Zum 80. Geburtstag von Alice Schwarzer

Nachdem es jetzt rum ist, auch noch meine 3 Cent zu Alice Schwarzer. Die Erzählung ging ja hauptsächlich darum, ob man ihr dankbar sein soll oder nicht. Die einen sagen aus bekannten Gründen Ja, die anderen aus ebenso bekannten Gründen nein. Oder, als Kompromiss: Was sie früher gemacht hat, war gut, dann wurde es schlecht. Oder, wenn man eine Kontinuität sucht: Sie war eine persönlich schwierige Frau, man konnte schwer mit ihr zusammenarbeiten. Ich würde es ja besser gefunden haben, wenn man sich inhaltlich mit ihren Positionen auseinandergesetzt hätte. Denn die Frage ist doch nicht, ob man ihr dankbar ist oder nicht, sondern ob – wo und wo nicht – man mit ihr übereinstimmt. Für mich kann ich sagen, dass ich als junge Frau am Anfang meiner feministischen Politisierung (mit Anfang 20, also Mitte der 1980er) von Alice Schwarzer gelernt habe, die krasse patriarchale Struktur unserer Kultur zu sehen. Das Ausmaß zu erkennen, in dem die Welt männlich dominiert ist,

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Guckt doch mal bei Mastodon.

Seit Elon Twitter übernommen hat, ist auf Mastodon seit einigen Tagen übrigens richtig was los. Also falls Ihr das mal ausprobieren wollt, ist jetzt ein ganz guter Zeitpunkt. Es ist vom Charakter her momentan allerdings eher eine Alternative zu Twitter als zu Facebook. Interessant daran find ich vor allem das Modell, das dahinter steht, denn es ist eine Plattform, die dezentral organisiert ist, d.h. sie ist kein Geschäftsmodell, das nach Wirtschaftlichkeit schaut, aber es gibt eben auch keinen obersten Chef, der entscheidet, wie die Regeln sind. Das betrifft vor allem die Frage, welche Grenzen des Dialogs gelten. Also wer wird geblockt und wer nicht. Das Prinzip funktioniert über so genannte „Instanzen“, die das jeweils für sich entscheiden. Zum Beispiel: Es gab eine Nazi-Instanz, die auch sehr schnell sehr viele Mitglieder hatte, aber da die meisten anderen Instanzen sich mit ihr nicht „föderierten“ hatte sie keine destruktiven Auswirkungen auf die anderen. Also es ist vor allem für Leute interessant, die Social

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Gestohlene Autoritäten: Gott und Wissenschaft

Heute kamen mir zwei Stellungnahmen in die Timeline, die für mich interessante Beispiele sind für eine Diskursweise, bei der Mächtige (oder vermeintlich Mächtige) versuchen, politische Debatten zu unterbinden unter Verweis auf eine höhere Autorität, mit der sie ihre eigene Macht legitimieren und verteidigen. Und zwar: Ein Bericht über die Absage von Kardinal Gerhard Ludwig Müller an den Synodalen Weg, mit dem deutsche Katholik*innen derzeit mögliche Reformen ihrer Kirche ausloten, und ein Aufruf von Linguistiker*innen gegen das „Gendern“ (womit sie inklusive Sprachweisen jenseits des generischen Maskulinums meinen). Beide Stellungnahmen vertreten eine bestimmte inhaltliche Position im Rahmen einer politischen Debatte – der Kardinal möchte keine Demokratisierung der katholischen Kirchenstrukturen, die Sprachwissenschaftler*innen wollen das generische Maskulinum als Personenbezeichnung beibehalten und wenden sich gegen die Verbreitung neuerer Sprechweisen. Beides sind legitime Positionen, die man in einer pluralen Gesellschaft vertreten kann. Allerdings positionieren sich beide gerade nicht als Teilnehmer in einer pluralistischen demokratischen Debatte mit unterschiedlichen Sichtweisen, sondern als einzige legitime Vertreter der EINEN WAHRHEIT,

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Eizellenspende, Hannah Arendt, Božena Němcová: Neue Buchtipps

In den letzten Wochen sind wieder einige Buchtipps in meinem youtube-Kanal „Antje las ein Buch“ erschienen. Zuerst las ich Laura Perler: Selektioniertes Leben. Die Autorin hat Feldforschung in spanischen Reproduktionskliniken betrieben und gibt daher sehr authentische Einblicke in die Praxis der Eizellenspende. Ihr Fokus liegt auf den Perspektiven der Eizellgeberinnen, aber auch die Ärzt*innen und die Leute mit Kinderwunsch sind im Blick. Das Buch las ich, weil ich bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin ein Podium Pro und Contra Eizellenspende moderiert habe, das dankenswerterweise auf Youtube steht. Es war die Finissage einer Ausstellung über die Arbeit von Laura Perler, die an dem Abend auch da war und am Ende (vom Publikum aus) auch mitdiskutiert hat, schaut rein! Das zweite Buch war Juliane Rebentisch: Der Streit um Pluralität, eine wie ich finde sehr großartige Auseinandersetzung mit dem Pluralitätsverständnis von Hannah Arendt, die Frage, was für heutige Identitätsdebatten daraus zu lernen ist und wo Arendts Konzept aber auch an seine Grenzen kommt. Bisher

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Sein und Sollen

Also ich verfolge seit Wochen diese Debatten um das biologische Geschlecht und ich verstehe die Erregung nicht, weder von der einen noch von der anderen Seite. Es ist einer der allerältesten Hüte menschlicher Kultur, dass aus dem Sein kein Sollen folgt. Das heißt, ganz egal, was sich über biologisches Geschlecht sagen oder nicht sagen lässt, es hat absolut NULL Bedeutung für die Frage, welche sozialen Geschlechterkonzeptionen wir gesellschaftlich haben wollen oder nicht. Das ganze Gerede geht komplett am Thema vorbei. PS: Weil es Missverständnisse gab: Also ich verstehe natürlich die Erregung darüber, dass Leute trans Personen die Anerkennung verweigern. Aber ich verstehe nicht die Erregung darüber, dass Leute sagen, es gäbe zwei biologische Geschlechter. Sollen sie doch, so what? PPS: Wenn jemand sagt: „Kaffee sollte verboten werden, weil Esel fünf Beine haben“, dann fang ich doch nicht ernsthaft an, darüber zu streiten, wie viele Beine Esel haben. Siehe hier die Debatte auf Facebook zu diesem Post