem Grundeinkommen sowie die gängigen Konzepte und maßgeblichen Akteure und Akteurinnen vor, setzt sich mit den wichtigsten Gegenargumenten auseinander und skizziert praktische politische Wege, wie wir dahin kommen könnten. Ein sehr guter Einstieg für alle, die sich für das Thema interessieren, aber sich in den Argumenten noch nicht ganz fit fühlen und sich erst einmal einen Überblick verschaffen wollen. (Werner Rätz/Dagmar Paternoga: Zukunftsmodell Grundeinkommen? AttacBasisTexte 50, VSA-Verlag 2017, 7 Euro, 94 Seiten).

Beziehungsweise Revolution – müsst ihr lesen!

Was ist mit der Revolution? Gibt es die noch, oder ist das Projekt abgesagt? Was ist zu beachten, wenn man sich im politischen Engagement nicht von der Idee verabschieden möchte, es könnte auch einmal eine grundsätzliche Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse geben, die zu mehr Freiheit, mehr Gleichheit, mehr…

Ja, die Sache mit der Brüderlichkeit. Die wurde doch sehr vernachlässigt. Tonnen von Büchern sind geschrieben worden, die sich umfassend mit den Fragen der Freiheit oder der Gleichheit oder von beidem in ihrem Wechselverhältnis beschäftigen. Aber keine über die Brüderlichkeit. Die Brüderlichkeit spielt in linker Theorie keine Rolle.

Es ist fast lustig, aber eigentlich auch naheliegend, dass ausgerechnet eine Feministin jetzt den Anfang macht, um diese Lücke zu schließen. Schließlich hat sich der Feminismus mit Beziehungen und „Beziehungsweisen“ ausgiebigst beschäftigt, aber das aus naheliegenden Gründen nicht unter der Überschrift „Brüderlichkeit“. Und damit eben auch nicht unter der Überschrift der Revolution.

Adamczaks These ist, dass alle drei Aspekte notwendig sind, um Revolutionen gelingen zu lassen.

Führt Freiheit ohne Gleichheit zu Ausbeutung und Unterdrückung, so führt Freiheit ohne Solidarität zu Individualisierung. Führt Gleichheit ohne Freiheit zu Zwangskollektivierung bzw. Homogenisierung, so führt Gleichheit ohne Solidarität zu Bindungslosigkeit bzw. Autoritarismus.

Während die Revolution von 1917 die Gleichheit ins Zentrum stellte und die von 1968 die Freiheit, gab es noch keine Revolution, die sich programmatisch um „Beziehungsweisen“ drehte. Wobei eben auch dieser Aspekt nicht ohne die anderen auskommt.

Das Gleiche lässt sich antizipativ auch für Konstellationen sagen, in denen die Solidarität bestimmend ist: Solidarität ohne Gleichheit führt in den Paternalismus, Solidarität ohne Freiheit in Loyalität und repressive Vergemeinschaftung.

Wobei genau das in der Tat bei manchen Strömungen des Feminismus passiert ist.

Beim Lesen dieses Buches, was ruckzuck innerhalb weniger Tage ging, fühlte ich mich „theoretisch zuhause“ wie lange nicht: Endlich sind mal linke und feministische Basics gleichermaßen selbstverständliche Grundlage der Argumentation. Und nicht nur das, auch der Anarchismus, der in Bezug auf „Beziehungsweisen“ oft hellsichtiger war als der Marxismus, ist dabei. Selbst für mich war streckenweise das konsequente generische Femininum („Alle anwesenden Expertinnen waren sogenannte Männer“) eine Herausforderung beim Lesen. Und gleichzeitig erfährt man viel Interessantes über die Revolutionen, speziell über die von 1917. Dazu ist das Buch noch streckenweise regelrecht amüsant zu lesen, wenn auch nicht leicht.

Ich halte dieses Buch wirklich für einen Meilenstein, und ich denke, niemand sollte mehr über „Revolution“ sprechen, ohne es gelesen zu haben und sich zu den hier entfalteten Thesen zu positionieren. Wer dahinter zurückfällt ist out.

