Ciswissenschaft und Transpolitik

Diese Woche war ich bei einem Kongress über Transsexualität und hörte zwei Professoren, die (in Bezug auf Beheimatung im bestehenden System) so dermaßen Cis waren, dass es fast schon einer Karikatur ähnelt.

Kurzfassung: Die Wissenschaft hat nun festgestellt, dass Transsexualität normal ist. Normal nicht etwa deshalb, weil wir in politischen Auseinandersetzungen eine Kultur hervorgebracht hätten, die sich von den Zumutungen traditioneller Geschlechterkonzepte befreit hat. Nein, normal, weil Transsexualität nun (offenbar) die höchstmöglichen Weihen erhalten hat, die die bestehende symbolische Ordnung zu vergeben hat: Ihre Entstehung ist naturwissenschaftlich herzuleiten, man kann also experimentell-biologisch beweisen, dass es sie gibt. Die Betroffenen „bilden sich das nicht nur ein“. Tadaa!

Der erste Professor begann bei den Genen und dem Testosteron, das der Körper bei xy-Menschen im Embryonenstadium ausschüttet und bei xx-Menschen nicht. Dieses Testosteron bewirke eine Maskulinisierung des Embryos, allerdings auf komplexen Wegen und in unterschiedlichen Abschnitten, sodass es durchaus vorkomme, dass zwar der Körper maskulinisiert sei, nicht jedoch das Gehirn. Voilà Transsexualität.

Als xx-Mensch und Feministin bin ich darauf trainiert, jedes Sich-Zur-Normsetzen von xy-Menschen rigoros aufzudecken. Also fragte ich den Professor, wie denn seine Theorie die Existenz von Transmännern erkläre, da bei ihnen doch – als xx-Personen – im Embryonalstadium kein Testosteron ausgeschüttet worden sei, folglich auch ihr Gehirn, jedenfalls auf dem von ihm beschriebenen Wege, nicht maskulinisiert worden sein könne. Er nicht_antwortete mit dem Hinweis, das sei eben alles sehr komplex. Bullshit. Vielleicht war ihm auch diese kleine Lücke in seiner Theorie bisher noch gar nicht aufgefallen; es kommt ja häufiger vor, dass xy-Männer nur über sich selber und ihresgleichen nachdenken.

Jedenfalls: Die Theorie dieses Professors liefert eine Erklärung höchstens für Transweiblichkeit, nicht aber für Transmännlichkeit. Was ich nun wiederum ganz interessant finde: Sind eventuell Transweiblichkeit und Transmännlichkeit zwei völlig unterschiedliche Phänomene mit unterschiedlichen Ursachen? Für mich als feministische Cisfrau klingt das plausibel. Denn ich erlebe das „Trans“ in beiden Fällen sehr unterschiedlich: In Transfrauen erkenne ich im Allgemeinen „normale“ Frauen (soweit es in Bezug auf Frausein überhaupt sinnvoll ist, von Normalität zu reden). In Transmännern hingegen sehe ich nicht „normale Männer“. Sondern die von ihnen überschrittene Grenze, auf die sich das „Trans“ bezieht, ist eben genau nicht die hin zu den üblichen Männlichkeiten, sondern die hin zu einer anderen Art von Männlichkeit. Auf einer bestimmten Ebene sehe ich deshalb Transmänner, im Unterschied zu Cis-Männern, als „meinesgleichen“. Weshalb mir auch einleuchtet, dass in queerfeministischen Kontexten die Geschlechtergrenze nicht zwischen Frauen und Männern gezogen wird, sondern zwischen „Frauen*Lesben*Trans“ und „Cis-Typen“.

(PS: Analog finde ich übrigens auch, dass Schwulsein und Lesbischsein zwei unterschiedliche Angelegenheiten sind und nicht bloß die männliche oder weibliche Variante von „Homosexualität“).

Aber zurück zum Kongress. Der zweite Professor erläuterte die Unterschiede zwischen Männergehirnen und Frauengehirnen, die bekanntlich dazu führen, dass Frauen harmoniedüdelig und Männer aggressiv sind, und – oh Wunder – die Gehirne von Transfrauen sehen aus wie die von xx-Menschen und die von Transmännern wie die von xy-Menschen. Nun jaaaa. Der Professor wusste offenbar selber, auf welch dünnem Eis er hier wandelte und betonte immer wieder (ohne sich allerdings ein paar Seitenhiebe auf den Feminismus, der die biologischen Grenzen des Geschlechts bekanntlich einfach ignorieren will, verkneifen zu können), dass diese Unterschiede zwischen Männer- und Frauengehirnen letztlich nur winzig klein seien. Andererseits war seine These ja, dass sie das Phänomen der Transsexualität erklären sollen, also können sie so klein dann ja auch wieder nicht sein. Männliche Logik? (scnr).

Ich sehe ja irgendwie ein, dass solche „Adelungsprozesse“ von Seiten des Mainstreams durchaus ambivalent zu sehen sind. Wenn die Wissenschaft plötzlich ganz normal findet, was sie bis gestern noch, mit gleicher Verve, vollkommen unnormal fand, könnte dieses Umdenken konkrete Verbesserungen bei Gesetzen etc. möglich machen. Aber der Jubel sollte doch, finde ich zumindest, nicht allzu ungebrochen sein.

9783837921700In der Pause traf ich zufällig eine Bekannte, und wir lästerten nicht nur ein bisschen über diese merkwürdige Vorstellung der Männer, sie könnten Phänomene verstehen, indem sie die Ursachen davon aufdecken, sondern sie überredete mich auch, das autobiografische Buch „Die transzendierte Frau“ von Jean Lessenich zu kaufen. Weil ich mich darin prompt während der folgenden zwei Vorträge festlas, kann ich nicht sagen, ob der Kongress ebenso merkwürdig weiter ging.

Aber ich empfehle euch das Buch wärmstens (Psychosozial-Verlag, Gießen 2012). Die Autorin erforscht nicht die Ursachen von Transsexualität, um diese dann in den Griff zu bekommen, sondern erzählt von einem komplexen Phänomen, wobei sie genau nach jener Art und Weise vorgeht, die feministische Erkenntnis ausmacht: Von sich selbst ausgehend die Welt verstehen und den Ereignissen eine freie, eigene Bedeutung geben, die Sinn vermittelt. Nebenbei ist das Buch auch historisch sehr interessant, ein Stückchen deutsche Kulturgeschichte seit den 50er Jahren. Frankfurt kommt auch drin vor.

PS: Und falls es doch eine auf Genetik gründende Erklärung für Transmännlichkeit gibt, würde mich die interessieren, diesbezügliche Hinweise gerne in die Kommentare, danke!

