Sieben Thesen zur Leihmutterschaft feat. Ukraine und Little Fires Everywhere

Aus Anlass der von Leihmüttern geborenen Kinder in der Ukraine, die die ersten Wochen ihres Lebens ohne Eltern verbringen mussten, habe ich etwas für den Blog 10 nach 8 auf Zeit online geschrieben. Dann habe ich die neue Amazon-Prime-Minisserie „Little Fires Everywhere“ geschaut und schon wieder ging es um sowas: Welche „Rechte“ ergeben sich aus dem Gebären? Und wie können Menschen, die selbst nicht gebären können (oder wollen) Eltern werden? (Achtung, kleiner Spoiler im Text…) Die Frage nach der moralischen Legitimität von Leihmutterschaft und danach, wie sich Beziehungen zwischen Erwachsenen und Babies konstituieren, steht heute oben auf der Agenda. Geschlechterdifferenz, rassistische Zuschreibungen, Armut und soziale Ungleichheit gehen hier Hand in Hand, Leihmutterschaft ist ein durch und durch „intersektionales“ Thema. Deshalb ist es auch so unbefriedigend, dass es meistens als „Pro“ und „Contra“ diskutiert wird. Ich jedenfalls kann weder völlig dafür noch völlig dagegen sein. Dass sich die Frage, welche Rolle es für eine Familiengründung spielt, wer mit dem Kind schwanger

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Von wegen Gleichheit: Was eine Ehefrau von einem Ehemann unterscheidet

Mater semper certa est, hieß es im römischen Familienrecht, die Mutter ist immer sicher. Das bedeutete, dass diejenige Person, die ein Kind geboren hatte, automatisch auch die rechtliche Mutter dieses Kindes war. Die soziale Rolle der Elternschaft war demnach an den biologischen Prozess des Schwangerseins und Gebärens geknüpft. Und dieses Gesetz überlebte viele Jahrhunderte, es kam viel später genauso ins Bürgerliche Gesetzbuch Deutschlands und gilt selbst heute noch: Mutter ist die Person, die ein Kind geboren hat, laut geltendem Recht. Im Gegensatz dazu war die Vaterschaft im alten Rom nicht an eine biologische Verbindung geknüpft, sondern wurde sozusagen über Bande gespielt: pater est quem nuptiae demonstrant – Vater ist, wen die Ehe als solchen zeigt. Vaterschaft konstituierte sich also, anders als Mutterschaft, nicht über Biologie, sondern über soziale Verhältnisse: Die Ehe mit einer Mutter, nicht die Spermagabe, machte den rechtlichen Vater aus. Ob die Ehefrau das Sperma, mit dem sie schwanger wurde, von einem anderen Mann hatte, war für die

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Die Schuld der Menschenhändler. Die Schuld einer repressiven Familienideologie.

Hier ein krasser Bericht des Deutschlandfunks über Babyhandel in Nigeria. Junge Frauen werden dort entführt, vergewaltigt, damit sie schwanger werden, und die Babies dann verkauft, an kinderlose Paare in Nigeria oder im Ausland. Ich finde es allerdings zu kurz gegriffen, das Problem nur bei den skrupellosen Menschenhändlern zu sehen. In dem Bericht wird auch klar, dass diese Form der Versklavung von Menschen, die schwanger werden können, nur aufgrund einer repressiven Ideologie rund um das Thema Reproduktion überhaupt möglich ist: Kinderlosigkeit ist ein Stigma, Adoption aber auch nicht akzeptiert, Frauen, die außerhalb einer Ehe mit einem Mann schwanger werden, werden aus ihren Familien und der Gesellschaft ausgeschlossen, sodass manche von ihnen „freiwillig“ in diese Babyhandels-Häuser gehen. Ja, die Menschenhändler, die aus der Not von ungewollt Schwangeren und ungewollt Kinderlosen ein skrupelloses Geschäftsmodell machen, sind schuld. Ebenso schuld sind aber alle, die ein bestimmtes Familien- und Reproduktionsmodell als verbindlich für alle propagieren, die Schwangerschaften außerhalb von heterosexuellen Ehen bestrafen, die Abtreibungen verbieten,