Was natürlich nicht heißt, dass ich mit allem einverstanden bin. Wie meistens bei queerfeministischen Autorinnen fehlt mir etwa die Berücksichtigung des Schwangerwerdenkönnens. Wenn Adamczak zum Beispiel schreibt:

Aus dieser revolutionären Perspektive … erscheinen alle Identitäten, die die Geschichte der Herrschaft den jeweils Lebenden vor die Füße geschleudert hat, als Reichtum potenzieller Existenzweisen, den diese sich aneignen können, um die Fragen zu beantworten: Wie wollen wir leben, wer wollen wir werden, durch welche Beziehungen wollen wir existieren?

Dann füge ich an: Die Möglichkeit, schwanger werden zu können (was ja eine sehr wesentliche Beziehungsweise ist) können sich eben nicht alle Menschen aneignen, und bei etwa der Hälfte der Menschheit ist das schon bei ihrer Geburt klar. Die Differenz zwischen möglicherweise Schwangerwerdenkönnenden und sicher Nichtschwangerwerdenkönnenden ist nicht sozial konstruiert, sie ist biologisch, ein realer Unterschied, der sich nicht dekonstruieren lässt, und mit dem Gesellschaften, auch revolutionäre, umgehen müssen.

Aber ohnehin erschien mir das Buch im letzten Kapitel, in dem die „Beziehungsweisen“ ausbuchstabiert werden, noch unfertig und etwas ausfransend. Hier wäre nun viel Gelegenheit, auf die umfangreiche theoretische Arbeit gerade zu einer Politik der Beziehungen (etwa im italienischen Differenzfeminismus und seinen deutschsprachigen Partnerinnen) zurückzugreifen. Vieles von dem hier Angerissenen ist dort bereits diskutiert und bearbeitet worden.

Vielleicht machen wir die nächste Revolution ja zusammen.

(PS: Das Buchcover ist in Wirklichkeit lila und nicht blau !)

Feminismus-Comic: Jetzt auch auf Englisch!

Den Feminismus-Comic, den Patu und ich vor zwei Jahren beim Unrast-Verlag herausgebracht haben, gibt es jetzt auch auf Englisch, übersetzt von Sophie Lewis!

This graphic novel is one of the best guides to world history I’ve seen…

—schreibt ein Rezensent, und auch die Verlagsankündigung ist ziemlich knorke:

The history of feminism? The right to vote, Susan B. Anthony, Gloria Steinem, white pantsuits? Oh, but there’s so much more. And we need to know about it, especially now. In pithy text and pithier comics, A Brief History of Feminism engages us, educates us, makes us laugh, and makes us angry. It begins with antiquity and the early days of Judeo-Christianity. (Mary Magdalene questions the maleness of Jesus’s inner circle: “People will end up getting the notion you don’t want women to be priests.” Jesus: “Really, Mary, do you always have to be so negative?”) It continues through the Middle Ages, the Early Modern period, and the Enlightenment (“Liberty, equality, fraternity!” “But fraternity means brotherhood!”). It covers the beginnings of an organized women’s movement in the nineteenth century, second-wave Feminism, queer feminism, and third-wave Feminism.

Along the way, we learn about important figures: Olympe de Gouges, author of the “Declaration of the Rights of Woman and the Female Citizen” (guillotined by Robespierre); Flora Tristan, who linked the oppression of women and the oppression of the proletariat before Marx and Engels set pen to paper; and the poet Audre Lorde, who pointed to the racial obliviousness of mainstream feminism in the 1970s and 1980s. We learn about bourgeois and working-class issues, and the angry racism of some American feminists when black men got the vote before women did. We see God as a long-bearded old man emerging from a cloud (and once, as a woman with her hair in curlers). And we learn the story so far of a history that is still being written.

Hier der Link zum Verlag der englischen Ausgabe

Natürlich gibt es das Buch auch weiterhin auf Deutsch

Hardcover | $14.95 | £12.95 |  ISBN: 9780262037112
eBook | $10.95 |  ISBN: 9780262343503
(Bei Amazon gibt’s ihn auch bald, für dann 14,99 €)
Rezensionen

Postkoloniale Politikwissenschaft oder: Was ich im Studium nicht gelernt habe.

