Zehn Fragen und Antworten über Frauen und Politik

Gestern abend war ich in Eisenberg in der Pfalz zu einem Vortrag über meine zehn Thesen zum Frauenwahlrecht. Im Vorfeld hatte mich die Journalistin Anja Benndorf für die Lokalzeitung Rheinpfalz zu dem Thema interviewt. Der Artikel erschien dort etwas gekürzt, hier poste ich mal meine Original-Antworten – vielleicht findet es ja jemand interessant.

Mit welcher anderen großen Errungenschaft würden Sie die Einführung des Frauenwahlrechtes in der Wertigkeit gleichsetzen und warum?

Die Einführung des Frauenwahlrechts ist mindestens so bedeutend wie die Einführung der Demokratie schlechthin. Meiner Meinung nach sogar noch wichtiger, weil eine Demokratie, in der nur Männer politisch mitbestimmen sollten, ja eigentlich gar keine ist. Erst mit dem Frauenwahlrecht ist das allgemeine Wahlrecht überhaupt eingeführt worden. Für das konkrete Alltagsleben von Frauen waren jedoch die gesetzliche Möglichkeiten, sich scheiden zu lassen, und im Fall einer Scheidung auch die Kinder behalten zu können. vermutlich wichtiger als das Wahlrecht, ebenso die Zulassung zu ehemaligen „Männerberufen“ und Universitäten.

Was sagen Sie Frauen, die dieses Recht nicht wahrnehmen und bei Wahlen keine Stimme abgeben?

Gar nichts. Nicht zu wählen ist eine legitime demokratische Möglichkeit. Es ist ja etwas völlig anderes, ob ich mich aus welchen Gründen auch immer entscheide, nicht zur Wahl zu gehen, oder ob ich es gar nicht darf. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Frauen sind durch das Wahlrecht zu gar nichts verpflichtet, es ist ja ein Recht, das ihnen zusteht, und keine Gnade, für die sie irgendwie dankbar sein müssten.

Damals durfte frau ab 20 Jahren an die Urne. Wären Sie dafür, das Wahlrecht ab 16 einzuführen? 

Wo genau man die Grenze zieht, ist letztlich immer eine willkürliche Angelegenheit. Ich persönlich habe da keine Leidenschaft, denke aber, mit 18 Jahren zu wählen ist früh genug.

In politischen Ämtern sind die Männer nach wie vor in der Überzahl. Liegt das an den Frauen selbst, an den Männern oder allgemein an den Bedingungen, die es ihnen kaum möglich machen, in die Politik einzusteigen? Was wäre hier zu tun?

Meiner Meinung nach liegt das daran, dass diesen Gremien und Verfahrensweisen von Männern für Männer entwickelt wurden und Frauen nur nachträglich auch zugelassen wurden, ohne sie nach ihren Ideen und Wünschen zu fragen. Das führt sowohl dazu, dass Frauen schlechtere Chancen haben, gewählt zu werden, als auch dazu, dass ihnen die Arbeit dort weniger Spaß macht und sie sich deshalb seltener zur Wahl stellen oder rascher wieder zurückziehen. Es wäre eigentlich notwendig, in einem neuen Prozess aus Männern und Frauen gemeinsam herauzusfinden, wie „Demokratie“ organisiert werden soll.

Halten Sie in dem Zusammenhang eine Frauenquote für sinnvoll? Oder sollte nicht in erster Linie die Kompetenz eine Rolle spielen? Ist so eine Quote in der Wirtschaft anders zu beurteilen?