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„… der selbst Vater ist…“

Gerade geht eine Meldung herum über einen Konflikt im Thüringer Landtag, wo eine Abgeordnete der Grünen, Madeleine Henfling, den Saal verlassen musste, weil sie ihr Baby dabei hatte und das laut Geschäftsordnung nicht erlaubt ist. Skandal, Skandal, aber das Neue ist ja nicht, dass das verboten ist, sondern dass eine es trotzdem macht und alle das skandalös finden. Und dass extra der Ältestenrat getagt hat und dass jetzt vielleicht bald die Geschäftsordnung geändert wird und dass in der Zwischenzeit Henfling zwar mit Baby nicht den Saal betreten darf, aber bei Abstimmungen eine CDU-Abgeordete (warum übrigens eine Frau?) auf das Abstimmen verzichtet, was ein interessantes Konstrukt. Good News also das Ganze. Vielleicht könnte man ja auch noch auf die Idee kommen, dass alle Abgeordneten in alphabetischer Reihenfolge draußen vor der Tür rundum auf das Baby aufpassen? Besonders interessant finde ich in der Meldung des MDR allerdings folgenden Satz über den Landtagspräsidenten, der Henfling rausgeschickt hat: „Zudem würde er aus Kinderschutzerwägungen jedem Abgeordneten

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Elternschaft muss freiwillig sein! Warum es für Väter ein Opt-Out geben sollte

Kürzlich sprach ich bei einem Thementag des Elternreferats des AstAs an der Uni Mainz über das Schwangerwerdenkönnen, und in der anschließenden Diskussion sorgte eine Fragestellung für Kontroversen, die ich so nicht erwartet hätte: Ob es für Väter (beziehungsweise für die Männer, mit deren Sperma eine Frau schwanger geworden ist) die Möglichkeit eines „Opt-Out“ geben sollte. Irgendwo hatte ich das nämlich mal gefordert (weiß jetzt aber grade nicht mehr, in welchem Blogpost oder Text, falls jemand schlauer ist, bitte in die Kommentare, danke!) und bin auch weiterhin der Meinung, dass das richtig wäre. Denn während eine Schwangere nach der Zeugung darüber entscheiden kann, ob sie das Kind austrägt oder nicht, hat der Samenspender diese Möglichkeit nicht, da es nicht sein Körper ist, der schwanger ist. Er kann zwar seine Meinung äußern, aber die Entscheidung selbst kann nur die Schwangere fällen. Es sei denn, wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, die die körperliche Selbstbestimmung von Frauen durch Gesetze und Machtverhältnisse unterbindet. Wenn wir uns jetzt aber einig sind, dass das nicht geht

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Ist Leihmutterschaft Arbeit?

Im Zusammenhang mit meinem kleinen Projekt des Nachdenkens übers Schwangerwerdenkönnen ist ein besonders wichtiges Thema das der Biotechnologie. Schwangerwerdenkönnen ist ja längst nicht mehr einfach die Art und Weise, wie Menschen sich reproduzieren. Es ist auch seit langem ein Feld juristischer, moralischer und sozialer Aushandlungsprozesse, die sich hauptsächlich um die Frage drehen, wie Kulturen die Ungleichheit regeln, die darin besteht, dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht, woraus sich dann sowohl formale Regelungen als auch kulturelle Geschlechternormen entwickelt haben. Aber inzwischen ist das Schwangerwerdenkönnen auch in den kapitalistischen Markt eingetreten, und zwar nicht mehr nur im Sinne des Konsums, mit Schwangeren als Zielgruppe etwa, sondern direkt die Reproduktion selbst. Frauen* verkaufen das Austragen und Gebären von Kindern als Dienstleistung für Menschen, die selbst nicht schwanger werden können. Und sie verkaufen ihre Eizellen an Menschen, die selbst keine reproduktionsfähigen Eizellen produzieren, oder auch für die biotechnologische Forschung. In der Reihe „Kitchen Politics“ bei Edition Assemblage ist zu diesem Thema