Als ich in den späten 1980ern, frühen 1990ern Politikwissenschaft studierte, war darin von „Postkolonialismus“ noch keine Spur zu finden. Deshalb habe ich mich über einen neuen Sammelband gefreut, der die verschiedenen Auswirkungen und Einwirkungen von „Postkolonialismus“ auf das Fach umreißt.

Bei Sammelbänden ist es immer schwierig, Rezensionen zu schreiben, weil die einzelnen Beiträge natürlich sehr unterschiedlich sind. Daher notiere ich hier nur einige Stichpunkte, in denen ich festhalte, was für mich neu und überlegenswert war.

postkolDie mehrfachen Verweise auf die Haitianische Revolution von 1790 und die damals formulierte Verfassung, die die neben der amerikanischen und französischen die dritte Erklärung in diesen Jahren war, die versucht hat, universale Menschenrechte zu formulieren. Nur im Unterschied zu diesen beiden anderen unter Einbeziehung der Freiheit von ehemals Versklavten. Es ist tatsächlich der Hammer: Im Politikstudium habe ich von der Haitianischen Revolution NICHTS erfahren, während die amerikanische und französische natürlich rauf und runter genudelt wurden.

Etwas klarer geworden ist mir das antagonistische Verhältnis zwischen Postcolonial und After-Shoah-Studies, also letztlich die Frage nach der Singularität des Holocaust und wie sie sich zu den Völkermorden und Versklavungen der Kolonialgewalt verhält. Lässt sich da die Rede vom Holocaust als „Zivilisationsbruch“ noch aufrecht erhalten? Oder muss man nicht vielmehr sagen, dass der Holocaust diesen westlichen Weg der Versklavung und Vernichtung als „anderer“ markierter Menschengruppen, der eben schon lange vorher begann und dem westlichen Freiheitsdenken inhärent ist, lediglich auf die Spitze getrieben hat?

Interessant fand ich die Neuinterpretation von Frantz Fanon, der mir im Studium als Theoretiker der Gewalt natürlich begegnet ist, aber ich habe nie realisiert, dass er aus einer Schwarzen Perspektive schreibt. Ich meine, ich wusste zwar irgendwie, welche Hautfarbe er hat, aber ich gab dem keine Bedeutung.

Hiflreich auch die Überlegungen zur Frage, wie postkoloniale Theorie helfen kann, den gegenwärtigen „Islamdiskurs“ zu verstehen und vielleicht in fruchtbarere Dimensionen zu geleiten: Dies übrigens auch ein Beispiel für die Fähigkeit zur Selbstkritik, denn hier wird die Frage gestellt, inwiefern eine berechtigte postkoloniale Kritik an der Stereotypisierung „des Islam“ andererseits nicht auch als Legitimation patriarchaler Gewalt herhalten kann, wenn sie diese nicht gleichzeitig anprangert.

Ich könnte hier jetzt noch lange weitermachen, es gibt interessante Einzelstudien, zum Beispiel eine postkoloniale Analyse der Aufarbeitung des NSU-Komplexes, Studien zu Indien, Afghanistan, Bolivien, Ruanda, Ghana, und so weiter.

Sehr aufgefallen ist mir in allen Beiträgen die enge Verbindung zwischen feministischer und postkolonialer Analyse, die ja auch auf der Hand liegt, weil es beides Mal darum geht, die Sich-zur-Norm-Setzung des weißen Mannes zu durchbrechen und sich zwischen Egalität und Abgrenzung eine eigene Subjektperspektive zu erobern. Es ist deshalb auch kein Wunder, dass die postkoloniale Politikwissenschaft weiblich dominiert ist: Unter den Beitragenden des Sammelbandes sind 14 Frauen (davon 6 of Color) und 6 Männer (davon 4 of Color) – jedenfalls nach einer schnellen auf den Namen basierten Recherche, im Einzelfall kann ich mich bei der Einschätzung irren, sicher aber nicht im generellen Verhältnis. Diese Verbindung hätte ich mir noch ein bisschen expliziter herausgearbeitet gewünscht.