Die Gegenüberstellung von „Kompetenz“ versus „Quote“ ist falsch, weil ohne Quote ja systematisch weniger kompetent Männer bevorzugt werden, allein weil sie Männer sind und besser zum „System“ passen. Eine Quote würde also meiner Ansicht nach eher mehr als weniger Kompetenz in die Parlamente bringen. Trotzdem glaube ich nicht, dass dadurch das grundsätzliche Problem gelöst würde, weil eine Quote dazu tendiert, diejenigen Frauen in Ämter zu bringen, die am wenigsten verändern wollen. Manchmal fordere ich deshalb halb im Scherz eine „Feministinnenquote“. Wir brauchen Instrumente, die unkonventionelle Frauen, die Dinge grundsätzlich hinterfragen, nach vorne zu bringen, und das schafft die Quote nicht – weder in der Politik noch in der Wirtschaft. Im Übrigen ist das Verhältnis in der Politik gar nicht so schlecht, wie Sie sagen. In den Bundestagsfraktionen von Linken und Grünen etwa sind Frauen in der Überzahl, bei der SPD bei über 40 Prozent. Dass der Frauenanteil im Bundestag wieder gesunken ist, liegt also ausschließlich an den rechten Parteien, also CDU, CSU, FDP und AfD. Generell ist die Situation auf Bundes- und Länderebene besser als auf kommunaler Ebene. Wir sollten also lieber gezielt überlegen: Warum klappt es mit der Beteiligung von Frauen manchmal und manchmal nicht?

Wie ist Ihr Eindruck: Sind Frauen in politischer Verantwortung härter, konsequenter, geradliniger als Männer?

Nein, ich glaube, es gibt gar keine wesentlichen Unterschiede. Ein Unterschied ist lediglich, dass Männer mehr Wert auf Status und öffentliche „Siege“ legen, aber nicht weil sie individuell anders sind als Frauen, sondern weil das in unserer Kultur mit Männlichkeit verknüpft ist. Ein Bürgermeister, der seinen Gegner niederringt, erhöht quasi seine „Männlichkeit“, eine Bürgermeisterin hingegen würde bei gleichem Verhalten ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen. Das ist eine sehr interessante Dynamik, die dazu führt, dass Frauen häufig besser moderieren und vermitteln können, ohne nach außen hin aufzutrumpfen. Was nicht heißt, dass sie ihre Anliegen nicht konsequent verfolgen. Angela Merkel macht das seit vielen Jahren bravourös.

Hat der Trend, bei jeder Gelegenheit beide Geschlechter zu nennen (zum Beispiel: „die Schüler und Schülerinnen“, „die Mitarbeiter und die Mitarbeiterinnen“) etwas mit Gleichberechtigung zu tun oder ist das oberflächliches Getue, um davon abzulenken, dass Gleichberechtigung immer noch nicht komplett verwirklicht ist?

Sprache prägt sehr, was wir uns vorstellen können. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die zeigen, dass die Menschen sich beim generischen Maskulinum, also wenn gemischte Personengruppen mit männlichen Begriffen bezeichnet werden, auch Männer vorstellen und keine Frauen. Wenn wir konsequent weibliche Formen mit benutzen, dann formt sich in unseren Köpfen ein anderes Bild. Ich könnte mir vorstellen, dass das ein Faktor ist, warum manche Parteien deutlich weniger Probleme haben, Frauen zur Mitarbeit zu gewinnen, als andere – natürlich nicht der einzige.

Warum ist es Ihrer Meinung nach bislang nicht gelungen, Frauen und Männer für die gleiche Arbeit gleich zu entlohnen?

Weil Geld in unserer Kultur ebenfalls mit Männlichkeit verknüpft ist. Von Frauen wird viel mehr als von Männern erwartet, dass sie nicht „geldgierig“ sind, dass sie unbezahlt arbeiten zum Beispiel. Deshalb wird Frauen von vornherein weniger Geld angeboten als Männer, und wenn sie harte Gehaltsverhandlungen führen, gelten sie als unsympathischer als Männer, die das gleiche tun. Aber auch hier gilt, was ich oben zur Politik sagte: Es ist nicht überall gleich schlecht. Der durchschnittliche Gender Pay Gap sagt wenig aus, denn in manchen Bereichen ist er sehr groß – etwa im oberen Management – in anderen Bereichen hingegen nicht, etwa im öffentlichen Dienst oder auch in manchen Start Ups. Auch hier wäre es besser, nicht nur allgemein zu bleiben, sondern sich genau anzuschauen, was warum funktioniert und was warum nicht.

