Debatten vorm Facebook-Grab gerettet, Teil 5

Nur ein Viertel aller getrennt lebenden Väter zahlt vollständigen Unterhalt: Ein Artikel zu diesem Thema führte zu heftigen Debatten. Die FAZ hat geschrieben, dass die Hälfte aller Väter gar keinen Unterhalt zahlt, ein Viertel zahlt nur teilweise. Aber:  Ein System, das nur in einem Viertel der Fälle funktioniert, ist grundlegend falsch. Wir sollten Vaterschaft deshalb neu definieren, nämlich von Genen und sonem biologistischen Quatsch trennen und an die faktische Sorge (arbeitsmäßig und/oder finanziell) koppeln. Wer nicht zahlt und nicht versorgt verliert den rechtlichen Status des Vaters, fertig. (Gälte im analogen umgekehrten Fall natürlich auch für Mütter).

Apropos Umgangsrecht des Kindes: Diese Frage kam nämlich auch auf – dass man dem Vater das Umgangsrecht auch bei Nichtkümmern und Nichtzahlen nicht nehmen könne, weil der Umgang nicht sein Recht wäre, sondern das des Kindes. Aber: Gibt es denn gegen Väter, die ihre Kinder nicht regelmäßig sehen und besuchen, irgendwelche Sanktionen? Wird dieses Kindesrecht irgendwie durchgesetzt?

Außerdem hat Jan schön mein Anliegen beim Thema anarchistische Perspektiven auf heutige Feminismen zusammengefasst.

Debatten vorm Facebook-Grab gerettet, Teil 4.

Im neuen Bundestag sind weniger Frauen als im vorigen, nämlich nur noch 30 Prozent, so wenige wie seit 1994 nicht mehr. Das Interessante am Frauenanteil im Bundestag ist aber nicht, dass er kleiner geworden ist, sondern wie sehr es zwischen links und rechts auseinander driftet. Es ist ja nicht so, dass alle Parteien Zweidrittel Männer und Eindrittel Frauen haben. Sondern Grüne und Linke sind deutlich über 50 Prozent Frauen. Das bedeutet auch was. Und es zeigt, dass wichtige Differenzlinien nicht unbedingt zwischen AfD und allen anderen verlaufen. Sondern in Punkto Frauenmangel sind AfD, CDU, CSU und FDP ein gemeinsames Lager.

Apropos Gedicht an der Alice Salomon Hochschule. Die Frage ist nicht, ob es richtig oder falsch ist, es wegzumachen. Sondern ob man es da hängen haben WILL oder nicht. Wenn die Uni sich entscheidet, es weg zu machen, bedeutet das nicht, dass alle anderen, die so ein Gedicht hängen haben, es auch weg machen müssen. Es gibt kein Gesetz, das besagt, dass alle Menschen dasselbe machen müssen und wollen sollen. Und dass wir dafür so wenig Bewusstsein haben, ist auch schon das ganze Problem der Politik. Es gibt Sachen, bei denen muss man sich einigen. Das sind ungefähr 1 Prozent. Und es gibt Sachen, bei denen machen es alle so wie sie es wollen. Das sind ungefähr 99 Prozent. Die Gedichtfrage fällt eindeutig in den Bereich der „muss man sich nicht einigen, muss man nur (für sich) entscheiden“.

PS: An meinem Haus würd ich das Gedicht wegmachen. Nicht weil es schlecht oder verwerflich ist. Sondern weil ICH so ein Gedicht da nicht wollen würde.

PPS: Feminismus ist auch nicht dauernd rumdebattieren darüber, dass man ein Gesetz will, das solche Gedichte verbietet. Feminismus ist, zu sagen: Mir gefällt das nicht, basta. So sieht sie nämlich aus, die Weltherrschaft.

 

Freiheit retten

„Aus Liebe zur Freiheit“, so heißt mein Blog, und auf den ersten Blick könnte man meinen, das sei eine banale Bezeichnung für ein feministisches Projekt. Denn um was soll es Frauen denn sonst gehen, als um ihre Freiheit?

Allerdings ist das nicht so. Der Begriff der Freiheit, er ist lange diskreditiert. Die neoliberale Ideologie hat den Begriff der Freiheit gleichgesetzt mit Verantwortungslosigkeit, sozialer Kälte und ökonomischem wie gesellschaftlichem Egoismus. Aus der Sicht mancher ist er damit unbrauchbar geworden.