Ansonsten ist das Ganze natürlich ein akademisches Buch, nichts, was man so nebenbei mal vorm Einschlafen liest, aber wirklich empfehlenswert, wenn man sich mal einen Einstieg in dieses Thema verschaffen möchte. Für Politikwissenschaftler_innen, die sich mit Postkolonialismus nicht besonders gut auskennen, ist es aus meiner Sicht ein Muss.

Aram Ziai (Hg): Postkoloniale Politikwissenschaft. Theoretische und empirische Zugänge. Transcript, Bielefeld 2016, 401 Seiten, 29,99 Euro.

 

Anarchismus und Geschlechterverhältnisse

Philippe Kellermann hat ein Buch herausgegeben über „Anarchismus und Geschlechterverhältnisse“ – Teil 1 (ein zweiter ist offenbar zu erwarten). Ich habe dafür noch einmal ausführlich das Thema „Feminismus und die Politik von Frauen in der Pariser Kommune“ aufgeschrieben, aber es gibt außerdem zahlreiche andere lesenswerte Texte in dem Band.

anarchismus_und_geschlechterverhaeltnisse_1In diesem Blog habe ich ja schon öfter über den fahrlässigen Umgang von anarchistischer Theoriebildung mit dem Erbe Proudhons gemeckert, hier ist endlich mal ein lesenswerter Text dazu drin: „Die Ökonomie der Liebe oder Pierre-Joseph Proudhons Frauenfrage“ von Werner Portmann. Portmann stellt nicht nur klar, dass Proudhons Frauenhass – erstens – nicht einfach zeitbedingt war, sondern auch für seine Zeit besonders krass (und entsprechend auch bei seinen politischen Verbündeten für Irritationen sorgte) und dass er – zweitens – eine zentrale Rolle für Proudhons politische Theorie spielte und daher nicht einfach „herausgekürzt“ werden kann. Der Beitrag bietet auch eine ideengeschichtliche Einbettung und versucht, zu erklären, woher diese extreme Einstellung bei Proudhon kommt und wie sie in einen ideengeschichtlichen Diskurs eingebettet ist.

Aktuell ist das, weil sich hier bereits etwas abzeichnet, das auch heute noch eine Rolle spielt, nämlich ein „antifrauenemanzipatorischer Unterschichtenreflex“, eine Abneigung des „kleinen Mannes“ gegen „bessergestellte emanzipierte Frauen“ wenn ich das mal etwas unfertig so formulieren kann, was sich in Proudhons Verhältnis zu George Sand zeigt. Dieses diskursive Feld von „Frauenemanzipation ist was für Bessergestellte und Intellektuelle, die keine anderen Sorgen haben, aber der gesunde Menschenverstand der normalen Leute fällt nicht darauf rein“ ist auch heute noch leicht zu aktivieren, nicht nur bei Pegida und AfD, sondern auch in zahlreichen anderen kulturellen Milieus. Er wird bei antifeministischen Bedarf auch gerne in den Feuilletons aktiviert, wenn es gegen „zu viel Radikalität“ geht. Von daher ist das alles nicht nur ein historisches Thema.

Ebenfalls interessant fand ich die beiden Texte über Elisée Reclus (von John Clark, leider zu kurz) und Gustav Landauer (von Siegbert Wolf), zwei anarchistische Vordenker mit feministischen Anliegen und Ideen. Besonders Landauers „Differenzfeminismus“, der auch an die jüdische Philosophie angelehnt ist und Berührungspunkte mit dem Denken Margarete Susmanns und natürlich dem seiner Lebensgefährtin Hedwig Lachmann aufweist, verdient eigentlich noch nähere Betrachtung.

