Hillary machts möglich – Victoria wird endlich berühmt!

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Dank der Kandidatur von Hillary Clinton und den recht guten Chancen, dass sie Präsidentin von Amerika wird, wird jetzt auch Victoria Woodhull wieder entdeckt – die erste Frau, die für die Präsidentschaft kandidiert hat (1872) und die ich Mitte der 1990er Jahre aufgespürt habe. Damals schrieb ich meine Doktorarbeit in Politischer Ideengeschichte über feministische Sozialistinnen in der Ersten Internationale.

Bei deren Kongress in Den Haag 1872 wurde eine ominöse „Sektion 12“ aus New York auf Betreiben von Marx und Engels aus der Internationale ausgeschlossen – ebenso wie Bakunin und viele andere Anarchisten. Die Begründung war witzig: Diese „geistershakenden Bourgeoisweiber“ und ihren „Freie-Liebe-Humbug“ müsse man unterbinden, meinte Marx. Prompt wollte ich sie natürlich näher kennen lernen.

Und Voilà, erst wurde Victoria Woodhull ein Kapitel meiner Diss, ein paar Jahre später dann ein Buch, das aber in Deutschland damals nicht viel Aufsehen erregte. Die einzige, die damals auch gleich richtig fasziniert war, war Hilal Sezgin, die eine ganze großartige Seite in der Frankfurter Rundschau darüber schrieb, leider wurden solche Sachen damals noch nicht ins Internet gestellt. Aber ich habe noch eine Kopie und hüte sie wie meinen Augapfel🙂

Damals war Victoria Woodhull übrigens auch in den USA noch ganz unbekannt, weil sie das schwarze Schaf der Frauenbewegung war. In den offiziellen Annalen der Frauenbewegung war sie bis Ende des 20. Jahrhunderts verschwiegen worden. In einer „Wer wird Millionär“-Show war die Frage nach Amerikas erster Präsidentschaftskandidatin damals noch 500.000 Dollar wert, also: Kein Mensch kannte sie.

Inzwischen sind aber zahlreiche Biografien über sie erschienen, sie wurde in der „Seneca Hall of Fame“ aufgenommen, wo Protagonistinnen der amerikanischen Frauenbewegung gewürdigt werden. Und nun, wo sich mit Clinton die erste tatsächliche US-Präsidentin ankündigt, wächst auch außerhalb der Fachkreise das Interesse an ihrer frühen Vorgängerin.

Um dem ganzen Feuer zu geben, haben Ulrike Helmer und ich jetzt eine Neuausgabe meiner Biografie gebracht. Sie ist kürzer und knackiger, enthält nicht mehr so langatmig-gelehrte Abhandlungen über die amerikanische Zeitgeschichte, kurz: Ist eine Super-Gelegenheit, im Leben einer tollen Frau zu schmökern, ohne dass man großartig Vorkenntnisse braucht.

Beim Verlag findet Ihr alle Angaben zum Buch

Rezensionen sammle ich hier

Wenn Ihr generell über Woodhull auf dem Laufenden bleiben wollt, lest meinen Woodhull-Blog

Konfliktvermeidende Zustimmung: der freundliche Weg, Feminismus nicht ernstzunehmen

„Jede Menge Geschlechter, die aber alle männlich sind“ schrieb eine Bekannte in den Facebook-Thread, in dem ich mich gestern Abend ein bisschen über dieses (lesenswerte) Interview in der ZEIT mit Lann Hornscheidt geärgert habe. Hornscheidt macht Gender-Forschung an der Humboldt-Universität und lehnt für sich die Einordnung als weiblich oder männlich ab und will daher auch nicht mit entsprechenden Pronomen angesprochen werden.

Die ZEIT nimmt das zum Anlass für ein ausführliches Interview zum Thema Geschlecht, Konstruktion, Abschaffung der binären Ordnung und so weiter. Geschlecht, so Hornscheidt, sei „eine Erfindung von Sexismus“ und es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen bei der Geburt kein Geschlecht mehr zugewiesen wird. Interessante, aber sicher auch diskussionswürdige These.

