Sachen auf den Herbst verschieben? Keine gute Idee.

Hier noch ein Corona-Tipp: Verschiebt kein Zeugs auf den Herbst. Plant möglichst viele Dinge, die Ihr gerne machen wollt, JETZT, im Sommer, im Juni, Juli und August, und zwar im Freien. Treffen mit Menschen im Freien (mit Abstand) ist, so wie es derzeit ausschaut, unproblematisch. Treffen mit Menschen in geschlossenen Räumen hingegen ist ziemlich problematisch. Offenbar wird das Virus von Wärme nicht verlangsamt. Aber es ist im Sommer halt deutlich einfacher, sich im Freien aufzuhalten als im Winter. Also: Geht raus! Verabredet euch! Jetzt! Sammelt im Sommer Begegnungen und Erlebnisse, damit ihr im Herbst und Winter davon zehren könnt, wenn nötig. Ich stelle mich jedenfalls darauf ein, die Wintermonate eher in der eigenen Wohnung zu verbringen. Außerdem: Wenn Ihr zum Beispiel regelmäßige Kontrolltermine beim Arzt wahrnehmen müsst, dann vereinbart die JETZT, verschiebt sie nicht auf Herbst und Winter. Jetzt sind die Infektionszahlen niedrig, und die Praxen relativ leer. Es ist also jetzt eine gute Zeit, zum Arzt zu gehen. Das

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Die einen haben einen Uterus, die anderen ein Gehirn

Hier gibt es einen interessanten Artikel des Historikers Philipp Sarasin zum Thema 250 Jahre Sexualität. Wie ich drüben auf piqd schon geschrieben habe, vertritt er die Ansicht, dass „Sexualität“ als Konzept erst vor rund 250 Jahren, nämlich mit Beginn der bürgerlichen Moderne, entstanden ist. Galt vorher der Geschlechtsakt in christlicher Tradition als etwas, von dem sich Menschen möglichst fernhalten sollten, als etwas tierisch-problematisches, das nur zum Zweck der Fortpflanzung in Kauf zu nehmen sei, bekam „die Sexualität“, wie das Phänomen nun genannt wurde, ab dem späten 18. Jahrhundert eine gesellschaftlich-kulturelle Bedeutung zuerkannt. Diese Entwicklung diente allerdings nicht nur zur Befreiung von kirchlichen Zwängen, sondern auch zur Zementierung von Geschlechterstereotypen, insofern Erotik, Lust und Sextrieb als etwas galten, wodurch sich Frauen und Männer wesentlich unterscheiden. Im 20. Jahrhundert dann rückte Sexualität, ausgehend von Freud, noch weiter ins Zentrum des Menschseins vor, bis sie dann schließlich sogar zum Dreh- und Angelpunkt menschlicher Befreiung und Freiheit wurde. Heute widerum könnte das Zeitalter der

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Zwangssterilisationen an trans Personen als Unrecht anerkennen und entschädigen

Ein Aspekt, der mir in Zusammenhang der Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen wichtig geworden ist, ist die Erkenntnis, dass reproduktive Selbstbestimmung von Menschen, die schwanger werden können, nicht nur bedeutet, dass sie nicht gezwungen werden dürfen, eine Schwangerschaft zu Ende zu führen, sondern dass sie auch nicht an einer Schwangerschaft gehindert werden dürfen. Abtreibungsverbote sind moralisch verwerflich, weil sie einen Eingriff in das Menschenrecht Schwangerer auf körperliche Selbstbestimmung sind. Auch eine gesellschaftliche Behinderung von konkreten Abtreibungsmöglichkeiten – wie eine schlechte Versorgung mit entsprechenden Arztpraxen oder zu hohe Kosten – sind menschenrechtlich inakzeptabel, weil sie die körperliche Selbstbestimmung schwangerer Menschen missachten. Auf der anderen Seite ist es menschenrechtlich aber genauso verwerflich, Menschen mit Uterus daran zu hindern, schwanger zu werden, wenn sie das möchten. Und dieses Recht wird und wurde gesellschaftliche ebenso oft missachtet. Ein Beispiel ist das Transsexuellengesetz in Deutschland, dass bis 2011 nur dann die Möglichkeit einer juristischen Anerkennung des jeweiligen Geschlechts vorsah, wenn die betreffenden Personen sich sterilisieren ließen.