Mir wurde beim Lesen wieder einmal klar, wie breit gefächert das diskursive Feld zu der Frage „wie weibliche Freiheit entsteht“ vor hundert Jahren noch war. Das macht mich ein bisschen sehnsuchtsvoll. Natürlich ist es schön, dass wir heute im Sinne der Emanzipation und der Gleichberechtigung weiter gekommen sind. Allerdings ist die Palette des Sagbaren und Denkbaren dabei durchaus auch eingeschränkt worden, und zwar leider oft ohne, dass das, was als „selbstverständlich“ oder „unhintergehbar“ behauptet wird, tatsächlich mit einer entsprechenden kulturellen Praxis unterfüttert wäre. Gerade zurzeit wirkt die Emanzipation der Frauen für mich oft wie ein Kartenhaus, das „der Westen“ sich errichtet hat, aber ohne es ausreichend zu befestigen und zu verankern, sodass es beim leisesten Windzug wieder umgeblasen werden kann. Auch diesen Text fand ich jedenfalls aktueller als vermutet.

Die beiden Aufsätze „Die Konstruktion von Maskulinität in der spanischen Arbeiterbewegung“ (von Richard Cleminson) und „Mann aus Stahl. Männlichkeits- und Weiblihckeitsbilder in der anarchistischen Literatur des Spanischen Bürgerkriegs“ (von Martin Baxmeyer) fand ich etwas zu beispielhaft und punktuell, zu dem Thema hätte ich mir mehr Analyse gewünscht. Zum Beispiel würde ich gerne wissen, inwiefern sich Männlichkeitskonstruktionen im anarchistischen Milieu von denen in anderen Milieus unterscheiden oder unterschieden haben. Aber die historische Männlichkeitsforschung steckt halt noch in den Kinderschuhen.

Unbekannt war mir bisher E. Armand (Künstlername von Ernest Juin), der 1922 so eine art libertinären sexfreizügigen Klub gegründet hat „E. Armand und die „Liebeskameradschaft“. Revolutionärer Sexualismus und der Kampf gegen die Eifersucht“ heißt der Beitrag von Gaetano Manfredonia und Francis Rosin. Armands Projektversuch ist ein interessantes Beispiel dafür, wie sich das männliche Begehren nach leichterem Zugang zu Sex in einer revolutionäre Theorie kleidet und damit legitimiert. Armands Projekt scheiterte unter anderem daran, dass, welch Wunder, sein Club nicht genügend weibliche Mitglieder fand. Auf den Gedanken, dass ein Konzept von „freier Liebe“ vielleicht nicht allein von Männern erdacht werden kann, sondern dass dabei auch das Begehren von Frauen dabei mit einbezogen werden müsste, zumindest wenn es nicht um homosexuelle „Liebeskameradschaften“ gehen soll, kam Herr Armand nicht. Ein trauriger Vorschein auf entsprechende Defizite bei den 68ern. Jedenfalls: Wenn jemand mal eine Forschungsarbeit macht zum Thema „vielversprechende Männerideen, die aufgrund von Ignoranz gegenüber der weiblichen Differenz leider gescheitert sind“, bitte E. Armand nicht vergessen!

Schließlich gibt es in dem Buch neben mir auch noch eine zweite Autorin: Vera Bianchi schreibt über „Anarchistinnen, Humanismus und Geschlechterverhältnis: Die Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“. Auch bei diesen spanischen Anarchistinnen finden sich, ähnlich wie bei Landauer, interessante differenzfeministische Gedankengänge, die sich vom bürgerlichen Emanzipationismus abgrenzen und auf diese Weise auf den ersten Blick an die heutige Diskussion nicht mehr anschlussfähig scheinen – aber vielleicht, wenn man weiter in die Tiefe ging, robustere Wege zur Freiheit der Frauen weisen könnten, als der aktuelle Status Quo.

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismus und Geschlechterverhältnisse, Band 1. Edition AV, Lich 2016, 201 Seiten, 16 Euro.

 

Die Feministin und ihre patriarchalen Traditionen

Wie gehen wir als Feministinnen mit den patriarchalen Traditionen und Kulturen um, in denen wir (fast alle) aufgewachsen sind? Diese Frage stellt sich immer wieder mal. Mir wurde sie explizit bei einer Veranstaltung kürzlich gestellt, bei der es um Geschlechtergerechtigkeit in Christentum und Buddhismus ging, wobei ich den christlichen Part auf dem Podium übernommen hatte.