Auch die universalistische Einführung des Freiheitsbegriffs auf ein westlich-säkular-bürgerliches Modell von Freiheit hat dem Begriff geschadet. Speziell im Feminismus, aber letztlich in linken Befreiungsbewegungen generell stellt sich zudem die Frage, inwiefern Freiheit und Gleichheit miteinander Hand in Hand gehen, oder ob sie sich gegenseitig ausschließen.

Ein weiteres Problem besteht schließlich darin, dass heute unklar ist, was Freiheit überhaupt bedeutet. Geht es um bloße Wahlfreiheit? Geht es um Konsumfreiheit? Geht es um die Freiheit, zu gleichen Bedingungen im bestehenden System mit machen zu dürfen?

Und: ist Freiheit etwas, das durch äußere Umstände erst hergestellt werden muss? Oder ist Freiheit im Gegenteil eine Voraussetzung für politische Kämpfe ? Was lässt sich im Zeitalter des Post Dekonstruktivismus eigentlich noch über Freiheit sagen? Was bedeutet Freiheit, wenn das Subjekt in Frage steht? Ist der freie Wille nur eine Illusion?

Die Schwierigkeiten, sich positiv auf Freiheit zu beziehen, sind also vielfältig. Und so ist es vielleicht kein Wunder, warum auch im Feminismus der Begriff der Freiheit fast keine Rolle mehr spielt, sondern sich viele mit Gleichheit und der Abwesenheit von Diskriminierung zufriedengeben.

Dieser Sammelband hingegen bricht eine Lanze für die Freiheit als Gegenstand feministischer Aktionen. Eine große Rolle spielt dabei Linda Zerilli, die mit ihrem Buch „Feminismus und der Abgrund der Freiheit“ vor einigen Jahren den Anstoß für diese Debatte gegeben hat und kürzlich zu einem Vortrag an der Universität Marburg war. Um diese Veranstaltung herum sind die Aufsätze dieses Sammelbandes gruppiert.

Da geht es zum Beispiel um Freiheit und Emanzipationsstreben, um Kritik am Autonomiekonzept, um feministische Wissenschaft, um den Zusammenhang von Freiheit und Arbeit oder von Freiheit und Schwangerschaft/Geburt. Es geht um postkoloniale Perspektive, um Bibelexegese, um das Verhältnis von Freiheit und Leiblichkeit und vieles Mehr.

Die Themen sind also höchst interessant, die Texte selber sind aber leider so stark im akademischen Duktus verhaftet, dass es mir oft schwer gefallen ist, überhaupt herauszufinden, was die Autorinnen eigentlich sagen wollen. Zu tief sind die Thesen, sofern überhaupt vorhanden, unter eine Fülle von Referenzen auf andere Diskurse vergraben. Zu viel Zitate, bei denen mir sich häufig nicht erschloss, warum sie relevant sind. Potenzierte Sekundärliteratur sozusagen. Mir schwirrte bald der Kopf von lauter Namen und Verweisen, und ich bin mir nicht sicher, ob ein solches Herangehen dem Gegenstand des Buches gerecht wird. Unterm Strich ist das Buch eher gelehrt als frei.

(Freiheit kann man aber nicht lehren, man kann andere nur damit anstecken, sagt Luisa Muraro). 

PS: Ich muss dazu sagen, dass ich in dieser Hinsicht empfindlich bin, weil schon mehrfach Texte, für die ich für akademische Sammelbände angefragt worden war, nicht abgedruckt worden sind mit der Begründung, dort würde ja meine eigene Meinung drin stehen, und wie ich das denn belegen könne. Ich glaube, an diesem Punkt ist Akademia generell auf einer schiefen Bahn gelandet, sie ist über weite Strecken schlicht nicht mehr originell – und will es auch nicht sein. Das finde ich aber uninteressant. Es ist also nicht speziell ein Problem dieses Buches. Aber es ist auch ein Problem dieses Buches.

Barbara Grubner, Carmen Birkle, Annette Henninger (Hg): Feminismus und Freiheit. Geschlechterkritische Neuaneignungen eines umkämpften Begriffs. Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2016, 375 Seiten, 29,95 Euro.

Besondere Umstände – Episode 29 ist online

Wir haben eine neue Episode unseres Podcasts „Besondere Umstände“ gemacht. Eva, Benni und ich sprechen nochmal über das Älterwerden, das Verhältnis junger Frauen und älterer Frauen, Solidariät und Autorität, Eva empfiehlt den Podcast „Anekdotisch Evident“ von Katrin Rönicke und Alexandra Tobor, wir tauschen uns darüber aus, wen wir nicht leiden können (steht schon länger auf dem Plan), ich empfehle das Buch „What works“ von Iris Bohnet über Gleichstellung durch Verhaltensdesign, dann reden wir noch ein bisschen über Instagram, Snapchat und Mastodon (1:01:22)

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Debatten vor dem Facebook-Grab gerettet, Teil 3

Politische Debatte ist nicht Propaganda: Gestern habe ich auf Facebook ein bisschen darüber gerantet, wie unfruchtbar die Debatte ist, die sich derzeit zwischen Alice Schwarzer/Emma (man muss sich registrieren, um das lesen zu könne) und Judith Butler/Sabine Hark abspielt. Das gab dann recht angeregte Diskussionen.

