Kleines Lob auf die Non-Mentions

An den Diskussionen über den Feminismus, die dieser Tage nach einem Text von Meike Lobo durchs Netz toben, habe ich mich nicht beteiligt, weil mich dieses Thema etwas ermüdet und ich glaube, dass das alles vor allem zur Folge hat, von den inhaltlichen wichtigen Debatten eher abzulenken.

Vor einer ganzen Weile (oh, scheiße, vor über fünf Jahren) hatte ich ja schon mal vorgehabt, das F-Wort gar nicht mehr zu benutzen, um dann eine Weile später doch wieder zu kapitulieren – momentan schwanke ich aber wieder zurück. Weil mich eigentlich der Zustand „des Feminismus“ nicht die Bohne interessiert, sondern vielmehr die kontroversen Debatten unter Feministinnen. Eine gewisse feministische Grundhaltung des Gegenübers ist für mich sowieso die Voraussetzung dafür, dass ich an einem politischen Austausch interessiert bin. Die Frage ist nicht, ob Feminismus, denn das versteht sich von selbst, sondern wie genau. Oder noch anders: Mich interessiert Politik, nicht Propaganda.

(In diesem Sinne halte ich im übrigen auch Meike Lobo für eine Feministin, ebenso wie Alice Schwarzer eine ist, obwohl ich mit beiden in fast nichts einer Meinung bin, und die beiden untereinander vermutlich auch nicht über viel.)

Momentan zum Beispiel denke ich mit meiner anarchistischen Grundveranlagung über die Frage nach, ob eine Strafrechtsverschärfung tatsächlich so eine gute Idee ist, um das Problem der sexualisierten Gewalt anzugehen, während gleichzeitig viele andere Feministinnen (darunter auch die, mit denen zusammen ich gerade den #ausnahmslos-Text geschrieben habe) sich dafür einsetzen. Und ich lektoriere zurzeit ein Buch mit feministischen Positionen zum Grundeinkommen (erscheint im Herbst bei Ulrike Helmer), die in zentralen Aspekten ganz schön über Kreuz verlaufen. Undsoweiter.

Ein neuer Punkt, den Meike in ihrem jüngsten Resumee-Replik-Blogeintrag aufwirft, bringt mich jetzt aber doch zum Reagieren, und zwar ihre Kritik an den „Nonmentions“ bei Twitter:

Ein guter Teil der Äußerungen auf Twitter waren Nonmentions, also Tweets ohne Namensnennung ÜBER mich und nicht AN mich. Nonmentions sind das Äquivalent zum Hinter-dem-Rücken-Lästern, sie sind das Krebsgeschwür von Twitter, weil sie dem Kritisierten jede Möglichkeit nehmen, in irgendeiner Weise zu reagieren.

Ich habe auch eine Nonmention über Meike Lobo getwittert, und zwar aus Ärger darüber, dass sie in ihrem Text schreibt, der Feminismus würde Frauen, die Care-Arbeit leisten, jede Form von Anerkennung verweigern und dann zu dem Schluss kommt:

Dass typische Frauentätigkeiten mitunter gar nicht als Arbeit, sondern als Selbstverständlichkeit gelten, etwa die Pflege alter und kranker Angehöriger in der Familie, oder aber schlecht bezahlt werden und kaum eine Lobby haben, ist daher auch die Schuld der Frauenbewegung.

Es stimmt natürlich, dass es Feministinnen gibt, die Hausarbeit abwerten (vor allem in den 1980er und 1990ern), aber der feministische Mainstream sieht heute in der ungelösten Frage der Care-Arbeit eines der zentralen Themen. Und vermutlich war ich besonders angepisst, weil ich selber seit längerem gefühlt über praktisch gar nichts anderes rede und schreibe als über Care.

Aber hier sollte es jetzt ja um Nonmentions gehen: Ich habe Meike Lobo also nicht deshalb in dem Tweet nicht gementioned, weil ich hinter ihrem Rücken über sie lästern wollte, sondern weil ich keine Lust/Zeit/Energie hatte, mit ihr darüber eine Diskussion zu eröffnen. Zumal sie ja mit dieser These klargemacht hat, dass sie an meinem Feminismus offenbar nicht die Bohne interessiert ist. Weil sie offenbar weder mich, noch die feministische Szene, in der ich mich bewege (und die gar nicht mal so miniklein ist), noch die Care Revolution oder sonst irgend etwas, das ich mit Feminismus verbinde, auch nur ansatzweise auf dem Radar hat.

Auf die Idee, dass das Nichtmetionen irgendwie unhöflich sein könnte, kam ich gar nicht. Denn ich nehme es selber so wahr, dass ich mich selber durch eine Mention mit einer Kritik darin irgendwie herausgefordert fühle, zu reagieren. Also ich empfinde es als unhöflich, gementioned zu werden und dann nicht darauf zu antworten. Und deshalb finde ich es gut, wenn Leute, die etwas zu mir zu sagen haben, mich nur dann mentionen (gibt es das Wort überhaupt?), wenn sie von mir eine Reaktion haben wollen, und wenn nicht, dann nicht. (Manchmal wenn mir langweilig ist, suche ich bei Twitter meinen Namen und schaue, was die Leute so über mich reden, und habe dabei ein entspanntes Gefühl, weil ich nicht reagieren muss, aber durchaus kann).