Konfuzius. Foto: Antje Schrupp

Einer von den ganz Schlimmen: Konfuzius. Beachtet die Fingernägel! Foto: Antje Schrupp

Vermutlich weil ich recht harsch über die frauenfeindlichen Anteile meiner Religion gesprochen hatte, fragte mich der Moderator an einer Stelle, warum ich denn überhaupt christlich sei, und spontan antwortete ich mit zwei Bedingungen, die dafür entscheidend sind.

Im Nachhinein glaube ich, dass es tatsächlich die zwei entscheidenden Bedingungen dafür sind, wie man sich als Feministin in einer patriarchalen Tradition verorten kann, das heißt, ihre positiven und inspirierenden Anteile aufgreifen ohne ihre frauenverachtenden Anteile kleinzureden oder zu verharmlosen.

Bedingung 1: Ich brauche weibliche „Zeuginnen“, das heißt, ich orientiere mich bei meiner Annäherung an anderen Frauen, an der Art und Weise, wie sie sie verstanden, ausgelegt und ausgelebt haben. Konkret: Wenn nur Männer das Christentum verteidigen würden, wäre es für mich uninteressant. Da es aber auch sehr viele Frauen gibt und gab – angefangen von den ersten Auferstehungszeuginnen über die vielen Theologinnen durch die Jahrhunderte hinweg bis zu interessanten Christinnen heute – denke ich mal, dass nicht alles am Christentum schlecht sein kann. (Aus ähnlichen Gründen beachte ich auch rein männlich besetzte Podien oder Veranstaltungen nicht. Mir fehlt die weibliche Zeuginnenschaft dafür, dass es sich lohnt, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken).

Bedingung 2: Die weibliche Freiheit zählt mehr als Loyalität zur Religion. Das heißt, meine Bereitschaft, mich für die Antworten einer Religion oder Philosophie zu interessieren und mich ernsthaft mit ihnen auseinander zu setzen, auch und gerade meiner eigenen, endet da, wo sie die Freiheit der Frauen negiert. Wenn religiöse Regeln/Thesen auf der einen Seite und die Freiheit der Frauen miteinander in Konflikt kommen, dann zählt für mich die weibliche Freiheit mehr. Bei der Veranstaltung sagte ich das so: „Ich glaube an Jesus Christus, wenn das mit der Freiheit der Frauen vereinbar ist. Wenn nicht, dann glaube ich nicht an ihn.“

Das Gute an diesem Perspektivenwechsel ist, dass ich mich mit Argumenten wie: „Aber die Frauen müssen das und das, das steht doch in der Bibel“ nicht mehr beschäftigen muss, denn im Zweifelsfall ist eben das, was in der Bibel steht, falsch. Was nicht heißt, dass ich nicht drüber nachdenken würde, zumal wenn es Frauen gibt, die das, was da in der Bibel steht, verteidigen und gut finden. Aber falls ich zu dem Schluss komme, dass es mit der weiblichen Freiheit nicht vereinbar ist, sticht dieses Argument eben das andere.

Gleichzeitig bin ich von der Verpflichtung befreit, mich im Detail und intensiv mit den männlichen Texten dieser Tradition zu beschäftigen. Ich kann, wenn ich will, aber es ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich die Frauen lese. Ich muss mir auch nicht überlegen oder die Frage beantworten, ob das, was ich dann daraus mache, nun noch „christlich“ ist oder nicht. Das ist mir nämlich egal. Das ist eine ziemlich befreiende und im übrigen auch kreative und fruchtbare Herangehensweise an eine Tradition, jedenfalls ist das meine Erfahrung.

Zufälligerweise habe ich parallel zu diesen Überlegungen und aus ganz anderen Gründen zwei Bücher gelesen, die sich ebenfalls mit stark patriarchalen Weltanschauungen auseinandersetzen, und zwar Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden“ sowie Michael Schuman: „Konfuzius. Der Mann und die Welt, die er schuf“.

