Väter, Mütter und der Elefant im Raum

In der Serie „Orange is the new black“, die in einem Frauengefängnis spielt, gibt es eine Liebesgeschichte zwischen einer Inhaftierten (Daya) und einem Wärter (John). Sie hatten Sex, Daya ist schwanger. Gegen Ende der zweiten Staffel fordert Daya John auf, öffentlich zu seiner Vaterschaft zu stehen, aber er hat Angst, weil er höchstwahrscheinlich selbst im Knast landen würde, denn Sex zwischen Wärtern und Inhaftierten gilt prinzipiell als Vergewaltigung. Daraufhin bietet Daya, die die Heimlichtuerei nicht mehr möchte, ihm eine Alternative an: Er könne die Beziehung auch beenden, sie würde nichts verraten. Er sagt entrüstet: „Do you think I would walk away from my child?“ Sie antwortet: „Wenn mir jemand die Möglichkeit geben würde, das Ganze zu vergessen, würde ich mit Sicherheit darüber nachdenken.“

Es ist klar: Daya hat diese Möglichkeit nicht. Die Option „to walk away from her child“ existiert für sie nicht, denn das Kind ist in ihrem Bauch, ein Teil ihres Körpers. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Vaterschaft und Mutterschaft: Vaterschaft konstituiert sich nicht automatisch durch den biologischen Zeugungsakt, es muss ein Prozess der sozialen Anerkennung hinzukommen. Es gibt die Möglichkeit, dass die Beteiligten sich gegen die Vaterschaft des biologischen „Erzeugers“ entscheiden. Sie – oder die Gesellschaft – können auch einen anderen Mann zum Vater küren (in der Realität gilt oft der Mann als Vater, der mit der Schwangeren verheiratet ist, egal ob das Kind tatsächlich „von ihm“ ist. Im konkreten Fall der Fernsehserie ist ein konkreter Kandidat ein anderer Wärter, mit dem Daya ebenfalls Sex hatte, und der von sich selbst fälschlicherweise glaubt, der Vater zu sein).

In Bezug auf Mutterschaft gibt es diese Möglichkeit, quasi „per Abmachung“ zu entscheiden, nicht. Man kann das befruchtete Ei nicht im Lauf der Schwangerschaft in einen anderen Körper transferieren (vielleicht kommt das ja noch). Wer die biologische Mutter eines Kindes ist, ist eine evidente, für alle offensichtliche Tatsache: diejenige, in deren Körper das Kind heranwächst und die es schließlich zur Welt bringt. Selbstverständlich ist Mutterschaft auch sozial geprägt. Aber sie ist eben dennoch und gleichzeitig ein materieller Fakt: dieser schwangere Körper und dieses Kind, das daraus geboren wird.

Andersrum ist natürlich auch die biologische Vaterschaft feststellbar (wenn auch erst seit kurzem), allerdings nicht einfach per Anschauung, sondern nur mit technologischem Aufwand. Es muss ein Vaterschaftstest gemacht werden, was aber nur im Streitfall geschieht. Es geschieht zum Beispiel nicht, wenn sich alle Beteiligten auf einen Vater „einigen“. Und es geschieht auch dann nicht, wenn gar kein Kandidat vorhanden ist. Es ist ja zum Beispiel möglich (und kommt auch öfter mal vor), dass weder die schwangere Frau noch der Mann, mit dem sie Sex hatte, an dieser konkreten Vaterschaft ein Interesse haben – und deshalb schlicht darüber schweigen.

Die soziale Konstruktion von Vaterschaft bedeutet: Jemand muss sagen „Dieser Mann ist der Vater meines Kindes“ oder „Ich bin der Vater dieses Kindes“ – wenn das nicht geschieht, gibt es keinen Vater. Im Fall von Mutterschaft aber muss niemand etwas sagen. Eine Mutter gibt es immer, denn andernfalls wird gar kein Kind geboren. Eine Mutterschaft zu verheimlichen ist zwar nicht völlig unmöglich, setzt aber einen ziemlichen organisatorischen Aufwand voraus.

Lasst-Väter-Vater-seinDerzeit ist die Art und Weise, wie Vaterschaft sozial konstruiert wird, stark im Umbruch und damit in der Debatte. Unter dem Titel „Lasst Väter Vater sein“ hat Barbara Streidl eine Streitschrift vorgelegt, in der sie vehement und engagiert dafür plädiert, die Rolle von Vätern zu stärken. Sie wünscht sich – wie wohl viele heutzutage – dass Väter eine aktive und von Umfang und Qualität her ähnliche Verantwortung für Kinder annehmen und zugesprochen bekommen wie Mütter. Sie fordert die Frauen, die Männer und die Gesellschaft insgesamt auf, die dafür erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Doch allein schon die Häufigkeit und Vehemenz, mit der sie immer wieder betont „Kinder brauchen Väter“, „Väter sind wichtig!“ ist ein Beleg dafür, dass dieses Brauchen und diese Wichtigkeit gerade nicht evident sind. Diese Sätze sind ein Appell, nicht die Feststellung einer Tatsache.

Sollen Väter also wichtig sein? Ich bin in dieser Frage nicht so klar entschieden wie Barbara Streidl. Aber so oder so: Jede gesellschaftliche Debatte darüber, was Vaterschaft sein soll, wird nicht darum herumkommen, sich dem Thema von Schwangerschaft und Geburt zu stellen, also die damit verbundenen körperlichen Unterschiede von Mutterschaft und Co-Elternschaft wahrzunehmen. Diesen Part der Co-Elternschaft müssen ja auch nicht unbedingt die Väter übernehmen, es gibt auch lesbische Co-Mütter oder Poly-Familien und alle möglichen anderen denkbaren Konstellationen. Aber sie alle haben eines gemeinsam: den Unterschied zwischen den Co-Eltern und der Person, die das Kind austrägt und gebiert. Diese Unterschiede spielen eine Rolle, wenn man sinnvoll darüber diskutieren will, wie Elternschaft kulturell gestaltet werden soll: Let’s talk about Schwangerwerdenkönnen!

Erstaunlicherweise kommt aber genau dieses Thema in Streidls Buch nicht mit einem Wort vor. Es scheint sich dabei wirklich um eines der größten Tabus unserer Zeit zu handeln. Vor einiger Zeit wunderte ich mich bereits über ein feministisches Mädchenbuch, das in großer Ausführlichkeit über alle möglichen Dinge und  auch die körperlichen Aspekte des weiblichen Erwachsenwerdens spricht – aber das Schwangerwerdenkönnen mit keiner Silbe erwähnt. Und nun gibt es ein Buch über Vatersein und Muttersein, das genau dieselbe Leerstelle aufweist. Der riesige Elefant im Raum. Was ist an ihm eigentlich so gefährlich?

In Bezug auf die soziale Konstruktion von Vater- und Mutterschaft, um die es in Streidls Buch geht, ist relativ klar, wo das Problem liegt: Die klassische patriarchale Aufteilung von Mutter- und Vaterrolle in Bezug auf die Kindererziehung wurde schließlich genau mit dem Schwangersein und Gebären begründet, aus dem dann allerlei angeblich naturgegebene Unterschiede für die Zeit nach der Geburt abgeleitet wurden. Doch die körperliche Evidenz des Mutterseins endet mit der Geburt. Nach der Geburt ist alles in der Tat verhandel- und veränderbar, es gibt zum Beispiel keine biologische Notwendigkeit, dass die Person, die schwanger war und das Kind geboren hat, auch diejenige ist, die es anschließend versorgt.