Das ist jetzt natürlich Interpretationssache und Vorliebensache, aber ich glaube, es ist auch ein Trend in der Art, wie sich die Twitternutzung weiterentwickelt hat und wie wir (einige von uns, ich :)) inzwischen mit der Tatsache umgehen, dass wir nicht alle Diskussionen, die womöglich interessant sind, auch tatsächlich führen können:

*Mention bedeutet: Ich will, dass du auf meinen Einwand reagierst.

*Namensnennung bedeutet: Ich habe nichts dagegen, dass du meine Kritik erfährst, aber du musst nicht reagieren. Wenn du das Thema deinerseits weiter verfolgen willst, dann mentione halt mich.

*Anonymisierte Kritik (also public, aber ohne eindeutige Zuordnung zu der Person, wobei aber für viele durchaus erkennbar ist, wer gemeint ist) bedeutet: Ich habe das starke Bedürfnis, meine Kritik an der Position von XY öffentlich zu äußern, aber ich will auf gar keinen Fall mit ihr darüber diskutieren. Ich habe allerdings nichts dagegen, dass sie erfährt, was ich von ihr halte.

*Lästern im Darktwitter (also privat nur in einer bestimmten Gruppe) bedeutet: Diese Person nervt mich so, dass ich mich über sie mal bei Gleichgesinnten auskotzen muss, aber ich will dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden, daher sage ich es nicht öffentlich.

Allenfalls Letzteres würde ich als „Lästern hinter dem Rücken“ empfinden, aber auch das finde ich eigentlich legitim, denn niemand hat ja doch einen Anspruch darauf, zu erfahren, was andere über sie_ihn denken. Außerhalb vom Internet ist es ja auch ganz normal, dass ich über Dritte Sachen sagen kann, ohne von diesen dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das ist, finde ich, völlig in Ordnung.

Eine gekonnte Anwendung dieser „vier Stufen der twitterbasierten Kritik an Positionen, mit denen ich nicht einverstanden bin„, wenn man so will, hilft uns allen, unsere Kräfte beisammen zu halten, uns die Debatten und Auseinandersetzungen zu wählen, die uns jeweils interessant erscheinen und so weiter. Wie ich auch in meinem Artikel „Pluralität statt Parteibildung“ über die Entwicklungen des „Netzfeminismus“ in den vergangenen drei Jahren schrieb, ist das, glaube ich, einfach nur eine Weiterentwicklung von Konventionen, die der Tatsache geschuldet sind, dass es nicht möglich und auch nicht notwendig ist, mit allen über alles zu diskutieren.

Und dann ist diese Erkenntnis ja wiederum auch gar nicht so neu.

Früher hieß das: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.“

Vom Nutzen langweiliger Blogposts

Bei 10 nach 8 hat Heike-Melba Fendel Lesenswertes über den Unterschied von Qualität und Erfolg geschrieben. Ich möchte dem noch hinzufügen, dass es aus verschiedenen Gründen auch falsch ist, Erfolg in Klickzahlen und quantitativem Zuspruch zu messen. Denn ob eine Aktion – zum Beispiel ein geschriebener Text – erfolgreich ist, misst sich ja daran, ob das intendierte Ziel erreicht wurde. Und das Ziel ist ja nicht unbedingt und automatisch, viele Klicks oder große Reichweite zu haben.

Ich zum Beispiel möchte mit diesem Blog Leute dazu anregen, über Dinge nochmal anders nachzudenken als allgemein üblich, neue Ideen zu entwickeln, überholte Paradigmen aufzugeben und so weiter. Hohe Klickzahlen sind dafür kein guter Maßstab, fast schon eher das Gegenteil, denn sie sind ja ein Indiz dafür, dass ich etwas geschrieben habe, was viele Menschen in ihrer bisherigen Meinung bestätigt. Wir klicken und liken, wenn wir uns bestätigt fühlen, wenn wir jemandem Recht geben, aber nicht, wenn wir mit einer These nicht einverstanden sind (was aber die Voraussetzung dafür ist, dass sie uns zum Umdenken bringt).

Dennoch sind mir Zuspruch und Zustimmung wichtig, allerdings nicht die von irgendwem, sondern von Menschen, die für mich Autorität haben.