Über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie

Wenn über den Zusammenhang von Geschlecht und Biologie gesprochen wird, liegt der Fokus meist auf der Frage, was überhaupt „Geschlecht“ sei. Mir drängt sich seit einiger Zeit verstärkt die Frage auf, was überhaupt „Biologie“ in diesem Zusammenhang sein soll. Wovon ist eigentlich die Rede, wenn es um das „biologische Geschlecht“ geht?

Es sind ja drei unterschiedliche Aspekte des Körperlichen, die dabei eine Rolle spielen: die Gene, der Phänotyp (also das äußerliche Erscheinungsbild) und die mögliche Position in Bezug auf die Fortpflanzung, also ob jemand schwanger werden kann oder nicht.

Für die meisten historisch gewachsenen Kulturen der Geschlechterdifferenz ist dieser letzte Aspekt maßgeblich. Dass nicht alle Menschen schwanger werden können, macht es erforderlich, Verfahrensweisen zu entwickeln, wie mit dieser Ungleichheit konkret umgegangen wird: Wer für Menschen sorgt, die aufgrund von Schwangerschaften oder Geburten besondere Bedürfnisse haben, welche Rechte und Pflichten Gebärende gegenüber ihren Kindern haben, welche Rechte und Pflichten Nicht-Gebärende gegenüber Kindern oder Schwangeren haben. Das alles lässt sich auf eine Million unterschiedliche Weisen regeln, aber es kann kein „gleiches Recht für alle“ geben, weil die Körper der Menschen im Hinblick auf die Fortpflanzung eben nicht gleich sind (darüber bloggte ich schon). Praktisch alle kulturellen Geschlechternormen hängen letztlich mit dieser Differenz zusammen, auch wenn ihr Inhalt absurd sein mag oder sich im Lauf der Zeit symbolisch weit von ihrem ursprünglichen Anlass entfernt hat.

Wenn heute über das „biologische Geschlecht“ gesprochen wird (jedenfalls hierzulande), dann spielt aber das (nicht)Schwangerwerden-Können in der Regel kaum noch eine Rolle, stattdessen ist die Genetik zum maßgeblichen Faktor geworden. Die biologische Geschlechterdifferenz wird heute weitgehend auf Genetik reduziert, zum Beispiel als letztgültiges Kriterium bei Geschlechtstests von Sportler_innen. Ich halte die Genetik für einen großen Fetisch unserer Zeit. Man denkt sich dabei den menschlichen Organismus als eine Art Maschine, die nach einem bestimmten Bauplan (dem Genom) sich zwangsläufig entfaltet, also klare Abfolge von Ursache und Wirkung, von Bauplan und Ergebnis. Das klingt schön kontrollierbar („Wir haben das Genom entschlüsselt, das Geheimnis des Lebens geknackt!“). Faktisch ist es allerdings nicht so eindeutig, es gibt etwa nicht nur xx und xy-Menschen, sondern auch xxy. Und historisch spielte die Genetik bei der Entstehung kultureller Geschlechterkonstruktionen keine Rolle, es gibt sie ja erst seit dem 18./19. Jahrhundert. Bis heute ist den einzelnen Menschen schlicht unbekannt, welche Gene sie haben, man braucht medizinische Spezialtechnik, um etwas darüber zu erfahren.

Der im Alltagsleben in Bezug auf die Geschlechterdifferenz wichtigste Faktor ist der Phänotyp, also das äußere körperliche Erscheinungsbild. Menschen werden in der Regel aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes einem Geschlecht zugeordnet, und zwar sowohl bei der Geburt (Penis oder Vagina), als auch im Alltag (Brüste oder Bart). Ganz an den Haaren herbeigezogen ist das nicht, denn es lässt sich tatsächlich anhand des äußeren Erscheinungsbildes einer Person mit recht hoher Wahrscheinlichkeit ablesen, ob sie im Lauf ihres Lebens schwanger werden kann (konnte) oder nicht.

Trotzdem ist der Phänotyp natürlich ein sehr unzuverlässiges Indiz für Geschlecht. Zwischen „Menschen mit Vagina“ und „Menschen mit Penis“ gibt es alle möglichen Zwischenformen der Intersexualität, und auch andere Faktoren wie Größe, Behaarung, Muskelmasse, Brustumfang und dergleichen sind schwammig. Anders als beim (Nicht)-Schwangerwerden-Können gibt es phänotypisch kein Entweder-Oder, sondern sämtliche nur denkbaren Zwischenformen. Eine Verteilung von körperlichen Geschlechtsmarkern auf Männer und Frauen ist wenn überhaupt nur statistisch nachweisbar: Es gibt Korrelationen zwischen Körpergröße und Schwangerwerdenkönnen, aber weder sagen die etwas über den Einzelfall aus noch müssen sie biologische Ursachen haben. Menschen gestalten zudem ihre körperliche „Gender-Performance“ jederzeit aktiv: Sie trainieren sich Muskeln an oder ab, lassen sich die Haare so oder so wachsen, kleiden und bewegen sich auf eine bestimme Weise, lassen ihr Erscheinungsbild operativ verändern und so weiter. Der Phänotyp, also das sichtbare, körperbezogene Erscheinungsbild von Geschlecht, ist komplett von kulturellen Akten durchdrungen.

Das wiederum führt zu einem Paradoxon: Symbolische kulturelle Akte, die ursprünglich einmal den Sinn hatten, eine Differenz zwischen Menschen, die schwanger werden können, und solchen, die es nicht können, zu markieren (geschlechtsspezifische Kleidung, Arten, sich zu bewegen und so weiter) sind, eben weil es rein kulturelle Akte sind, genauso in der Lage, diese Differenz restlos aufzulösen: Auch Männer können Kinder austragen.

Der Phänotyp kommt jedenfalls, was die Verhandlung von Geschlechterdifferenzen betrifft, zunehmend schlecht weg; dem äußeren Anschein soll nicht mehr geglaubt werden. Von naturwissenschaftlicher Seite wird ihm gegenüber die Genetik bevorzugt: Dass eine Sportlerin wie eine Frau „aussieht“ (die Beschaffenheit ihres Körpers, ihre „Gender-Performance“) zählt nicht, wenn nicht die Medizintechnik ihr das Vorhandensein von XX-Genen bescheinigt. Und auch von feministisch-dekonstruktivistischer Seite wird die symbolische Kraft des Phänotyps bestritten: Man soll die Geschlechtszugehörigkeit einer Person nicht aufgrund ihre äußeren Erscheinung „lesen“, sondern sie um Selbstauskunft bitten (Er, Sie, Name?). Beide Sichtweisen stehen politisch auf entgegengesetzten Seiten, gemeinsam ist ihnen aber, dass sie eine innere, unsichtbare Instanz zur Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit aufrufen und diese dem „Offensichtlichen“ überordnen: Was das „wahre“ Geschlecht einer Person betrifft, so sollen wir nicht unseren Augen trauen, sondern tiefer nachforschen, das Augenscheinliche also hinterfragen.

