Strandlektüre zum Thema Grundeinkommen

Ich gebe zu, dass ich lange sehr skeptisch gegenüber dem Projekt „Mein Grundeinkommen“ war. Finanziert aus privaten Spenden werden dabei Ein-Jahres-Grundeinkommen von 1000 Euro pro Monat verlost, also 12.000 Euro pro Gewinner*in. Ich hielt das für Effekthascherei, mich machte skeptisch, dass die Medien sich so darauf stürzten, obwohl es doch gar kein richtiges Grundeinkommen ist – denn ein richtiges Grundeinkommen, davon bin ich immer noch überzeugt, müssen ALLE bekommen und auch nicht nur für eine begrenzte Zeit. Aber dann saß ich voriges Jahr bei einem Kongress zufällig beim Abendessen neben Claudia Cornelsen, die zusammen mit dessen Erfinder Michael Bohmeyer eine der treibenden Kräfte hinter „Mein Grundeinkommen“ ist. Sie ist PR-Frau und auch Ghostwriterin von Götz Werner. Wir kamen ins Gespräch – und, was soll ich sagen, sie steckte mich mit ihrem Elan irgendwie an. Vor allem war mir sympathisch, wie konsequent sie die „Bedingungslosigkeit“ des Grundeinkommens ins Zentrum ihrer Argumentation stellte (und nicht, wie viele andere, die Höhe), denn genau

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Die Prinzessinnenlinie. Gedanken zur Gentrifizierung von Veranstaltungen.

Sammelmappe hat in ihrem Blog heute darüber geschrieben, warum sie nächstes Jahr nicht zu den Tagen der deutschsprachigen Literaur nach Klagenfurt fährt: Der Anstieg der Preise, der in keiner vernünftigen Relation mehr zum Anlass steht. Es gibt da so eine dünne Prinzessinnenlinie, die ich nicht überschreiten mag. Da könnt ihr euren Glitzer halt für Euch behalten. Ich hab keine Lust mich mit ins Land der unbeschränkten Geldströme abtreiben zu lassen. Auch bei der Re:publica ist es ihr schon so ergangen. Der Grund, den Preisanstieg irgendwann zu verweigern ist nicht, ob man das Geld hat. Sie wie ich wären schon in der Lage, diese Preis zu bezahlen, es sind ja keine regelmäßigen Ausgaben. Es geht ums Wollen. Auf Facebook schrieb sie noch: Auch vorher war ich mir darüber bewusst, dass die drei Tage ein Luxus sind. Faktisch kann ich nicht genau sagen, warum ich bis hierher akzeptiere, aber den nächsthöheren Preissprung nicht mehr. Ich vermute, es reicht, wenn es „nur so ein

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Die Macht der Commons

Buchtipp: Silke Helfrich und David Boller: Frei, Fair und Lebendig. Die Macht der Commons. Transcript Verlag 2019, unter Creativ Commons Lizenz lizensiert Oh, ja, das Wirtschaftssystem. Einerseits wissen wir alle, dass kleine Veränderungen an einzelnen Stellschrauben nicht ausreichen, andererseits aber sieht es auch nicht nach Revolution oder einer bald bevorstehenden Abschaffung des Kapitalismus aus. Auf einer guten Schwelle zwischen Realismus und Radikalismus befindet sich dieses Buch. Schon dass es fast ganz ohne Marxzitate auskommt, ist ein gutes Zeichen (in theoretischer Hinsicht stützt es sich überwiegend auf Elinor Ostrom, im Anhang findet sich eine kurze Zusammenfassung der „Design Prinzipien für Commons-Institutionen nach Elinor Ostrom“). Die Autor*in entwirft eine un-kapitalistische Vision von Ökonomie, schwebt dabei aber nicht in abstrakten Gedankenspielen, sondern schildert das anhand von Beispielen aus dem richtigen, real existierenden Leben. Es geht um Commons, also um gemeinschaftliches Wirtschaften, und darum, was sich aus bestehenden Commons-Organisationen, Projekten und Theorien schließen und lernen lässt. Anhand einer Handvoll konkreter Beispielen wird erklärt, was

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Care Revolutionieren mit Grundeinkommen?