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Väter, Mütter und der Elefant im Raum

In der Serie „Orange is the new black“, die in einem Frauengefängnis spielt, gibt es eine Liebesgeschichte zwischen einer Inhaftierten (Daya) und einem Wärter (John). Sie hatten Sex, Daya ist schwanger. Gegen Ende der zweiten Staffel fordert Daya John auf, öffentlich zu seiner Vaterschaft zu stehen, aber er hat Angst, weil er höchstwahrscheinlich selbst im Knast landen würde, denn Sex zwischen Wärtern und Inhaftierten gilt prinzipiell als Vergewaltigung. Daraufhin bietet Daya, die die Heimlichtuerei nicht mehr möchte, ihm eine Alternative an: Er könne die Beziehung auch beenden, sie würde nichts verraten. Er sagt entrüstet: „Do you think I would walk away from my child?“ Sie antwortet: „Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, das Ganze zu vergessen, würde ich mit Sicherheit darüber nachdenken.“ Es ist klar: Daya hat diese Möglichkeit nicht. Die Option „to walk away from her child“ existiert für sie nicht, denn das Kind ist in ihrem Bauch, ein Teil ihres Körpers. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen

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Die Wellen der Mutterschaftsdiskurse

Gestern Abend ist im 10 nach 8-Blog auf Zeit-Online ein Text von mir erschienen, der ursprünglich den Titel hatte „Warum ich keine Kinder habe“. Seither habe ich auf den unterschiedlichsten Kanälen, im Internet, via Mails, Face to Face, weiter über das Thema diskutiert und entwickle gerade eine Wellentheorie in Bezug auf Mutterschaftsdiskurse. Denn je nach Alter der Frauen, die auf meinen Text reagiert haben, glaube ich eine unterschiedliche symbolische Einbettung der Frage „Will ich Kinder haben?“ in ein gesellschaftliches Narrativ zu erkennen. Meine eigene Generation (Mitte der 1960er geboren, also vor allem zwischen 1990 und 2000 mit der Frage des Kinderhabens konfrontiert) war dabei von den Narrativen geprägt, die ich in dem Artikel schildere: Muttersein und ambitioniertes (Berufs-)leben schließen sich gegenseitig aus, dafür gibt es keine ausreichende Infrastruktur. Väter fühlen sich nicht zuständig. Familien sind nur im klassisch heteronormativen Sinne denkbar, alle Frauen, die das nicht wollen, müssen bitte kinderlos bleiben. Gleiches predigte auch der damalige Feminismus, jedenfalls der bekanntere à la Emma und

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Ehe nach Bedarf

Editorial: Diesen Text schrieb ich für die aktuelle Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik, wo er jedoch im bezahlpflichtigen Teil steht. (Update: inzwischen nicht mehr, sondern freigeschaltet). Ich darf ihn aber auch hier veröffentlichen, was außerdem den Charme hat, dass Ihr kommentieren könnt! Voilà! Die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare hat in den letzten Wochen starken Aufwind bekommen: Zuerst stimmten Ende Mai bei einem Referendum 62 Prozent der Irinnen und Iren für die sogenannte Homo-Ehe, kaum einen Monat später entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass jene Bundesstaaten verfassungswidrig handeln, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe verweigern. Es ist unübersehbar, dass die Zustimmung zur „Ehe für alle“ – ein Ausdruck, der vielerorts die marginalisierende Bezeichnung „Homo-Ehe“ ersetzt hat – inzwischen weitgehend Mainstream ist. Unmittelbar nach der Entscheidung des Supreme Court schaltete Facebook ein Regenbogen-Feature frei: Mit nur einem Klick konnten Nutzerinnen und Nutzer ihre Profilbilder mit einem Regenbogenverlauf unterlegen und damit symbolisch ihrer Freude Ausdruck verleihen. Ganze

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