Simone Weil hat es schon sehr richtig geschrieben: Wenn jemand versucht, etwas Neues darzulegen, dann „wird man nicht auf ihn hören; weil die anderen diese Wahrheit nicht kennen, werden sie sie nicht als solche gelten lassen; sie begreifen nicht, dass das, was er ihnen da vorträgt, wahr ist; sie widmen dem nicht genügend Aufmerksamkeit, um es zu merken; denn nichts treibt sie, diese Anstrengung der Aufmerksamkeit zu leisten. Die Freundschaft aber, die Bewunderung, die Sympathie oder jedes andere Gefühl des Wohlwollens würde sie ohne weiteres zu einem gewissen Grad der Aufmerksamkeit veranlassen. Ein Mensch, der etwas Neues zu sagen hat – denn die Gemeinplätze bedürfen keiner Aufmerksamkeit -, kann zuerst nur bei denen Gehör finden, die ihn lieben.“

Für mich als Bloggerin, die den Wunsch hat, Neues zu denken und zu sagen und nicht nur Altbekanntes zu wiederholen, bedeutet das, dass ich möchte, dass mein Blog von solchen Leuten gelesen wird, die dafür offen sind und daran interessiert. Und wenn Simone Weil recht hat, müssen das Leute sein, die „mich lieben“.

Und in diesem Zusammenhang ist mir schon seit einiger Zeit aufgefallen, wie wichtig es ist, öfter mal langweilige Blogposts zu schreiben, die gerade nicht den großen Zuspruch bekommen. Ganz abgesehen davon, dass ich ohnehin hier nicht für euch schreibe, sondern um meine eigenen Gedanken festzuhalten und mit denen in Austausch zu kommen, die in ähnliche Richtungen und mit ähnlichen Wünschen unterwegs sind (was gerade nicht bedeutet, dass wir über alles einer Meinung sind), sind diese langweiligen Blogposts auch eine gute Möglichkeit, um den Kreis von Leserinnen und Lesern entsprechend zu sortieren.

Mit „langweilig“ meine ich natürlich nicht wirklich den Inhalt eines Posts (ich finde die Inhalte meiner Posts immer spannend, sonst würde ich mir nicht die Mühe machen, sie aufzuschreiben), sondern ihre potenzielle Viralität.

Meine drei meistgelesenen Blogposts sind die über das Pinke Überraschungsei, die Frauenbratwürste und die Frauensauna, sie hatten weit über 20.000 Zugriffe, das Überraschungsei sogar über 40.000. Es sind aber beileibe nicht die besten Blogposts, die ich geschrieben habe, und ganz sicher auch nicht die mit den originellen oder gar neuen Ideen. Hingegen haben Lieblingsposts von mir, in denen ich tatsächlich Erkenntnisgewinne für mich festgehalten habe – wie der über Cambiamento und Trasformazione, der über Margarete Susman oder die Welt, die von mir unabhängt nur 400 oder 500 Klicks.

Solche langweiligen beziehungsweise eher „antiviralen“ Blogposts haben aber darüber hinaus noch einen anderen Nutzen: Sie kühlen Debatten ab. Inzwischen nutze ich sie manchmal ganz gezielt, zum Beispiel wenn ich weiß, dass ich ein paar Tage unterwegs bin und keine Zeit habe, viel zu moderieren. Da wirken so ein, zwei langweilige Blogposts Wunder, denn niemand diskutiert darüber, oder wenn, dann mit einem so starken inhaltlichen Interesse, dass es auch egal ist, wenn die Freischaltung mal ein paar Tage auf sich warten lässt.

Über welchen Kanal hätten Sie’s denn gerne?

Grade fragte das Nuf auf Twitter nach Unter-20-Jährigen, die eine Meinung zu dem LeFloid-Interview mit Merkel hätten (zu dem sie schon was Feines gebloggt hatte) – und dabei fiel mir ein, dass ich ja einen Unter-20-Jährigen kenne, den ich fragen kann (meinen Neffen). Also dachte ich, ich frag ihn mal.

Um mit meinem Neffen zu kommunizieren, gibt es genau eine Möglichkeit: Snapchat. Ich also Frage hin, Antwort zurück, zackzack in drei Minuten erledigt (hat das Interview gesehen, fand es gut, hat Verständnis dafür, dass LeFloid nicht allzu kritisch gefragt hat, weil er ja sicher froh gewesen wäre, ein Interview mit ihr machen zu dürfen). (Update: Lesenswert zu dem Interview auch was Johnny Haeusler schreibt.)

Für mich ist das jetzt der Anlass, mal über was anderes zu bloggen, das mir schon länger im Kopf herum geht: Nämlich die zunehmende Diversifizierung der verfügbaren Kommunikationskanäle und die damit einhergehende Notwendigkeit, für die jeweilige Person, mit der man kommunizieren will, den richtigen Kanal zu wählen.

Snapchat habe ich praktisch nur für Neffe 1, mit Neffe 2 muss ich WhatsApp nehmen. Meine chinesischen Bekannten erreiche ich nur über WeChat. Telefonieren geht natürlich immer, aber so unhöflich bin ich nun nicht, Leute einfach telefonisch zu belästigen, wenn es nicht was ganz Dringendes ist – Anrufen ist doch fast so aufdringlich, wie einfach ohne Voranmeldung an der Tür zu klingeln. Abgesehen natürlich von denen, die sehr gerne telefonieren und auch sehr gerne von mir angerufen werden wollen.