Doch das bedeutet nicht, dass das Thema Schwangerschaft für die Verhandlung von Vater- und Mutterschaft unwichtig wäre. Denn worum es hier geht, das sind vor allem die Beziehungen zwischen der Mutter und dem – potenziellen – Vater. Diese Beziehung ist von einer ganzen Reihe an Ungleichheiten geprägt. Zum Beispiel kann die schwangere Frau nicht sicher sein, dass der Mann, von dem sie schwanger ist, auch bis zur Geburt anwesend bleibt (er muss sie gar nicht mal unbedingt verlassen, er kann auch sterben zum Beispiel). Ein Mann wiederum kann prinzipiell nicht allein entscheiden, ein Kind zu bekommen – er ist darauf angewiesen, dass eine Frau nicht nur mit ihm Sex hat (darauf ist eine Frau ebenfalls angewiesen), seine Sexpartnerin muss das Kind anschließend auch austragen. Sie kann das Kind nämlich auch abtreiben, eine Entscheidung, die (faktisch) allein bei ihr liegt, auch wenn sie normalerweise seine Meinung dazu wohl irgendwie berücksichtigt. Aber es ist ihr Körper. Andersrum heißt das auch: Wenn die Schwangere ein ungeplant gezeugtes Kind gebären möchte und ihr Sexpartner nicht – dann kann er das nicht verhindern.

Vater- und Mutterrollen werden also nicht erst ab dem Moment der Geburt verhandelt, sondern spätestens ab dem Moment der Zeugung, unter Umständen sogar schon vorher. Geburten haben eine Vorgeschichte, die von einer wesentlichen Ungleichheit geprägt ist: der Ungleichheit zwischen derjenigen Person, die schwanger ist und eventuell ein Kind zur Welt bringt, und einer (oder mehreren) anderen Personen, die das nicht sind, aber dennoch eine Beziehung zu diesem Kind haben möchten. Die mit all dem verbundenen Verhandlungen und Abmachungen sind von dieser Ungleichheit geprägt und müssen ihr deshalb Rechnung tragen – Daya und John aus der Fernsehserie sind da keine Ausnahme.

Barbara Streidl: Lasst Väter Vater sein. Beltz 2015, 167 Seiten, 16,95 Euro.

Die Wellen der Mutterschaftsdiskurse

Gestern Abend ist im 10 nach 8-Blog auf Zeit-Online ein Text von mir erschienen, der ursprünglich den Titel hatte „Warum ich keine Kinder habe“. Seither habe ich auf den unterschiedlichsten Kanälen, im Internet, via Mails, Face to Face, weiter über das Thema diskutiert und entwickle gerade eine Wellentheorie in Bezug auf Mutterschaftsdiskurse. Denn je nach Alter der Frauen, die auf meinen Text reagiert haben, glaube ich eine unterschiedliche symbolische Einbettung der Frage „Will ich Kinder haben?“ in ein gesellschaftliches Narrativ zu erkennen.

Meine eigene Generation (Mitte der 1960er geboren, also vor allem zwischen 1990 und 2000 mit der Frage des Kinderhabens konfrontiert) war dabei von den Narrativen geprägt, die ich in dem Artikel schildere: Muttersein und ambitioniertes (Berufs-)leben schließen sich gegenseitig aus, dafür gibt es keine ausreichende Infrastruktur. Väter fühlen sich nicht zuständig. Familien sind nur im klassisch heteronormativen Sinne denkbar, alle Frauen, die das nicht wollen, müssen bitte kinderlos bleiben. Gleiches predigte auch der damalige Feminismus, jedenfalls der bekanntere à la Emma und Simone de Beauvoir. Viele dieser Frauen haben, so wie ich, keine Kinder bekommen.

Die nächste „Welle“ der Mitte der 1970er Geborenen, die zwischen 2000 und 2010 entscheiden mussten, ob sie Kinder haben wollen, hatten schon ein neues Narrativ zur Verfügung, nämlich das der „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“. Sie hatten teilweise schon selbst feministische Mütter, die aus der klassischen Ehefrauen-Rolle ausgebrochen waren, oder sie hatten in Medien und im realen Leben schon eine ganze Reihe von Vorbildern für neue Formen der Mutterschaft. Die Gleichstellungspolitik hatte bereits Erfolge verzeichnet, es gab mehr Infrastruktur für Kinderbetreuung und eine hoffnungsvolle Grundstimmung, dass beides möglich ist. Väter würden sich zur Hälfte an der anfallenden Arbeit beteiligen, das geht schon. Viele dieser Frauen waren dann überrascht, dass sie es mit Kindern doch schwerer hatten als gedacht.

Die dann folgende Welle, die heute noch anhält, betrifft die Mitte der 1980er Geborenen, die also erst seit etwa 2010 über die Frage des Kinderhabens nachdenken. Sie sind heute mit einem Narrativ konfrontiert, das die Sache mit der „Vereinbarkeit“ deutlich verhaltener sieht. Es wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Bücher darüber geschrieben, dass das alles doch nicht so easy-peasy geht, statt der Hoffnungen auf „Vereinbarkeit“ sind die Probleme und uneingelösten Versprechungen Thema. Ihre Mütter sind oft selbst zwischen Berufsarbeit und Familienarbeit zerrissen, hatten wenig Zeit. Vielleicht kein Wunder, dass manche dieser Frauen wieder von alten Hausfrauenzeiten träumen, in der sich Mütter ganz ganz auf das Basteln von Schultüten konzentrieren konnten statt ins Büro hetzen zu müssen. Manchmal scheint es deshalb so, als wäre seit 1990 gar nichts vorangegangen und als würden Frauen heute wieder vor denselben Hürden stehen, wie wir damals in den 1980ern.

Aber keine Sorge, es ist vorangegangen. Dass es eine gute öffentliche Infrastruktur für Kindererziehung braucht, wird nicht mehr in Frage gestellt (das war in den 1980ern in Westdeutschland noch ganz anders), andere Familienformen als die Vater-Mutter-Kind-Familie sind öffentlich sichtbar, und dass Frauen berufstätig sein sollen, wird nicht mehr ernsthaft bezweifelt. Und auch mehr Väter als früher fühlen sich für die Kinderversorgung und die „Vereinbarkeit“ zuständig. Das alles wird auch nicht mehr zurückgedreht.

Es stellt sich halt nur heraus, dass das nicht so einfach zu realisieren ist und wir wahrscheinlich doch eher eine Care Revolution brauchen als hier und da ein paar kleine Reförmchen. Aber auch das realistischere Erkennen einer Situation ist ein Fortschritt. Und dieser Realismus bedeutet ja nicht, die besser gewordenen Gelegenheiten zu ergreifen, wo immer sie sich bieten.

 

Ehe nach Bedarf

Editorial: Diesen Text schrieb ich für die aktuelle Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik, wo er jedoch im bezahlpflichtigen Teil steht. (Update: inzwischen nicht mehr, sondern freigeschaltet). Ich darf ihn aber auch hier veröffentlichen, was außerdem den Charme hat, dass Ihr kommentieren könnt! Voilà!

Die Öffnung der Ehe für schwule und lesbische Paare hat in den letzten Wochen starken Aufwind bekommen: Zuerst stimmten Ende Mai bei einem Referendum 62 Prozent der Irinnen und Iren für die sogenannte Homo-Ehe, kaum einen Monat später entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass jene Bundesstaaten verfassungswidrig handeln, die gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe verweigern.

