Was häusliche Gewalt und Virusepidemien gemeinsam haben

Gerade geht die Meldung herum, dass bedingt durch die Kontaktsperren wegen der Coronavirus-Epidemie offenbar die Gewalt gegen Kinder stark zugenommen hat. Die Überschrift „Nebenwirkungen des Lockdown“ zeigt übrigens sehr gut den symbolischen Fehler: Dass Kinder geschlagen werden, ist keine Nebenwirkung des Lockdown. Sondern es ist eine Nebenwirkung gewaltförmiger Sozialbeziehungen, die durch den Lockdown nur ausgelöst wurden. Kein Kind bekommt Blutergüsse, weil es einen Lockdown gibt. Kinder bekommen Blutergüsse, weil sie geschlagen werden. Und diese zivilisatorische Bankrotterklärung namens „patriarchale Kleinfamilie“ genießt auch noch den besonderen Schutz der Grundgesetzes. Auch darüber wünsche ich mir für nach Corona mal eine stärkere gesellschaftliche Debatte. Es gibt übrigens interessante Parallelen zwischen Gewaltprävention und Infektionsschutz: In beiden Fällen ist ein System, das darauf angelegt ist, bloß Opfer und Risikogruppen zu „schützen“, nicht akzeptabel. Sondern wir brauchen eine Lösung, die an die Wurzel des Problems geht. Weg mit dem Virus. Weg mit Gewalt gegen Schwächere. Beides muss im Keim erstickt werden, es genügt nicht, es auf einem

read more Was häusliche Gewalt und Virusepidemien gemeinsam haben

Warum?

Wir sind derzeit bei R<0,7, d.h. die Ausbreitung des Virus verlangsamt sich. Noch drei Wochen Lockdown, und wir wären vielleicht bei 0,3. Damit wären wir bald in einem Bereich, wo wir wieder einzelne Infektionsherde identifizieren, Ketten unterbrechen, Tracken usw. könnten: Wir bräuchten keinen Lockdown mehr, weil der Virus eingedämmt wäre. Wir wären viel besser aufgestellt als im Februar, als uns das überrannt hat, keine Daten da waren, keine Tracking App in Aussicht. Die Wirtschaft könnte wirklich wieder „hochfahren“ und nicht nur ein bisschen und mit Vorbehalt. Aber aus irgendeinem Grund scheinen das viele Leute in Deutschland nicht zu wollen. Sondern die meisten haben sich irgendwie fatalistisch mit „Virus ist halt da“ arrangiert, d.h. sie stellen sich auf Monate bis Jahre Lockdown-Pingpong ein (zwischen Anziehen und Lockern von Maßnahmen, je nach Anschlag im Gesundheitssystem), dauerhafte Kontakteinschränkungen, Tausenden weiterer Toten, und das alles in einer vagen Aussicht, dass es irgendwann einen Impfstoff gibt (für HIV gibt es übrigens immer noch keinen). Ich

read more Warum?

China, Europa, USA und das Coronavirus

Meine These: Die disruptiven Folgen des Coronavirus werden für Europa am Schlimmsten sein. In China hatten sie zwei Monate Schocktherapie, das Virus wurde dadurch recht effektiv an der Ausbreitung gehindert, nach und nach geht alles Back to normal, außer dass es jetzt zwei Wochen Quarantäne gibt für alle, die dort einreisen wollen (Wie lange? Vielleicht bis ein Impfstoff gefunden ist). In USA passiert das gegenteilige Szenario. Dort gibt es gibt überhaupt keine Versuche, das Virus einzudämmen, es gibt auch kaum Tests oder medizinische Anstrengungen, weil die Leute gar keine Krankenversicherung haben und vielen auch mit Erkältungssymptomen gar nichts anderes übrig bleibt, als arbeiten zugehen. Das heißt, mehr oder weniger alle stecken sich an. Aber das ist für das System dort nicht disruptiv, sondern es funktioniert so schon immer: Die Armen sterben, die Reichen kaufen sich einen Platz am Beatmungsgerät, die Relevanz des Themas wird kleingeredet, Business as usual. In Europa hingegen gibt es eine Mischung aus beiden Logiken. Weder haben

read more China, Europa, USA und das Coronavirus

Gibt es eigentlich schon ein Icon für „I told you so“?