E-Mails sind zunehmend out, es sei denn, man möchte Leute über etwas pro Forma informiert haben ohne wirklich eine Reaktion von ihnen zu wünschen. Es gibt nämlich immer mehr Leute, die ihre E-Mails gar nicht lesen beziehungsweise grundsätzlich nicht darauf reagieren (mein Neffe ist da keine Ausnahme). Erst diese Woche wieder ging es um eine Verabredung, die schon länger feststand. Keine Reaktion auf die nachfragende Mail, ob es dabei denn bleibt, aber instantaneous Antwort via Twitter.

Bei anderen Menschen funktioniert dasselbe über Facebook, und zwar besonders bei Firmen oder Organisationen. Wochenlang hatte ich etwa vergeblich versucht, eine Presse-Akkredition für einen Kongress nächste Woche zu bekommen, aber keine oder nichtssagende Antworten. Als ich die Verantwortlichen über Facebook kontaktierte, ging es plötzlich ratzfatz.

Andererseits sind da immer noch sehr viele, die überhaupt nur via E-Mail erreichbar sind, weil sie Social Media generell verweigern. Und dann gibt es natürlich auch noch die Leute, die gar kein Internet haben und denen man Postkarten schreiben muss.

Ich überlege ernsthaft, ob ich in meiner Adressen-Datenbank noch ein weiteres Feld einfügen muss, nämlich: „erfolgsversprechendster Kommunikationskanal“. Auswendig verliere ich nämlich so langsam die Übersicht.

Öffentliches Denken oder warum ich Zeugs ins Internet stelle

Neulich fühlte ich mich kurzzeitig ertappt, weil ich in einer Kolumne von Menschen las, die durch die Gegend laufen und alles daraufhin „scannen“, ob es vielleicht brauchbar ist für ein Posting auf Facebook, Instagram, Twitter. Das mache ich nämlich auch oft: dass ich Erlebnisse und Dinge, die mir auffallen, gleich im Kopf „übersetze“ in ein Foto, in einen Tweet, in einen Blogpost.

Erwischt! Ich bin ja gar nicht mehr richtig im Leben! Ich missbrauche das richtige Leben für meine mediale Selbstdarstellung im Internet!

Stimmt diese Erzählung?

Wenn ich über meine eigene Praxis dazu nachdenke, dann würde ich es eher so beschreiben, dass Social Media für mich einen „Abflusskanal“ bildet für die Sachen, die mir durch den Kopf gehen. Mir fällt etwas auf, mich wundert etwas, ich habe einen Gedanken, eine Idee, eine Frage – und ab damit ins Internet.

Mache ich das wegen der Likes? Ist das Narzissmus? Ich glaube nicht, dass das das Hauptmotiv ist, auch wenn ich nicht ausschließen will, dass es vielleicht auch eine Rolle spielt.

Andererseits ist es aber doch so, dass die interessantesten und originellsten Sachen (aus meiner Sicht) nicht unbedingt die sind, die mit den meisten blauen Daumen belohnt werden. Es gibt im Internet eine gewisse (allerdings keine zwingende!) Korrelation zwischen der Banalität eines Postings und der zahlenmäßigen Resonanz. Es wird nicht unbedingt Originalität „belohnt“, sondern in der Regel Wiedererkennbarkeit, Mainstream.

Ich finde das auch gar nicht schlimm. Bei privaten Accounts hat dieser Mechanismus ja auch keine schlimmen Folgen, anders als etwa auf den professionellen (und aus kommerziellen Gründen auf Resonanz angewiesenen) Contentlieferanten. Aber ich bin nicht so dumm zu glauben, dass meine Ideen dann besonders toll sind, wenn sie massenweise Zustimmung bekommen. Ich freue mich durchaus über Likes und Retweets, denn sie bedeuten, dass jemand sich kurz über etwas von mir gefreut hat, dass etwas von mir irgendwo ein Quentchen positiver Wahrnehmung verursacht hat, und das ist doch schön. Es ist aber für mich nicht das Wesentliche.

Das Wesentliche ist das Dokumentieren meiner Einfälle und Wahrnehmungen, wofür es seit dem Internet eine technologische Möglichkeit gibt, die es früher nicht gab. Mit „Mikropostings“ im Internet denke ich sozusagen öffentlich. Früher gab es nur die Möglichkeit, diese Eindrücke mit denjenigen zu teilen, die zufällig in der betreffenden Situation ebenfalls anwesend sind – he, guck mal hier! Ich denke dazu das, was meinst du?

Das ist übrigens immer noch sehr wichtig für mich. Aber es ist ja nicht immer jemand da, wenn mir was durch den Kopf geht. Social Media erlaubt mir gewissermaßen, den Kreis solcher „Reflektions-Gesprächspartner_innen über Alltagskleinigkeiten“ in eine größere Öffentlichkeit hinein auszuweiten.