Was wären andere wichtige Baustellen, um endlich die seit mehr als 200 Jahren geforderte Gleichberechtigung Wirklichkeit werden zu lassen?

Das Wichtigste wäre meiner Meinung nach, uns vom Modell „Gleichstellung“ zu verabschieden. Es geht nicht darum, Frauen mit den Männern gleichzustellen, denn dann behalten wir weiterhin die männliche Norm, nur dass Frauen jetzt „auch“ alles dürfen. Eine Welt, die nur aus Männern besteht, wäre aber nicht schön. Was wir brauchen sind neue Formen – von Politik, von Wirtschaft, von Kultur, von Bildung – die von Frauen und Männern gemeinsam entwickelt werden, in die die Wünsche und Ideen aller eingeflossen sind.

Bei welchen Gelegenheiten merken Sie persönlich als Frau, dass Frauen in Deutschland noch nicht voll gleichberechtigt sind?

Daran, dass noch immer viele Männer sich nicht mit den Ideen und Vorstellungen von Frauen auseinandersetzen. Dass sie noch immer glauben, die „Frauenfrage“ wäre irgendwie etwas Nebensächliches, das sie nicht betrifft. In diesem Jahr habe ich zum Beispiel an viele Veranstaltungen aus Anlass von 100 Jahren Frauenwahlrecht teilgenommen. Männer sind da fast nie welche gewesen.

Debatten vorm Facebook-Grab gerettet, Teil 7

Lindt wirbt mit Geschlechterklischees – Das ist soweit nichts Neues, aber das eigentlich Interessante an der Geschichte ist der Gedankengang dahinter: „Sara Thallner, verantwortlich für die Kommunikation von Lindt, erklärt gegenüber ze.tt, dass die Auswahl „geschlechtsstereotypisch unglücklich“ gewesen sei. Sie sagt, dass der Schokoladenhersteller die Verantwortung für die T-Shirt-Designs nicht abschieben wolle. Das Konzept stamme natürlich von ihnen, sei aber keinesfalls bewusst diskriminierend oder sexistisch gemeint. Dass die neuen Kinder-T-Shirts als geschlechtsstereotyp ausgelegt werden könnten, versteht Thallner. „Dies ist allerdings in keinster Weise sexistisch motiviert, denn Lindt & Sprüngli möchte unter keinen Umständen diskriminierende Botschaften auf den Fanartikeln verbreiten. Die Bezeichnung Mädchen oder Junge dient beim jeweiligen T-Shirt, um die unterschiedlichen Schnitte beziehungsweise Passformen kenntlich zu machen.“ (Link zum Artikel) – Ich versuche noch, diese Galaxien zu erforschen. Seid Ihr immer noch der Meinung, das Wort „dumm“ sollte nicht gebraucht werden, um eine bestimmte Art von – ja was – Gedankenlosigkeit? Scheißegalität? Krasse Verantwortungslosigkeit? zu beschreiben? Ich finde diese Art von Leuten schwieriger zu beurteilen als überzeugte Antifeministen. Etwas in mir neigt dazu, sie schlimmer zu finden, auf gewisse Weise.

Campino hält eine Rede bei der Echo-Verleihung – und daraus entsteht ein Facebook-Meme mit dem Zitat, dass „für ihn persönlich“ eine Grenze bei Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit etc. erreicht ssei. Was soll das heißen? Doch nur, dass man das auch gerne anders sehen kann. Verstehe nicht, was an diesem individualisieren Campino-Statement so toll sein soll. Poste das auf Facebook und eine große Debatte beginnt in den Kommentaren.