Es ist unübersehbar, dass die Zustimmung zur „Ehe für alle“ – ein Ausdruck, der vielerorts die marginalisierende Bezeichnung „Homo-Ehe“ ersetzt hat – inzwischen weitgehend Mainstream ist. Unmittelbar nach der Entscheidung des Supreme Court schaltete Facebook ein Regenbogen-Feature frei: Mit nur einem Klick konnten Nutzerinnen und Nutzer ihre Profilbilder mit einem Regenbogenverlauf unterlegen und damit symbolisch ihrer Freude Ausdruck verleihen. Ganze Timelines verwandelten sich in regelrechte „Gay-Marriage“-Manifestationen.

Ein weiteres Symbolbild, das in den vergangenen Wochen durch die sozialen Netzwerke gereicht wurde, war ein Postkartenspruch: „Was wird sich für heterosexuelle Paare ändern, wenn Homosexuelle heiraten dürfen?“ Antwort: „Nichts!“ Seine Beliebtheit erklärt, warum die Zustimmung in der Bevölkerung zur Gleichstellung schwuler und lesbischer Paare so groß ist: Sie ist nicht revolutionär gemeint, sondern versteht sich als antidiskriminierende Maßnahme, durch die sich buchstäblich „nichts“ ändert. Aber ist das wirklich so? Und vor allem: Ist das gut oder schlecht?

Wenn man sich die historische Entwicklung des Konstrukts „Ehe“ anschaut, wird deutlich, dass die jetzige Öffnung für gleichgeschlechtliche Paare mit einer Veränderung zusammenhängt, die nicht politischer, sondern technologischer Natur ist: die Erfindung der In-Vitro-Fertilisation, also der Möglichkeit, ohne Geschlechtsverkehr Schwangerschaften zu erzeugen. Die In-Vitro-Fertilisation ermöglicht es lesbischen Frauen, schwanger zu werden, ohne mit einem Mann zu schlafen. Und sie ermöglicht es schwulen Männern in vielen Ländern der Welt, ihren Kinderwunsch mit sogenannten Leihmüttern auf vertraglicher Basis – oft gegen Geld – zu verwirklichen. Kinderhaben ist heute nicht mehr an Sex gebunden.

Die Geschichte der Ehe

Historisch betrachtet regelt die Institution Ehe die Verantwortlichkeiten im Fall von Elternschaft. Vor der Erfindung der In-Vitro-Fertilisation war sie daher logischerweise heterosexuell ausgelegt: Geschlechtsverkehr zwischen einer Frau und einem Mann war lange Zeit die einzige Möglichkeit, eine Schwangerschaft hervorzubringen. Kurz gefasst stellte die Ehe sicher, dass Männer die Frauen, die von ihnen schwanger wurden, mit der Versorgung des Kindes nicht allein lassen. Gleichzeitig bekamen Ehemänner für diese Verantwortungsübernahme in patriarchalen Kulturen zahlreiche Privilegien zugestanden. Wenn sich Elternschaft heute aber nicht mehr notwendigerweise durch gemeinsamen Sex konstituiert, dann gibt es auch keinen Grund, warum die Ehe auf heterosexuelle Paare beschränkt bleiben sollte.

Dass die Ehe vom Prinzip her kein Institut zur Regelung von Sexualität und romantischer Liebe ist, sondern das regeln sollte, was heute Care-Arbeit genannt wird – also die private, nicht erwerbsmäßige Versorgung hilfsbedürftiger Menschen (in diesem Fall von Kindern) –, wird auch darin deutlich, dass sie in vielen Kulturen weder monogam angelegt war noch auf individueller Zuneigung oder gar „Liebe“ gründete. Die Ehe hat fast überall auf der Welt in erster Linie rechtliche und ökonomische Aspekte. Dass vor allem an Ehefrauen der Anspruch gestellt wurde, sexuell nur mit ihrem Ehemann zu verkehren, hatte weniger mit Vorstellungen von Treue und Hingabe zu tun, sondern sollte sicherstellen, dass Männer nicht für die Kinder anderer Männer aufkommen müssen.

Die Vorstellung, dass Eheleute einander wechselseitig als Individuen mögen, sich sogar lieben, ihre Beziehung als lebenslang und exklusiv verstehen, ist stark vom Christentum geprägt. Als solche hat sie vor allem in Europa und den USA die ideologischen Grundlagen geschaffen, auf denen bis heute über das Thema diskutiert wird. Funktioniert hat das in der Realität meist nur so mittelgut. Auch in Europa war es weithin üblich, dass Ehen nicht aus Liebe, sondern aus politischem Kalkül geschlossen wurden. Die gesamte Minnetradition lebt von der Unterscheidung zwischen Ehe und Liebe: In der europäischen Liebesliteratur gilt beides bis zur Romantik als zweierlei, eben genau deshalb, weil sich in der Ehe politische und ökonomische Interessen ausdrücken, die mit „wahrer Liebe“ zumeist unvereinbar sind.

Erst die Romantik hat der Idee der gefühlsbetonten und lebenslangen Zweierbeziehung Auftrieb gegeben und das Bild des idealen, zu einer Einheit verschmolzenen Paares entworfen. Es sollte alles in sich vereinen: Freundschaft, sexuelle Leidenschaft, gemeinsame Interessen, Kinder, lebenslange Verbundenheit. Das Ideal ist bis heute höchst wirksam und gibt neuerdings eben nicht nur für heterosexuelle Paare die Maßstäbe vor, sondern auch für homosexuelle.

Dabei hätte es auch anders kommen können. Viele schwule Männer aus der Beatnik-Bewegung der 1950er Jahre verbanden mit ihrem selbstbewussten Bekenntnis zum Spaß am Sex mit anderen Männern keineswegs die Idee, diese deshalb heiraten zu wollen. Sie waren vielmehr recht zufrieden damit, gleichzeitig auch Ehefrauen zu haben, die die Kinder versorgten und für die sie – mehr oder weniger zuverlässig – finanziell aufkamen.[1] Eigentlich naheliegend, denn schwuler Sex hat ja eben mit Schwangerwerdenkönnen nichts zu tun.

Sex und Ehe voneinander zu trennen, ist weder absurd noch originell. Es gibt durchaus Kulturen, die es traditionell so handhaben, zum Beispiel die Mosuo in China: Frauen und ihre Kinder leben dort in mütterlichen Clans, während die männlichen Sexualpartner nur „zu Besuch“ kommen. Auch dort haben Kinder männliche Bezugspersonen, allerdings nicht ihre biologischen Väter, sondern ihre Onkel, die im selben Haushalt mit ihnen und ihren Müttern leben.[2]

»Ehe für alle« stärkt die Institution Ehe an sich

Dass sich die Schwulen- und Lesbenbewegung mehrheitlich für die Übernahme des heterosexuellen Ehemodells entschieden hat, war also keineswegs zwangsläufig und lässt sich ohne die nach wie vor starke Verankerung des christlich inspirierten romantischen Zweisamkeitsideals kaum erklären. Das könnte auch ein Grund dafür sein, warum der Aktivismus für „Homo-Ehen“ in vielen anderen Regionen der Welt nur sehr zögerlich Zustimmung findet. Doch auch im christlich geprägten Westen ist die Begeisterung über den Zugang zur Ehe nicht ungeteilt. Es gibt – neben jenen Kritikern, die auf das christliche Familienbild, bestehend aus Mann und Frau, verweisen – zahlreiche Aktivisten und noch mehr Aktivistinnen, die den Kampf für eine „Ehe für alle“ als stabilisierende Anpassung kritisieren. Er würde nicht von gesellschaftskritischen Impulsen getragen, sondern reklamiere lediglich unberechtigte Privilegien auch für sich selbst.[3]

Dass die Ausweitung der traditionellen christlich-romantischen Ehe auf schwule und lesbische Paare die Institution Ehe symbolisch stärkt und stabilisiert, ist offensichtlich. Fraglich ist aber, ob dies langfristig funktionieren wird. Und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil Ehen häufig scheitern, sobald Trennungen nicht mehr mit einem starken sozialen Stigma belegt sind. Sondern weil sich längst neue Formen des gemeinsamen Lebens und Wirtschaftens herausbilden, die für viele Menschen attraktiver sind.