Aber was ist eigentlich so schlimm daran, Geschlecht am Aussehen einer Person abzulesen? Ist das denn wirklich für sich genommen schon die Wurzel des Übels? Oder ist es nur ein Symptom? Ist die Ablehnung des Körpers als signifikantem Bestandteil von „Geschlecht“ nicht eine Untervariante der traditionellen Körperfeindlichkeit der männlichen Philosophietradition? Soll das Geschlecht wirklich nicht mehr sein als eine Kopfsache, sticht Geist hier Körper? Oder sollten wir nicht versuchen, den Dualismus von Körper und Geist auch an dieser Stelle zu überwinden? Etwa indem wir nicht mehr zwischen angeblich naturbelassenem und angeblich verändertem Körper unterscheiden, sondern die Lust an der körperlichen Inszenierung von Geschlecht feiern und fördern? Ruhig auch in mehr als zwei Varianten, aber eben nicht in unendlich vielen, weil unendliche Vielfalt letztlich eben doch wieder die eine Norm bedeutet? Das sind keine rhetorisch gemeinten Fragen, sondern welche, die ich wirklich gerne diskutieren würde. Denn interessanterweise wächst ja gleichzeitig der Trend, die Geschlechterdifferenz optisch zu vereindeutigen, etwa in Bezug auf Kinderkleidung. Vielleicht hängt doch beides zusammen: Je weniger plausibel der Zusammenhang  zwischen Geschlecht und körperlicher Erscheinung ist, umso drastischer wird versucht, diesen Zusammenhang zu verteidigen, leider aber kommt genau dabei nur Klischee heraus, nicht Kreativität.

Die Vorrangstellung der Genetik im Vergleich zum Phänotyp begegnet übrigens nicht nur auf Seiten biologistischer Geschlechterkonzepte, sondern auch auf Seiten derer, die kulturelle Stereotypen hinterfragen und kritisieren. In dem lesenswerten SciFi-Roman „The Best of All Possible Worlds“ von Karen Lord zum Beispiel gibt es eine Episode, bei der ein „Skandal“ in einer rassistischen Gesellschaft aufgedeckt wird. Der Skandal besteht darin, dass die Unterscheidung, nach der dort Menschen zur „höheren“ und zur „niederen“ Gruppe sortiert werden, nicht aufgrund von genetischen, sondern lediglich aufgrund von phänotypischen Varianten vorgenommen wird (was die Herrschenden unter den Teppich kehren wollen). Ich verstehe den Plot nicht: Wäre der Skandal denn weniger groß, wenn Menschen aufgrund ihrer Gene diskriminiert würden als wenn das aufgrund von phänotypischen Variationen geschieht?

Noch problematischer finde ich die Verdrängung des (nicht)-Schwangerwerden-Könnens aus der geschlechterpolitischen Debatte. Der Vorschlag, Geschlecht nicht mehr „binär“ (Frau/Mann), sondern fließend (unendlich viele Geschlechter) zu verstehen, der inzwischen in feministischen Diskursen relativ weit verbreitet ist, hat diesen Ausschluss ja geradezu als Vorbedingung, weil eben das (nicht)_Schwangerwerdenkönnen gar nichts Fließendes an sich hat, sondern faktisch binär ist: Entweder kann man schwanger werden oder nicht, da gibt es kein Mittelding, keinen Übergang, keine Operationsmöglichkeiten (jedenfalls noch nicht, ich habe gehört, es soll inzwischen mit der Transplantation von Gebärmüttern experimentiert werden). Bislang ist die Möglichkeit, schwanger zu werden und zu gebären, nicht verfügbar, nicht herstellbar, nicht einklagbar, kein Menschenrecht.

Wenn Geschlecht als „fließend mit unendlich vielen Variationen“ gedacht wird, muss deshalb die Frage der menschlichen Differenz in Bezug auf die Fortpflanzung hiervon restlos abgekoppelt werden. Das erklärt, warum männliche Schwangerschaften als geschlechterpolitische feministische Revolution gefeiert werden. Philosophisch gesehen mag das eine innere Logik haben und radikal erscheinen. Doch praktisch bringt es uns lediglich wieder zurück auf Los: Wenn Geschlecht und Biologie nichts mehr miteinander zu tun haben sollen, dann ist die Geschlechterdifferenz ja nutzlos, um die Unterschiede zwischen Menschen in Bezug auf die biologische Fortpflanzung zu thematisieren. Gleichzeitig bestehen diese Unterschiede aber weiterhin. Deshalb müssten wir andere Begriffe erfinden, um diesen Unterschied zu benennen, meinetwegen „Tralala“ für Menschen, die schwanger werden können, und „Trololo“ für Menschen, die es nicht können (ich bevorzuge an dieser Stelle Frauen* bzw. Männer* mit Sternchen).

Aktuelle politische Anlässe, die diese Unterscheidung bedeutsam machen, gibt es jedenfalls genug. Biopolitik und Reproduktionstechologien nehmen immer mehr Aufschwung, es geht dabei längst nicht mehr nur um die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Auch die gesetzlichen Regelungen von In-Vitro-Fertilisation betreffen ausschließlich Menschen, die schwanger werden können, denn für andere kommt eine IVF ja nicht in Frage. Und schließlich Leihmutterschaft, ein Riesen-Thema: Leihmütter werden von Menschen nachgefragt, die nicht schwanger werden und gebären können (oder wollen) und sich für diesen biologischen Vorgang den Körper einer anderen Person mieten möchten – eine Dienstleistung, die logischerweise nur eine Person anbieten kann, die schwanger werden kann. Dennoch wird es normal, diese Themen „geschlechtsneutral“ zu besprechen, und dabei wird es manchmal regelrecht absurd. In einem Interview sagt zum Beispiel Caroline Schnurr von der Universität Sankt Gallen zum Thema Leihmutterschaft:

Aus Sicht von Homosexuellen ist das eine logische Forderung: Wenn Fruchtbarkeitsbehandlungen finanziell unterstützt werden, warum dann nicht auch eine Leihmutterschaft? Argumentativ ist es schwer zu rechtfertigen, warum der Staat In-vitro-Fertilisation bezahlt, aber nicht Leihmutterschaft.

