Bücher, die ich nicht gelesen habe

Ich glaube, ich brauche eine neue Rubrik im Blog, und zwar mit Hinweisen auf Bücher, die ich nicht gelesen habe.

Es ist ja Tatsache, dass es viel mehr interessante und diskussionswürdige Veröffentlichungen gibt als man lesen kann. Was mein Fachgebiet – weibliche politische Ideengeschichte nämlich – betrifft, so ist es in den vergangenen Jahren quasi täglich mehr geworden. Feminismus und Frauenbewegung sind heute mehr denn je maßgebliche politische Akteurinnen, und entsprechend haben sich auch die Veröffentlichungen dazu explosionsartig vermehrt. Immer häufiger kommt es vor, dass ich Sachen nicht lesen kann, obwohl sie aktuell diskutiert werden und einige Gedanken wert wären. Daher will ich sie an dieser Stelle wenigstens sammeln oder zu Rezensionen verlinken.

Germaine Greer: On Rape. Bloomsbury 2018, 92 Seiten, 12,99 Euro (Englisch).

Neulich etwa stieß ich bei Facebook auf diesen Text, den Mithu M. Sanyal über das neue Buch „On Rape“ von Germaine Greer geschrieben hat. Greer vertritt darin offenbar sehr diskussionsbedürftige (um nicht zu sagen: falsche) Thesen zu allen möglichen Themen, unter anderem zu Vergewaltigung, heterosexuellem Sex, Männern und Transgender. Als bekannte Protagoinistin der Frauenbewegung hat Greer gleichzeitig eine gewisse Autorität und sicher auch Reichweite. Ich stimme Mithus Analyse hier vollkommen zu: Greer spricht nicht „für die alten Feministinnen“, sondern nur für sich selbst, wenn sich natürlich auch manches in ihren Positionen aus Generationenerfahrungen erklären lässt. Und letztlich zeigt das Ganze, „dass es bei Feminismus nicht um Ikonen, sondern um Diskussionen geht.“

Kate Manne: Down Girl. The Logic of Misogyny, Oxford University Press 2017, 368 S., 20,99 Pfund (Englisch)

Im Facebook-Thread gab es dann noch den Hinweis auf ein weiteres Buch, das sicherlich interessanter ist als das von Greer, nämlich „Down Girl“ von Kate Manne. Laut Beschreibung auf der Verlagsseite stellt sie darin eine These auf, die ich sehr richtig finde, dass nämlich „Frauenfeindlichkeit“ sich nicht darin äußert, dass Männer (oder das Patriarchat) generell etwas gegen Frauen haben oder verächtlich von Frauen sprechen, sondern dass der wesentliche Kern darin besteht, dass zwischen „guten Frauen“ und „schlechten Frauen“ unterschieden wird, wobei die schlechten die sind, die die männliche Vorherrschaft radikal hinterfragen und gefährden. Diese Dynamik erklärt, warum es immer auch viele Frauen gibt, die den Status Quo mittragen, denn da sie zu den „Guten“ gezählt werden, profitieren sie davon. Diese These entfaltet Manne in ihrem Buch offenbar am Beispiel von verschiedenen Ereignissen der vergangenen Jahre. Ich finde ihre These sehr wichtig, weil sie erstens einen Zugang zur Analyse von Differenzen unter Frauen bietet (denn auch bei Konflikten unter Frauen und sogar Feministinnen ist der Mechanismus der Unterscheidung in „gute“ und „schlechte“ Frauen manchmal am Start), und weil sie zweitens zeigt, warum es nicht genügt, einfach „mehr Frauen“ überall haben zu wollen, sondern dass es um qualitative inhaltliche Auseinandersetzungen geht und vor allem um die Anerkennung weiblicher Subjektivität jenseits eines männlichen Urteils darüber.