Unter dem Stichwort „Co-Parenting“ wird etwa das Phänomen diskutiert, dass Menschen sich auch außerhalb von romantischen Zweierbeziehungen dazu entscheiden, gemeinsam für Kinder Verantwortung zu übernehmen.[4] Das können zum Beispiel Singles sein, die zwar Eltern sein möchten, aber keine Liebesbeziehung führen wollen. Oder auch lesbische und schwule Paare, die gemeinsam Kinder zeugen und die Elternschaft als Gruppe leben.[5] Oder „normale“ heterosexuelle Elternpaare, die die Verantwortung für ihre Kinder mit anderen befreundeten Menschen auf eine verbindliche Weise teilen.[6] Oder polyamore Beziehungsgruppen, also Menschen, die nicht zu zweit, sondern zu mehreren eine Liebesbeziehung führen und in dieser Konstellation Eltern werden.[7] Inzwischen gibt es sogar mit „Familyship.org“ eine Art Kontaktbörse für „Menschen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen“ wollen. Diese Lebensformen sind auch eine Folge davon, dass zahlreiche Scheidungen längst solche „Patchworkfamilien“ hervorgebracht haben. Heute „überspringen“ manche eben gleich das Stadium der Ehe davor.

Während einerseits neue Familienformen rund um das Leben mit Kindern entstehen, nimmt andererseits das Bedürfnis ab, eine simple Zweierbeziehung durch eine Eheschließung zu bekräftigen. Dass Menschen Sex miteinander haben oder zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, ist heute völlig normal. In Frankreich wählen zahlreiche Paare, die ihre Beziehung vertraglich regeln wollen, nicht die Ehe, sondern einen abgespeckten Pacte civil de solidarité, der ursprünglich für gleichgeschlechtliche Paare eingeführt wurde, aber inzwischen auch bei Heterosexuellen sehr beliebt ist.[8]

Wenn heutzutage traditionell geheiratet wird, dann steht oft das Ereignis als solches, die schöne Feier im Vordergrund und nicht ein Bekenntnis zu lebenslanger Treue oder der Wunsch nach gemeinsamen Kindern. Längst sind auch hier Eheverträge Standard, die die rechtlichen Implikationen einer Ehe teilweise wieder aufheben – etwa die Gütergemeinschaft. Auch von politischer Seite werden die klassischen Verbindlichkeiten einer Ehe sukzessive relativiert, etwa mit der Abschaffung des Unterhaltsanspruchs für ehemalige Ehepartnerinnen, sofern sie nicht gemeinsame Kleinkinder versorgen.

Sorgegemeinschaften sind die zeitgemäßen Ehemodelle

Die gegenwärtige Ehe entfernt sich somit zunehmend von ihrem ursprünglichen Sinn: Viele Familienkonstellationen, die verbindliche Sorgegemeinschaften mit Kindern bilden, bleiben vom Genuss ehelicher Privilegien ausgeschlossen, während andererseits der Wunsch zu heiraten nicht unbedingt mit dem Bedürfnis einhergeht, Kinder zu haben und langfristig eine echte Wirtschaftsgemeinschaft zu bilden.

Das Thema wird noch komplexer, wenn man sich klarmacht, dass die traditionelle Aufgabe von Ehen, nämlich Care-Arbeit in nahen Beziehungsstrukturen zu ermöglichen und dafür rechtliche, finanzielle und soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, sich nicht nur auf die Versorgung von Kindern beschränkt. Angesichts des demographischen Wandels gewinnen auch andere Bereiche, etwa die gegenseitige Unterstützung bei Krankheit oder Pflegebedürftigkeit, an Bedeutung.

Wenn konservative Gegnerinnen der „Homo-Ehe“ wie die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer daher einwenden, dann könne man ja gleich auch Inzest und Polygamie erlauben, besteht eigentlich wenig Anlass, dieses Szenario als propagandistisch und absurd zurückzuweisen. Vielmehr könnte man zurückfragen: Warum eigentlich nicht?

Das wird besonders deutlich am deutschen Ehegattensplitting. Es wird von kritischen Stimmen in der Regel mit dem Argument abgelehnt, es gebe keinen Grund, kinderlose Ehepaare finanziell zu fördern, zumal damit ein Anreiz für Frauen verbunden ist, auf Erwerbsarbeit zu verzichten. Aber aufgrund der Notwendigkeit von Care-Arbeit ist es wichtig, dass Menschen die Möglichkeit haben, auf Erwerbsarbeit zu verzichten, wenn sie Zeit brauchen, um für Andere Sorgearbeit zu leisten – seien es Kinder, Kranke oder Pflegebedürftige. Das wirtschaftsliberale Credo, dass alle „für sich selbst sorgen“ müssen, bedeutet konkret den Zwang zur Erwerbsarbeit für alle und lässt die Frage offen, wer dann unter welchen Bedingungen die notwendige unbezahlte Care-Arbeit erledigen soll.[9]

Insofern wären Überlegungen zu einer „Ehe für wirklich alle“ durchaus sinnvoll. Sie können sich aber nicht länger an der Frage festmachen, wer mit wem Sex hat oder wer mit wem eine romantische Liebesbeziehung führt. Beim heutigen Stand von Geburtenkontrolle und Reproduktionstechnologie ist die Frage, wer mit wem schläft und wer wen liebt, tatsächlich Privatsache, die die Gesellschaft und den Staat nichts angeht. Mit der Frage, wer für wen sorgt und wer mit wem eine verantwortliche – auch ökonomische – Lebensgemeinschaft eingeht, hat sie nicht mehr notwendigerweise etwas zu tun.[10]

Genau an dieser Frage aber haben sich zeitgemäße „Ehemodelle“ – inklusive finanzieller Vergünstigungen und rechtlicher Sicherheit für diese Modelle – zu orientieren: Sie müssen generationenübergreifende Gemeinschaften fördern, in denen Menschen verbindlich füreinander sorgen und sich langfristig für andere verantwortlich fühlen, auch ökonomisch. Wenn man die historischen Wurzeln der Ehe berücksichtigt, dann ist das auch kein so neuer Gedanke – im Gegenteil.

 

[1] Vgl. Brenda Knight, Women of the Beat Generation, Newburyport 1998, insbesondere S. 62 ff.

[2] Vgl. Lugu Lake Mosuo Cultural Development Association, www.mosuoproject.org.

[3] Vgl. z.B. Nadine Lantzsch, Ehe abschaffen! Und bis dahin Eheprivilegien umverteilen, www.maedchenmannschaft.net, 1.7.2015.