Vielleicht kennt sich jemand mit dem Thema aus, war auch schon mal an diesem Ort, whatever! Ich merke schnell, wenn eine Idee Bullshit ist oder jedenfalls starke Schwächen hat, weil von Leuten, deren Urteil ich was zutraue, entsprechende Hinweise kommen. Oder andersrum, dass an einer Idee was dran ist, weil sie weitergedacht und gelobt wird.

Apropos blauer Daumen: Ich schaue dabei nicht auf die Zahlen, aber das bedeutet nicht, dass mir die Reaktionen egal wären. Sondern ich achte sehr genau darauf, von wem ein Like, ein Kommentar, ein Retweet kommt. Die reine Anzahl des Zuspruchs ist mir egal, es gibt aber Leute, die für mich Autorität haben, sei es weil ich sie generell für klug halte oder weil ich weiß, dass sie sich auf einem bestimmten Gebiet auskennen. Deren Reaktionen nehme ich wahr, und zwar auch dann, wenn es nur ein kleiner Like oder ein gepostetes Fragezeichen ist.

Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.

Was ich vor Jahren schon mal in Bezug aufs Bloggen sagte, nämlich „Ich schreibe nicht für euch!“, das kann ich eigentlich genauso für meine „Mikroäußerungen“ auf Facebook, Twitter oder Instagram sagen: Ich poste das nicht „für euch“, ich poste das „für mich“.

Aber ohne euch bin ich eben nix.

Was verlorengeht, wenn das Internet normal wird

Wenn ich Freundinnen, die nicht dort sind, in den vergangenen Jahren von Twitter und von Facebook erzählt habe und davon, warum ich dort so gerne bin, habe ich immer gesagt, dass man dort interessante Leute treffen kann, außerhalb der eigenen „Filterbubble“. Andere Strömungen des Feminismus zum Beispiel. Leute mit anderen Interessen, aus anderen Szenen, mit anderen Zugängen zu Themen, aus anderen Kulturen. Dass die Hürden, mit „anderen“ in Kontakt und Austausch zu kommen, nicht so hoch sind wie im Meatspace.

Aber ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das noch stimmt. Ich beobachte in letzter Zeit, dass sich die Szenen wieder mehr separieren. Das ist ja auch schon verschiedentlich von anderen diskutiert worden – ich habe mir die Links nicht gemerkt, aber das Thema ist jedenfalls schon länger virulent: Dass sich um Blogs engere Communities bilden, dass der Austausch doch wieder mehr unter „Gleichgesinnten“ geschieht, dass sich die Kommunikation ausdifferenziert, dass das Interesse an „anderen“, die Bereitschaft, sich auf deren Sichtweisen einzulassen, und das Interesse für das, was sie zu sagen haben, nachlässt.

Ich bedaure das, aber ich glaube, es ist einfach eine Konsequenz davon, dass das Internet und vor allem die sozialen Medien normaler werden.

Als ich mich Anfang 2009 auf Twitter und Facebook anmeldete, kannte ich da praktisch niemanden. Ich war neugierig, suchte Anschluss an Debatten und Szenen, und lernte ziemlich schnell interessante Leute kennen – Leute, die ich außerhalb des Internet vermutlich nie kennengelernt hätte. Eine kleine Gemeinsamkeit (wie zum Beispiel „Feministin sein“) genügte schon, um das Interesse aneinander zu wecken und einen Austausch in Gang zu bringen.

Wer sich heute auf Facebook anmeldet – und eingeschränkt stimmt das, glaube ich, auch für Twitter und andere Plattformen – trifft da hingegen gleich einen ganzen Haufen von Leuten aus dem eigenen Leben, aus der eigenen politischen Szene, aus dem eigenen Arbeitsumfeld. Die Notwendigkeit, sich auf die Suche nach „anderen“ zu machen, ist nicht mehr gegeben. Und entsprechend geringer ist auch die Bereitschaft, Leuten, die nicht genau auf die eigene Linie passen, überhaupt großartig Aufmerksamkeit zu widmen oder gar Kompromisse zu machen.

Ich merke das an mir selber: War es 2009 noch so, dass es fast keine Überschneidungen gab zwischen den Menschen, mit denen ich außerhalb des Internet zu tun hatte, und denen, mit denen ich im Internet kommunizierte, so sind die Mehrheitsverhältnisse inzwischen ganz anders. Vor allem wenn ich Facebook aufmache, sind da heute dieselben Leute, die ich auch treffe, wenn ich ins Büro gehe oder auf ein Treffen mit meinen feministischen Freundinnen. Aber auch auf Twitter sind inzwischen viel mehr aus meinen „Szenen“ – es sind zwar immer noch die meisten Menschen, die ich kenne, nicht auf Twitter, aber inzwischen sind genügend Menschen dort, die die meisten Dinge so ähnlich sehen wie ich, die in ähnlichen Kontexten zuhause sind und so weiter.

Und einerseits freut mich das, ich habe ja selber dauernd mir den Mund fusselig geredet, dass sie doch bitte hierherkommen sollen. Aber andererseits ist es eben auch schade.