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Abtreibung und kategorischer Imperativ

Gerade gibt es hier eine interessante und komplexe Debatte zu den ethischen Fragen rund um Abtreibung. Eine offene Frage ist zum Beispiel, wie sich die moralische Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs zum kategorischen Imperativ verhält. Das „Handle stets so“ ist ja offenbar in diesem Fall keine mögliche Maxime, denn Menschen ohne Uterus können ja nie in die Situation kommen, dass sie diesem Imperativ ausgesetzt wären. Weiß jemand hier eventuell, ob sich in der Bibliothekenhaften Flut von Kant-Literatur schon mal jemand mit speziell dieser Frage auseinander gesetzt hat Denn der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert. Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben. Natürlich gibt es immer moralische Themen, von denen manche Menschen prinzipiell nicht betroffen sind. Aber gibt es noch eine andere Frage, bei der so systematisch die Hälfte der Menschheit nicht betroffen sein kann wie beim Schwangerwerdenkönnen? Mich

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Vergewaltigungsdiskurse im Feminismus

Vor dreißig Jahren war ich eine vehemente Anhängerin des Spruches, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Satzes (auch wenn er rein logisch zutreffend ist), sind mir schon früher gekommen. Jetzt gibt es ein Buch dazu: „Vergewaltigung“ von Mithu Sanyal. Ich habe es für bzw-weiterdenken.de rezensiert und empfehle die Lektüre sehr. Ich habe dazu noch ein kleines Gedankenexperiment, das ich schon manchmal in feministischen Kontexten zur Diskussion gestellt habe, speziell wenn ich dort über Gewalt gesprochen habe: Stellen Sie sich vor, Sie haben die Wahl, entweder einen Finger abgehackt zu bekommen oder vergewaltigt zu werden. Was würden Sie vorziehen? Mir ist schon klar, dass das eine doofe, vielleicht auch makabre Frage ist. Aber die Diskussionen, die sich daran entzündet haben (inklusive der Diskussionen darüber, wie bekloppt diese Frage ist), waren meistens durchaus spannend. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich lieber vergewaltigt würde als einen Finger abgehackt zu bekommen.

Über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie

Wenn über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der Frage, was überhaupt „Geschlecht“ sei. Mir drängt sich seit einiger Zeit verstärkt die Frage auf, was überhaupt „Biologie“ in diesem Zusammenhang sein soll. Wovon ist eigentlich die Rede, wenn es um das „biologische Geschlecht“ geht? Es sind ja drei unterschiedliche Aspekte des Körperlichen, die dabei eine Rolle spielen: die Gene, der Phänotyp (also das äußerliche Erscheinungsbild) und die mögliche Position in Bezug auf die Fortpflanzung, also ob jemand schwanger werden kann oder nicht. Für die meisten historisch gewachsenen Kulturen der Geschlechterdifferenz ist dieser letzte Aspekt maßgeblich. Dass nicht alle Menschen schwanger werden können, macht es erforderlich, Verfahrensweisen zu entwickeln, wie mit dieser Ungleichheit konkret umgegangen wird: Wer für Menschen sorgt, die aufgrund von Schwangerschaften oder Geburten besondere Bedürfnisse haben, welche Rechte und Pflichten Gebärende gegenüber ihren Kindern haben, welche Rechte und Pflichten Nicht-Gebärende gegenüber Kindern oder Schwangeren haben. Das alles lässt sich auf eine

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Sexarbeit und Care

Im November haben wir im Netzwerk Care Revolution über das Verhältnis von Sexarbeit und Care diskutiert. Drüben im Forum „Beziehungsweise Weiterdenken“ habe ich dazu was geschrieben – falls euch das auch interessiert, hier entlang!

Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank

Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir heutzutage die eugenische Selektion von nicht erwünschten Föten praktizieren (über 90 Prozent der Wunsch-Kinder werden abgetrieben, wenn sie laut Pränataldiagnostik Trisomie21 haben), während man gleichzeitig so tut, als gäbe es keine eugenische Selektion (offiziell ist nicht die befürchtete Normabweichung der Föten der Grund für diese Abtreibungen, sondern die psychische Befindlichkeit der Schwangeren), kam mir heute eine Idee, wie man das eigentlich noch zugespitzter analysieren müsste. Zunächst dachte ich, dass hier eine allgemeingesellschaftliche Heuchelei auf dem Rücken von Frauen betrieben wird: Einerseits wird ein moralischer Standard hochgehalten („Nein, bei uns gibt es keine eugenische Selektion!“), gleichzeitig kommt er faktisch aber nicht mal in jedem zehnten Fall zur Anwendung. Und anstatt das offen zuzugeben und als Gesellschaft zu den eigenen Prioritätensetzungen zu stehen („Kinder mit Behinderungen werden bei uns nur ausnahmsweise ausgetragen, sozusagen als Privathobby der beteiligen Eltern, normal finden wir das aber nicht“) werden Schwangere quasi per Default zu psychisch Kranken erklärt:

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