Die Macht der Differenz

Nachdem ich neulich hier meine spontanen Gedanken zu Clintons Niederlage aufschrieb, hier noch mal eine geordnete Version in der Jungle World:

http://jungle-world.com/artikel/2016/46/55192.html

Und dann schrieb ich auf Zeit-Online noch, warum uns gar nichts anderes übrig bleibt, als mit Rechtspopulisten zu reden:

http://www.zeit.de/kultur/2016-11/populismus-fortschritt-emanzipation-gender-gap-10nach8

Was nun?

Hillary Clinton ist nicht Präsidentin von Amerika geworden, und was bedeutet das nun für unser Projekt (ich vereinnahme euch jetzt mal ganz dreist), als freie Frauen in der Welt mitzuwirken und sie unseren Vorstellungen vom guten Leben gemäß zu gestalten?

Barbara Streidl hat aufgeschrieben, warum Hillary Clinton auch „als Frau gescheitert ist“ (und nicht nur als „geschlechtsneutrale“ Politikerin). Und das stimmt meiner Meinung nach. Nicht nur, weil die Angriffe gegen sie offensichtlich sexistisch waren. Sondern meiner Ansicht nach ist sie auch mit ihrem Weg gescheitert, bei dem sie die Symbolfigur des Emanzipationsfeminismus der „zweiten Frauenbewegung“ war, nämlich durch Integration und Anpassung an den von Männern erfundenen und eingeübten Weisen des Politikmachens Einfluss zu bekommen.

Annarosa Buttarelli von den italienischen Diotima Philosophinnen hat ihren kurzen Kommentar in der Huffington Post (leider nur italienisch) „Hillary, eine Frau ohne Volk“ betitelt. Sie schreibt, die Parteien stünden heute vor der Alternative: entweder die Frauen oder das Volk. Tatsächlich hatte ich, nachdem ich von Trumps Sieg gehört hatte, kurz den Gedanken, dass es vielleicht falsch war, eine Frau aufzustellen, weil die Leute offensichtlich noch nicht so weit sind, eine Frau zu akzeptieren. Jedenfalls nicht, wenn diese Frau eigenständige Sachen macht und nicht nur das, was „das Volk“ hören will.

Es ist eine Haltung, die ich schon länger bei den Beiträgen von Frauen im öffentlichen Diskurs beobachte: Sie werden hoffiert, solange sie nützlich sind, aber wenn sie etwas sagen, das einem nicht passt, dann wird umso heftiger zurückgeschlagen. Hier habe ich das in Punkto Feminismus mal analysiert. Aber es stimmt auch in Punkto Frauen überhaupt. Und es stimmt auch für die Linken, die Clinton meiner Ansicht nach für ihre „nicht linken“ Positionen um ein Vielfaches heftiger kritisiert haben, als sie das bei einem Mann getan hätten. Eine Frau, die eine andere Meinung vertritt, das geht eben nicht. Das ist im Konzept der „Gleichstellung“ nicht vorgesehen.

Es ist natürlich toll, dass die Demokraten Clinton aufgestellt haben, aber ich könnte mir denken, wenn sie einen Mann aufgestellt hätten – nicht Bernie Sanders, ich glaube nicht, dass er Chancen gehabt hätte, aber einen „Hillarius Clinton“, der hätte gegen Trump gewonnen. Erschwerend kam ja auch noch dazu, dass zuvor acht Jahre lang ein Schwarzer Präsident gewesen war. Obama war im konservativen Milieu der USA auf eine solche Weise verhasst, dass sich das nur mit Rassismus erklären lässt. Diese acht Jahre aufgestauter Hass auf einen schwarzen Präsidenten, der dann noch nicht einmal richtige Fehler machte, und anschließend eine weibliche Kandidatin, die auch keine Fehler machte – das war zu viel. Ich bin felsenfest überzeugt, wäre Obama weiß gewesen und Clinton männlich und alle anderen Koordinaten identisch – dann wäre jetzt nicht Trump Präsident.