Der Sound der Macht

Wenn der Aufstieg der extremen Rechten in Europa und ihrer parlamentarischen Ableger diskutiert wird, ist meist von den Formen oder den Inhalten ihrer Politik die Rede. Aber das ist immer auch etwas schwierig, und zwar weil es aufgrund des Phänomens der „gefährlichen Nähe“ oft Ähnlichkeiten gibt. Nicht nur haben sie Aktionsformen und Rhetorik linker Bewegungen übernommen, auch inhaltlich lässt sich keineswegs scharf zwischen ihnen und den „akzeptablen“ Parteien und Bewegungen unterscheiden, was man daran sieht, wie leicht große Bereiche ihrer Agenda in den normalen Diskurs überwechseln konnten.

sound

Deshalb möchte ich dieses aktuelle Buch von Astrid Séville empfehlen. Ich habe sie im Juni bei einer Podiumsdiskussion der Frauenstudien in München kennengelernt. In ihrer Analyse des Gesamtschlamassels fokussiert sie sich auf das, was sie den „Sound der Macht“ nennt. Damit gemeint sind weniger konkrete Inhalte und Aktionsformen, als vielmehr die Sprache und die Gedankenwelten, in denen sie geäußert werden. Anhand von vier rhetorischen Formeln geht sie den Entwicklungen auf den Grund, die dazu geführt haben, dass „autoritäre Nationaldemokraten“ (wie die rechten Parteien nach einem Vorschlag von Wilhelm Heitmeyer besser genannt werden sollten, denn „Rechtspopulismus“ ist verharmlosend / S. 117) für so große Teile der Bevölkerung wieder so attraktiv geworden sind.

Die erste rhetorische Formel ist die von der „Alternativlosigkeit“, die von Margaret Thatcher eingeführt und von Angela Merkel in anderer Form zum bestimmenden Faktor des Regierens gemacht wurde. Sie steht für eine Politikverständnis, das große Bereiche des Entscheidens der politischen Verhandlung entzieht. Die Unsitte, die eigene politische Meinung nicht mehr als Teil eines pluralistischen Aushandlungsverhältnisses zu präsentieren, sondern als einzig mögliche Option, ist tatsächlich der Sargnagel des Politischen – und macht natürlich ganz unmittelbar all jene attraktiv, die behaupten, dass sie doch eine Alternative hätten. Der Name dieser neuen Partei ist also wirklich Programm.

Das Bemerkenswerte an diesem „Sound“ ist, dass er von allen Seiten geteilt wird. Wenn derzeit etwa ein Teil des Widerstands gegen die Rechten sich auf die „Wissenschaftlichkeit“ ihrer Positionen beziehen, dann bewegen sich auch innerhalb des „Sounds der Alternativlosigkeit“. Auch ein Slogan wie „Rassismus ist keine Meinung“ gehört da hinein. Das Problem dabei ist, dass manche Dinge vielleicht ja tatsächlich alternativlos sind. Und in den ersten Jahren von Merkels Regierung waren auch ein Großteil der Bevölkerung mit ihrer etwas einlullenden beruhigenden Art ganz einverstanden, weil man den Eindruck hatte, sie macht schon das Beste daraus, was möglich ist.

Doch genau diese Unaufgeregtheit ist jetzt eben das Einfallstor für alle, die sich eben doch aufregen wollen, worüber auch immer. Die Position der „Alternativlosigkeit“ der eigenen Ansichten nützt eben nichts, wenn die Gegenseite das nicht einsieht. In der Politik geht es nicht um Wahrheit, sondern um Übereinkünfte, man muss in einer Demokratie prinzipiell jede Position pluralistisch verhandeln und kann nicht Wahrheiten verkünden. Ein wichtiger Punkt im Umgang mit der neuen Rechten ist es, wieder einen „Sound“ in die politische Debatte zu bringen, der für abweichende Meinungen tolerant ist und die eigenen Ansichten immer als eine Alternative in einem Spektrum vieler andere möglicher Alternativen darzustellen. Nur dann ist es möglich, die tatsächlich wichtigen Grenzen zu ziehen, dort, wo es um Menschenrechte geht, zum Beispiel.

Die zweite rhetorische Formel, die Séville untersucht, ist die von den „Hausaufgaben machen“. Sie prägt den gesamten Diskurs rund um die wirtschaftlichen Probleme Europas und des Euros, und ist ebenfalls entpolitisierend, weil sie ein Framing setzt, das politische Konflikte „pädagogisiert“. In diesem Rahmen ist es unmöglich, verschiedene ökonomische Konzepte zu diskutieren, und des schafft in den Köpfen bereits eine Hierarchie der Kulturen, die nur allzu leicht ins Rassistische gewendet werden kann.