Und hier noch zwei Ältere, die mir durchgerutscht waren: 

Apropos Erben: Andere streiten darüber, ob man die Erbschaftssteuer erhöhen oder senken soll. Ich schließe mich stattdessen in diesem Postcast einer alten Forderung der europäischen Arbeiterbewegung an und fordere die gänzliche Abschaffung des Erbrechts! Erben gehört verboten! Leider haben die Marxisten diese so praktische und einfache und unmittelbar einleuchtende Idee kaputt gemacht und stattdessen dieses Geschwurbel mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln angefangen. Ihr Argument damals (1870): Die Abschaffung des Erbrechts würde ja erst Wirkung zeigen, wenn die reichen Leute sterben, so lange wolle man nicht warten (Echt jetzt, hab ich nicht erfunden).

Apropos Heimat: Ich finde, den Begriff „Heimat“ zu benutzen, ist nicht per se etwas Schlimmes. Zu meinen, Heimat sei nicht wichtig oder zwangsläufig ein reaktionäres Konzept, ist falsch. Ich glaube, es ist auch ein Wahrnehmungsfehler von Menschen, die das Privileg haben, in ihren Heimatsgefühlen normalerweise nicht irritiert zu werden, also z.B. ohne Migrationserfahrung. Was andere als „Heimat“ bezeichnen (womit sie Differenzbewusstsein zeigen) halten diese Heimatverächter_innen einfach für normal. So ähnlich wie Leute, die meinen, Geflüchtete brauchten kein Handy, weil sie selber ja auch keins brauchen.

„Das Hauptproblem besteht natürlich darin, dass erfolgreiche Revolutionen so selten sind“

revolutionsbuecher

Gelesen: Den kürzlich erst veröffentlichten Text „Die Freiheit, frei zu sein“ von Hannah Arendt, der wohl um 1966 oder 1967 entstand. Sie schreibt darin über Revolutionen und die Frage, was und wer sie warum macht. Dabei wählt sie auffällig oft – eigentlich dauernd – die Formulierung: „Die Männer der Revolution“.

Die Französische Revolution, schreibt Arendt, scheiterte, weil die „Männer der Revolution“ mit der Idee von der Gleichheit aller Menschen sehr viel mehr eingeläutet hatten als nur, wie sie dachten, einen Wandel der Regierungsform. Die Frauen mit ihrem Marsch auf Versaille (le peuple) hätten vielmehr sichtbar gemacht, dass Freiheit nur möglich ist, wenn Menschen auch die Freiheit haben, frei zu sein. Oders anders: Es reicht nicht, keine Furcht (vor denen da oben) zu haben, man braucht auch was zum Essen. Damit hoben die Frauen, le peuple, die Idee der Revolution auf ein neues Level: auf das der sozialen Verhältnisse.

Die Französische Revolution ist an der Größe dieser Aufgabe gescheitert, aber die Idee war in der Welt. Deshalb, schreibt Arendt, wurde die Französische Revolution trotz ihres Scheiterns zur Blaupause für weitere Revolutionen. Die Amerikanische Revolution hingegen blieb eine lokale Angelegenheit, obwohl sie erfolgreich war und in einer stabilen Demokratie mündete. Aber sie stellte die soziale Frage nicht.

Warum nicht? Arendts Antwort ist interessant: Während die revolutionäre „Gleichheit“ sich in Europa auf alle Menschen bezog, was die bittere Not der Armen zum demokratischen Skandal machte (der Ausschluss der Frauen aus dem Konzept setzte sich erst im Lauf des 19. Jahrhunderts durch), existierte in Amerika die Institution der Sklaverei. Der Bereich des Elends menschlicher Ausbeutung war also ausgelagert auf die Versklavten, die qua Rassismus nicht als Gleiche galten – weshalb ihr Elend dem gelingenden Abschluss der Revolution der (weißen) Männer nicht im Weg stand.

Ich finde das interessant angesichts der gegenwärtigen Debatten über die schwindende Autorität der „weißen Männer“ auf der Bühne des Politischen und der zunehmenden Autorität, die den Worten und der Präsenz von Frauen und Schwarzen und anderen Anderen zugesprochen wird (nicht von allen natürlich, nicht überall im Mainstream, aber doch von uns*). Es lohnt sich, Arendts Revolutionsanalyse vor diesem Hintergrund zu lesen.