„Die Zwanziger werden das Jahrzehnt, in dem die Demografie die Strukturen des Sozialstaats durchschüttelt. Nicht nur die Zahl der Rentner wächst enorm. Zugleich gibt es weniger Menschen in Deutschland, die zwischen 20 und 64 Jahre alt sind, die Erwerbsfähigen also, die Wohlstand schaffen und Steuern zahlen. Ihre Zahl schrumpft innerhalb von zehn Jahren um 3,8 Millionen. Dieser Verlust ist – rein statistisch – nur vergleichbar mit der Dezimierung einiger Weltkriegsjahrgänge.“ In den Dekadevorschauen (dieses Zitat ist aus dem Spiegel) wird derzeit viel über den anstehenden demografischen Wandel geschrieben. Der scheint jetzt plötzlich mit unvorhergesehener Wucht über Deutschland niederzukrachen. Ja, echt überraschend, wer konnte das ahnen! Ganz unbescheiden möchte ich dazu einmal anmerken, dass ich vor 13 Jahren ein Buch geschrieben habe, „Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels“. Dort steht drin, was man hätte tun können und müssen, damit die Veralterung der Gesellschaft, die natürlich auch damals schon vorhersehbar war, nicht in eine Katastrophe führt, sondern vielleicht sogar zu einer besseren

read more Gibt es eigentlich schon ein Icon für „I told you so“?

Klassenkampf und Klimawandel

Nach langer Zeit haben Benni und ich heute pünktlich zum 1. Mai mal wieder gepodcastet. Passend zum Datum ging es um den Klassenkampf (und ob das Konzept heute noch aktuell ist) und passend zur Zeit um den Klimawandel und speziell auch um Klimaleugnung von links. Listen and have fun!

Über öffentliche Ämter und persönlichen Marktwert

Auf meiner Facebook-Pinnwand hat sich anhand dieses Artikels über die Vortragshonorare der Obamas (400.000 US$ Barack, 200.000 Michelle) eine interessante Diskussion über den Marktwert entfaltet, den öffentliche Ämter ihren Inhabern (oder ggfs. auch deren Ehegatt_innen) bringen und ob das gerecht ist. Ich hatte gepostet: Interessante Frage zum Marktwert von Prominenz. Vielleicht müsste man neue Regeln einführen, wonach Inhaber öffentlicher Ämter sich verpflichten, im Anschluss an ihre Amtszeit einen Prozentsatz X von allen künftigen Einnahmen an den Staat abzuführen, z.b. Präsidenten 70%, deren Gattinnen 40%, Senatoren 30% usw.. entsprechend auch für Deutschland. Das wäre doch eine schöne und gerechte Einnahmequelle. Und auf die Nachfrage „warum?“ antwortete ich: Weil nur ein Teil des Honorars für die persönliche Leistung bezahlt wird und der andere Teil für die Prominenz, die man im Schlepptau des Amtes bekommen hat, und der daher nicht der Person zuzurechnen ist, sondern der Gesellschaft, die dieses Amt zur Verfügung stellt, sozusagen Die Reaktionen waren geteilt. Einigte fragten: Warum stellt sich

read more Über öffentliche Ämter und persönlichen Marktwert

Interview über Feminismus und Linkssein

Das Underdog-Fanzine hat mich zum Verhältnis von Feminismus und Linkssein interviewt – Ich kopiere das nochmal hier herein, weil ich das Layout dort irgendwie unleserlich finde.  Antje, du hast mit einer Studie von vier Biographien das Verhältnis von Feminismus und Marxismus untersucht. Welche Rolle spielt das Verhältnis für dich? Ich habe eigentlich das Verhältnis von Feminismus und Sozialismus untersucht, am Beispiel von vier Aktivistinnen, die in der Ersten Internationale (1864-1872)  aktiv waren. Nur eine davon, Elisabeth Dmitrieff, war ausdrücklich Marxistin, zwei andere, André Léo und Virginie Barbet, waren eher Anarchistinnen, und Victoria Woodhull schließlich lässt sich gar keiner solchen Fraktion zuordnen. Generell bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die klassischen Kategorien – wie eben Marxistin oder Anarchistin – für das politische Denken dieser Frauen nicht passen. Die politische Ideengeschichte ist historisch eine sehr männliche Disziplin, bis vor wenigen Jahrzehnten interessierte sie sich nur für die politischen Ideen von Männern. Dann kam der Feminismus auf, und man hat versucht, Frauen in

read more Interview über Feminismus und Linkssein