Zu dem Thema gab es im Oktober einen Abend in Frankfurt – eine Kooperation des Netzwerks Care Revolution und des Netzwerks Grundeinkommen. Es gab vier Eingangs-Statements dazu, eines davon von mir, die anderen von Sylvia Homberg, Ina Praetorius und Werner Rätz. Folgende Fragen haben wir dabei beantwortet: 1. Was müsste sich verändern, damit genügend Zeit und Raum für gute Sorgearbeit von udn für alle Menschen vorhanden ist? 2. Wie kann eine geschlechtergerechte Verteilung der Sorgearbeit befördert werden? 3. Wie würde sich gute Sorgearbeit auf unsere Gesellschaft auswirken? 4. Was würde ein existenzsicherndes Grundeinkommen in unserem Leben als Sorgetragende und Sorgeempfangende verändern? 5. Brauchen wir eine sorgezengrierte Gesellschaft und Ökonomie? Was ist das und wie kann ein Grundeinkommen diese befördern? 6. Welche Kritiken gibt es aus feministischer Sicht am Grundeinkommen, wie sind eure Gegenpositionen zu diesen Kritiken? Schaut’s euch gerne an, hier kommt ihr direkt zu einer Übersicht aller Beiträge, auch der Einführugnen von Elfriede Harth und Ronald Blaschke.

Mehr als Erwerbsarbeit gibt es bei den Parteien nicht

Bald ist Bundestagswahl, und auch wenn ich eine der Big Ugly Five wählen werde, noch genauer die Grünen, wie ich Buzzfeed schon erzählt habe, so prangere ich doch an, überhaupt keine Auswahl zu haben – jedenfalls nicht bei den Themen, die ich wichtig finde. Die Gruppe Care Revolution Rhein Main hat an die hiesigen Kandidatinnen und Kandidaten einen Fragebogen verschickt, um ihre Ansichten zu dem Themen komplex abzufragen. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ulli Nissen (SPD) schreibt: Die SPD lehnt ein bedingungsloses Grundeinkommen ab. Es entwertet die Leistung der arbeitenden Menschen. (Ulli Nissen, SPD) Wieso das so ist, bleibt ihr Geheimnis. Noch besser ist Matthias Zimmer, CDU. Er antwortet auf die Frage, für welche Maßnahmen er sich einsetzen möchte, um Menschen finanziell zu unterstützen, die unbezahlte Sorgearbeit leisten: Verstehe ich nicht. Ich soll Menschen finanziell unterstützen, die unbezahlte Sorgearbeit leisten? (Matthias Zimmer, CDU) Etwas netter formuliert sind die Antworten von Linke, Bündnis 90/Grüne und FDP, aber es wird doch ganz deutlich, dass

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Grundeinkommen à la Straubhaar: Da fehlt doch was!

Morgen ist der 1. Mai, der Tag der unsichtbaren Arbeit, und passend dazu könnt Ihr das Interview in der aktuellen Ausgabe von Brandeins lesen, in dem Thomas Straubhaar sein Modell für ein Bedingungsloses Grundeinkommen vorstellt (ich weiß nicht, ob der Link bei euch funktioniert oder nur bei mir mit Digitalabo – wenn nicht, müsst Ihr noch etwas warten, die Brandeins schaltet Texte irgendwann nach und nach frei.) Straubhaar ist ein etablierter Ökonom, der sich schon lange für ein Grundeinkommen einsetzt und dabei tapfer gegen den Mainstream seiner Kolleg_innen schwimmt, womit er sich natürlich auch ein bisschen interessant macht. Aber gut, jeder Mitstreiter ist willkommen – oder nicht? Leider teilt Straubhaar mit dem Gros der männlichen Grundeinkommens-Befürworter die Blindheit für die Anforderungen von Care. Deshalb wird sein Modell nicht funktionieren und lässt sich von den Gegner_innen der Grundeinkommens-Idee entsprechend leicht auseinander nehmen. Dabei sind einige Aspekte durchaus interessant. Anders als die Gruppe um Götz Werner, Daniel Häni und Enno Schmid möchte Straubhaar

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Einige Thesen zu Care und Grundeinkommen