Hier wird nicht nur übersehen, dass weibliche Homosexuelle keineswegs auf Leihmutterschaft angewiesen sind, um genetisch eigene Kinder zu haben. Lesbische Paare haben sogar im Vergleich zu heterosexuellen Paaren eine doppelt so große Wahrscheinlichkeit, dass eine von ihnen schwanger werden und gebären kann. Auf die Idee, das Recht auf Leihmutterschaft (und deren Finanzierung) leite sich quasi zwangsläufig vom Recht auf In-vitro-Fertilisation ab, kann man nur kommen, wenn man die Frage, welche Person eigentlich schwanger ist und das Kind gebiert, als vollkommen unerheblich ansieht. Wenn es für völlig egal gilt, ob jemand Medizintechnik in Anspruch nimmt, um selbst schwanger zu werden, oder ob eine andere Person beauftragt werden soll, mit ihrem Körper Schwangerschaft und Geburt zu durchleben. Das ist aber die klassische patriarchale Vorstellung vom weiblichen Körper als „Gefäß“, das dazu dient, die Kinder anderer auszutragen – reine Materie, ohne Geist, ohne Relevanz.

Reproduktionstechnologie und Geschlechterdifferenzen sind jedenfalls eng miteinander verknüpft: Beim Thema Leihmutterschaft geht es um Menschen, die nicht schwanger werden können, also um Männer*, um schwule Paare oder um heterosexuelle Paare, bei denen die Frau* nicht schwanger werden oder nicht gesund gebären kann. Und beim Thema In-Vitro-Fertilisation geht es um Menschen, die sehr wohl schwanger werden können, also um Frauen*, um lesbische Paare, oder um heterosexuelle Paare, bei denen die Frau* schwanger werden kann.

Wir müssen meiner Ansicht nach Wege finden, beim Sprechen über diese Themen Biologie, Kultur und Geschlechterdifferenz in einen Austausch bringen, ohne dass die Biologie entweder determinierende Gewalt zugesprochen bekommt noch aber ignoriert und tabuisiert wird. Die Differenz, die in der möglichen Rolle einer Person bei der biologischen Reproduktion begründet liegt, ist nicht deckungsgleich mit Gender, aber sie ist auch nicht vollkommen davon unabhängig. Anders als Gender ist sie nicht fließend, sondern binär. Und gleichzeitig sind diese Themen aufs engste mit historisch gewachsenen Geschlechterkonstruktionen verknüpft: Abtreibungsverbote sind ein Merkmal patriarchaler Kulturen, in denen Männer in Bezug auf die Körper von Frauen mitbestimmen wollen. Der Zugang zu In-Vitro-Fertilisation ist eng mit heterosexistischen Familiennormen verknüpft. Das Thema Leihmutterschaft ist nicht zu trennen von den prekären Lebensbedingungen der Frauen, die ihren Körper an Personen „vermieten“, die selbst nicht schwanger werden können oder wollen – und damit auch nicht von den globalen Armutsgefällen, die ja ebenfalls alles andere sind als „geschlechtsneutral“.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Dass wir in einer Zeit leben, in der das „korrekte“ Sprechen über diese Fragen eigentlich unmöglich ist, finde ich keineswegs bedauerlich, ich halte es für ein produktives „postpatriarchales Durcheinander“. Es ist gut, dass Geschlechterzuordnungen durcheinander kommen. Ich bin nur dagegen, dass dabei die Biologie als irrelevant abgetan wird, bloß weil sie die Angelegenheit noch komplizierter macht. Es ist halt so kompliziert, wie es ist. Und die Geschlechterdifferenz körperlos und biologiefrei zu denken, ist sinnlos. Es ist nicht die Frage, ob Geschlecht und Körperlichkeit zusammenhängen. Sondern wie.

 

(Hier ein Kommentar zu dem Blogpost)

Männer und Frauen ergänzen sich nicht gegenseitig

Über die Geschlechterdifferenz denke ich ja schon ewig nach und über ihren Zusammenhang mit dem Schwangerwerdenkönnen seit einiger Zeit besonders. Kürzlich kam mir beim Lesen dieses Textes (pdf) von Muhammad Sameer Murtaza „Der Gender-Dschihad“ eine weitere Idee. Und zwar so:

Murtaza setzt sich ausführlich mit der koranischen (die biblische ist ähnlich) Beschreibung Gottes als „Barmherzigkeit“ auseinander. Das Wort hat dieselbe Wurzel wie „Gebärmutter“ und beschreibt also Gott auf eine gewisse Weise als mütterlich, umsorgend. Das Thema ist in der feministischen Theologie schon lange diskutiert worden: Es gibt in allen drei monotheistischen „Buchreligionen“ (Judentum, Christentum, Islam) sehr unterschiedliche Gottesbilder, und eines davon ist eben dieses. Murtazas argumentiert nun, dass Frauen deshalb für die Religion (in seinem Fall den Islam) sehr wichtig sind, weil sie diese Qualität Gottes verkörpern:

So lässt sich eine Analogie ziehen, also eine Ähnlichkeit bei noch größerer Unähnlichkeit, zwischen der göttlichen Barmherzigkeit und dem Schöpfungsakt auf der einen Seite und auf der anderen Seite zur Nächstenliebe und der Fähigkeit der Frau zu Gebären. Gerade in der Pflege der Leibesfrucht lernt die Frau auf eine besondere und tiefe Weise, ihre liebende Sorge über die Grenzen des eigenen Ichs auf eine andere Person auszustrecken und auf die Erhaltung und Unversehrtheit dieses fremden Menschen zu richten. Diese Liebe, diese Fürsorge, dieses Verantwortungsbewusstsein für ein anderes Wesen, vermag uns einen Hauch eines Verständnisses von der göttlichen raḥma zu schenken, das sich in der Gott-Mensch-Beziehung … zeigt.

Bis dahin könnte ich das unterschreiben, denn die Erfahrung des „Zwei in Eins“, der unmittelbaren, in den eigenen Körper eingeschriebenen Verantwortung für ein anderes menschliches Wesen, machen eben nur Schwangere, und warum nicht darin ein Bild nehmen, das – ungenügend wie alles, was sich über Gott sagen lässt – hier eine Analogie zu dem Umhegtsein der Menschen durch das Göttliche sieht.