Und dass Trump jetzt Präsident ist, halte ich für eine Katastrophe ohne positiven Nebenaspekt, aber das Thema führt jetzt hier zu weit. (Hier könnt Ihr das teilweise in der Diskussion nachlesen). Jedenfalls habe ich mich gefragt, ob, um Trump zu verhindern, es den Preis wert gewesen wäre, auf einen Schwarzen und eine Frau zu verzichten? Okay, das ist jetzt WIRKLICH Pest oder Cholera.

Warum finde ich Trump so schrecklich, dass ich glaube, es wäre möglicherweise einen so hohen Preis wert gewesen, ihn zu verhindern? Weil sich mit ihm das politische Klima verändern wird und schon hat. Es werden jetzt Dinge sagbar, die unter Clinton nicht sagbar wären.  Wer Präsident eines Landes ist, entscheidet nicht über die Revolution, denn Präsidenten (bzw. Präsidentinnen) sind immer nur soweit wie der gesellschaftliche Mainstream. Sie gehen Veränderungen nicht voran, sondern hinterher.

Aber sie haben eine Bedeutung dafür, wie sich der Mainstream entwickelt. Dass Clinton in ihrer Concession Speach Mädchen Mut gemacht hat, sie könnten alles werden, ist ja bereits sehr vielsagend: Denn genau das ist jetzt offenbar nicht mehr selbstverständlich, es muss gesagt werden (das Selbstverständliche muss nicht gesagt werden). Wir werden jetzt wieder für Selbstverständlichkeiten und Minimaldinge kämpfen müssen, statt uns darauf konzentrieren zu können, weiter zu gehen. Wir werden nicht Clinton für all die Dinge kritisieren können, die man ihr zu Recht vorwerfen kann, sondern wir werden dafür kämpfen müssen, dass Arme nicht einfach auf der Straße verrecken, dass es nicht alle ganz normal finden, wenn Frauen geschlagen und vergewaltigt werden und so weiter. Mit der Wahl von Trump ist eine Verschiebung der symbolischen Ordnung geschehen.

Die Bedingungen des libertären und feministischen Aktivismus haben sich einfach grade sehr verschlechtert. Zunächst in den USA, aber ich fürchte, es wird sich auch in Europa ausbreiten. In den USA werden jetzt tausende Stellen mit entsprechenden Leuten besetzt. Rassistische und homophobe Lehrer werden es sehr viel leichter haben als bisher, weil wenn der Präsident sowas sagt, kann es doch nicht schlimm sein. Frauen in Gewaltbeziehungen werden es schwerer haben, sich zur Wehr zu setzen, die sollen sich nicht so anstellen, selbst der Präsident findet sowas doch gut. Migrantinnen werden viel leichter abgeschoben werden, was für jedes einzelne Schicksal schlimm ist. Die Rechtsextremen werden das Klima prägen, in den Medien, in den Schulen, im Kino. Das alles wäre unter Clinton anders. Und deshalb stimmt genau, was Judith Butler gesagt hat: Eine linke Opposition gegen Clinton hätte viel mehr Möglichkeiten, als unter Trump.

Ich hatte heute kurz den Gedankenblitz, dass der Umbruch vielleicht so groß ist, dass sogar die Tage von Marine Le Pen und Frauke Petry gezählt sind – als Frauen waren sie gut für eine Übergangszeit, weil sie rechtsextreme Politik im Gewand weiblicher Zivilisation präsentierten. Nach dem Motto: Wenn Frauen das gut finden, wird es wohl nicht so schlimm sein. Aber ich glaube, diese Bastion ist jetzt gebrochen. Trump hat gezeigt: Rechtspopulismus kann man auch im Westen mit Männern an der Spitze gewinnen. Dieses Privileg muss nicht mehr klassischen Patriarchen wie Putin oder Erdogan vorbehalten bleiben. Möglicherweise wird es bald gar nicht mehr von Vorteil sein, den Rechtspopulismus mit einem weiblichen Frontgesicht zu verschönern. Männerehrgeiz ist sexy, die Leute wählen Machotum, und dann nehmen sie lieber das virile Original als die weibliche Kopie.