Ich selber habe eine ganze Reihe von Blogs inzwischen wieder aus meinem Feedreader geschmissen, weil sie thematisch zu weit von meinem Interesse weg sind oder weil ich keine Geduld mehr habe, mich auf Standpunkte einzulassen, die ich kritisch sehe – es sind eben heute genügend andere Blogs da, die mir näher liegen. Hätte ich 2009 meine Internetlektüre so rigide ausgewählt, wie ich es heute tue, hätte ich nicht viel zum Lesen gehabt.

Vermutlich ist diese Entwicklung unausweichlich – das Internet ist ja letztlich nur ein Medium, und Medien nutzen wir, um mit Menschen zu kommunizieren, mit denen wir kommunizieren wollen. Außer eben wenn ein Medium sehr neu ist, dann nimmt man, wen man kriegen kann.

Die frühen Jahre der sozialen Medien waren wohl eine außergewöhnliche Sondersituation: Da trafen sich Menschen, die Lust hatten auf dieses Medium, das Medium als solches war schon etwas Verbindendes. Man kommunizierte mit denen, die eben da waren, mit anderen ging es ja nicht. Daher kam diese anfängliche Offenheit, diese szeneübergreifenden Kontakte und Beziehungen. Ich bin extrem dankbar dafür, dass ich das miterlebt habe, denn manche, nein: viele dieser Menschen sind mir inzwischen sehr wichtig geworden, und ich glaube (hoffe jedenfalls), dass ein Großteil dieser Beziehungen auch über die Normalisierung des Internet hinaus erhalten bleiben.

Aber ich vermute, dass da nicht viele mehr dazukommen werden. Das Internet sortiert sich gerade, we are going back to normal. Und das finde ich durchaus schade, aber ich fürchte, es ist nicht zu ändern. Ich habe mir allerdings vorgenommen, diesen Spirit aus der Erinnerung an „damals“ noch so lange wie möglich am Leben zu halten.

Trolle und ihre Absichten

Gestern habe ich drüben in meinem Gottblog christliche Fundamentalisten mit Trollen verglichen, weil auch sie eine sinnvolle Diskussion unmöglich machen.

In der Kommentardiskussion wurde als Einwand gegen diesen Vergleich vorgebracht, dass religiöse Fundamentalisten meist keine böse Absicht haben, sondern ehrlich überzeugt sind, „im Namen des Herrn“ unterwegs zu sein. Die böse Absicht jedoch sei das wesentliche Charakteristikum von Trollen. Trollen ginge es nicht um die Sache, sondern sie würden Diskussion absichtlich stören bzw. hätten unlautere Motive wie Spaß am Stören, Suche nach Aufmerksamkeit, den Wunsch, Schaden anzurichten.

Mit dieser Definition von Trolltum bin ich nicht einverstanden. Natürlich will ich nicht bestreiten, dass es sicher auch Trolle gibt, die einfach Spaß daran haben, andere zu ärgern. Aber ich glaube, wenn wir das Phänomen in erster Linie unter diesem Gesichtspunkt betrachten, geht das am Kern der Sache vorbei. Denn für den Effekt, den ein Troll für den Diskussionsverlauf hat, ist es ganz egal, in welcher Absicht er das macht.

Aus meiner eigenen Erfahrung in diesem Blog kann ich sagen, dass der Umgang mit Leuten, die offensichtlich böswillig sind, die Frauen sowieso hassen oder dummblöde Sprüche ablassen, ziemlich leicht ist: Weg damit.

Viel schwieriger ist der Umgang mit den anderen, die tatsächlich ein Anliegen haben, denen es also durchaus um das Thema geht, nur dass sie eben so felsenfest davon überzeugt sind, dass sie recht haben, dass sie nicht in der Lage sind, auf andere Argumente zu hören oder sie auch nur ansatzweise zu verstehen. Also durchaus vergleichbar der Beschränktheit und dem missionarischen Eifer von Fundamentalisten.

Ich bekomme hier häufig Kommentare von Männern (selten auch von Frauen), die ich unter „Trolltum“ einsortiere und daher nicht freischalte, obwohl ich mir sicher bin, dass sie nicht in der Absicht geschrieben sind, die Diskussion zu zerstören, sondern aus ehrlicher Empörung, aus Eifer, aus einer felsenfesten Überzeugung heraus, in der ernsthaften Absicht, die Welt vor der Zerstörung durch den Feminismus zu retten.

Oft wissen diese Kommentatoren auch, dass sie keine Chance haben, hier veröffentlicht zu werden (sie schreiben es dazu, dass sie es wissen), aber dennoch machen sie sich die Mühe, lange oder kürzere Texte mit ihrer Meinung zu den von mir angesprochenen Themen zu schreiben. Sie schreiben das sozusagen nur für mich, oder besser, für sich selbst, damit sie nicht geschwiegen haben angesichts des Unsinns, den ich hier verzapfe. Ich habe manchmal tatsächlich den Eindruck, sie „beten für meine Seele“ in gewisser Weise, sie legen ein Bekenntnis ab. Die Nähe zum Fundamentalismus ist für mich ziemlich offensichtlich.