Allerdings bleibt es nicht dabei, sondern Murtaza fährt folgendermaßen fort – und ich zitiere das hier nicht, weil es einzigartig ist, sondern weil so ähnlich auch von jüdischen und christlichen Theologen und auch von säkularen Philosophen argumentiert wurde und wird (jedenfalls an dem Punkt, der mich hier interessiert): nämlich wie sich der Mann und das Männliche zum Schwangerwerdenkönnen der Frauen* (Frauen hier mit Sternchen, weil Frausein und Schwangerwerdenkönnen nicht deckungsgleich sind) in Beziehung setzen. Er schreibt:

Neben der Barmherzigkeit kommt auch dem Gottesnamen der Gerechte, al-ʿadl eine zentrale Bedeutung zu. Die Gerechtigkeit (ʿadl) bezeichnet das kosmologische Ordnungsprinzip der Schöpfung und kann als männlicher Zug im Gott-MenschVerhältnis verstanden werden. Die Gerechtigkeit Gottes und Seine Barmherzigkeit sind keine entgegengesetzten Begriffe, sondern sie wirken gemeinsam, um die Schöpfung zu bewahren. Übertragen wir dies nun auf das Geschlechterverhältnis, so sind sowohl das Patriarchat wie auch das Matriarchat einseitige Gesellschaftsentwürfe. Sich Gott anzunähern, bedeutet sich zu einem Gesellschaftsverständnis durchzuringen, das von einem partnerschaftlichen Verständnis von Mann und Frau geprägt ist. Die Frauen besitzen einen besonderen Einblick in die Tiefendimension der göttlichen raḥma, während die Männer einen besonderen Zugang zum Verständnis der göttlichen Gerechtigkeit besitzen. Beide Geschlechter benötigen demnach, da wir nur gemeinsam zu einer tieferen Ahnung von Gott gelangen.

Aus der faktischen Differenz zwischen Menschen, die eventuell schwanger werden können (Frauen*) und Menschen, die es mit Sicherheit nicht können (Männer*) konstruiert Murtaza also eine komplementäre Differenz: Dem besonderen weiblichen* Einblick in die Barmherzigkeit wird ein männlicher besonderer Zugang zur Gerechtigkeit komplementär gegenüber gestellt, nach dem Motto „Die einen können das und die anderen können das“, und beides ergänzt sich gegenseitig. Genau dies ist die Grundlage für das männliche dualistische Denken in Gegensätzen, die sich aus Mann-Frau heraus durch unsere gesamte Kultur ziehen.

Dem liegt aber ein entscheidender Denkfehler zugrunde, und zwar nicht nur der offensichtliche, von Feministinnen auch schon ewig kritisierte, dass natürlich sich aus der Tatsache, dass manche_viele Frauen schwanger werden nichts über Frauen generell sagen lässt, denn ich zum Beispiel war nie schwanger und habe daher ebenso wenig besonderen Zugang zur göttlichen raḥma wie ein Mann, der nicht schwanger wird. Und trotzdem bin ich eine hundertprozentige Frau.

An dieser Stelle will ich vielmehr auf einen anderen Denkfehler hinaus, der mir noch gravierender erscheint, und zwar die Vorstellung, dass eine Differenz zwischen Haben und Nicht Haben (die Erfahrung einer Schwangerschaft) eine Differenz zwischen Etwas Haben und Etwas Anderes Haben (Zugang zu Barmherzigkeit auf der einen Seite, Zugang zu Gerechtigkeit auf der anderen) wird.

Das aber ist ein logischer Fehlschluss, denn aus der Tatsache, dass jemand etwas nicht hat (zum Beispiel die Fähigkeit, schwanger zu werden), folgt ja keineswegs, dass man deshalb automatisch etwas anderes hat, und schon gar nicht, dass dieses andere das erste komplementär ergänzt. Und genauso wenig folgt aus der Tatsache, dass jemand etwas hat (zum Beispiel die Erfahrung einer Schwangerschaft), dass sie deshalb etwas anderes nicht hat (eine besondere Affinität zur Gerechtigkeit).

Jemand, der kein Auto hat, hat deshalb nicht automatisch ein Fahrrad, und jemand, der ein Auto hat, hat deshalb möglicherweise trotzdem auch noch ein Fahrrad. Ob Menschen schwanger werden können oder nicht, sagt rein gar nichts über ihre vorhandene oder nicht vorhandene Affinität zur Gerechtigkeit aus. Es gibt Menschen, die sind gerecht und barmherzig, und es gibt Menschen, die sind weder das eine noch das andere. Und es gibt Menschen, die sind das eine, aber das andere nicht.

Der Grundfehler in der Art und Weise, wie eine männliche Philosophie die Geschlechterdifferenz interpretiert, liegt darin, dass sie nicht als Differenz stehen gelassen und bestaunt wird, sondern dass man sie universalistisch im Hinblick auf ein imaginiertes Ganzes einhegt. Die Interpretation der Geschlechterdifferenz als komplimentäres Gegenüber ist eine willkürliche Interpretation, sie hat keine logische Grundlage.

Vielleicht liegt das ja tatsächlich an einer Art Gebärneid, oder an verletzter Eitelkeit, so nach dem Motto: Es kann doch nicht sein, dass die Frauen* an dieser Stelle etwas haben und die Männer – nichts. Leider ist aus diesem logischen Fehlschluss aber eine riesige symbolische Unordnung entstanden, die sich bis in die letzten Verästelungen unserer Kultur verbreitet hat und auf alle Lebensbereiche verheerend auswirkt.

 

Diese leidige Sache mit Adam

Wie Ihr vielleicht wisst, schreibe ich neben diesem hier ja noch einen Gott-Blog, in dem es um theologische und religiöse Themen geht, von denen ich vermute, dass sie viele von euch nicht interessieren. Mein letzter Post dort, „Diese leidige Sache mit Adam“, hat jedoch ziemlich viele Reaktionen bekommen und wurde oft geteilt, deshalb will ich euch hier auch kurz darauf hinwesien. Es geht um die Auslegung der jüdischen Schöpfungsgeschichte und die Erkenntnis, dass Adam kein Mann ist.

Diese leidige Sache mit Adam.

Männer und Feminismus

Das Internet war heute voll von Emma Watsons Rede, in der sie darüber spricht, wie wichtig es sei, auch Männer von den Vorzügen des Feminismus zu überzeugen.

Meine Timeline ist gespalten darüber, was sie von dieser Rede halten soll. Die einen jubeln: Toll, eine nette Feministin, die nicht über die Männer schimpft, sondern sie ins Boot holen will. Die anderen sind genervt: Feminismus ist schließlich nicht dafür da, von Männern toll gefunden zu werden, denn um deren Urteil geht es hier doch ausnahmsweise mal gerade nicht.

Auch in diesem Fall – wie so oft – geht es meiner Meinung nach nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Meiner Meinung nach geht es im Feminismus ja nicht um Gender Equality (wie Emma Watson in ihrer Rede behauptet), sondern um weibliche Freiheit, also um die Subjektivität von Frauen gerade ohne den Maßstab einer männlichen Norm. Die Emanzipation, also die Gleichheit der Frauen mit den Männern, war, wie Luisa Muraro es einmal formulierte, gänzlich vorhersehbar in einer (männlichen) Kultur, die die Gleichheit der Menschen seit über 200 Jahren zu ihrem Leitbild erkoren hat. Dass die Frauen so lange von dieser Gleichheit ausgenommen waren, ändert nichts an der Tatsache, dass die Gleichheit der Frauen eine logische und unausweichliche Folge der männlichen Gleichheitsidee war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie drauf kommen mussten.