Aus den Erfahrungen von Hillary Clinton und Angela Merkel können wir sehen, dass „emanzipierte“ Frauen in dem derzeitigen Politsystem nur Autorität haben, solange sie die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sobald sie Konflikte eingehen (wie zum Beispiel Merkel in der Flüchtlingsfrage) werden sie auf eine Weise demontiert, wie es Männern nie passieren würde. Und mir fällt keine Frau ein, die in diesem Geschäft perfekter wäre als Clinton und Merkel es sind. Das sind Super-Women, was Einsatz, Intelligenz, Fleiß usw. betrifft. Wenn die schon scheitern, haben wir „Normalos“ auf diesem Weg sowieso keine Chance.

Was können wir also tun?

Annarosa Buttarelli schlägt in ihrem Kommentar vor, beim Politikmachen konsequent von der weiblichen Differenz auszugehen. Die eigene politische Praxis ins Zentrum zu stellen und nicht den Wunsch, „bei den Männern mitzuspielen“. Sie glaubt, dass Frauen solche „radikalen“ Frauen dann wählen würden (wohingegen sie Frauen wie Clinton nicht wählen). Diesbezüglich bin ich mir nicht so sicher, vor allem bin ich skeptisch, was die Chancen betrifft, auf diese Weise als Frau in den bestehenden Parteien überhaupt jemals für irgend ein Amt nominiert zu werden. Zumal sich ja gezeigt hat, dass die weißen bürgerlichen Frauen gar nicht unbedingt an so einem Projekt interessiert sind. Ich fürchte, sie haben nicht gegen Hillary, sondern tatsächlich für Trump gewählt, zwar nicht so deutlich wie ihre Männer, aber eben doch.

Aber vielleicht könnten wir – also die radikalen Feministinnen – uns mit den anderen Anderen zusammentun. Gezielt die Beziehungen mit denen pflegen, die ebenfalls mit dem Demokratieprojekt, so wie es sich weiße bürgerliche Männer ausgedacht haben, weder „mitgemeint“ noch einverstanden sind. Die auch längst wissen, dass Integration und Anpassung keine echten Optionen sind, sondern nur Simulationen. Also eine intersektional agierende Bewegung aller möglichen „Nicht-Typen“, die die Differenz zu ihrem Motto macht. Vielleicht sowas ähnliches, wie Negri/Haardts „Multitude“, aber nicht als Theorie, sondern als Praxis, in Form einer Politik der Beziehungen. Und auch nicht als einfachen Zusammenschluss, sondern in Auseinandersetzung und Konflikt.

Das alles ist natürlich noch total schwammig, aber ich finde, das Nachdenken sollte in diese Richtung gehen. Jedenfalls könnten wir diese Option für den eigenen Aktivismus im Gedächtnis zu behalten, wenn der Frust uns überwältigt. Zumal wir ja überhaupt nicht bei Null anfangen müssen. Michaela Moser schrieb vorhin sehr zu recht auf Facebook: „Was mich auch grad sehr stört: Das Gerede, das niemand Lösungen gegen Trump & Co hat. Es geht nicht bloß drum, diese Typen zu „entzaubern“, die Verhältnisse gehören geändert! Und dazu gibts seit Jahrzehnten Vorschläge genug.“

Die gibt es. Es gibt Praktiken der Politik, feministische und andere, es gibt Erfahrungen mit Community-Building, mit Konsensfindung, mit Lernen und Forschen, mit Gerechtigkeit, mit Heilung, mit Kultur und so weiter, die jenseits der Welt der weißen bürgerlichen Männer funktionieren.

Die Italienerinnen haben vor Jahren mal ein Buch geschrieben mit dem Titel „Von der Abwesenheit profitieren“. Die Niederlage von Hillary Clinton könnte das Signal dafür sein, dass auch diejenigen von uns, die bisher noch versucht haben, durch Anpassung die Akzeptanz der „Meinungsmacher“ zu erkaufen, sich davon abwenden. Vielleicht entzieht es ihren Institutionen ja auch die Lebenskraft, wenn wir ihnen nicht mehr unsere Energie, unsere Kreativität, unsere Aufmerksamkeit und unsere Anerkennung schenken.

It’s Kontext, stupid!