Allerdings: Diskutiert wird in dem Interview nicht. Heikle Punkte, zum Beispiel die Frage, was dann mit dem Schwangerwerdenkönnen ist (denn in der Biologie wird „weiblich“ und „männlich“ ja entlang der jeweiligen Funktion bei der Reproduktion definiert), werden nicht angesprochen. Dabei ist dieser Aspekt ja wohl auch im Bezug auf menschliche Geschlechterkonstruktionen nicht ganz unerheblich – worüber ich kürzlich mit Jutta Pivecka ausführlich diskutiert habe.

In meiner Reihe von Blogposts zu dem Thema hatte ich anfangs darüber geklagt, dass das Thema Schwangerwerdenkönnen in der queerfeministischen Debatte so oft ignoriert wird, hatte aber in letzter Zeit den Eindruck, dass es langsam doch zum Thema wird. Deshalb nehme ich an, dass auch Lann Hornscheidt sich den ein oder anderen Gedanken zu all dem gemacht hat. Warum gab es dazu keine Fragen? Hatten die Interviewer_innen Angst davor, diese Frage zu stellen? Oder ist sie ihnen wirklich nicht eingefallen?

Lann Hornscheidt bietet in dem Gespräch noch mehr diskussionswürdige Thesen: Ist die Geschlechterdifferenz wirklich genauso konstruiert wie die Unterscheidung von „Rassen“, wie Lann behauptet? Ich finde nicht. Ist es wirklich so falsch vom Feminismus, die Kategorie „Frau“ ins Zentrum zu rücken? Ich finde, ein Blick auf die Welt zeigt, dass das ein ziemlich vernünftig gewählter Fokus ist. Und so weiter.

Dass Hornscheidt nicht dazu herausgefordert wird, die Thesen zu begründen und argumentativ zu vermitteln, ist schade, denn auf diese Weise bleiben sie einfach Behauptungen, die wohl kaum jemanden überzeugen werden, der_die nicht ohnehin schon bekehrt ist.

Interviewer_innen haben die Aufgabe, komplizierte Angelegenheiten allgemeinverständlich zu vermitteln und dazu gehört, die Thesen von Wissenschaftler_innen kritisch zu befragen. Denn nur so kann etwas von dem, was in akademischer Forschung passiert, für diejenigen verständlich werden, die nicht so in dem Thema drin sind. Da nicht nachgefragt wurde, sind aber wesentliche Punkte von Hornscheidts Ansatz unerklärt geblieben. Vielleicht hätte Hornscheidt ja zum Beispiel Antworten auf die Frage gehabt, wie Geschlecht und Schwangerwerdenkönnen zusammenhängen? Wir wissen es nicht.

Meiner Ansicht ist das die andere Seite der medialen Unbeholfenheit im Umgang mit radikalen feministischen Ideen, also mit solchen Ideen, die nicht unmittelbar für das Alltagsverständnis einleuchtend sind. Die eine Seite dieser Medaille ist das Lächerlichmachen, das Ausschließen aus dem Sagbaren, das Diffamieren, das Beschimpfen und Bedrohen – und leider hat gerade Lann Hornscheidt die Unbarmherzigkeit und Aggressivität dieses antifeministischen Impetus schon mit voller Wucht zu spüren bekommen.

Aber – das Gegenteil ist genauso falsch.

Hannah Arendt hätte all die interessanten Dinge in dem berühmten ZDF-Interview mit Günter Gaus nicht gesagt, wenn Gaus nicht kritisch und interessiert nachgefragt, ihr nicht auch mal widersprochen hätte. Feminist_innen einfach bloß das Mikrofon hinzuhalten, ohne kritische Nachfragen, selbst zu ganz offensichtlich erklärungsbedürftigen Punkten, ohne also ein eigenständiges Gegenüber zu der Person zu sein, die interviewt wird – das kann es nicht sein. Es sieht zwar erstmal toll aus – sie geben uns ein Forum – aber letzten Endes ist das genauso wenig ein Ernstnehmen radikalfeministischer Ideen, wie wenn man sie diffamiert.