Gescheitert ist bekanntlich auch die Russische Revolution. Bini Adamczak, deren anderes Revolutionsbuch ich hier schon empfohlen habe, denkt in ihrem Spin-Off „Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman“ darüber nach, wie sie hätte gelingen können. Das ist interessant zu lesen, kenntnisreich und überzeugend argumentiert. Aber man muss sich schon für die Russische Revolution interessieren, sonst ist es eher eine historische Erzählung. Ich jedenfalls dachte beim Lesen oft so: Hätte hätte Fahrradkette. Geschichte wiederholt sich ja nicht, und heute sind die Verhältnisse doch sehr anders.

Inwiefern man von vergangenen Revolutionen etwas lernen kann? Ein drittes Buch in dem Kontext habe ich gelesen: Eine kleine Biografie sowie Texte von Amparo Poch y Gascon, einer spanischen Ärztin, die eine von drei Gründerinnen der Mujeres Libres war, einer autonomen anarchistischen Frauenorganisation im spanischen Bürgerkrieg. Aber auch hier gelang es mir nicht wirklich, von einer generellen Inspiration und Bewunderung für weiblichen Mut und Entschlossenheit abgesehen etwas „ins Heute“ zu holen. Lesenswert ist das Buch natürlich, denn das Projekt, unsere Imagination der Vergangenheit mit der Erinnerung an Frauen und Aktivistinnen zu füllen, ist ja noch lange nicht abgeschlossen. Einer der dokumentierten Texte ist auch ein fieser Rant gegen den (bürgerlichen) Feminismus, falls euch das neugierig macht.

„Das Hauptproblem besteht natürlich darin, dass erfolgreiche Revolutionen so selten sind“, schreibt Arendt (S. 9). Ja genau. Von den gescheiterten kann man leider nur bedingt etwas lernen, weil Ursachen immer komplex und Umstände schlecht übertragbar sind. Und ohnehin sind Revolutionen keine punktuellen Ereignisse, sondern längerfristige Entwicklungen.

Hannah Arendt. Die Freiheit, frei zu sein. dtv 2018, 61 Seiten, Nachwort von Thomas Meyer, 8 Euro.

Bini Adamczak: Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom möglichen Gelingen der Russischen Revolution. Edition Assemblage 2017, 146 Seiten, 12,80 Euro.

Martin Baxmeyer: Amparo Poch y Gascón. Biographie und Erzählungen aus der spanischen Revolution. Verlag Graswurzelrevlution 2018, 152 Seiten,  13,90 Euro.

 

Frausein ist nicht binär oder: Wir sind hoffentlich alle Enbies!

In letzter Zeit lese oder höre ich öfter, dass Personen sich bezüglich ihrer Geschlechtsidentität als „jenseits der binären Geschlechterordnung“ (als „Nonbinär“ oder kürzer „Enbies“ für „NB“) bezeichnen.

Das ist natürlich eine prima Sache, der ich applaudiere. Aber was ich nicht akzeptiere ist, wenn der Eindruck erweckt wird, dass sie deshalb keine Frauen mehr wären. Ich meine: Es ist natürlich möglich, dass eine Person, die „nichtbinär“ ist, ein anderes Geschlecht hat als das weibliche, sie kann ja auch männlich oder eichhörnchen oder frostschnee sein oder auch nichts oder auch alles davon. Aber genauso gut ist es möglich, dass sie eine Frau ist.

Denn das eine – ob man binär ist oder nicht – hat mit dem anderen – ob man eine Frau ist oder nicht – nichts zu tun. 

Freies Frausein bewegt sich selbstverständlich außerhalb binärer Geschlechterkonstruktionen. Sogar weiter außerhalb als das allermeiste, was ich bisher von queerfeministischer Theorie gehört habe.