Beide gehen mit den frauenfeindlichen Anteilen der von ihnen analysierten Weltanschauungen sehr unterschiedlich, fast entgegengesetzt um: Sineb El Masrar argumentiert, dass der Islam nicht zu gebrauchen ist, solange es in ihm frauenfeindliche Anteile gibt, weshalb es ihrer Ansicht nach die Hauptaufgabe von Muslimen und vor allem Musliminnen sein muss, seine frauenfeindlichen Anteile zu bekämpfen. Michael Schuman will hingegen den Nachweis erbringen, dass die inhärente Frauenfeindlichkeit im Konfuzianismus (der er, immerhin, ein eigenes Kapitel widmet) eigentlich nebensächlich ist angesichts des vielen Guten und Nützlichen, das diese Weltanschauung zu bieten hat.

Entsprechend selektiv gehen beide mit den Quellen und den Äußerungen konfuzianischer beziehungsweise islamischer Denker um. Man könnte etwas vereinfachend sagen, dass El Masrar frauenfeindliche Aussagen und Textpassagen dramatisiert, während Schuman sie bagatellisiert.

Es ist klar, dass ich für El Masrars Vorgehen mehr Sympathie habe als für Schumans. Ich habe früher auch mit großem Genuss und vor allem mit großer Empörung meine eigene Tradition – nicht nur das Christentum, sondern auch den Humanismus und die europäischen Philosophen generell – nach ihren „frauenfeindlichen Stellen“ durchforstet. Ich fand es wichtig, zu beweisen und zu belegen, wo sie überall schlecht über Frauen geschrieben haben, wo sie ihre männliche Überlegenheit behaupteten und all das – und genau solch eine Empörung über die ganzen unsäglichen Stellen und Aussagen islamischer Theologen spricht auch aus El Masrars Buch.

Inzwischen langweilt mich das aber, es kommt mir ein bisschen wie vergeudete Energie vor. Ich habe keine Lust, den Nachweis führen zu sollen, ob und inwiefern Religion X und Weltanschauung Y patriarchal sind, weil mich Leute, die das tatsächlich immer noch bestreiten, schlicht nicht interessieren. Gleichzeitig ist es aber nicht so, dass eine Weltanschauung, die auch frauenfeindlich ist, gar nichts Interessantes und Nützliches mehr enthalten würde. Ich sehe es nicht (mehr) als meine Aufgabe an, das Christentum zum Beispiel von frauenfeindlichen Anteilen zu reinigen – das sollen bitte schön diejenigen machen, die es offiziell vertreten wollen.

Eine Schwäche beider Bücher ist, finde ich, dass sie der weltanschaulichen Analyse eine viel zu große Bedeutung geben. Sicher werden sowohl islamische als auch konfuzianische Versatzstücke heute benutzt, um Politik zu machen, und im Fall des Islam leider auch oft eine krass frauenfeindliche Politik. Aber ich glaube nicht, dass man diesen Entwicklungen mit einer ideengeschichtlichen Analyse beikommt. Wer Frauen unterdrücken will, findet dafür immer irgendwelche Argumente, es ist fast schon zu viel der Ehre, diese Argumente auch nur zu widerlegen.

Weltanschauungen, die so alt und so weit verbreitet sind (der Islam ist fast 1500, das Christentum 2000, der Konfuzianismus sogar 2500 Jahre alt) lassen sich sowieso nicht auf einen Nenner bringen. Dass Islam, Konfuzianismus, Christentum und alle anderen auch frauenfeindlich sind, ist klar. In allen gab gibt und wird es geben Strömungen und Positionen, die meinem Anliegen, der Beförderung der Freiheit der Frauen, zuträglich sind, und andere, die ihm entgegen wirken. Es interessiert mich nicht, zu beurteilen, welche Weltanschauung in Punkto weiblicher Freiheit besser oder schlechter ist als die andere. Und deshalb bringt es auch nichts, die einschlägigen „Stellen“ herauszusuchen und als Belege wahlweise pro und kontra Frauenfeindlichkeit aneinander zu reihen.