Ina Praetorius hat diesen Mechanismus mal „konfliktvermeidende Zustimmung“ genannt und darin ein Muster erkannt, wie vor allem wohlwollende Männer häufig mit radikalfeministischen Ideen umgehen: Sie lassen sich gar nicht auf Diskussionen ein, sie widersprechen nicht und stellen keine Fragen, sondern nicken nur. Es fühlt sich auf den ersten Blick gut an, so mit Samthandschuhen angefasst zu werden, gerade wenn wir uns sonst so oft in feindlicher Umgebung behaupten müssen.

Aber es hilft uns und unseren Ideen leider auch nicht weiter. Es führt nicht dazu, dass unser Denken aufgegriffen und diskutiert wird, dass unsere Vorschläge in der Welt zirkulieren und Wirksamkeit entfalten. Sondern es ist letztlich eben doch auch ein Mechanismus, der dazu dient, uns aus dem ernsthaften Diskurs auszuschließen – wenn auch ein freundlicherer, weniger schmerzhafter und häufig auch gut gemeinter.

Warum es nicht „binär“ ist, wenn ich von Frauen und Männern spreche

Immer wenn ich mit jüngeren Feminist_innen diskutiere, dauert es nicht lange, und es kommt die Frage, ob meine Art, über Frauen und Männer zu sprechen, nicht „binär“ wäre. Ich möchte hier einmal aufschreiben, warum ich das nicht finde.

Ein „binäres“ Verständnis von Geschlecht geht ja davon aus, dass es genau und nur zwei Geschlechter gibt, männlich und weiblich. In dieser binären Logik ist „Frau“ gleichbedeutend mit „nicht Mann“ und andersrum „Mann“ gleichbedeutend mit „nicht Frau“.

Genau dieser Auffassung bin ich nicht. Ich interessiere mich für die Freiheit der Frauen, das ist mein politisches Anliegen: die Freiheit der Frauen zu vergrößern. Dafür ist es logisch wichtig, dass es Frauen gibt, aber nicht, diese binär zu denken, also als Gegenstück zum Mann. Ganz im Gegenteil: Ich unterscheide zwischen „Frauen“ und „Nicht-Frauen“. Die „Nicht-Frauen“ können alle möglichen Geschlechter haben. Es ist mir vollkommen egal, ob es zwei, fünf, oder dreihundert Geschlechter gibt – Hauptsache, es gibt nicht nur eines (denn Eingeschlechtlichkeit ist immer männlich), und ein Geschlecht davon ist meines, das weibliche.

„Frauen“ definiere ich überhaupt nicht inhaltlich, und schon gar nicht als Gegenstück, Komplementäres oder Gleiches des Mannes. Das Frausein ist eine Evidenz, die nicht näher begründet oder erklärt werden muss, es genügt, sie zu konstatieren (etwa durch einen Satz wie: „Ich bin eine Frau“ oder dadurch, dass man „als weiblich gelesen“ wird und nicht widerspricht).

Frausein ist das, was ich bin, Frausein ist das, was Frauen tun. Frausein hat keine weitere inhaltliche Bestimmung, und schon gar keine, die in Beziehung auf andere Geschlechter definiert ist. Das heißt: Für das, was Frausein bedeutet, ist es vollkommen unerheblich, ob Männer (oder andere Geschlechter) dasselbe oder etwas anderes tun.

Eine Vorstellung oder Beschreibung von Geschlecht als „Skala“, deren Enden Männlichkeit und Weiblichkeit darstellen und dazwischen gibt es fließende Übergänge, lehne ich explizit ab. Ich halte eine solche Vorstellung für gefährlich, was die Freiheit der Frauen betrifft. Denn sie stellt uns vor die Wahl, entweder „weiblichkeitskonform“ zu sein oder unsere Weiblichkeit aufs Spiel zu setzen. Denn im Bild der Skala kann ich mich nur vom bestehenden Weiblichkeitsklischee entfernen, indem ich mich dem „männlichen Ende“ der Skala annähere. Mir ist aber wichtig, dass die Erweiterung dessen, was Frausein bedeutet, in alle möglichen und denkbaren unerforschten Richtungen gehen kann. Allerhöchstens zufällig geht sie hin und wieder auch einmal in Richtung auf das Männliche zu.