Was ist das, was Weiblichkeit ausmacht? Kritisch geäußert habe ich mich auch zu einem Text von Lann Hornscheidt in der Süddeutschen, wo Lann erklärt, warum Lann  sich nicht als Frau identifiziert, nämlich „weil ich mich nicht mit dem, was Weiblichkeit ausmacht, identifizieren kann.“ Finde ich ganz ganz problematisch, denn was soll das denn sein? Ich kann diese Begründung nicht akzeptieren, ich finde sie essenzialistisch. Es gibt nichts, was Weiblichkeit ausmacht, das wissen wir dem Feminismus sei Dank doch längst. Wir (Frauen) sind es, die Weiblichkeit ausmachen, sonst nichts.

Reproduktionstechnik, aktueller Stand: Last not least empfehle ich einen Text von Kirsten Achtelik, der den derzeitigen Stand von Reproduktionstechnologien zusammenfasst, die neuesen Gerichtsurteile sowie die Positionen der maßgeblichen Akteure darstellt. Kritisch sehe ich die Forderungs des LSVD (Lesben-und-Schwulen-Verband Deutschland) nach einer Legalisierung von Leihmutterschaft und Eizellenspende, wozu in den Kommentaren auf Facebook auch diskutiert wurde.

 

Warum Antifeminismus mich (nicht) interessiert

Vor zwei Wochen hat die Heinrich Böll Stiftung zwei neue Projekte online gestellt (PS: Update – Ich erfahre gerade, dass es gar kein Projekt der Böllstiftung ist, sondern ein ehrenamtliches Projekt, das das Gunda-Werner-Institut in der Böllstiftung lediglich „beherbergt“ und unterstützt), und zwar:

Eine Broschüre „Gender raus“ und ein Lexikon über Antifeministin namens „Agentin“, die sich kritisch mit antifeministischen Argmenten, Strömungen, Organisationen und Personen beschäftigen. Seither ist eine halbwegs aufgeregte Debatte darüber in Gange,  ob man das (so) machen darf, und einige haben mich gefragt, was ich davon halte, und warum ich mich dazu nicht äußere.

Grund ist: Ich habe mir die Seiten bisher nicht angeschaut, weil mich das Thema nicht interessiert. Nicht jede Feministin muss sich ja mit allem beschäftigen. Und ich interssiere mich nicht für Antifeminismus. Was natürlich nicht bedeutet, dass das Thema nicht wichtig ist. Es gibt einen organisierten, mit Rechtspopulismus verbandelten Antifeminismus, es gibt gezielte Angriffe und Diffamierungen gegen Gender Studies, es gibt einen fließenden Übergang zwischen frauenfeindlichen Extremisten und einem saturierten männlichen selbstbezogenen Feuilleton-Mainstream und so weiter. Und deshalb ist es vermutlich nicht verkehrt, dass sich jemand mit dem Phänomen beschäftigt. Aber nicht wir alle müssen das tun. Antifeminismus ist lästig und gefährlich, aber kein originäres Thema des Feminismus. Jedenfalls nicht originärer ein feministisches Thema als Straßenbau oder Lateinunterricht an Grundschulen. (Will heißen: ALLES ist natürlich ein feministisches Thema).

Kritisiert wird an den Projekten offenbar vor allem, dass auf dem Wiki Personen namentlich aufgeführt werden. Ich halte das nicht für prinzipiell problematisch und mein Mitleid mit den als antifeministisch „Geouteten“ hält sich in Grenzen. Aber ich weiß tatsächlich nicht, ob es schlau ist, so vorzugehen. Ich selbst mache es anders. Zum Beispiel beziehe ich mich in meinen Blogtexten so gut wie nie namentlich auf Menschen, die ich kritisiere, es sei denn, ich möchte diese Personen wertschätzen und andere dazu bringen, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Wenn ich aber dezidiert antifeministische Texte kritisiere, beziehe ich mich nur auf die darin angeführten Argumente, nicht auf die Person. Im Internet heißt diese Praxis „Nonmention“, und ich finde sie sehr bewährt gerade in der Auseinandersetzung mit Antifeminismus. Denn ich will das Argument widerlegen, nicht den Autor adressieren, oder die Autorin. Mein Publikum sind die anderen Menschen, die den betreffenden Text lesen, darüber nachdenken, davon hören. Für sie will ich andere Perspektiven und Zusammenhänge anbieten. Und anderen, die mit solchen Menschen diskutieren, zum Beispiel auf der Arbeit und so weiter, argumentativ unterstützen. Aber mit dem Autor oder der Autorin will ich ja gerade gar nichts zu tun haben. Ich verweigere zu ihnen die Beziehung, auch die negative.