Demokratie wird nicht durch bestimmte Formalien (Parlamentarismus, Meinungsfreiheit, Wahlrecht) garantiert, sondern benötigt ein kulturelles Fundament, das auf zivilisatorischen Einstellungen und Haltungen basiert wie Respekt vor anderen Meinungen, Empathie, Interesse an Differenzen, Aufgeschlossenheit. Wenn all das nicht vorhanden ist, werden rein formale Verfahrensweisen über kurz oder lang ebenfalls vor die Hunde gehen.

Aus diesem Grund ist die vergiftete Diskussionskultur in Deutschland meiner Ansicht nach die größte Gefahr für die Demokratie (ich bin mir nicht sicher, ob es in anderen Ländern auch so schlimm ist, ich habe manchmal den Eindruck nicht, eine vergleichende Untersuchung dazu würde mich interessieren, falls es die gibt)…

Zwei Bausteine der Vergiftung von Diskursen sind schon häufig diskutiert worden, und zwar eine generelle Gehässigkeit und Böswilligkeit, wie sie zum Beispiel der klassische Troll zeigt, sowie eine fehlende Bereitschaft, dem, was jemand anderes sagt, überhaupt ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu schenken (worüber ich kürzlich gebloggt habe). Nun ist mir ein dritter Baustein aufgefallen, und zwar die fehlende Bereitschaft oder Fähigkeit zur Kontextualisierung von Aussagen.

Das Beispiel, an dem es mir klar wurde: Voriges Wochenende war ich in Hannover bei der Bundesfrauenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Hannover. Auf dem Abschlusspanel ging es um Ideen für eine zukünftige grüne Frauenpolitik, und nachdem auf der Konferenz zwei Tage lang das 30. Jubiläum des grünen Frauenstatuts gefeiert worden war (mit dem unter anderem die Frauenquote eingeführt wurde), habe ich dort meinen etwas kritischeren Blick auf die Quote vertreten.

In dem Zusammenhang sagte ich, dass es meiner Ansicht nach nicht ausreicht, einfach nur 50 Prozent Frauen in politische Gremien zu holen, wenn man die Absicht hat, dort etwas gegen männlich dominierte Kultur und Habitus zu unternehmen. Bei allen positiven Aspekten, die die Quote hat, läuft sie doch auch Gefahr, auf Seiten der Frauen Konformismus und Anpassung an das Gegebene zu fördern und weibliche Dissidenz zu erschweren. Um meine Position anschaulich zu machen, sagte ich: „Wir bräuchten eigentlich keine Frauenquote, sondern eine Feministinnenquote.“

Dieses Zitat haben die Grünen dann auf ihrem offiziellen Twitteraccount verbreitet, und es ergoss sich eine Flut von Replies, bei denen (überwiegend) Männer uns darüber belehrten, dass diese Forderung ganz unmöglich sei: nämlich rassistisch, sexistisch und grundgesetzwidrig, sie öffne Tür und Tor für eine islamistische Invasion, und ein gewisser Theodor Witter erklärte, er sei gut so, wie er ist, und müsse sich nicht verändern, wer das anders sehe, sei ein Menschenfeind. Werner Niedermeier warnte vorm Feminat. Don Alphonso initiierte mit seinem warnenden Hinweis, die letzte Quote für die „richtige“ Ideologie sei von der Reichskulturkammer gemacht worden, den üblichen Reigen von Nazivergleichen. Uepsilonniks brachte Nordkorea ins Spiel. Daspunkt erklärte mich für hirntot, Baubeersepp erläuterte, dass es keine Geschlechter gäbe, und HCHillmann war enttäuscht von der Menschheit.

Okay, dass die üblichen Gaga-Trolls so einen Anlass nutzen, um das zu schreiben, was sie immer schreiben, sobald etwas Feministisches gesagt wird, war irgendwie klar. Aber es gab auch andere, die so eine Art inhaltliche Auseinandersetzung versuchten und zum Beispiel besorgt fragten, welches Gremium denn wohl darüber entscheiden solle, wer Feministin sei und wer nicht? Und ob ich nicht vor lauter Feminismus die Frauen vergesse? Und ob ich nicht die Gefahr sehe, dass dann auch SWERFS und TERFS in den Bundestag kommen?