TestosteronWenn ich Kuchen backe, ist das genauso „weiblich“ wie mein aggressives Diskussionsverhalten. Und sogar mein Testosteron ist weiblich, wie ich mir neulich aufs T-Shirt druckte: Denn es ist das Testosteron einer Frau. Alles, was ich tue, ist zu 100 Prozent weiblich. Und ich bestreite, dass Männer irgend etwas „weibliches“ an sich haben können – was nicht bedeutet, dass sie nichts von Frauen lernen könnten, für meinen Geschmack müssten sie das viel öfter tun. Aber eben, indem sie sich die dort abgeschauten Verhaltensweisen aneignen und dann eben NICHT mehr als weiblich verstehen. So wie die Frauen, als sie in Europa anfingen, Hosen zu tragen: Sie machten aus einem bis dahin männlichen Kleidungsstück ein weibliches. So funktioniert das.

Wenn ich also in Vorträgen und Texten von „Frauen“ spreche, dann meine ich nicht Nicht-Männer, sondern eben: Frauen. Wenn ich zum Beispiel einen Begriff verwende wie „weibliche Souveränität“, dann bedeutet das nicht, dass Männer oder andere Geschlechter diese Souveränität nicht haben könnten. Sondern es bedeutet, dass ich hier von etwas spreche, das Frauen betrifft. Die Frage, ob es auch andere Leute betrifft, ist davon ganz unabhängig, das bleibt abzuwarten, zu sehen, zu untersuchen. So wie der Satz „Frauen essen Gemüsesuppe“ ganz unabhängig davon wahr oder falsch ist, ob auch Männer oder andere Geschlechter Gemüsesuppe essen oder nicht.

Dasselbe gilt andersherum, wenn ich von Männern spreche, zum Beispiel sage: „Die parlamentarische Demokratie ist eine von Männern erfundene Institution.“ Damit konstruiere ich nicht Männer binär als Gegenstück zu Frauen, sondern ich konstatiere eine Tatsache. Ich drücke damit aus, dass die „Männlichkeit“ in der Entstehungsgeschichte dieser Institution von Bedeutung ist, und nichts Nebensächliches. Und ich sage, dass inwiefern das alles auch für Frauen (und andere Geschlechter) relevant ist, nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, sondern mit offenem Ausgang diskutiert werden muss.

Das Missverständnis kommt vielleicht daher, dass es im Queerfeminismus (aus dem heraus mir der Vorwurf der „Binarität“ oft entgegenkommt) vor allem um das Verhältnis geschlechtlicher Identitäten zueinander geht. Mich interessiert das jedoch weniger, mein Thema ist das Verhältnis von Geschlecht und Welt. Das heißt, ich spreche, wenn ich die Wörter „Frauen“ und „Männer“, „weiblich“ oder „männlich“ benutze, über das Verhältnis von Frauen zur Welt und über das Verhältnis von Männern zur Welt – und nicht, oder gewissermaßen nur „über Bande“, über ihr Verhältnis zueinander oder zu anderen Geschlechtern.

 

Elternschaft muss freiwillig sein! Warum es für Väter ein Opt-Out geben sollte

Kürzlich sprach ich bei einem Thementag des Elternreferats des AstAs an der Uni Mainz über das Schwangerwerdenkönnen, und in der anschließenden Diskussion sorgte eine Fragestellung für Kontroversen, die ich so nicht erwartet hätte: Ob es für Väter (beziehungsweise für die Männer, mit deren Sperma eine Frau schwanger geworden ist) die Möglichkeit eines „Opt-Out“ geben sollte.

Irgendwo hatte ich das nämlich mal gefordert (weiß jetzt aber grade nicht mehr, in welchem Blogpost oder Text, falls jemand schlauer ist, bitte in die Kommentare, danke!) und bin auch weiterhin der Meinung, dass das richtig wäre.

Denn während eine Schwangere nach der Zeugung darüber entscheiden kann, ob sie das Kind austrägt oder nicht, hat der Samenspender diese Möglichkeit nicht, da es nicht sein Körper ist, der schwanger ist. Er kann zwar seine Meinung äußern, aber die Entscheidung selbst kann nur die Schwangere fällen. Es sei denn, wir leben in einer patriarchalen Gesellschaft, die die körperliche Selbstbestimmung von Frauen durch Gesetze und Machtverhältnisse unterbindet.