[4] Vgl. Louise Carpenter: Echte Wunschkinder, in: „der Freitag“, 29.1.2014.

[5] Vgl. Ute Zauft, Der Traum vom Kind, in: „Der Tagesspiegel“, 30.6.2015.

[6] Vgl. zum Beispiel das Blog „Gemeinsam Eltern“, http://gemeinsameltern.blogsport.de.

[7] Vgl. Lisa Seelig, Vater, Vater, Mutter, Kind, www.zeit.de, 7.12.2010.

[8] Vgl. Katrin Rönicke, Lass uns einen Pakt schließen, in: „der Freitag“, 18.6.2015.

[9] Auch wenn es möglich ist, Teile der ehemals von „Hausfrauen“ unbezahlt geleisteten Arbeit in Erwerbsarbeit zu überführen, so ist das aus verschiedenen Gründen nicht für das gesamte Volumen der notwendigen Care-Arbeit eine Lösung. Vgl. dazu Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care, Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2015 (kostenloser Download unter www.boell.de) sowie Gabriele Winker, Care Revolution, Bielefeld 2015.

[10] Vgl. dazu Or Kasthi, Elderly sisters fight to be legally recognized as a „couple“, in: „Haaretz“, 3.7.2015.

(aus: »Blätter« 8/2015, Seite 9-12)

 

Drei Gedanken zur autoritären NS-Erziehung

Heute morgen habe ich auf Facebook diesen Artikel geteilt über den Anteil, den autoritäre Erziehung an den Kindheitstraumata der heute älteren Generation hat. Daraus ergab sich eine rege Debatte, die bei mir drei Gedanken aufkommen ließ, die ich hier im Blog gerne festhalten möchte.

Erstens die Frage nach der Besonderheit nationalsozialistischer Erziehungsmethoden. Viele weisen in diesem Diskussionsstrang darauf hin, dass nicht nur nach NS-Ideologie, sondern auch schon viel früher und noch viel länger solche „schwarze Pädagogik“ praktiziert wurde, andere meinen, dass das im NS eine besondere Ausprägung hatte. Sicher ist an beidem was Wahres dran, ich glaube aber, dass die NS-Ideologie der Pädagogik doch noch einmal eine andere Qualität hatte als „nur“ die bürgerlich-patriarchale. Was meint Ihr?

Zweitens die Erkenntnis, wie fatal es ist, Kindererziehungsmethoden für Privatsache zu halten. Vorstellungen über die Rolle von Müttern und Vätern und pädagogische Ratgeberbücher wie das von Johanna Haarer konnten ja nur deshalb weit über 1946 hinaus noch aufgelegt und verbreitet werden, weil man das für unpolitisch hielt.

Drittens wieder eine Frage: Im (auch feministischen) Diskurs über Mutterschaft in Deutschland wird ja häufig eine Linie gezogen von der „deutschen Mutter“ damals hin zu der Tendenz, dass junge Mütter heute in Deutschland weniger als die in anderen Ländern den Drang zu haben scheinen, gleich nach der Geburt wieder erwerbstätig zu sein. Jetzt frage ich mich aber, ob das wirklich eine Kontinuität ist. Denn – und vielleicht ebenfalls im Unterschied zu anderen Kulturen – scheinen mir heutzutage Mütter in Deutschland (und auch Väter, die sich an der Kindererziehung beteiligen) besonders viel Wert darauf zu legen, den Kindern viel Liebe und Freiraum und Verständnis zu geben. Ist das vielleicht sogar eine Gegenreaktion auf damals? (Hat Barbara Vinken in ihrem Buch über „Die deutsche Mutter“ was dazu geschrieben?) Gerade auch im Zusammenhang mit der auffallenden Korrelation in Europa zwischen niedrigen Geburtenraten und faschistischer Vergangenheit finde ich das interessant.

Die denkwürdigen Sorgen der Frau Lewitscharoff


8668329083_a46ff3f9aa_bÜber die denkwürdige Rede von Sibylle Lewitscharoff habe ich heute beim Spaziergehen nachdenken müssen. Nicht über ihre krasse Wortwahl, über die sich ja schon alle aufgeregt haben, denn mir gefallen krasse Wortwahlen eigentlich: Ansichten werden ja auch nicht dadurch besser, dass sie in diplomatische Vokabeln verpackt werden.

Die Frage, die mich interessiert, ist nicht, warum Lewitscharoff sich so krass ausdrückt, sondern was sie dazu bringt, solche Ansichten zu haben. Ich glaube nicht, dass ihr Fall sarrazinesk ist, dass es ihr also vor allem um Aufmerksamkeit und Selbstinszenierung geht. Ich glaube, dass sie sich tatsächlich irrt, weil sie etwas Wichtiges nicht verstanden hat.

Der inhaltliche Punkt ihrer verbalen Ausfälle war eine „Abscheu“ vor künstlicher Befruchtung  und zwar speziell, wenn es sich um lesbische Frauen handelt. Bei heterosexuellen Paaren hat sie eher Verständnis, es handelt sich also nicht um Technikkritik, die Technik ist ja in beiden Fällen dieselbe, sondern um Gesellschaftskritik.

In einem Interview in der FAZ hat Lewitscharoff noch einmal konkretisiert, was genau es ist, das sie für eine „katastrophale Entwicklung“ hält:

„Die Selbstermächtigung der Frauen. Ich finde, zu einem Kind gehört auch der Mann.“

Und weiter:

„Es geht mir wirklich auch darum, den Mann nicht zu beseitigen aus der Erziehung. Das ist mir wichtig. Ich finde, die Männer sind in unserer Gesellschaft stark im Rückzug begriffen, was Erziehungsfragen angeht. Das halte ich für schwierig.“

Diese Einschätzung ist ja nun ganz und gar erstaunlich, weil wir uns seit einiger Zeit doch mitten in einem riesigen Transformationsprozess zur Einbeziehung von Männern in „Erziehungsfragen“ befinden. Sowohl auf politischer Ebene (Vätermonate, neue Arbeitszeitmodelle), als auch auf gesellschaftlicher („Mehr Männer in Kitas“, organisierte Väterbewegungen, Feuilletonserien über Vaterschaftserfahrungen) wie auch auf individueller (heterosexuelle Paare, die sich bemühen, die Erziehungsarbeit aufzuteilen, Kampf schwuler Männer ums Adoptionsrecht).

Es ist also rundheraus falsch, dass Männer, was Erziehungsfragen betrifft, „stark im Rückzug begriffen“ wären, das genaue Gegenteil ist der Fall. Und zwar in einem Ausmaß, das lesbische Frauen mit Kinderwunsch ganz sicher nicht unterminieren können.

Was also hat Lewitscharoff im Kopf, wenn sie so etwas offensichtlich Irreales behauptet?

Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass es bei diesem Thema tatsächlich etwas gibt, das „im Rückzug begriffen“ ist, allerdings sind das nicht Männer generell, sondern eine ganz spezielle Sorte Mann: der typische Vater von früher. Während das Wort „Mutter“ heute mehr oder weniger noch dasselbe bedeutet wie vor hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren, hat das Wort „Vater“ einen radikalen Bedeutungswandel hinter sich.