Die dritte rhetorische Formel ist „Wir sind das Volk“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie eine Partei, deren gesamtes Führungspersonal zur Elite gehört – sowohl vom Bildungsgrad als auch von den sozialen Hintergründen, etwa familiären her – sich zur Sprachführerin des Volks gegen die „Eliten“ machen kann. Und wieso es der Linken eigentlich nicht gelingt, „populär“ zu sein.

Die vierte rhetorische Formel schließlich betrachtet die Aufforderung, doch endlich „Mut zur Wahrheit“ zu haben. Das „Das muss man doch einmal sagen können“ und das „Ich bin kein Rassist, aber..:“. Auch in diesem Kapitel zeigt Séville, dass diese rhetorische Formel keineswegs nur auf autoritäre Nationalradikale begrenzt ist, sondern ebenfalls in der etablierten Politik aufgegriffen wird – nur eben meist bloß als Floskel, als Willensbekundung, der dann aber wirkliche Offenlegungen gerade nicht folgen.

Mir hat an dem Buch nicht nur die Grundthese eingeleuchtet, sondern ich finde auch formal den Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen zurück in den gesellschaftlichen Diskurs sehr gelungen. Séville schreibt gut lesbar und verständlich, ohne akademisierendes Brimborium, aber auch ohne deshalb ihre Thesen zu verflachen und auf notwendige Differenziertheit zu verzichten. Und sie hält trotz aller Wissenschaftlichkeit mit ihren eigenen Positionen nicht hinter dem Berg. Das ist sehr wohltuend, wie ich finde. Auch wenn ich ihr nicht in allem zustimme. Angela Merkel kommt bei ihr zu schlecht weg, wie ich finde, und ich fand es in Ordnung, das Gomringer-Gedicht zu entfernen, Séville nicht.

Auch teile ich nicht ganz Sévilles Vertrauen in die politische Institutionen des demokratischen Parlamentarismus. Ich denke, neben aller Wichtigkeit, über den „Sound der Macht“ nachzudenken und ihn möglichst zu verändern, braucht es auch Debatten über die strukturen und äußeren Mechanismen, die diese Art von „Sound“ begünstigen. Es ist nicht nur die individuelle Schuld politischer Akteur_innen, die zu diesen entpolitischen rheotischen Figuren geführt hat, sondern es liegt auch in der Logik der Dynamik des politischen Alltagsgeschäfts.

Aber dazu müsste man dann vielleicht nochmal ein eigenes Buch schreiben. Jetzt sollt ihr erstmal diese hier lesen:

Astrid Séville: Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. C.H. Beck, 192 Seiten, 14,95 Euro. 

Stoff zum Lesen

Hier sind drei Bücher, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe und euch empfehlen möchte.

„Die Argonauten“ von Maggie Nelson ist schon vor zwei Jahren erschienen. (Korrektur: Das Original ist vor zwei Jahren erschienen, die deutsche Übersetzung ist neu) : Der Verlag hat mir das Buch zugeschickt mit dem Hinweis, es könnte mich interessieren, vermutlich wegen meiner Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen – und tatsächlich war dem auch so. Maggie Nelson erzählt die Geshcichte einer quasi doppelten Körpererfahrung: Sie selbst ist schwanger, ihr Ehemann Harry Dodge durchläuft eine Testosterontherapie und geschlechtsangleichende Operation, wobei es dann auch um das Familienleben mit Harrys Sohn geht, den er zuvor selbst geboren hatte. Also eine sehr spannende Geschichte um Geschlecht als sowohl körperliche Erfahrung als auch soziale Konstruktion, und das Ganze so intelligent wie unterhaltsam erzählt mit jeder Menge philosophischer Referenzen. Also wirklich nach meinem Geschmack und vielleicht auch nach eurem. (Maggie Nelson: Die Argonauten, Hanser 2015, 20 Euro, 188 Seiten)