Kurzum: Sie behandelten die Idee mit der Feministinnenquote so, als sei sie ein aktueller konkreter Gesetzesentwurf der Grünen. Sie haben diesen einen Satz gelesen und sich überhaupt nicht gefragt, wer das wo und in welchem Kontext gesagt hat. Aber ohne das zu wissen, kann man natürlich nicht verstehen, was ich damit sagen wollte. Und dementsprechend auch nicht darüber diskutieren – und zwar auch nicht kritisch.

Denn ich muss etwas verstanden haben, bevor ich es sinnvoll kritisieren kann. Man kann natürlich immer über irgendwas diskutieren. Aber eine Demokratie lebt davon, dass über Ideen und Ansichten diskutiert wird, die irgendjemand tatsächlich hat und äußert und nicht über das, was man sich selber zusammenfantasiert. Die fehlende Bereitschaft zur Kontextualisierung schädigt die Demokratie, weil sie politische Debatten über tatsächlich vorhandene Differenzen in den Ansichten verunmöglicht, indem sie lauthals so tut, als würde sie streiten, nur eben leider über Ausgedachtes. Irrelevanz als Methode.

Nun ist das 140-Zeichen-Twitterformat natürlich die Ent-Kontextualisierung schlechthin, weil dabei per Default Mini-Textstückchen aus dem Kontext gerissen werden. Ich finde aber eigentlich, auf diese Weise wird gerade offensichtlich, dass hier der Kontext fehlt, dass man sich also eigentlich erstmal über den Zusammenhang informieren muss, bevor man einen Tweet versteht (wohingegen ein ganzer Blogpost den Eindruck erwecken kann, der Kontext werde komplett mitgeliefert, was aber niemals der Fall ist). Manche Leute verstärken den Out-of-Context-Charakter von Tweets noch, indem sie besonders „kryptisch“ twittern, sodass die Aussage für sich gar keinen Sinn ergibt.

Dass man jede beliebige Aussage nur verstehen kann, wenn man sie „kontextualisiert“, also fragt, von wem zu wem bei welchem Anlass und mit Bezug auf welche Fragestellung diese Aussage getroffen wurde, war in den 1980ern ein wesentliches Instrument feministischer Theoriearbeit. Wir haben alles und jedes kontextualisiert, so viel, dass man das Wort irgendwann schon nicht mehr hören konnte. Ich weiß nicht genau, wie es heute ist, aber mir fällt auf, dass ich das Wort in aktuellen Texten schon länger nicht gelesen habe. Vielleicht ist es etwas aus der Mode gekommen, was schade wäre, denn wir brauchen das Konzept dringend.

Das Bewusstsein für die unverzichtbare Bedeutung des Kontexts ist ja im Übrigen auch schon viel älter. Schon Platon hat genau dies als einen der Fallstricke der Schrift identifiziert: Dass das Aufschreiben eine Aussage von ihrem Kontext löst, was ja gerade auch der Sinn des Aufschreibens ist. Man kann Wissen aufbewahren, über längere Zeiträume weitergeben usf. Zu Platons Zeiten war das der Unterschied zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit: Etwas Aufgeschriebenes konnte man an jedem beliebigen Ort und zu jeder beliebigen Zeit lesen, aber um ein gesprochenes Wort zu hören, musste man körperlich in der Situation anwesend sein, in der es gesprochen wurde. Das heißt, die Kontextualität war beim Mündlichen automatisch gewährleistet, wohingegen die Schrift die Aussage vom Kontext löste, was eben, wie schon Platon wusste, bei den Reziepierenden die Verantwortung mit sich brachte, das Gelesene zu „kontextualisieren“, um es verstehen und damit auch kritisieren  zu können.

Heute verläuft dieses Linie nicht mehr zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit, sondern zwischen medial Vermitteltem und nicht medial Vermitteltem. Aber das Prinzip ist natürlich dasselbe. Wer eine medial vermittelte Aussage rezipiert, ohne sich um ihren Kontext zu scheren, redet schlichtweg Bullshit.