Die Freiheit der Frauen, die weibliche Subjektivität hingegen ist in dieser symbolischen Ordnung nicht vorgesehen. Sie ist tatsächlich etwas Unvorhergesehenes, das erst mit der Frauenbewegung ans Licht kam. Und diese Freiheit zeichnet sich gerade NICHT durch die Gleichheit der Frauen mit den Männern aus, sondern im Gegenteil dadurch, dass Frauen ihren eigenen Wünschen, Vorstellungen und Ideen folgen und sie ernst nehmen, ganz unabhängig davon, ob sie mit der Weltsicht und den Ideen von Männern kompatibel sind oder nicht. Wenn sie es sind, umso besser, kann man zusammenarbeiten. Sind sie es nicht, gibt es eben politische Konflikte auszutragen.

Soweit haben also die Kritikerinnen der „Männer für den Feminismus gewinnen“-Kampagne recht.

Andererseits sind Bündnisse mit Männern trotzdem sinnvoll und notwendig. Denn tatsächlich sind ja auch viele Männer mit der patriarchalen symbolischen Ordnung unzufrieden, weil sie in vielerlei Hinsicht dem guten Leben aller Menschen nicht zuträglich ist. Damit meine ich nicht nur, dass auch Männer unter Geschlechtsstereotypen leiden, also etwas „vom Feminismus haben“. Das stimmt auch, ist aber nur ein kleiner Teil der Wahrheit, denn in vielerlei anderer Hinsicht profitieren sie ja auch von den Stereotypen, das heißt, Feminismus läuft ihren Interessen zuwider.

Aber Politik ist doch die Suche nach einem guten Zusammenleben aller Menschen und nicht einfach Lobbyismus für die eigenen Interessen. Menschen mit einem politischen Bewusstsein, mit Liebe zur Welt also und mit einem Gespür für Gerechtigkeit, geben sich nicht damit zufrieden, auf dieser Welt nur ihre eigenen Vorteile zu verfolgen. Sondern sie suchen nach einem Sinn in dem Ganzen, der über ihre eigene kleine Nasenspitze hinausreicht.

Und in diesem Sinne können Männer von feministischen Analysen profitieren, weil diese ihnen Aspekte und Sichtweisen eröffnen und zugänglich machen, die sich aus sich selbst heraus nicht haben können. Ich kenne nicht gerade massenweise, aber durchaus zahlreiche Männer, die aus diesem Grund gerne mit Feministinnen diskutieren, die feministische Texte lesen, die sich für die Sichtweisen und Analysen von Frauen interessieren, die an einem Austausch wirklich interessiert sind.

Und diese Männer sind durchaus wichtige Verbündete der Frauenbewegung, weil sie – einfach aufgrund ihres Mannseins – Möglichkeiten haben, die ich nicht habe, weil ich eine Frau bin. Das kann so etwas Banales sein wie die Tatsache, dass andere Männer ihnen eher zuhören als mir. Das ist natürlich ungerecht, aber das zu beklagen ändert ja nichts an den Verhältnissen, die nun einmal sind, wie sie sind. Solange diese feministisch denkenden Männer für ihr Engagement von mir keine Kekse verlangen, freue ich mich darüber, wenn sie irgendwo Gehör finden, wo es mir nicht gelingt.

Es ist aber nicht nur das. Es gibt auch Situationen, in denen mir Männer zwar zuhören, ich mich ihnen aber nicht verständlich machen kann. Zum Beispiel, weil ich mich in sie tatsächlich nicht hineinversetzen kann, weil ich nicht verstehe, wo ihr Problem ist. Und damit meine ich nicht Antifeministen, die mich aus ideologischen Gründen nicht verstehen wollen, sondern ich meine solche, bei denen ich ein wirkliches Interesse sehe, aber ich kann ihnen einfach nicht vermitteln, was ich sagen will, es fehlt eine gemeinsame Ebene der Verständigung.

In solchen Fällen bin ich froh, wenn Männer diese Vermittlungsarbeit übernehmen, denn ich habe schon oft beobachtet, dass sie dann Worte und Beispiele und Argumente finden, die wirken, und die mir schlicht nicht eingefallen wären. Solche „Allies“ zu haben, ist eine gute Sache.

Warum Mehrheitsentscheidungen oft undemokratisch sind

Vielleicht habt ihr auch von dem Ansinnen der AfD gelesen, einen Volksentscheid über das deutsche Abtreibungsrecht abzuhalten mit dem Ziel, Abtreibung schärfer zu verbieten. Die Spitzenkandidatin in Sachsen, Frauke Petry, begründete das mit dem angeblich gefährdeten Überleben des deutschen Volkes, in dem bitteschön jede Frau drei Kinder kriegen soll (ich habe mal im Zuge meiner Beschäftigung mit dem demografischen Wandel in einem nationalsozialistischen Buch gelesen, dass deutsche Frauen eigentlich vier Kinder haben müssten, um den Bestand zu erhalten).

Mich hat das ganze nochmal zu ein paar demokratietheoretischen Überlegungen gebracht, weil an diesem Beispiel ein grundlegendes Problem des Mehrheitsprinzips deutlich wird: Was ist mit Beschlüssen, die von ihrer Logik her nur bestimmte Menschen betreffen, und andere aber nicht? Ein Verbot der Abtreibung zum Beispiel würde ja nur Menschen betreffen, die schwanger werden können, also praktisch Frauen* unter fünfzig. Sie aber wären bei einer solchen Abstimmung auf jeden Fall in der Minderheit.

Ich habe auf die Schnelle keine genauen Zahlen gefunden, aber das Durchschnittsalter in Deutschland liegt ungefähr bei 43 Jahren, ich würde großzügig gerechnet schätzen, dass höchstens zwei Drittel aller Menschen jünger als 50 sind (bis 49 Jahre werden Frauen in demografischen Berechnungen als „gebärfähig“ eingestuft). Wenn davon die Hälfte Frauen sind, so bedeutet das, dass im Falle eines solchen Volksentscheides etwas verboten würde, das nur ein Drittel aller Menschen potenziell tun könnten.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass die Gesamtheit der Deutschen aus bevölkerungspolitischen Gründen ein Interesse daran hätte, Abtreibungen zu verbieten (das ist nicht so, aber mal angenommen), aber zwei Drittel aller Abstimmungsberechtigten sicher sein könnten, dass sie selbst niemals in die Lage geraten werden, eine Abtreibung in Erwägung zu ziehen – weil sie schlicht und ergreifend nicht schwanger werden können: Wäre eine solche Abstimmung demokratisch?