Was ist denn eine Mutter? Eine „Mutter“ ist eine Person, die für ein Kind die volle Verantwortung trägt. In sehr vielen Fällen (aber nicht notwendigerweise) ist diese Person identisch mit der Person, die das Kind geboren hat. Sie erledigt die für das Kind notwendige Care-Arbeit, vermittelt ihm die Welt, lehrt das Kind sprechen, und dafür verbringt sie einen Großteil ihrer nicht-erwerbstätigen Zeit gemeinsam mit dem Kind. Das ist, wohlgemerkt, eine phänomenologische Beschreibung „real existierender“ Mütter, keine normative Definition. Im konkreten Fall kann diese Person auch ein Mann sein oder jemand, die_der das Kind nicht selbst geboren hat, und es gibt natürlich auch Mütter, die von ihrem Kind getrennt leben. Aber die große Mehrzahl der Mütter, so behaupte ich, dürften sich mehr oder weniger in diesem Bild wiederfinden.

Und was ist ein Vater? Noch vor hundert Jahren war ein Vater ein Mann, der mit einer Mutter verheiratet war und durch diesen Status die Befugnis hatte, über Mutter und Kinder zu bestimmen und deren Rechte stellvertretend nach außen wahrzunehmen. Er war häufig, aber nicht notwendigerweise, auch der biologische Erzeuger der Kinder. In die notwendigen Erziehungsarbeiten war er im Alltag fast gar nicht involviert, fungierte aber als Autoritätsperson, die das letzte Wort hat („Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt!“). Er verbrachte nur wenig Zeit zusammen mit den Kindern, vielmehr hatte er meist einen eigenen Bereich, den die Kinder nur mit Erlaubnis betreten durften. Die Mutter hatte dafür zu sorgen, dass der Vater von seinen Kindern „nicht gestört wird“.

Ich behaupte mal, die Väter, die sich heute noch in dieser Beschreibung wiederfinden, lassen sich an einer Hand abzählen. Die meisten würden sich wahrscheinlich eher in dem wiederfinden, was ich oben über Mütter schrieb.

Betrachtet man diesen Bedeutungswandel des Wortes „Vater“, so wird deutlich, dass es sich tendenziell dem angenähert hat, was Muttersein schon immer bedeutete. Noch nicht unbedingt in der Realität – dass es mit der „aktiven Vaterschaft“ noch an vielen Ecken hapert und warum, muss ich hier ja nicht näher ausführen. Aber es ist doch klar, dass viele der heutigen „real existierenden Väter“ irgendwie in diese Richtung wollen, und die beteiligten Mütter übrigens auch. Manche vielleicht nur halbherzig, andere entschlossener, aber einige sind auch schon dort angekommen.

Wenn sich aber Väter nur noch dadurch von Müttern unterscheiden, dass sie die Kinder nicht selbst geboren haben (was ich übrigens keineswegs für einen trivialen Unterschied halte, aber für meine hiesige Argumentation fällt er nicht groß ins Gewicht), dann…

… ja, dann gibt es keinen logischen Grund mehr dafür, warum die Gruppe der Erwachsenen, die ein Kind „bemuttern“, sich unbedingt aus einer Frau und einem Mann zusammensetzen muss. Es können dann genauso gut zwei Frauen oder zwei Männer sein. Oder drei oder vier.

Der entscheidende Punkt ist hier, dass der patriarchale Vater nicht mehr gebraucht wird. Ich weiß nicht, ob er jemals „gebraucht“ wurde, aber zumindest hatte er früher eine gesellschaftliche Funktion. Die hat er heute nicht mehr. Sie ist in dem Moment obsolet geworden, als Frauen gleichberechtigt wurden, wo sie sich selbst nach außen vertreten und eigenes Geld verdienen konnten. Oder vielleicht sogar noch früher: in dem Moment, wo Frauen das patriarchale Familien-Arrangement nicht mehr akzeptierten und beschlossen, für ihre Gleichberechtigung zu kämpfen.

Sibylle Lewitscharoff hat also Recht, wenn sie eine „Selbstermächtigung der Frauen“ diagnostiziert. Aber diese Selbstermächtigung bezieht sich nicht darauf, einem technologischen Machbarkeitswahn zu frönen und dabei die Bedingtheit und Begrenztheit der Welt zu missachten (wie Lewitscharoff es ihnen vorwirft). Um es in Lewitscharoffs religiösem Bezugsrahmen auszudrücken, den sie ja ausdrücklich zu ihrer Rechtfertigung ins Feld führt: Frauen setzten sich mit ihrer Selbstermächtigung keineswegs selbst an die Stelle Gottes, sie lassen bloß nicht mehr zu, dass Männer sich (ihnen und ihren Kindern gegenüber) an die Stelle Gottes setzen.

Deshalb ist die Selbstermächtigung der Frauen, die unter sehr vielem anderem auch die In-Vitro-Fertilisation für lesbische Frauen mit Kinderwunsch brachte, auch keine Gefahr für die Welt und das Zusammenleben der Menschen. Es geht dabei nämlich gerade nicht um Machbarkeit und Ich-Bezogenheit, sondern um ein gutes Leben für alle, um gelingende Beziehungen.

Na klar gibt es einen medizinisch-pharmazeutischen Komplex und neoliberale Ideologen, die aus all dem Profit schlagen wollen, und es ist sehr wichtig, dies kritisch im Auge zu behalten (ein Bemühen, dem Lewitscharoff leider gerade einen Bärendienst erwiesen hat).

Es dauert immer eine Weile, bis ein so grundlegender Wandel wie das Ende des Patriarchats – und genau darum handelt es sich hier im genauesten Wortsinn – sich auch „herumspricht“, also in die symbolische Ordnung einer Gesellschaft eingeschrieben wird und auch die konkrete Realität sich entsprechend sichtbar ändert. Sibylle Lewitscharoff, so scheint es mir, gehört zu denen, die diese Veränderung nicht sehen (und sie ist ja wahrlich nicht die einzige). Sie sieht nur das Durcheinander, das dieser Wandel ebenfalls mit sich bringt, und sehnt sich daher zurück nach einer alten Ordnung. Die aber zum Glück nicht wiederkommen wird.

Denn, wie italienische Feministinnen schrieben: „Es ist passiert – nicht aus Zufall“.

Foto: Flickr.com/jenssissel cc by-sa

Die neuen Väter und ihre Option auf Elternarbeit

© lisalucia - Fotolia.com

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(Dies ist ein Artikel in der Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen)

Im Editorial der aktuellen brandeins schreibt Chefredakteurin Gabriele Fischer einen Satz, der mir zu denken gab. Er lautet:

Wolf Lotter unterbrach gern seinen Elternurlaub, um aus … zu erzählen.

Der Informationsgehalt ist ein doppelter. Erstens: Wolf Lotter ist im Elternurlaub (Kekse !!!). Und zweitens: Er ist gern bereit, seinen Urlaub zu unterbrechen, wenn es in der Firma etwas wichtiges zu tun gibt (Kekse !!!).

Unbeantwortet bleibt die dritte Frage: Und wer versorgt jetzt das Kind?

Einen Elternurlaub kann man ja nicht einfach so unterbrechen wie einen Mallorcaurlaub. Mallorca ist es egal, wenn man ihm den Rücken kehrt und zurück an den Schreibtisch eilt. Ein Kind hingegen muss trotzdem weiter versorgt werden, stündlich. Vermutlich hat Lotters Kind eine Mutter, die hier einspringt, oder es gibt andere Erwachsene, die das tun, oder Lotter schafft es, beides zu vereinbaren, ich weiß es nicht.