Wenn wir uns jetzt aber einig sind, dass das nicht geht und dass auch eine schwangere Person jederzeit über ihren Körper selbst bestimmen darf (und das waren wir in Mainz), bedeutet das eine Ungleichheit zwischen den beiden Zeugenden: die Frau kann das Kind austragen oder nicht, der Mann muss ihre Entscheidung akzeptieren.

Was bedeutet das nun für die Notwendigkeit, Regelungen für diese Situationen zu treffen? Wie ich an anderer Stelle schrieb, ist die Erfindung des heteronormativen Paares die klassisch-patriarchale Antwort: Jeder Frau wird genau ein Mann zu geordnet. Historisch ist das der Ehemann der Schwangeren, heutzutage ist das der Samenspender (beides muss ja nicht dieselbe Person sein).

Meiner Ansicht nach sollte diese Hetero-Formation aufgegeben werden. Ich plädiere dafür, dass nicht nur die Schwangere, sondern auch der Samenspender die Möglichkeit haben sollte, vom Projekt „Kindhaben“ zurückzutreten. Wählt er den Opt-Out, ist er raus, muss sich um nichts kümmern, keinen Unterhalt bezahlen und so weiter. Das kann natürlich nicht bedeuten, dass die Frau allein für das Kind aufkommen muss, aber diesen Part würde dann eben jemand anderes übernehmen – entweder ein freiwilliges Elternteil (im Fall von lesbischen Paaren eine wichtige Möglichkeit), oder die Gesellschaft als ganze, die für finanziellen Unterhalt und Infrastruktur oder andere Hilfen aufkommt.

Ich war überrascht, dass doch von zahlreichen Diskutant_innen vehementer Widerspruch gegen dieses Modell kam. Sie bestanden darauf, dass der Samenspender die Verantwortung nicht ablehnen dürfe. Mein Argument mit der Ungerechtigkeit, die darin liege, dass er – anders als die Schwangere – nach einer erfolgten Zeugung keine Entscheidungsmöglichkeit mehr hat, sei nicht stichhaltig, denn mit dem Vollzug eines ungeschützten Geschlechtsverkehrs habe er implizit in die Vaterschaft eingewilligt.

Mich überzeugt das nicht wirklich, denn dieses Argument ließe sich auch Frauen, die abtreiben, entgegen halten. Außerdem würde ich die Opt-Out-Möglichkeit auch auf die schwangeren Frauen ausweiten: Sie müssten ebenfalls die Möglichkeit haben, aus der Beziehung zu dem Samenspender auszusteigen – Vaterschaft setzt meiner Ansicht nach nicht nur eine Spermaspende, sondern auch die Einwilligung der Schwangeren voraus, mit dem Samenspender eine Beziehung haben zu wollen. Denn das ist im Fall gemeinsamer Elternschaft ja unvermeidbar.

Ich finde, es gibt sowohl auf Seiten der Männer als auch auf Seiten der Frauen eine Vielzahl von möglichen Gründen, die gegen eine gemeinsame Elternschaft von Samenspender und Schwangerer sprechen. Positiv und für alle Beteiligten (speziell auch das Kind) fruchtbar wird eine gemeinsame Elternschaft nur verlaufen, wenn alle Beteiligten sich freiwillig und mit guten Absichten dafür entscheiden – und selbst dann kann hinterher noch vieles schieflaufen.

Männer, die Väter werden wollen, müssen dafür eben eine vertrauensvolle Beziehung zu einer Frau aufbauen, die freiwillig darin einwilligt, mit ihnen die Elternschaft zu teilen. Und Frauen, die einen Vater für ihr Kind haben wollen, müssen dafür eben eine vertrauensvolle Beziehung zu einem Mann aufbauen, der freiwillig darin einwilligt, die Elternschaft mit ihnen zu teilen.

Ist eine solche vertrauensvolle und auf völliger Freiwilligkeit basierende Beziehung zwischen den beiden Erwachsenen nicht vorhanden, ist meiner Ansicht nach eine gemeinsame Elternschaft auch nicht sinnvoll. Und wir als Gesellschaft sollten für diese Fälle Alternativen bereitstellen.