Am 21. Februar fahre ich nach Dortmund um dort in einem „Salon der Querdenkerinnen“ ein paar Thesen zu Care und Grundeinkommen zur Diskussion zu stellen. Hier sind die Thesen, falls Ihr mitdiskutieren wollt. Das geht entweder in den Kommentaren oder, natürlich, direkt vor Ort: 18.30 Uhr im Rheinoldium, Schwanenwall 34. Der Vortrag beginnt um 19 Uhr, zwischendrin gibt es noch Häppchen und musikalische Begleitung der Flötistin Wiebke Voigt. Und hier sind nun also die Thesen: Das Bedingungslose Grundeinkommen ist kein Recht, sondern die (symbolische und faktische) Anerkennung der Tatsache, dass alle Menschen Bedürftige und Abhängige sind. Wir alle „leben von Sozialhilfe“, niemand kann für sich selbst sorgen. Die gegenwärtigen politischen und ökonomischen Krisen lassen sich nicht dadurch lösen, dass hier und da einige Stellschrauben gedreht werden. Notwendig ist ein symbolischer Paradigmenwechsel. Die Trennung von Arbeit und Einkommen ist bereits Realität. Ein Grundeinkommen würde dieser Realität Rechnung tragen und notwendige Ressourcen an Engagement und Kreativität freisetzen. Das Bedingungslose Grundeinkommen löst die gegenwärtige

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Feministische Perspektiven zum Grundeinkommen. Und das Problem, zu linken Männern vorzudringen.

Tuuut Tuut, dies ist ein Werbe-Blogpost. Allerdings kein bezahlter, sondern einer für das Buch „Das Bedingungslose Grundeinkommen. Feministische und postpatriarchale Perspektiven“, das ich zusammen mit Ronald Blaschke und Ina Praetorius herausgegeben habe. Das Thema ist ja hier im Blog praktisch ein Basso Continuo. Wir bedanken uns besonders bei Ulrike Helmer, die das Projekt als Verlegerin unterstützt, und mit der ich ja auch bei meinen anderen Büchern seit Jahren (bzw. Gosh, seit Jahrzehnten), zusammenarbeite. Aber ganz ehrlich, dieses Buch hätte ich eigentlich lieber nicht in einem feministischen Verlag herausgebracht. Denn das dortige Publikum weiß eigentlich schon, dass das Grundeinkommen feministische und postpatriarchale Perspektiven braucht. Deshalb hatten wir ursprünglich vor, das Buch in einem der einschlägigen linken Männerverlage herauszubringen, von denen es ja etliche gibt in Deutschland, Österreich, der Schweiz, und die auch fleißig Männerbücher zum Grundeinkommen im Programm haben. Aber die wollten alle nicht. Oder hätten es nur gemacht, wenn wir ihnen Druck und Herstellung finanziert hätten. Sie glauben offenbar, dass ihr Publikum sich nicht für feministische und postpatriarchale Perspektiven

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Wer trägt die Lasten der Austeritätspolitik?

Mein letzter Workshop der bei der Konferenz der International Association for Feminist Economics in Berlin (vgl. die vorherigen Posts hier im Blog) hatte  den Titel „Austerity Measures in Europe: Who Bears the Burden?“. Dabei stellte Maria Laura di Tommaso eine Studie vor, wonach sich der Gender Pay Gap seit 2008 in Italien verdoppelt hat, und zwar seit 2010 vor allem in den höheren Einkommensgruppen. Leider habe ich ganz hinten gesessen und sie hat so leise gesprochen, dass ich die Details ihrer Analyse schlichtweg nicht mitbekommen habe. Anschließend berichtete Yolanda Inbeto von Versuchen der linken Provinzregierung in der baskischen Provinz Gipuzkoa, trotz Austeritätsvorgaben aus Madrid nicht an sozialen Ausgaben zu sparen und dennoch Maßnahmen zu mehr Geschlechtergerechtigkeit einzuführen. Da das alles noch sehr jung ist, ist es noch zu früh, daraus eine Bilanz zu ziehen bzw. zu wissen, wie erfolgreich es ist. Aber schön, zu wissen, dass es in Europa noch Ecken gibt, in denen sowas ausprobiert wird. Dann sprach Diane Perrons über

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