Die fehlende Aufmerksamkeit vor der Meinung

Gerade stolperte ich über einen Tweet von mspro, der auf einen Blogpost aufmerksam macht, in dem Facebook-Kommentare zu dem Buch  “Hier ist alles Banane – Erich Honeckers geheime Tagebücher 1994-2015” dokumentiert sind. Im Ton der Entrüstung stellen da Leute fest, dass es sich dabei ja wohl um eine Fälschung handeln muss.

Soweit so Banane, und nach einem ersten Impuls – ist lustig, muss ich teilen – habe ich dann gezögert, weil es immer etwas blöd ist, sich über die vermeintliche Ungebildetheit und Dummheit anderer Leute lustig zu machen. Aber ich glaube, es handelt sich hier nicht (im Wesentlichen) um eine Frage von Bildung. Sondern was hier deutlich wird, ist der fehlende Wille, irgend einem Thema oder einer Sache auch nur ein Minimalbisschen Aufmerksamkeit zu widmen, bevor man die eigene Meinung dazu öffentlich äußert.

Es ist nämlich keine Frage der Bildung, zu erkennen, dass dieses Buch selbstverständlich nicht originale Honecker-Tagebücher enthält. Wer auch immer nur fünf Sekunden darüber nachdenkt, muss drauf kommen. Aber warum fünf Sekunden über was nachdenken, wenn ich doch sofort eine Meinung habe? Vielleicht auch einfach nur frei assoziiert zu der Farbe Gelb auf dem Cover?

Diese grottige Art von Oberflächlichkeit ist mir in letzter Zeit auch häufiger bei Twitter oder auf Facebook begegnet, wenn ich zum Beispiel einen Link zu einem Text poste, der eine vielleicht ein bisschen unklare Überschrift hat. Dann gibt es sofort RATATATAT Meinungen und Kommentare und Replys, die sich aber nicht auf den Inhalt des verlinkten Textes beziehen, sondern irgend ein anhand der Überschrift frei vermutetes Gelaber sind. Woher kommt das Bedürfnis, sich zu einem Text zu äußern, den man überhaupt nicht gelesen hat?

Ich glaube, fehlende Aufmerksamkeit ist ein wichtiger Grund für den desolaten Zustand der aktuellen Debattenkultur – neben Hass und Dummheit. Vielleicht sind Hass und Dummheit auch eher Auswirkungen fehlender Aufmerksamkeit, ich vermute jedenfalls sehr stark, dass sie weniger die Folge fehlender Bildung sind.

Denn die Unsitte, Dinge zu beurteilen, bevor man ihnen auch nur ein Minimalbisschen Aufmerksamkeit gewidmet hat, findet sich auch in den Feuilletonseiten, dazu muss man nur irgend einen beliebigen Artikel aus dem Genre „Feminismuskritik“ nehmen. Höhere Bildung hilft natürlich dabei, die so ganz groben Patzer zu vermeiden, dazu ist man dann eben Profi genug.

Hannah Arendt hat unterschieden zwischen Meinung und Urteil. Meinen bedeutet, die eigenen Ansichten zu einem Gegenstand flüchtig hinauszuposaunen, ohne Sachkenntnis zu dem Gegenstand und ohne für die eigenen Äußerungen geradezustehen („Ich hab ja nur meine Meinung gesagt.“) Urteilen hingegen bedeutet, dass man sich eine ausreichende Zeit mit dem Gegenstand beschäftigt hat und dann begründet zu einem Urteil darüber kommt, für das man dann auch persönlich ein- und geradesteht.

Wenn man eine Demokratie sein will, muss man Menschen haben, die bereit sind, zu urteilen. Menschen, die einfach nur mal was „meinen“, schaden der Demokratie. Und mit der Aufmerksamkeit fängt alles an.