„Fa(t)shionista“ von Magda Albrecht ist gerade eben erst erschienen und enthält quasi die Theorie zum Fat-Activism, für den Magda nun schon seit längerem bekannt ist. Ein richtig gutes und empfehlenswertes Einführungsbuch in das Thema Dickendiskriminierung. Es geht sowohl um Informationen (Wie valide sind die Studien zur Gefährlichkeit von hohem Körpergewicht eigentlich? Welche Diskurstradition haben wir zu diesem Thema? Welche politischen Initiativen und Akteur_innen gibt es und was sagen die?) als auch um politische Einschätzungen und Bewertungen. Zwischendurch erzählt die Autorin ihre eigene Geschichte als dickes Kind und macht auf diese Weise nachvollziehbar, wo die Probleme liegen: nämlich vor allem darin, dass die Dickenfeindlichkeit unserer Kultur den Betreffenden Unmengen Probleme macht, die – ganz egal für wie problematisch man das Dicksein selbst halten mag – offensichtlich kontraproduktiv sind. Also: lehrreiche und Augen öffenende Lektüre!  – PS. über mein eigenes Dicksein hatte ich schonmal gebloggt (Magda Albrecht: Fa(t)shionista. Ullstein  2018, 16 Euro, 331 Seiten).

„Zukunftsmodell Grundeinkommen?“ von Werner Rätz und Dagmar Paternoga ist ein schmales Bändchen, das in der Reihe „AttacBasisTexte“ handlich und übersichtlich die Idee eines emanzipatorischen Grundeinkommens vorstellt. Es stellt die Philosophie hinter einem Grundeinkommen sowie die gängigen Konzepte und maßgeblichen Akteure und Akteurinnen vor, setzt sich mit den wichtigsten Gegenargumenten auseinander und skizziert praktische politische Wege, wie wir dahin kommen könnten. Ein sehr guter Einstieg für alle, die sich für das Thema interessieren, aber sich in den Argumenten noch nicht ganz fit fühlen und sich erst einmal einen Überblick verschaffen wollen. (Werner Rätz/Dagmar Paternoga: Zukunftsmodell Grundeinkommen? AttacBasisTexte 50, VSA-Verlag 2017, 7 Euro, 94 Seiten).

Beziehungsweise Revolution – müsst ihr lesen!

Was ist mit der Revolution? Gibt es die noch, oder ist das Projekt abgesagt? Was ist zu beachten, wenn man sich im politischen Engagement nicht von der Idee verabschieden möchte, es könnte auch einmal eine grundsätzliche Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse geben, die zu mehr Freiheit, mehr Gleichheit, mehr…

Ja, die Sache mit der Brüderlichkeit. Die wurde doch sehr vernachlässigt. Tonnen von Büchern sind geschrieben worden, die sich umfassend mit den Fragen der Freiheit oder der Gleichheit oder von beidem in ihrem Wechselverhältnis beschäftigen. Aber keine über die Brüderlichkeit. Die Brüderlichkeit spielt in linker Theorie keine Rolle.

Es ist fast lustig, aber eigentlich auch naheliegend, dass ausgerechnet eine Feministin jetzt den Anfang macht, um diese Lücke zu schließen. Schließlich hat sich der Feminismus mit Beziehungen und „Beziehungsweisen“ ausgiebigst beschäftigt, aber das aus naheliegenden Gründen nicht unter der Überschrift „Brüderlichkeit“. Und damit eben auch nicht unter der Überschrift der Revolution.

Adamczaks These ist, dass alle drei Aspekte notwendig sind, um Revolutionen gelingen zu lassen.

Führt Freiheit ohne Gleichheit zu Ausbeutung und Unterdrückung, so führt Freiheit ohne Solidarität zu Individualisierung. Führt Gleichheit ohne Freiheit zu Zwangskollektivierung bzw. Homogenisierung, so führt Gleichheit ohne Solidarität zu Bindungslosigkeit bzw. Autoritarismus.

Während die Revolution von 1917 die Gleichheit ins Zentrum stellte und die von 1968 die Freiheit, gab es noch keine Revolution, die sich programmatisch um „Beziehungsweisen“ drehte. Wobei eben auch dieser Aspekt nicht ohne die anderen auskommt.

Das Gleiche lässt sich antizipativ auch für Konstellationen sagen, in denen die Solidarität bestimmend ist: Solidarität ohne Gleichheit führt in den Paternalismus, Solidarität ohne Freiheit in Loyalität und repressive Vergemeinschaftung.

Wobei genau das in der Tat bei manchen Strömungen des Feminismus passiert ist.