Mit derselben Logik könnte man ja auch über ein Gesetz nachdenken, das alle Menschen, die kleiner sind als 1,50 Meter, dazu verpflichtet, Toiletten in Grundschulen zu putzen. Auch daran gibt es ein öffentliches Interesse (ein deutlich größeres als daran, Abtreibungen zu verhindern), und auch dazu fehlt es an anderen gesellschaftlichen Lösungen.

Die Unterscheidung in Menschen nach Größenkategorien ist in unserer Kultur allerdings nicht üblich, daher finden wir diese Vorstellung spontan absurd. Die Unterscheidung in Menschen nach Gebärfähigkeit hingegen ist kulturell in der Geschlechterdifferenz so tief verankert, dass sie vielen „natürlich“ erscheint. Tatsächlich sind beides „natürliche“ Phänomene – dass manche Menschen kleiner sind als 1,50 Meter und manche größer ist ebenso natürlich wie dass manche Menschen schwanger werden können und andere nicht.

„Natürlich“ heißt in diesem Fall auch, dass diese Seinsbedingungen nicht oder nicht standardmäßig individuell veränderbar sind. Sicher kann eine Frau sich sterilisieren lassen, so wie ein kleiner Mensch sich vielleicht die Beine verlängern lassen kann. Aber sie sind nicht individuell gewählt wie andere Interessenskonflikte. Wenn zum Beispiel darüber abgestimmt würde, ob man Autobahnen privatisieren und ihre Nutzung kostenpflichtig machen soll, dann stehen sich ebenfalls Interessen gegenüber – ich zum Beispiel, die nie Auto fahre, hätte nicht unbedingt was dagegen. Aber ich könnte jederzeit in die andere Kategorie wechseln, also mit dem Autofahren anfangen, so wie andere damit aufhören könnten.

Der eigene Körper ist aber nicht auf diese Weise veränderbar. Faktoren wie Schwangerwerdenkönnen oder Körpergröße haben Auswirkungen auf das Leben der jeweilgen Individuen, es sind gegebene Bedingungen ihrer jeweiligen Existenz. Man kann diese Bedingungen kulturell gestalten, aber nur in bestimmten Grenzen. Wer 1,50 ist wird es immer schwerer haben, im Konzert die Bühne zu sehen als jemand mit 1,80. Und wer schwanger werden kann, muss sich zu dieser Möglichkeit irgendwie verhalten, und wer nicht schwanger werden kann, auch, und diese beiden Gegebenheiten sind niemals „gleich“.

Darüber, dass beim eigenen Körper der Arm des Gesetzes endet, habe ich schon einmal gebloggt. Gesetze, die auf Mehrheitsentscheidungen beruhen, dürfen (und können) nicht eingreifen in die Körper der Einzelnen, denn damit greifen sie direkt in den Kern einer Person ein: Menschen haben ihre Körper nicht, sie sind ihre Körper. Das ist die Natur des Menschseins, unsere „conditio humana“.

Demokratie hingegen ist nicht natürlich, sondern künstlich, sie basiert auf der Idee der Gleichheit, und Gleichheit ist niemals ein Fakt, sondern immer eine Betrachtungsweise. Jede Kultur beruht auf Entscheidungen, bestimmte Phänomene als „gleich“ zu betrachten und andere als „ungleich“, und nichts davon ist „naturgegeben“.

Damit Mehrheitsentscheidungen gerecht sind, muss daher immer die Frage gestellt werden, ob diejenigen, die entscheiden, und diejenigen, die von Entscheidungen betroffen sind, auf einer angemessenen Ebene wirklich als „Gleiche“ betrachtet werden können.

Im Fall von Abtreibungen (und vielen anderen körperpolitischen Entscheidungen auch, besonders eben wenn sie das Schwangerwerdenkönnen betreffen) ist diese Gleichheit grundsätzlich nicht gegeben, weil nunmal nur die eine Hälfte der Bevölkerung schwanger werden kann und die andere nicht. Die demografische Entwicklung verschärft dieses Problem noch einmal, weil es durch die Veralterung der Gesellschaft heute so viele ältere Frauen gibt wie noch nie, und damit auch auch eine relevant große Zahl von Frauen, die ebenfalls nicht (mehr) schwanger werden können.

Dieser grundlegende Bug im Prinzip der Mehrheitsdemokratie betrifft natürlich nicht nur die Geschlechterdifferenz, aber sie in besonderem Maße. Er tritt deshalb umso offener zutage, als die heteronormative Paarbildung an Bedeutung verliert – denn die „Gleichheit“, die in der Demokratie behauptet wird, war halbwegs plausibel, solange man die Menschheit nicht in Individuen dachte, sondern in Mann-Frau-Paaren. Denn in diesen Paaren ist die Geschlechterdifferenz gewissermaßen „aufgehoben“.

Wenn aber nicht mehr, wie früher, Mann-Frau-Paare (repräsentiert durch den Mann) die politischen Subjekte sind, sondern Individuen, so tritt die Geschlechterdifferenz in den Fokus der Politik. Und verursacht Probleme, die nach und nach immer deutlicher zutage treten.

Was immer man skeptisch über das Instrument des Gender-Mainstreamings denken mag, es ist immerhin ein Versuch, dieses Dilemma anzugehen. Also zu überprüfen, welche Menschen von welchen Gesetzen auf welche Weise betroffen sind und dies in die Verfahren irgendwie einzubeziehen.

Ein Volksentscheid über eine Verschärfung des Abtreibungsverbot jedenfalls wäre ganz und gar undemokratisch, wenn dieses Wort denn überhaupt noch irgendeinen positiven Sinn haben soll.

Geschlechterdifferenz sucht Kultur, dringend!

Almut Schnerring hat mir ihr Buch zugeschickt: „Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees.“ Sie hat es zusammen mit ihrem Mann, Sascha Verlan, geschrieben, und Auslöser waren wohl die Erfahrungen, die sie mit ihren drei Kindern gemacht haben. Die Falle kennen wohl alle Eltern, und das Thema ist natürlich nicht neu, aber hier ist das alles einmal gut verständlich zusammengestellt, inklusive vieler Fallbeispiele, Interviews, neuesten Studien zum Thema.

9783888979385Ein empfehlenswertes Buch, das sich zum Beispiel gut an Eltern von kleinen Kindern verschenken lässt, die im Feminismusdiskurs vielleicht nicht so aktiv drin sind.

Und wie immer stellt sich beim Lesen die Frage, warum nur, warum ist diese Rosa-Hellblau-Falle nach der Emanzipation der Frauen nicht kleiner geworden, sondern größer? Und mir kam eine Idee, woran es – neben all dem, was wir dazu schon wissen – auch noch liegen könnte:

Nämlich daran, dass wir, also die Erwachsenen, die Gesellschaft insgesamt, keine überzeugenden Antworten darauf haben, wenn Kinder wissen wollen: Was bedeutet es, dass ich ein Mädchen bin? Was bedeutet es, dass ich ein Junge bin?