Sagte auch schon Simone Weil, die die Messlatte dafür, was es bedeutet, wirklich aufmerksam zu sein, zwar ganz schön hoch gelegt hat, die ich hier aber dennoch zitieren möchte. Sie sagt:

„Die Aufmerksamkeit besteht darin, sein Denken zu umgehen, den Geist verfügbar, leer und für den Gegenstand durchlässig zu halten, die verschiedenen bereits erworbenen Kenntnisse, die man zu nutzen genötigt ist, in sich dem Geist zwar nahe und erreichbar, doch auf einer tieferen Stufe zu erhalten, ohne dass sie den Geist berührten. … Und vor allem soll der Geist leer sein, wartend, nichts suchend, aber bereit, den Gegenstand, der in ihn eingehen wird, in seiner nackten Wahrheit aufzunehmen.“

Das ist sicher super-schwer, macht aber deutlich, wie die fehlende Aufmerksamkeit in unserer öffentlichen Debatte zustande kommt: Die Geister sind schon voll, voll mit komplett undurchlässigen Meinungen, die der Welt nur noch übergestülpt werden müssen. Scheißegal, was die Welt eigentlich macht.

 

 

Heut gibt’s was für die Ohren

Hallo Ihr Lieben, ich möchte euch auf zwei Audios aufmerksam machen, die von mir heute ins Netz kamen:

Das Schweizer Radio interviewte mich fast eine halbe Stunde lang über Victoria Woodhull, die amerikanische Präsidentschaftskandidatin von 1872, deren Biografie ich geschrieben habe. Super Frau, und ich finde, in dem Interview ist alles wichtige ganz gut zusammengefasst.

Außerdem haben Benni und ich heute wieder gepodcastet: Besondere Umstände, Episode 22, handelt von – einer kleinen Podcast-Bilanz (wir senden seit vier Jahren), Fußball-Nationalismus und Rechtsruck, von AfD bis zur US-amerikanischen Präsidentschaftswahl und der Frage, ob es nicht vielleicht gut ist, wenn Politik sich wieder mehr polarisiert (unter anderem erwähne ich Chantal Mouffe, nuschle dabei aber so, dass man es eigentlich nicht verstehen kann), außerdem über Twitter (wo Benni immer noch nicht ist) und Snapchat (was Antje grade liebt), sowie über Künstliche Intelligenz. Hier ist der Link.

Arendt, Eigentum, Austerity – neue Episode von „Besondere Umstände“

Benni und ich haben heute morgen wieder gepodcastet.  Endlich haben wir dabei mal Hannah Arendts Vita Activa abgehandelt, dann über Eigentum und Besitz gesprochen, über #merkelstreichelt und über den IAFFE-Kongress feministischer Ökonominnen in Berlin und Austeritätspolitik.

Eingestiegen sind wir aber mit einer Idee, die uns kürzlich kam: Dass es eigentlich schön wäre, wenn es die Podcasts auch als Buch geben würde. Vielleicht hilft uns jemand beim transkribieren? Über die Idee reden wir ganz am Anfang – sozusagen „Crowd-doing“ statt „Crowd-funding“ :))

Hier gehts zum Podcast

In the moment of crisis, all things become possible

Diesmal ein typischer Tagebuch-Eintrag, um meine spontanen Eindrücke von der IAFFE-Konferenz in Berlin festzuhalten (IAFFE = International Association for Feminist Economics). Es sind ungefähr 370 Ökonominnen (darunter auch einige Männer) dort, von überall auf der Welt. Ich werde meine verschiedenen Erkenntnisse nach und nach hier verbloggen. Nur zur Sicherheit: Es sind keine Berichte von den Veranstaltungen, ich schreib bloß hier auf, was mir persönlich wichtig erschien oder zu denken gab.

Zum Eröffnungspanel über „Gender Equality in Europa“ kam ich etwas zu spät, ich hörte aber noch den Beitrag von Sylvia Walby (UNESCO Chair of Gender Research), die sagte, dass der Finanzmarkt dringend (wieder) mehr politisch reguliert werden müsse. „Finance“ sei die Ursache der Krise, die sich dann auf die Realwirtschaft, die Steuerpolitik und zuletzt auf die Demokratie selber ausgebreitet hat. Sie forderte uns auf, uns stärker mit Finanzpolitik zu beschäftigen. Die käme zwar immer „geschlechtsneutral“ daher (geht ja nur um Zahlen), sei aber in Wahrheit zutiefst „gegendered“. Finanzkrisen seien nicht einfach „Realität“, sondern ein „soziales Konstrukt“, ein Narrativ. (Dazu passt gut ein Artikel von Carolin Ehmke von heute).