Aber die Frage zu stellen: Und wer versorgt das Kind? ist wichtig, weil sie zentral ist für die derzeitigen Debatten um Elternschaft.

In Bezug auf Vaterschaft hat heute das alte patriarchale Modell ausgedient, wonach ein Vater Familienoberhaupt ist, das Entscheidungen für Frau und Kinder trifft und Geld verdient, aber in die alltägliche Hausarbeit kaum involviert ist. Doch es ist noch nicht so genau klar, was Vaterschaft denn künftig stattdessen bedeuten soll.

Bei mir gehen bei Sätzen wie dem oben zitierten gewisse Alarmglocken an, weil dahinter die Idee steckt, dass Vaterschaft sich künftig zwar bis zu einem gewissen Grad am Modell von Mutterschaft orientiert (konkrete Fürsorge für das Kind im Alltag), allerdings nur als Option beziehungsweise auf Zeit. Zwei „Vätermonate“ eben, oder Elternurlaub, der unterbrochen werden kann. Ähnlich scheint es zum Beispiel auch Malte Welding zu gehen, der das Thema in seinem Blog ausführlich diskutiert hat.

Ich möchte deshalb den Gedanken in die Debatte bringen, dass das Modell „Kinderversorgen als Option“ nur denkbar ist, wenn es andere Menschen gibt, für die das Kinderversorgen eben keine Option, sondern undiskutierbare Notwendigkeit ist. Diese Menschen nenne ich einfach mal „Mütter“, weil genau das das traditionelle Modell von Mutterschaft war: „Mutter“ ist diejenige, die letzten Endes für die Versorgung des Kindes zuständig ist. Sie kann diese Arbeit delegieren, an Väter, Tanten, Großmütter, Nachbarinnen. Aber wenn sich niemand anderes findet, muss sie es selbst machen.

Diese Unterscheidung zwischen „Vätern“ (Fürsorgearbeit als Option) und „Müttern“ (Fürsorgearbeit als undiskutierbare Notwendigkeit) ist natürlich nicht unbedingt an das Geschlecht der betreffenden Personen gebunden, aber sie ist auch nicht völlig losgelöst davon. Denn hier setzt sich eine Realität fort, die die ungleiche Beteiligung von Elternpersonen vor der Geburt widerspiegelt: Die der Schwangeren und der Nicht-Schwangeren.

Solange ein Kind noch nicht geboren ist, ist es Teil des Körpers einer schwangeren Frau*. Im Zustand des Schwangerseins ist aufgrund purer biologischer Umstände Elternschaft keine Option, die zum Beispiel für einen Job mal eben unterbrochen werden kann. In diesem Zustand sind nur Tätigkeiten möglich, die mit der Elternschaft (dem Schwangersein) vereinbar sind, punkt, basta.

Und zwar im Unterschied zu den nicht-schwangeren Elternteilen. Sie sind in ihren sonstigen Aktivitäten durch die bevorstehende Geburt in keinerlei Weise körperlich eingeschränkt, sie können in der Woche vor dem Geburtstermin noch einen Marathon laufen oder sich bewusstlos saufen, ohne dass das – auf der körperlichen Ebene – irgend eine negative Auswirkung auf das Kind hat. Wenn sie darauf, etwa aus Solidarität mit der schwangeren Frau, verzichten, dann tun sie das aus sozialen Gründen, freiwillig: Für sie ist Option, was für die Schwangere undiskutierbare Notwendigkeit ist.

Die historisch überkommenen Geschlechterrollen verlängern diesen Zustand sozusagen in die Zeit nach der Geburt. Das hat nichts mit moralischer Schuld zu tun. Es ist auch nicht so, dass die Frauen* hier per se den schwarzen Peter haben, denn die Männer* bestehen auf der Optionalität ihrer Fürsorgetätigkeit in der Tat oft nicht einfach aus Faulheit, sondern durchaus aus Verantwortungsbewusstsein, nämlich dem, für die finanzielle Absicherung sorgen zu müssen, nicht  nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder und deren Mütter (Vgl dazu auch meinen Post „Paarbildung“)

Worum es mir geht ist, dass die Symbolifigur „Elternarbeit als Option“, wie sie in dem brandeins-Zitat bekräftigt wird und auch im tatsächlichen Verhalten vieler „neuer“ Väter zum Ausdruck kommt, nicht zum neuen Interpretationsmodell für Elternschaft generell werden darf, denn dies widerspricht der Bedingtheit des Menschseins: In Bezug auf Babies und kleine Kinder ist Elternarbeit eben keine Option, sondern eine undiskutierbare Notwendigkeit, die erledigt werden muss. Von irgend jemandem. Dieser jemand ist dann die Mutter*.

Diese Person muss nicht identisch sein mit der Frau, die das Kind geboren hat, denn bei der Geburt wird der Körper des Kindes vom Körper der schwangeren Frau getrennt. Dass sie es aber auch heute noch, nach Jahrzehnten aktiver Gleichstellungspolitik nach wie vor fast immer ist, liegt meines Erachtens daran, dass wir die Nicht-Optionalität von Elternsein nicht genügend diskutieren und in unserem Handeln und Sprechen bewusst machen.

Wenn wir die traditionellen Bedeutungen von Mutterschaft und Vaterschaft ablehnen und an ihrer Stelle neue einführen möchten, müssen wir also unbedingt die Frage stellen und beantworten: Wie ist verlässlich dafür gesorgt, dass die früher den Müttern zugeschriebene Aufgabe, nämlich im Fall dass das Kind etwas braucht, alles andere ohne Wenn und Aber hinten anzustellen und die notwendige Arbeit zu tun, auch in Zukunft erfüllt wird? Optionale Vaterschaft ist da keine Lösung. Und solange wir keine Lösung haben, wird diese Funktion, von seltenen Ausnahmen abgesehen, bei den Frauen hängenbleiben, die ein Kind geboren haben.

Schwangerwerdenkönnen und symbolische Ordnung

Dies ist Teil 3 der Reihe „Letz talk about Schwangerwerdenkönnen“

Das Schwangerwerdenkönnen ist ein realer Vorgang, das heißt, es gibt dabei einen materiellen Hintergrund: Im Körper einer Frau* wächst ein neuer Mensch heran und wird, wenn alles gut verläuft und von der Schwangeren gewünscht, nach einer gewissen Zeit geboren.

Doch in der gegebenen Realität (was ich mit dem Unterschied zwischen „Realität“ und „Realem“ meine, habe ich neulich beschrieben, am Ende dieses Blogposts) ist dieser Prozess der Schwangerschaft untrennbar mit einer bestimmen symbolischen Ordnung verwoben, wobei diese Ordnung gleichzeitig für die Betroffene vorgegeben ist, als auch von ihr verändert werden kann.

Diese symbolische Ordnung prägt dabei das Erleben aller Frauen*, also aller Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schwanger werden können, und zwar unabhängig davon, ob sie tatsächlich schwanger werden können oder irgendwann schwanger werden.

Ich zum Beispiel weiß nicht, ob ich schwanger werden kann, denn ich habe es nie ausprobiert (und werde es wohl auch nie erfahren), aber dennoch ist mein Heranwachsen ganz erheblich vom Schwangerwerdenkönnen geprägt gewesen. Vom Eintritt meiner Pubertät an war ich mit dieser Möglichkeit konfrontiert und musste mich damit auseinandersetzen.