Discuss!

Zum Thema: Mann schüttet einer Schwangeren Abtreibungsmittel ins Essen, damit sie das von ihm mitgezeugte Kind nicht gebiert.

Wie man „Sexismus in bestimmten Einwanderermilieus benennen kann“

Allen, die Sexismus bekämpfen möchten, ohne dabei auf rassistische Stereotype zurückzugreifen, wird in letzter Zeit regelmäßig vorgeworfen, wir würden Sexismus verharmlosen, der von nicht-deutschen Männern begangen wird. Denn, so die Unterstellung: Wenn man einen Migranten für sexistisches Verhalten kritisiert, wird man ja von unseresgleichen sofort als Rassist beschimpft.

Wenn so eine Behauptung von Rechtsaußen kommt, ist das zu erwarten und eigentlich nicht weiter der Rede wert. Aber der Vorwurf kommt immer wieder auch von Menschen, die man eigentlich für Verbündete hielte. Grade erst hat zum Beispiel Heide Oestreich in der taz so etwas geschrieben. Sie versucht, zwischen „uns“ und Alice Schwarzer so eine Art Mittelweg einzunehmen und schreibt:

Die „Ausnahmslos“-Menschen müssen sich fragen lassen, wie man denn Sexismus in bestimmten Einwanderermilieus, die von einem reaktionären Frauenbild geprägt sind, überhaupt benennen kann und wie man ihm so begegnen kann, dass Frauen, die darunter vor allem zu leiden haben, geschützt sind. Die Antwort bleiben sie bisher schuldig.

Ich verstehe das nicht, denn die Antwort ist doch ganz einfach: Man kann Sexismus in jeglicher Lebenssituation einfach thematisieren, indem man ihn thematisiert. Und genau wie in jeder anderen Lebenssituation gibt es keinen Zwang, dass man dabei rassistisch sein muss.

Die Behauptung, wir „Ausnahmslos“-Menschen hätten ein Problem damit, Sexismus in bestimmten Milieus zu thematisieren, ist eine Unterstellung, die nie begründet wird, und die sich auf diese Weise nach und nach zur Binsenweisheit verfestigt (ganz ähnlich übrigens, wie Alice Schwarzers Behauptung, der Differenzfeminismus würde Unterschiede zwischen Frauen und Männern essenzialistisch zementieren. Das haben irgendwann auch alle nachgeplappert).

Ich selbst kann auf jeden Fall mit gutem Gewissen sagen, dass ich mir noch nie eine Kritik an Sexismus aus Gründen der politischen Korrektheit verkniffen habe. Ich kritisiere Musliminnen für Interpretationen des Kopftuchs, die ich sexistisch finde, diskutiere auf Facebook mit Islamvertretern über patriarchale Koranauslegungen, und bekomme dafür nicht mehr oder weniger Ärger als für andere Meinungen, die ich vertrete, auch. Wirklich: Sexismus in migrantischen Kontexten zu kritisieren, ist nicht schwerer oder leichter, als Sexismus generell zu kritisieren.

(Jedenfalls für eine nicht-migrantische Deutsche wie mich. Was Feministinnen innerhalb migrantischer Communities betrifft, so bin ich mir da nicht so sicher, denn ich kann mir vorstellen, dass sie gerade durch den rassistischen Diskurs rundum in Legitimationsprobleme gedrängt werden, aber das ist ein anderes Thema, zu dem übrigens einiges Lesenwerte im akutellen Heft vom Missy Magazine steht).

Whatever, das einzige, was man tun muss, um „Sexismus in bestimmten Einwanderermilieus“ zu benennen, ohne dabei rassistisch zu sein, ist ein paar kleine Punkte beachten:

  1. Man soll Sexismus benennen, kritisieren und anprangern, wo immer er auftritt. Ausnahmslos.
  2. Man soll alle von sexualisierter Gewalt betroffenen Opfer gleichermaßen ernst nehmen, ihnen glauben, sie fragen, was sie brauchen, und ihnen unbürokratische Hilfe und Ressourcen anbieten.
  3. Man soll beim Versuch, die Ursachen sexualisierter Gewalt zu verstehen, eine breite Palette von Möglichkeiten in Betracht ziehen: individuelle ebenso wie strukturelle Gründe, soziale ebenso wie kulturelle und weltanschauliche Gründe.
  4. Man soll nicht mit zweierlei Maß messen, also selbstkritisch prüfen, ob und inwiefern die eigene Einschätzung der Situation eventuell von Vorurteilen oder ungeprüften Vorannahmen über Kulturen und Gewohnheiten geprägt sein könnten, die einer selbst fremd sind. Am besten, indem man sich dafür mit Menschen aus diesen Kulturen, die einer selbst fremd sind, bespricht.
  5. Und vor allem: Man soll nie, nie, nie, niemals bei der Bekämpfung sexualisierter Gewalt noch andere politische Agenden verfolgen, man soll nie, nie, nie das Leid der Betroffenen dafür instrumentalisieren, andere politische Kämpfe auszufechten.

Warum sind diese Punkte wichtig? Nicht aus politischer Korrektheit heraus, sondern weil man ein Problem nur dann angehen kann, wenn man sich wirklich darum bemüht, es zu verstehen. Wer das Phänomen der sexualisierten Gewalt in migrantischen Kontexten auf „den Islam“ oder „die sind eben patriarchal drauf“ verkürzt, wird es nicht lösen, sondern verschärfen. Wer sich vorschnell eine eindimensionale Ursache zusammenrauft, kann keinen praktikablen Hebel finden, bei dem sich ansetzen ließe. Markige Sprüche, wonach man es „denen“ endlich mal mit aller Härte zeigen muss, hinterlassen zwar ein schönes Gefühl der eigenen Zampanohaftigkeit, helfen aber niemandem, vor allem nicht den Opfern (höchstens der AfD zu noch ein paar Prozentpunkten mehr).

Sexualisierte Gewalt ist nun mal nichts, was man einfach nur mit Gesetzen, quasi von außen, lösen könnte. Sexualisierte Gewalt ist in Kulturen sehr tief eingebettet, und eben in unterschiedliche Kulturen auf unterschiedliche Weise. Wir haben mit der Frauenbewegung in Deutschland die Erfahrung gemacht, dass es hier um eine Politik der Beziehungen geht. Sexualisierte Gewalt findet überwiegend im Privaten statt, deshalb kann man ihr nur etwas entgegensetzen, indem der Widerstand von innen und von außen gleichzeitig kommt. Es ist von ganz entscheidender Wichtigkeit, dass die betroffenen Frauen selbst aktiv werden, dass sie Vertrauen haben zu denen, die Hilfsangebote bereitstellen, dass es für sie gangbare Brücken gibt zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, dass von ihnen nicht erwartet wird, sich gegen ihre gesamte Herkunft und Geschichte zu stellen, bevor sie Unterstützung finden.

Ich erinnere mich an eine Diskussionsveranstaltung vor vielen Jahren, in der Luisa Muraro einen Vortrag zum Thema Freiheit lehren gehalten hat und dabei die Frage diskutierte, wie wir weg kommen von weiblichem Konformismus, hin zu weiblicher Freiheit. Im Anschluss erzählte eine Zuhörerin aus dem Publikum von einer jungen Frau in ihrer Nachbarschaft, die von ihrem Vater in ihrer Freiheit stark eingeschränkt wird, die gezwungen wird, ein Kopftuch zu tragen, nicht auf Feste und Klassenfahrten darf, ständig im Haushalt helfen muss. Dagegen müsse man doch etwas tun! rief die Frau empört.

Ja, stimmte ihr Muraro zu, und fragte: Und, was tust du?

PS: Falls Ihr diesen Blogpost wieder zu nebulös findet, dann könnt Ihr gerne Beispiele in die Kommentare schreiben von Situationen, in denen Ihr das Gefühl hattet, vor der Wahl zu stehen, entweder Sexismus zu kritisieren und dafür einen Rassismusvorwurf zu kassieren, oder aber aus politischer Korrektheit den Mund zu halten. Vielleicht finden wir ja in einer gemeinsamen Diskussion raus, wo genau es bei diesem Thema hakt.

PPS: Zum Thema kulturelle Differenzen schrieb ich auch hier mal was.