Viele Queerfeminist_innen vertreten zum Beispiel ein Bild von Geschlechterdifferenz, wonach Weiblich und Männlich die äußeren Enden eines Kontinuums bilden, in dessen Dazwischen es alle möglichen Abstufungen und Kombinationen gibt. Das ist aber ziemlich kurz gesprungen: Wenn es zwischen Schwarz und Weiß noch alle möglichen Grautöne gibt, dann ist das natürlich nicht so binär wie zwei klar definierte getrennte Kästchen und dazwischen nichts. Aber bei den Grautönen haben wir eben noch nichts Buntes: Das Weibliche kann nichts anderes sein als mehr oder weniger Männlich. Die Vorstellung von Geschlechtsidentitäten als Kontinuum mit Zwischentönen bewegt sich immer noch vollkommen innerhalb der binären Logik. (Darüber habe ich hier schonmal gebloggt).

Der Feminismus hingegen (jedenfalls ein großer Teil davon) beschäftigt sich mit dem freien Sinn der weiblichen Differenz. Also mit der Frage, welche Bedeutung Frausein hat und haben soll für uns, die Frauen, vollkommen unabhängig davon, was Mannsein ist oder nicht ist.

Aus der Binarität kommen wir nur raus, wenn Frausein nicht länger über das Mannsein definiert wird. Wenn wir verstehen, dass Frauen weder das Gegenteil, noch das Komplimentäre der Männer sind, und auch nicht deren Gleiche oder das andere Ende einer imaginären Kontinuums-Schnur.

Frauen sind Frauen, basta. Sie sind mit Männern (und anderen Geschlechtern) nur insofern verbunden, als sie alle derselben Spezies „Mensch“ angehören. Aber aus dem Mannsein lässt sich rein nichts über das Frausein ablesen. Wenn du etwas über Männer weißt, weißt du noch nichts über Frauen. Die Geschlechterdifferenz ist nicht binär. Es ist eine nicht-binäre Differenz, also eine Differenz, die sich nicht in der Logik von Hell versus Dunkel oder Kalt versus Warm bewegt, sondern eher so wie „Birnen versus Automotoren“. Es sind beides Dinge, aber man kann von Birnen nichts über Automotoren lernen und von Automotoren nichts über Birnen.

Nur in einer patriarchalen Logik wird das, was Frauen tun, „binarisiert“. In patriarchaler Ideologie wird weibliche Subjektivität nicht betrachtet (und dann applaudiert oder kritisiert oder was auch immer), sondern unweigerlich auf die Männer bezogen, und zum Beispiel gefragt, ob es anders oder genauso ist. Das ist aber komplett egal, denn:

Was Frauen tun, das ist nicht auf Männer bezogen, sondern auf die Welt.

Feministische Kämpfe bestehen unter anderem darin, Frauen in dieser ihrer eigenständigen Subjektivität wahrzunehmen. Genau das wird durch einen „binarisierten“ Blick auf weibliches Handen verhindert. Zum Beispiel wird auf wirklich jede einzelne Aussage über Frauen, die ich mache, geantwortet: „Aber die Männer machen es doch genauso“ oder „willst du damit sagen, Frauen wären anders als Männer“? Es ist einer Kultur mit patriarchal beschränktem Vorstellungsvermögen sehr schwer, nicht-binär über Weiblichkeit zu sprechen.

Aber genau das, eine nicht-binäre Weiblichkeit zu stärken, tut der Feminismus seit hunderten von Jahren. Denn es hängt unsere Freiheit, die Freiheit der Frauen, davon ab, ob das gelingt: Uns als eigenständige Subjekte zu denken, die NICHT automatisch auf Männer bezogen sind.

Und deshalb finde ich es ärgerlich, wenn manche Queerfeminist_innen „Nicht-Binarität“ mit „Nicht-Weiblichkeit“ gleichsetzen. Denn dadurch verstärken sie im Gegenzug eben die Verknüpfung von Weiblichkeit und Binarität und machen sich damit letztlich zu Kompliz_innen einer patriarchalen Ideologie. Sie stellen sich der Freiheit der Frauen in den Weg, indem sie Freisein dem Frausein entgegen stellen. Denn ohne „Nicht-Binarität“ kann es keine weibliche Freiheit geben.

