Erbrecht abschaffen!

Angeblich leben wir ja in einer Gesellschaft, in der alle die gleichen Chancen haben, in der es gerecht zugeht, in der das Individuum zählt und nicht der Clan, zu dem jemand gehört – schön und gut, aber was dem vollkommen entgegensteht, ist das Erbrecht. Seit ich im Rahmen meiner Dissertation vor 30 Jahren realisierte, dass im 19. Jahrhundert die Abschaffung des Erbrechts eine zentrale Forderung anarchistischer Gruppen war und vor allem auch Feministinnen das unterstützten (weil das damalige Erbrecht meist auch noch patriarchal war und männliche Nachkommen bevorzugte), geht mir das nicht mehr aus dem Kopf. Also warum es sich so gehalten hat. Und warum die Linken sich so auf das Privateigentum an Produktionsmitteln kaprizieren, statt so etwas viel einfacheres, logischeres, praktischeres wie die Abschaffung des Erbrechts anzustreben. Und warum dieses Clan-Familien-Denken sich so hartnäckig hält.

Ich schreib das immer mal hier und da hin, meistens mit wenig Resonanz, weil die Linken sind alle marxistisch eingenordet (Marx war schon im 19. Jahrhundert dagegen, er meinte, das würde zu lange dauern), und die Rechten kriegen schon bei der Idee eh einen Koller.

Aber kürzlich hat mich die Zeitschrift „Zeitzeichen“ eingeladen, das Thema mal genauer auszuarbeiten. Herzlichen Dank für die Gelegenheit. Hier könnt Ihr das Ergebnis lesen.

Daraufhin hat mich der RBB, der eine Sendung zum Thema Erben hat, dazu interviewt. Auch das steht im Internet.

Und schließlich entsponn sich aus all dem auch noch eine interessante und kontroverse Debatte dazu auf Facebook, hier ist der Link dahin.

Ich bin Journalistin und Politologin, Jahrgang 1964, und lebe in Frankfurt am Main.

7 Gedanken zu “Erbrecht abschaffen!

  1. Dem steht einfach entgegen, dass Leistung sich lohnen muss. Auch noch für die Nachfahren. Und ich bin weder rechts, noch erbe oder vererbe ich. Aber es wäre eine Form der Enteignung und ich habe erleben dürfen was das in der DDR verursachte. Funktioniert einfach nicht.

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  2. Wenn ich in meinem Leben etwas durch Leistung erarbeite, in diesem Fall Geld, möchte ich auch entscheiden können, was damit passiert. Ich bin insofern dafür, dass es nicht automatisch an eine rechtlich vorgesehene Person fallen muss, oder gar ein Verteilungszwang (Pflichtanteil) besteht, aber es müsste in der Hand des Eigentümers sein, was nach dem Ableben passiert. Und natürlich bräuchte es eine Lösung für den Fall eines Ablebens ohne Erbregelung. Erwirtschaftetes und versteuertes Kapital einfach dem Staat zuzuführen würde ich als Form der Einteignung sehen (wenn ich mir natürlich bewusst bin, dass die postmortale Rechtslage eher schwierig ist).