Denn bei aller Unterschiedlichkeit im Detail ist jede Kultur und Weltanschauung, die wir kennen, sowieso Lichtjahre von dem entfernt, was ich mit weiblicher Freiheit meine. Ob sie sich dabei zwei Kilometer mehr oder weniger geben, ist wirklich total egal. Wir müssen es schlicht akzeptieren, dass auch die Kultur, die Religion, die Weltanschauung, die auch uns geprägt hat, patriarchal ist. Da gibt es weder was zu beweisen noch was zu rechtfertigen.

Viel sinnvoller ist, von dieser Diagnose ausgehend weiterzudenken, was wir nun tun wollen. Und dabei könnten wir uns eben an den beiden oben genannten Kriterien orientieren, und daraus ableiten, wie wir uns in einer konkreten Situation oder einer konkreten Person gegenüber verhalten: Wir schenken vor allem dem Aufmerksamkeit, was Frauen über diese Religion bzw. Weltanschauung sagen und denken (und zwar auch dann, wenn es mit unserer eigenen Ansicht nicht übereinstimmt), und wir sehen zweitens unsere Loyalitäten klar auf Seiten der weiblichen Freiheit.

Sineb El Masrar: Emanzipation im Islam – eine Abrechnung mit ihren Feinden. Herder 2016, 24,99 Euro.

Michael Schuman: Konfuzius. Der Mann und die Welt, die er schuf. Kösel 2016, 24,99 Euro.

Die Gefühle der Männer von 68

Hier kurz noch notiert ein Buch, das ich gelesen habe: „Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Eine Emotionsgeschichte der bundesdeutschen 68er-Bewegung“ von Stefanie Pilzweger.

51MsHsxy3NL._SX327_BO1,204,203,200_Anhand von neun politischen Themenbereichen, die für die 68er wichtig waren, identifiziert die Autorin unter Heranziehung von zeitgenössischen Quellen und Dokumenten Gefühle, die dabei eine Rolle spielten. So waren die politischen Utopien der 68er verknüpft mit Optimismus, Sensibilität und Omnipotenz, ihr Aufruf nach Solidarität (mit der „Dritten Welt“, mit „der Arbeiterklasse“) war Ausdruck von Zusammengehörigkeitsgefühl und einer Sehnsucht nach Gemeinschaft. Die „Sprache des Protests“, also dieser spezielle Jargon und Rededuktus der „Alt-68er“, ging einher mit Ermächtigung und Einschüchterung (speziell auch von Frauen). Ein weiteres Kapitel widmet sich der Provokation durch Kleidercodes und Frisuren, durch Protestinszenierungen, bei denen die Gefühle Angst, Spaß und Stolz im Spiel waren.

Ein weiteres, stark emotionsbeladenes Feld waren die Generationenkonflikte mit den Vätern, in denen Misstrauen, Schweigen, Scham und Paranoia vorherrschten, und wo die Söhne gegen die väterliche Gewalt ihre eigene „moralische Überlegenheit“ setzten. Weitere Kapitel behandeln das damalige Interesse an der Psychoanalyse (rationaler Funktionär versus sensibler Mann), die Sexualität (Ende der romantische Liebe, Geschlechterverhältnisse, Verklemmtheit und Eifersucht) und die Gewalt (Ablehnung von Militär bei gleichzeitiger Faszination an revolutionärer „Gegengewalt“ und Straßenkampf, Angst und Opfersein, Wut und Hass). Den Abschluss bildet ein Kapitel über das Scheitern (Erschöpfung, Enttäuschung, Entsolidarisierung, Depression und Melancholie).

Das Buch enthielt für mich eigentlich wenig überraschende Gedanken, es ist aber nett, das einmal am Stück zusammengestellt und mit Dokumenten und Zitaten belegt zu haben. Ein bisschen hat mich diese Lektüre versöhnlich gestimmt mit den „Altlinken Männern“. Es waren halt doch auch nur Menschen.

Stefanie Pilzweger: Männlichkeit zwischen Gefühl und Revolution. Transcript, 2015, 39,99 Euro.