Von daher halte ich es für falsch, das Phänomen „Trolle“ vorschnell auf Böswilligkeit, Sadismus, Zerstörungslust und so weiter zu verengen. Zumal die hinter einem Trollkommentar stehende Absicht ja auch vollkommen egal ist: Auch ein in „bester Absicht“ agierender Troll zerstört objektiv die Debatte oder beeinflusst sie jedenfalls negativ.

Und in jeder Hinsicht sind die Übergänge fließend. Ich hatte auch schon Kommentare, die habe ich nicht freigeschaltet, dann kam eine Mail, warum nicht, ich schickte den Link auf die Seite, wo ich das mit den Kommentaren erkläre – und kurz später kommt derselbe Kommentar, nur auf eine Weise formuliert, die nicht diskussionszerstörend ist, bei denselben Inhalten – inklusive einer Entschuldigung per Mail, dass man das nicht gewusst habe. Das heißt, in diesen Fällen handelt es sich gar nicht um Trolle, sondern um Leute, die offensichtlich ansonsten in Umfeldern diskutieren, wo andere Sitten und Gebräuche herrschen, wo zum Beispiel Sarkastik und Polemik üblich ist, was sie bei mir aber halt nicht ist.

Was auch relativ oft vorkommt ist, dass Leute deshalb trollen, weil sie zu sehr an einem bestimmten Thema interessiert sind, und dann versuchen, die Diskussion wegzulenken von dem, was mich interessiert, hin zu dem, was sie interessiert. Das kann Derailing sein, also der Versuch, böswillig vom Thema abzulenken, es kann aber auch einfach die Unfähigkeit oder Unwilligkeit sein, von den eigenen Wünschen und Anliegen einmal abzusehen. Also letzten Endes schlechtes Benehmen oder eine Art kindlicher Trotz. Da muss man halt streng sein und sagen: Ich weiß, dass du noch Bonbons willst, aber du kriegst jetzt keine mehr.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde, das Wesentliche am Umgang mit Trollen oder besser: den Bemühungen darum, die Diskussionskultur im Internet zu retten, ist nicht die Suche nach den Motiven von Trollen. Sondern für Blogbetreiberinnen und Forumsmoderatoren ist es aus meiner Sicht viel wichtiger, die Wirkungsweise von diskussionszerstörenden Mechanismen zu verstehen. Also zu wissen und sich klar zu machen, dass man bestimmte Diskussionsstile nicht zulassen sollte, weil sie einfach faktisch schädliche Auswirkungen haben (was auch wiederum nicht universal geregelt sein kann, es kommt eben auch immer auf das jeweilige Publikum an, das man anziehen oder abstoßen will).

Und dann wird man vielleicht leichter schädliche Kommentare löschen, also sozusagen aus guten Gründen und guten Gewissens – auch wenn man merkt, dass der Troll gar keine bösen Absichten hat. Aber auch ein ohne böse Absicht angerichteter Schaden ist halt eben ein Schaden.

 

Drei Gründe, warum das Internet für Journalisten möglicherweise keine Verbesserung ist, für viele andere aber schon

Es ist schon ein paar Wochen her, dass Martin Giesler einen eher pessimistischen Internetartikel schrieb. Mich hat frappiert, wie unterschiedlich er und ich das Internet und speziell das Bloggen erleben, und ich überlegte mir, woher das kommen könnte. Ich glaube, der Unterschied ist, dass er das Thema aus einer journalistischen Perspektive betrachtet, ich hingegen nicht. Vielleicht sind Internet und Journalismus ja tatsächlich unvereinbar.

Diese drei Punkte finde ich dabei besonders wichtig. (Ich beziehe mich stellvertretend auf Zitate aus Gieslers Blogpost, aber ähnliche Argumente finden sich ziemlich oft in der Debatte.)

 1. Journalist_innen nennen es Arbeit, andere nicht

„Zusammengefasst arbeite ich also durchschnittlich 8.5 Stunden pro Tag für das ZDF und davor und danach noch einmal gute 4-5 Stunden an den anderen Projekten. Macht also insgesamt rund 13 Stunden pro Tag – wir nennen es Arbeit.“ 

Dass dies eine Sichtweise ist, die nur Journalisten (oder vielleicht sonst noch Irgendwas-mit-Medien-und_oder-Uni-Leute) haben können, ist offensichtlich: Wenn eine Bäckerin neben ihrem Job bloggt, käme sie nie auf die Idee, das Arbeit zu nennen. Wir nennen es nicht Arbeit, wir nennen es Engagement, Hobby, Aktivismus, Liebhaberei. Eine Tierärztin hätte nie den Anspruch, dass sie mit ihrem privaten Blog Geld verdienen muss, ein Richter nicht den Anspruch, dass er während der Arbeitszeit seine Social Media Kontakte pflegen kann. Warum haben Journalisten diesen Anspruch?