Deshalb muss es immer wieder betont werden:

Frausein ist nicht binär. Binär ist das Frausein nur in einer patriarchalen Logik, gegen die freie Frauen seit langem ankämpfen und über die wir wir (manche, viele von uns) auch schon lange hinaus sind.

Sprache: Es geht nicht um das „Mitgemeintsein“ von Frauen

Ich versuche schon seit einiger Zeit, zu verstehen, wieso diese Kultur sich so vehement gegen eine Veränderung von Sprache, die Frauen sichtbar macht, wehrt. Wieso dieses Thema ihnen so wichtig ist, dass eine Sparkasse lieber einen kleinkarierten Rechtsstreit führt, als einfach ein paar Formulare zu verändern. Warum so vielen Leuten so viel daran liegt, auch amtlich gerichtlich bestätigt zu haben, dass NIEMAND SIE ZWINGEN KANN, WEIBLICHE FORMEN ZU VERWENDEN.

Ich bewundere Frauen wie Marlies Krämer, die sich die langen Märsche durch Institutionen antun, um was zu verändern, und sie bewirken damit ja auch wirklich was. Aber ich frage mich inzwischen, ob es wirklich darum geht, ob „Frauen mitgemeint“ sind. So haben feministische Kritikerinnen der „Männersprache“ ja lange und bis heute argumentiert: Das generische Maskulinum (also dass eine männliche Form verwendet wird für Menschen insgesamt, darunter auch Frauen) würde Frauen unsichtbar machen, Frauen fühlten sich eben nicht angesprochen und nicht gemeint.

Das ist zweifellos zutreffend und hat historische Gründe, vor allem natürlich den, dass bis zur Emanzipation Frauen eben tatsächlich auch nicht mitgemeint waren, wie Dorothee Markert kürzlich nochmal klargestellt hat. Aber wenn es nur das wäre, dass man sich dagegen sträubt, Frauen auch tatsächlich und explizit mitzumeinen, dann ließe sich diese völlig überzogene Abwehr gegen inklusive Sprache nicht erklären, glaube ich. Denn anders als im 19. Jahrhundert WILL man Frauen heute ja mitmeinen. Die Sparkasse Sulzbach zum Beispiel hat ja sicher nichts gegen weibliche Kundinnen, umwirbt sie vielleicht sogar. Warum also dieser absurde Aufwand, nur um sie nicht auch mit einer weiblichen sprachlichen Form ansprechen zu müssen?

In einem langen und viel kommentierten FAZ-Artikel hat der pensionierte Linguistik-Professor Peter Eisenberg uns kürzlich nochmal herrklärt, „dass das grammatische Geschlecht mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun hat“. In seinem Text stieß ich auf einen Satz, der mich auf die Idee brachte, dass das Problem vielleicht ganz woanders liegen könnte als beim „Mitmeinen“ von Frauen. Eisenberg schreibt:

Schon seit Beginn der feministischen Linguistik in den achtziger Jahren hat man mit der Sexusneutralität der generischen Maskulina gehadert: „Lehrer“, „Denker“, „Dealer“ seien keineswegs geschlechtsneutral, vielmehr dienten sie der Bezeichnung von Personen männlichen Geschlechts. Das Maskulinum wurde regelrecht sexualisiert.

Das ist es: Was Leute wie Eisenberg und Co. ärgert ist nicht die Sichtbarmachung des Weiblichen, sondern die Sichtbarmachung des Männlichen als Sexus.