Beim Lesen dieses Buches, was ruckzuck innerhalb weniger Tage ging, fühlte ich mich „theoretisch zuhause“ wie lange nicht: Endlich sind mal linke und feministische Basics gleichermaßen selbstverständliche Grundlage der Argumentation. Und nicht nur das, auch der Anarchismus, der in Bezug auf „Beziehungsweisen“ oft hellsichtiger war als der Marxismus, ist dabei. Selbst für mich war streckenweise das konsequente generische Femininum („Alle anwesenden Expertinnen waren sogenannte Männer“) eine Herausforderung beim Lesen. Und gleichzeitig erfährt man viel Interessantes über die Revolutionen, speziell über die von 1917. Dazu ist das Buch noch streckenweise regelrecht amüsant zu lesen, wenn auch nicht leicht.

Ich halte dieses Buch wirklich für einen Meilenstein, und ich denke, niemand sollte mehr über „Revolution“ sprechen, ohne es gelesen zu haben und sich zu den hier entfalteten Thesen zu positionieren. Wer dahinter zurückfällt ist out.

Was natürlich nicht heißt, dass ich mit allem einverstanden bin. Wie meistens bei queerfeministischen Autorinnen fehlt mir etwa die Berücksichtigung des Schwangerwerdenkönnens. Wenn Adamczak zum Beispiel schreibt:

Aus dieser revolutionären Perspektive … erscheinen alle Identitäten, die die Geschichte der Herrschaft den jeweils Lebenden vor die Füße geschleudert hat, als Reichtum potenzieller Existenzweisen, den diese sich aneignen können, um die Fragen zu beantworten: Wie wollen wir leben, wer wollen wir werden, durch welche Beziehungen wollen wir existieren?

Dann füge ich an: Die Möglichkeit, schwanger werden zu können (was ja eine sehr wesentliche Beziehungsweise ist) können sich eben nicht alle Menschen aneignen, und bei etwa der Hälfte der Menschheit ist das schon bei ihrer Geburt klar. Die Differenz zwischen möglicherweise Schwangerwerdenkönnenden und sicher Nichtschwangerwerdenkönnenden ist nicht sozial konstruiert, sie ist biologisch, ein realer Unterschied, der sich nicht dekonstruieren lässt, und mit dem Gesellschaften, auch revolutionäre, umgehen müssen.

Aber ohnehin erschien mir das Buch im letzten Kapitel, in dem die „Beziehungsweisen“ ausbuchstabiert werden, noch unfertig und etwas ausfransend. Hier wäre nun viel Gelegenheit, auf die umfangreiche theoretische Arbeit gerade zu einer Politik der Beziehungen (etwa im italienischen Differenzfeminismus und seinen deutschsprachigen Partnerinnen) zurückzugreifen. Vieles von dem hier Angerissenen ist dort bereits diskutiert und bearbeitet worden.

Vielleicht machen wir die nächste Revolution ja zusammen.

(PS: Das Buchcover ist in Wirklichkeit lila und nicht blau !)

Feminismus-Comic: Jetzt auch auf Englisch!

Den Feminismus-Comic, den Patu und ich vor zwei Jahren beim Unrast-Verlag herausgebracht haben, gibt es jetzt auch auf Englisch, übersetzt von Sophie Lewis!

This graphic novel is one of the best guides to world history I’ve seen…

—schreibt ein Rezensent, und auch die Verlagsankündigung ist ziemlich knorke:

The history of feminism? The right to vote, Susan B. Anthony, Gloria Steinem, white pantsuits? Oh, but there’s so much more. And we need to know about it, especially now. In pithy text and pithier comics, A Brief History of Feminism engages us, educates us, makes us laugh, and makes us angry. It begins with antiquity and the early days of Judeo-Christianity. (Mary Magdalene questions the maleness of Jesus’s inner circle: “People will end up getting the notion you don’t want women to be priests.” Jesus: “Really, Mary, do you always have to be so negative?”) It continues through the Middle Ages, the Early Modern period, and the Enlightenment (“Liberty, equality, fraternity!” “But fraternity means brotherhood!”). It covers the beginnings of an organized women’s movement in the nineteenth century, second-wave Feminism, queer feminism, and third-wave Feminism.