Zwei weitere Aspekte in Bezug auf Antifeminismus und wie wir am besten damit umgehen, würde ich gerne noch ins Gespräch bringen:

Erstens: Zu viel Aufmerksamkeit für Antifeminismus birgt die Gefahr, die eigenen Anliegen aus den Augen zu verlieren.

Das Dilemma ist für die Frauenbewegung nämich gar nicht neu. Ich habe mich ja intensiv mit Feminismus im 19. Jahrhundert beschäftigt, und da war es so, dass aus einem frühsozialistischen Feminismus, der spannende Gesellschaftsutopien diskutiert und ausprobiert hat, durch die Notwendigkeit, Antifeministen zu bekämpfen, eine etwas lame Frauenrechtsbewegung wurde, die hauptsächlich darauf fokussierte, dasselbe zu dürfen wie die Männer. Ich will die Protagonistinnen dafür nicht kritisieren, der antifeministische Backlash in der Mitte des 19. Jahrhunderts war real und noch um einiges krasser als das, was wir heute erleben. Aber die daraus resultierende Schwächung der Frauenbewegung ist eben eine Tatsache. Sich mit Antifeminismus zu beschäftigen bedeutet, sich eine Agenda aufdrücken zu lassen, die gar nicht die eigene ist.

Zweitens: Auch an vermeintlich antifeministischen Argumenten und Perspektiven kann was dran sein.

Die Älteren unter euch erinnern sich vielleicht noch an Katharina Rutschky, die in den 1990er Jahren eine Debatte über den „Missbrauch mit dem Missbrauch“ anstieß und bestimmte Aspekte des Umgangs von Feministinnen mit dem Thema kritisierte. Daraufhin erhielt sie das Etikett „Antifeministin“ (und, man muss zugeben: Sie benahm sich dann auch so). Sie schrieb dann in der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens (selbst)ironische Kolumnen unter der Überschrift „antifeministische Briefe aus Berlin“. Vieles an ihrer damaligen Auseinandersetzung mit einem Feminismus à la Emma und Alice Schwarzer wird heute von anderen Feministinnen ähnlich gesehen. Aber damals wurde sie im deutschen Feminismus zur unerwünschten Person erklärt. Katharina Rutschky war ganz sicher keine Antifeministin, sondern eine engagierte Autorin, der die Freiheit der Frauen am Herzen lag. Was natürlich nicht heißt, dass alles richtig war, was sie sagte, aber es wäre definitiv bedenkenswert gewesen. Das Etikett „Antifeministin“, auf Frauen angewandt, birgt immer, schon rein logisch, die Gefahr, unkonventionelle und originelle Denkerinnen auszuschließen und einen innerfeministischen Konformismus zu befördern. Und Konformismus ist das schlimmste Gift für die Freiheit der Frauen. Ein viel schlimmeres Gift als es jeder Antifeminismus sein könnte.

Soweit also meine 50 Cent zu dem allen.

Kino, Essenzialismus, Altwerden, Tod: noch ein Podcast

Und weil es so schön war, haben Eva, Benni und ich diese Woche gleich nochmal gepodcastet – voilà Episode 28!

Wenn Ihr nicht die ganzen zweieinhalb Stunden hören wollt, empfehlen wir, mit dem letzten Thema anzufangen, nämlich Tod und Sterben und die Frage, ob es sinnvoll und oder (nicht) realistisch ist, den Tod überwinden zu wollen. Und über den (nicht vorhandenen?) Sinn des Leidens – das war unserer Ansicht nach der spannendste Teil des Gesprächs. Beginnt ab ca 1:43.

Ansonsten sprachen wir über

* die aktuellen Filme Valerian und Wonderwoman und (die Krise von) Blockbustern generell (0:2:25)

* den laut Eva doch vorhandenen Essenzialismus in Antjes Differenzfeminismus, zum soundsovielten Mal und wieder ohne Einigung (0:29:05) (Anlass war dieser Text)

* Alter und Altwerden (1:15:30)

Viel Spaß beim zuhören!