Zum Beispiel verboten mir meine Eltern als Jugendliche bestimmte Sachen, etwa gemeinsames Zelten ohne Aufsicht mit Jungens, mit dem ausdrücklichen Hinweis darauf, dass ich schwanger werden könnte. Dabei spielte es keine Rolle, wie wahrscheinlich das wäre, der springende Punkt war, dass es nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden konnte.

In meiner Jugend, also ab Ende der 1970er Jahre, hing das Schwangerwerdenkönnen noch wie ein Damoklesschwert über dem Frausein, ich weiß nicht genau, wie das heute ist. Aber damals, zumindest auf dem Dorf, war das Schwangerwerden außerhalb des dafür vorgesehenen Eherahmens der größte anzunehmende Unfall, der einer Frau widerfahren konnte. „Heiraten müssen“ war eine gängige Formulierung dafür, dass mit dem Schwangerwerden ein schlimmer Lebensweg vorgezeichnet war, nämlich die Alternative, lebenslang mit einem Mann verbunden zu sein, den man möglicherweise nicht liebte, oder das ehrlose Leben einer „unehelichen Mutter“ zu führen. Also eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Entsprechend panisch erlebte ich Sexualität mit Jungs. Jedesmal, wenn sich die Menstruation um ein paar Tage verzögerte, durchlebte ich diese Panikphasen, und zwar allein, ohne mit jemandem darüber sprechen zu können. Auch dabei nützte es mir nicht viel, mir zu sagen – soweit mir die biologischen Vorgänge dabei bekannt waren – dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass ich schwanger bin. Für die Panik genügte es, dass ich es nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen konnte.

Später habe ich erfahren, dass diese Panik bei älteren Frauen oft noch viel krasser gewesen war. Denn ich wusste als Jugendliche immerhin, dass ich nur dann schwanger werden konnte, wenn in irgendeiner Weise männlicher Samenerguss involviert war. Andere waren weniger „aufgeklärt“ und hatten befürchtetet, dass vielleicht schon Küssen und Streicheln zu einer Schwangerschaft führen könnte.

Dass der allergrößte Teil dieser Panik nicht von dem realen Umstand des Schwangerwerdenkönnens verursacht war, sondern von einer symbolischen Ordnung, die bestimmte Geschlechterverhältnisse voraussetzte, wurde mir klar, als meine persönliche „kopernikanische Wende“ zu dem Thema eintrat. Mitte der achtziger Jahre, als ich zwanzig war, erfuhr ich von der Existenz der Frauenbewegung und damit von der Möglichkeit, abzutreiben. Ab diesem Zeitpunkt war alles anders und die Panik weg: Ich wusste, dass das Schwangerwerdenkönnen nicht bedeuten würde, dass mein Leben ab nun versaut wäre, sondern dass ich auch dann noch ein freier Mensch mit Handlungsoptionen wäre. Ich könnte nämlich abtreiben, oder ich könnte mich entscheiden, das Kind auszutragen ohne den Mann, mit dem ich Sex hatte, mein Leben lang am Hals zu haben. Von diesem Moment an war ich nicht mehr panisch, sondern nur noch leicht besorgt, wenn die Menstruation mal ein paar Tage ausblieb.

Die Frauenbewegung und die Idee eines freien weiblichen Umgangs mit einer eventuellen Schwangerschaft hat die symbolische Ordnung unserer Kultur auf ganz entscheidende Weise verändert, und zwar so, wie symbolische Veränderungen immer ablaufen: Als gesellschaftlicher Wandel, der einerseits objektiv vorhanden ist, gleichzeitig aber von jedem Individuum persönlich und subjektiv angeeignet werden muss. Die Idee des „Mein Bauch gehört mir“ musste in der Welt sein, damit ich überhaupt davon erfahren konnte, gleichzeitig aber musste ich auch tatsächlich davon erfahren und mir diese Idee aktiv aneignen, um davon profitieren zu können. Oder anders gesagt: Es ist ein sozialer Prozess, der erfordert, das eigene Beziehungsnetz und symbolische Bezugssystem zu verändern – ich akzeptierte nicht mehr die Autorität meiner Eltern oder der Dorfgemeinschaft in Bezug auf das, was ein eventuelles Schwangerwerden meinerseits bedeuten würde, sondern übertrug diese Autorität der Frauenbewegung beziehungsweise meinen feministischen Freundinnen.

Interessant in dem Zusammenhang ist auch die Rolle meiner männlichen Sexualpartner dabei. Ich hatte nie verstanden, warum sie mit diesem ganzen Vorgang so unbeteiligt umgehen konnten, warum also so viele Männer, mit denen ich schlief, keinen gesteigerten Wert auf Verhütung legten. Sie schienen diese Panik nicht zu kennen, obwohl sie von einem eventuellen „heiraten müssen“ doch ebenso betroffen gewesen wären, wie ich. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob sie das Thema verdrängten (und von der symbolischen Ordnung dazu ermutigt wurden, es zu verdrängen), oder ob es daran lag, dass es für sie tatsächlich ein äußerliches Thema war, weil es ja nicht ihr Körper wäre, der schwanger würde. Vielleicht war mein eventuelles Schwangerwerden für sie ein Problem wie jedes andere, aber kein so existenzielles wie für mich.

Später habe ich allerdings auch Männer kennengelernt, die ebenso panische Angst vor meinem Schwangerwerden hatten wie ich selbst, sogar noch größere: Denn nach meiner kopernischen Wende wären sie im Fall der Fälle ganz meiner Entscheidung ausgeliefert, was ich ihnen mit feministischem Furor auch unmissverständlich klar machte. Von dem Moment an, wo ich Feministin geworden war, hätte kein Mann mich mehr dazu bringen können, ein Kind auszutragen, das ich nicht gewollt hätte, oder dazu, ein Kind abzutreiben, das ich gewollt hätte.

Ich denke, dass dieser radikale und reale Unterschied zwischen Frauen* und Männern*, also dass die einen schwanger werden können und die anderen nicht, ein wirklicher Konflikt ist, der nicht so leicht gelöst werden kann. Der reale Vorgang des Schwangerwerdens bedeutet, dass die letzte Entscheidung über das Austragen eines Kindes allein bei der schwangeren Person liegt, denn es ist ein Vorgang, der sich innerhalb ihres Körpers abspielt. Ohne die Anwendung von purer Gewalt oder die Installation einer gewaltförmigen symbolischen Ordnung, die die Freiheit von Frauen* prinzipiell einschränkt, ist an dieser Tatsache nichts zu ändern.

Mit der kopernikanischen Wende, die die Frauenbewegung in Bezug auf das Schwangerwerdenkönnen gebracht hat, hat unsere Kultur einen sehr gewaltigen Schritt in Richtung auf mehr weibliche Freiheit getan. Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Die ganzen offenen Debatten rund um die Elternschaft lesbischer und schwuler Paare (was zwei sehr unterschiedliche Angelegenheiten sind), um biologische versus soziale Vaterschaft, um die Organisation von Kindererziehung und so weiter und so fort hängen letztlich mit diesem Konflikt zusammen.

Meine Vermutung ist, dass wir hier gute Lösungen nur finden werden, wenn wir uns diesem Konflikt stellen, also die körperliche Geschlechterdifferenz in Punkto Schwangerwerdenkönnen thematisieren – anstatt sie, wie derzeit oft üblich, unter einem „neutralen“ Labels namens „Elternschaft“ zu verstecken.

(Titelfoto: adesigna/cc/Flickr.com)