Along the way, we learn about important figures: Olympe de Gouges, author of the “Declaration of the Rights of Woman and the Female Citizen” (guillotined by Robespierre); Flora Tristan, who linked the oppression of women and the oppression of the proletariat before Marx and Engels set pen to paper; and the poet Audre Lorde, who pointed to the racial obliviousness of mainstream feminism in the 1970s and 1980s. We learn about bourgeois and working-class issues, and the angry racism of some American feminists when black men got the vote before women did. We see God as a long-bearded old man emerging from a cloud (and once, as a woman with her hair in curlers). And we learn the story so far of a history that is still being written.

Hier der Link zum Verlag der englischen Ausgabe

Natürlich gibt es das Buch auch weiterhin auf Deutsch

Hardcover | $14.95 | £12.95 |  ISBN: 9780262037112
eBook | $10.95 |  ISBN: 9780262343503
(Bei Amazon gibt’s ihn auch bald, für dann 14,99 €)
Rezensionen

Postkoloniale Politikwissenschaft oder: Was ich im Studium nicht gelernt habe.

Als ich in den späten 1980ern, frühen 1990ern Politikwissenschaft studierte, war darin von „Postkolonialismus“ noch keine Spur zu finden. Deshalb habe ich mich über einen neuen Sammelband gefreut, der die verschiedenen Auswirkungen und Einwirkungen von „Postkolonialismus“ auf das Fach umreißt.

Bei Sammelbänden ist es immer schwierig, Rezensionen zu schreiben, weil die einzelnen Beiträge natürlich sehr unterschiedlich sind. Daher notiere ich hier nur einige Stichpunkte, in denen ich festhalte, was für mich neu und überlegenswert war.

postkolDie mehrfachen Verweise auf die Haitianische Revolution von 1790 und die damals formulierte Verfassung, die die neben der amerikanischen und französischen die dritte Erklärung in diesen Jahren war, die versucht hat, universale Menschenrechte zu formulieren. Nur im Unterschied zu diesen beiden anderen unter Einbeziehung der Freiheit von ehemals Versklavten. Es ist tatsächlich der Hammer: Im Politikstudium habe ich von der Haitianischen Revolution NICHTS erfahren, während die amerikanische und französische natürlich rauf und runter genudelt wurden.

Etwas klarer geworden ist mir das antagonistische Verhältnis zwischen Postcolonial und After-Shoah-Studies, also letztlich die Frage nach der Singularität des Holocaust und wie sie sich zu den Völkermorden und Versklavungen der Kolonialgewalt verhält. Lässt sich da die Rede vom Holocaust als „Zivilisationsbruch“ noch aufrecht erhalten? Oder muss man nicht vielmehr sagen, dass der Holocaust diesen westlichen Weg der Versklavung und Vernichtung als „anderer“ markierter Menschengruppen, der eben schon lange vorher begann und dem westlichen Freiheitsdenken inhärent ist, lediglich auf die Spitze getrieben hat?

Interessant fand ich die Neuinterpretation von Frantz Fanon, der mir im Studium als Theoretiker der Gewalt natürlich begegnet ist, aber ich habe nie realisiert, dass er aus einer Schwarzen Perspektive schreibt. Ich meine, ich wusste zwar irgendwie, welche Hautfarbe er hat, aber ich gab dem keine Bedeutung.

Hiflreich auch die Überlegungen zur Frage, wie postkoloniale Theorie helfen kann, den gegenwärtigen „Islamdiskurs“ zu verstehen und vielleicht in fruchtbarere Dimensionen zu geleiten: Dies übrigens auch ein Beispiel für die Fähigkeit zur Selbstkritik, denn hier wird die Frage gestellt, inwiefern eine berechtigte postkoloniale Kritik an der Stereotypisierung „des Islam“ andererseits nicht auch als Legitimation patriarchaler Gewalt herhalten kann, wenn sie diese nicht gleichzeitig anprangert.

Ich könnte hier jetzt noch lange weitermachen, es gibt interessante Einzelstudien, zum Beispiel eine postkoloniale Analyse der Aufarbeitung des NSU-Komplexes, Studien zu Indien, Afghanistan, Bolivien, Ruanda, Ghana, und so weiter.

