Abtreibung und kategorischer Imperativ

Gerade gibt es hier eine interessante und komplexe Debatte zu den ethischen Fragen rund um Abtreibung. Eine offene Frage ist zum Beispiel, wie sich die moralische Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs zum kategorischen Imperativ verhält. Das „Handle stets so“ ist ja offenbar in diesem Fall keine mögliche Maxime, denn Menschen ohne Uterus können ja nie in die Situation kommen, dass sie diesem Imperativ ausgesetzt wären. Weiß jemand hier eventuell, ob sich in der Bibliothekenhaften Flut von Kant-Literatur schon mal jemand mit speziell dieser Frage auseinander gesetzt hat Denn der kategorische Imperativ ist ja deshalb so kategorisch, weil er eine formale menschliche Bedingtheit thematisiert. Aber diese Art „Allgemeinheit“ oder „Universalität“ ist in der moralischen Beziehung zwischen einer Schwangeren und dem Embryo in ihrer Gebärmutter nicht gegeben. Natürlich gibt es immer moralische Themen, von denen manche Menschen prinzipiell nicht betroffen sind. Aber gibt es noch eine andere Frage, bei der so systematisch die Hälfte der Menschheit nicht betroffen sein kann wie beim Schwangerwerdenkönnen? Mich

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Vergewaltigungsdiskurse im Feminismus

Vor dreißig Jahren war ich eine vehemente Anhängerin des Spruches, dass alle Männer potenzielle Vergewaltiger sind. Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieses Satzes (auch wenn er rein logisch zutreffend ist), sind mir schon früher gekommen. Jetzt gibt es ein Buch dazu: „Vergewaltigung“ von Mithu Sanyal. Ich habe es für bzw-weiterdenken.de rezensiert und empfehle die Lektüre sehr. Ich habe dazu noch ein kleines Gedankenexperiment, das ich schon manchmal in feministischen Kontexten zur Diskussion gestellt habe, speziell wenn ich dort über Gewalt gesprochen habe: Stellen Sie sich vor, Sie haben die Wahl, entweder einen Finger abgehackt zu bekommen oder vergewaltigt zu werden. Was würden Sie vorziehen? Mir ist schon klar, dass das eine doofe, vielleicht auch makabre Frage ist. Aber die Diskussionen, die sich daran entzündet haben (inklusive der Diskussionen darüber, wie bekloppt diese Frage ist), waren meistens durchaus spannend. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass ich lieber vergewaltigt würde als einen Finger abgehackt zu bekommen.

Über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie

Wenn über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der Frage, was überhaupt „Geschlecht“ sei. Mir drängt sich seit einiger Zeit verstärkt die Frage auf, was überhaupt „Biologie“ in diesem Zusammenhang sein soll. Wovon ist eigentlich die Rede, wenn es um das „biologische Geschlecht“ geht? Es sind ja drei unterschiedliche Aspekte des Körperlichen, die dabei eine Rolle spielen: die Gene, der Phänotyp (also das äußerliche Erscheinungsbild) und die mögliche Position in Bezug auf die Fortpflanzung, also ob jemand schwanger werden kann oder nicht. Für die meisten historisch gewachsenen Kulturen der Geschlechterdifferenz ist dieser letzte Aspekt maßgeblich. Dass nicht alle Menschen schwanger werden können, macht es erforderlich, Verfahrensweisen zu entwickeln, wie mit dieser Ungleichheit konkret umgegangen wird: Wer für Menschen sorgt, die aufgrund von Schwangerschaften oder Geburten besondere Bedürfnisse haben, welche Rechte und Pflichten Gebärende gegenüber ihren Kindern haben, welche Rechte und Pflichten Nicht-Gebärende gegenüber Kindern oder Schwangeren haben. Das alles lässt sich auf eine

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Sexarbeit und Care

Im November haben wir im Netzwerk Care Revolution über das Verhältnis von Sexarbeit und Care diskutiert. Drüben im Forum „Beziehungsweise Weiterdenken“ habe ich dazu was geschrieben – falls euch das auch interessiert, hier entlang!

Care-Krise gelöst: Wir sind alle psychisch krank

Beim Nachdenken über die Art und Weise, wie wir heutzutage die eugenische Selektion von nicht erwünschten Föten praktizieren (über 90 Prozent der Wunsch-Kinder werden abgetrieben, wenn sie laut Pränataldiagnostik Trisomie21 haben), während man gleichzeitig so tut, als gäbe es keine eugenische Selektion (offiziell ist nicht die befürchtete Normabweichung der Föten der Grund für diese Abtreibungen, sondern die psychische Befindlichkeit der Schwangeren), kam mir heute eine Idee, wie man das eigentlich noch zugespitzter analysieren müsste. Zunächst dachte ich, dass hier eine allgemeingesellschaftliche Heuchelei auf dem Rücken von Frauen betrieben wird: Einerseits wird ein moralischer Standard hochgehalten („Nein, bei uns gibt es keine eugenische Selektion!“), gleichzeitig kommt er faktisch aber nicht mal in jedem zehnten Fall zur Anwendung. Und anstatt das offen zuzugeben und als Gesellschaft zu den eigenen Prioritätensetzungen zu stehen („Kinder mit Behinderungen werden bei uns nur ausnahmsweise ausgetragen, sozusagen als Privathobby der beteiligen Eltern, normal finden wir das aber nicht“) werden Schwangere quasi per Default zu psychisch Kranken erklärt:

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Lesetipp: Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung

Die Diskussion über Abtreibung hat auf feministischer Seite eine Schwachstelle, auf die Kirsten Achtelik mit ihrem Buch „Selbstbestimmte Norm. Feminismus, Pränataldiagnostik, Abtreibung“ hinweist: und war eine, freundlich ausgedrückt, nicht sehr klare Haltung zu eugenischen Argumentationslinien in der Pro-Choice-Haltung. Was in den 1970er Jahren noch offen ausgesprochen wurde – dass es nämlich doch selbstverständlich eine Zumutung sei, ein behindertes Kind zu bekommen – wird heute etwas verschämter formuliert, nämlich als zu erwartende psychische Belastung für die Mutter. Aber gleichzeitig hat sich die Pränataldiagnostik praktisch zur Standardprozedur entwickelt, entsprechende Untersuchungen werden von den Krankenkassen bezahlt und als „Prävention“ verkauft, dabei handelt es sich keineswegs um Prävention, sondern um Selektion: Das Auffinden von „Abnormalitäten“ beim Fötus dient ja in nicht dazu, eine Krankheit oder Behinderung zu heilen oder besser versorgen zu können, sondern in der Regel als Entscheidungsgrundlage für eine Abtreibung. Es geht also um eugenische Selektion, nicht um Vorsorge. Kirsten Achtelik nimmt in ihrem Buch eine klare Haltung gegen solche behindertenfeindlichen, „ableistischen“

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Schweiß, Tränen, Kacke, Blut

Passend zu meiner Beschäftigung mit dem Schwangerwerdenkönnen las ich gestern und vorgestern im Zug den Roman „Lasse“ von Verena Friederike Hasel (Ullstein Verlag). Ich will nicht wirklich viel von der Geschichte verraten, weil dann der Lesespaß weg ist, aber so viel: die körperlichen Aspekte des Schwangerseins und Gebärens und Stillens und Kleinbabyversorgens werden liebevoll-krass-detailliert geschildert, sodass auch bei Männern und anderen Nichtgeborenhabenden nicht mehr  viele Fragen offenbleiben. Eine zentrale Rolle in der Geschichte spielt auch der Sachverhalt, um den es in meinem vorigen Blogpost ging, dass nämlich die Entscheidung über das Austragen einer Schwangerschaft einzig und allein bei der Schwangeren liegt, und dass ihre Verantwortung für das (noch nicht) geborene Leben unmittelbar mit diesem körperlichen Umstand zusammenhängt. Und das gleichzeitig doch das Gelingen des ganzen Unternehmens darauf angewiesen ist, dass es ein soziales Umfeld gibt, in dem Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten eben nicht klar sind, sondern bei allen anderen Menschen Verhandlungssache ist. (Und wenn die Schwangere sich in Bezug auf diese Verhandlungen als

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Worüber unterhalten sich zwei graue Boxen?

Ende Mai war ich bei der Konferenz „Bended Realities“ in Offenbach und habe über „Die Sehnsucht nach dem Ende des biologischen Körpers“ gesprochen. Hier ist das Video: Irgendwo in der Mitte stelle ich eine steile These auf, nämlich die, dass jegliche menschliche Kommunikation an Körperlichkeit gebunden ist, dass unser Denken und unsere Interessen und Themen untrennbar vermischt sind mit der Tatsache, dass wir körperlich individualisierte Wesen sind, und ich behaupte, dass zwei graue Boxen nichts hätten, worüber sie sich unterhalten können. Leider gab es im Anschluss an den Vortrag keine Diskussion, aber meine Spione im Publikum sagten mir hinterher, dass es dazu wohl einigen Widerspruch gegeben hätte. Deshalb würde mich jetzt hier auch eure Meinung interessieren: Glaubt ihr, zwei graue Boxen (womit ich meine: Körper, deren Körperlichkeit völlig irrelevant ist und nur die Funktion hat, Behältnis für Gedanken zu sein) hätten Gesprächsthemen, die sie interessieren? Und wenn ja, welche?

Was macht eigentlich…. das Abtreibungsthema?

Neulich hat sich Katha Pollit in einem Artikel damit beschäftigt, dass die gesellschaftliche Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich Aufschwung bekommen hat, während in Punkto Abtreibung die Tendenz wieder in Richtung auf mehr Restriktionen gegen Schwangere zu weisen scheint. Ihre Analyse bezieht sich auf die USA, aber auch in Deutschland lässt sich wohl so etwas Ähnliches beobachten. Ein von Ulrike Busch und Daphne Hahn herausgegebener Sammelband will die Diskussion auch hierzulande wieder ein bisschen in die Gänge bringen, und das ist gut so. Das Buch versammelt Rück- und Überblicke über die Lage und den Diskurs. Dabei wird deutlich, dass die Diskussion letztlich mit dem letzten „Abtreibungsgesetz“ 1990 zum Erliegen gekommen ist. Einerseits vielleicht verständlich: Zwar ist Abtreibung weiterhin im Prinzip nicht Entscheidung der Schwangeren selbst, sondern gilt als Unrecht, aber sie wird nicht strafrechtlich verfolgt und gilt bei Einhaltung bestimmter Verfahren oder bei vorliegenden Indikationen auch nicht mehr als gesetzwidrig. Konkret heißt das: Rein theoretisch ist zwar das Ziel der Frauenbewegung, nämlich das

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