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  3. Liebe Antje, ich empfehle Dir diesen Artikel aus der linken frz Zeitschrift Alternatives Economiques: https://www.alternatives-economiques.fr/economistes-defendent-une-plus-forte-taxation-de-lheritage/00101832#101832 – Warum fordern die Wirtschaftswissenschaftler eine höhere Besteuerung der Erbschaften? – Da geht es nicht darum, das Erben völlig abzuschaffen, sondern zumindest, es ordentlich zu besteuern. Piketty (war wohl nicht anders zu erwarten) ist dafuer, dass der Staat jedem/r jungen Franzosen/Französin mit 25 Jahren 125.000 Euro gibt (die durchschnittliche – pro-Kopf – Höhe der Vermögen in Frankreich!), als Startkapital ins Leben. Finanziert durch hohe Besteuerung der Erbschaften. Es gibt noch weitere Gruppen, die daran arbeiten. Es wird teilweise mit dem Lastenausgleich nach dem 2. Weltkrieg argumentiert.. wobei ich denke (wie auch Bourdieu), dass es nicht nur finanzielles Kapital gibt. Es gibt auch soziales Kapital, Bildungskapital, biologisches Kapital, etc… aber wenn schon auf diesen anderen Feldern weniger eingegriffen werden kann, ist es beim finanziellen Kapital durchaus machbar. Es würde die Ungleichheit vermindern. Was die Gegenüberstellung des Individuums mit dem „Clan“ angeht, so ist unser ganzes Recht, angefangen mit dem Grundgesetzt, vollkommen in diesem „Widerspruch“ verstrickt. Eltern haften für ihre Kinder. Kinder für ihre Eltern (im Alter), nur so kann die unbezahlte Carearbeit überhaupt gesellschaftlich externalisiert und eben diesen „Clans“ bzw einigen Mitgliedern derselben aufgebürdet werden. Andererseits ist die Erfindung des Sozialstaats – (Rente, Krankenversicherung, Schulbildung. Ausbildung von Fachkräften…) eine Sozialisierrung diverser individueller Risiken (Langlebigkeit, Krankheit und Arbeitsunfähigkeit, Kinderlosigkeit…) Heute sollen auch Kinderlose mal im Alter ein Auskommen haben, gepflegt werden, etc…und Kinder, die ja ohne durch eigene Erwerbsarbeit Erspartes auf die Welt kommen, falls niemand da ist, der sich ihrer annimmt, dennoch großgezogen werden (zur Not mit Hartz 4 oder im Kinderheim) – Wie erfinden wir ein System, das weder auf Geburtsprivilegien noch meritokratisch organisiert ist?

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  4. @Sandra – das ist interessant, was du da schreibst, denn was du forderst ist ja letztlich, dass reiche Leute mehr politischen Einfluss haben (zum Beispiel darüber entscheiden können, wo Geld hinfließt und wohin nicht) als arme Leute. Das heißt, Reichtum soll nicht nur bedeuten, dass jemand in Luxus lebt und sich Sachen kaufen kann, sondern dass seine Meinung über die Gestaltung der Welt mehr zählt als die andere. Das ist genau der Grund, weshalb ich das Erbrecht undemokratisch finde.

    Interessante These dazu in dem Buch „Anfänge“ von David Graeber, der genau das als Besonderheit des westlichen Kulturverständnisses ist – nicht dass einige reicher sind als andere (das ist vermutlich in den meisten Kulturen so (gewesen)), sondern dass hier Reichtum direkt in Macht umgewandelt werden kann (was nicht in allen Kulturen so (gewesen) ist). Das Erbrecht spielt dabei eine Schlüsselrolle!

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  5. Warum „muss“ sich Leistung auch noch für die Nachfahren lohnen? Das ist ja eine willkürliche Setzung. Der Kapitalismus funktioniert im Übrigen auch nicht.

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  6. Das habe ich sicher nicht geschrieben, es würde mich sehr wunder nehmen, wo du das ableitest. Ich sage nur: Wer eine Leistung erbringt, hat er Anrecht auf eine Gegenleistung. Kriegt er die nicht, wird er quasi versklavt. Er ist nur noch Erbringer einer Arbeit, nicht aber Nutzniesser, was dann ein anderer (wie auch immer definiert) wäre. Wenn wir also sagen, jede Leistung in einem Staat hat einen Wert, sollte der, welcher sie erbringt, diesen haben, nicht ein dritter Nutzniesser. Und er sollte bestimmen, was damit geschieht. Da sprechen wir nicht von Reichtum, da sprechen wir von Wertschätzung von Einsatz. Ich möchte da ungern falsch verstanden oder in eine Schublade gesteckt werden, die jemand anders für mich geschustert hat.

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