Sehr aufgefallen ist mir in allen Beiträgen die enge Verbindung zwischen feministischer und postkolonialer Analyse, die ja auch auf der Hand liegt, weil es beides Mal darum geht, die Sich-zur-Norm-Setzung des weißen Mannes zu durchbrechen und sich zwischen Egalität und Abgrenzung eine eigene Subjektperspektive zu erobern. Es ist deshalb auch kein Wunder, dass die postkoloniale Politikwissenschaft weiblich dominiert ist: Unter den Beitragenden des Sammelbandes sind 14 Frauen (davon 6 of Color) und 6 Männer (davon 4 of Color) – jedenfalls nach einer schnellen auf den Namen basierten Recherche, im Einzelfall kann ich mich bei der Einschätzung irren, sicher aber nicht im generellen Verhältnis. Diese Verbindung hätte ich mir noch ein bisschen expliziter herausgearbeitet gewünscht.

Ansonsten ist das Ganze natürlich ein akademisches Buch, nichts, was man so nebenbei mal vorm Einschlafen liest, aber wirklich empfehlenswert, wenn man sich mal einen Einstieg in dieses Thema verschaffen möchte. Für Politikwissenschaftler_innen, die sich mit Postkolonialismus nicht besonders gut auskennen, ist es aus meiner Sicht ein Muss.

Aram Ziai (Hg): Postkoloniale Politikwissenschaft. Theoretische und empirische Zugänge. Transcript, Bielefeld 2016, 401 Seiten, 29,99 Euro.

 

Anarchismus und Geschlechterverhältnisse

Philippe Kellermann hat ein Buch herausgegeben über „Anarchismus und Geschlechterverhältnisse“ – Teil 1 (ein zweiter ist offenbar zu erwarten). Ich habe dafür noch einmal ausführlich das Thema „Feminismus und die Politik von Frauen in der Pariser Kommune“ aufgeschrieben, aber es gibt außerdem zahlreiche andere lesenswerte Texte in dem Band.

anarchismus_und_geschlechterverhaeltnisse_1In diesem Blog habe ich ja schon öfter über den fahrlässigen Umgang von anarchistischer Theoriebildung mit dem Erbe Proudhons gemeckert, hier ist endlich mal ein lesenswerter Text dazu drin: „Die Ökonomie der Liebe oder Pierre-Joseph Proudhons Frauenfrage“ von Werner Portmann. Portmann stellt nicht nur klar, dass Proudhons Frauenhass – erstens – nicht einfach zeitbedingt war, sondern auch für seine Zeit besonders krass (und entsprechend auch bei seinen politischen Verbündeten für Irritationen sorgte) und dass er – zweitens – eine zentrale Rolle für Proudhons politische Theorie spielte und daher nicht einfach „herausgekürzt“ werden kann. Der Beitrag bietet auch eine ideengeschichtliche Einbettung und versucht, zu erklären, woher diese extreme Einstellung bei Proudhon kommt und wie sie in einen ideengeschichtlichen Diskurs eingebettet ist.

Aktuell ist das, weil sich hier bereits etwas abzeichnet, das auch heute noch eine Rolle spielt, nämlich ein „antifrauenemanzipatorischer Unterschichtenreflex“, eine Abneigung des „kleinen Mannes“ gegen „bessergestellte emanzipierte Frauen“ wenn ich das mal etwas unfertig so formulieren kann, was sich in Proudhons Verhältnis zu George Sand zeigt. Dieses diskursive Feld von „Frauenemanzipation ist was für Bessergestellte und Intellektuelle, die keine anderen Sorgen haben, aber der gesunde Menschenverstand der normalen Leute fällt nicht darauf rein“ ist auch heute noch leicht zu aktivieren, nicht nur bei Pegida und AfD, sondern auch in zahlreichen anderen kulturellen Milieus. Er wird bei antifeministischen Bedarf auch gerne in den Feuilletons aktiviert, wenn es gegen „zu viel Radikalität“ geht. Von daher ist das alles nicht nur ein historisches Thema.

Ebenfalls interessant fand ich die beiden Texte über Elisée Reclus (von John Clark, leider zu kurz) und Gustav Landauer (von Siegbert Wolf), zwei anarchistische Vordenker mit feministischen Anliegen und Ideen. Besonders Landauers „Differenzfeminismus“, der auch an die jüdische Philosophie angelehnt ist und Berührungspunkte mit dem Denken Margarete Susmanns und natürlich dem seiner Lebensgefährtin Hedwig Lachmann aufweist, verdient eigentlich noch nähere Betrachtung.