Das Problem am generischen Maskulinum ist nämlich in der Tat nicht, dass es Frauen nicht sichtbar machen und nicht benennen würde. Denn tatsächlich ist es nach diesem herkömmlichen Sprachverständnis ja möglich, Frauen sichtbar zu machen und zu benennen: Man muss an die Wörter nur ein „-in“ dranhängen. Was hingegen bei Verwendung eines generischen Maskulinums NICHT möglich ist, das ist die Sichtbarmachung von Männern als spezifische Gruppe. Weil Bezeichnungen für Männer einfach identisch sind mit Bezeichnungen für Menschen.

Mit dem Feminismus ist aber genau dieses sprachliche Bedürfnis in die Welt gekommen. Wir bestreiten den Anspruch von Männern und Männlichkeit, das Allgemeine zu respräsentieren, und uns den Status des Partikularen zuzuweisen. Männer sind nur ein Teil der Menschheit, und zwar ein spezifischer Teil, der nicht den Anspruch erheben kann, für uns zu sprechen.

Das ist aber eine Erkenntnis, die viele Männer überhaupt nicht hören wollen, und die sie zuweilen auch gar nicht verstehen. Ich glaube tatsächlich, dass ihnen, gerade aufgrund der Struktur unserer Sprache, hierfür die Übung fehlt. Während Frauen aufgrund des generischen Maskulinums von klein auf üben (müssen), zu unterscheiden, ob sie gemeint sind oder nicht, werden Männer daran gewöhnt, dass sie immer gemeint sind, dass es prinzipiell immer um sie geht, es sei denn, es ist ausdrücklich von Frauen die Rede. Das sind dann diese „Frauenthemen“, die sie nichts angehen und nicht betreffen.

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Nationalhymne, wo der Vorschlag im Raum steht, das Wort „brüderlich“ zu ersetzen, habe ich irgendwo einen Kommentar gelesen, den ich leider nicht mehr finde, wo jemand sogar bestritt, dass das Wort „brüderlich“ männlich sei, mit dem Argument, Frauen könnten ja auch „brüderlich“ miteinander umgehen. Ich glaube, das ist nicht mal böse gemeint, sondern ein wirklich lange kulturell eingeübtes Männlichkeitsverständnis: der Universalismus ist da quasi schon im Konzept mit eingebaut, etwas anderes ist undenkbar.

Genau das wird aber mit dem Verweis auf die „Maskulinität“ des generischen Maskuliniums offengelegt. Und eben diese Offenlegung, diese „Sexualisierung des Maskulinums“, um mit Eisenberg zu sprechen, muss um jeden Preis verhindert werden, weil sie eben genau nicht „Sprachkosmetik“ ist, sondern an die Grundpfeiler unserer Kultur geht.

An diese Grundpfeiler will der Feminismus aber ran, und um das besprechen zu können, brauchen wir eben zwei unterschiedliche Wörter: Eins für Menschen, und eins für Männer. Und diese zwei unterschiedlichen Wörter gibt eine Sprache, die generisches Maskulinum verwendet, einfach nicht her.

Ich glaube, von Luise Pusch, die ja Pionierin in diesen Dingen ist, stammt bereits der  Vorschlag, neben der weiblichen Endung „-in“ zusätzlich eine männliche Endung, zum Beispiel „-ich“ einzuführen und die neutrale Variante konsequenterweise zum Neutrum zu machen: Das Lehrer, die Lehrerin, der Lehrerich.

Der Charme dabei wäre, dass die Diskussionen dann tatsächlich einmal sich um Männlichkeit drehen würden, die nämlich das eigentliche Problem darstellt (nicht nur bei diesem Thema, sondern meistens), anstatt dass immer über Weiblichkeit diskutiert wird, die ja sprachlich gesehen überhaupt nicht problematisch ist.

Es würde auch das Unbehagen aufgreifen, das ja auch viele Frauen schon immer gegen die „geschlechtergerechte“ Sprache haben, weil es ja tatsächlich stimmt, dass auf diese Weise beim Sprechen ständig Geschlechtlichkeit adressiert wird, auch dann, wenn sie im Kontext des Gesagten überhaupt keine Rolle spielt.