Krise sei dabei aber nicht nur schlimm: „In the moment of crisis, all things become possible“. Zum Beispiel, lass mal träumen: „Gender Balance“ würde nicht länger nur als quotierte Beteiligung von Frauen an Entscheidungsprozessen verstanden, sondern in den Zielbeschreibungen aller europäischen Institutionen drin stehen. Es wäre Bestandteil von Effizienzdefinitionen (alles, was keine Gender Equality hervorbringt, ist ineffizient), Gender Budgeting (also die Evaluation der Auswirkungen sämtlicher (Finanz-)Entscheidungen in Bezug auf Geschlecht) wäre obligatorisch. Jedenfalls sei es sinnlos, davon zu sprechen, dass es einen Zusammenhang von Krise und Gender gäbe, da „Gender“ im Zentrum der Krise steht.

Allerdings, die Europäische Union. So wie sie sich in letzter Zeit benommen hat, kann man ja kaum noch glauben, dass sie solche „großen issues“ überhaupt bewältigen könnte. Anderseits, fragte Walby: „Wenn nicht mal Syriza die EU als Projekt aufgegeben hat, wieso sollten wir das tun?“ Klar ist, dass es bei einem feministisch-ökonomischen Blick auf Europa nicht bloß um „Gender- und Gleichstellungsgesetze“ gehen kann, sondern um alles gehen muss, und speziell und vor allem eben auch um die europäische Finanz- und Steuerpolitik.

Der zweite Vortrag, den ich hörte, war der von Daniela Bankier, „Head of Unit Gender Equality bei der Europäischen Kommission“. Sie war, wie es wahrscheinlich zu ihrem Job gehört, relativ enthusiastisch über den in der EU erreichten Grad an Gender Equality. Es gebe natürlich auch Defizite, Gender Pay Gap und so weiter (variiert zwischen 7 und 30 Prozent in den verschiedenen Ländern), aber keinen Backlash aufgrund der Krisen in den letzten Jahren. Das ist wahrscheinlich zutreffend, was die „Gender Equality“ betrifft, aber das Problematische an der Entwicklung spielt sich halt auch nicht entlang der Linie Frauen/Männer ab, sondern an der Linie Arm/Reich.

Aufgeschrieben habe ich mir von ihr noch den Satz „Good politics can be effective!“ – den muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Zu sagen, dass Politik möglicherweise wirksam sein kann, ist heute offenbar schon eine steile These.

Überhaupt war das wohl das Resumée aus dem ersten Panel: Die Erwartung, dass tatsächlich Politik gemacht wird, dass in Europa politische Ziele und Werte diskutiert und umgesetzt werden.

Das hatte ich ja neulich schon auf Facebook geschrieben: Die „linke“ These, dass es keine Politik mehr gebe, sondern die Wirtschaft heutzutage alles bestimme (und die Politik nur deren Handlanger sei), halte ich für eine falsche Analyse, oder vielleicht war sie zu Schröder/Blair Zeiten mal richtig, heute – spätestens seit der Bankenrettung – ist sie es nicht mehr. Das war auch der Fehler von Varoufakis, zu glauben, in der europäischen Debatte gehe es darum, irgendwie eine vernünftige Lösung für ein ökonomisches Problem zu finden. Es geht um Politik, um Macht, um Besitzstandwahrung von Eliten.

Die Frage ist also, ob es mit der Europäischen Union nochmal gelingt, eine sinnvolle Politik zu machen. Das Dilemma ist: Es gibt kaum Grund zur Hoffnung, allerdings ist auch keine andere politische Ebene außer Europa denkbar. Daher gibt es wohl kaum eine andere Möglichkeit, als auf europäischer Ebene weiter zu machen. Vielleicht muss der Anstoß dazu tatsächlich aus „der Wirtschaft“ kommen; die feministischen Ökonominnen jedenfalls scheinen dafür schonmal gute Bündnispartnerinnen zu sein.