Mir wurde beim Lesen wieder einmal klar, wie breit gefächert das diskursive Feld zu der Frage „wie weibliche Freiheit entsteht“ vor hundert Jahren noch war. Das macht mich ein bisschen sehnsuchtsvoll. Natürlich ist es schön, dass wir heute im Sinne der Emanzipation und der Gleichberechtigung weiter gekommen sind. Allerdings ist die Palette des Sagbaren und Denkbaren dabei durchaus auch eingeschränkt worden, und zwar leider oft ohne, dass das, was als „selbstverständlich“ oder „unhintergehbar“ behauptet wird, tatsächlich mit einer entsprechenden kulturellen Praxis unterfüttert wäre. Gerade zurzeit wirkt die Emanzipation der Frauen für mich oft wie ein Kartenhaus, das „der Westen“ sich errichtet hat, aber ohne es ausreichend zu befestigen und zu verankern, sodass es beim leisesten Windzug wieder umgeblasen werden kann. Auch diesen Text fand ich jedenfalls aktueller als vermutet.

Die beiden Aufsätze „Die Konstruktion von Maskulinität in der spanischen Arbeiterbewegung“ (von Richard Cleminson) und „Mann aus Stahl. Männlichkeits- und Weiblihckeitsbilder in der anarchistischen Literatur des Spanischen Bürgerkriegs“ (von Martin Baxmeyer) fand ich etwas zu beispielhaft und punktuell, zu dem Thema hätte ich mir mehr Analyse gewünscht. Zum Beispiel würde ich gerne wissen, inwiefern sich Männlichkeitskonstruktionen im anarchistischen Milieu von denen in anderen Milieus unterscheiden oder unterschieden haben. Aber die historische Männlichkeitsforschung steckt halt noch in den Kinderschuhen.

Unbekannt war mir bisher E. Armand (Künstlername von Ernest Juin), der 1922 so eine art libertinären sexfreizügigen Klub gegründet hat „E. Armand und die „Liebeskameradschaft“. Revolutionärer Sexualismus und der Kampf gegen die Eifersucht“ heißt der Beitrag von Gaetano Manfredonia und Francis Rosin. Armands Projektversuch ist ein interessantes Beispiel dafür, wie sich das männliche Begehren nach leichterem Zugang zu Sex in einer revolutionäre Theorie kleidet und damit legitimiert. Armands Projekt scheiterte unter anderem daran, dass, welch Wunder, sein Club nicht genügend weibliche Mitglieder fand. Auf den Gedanken, dass ein Konzept von „freier Liebe“ vielleicht nicht allein von Männern erdacht werden kann, sondern dass dabei auch das Begehren von Frauen dabei mit einbezogen werden müsste, zumindest wenn es nicht um homosexuelle „Liebeskameradschaften“ gehen soll, kam Herr Armand nicht. Ein trauriger Vorschein auf entsprechende Defizite bei den 68ern. Jedenfalls: Wenn jemand mal eine Forschungsarbeit macht zum Thema „vielversprechende Männerideen, die aufgrund von Ignoranz gegenüber der weiblichen Differenz leider gescheitert sind“, bitte E. Armand nicht vergessen!

Schließlich gibt es in dem Buch neben mir auch noch eine zweite Autorin: Vera Bianchi schreibt über „Anarchistinnen, Humanismus und Geschlechterverhältnis: Die Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg“. Auch bei diesen spanischen Anarchistinnen finden sich, ähnlich wie bei Landauer, interessante differenzfeministische Gedankengänge, die sich vom bürgerlichen Emanzipationismus abgrenzen und auf diese Weise auf den ersten Blick an die heutige Diskussion nicht mehr anschlussfähig scheinen – aber vielleicht, wenn man weiter in die Tiefe ging, robustere Wege zur Freiheit der Frauen weisen könnten, als der aktuelle Status Quo.

Philippe Kellermann (Hg): Anarchismus und Geschlechterverhältnisse, Band 1. Edition AV, Lich 2016, 201 Seiten, 16 Euro.