Gerade dieses Missverständnis hat übrigens gar nichts mit dem Internet zu tun. Journalisten konnten schon immer ihre politischen Ansichten in ihrer Arbeit umsetzen, bei ihnen vermischte sich Arbeit und Teilnahme am politischen Diskurs. Früher mussten sie am Gatekeeper Redaktionsleitung vorbei, heute am Gatekeeper Algorithmus. Normalsterbliche mussten schon immer sehen, wo sie blieben, wenn sie ihre Flugblätter verteilten, Diskussionveranstaltungen abhielten, Projekte gründeten und so weiter.

Für Menschen, die nicht im Journalismus arbeiten, ist das Internet also eine Erleichterung, für Journalist_innen eher nicht.

 2. Journalist_innen und andere nähern sich der Filterbubble von verschiedenen Seiten an

„Theoretisch könnte also jeder, der sich gerade einen Twitter-Account zulegt, mit einer absolut großartigen Geschichte die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen. Praktisch ist es dann doch eher so, dass auch in den sozialen Netzwerken Filterbubbles entstehen, die durch neue Formen von Gatekeepern verwaltet werden.“

Internetdiskurse finden immer in Filterbubbles statt, soviel ist klar. Und auch eine Binse. Denn: Offene Räume, in denen alles gesagt werden kann, gibt es nicht.  Jeder Blog, jedes Medium, jedes Profil interagiert immer nur mit einem bestimmten Ausschnitt von mehr oder weniger Gleichgesinnten.

Nur: Journalist_innen und andere Menschen nähern sich dieser Filterbubble von unterschiedlichen Seiten her an. Der Journalist konnte auch schon vor dem Internet seine Nachrichten und Ansichten unter die Leute bringen, und sich bei den klassischen Newsmedien sogar tendenziell „an alle Leute“ richten. Andere Menschen hingegen hatten vor dem Internet keine Publikationsmöglichkeit und daher lediglich Zugang zu einer winzig kleinen Filterbubble, nämlich ihren Bekannten, Kolleginnen, politisch Ähnlichdenkenden, Nachbarn. Selbst diejenigen, die vor dem Internet schon publizierten, erreichten mit ihren Büchern oder Artikeln in Fachzeitschriften nur einen relativ kleinen Kreis, nämlich diejenigen, die an ihren Inhalten zumindest so sehr interessiert waren, dass sie dazu ein Buch kaufen oder sich auf den Weg zu einer Veranstaltung machten. Diese Hemmschwelle ist mit dem Internet deutlich gesunken, es passiert sogar – der Google-Suchfunktion sei Dank – gar nicht so selten, dass Menschen ganz zufällig über ihre Seiten stolpern.

Von daher: Ja, im Internet kommunizieren wir alle innerhalb einer Filterbubble, nur dass diese für Journalist_innen tendenziell kleiner, für alle anderen aber deutlich größer geworden ist.

 3. Journalist_innen haben eine berufsbedingt verzerrte Vorstellung von Reichweite

„Zudem werden einem als Journalist heute Kontrollmöglichkeiten an die Hand gegeben, um zu überprüfen, welche Inhalte und welche Journalisten wie gut performen. 8 Likes für einen Artikel? Lachhaft. 4 Retweets? Fahr nach Hause! Was gut performt, entscheiden die Giganten aus dem Valley mit ihren Algorithmen.“  

Im kommerziellen Medienbetrieb werden Reichweiten noch immer in Quantität gemessen, nicht in Qualität, und unter einer betriebswirtschaftlichen Perspektive ist das vermutlich auch nicht anders möglich. Dass das zu einer abwärtstrudelnden Spirale an Qualitätsverlust führt, ist inzwischen schon vielfach bemerkt und beklagt worden.

Wer seine Publikationen hingegen nicht verkaufen muss oder will, hat die Jagd nach quantitativ messbarer Reichweite nicht nötig. Das heißt nicht, wie oft unterstellt wird, dass diese Leute nur aus Narzissmus bloggen würden. Auch hier geht es wohl den meisten um Reichweite, nur ist diese Reichweite, auf die es ankommt, qualitativer und nicht quantitativer Art. Ein Blogpost, der zwei Menschen dazu bringt, ihre Ansichten zu überdenken, hat mehr inhaltliche Reichweite als einer, der zwanzigtausend Menschen in ihren Ansichten bestätigt. In meinem eigenen Blog stelle ich fest, dass die interessantesten und differenziertesten Diskussionen nicht unter den Artikeln stattfinden, die am häufigsten geklickt werden. Und manchmal kommt es vor, dass Leser_innen meines Blogs Einsichten, die sie (möglicherweise) durch diese Diskussionen gewonnen haben, andernorts dann selbst wieder einbringen, und immer wenn ich so etwas bemerke, freue ich mich über diese „Reichweite“, die ich natürlich in keiner Weise belegen, quantifizieren oder mir sonstwie an die Brust heften kann.

Aber der Unterschied ist: Ich brauche das auch gar nicht.