Im Prinzip drücken wir uns doch vor einer Antwort auf diese Frage. Die alten Antworten, die bis in die Fünfziger, Sechzigerjahre gegeben wurden, sind heute obsolet: Mädchen müssen kochen und hübsch sein, Jungen kämpfen und Geld verdienen. Zumindest explizit sind sie obsolet. Niemand sagt das heute noch so, außer vielleicht ein paar Ewiggestrige.

Eigentlich, so sagen wir unseren Kindern, hat das keine Bedeutung mehr. Irgendwie sind wir doch alle ein bisschen postgender. Dabei reicht die Spanne von denen, die aktiv versuchen, Rollenklischees zu konterkarieren und ihre Kinder zu erziehen, ohne die Kategorie Geschlecht zu verwenden, bis hin zu denen, die sich über das Thema keine Gedanken machen und es einfach so machen, wie es alle machen, manchmal mit ein bisschen schlechtem Gewissen dabei.

Die ehemals expliziten Rollenanweisungen für Jungen und Mädchen wurden auf diese Weise quasi durch nur noch statistische Trends ersetzt, die sich im Einzelfall schwer nachweisen lassen, zum Beispiel, dass Eltern im Schnitt nachsichtiger sind, wenn Jungen sich nicht an der Hausarbeit beteiligen, als wenn das Mädchen tun. Diese statistischen Unterschiede in der Erziehung zum Geschlechterkonformismus sind aber nicht mehr kulturell untermauert, sie geschehen nicht absichtlich, sondern unabsichtlich. Sie werden nicht mehr aktiv und absichtlich ausgehandelt, sondern irgendwie so durchgeschleppt.

Aber Kinder sind ja nicht blöd. Sie sehen ganz genau, was für eine enorme Bedeutung die Geschlechterdifferenz hat, für praktisch jeden Aspekt des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Sie sehen, dass Erwachsene sehr bewusst ihr Geschlecht „performen“. Und gleichzeitig sind Kinder konformistisch. Sie wollen vor allem dazugehören, sie wollen Orientierung.

Wenn sie nun von Eltern, Lehrerinnen oder Schulbuchautoren keine Antwort auf ihre Frage, was es bedeutet, ein Junge oder ein Mädchen zu sein, bekommen – dann glauben sie halt der Werbung. Dann wollen sie das, was die Werbung an Identitätsstiftung anbietet, rosa Überraschungseier oder Bagger oder sonstwas. Die Werbung kann umso klischeehafter vorgehen, je weniger alternative Antworten mit ihr konkurrieren. Sie sagt dann, es sei ja alles nur ironisch gemeint, oder eben, es sei ja offensichtlich überzeichnet und nur ein Spaß.

Man kann Kindern nichts beibringen, das von der gesellschaftlichen Realität nicht gedeckt ist. Die Veränderung der Geschlechtsrollen muss bei den Erwachsenen anfangen. Und solange wir Erwachsenen eine zweigeschlechtliche Welt vorleben, müssen wir auch für Kinder die Frage, was Geschlecht denn nun bedeutet, beantworten. Denn es bedeutet eben faktisch was.

Wir müssen also antworten, aber nicht im Sinne soziologischer Analysen, sondern im Sinne von dem, was wir selbst für die richtige Antwort halten, in erster Person. Es gibt auf diese Frage keine objektiv richtige Antwort, sondern es verlangt ein Urteil von der oder demjenigen Erwachsenen, der gerade gefragt ist: Was bedeutet es, dass ich eine Frau bin? Was sehe ich in Männern und im Mannsein?

Geschlecht ist eine soziale Konstruktion, und zwar eine sehr wirkmächtige. Es reicht nicht, diese Konstruktion als solche zu entlarven, denn dann bleibt Nichts übrig, ein Vakuum, das mit Prinzessinnen, Rittern, Puppenküchenbetreiberinnen und Baggerfahrern befüllt wird. Veränderung wird es nur geben, wenn wir denjenigen Konstruktionen, die wir für falsch halten, andere entgegensetzen, die wir besser finden. Die mehr Freiheit erlauben, uns selbst und dann auch den Kindern.

Die Konstruktion von Geschlecht ist eine Kulturproduktion. Wenn sie nicht stattfindet, und das ist leider derzeit über weite Strecken der Fall, dann geht diese Kategorie nicht einfach weg, ganz im Gegenteil.

Almut Schnerring, Sascha Verlan: Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees. Kunstmann, München 2014, 16,95 Euro.

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Update, 24. April, 10.19 Uhr

Nachdem es einige interessante Debatten auch auf Facebook und per Mail zu diesem Blogpost gegeben hat, möchte ich noch etwas ergänzen:

Manche haben es so verstanden, als würde ich sagen, dass heute Geschlecht keine offensichtliche Bedeutung mehr hat und Rollenanweisungen nur noch subtil zu Tage treten. Das meine ich nicht, meine These ist vielmehr, dass die Rollenanweisungen, die heute gegeben werden, im Vergleich zu denen früherer Zeiten substanzlos sind. Sie haben heute vor allem symbolischen Wert, weniger realen, sie werden eher unbewusst und gedankenlos reproduziert denn aktiv und ernsthaft und inhaltlich erarbeitet und debattiert.

Wenn ich mich zum Beispiel daran erinnere, wie mir die Bedeutung des Mädchen-/Frauseins als Kind vermittelt wurde, dann ging es nicht nur um symbolische Sachen wie rosa und Glitzer. Es ging um harte Sachen wie: Ich muss ordentlich sein, sonst finde ich nie einen Mann, zum Beispiel. Dies war von meiner Mutter ernst gemeint, nicht ironisch oder spielerisch oder symbolisch. Eine solche ernstgemeinte Bedeutungzuschreibung konnte ich allerdings auch aktiv verändern, indem ich zum Beispiel später meiner Mutter sagte: Es ist mir aber auch ganz egal, ob ich einen Mann finde. Oder als meine Tante mir vor meiner ersten (sehr frühen, haha) Heirat sagte: Ach, du heiratest, und ich dachte, du machst mal Karriere! Auch damit vermittelte sie mir eine bestimmte, substanzielle Bedeutung des Frauseins, die ich mit „Aber ich kann doch heiraten und trotzdem Karriere machen“ diskursiv und praktisch widerlegen und bestreiten konnte.

Ich wollte also mit meinem Blogpost sagen (wobei mir das erst jetzt nach den Debatten allmählich klar wird), dass diese Substanz, die ein debattierbarer zugänglicher Inhalt ist, aus den Geschlechtsrollenzuweisungen praktisch verschwunden ist und nur symbolische Albernheiten übrig geblieben sind, denen man diskursiv hilflos ausgeliefert ist, denn sobald man was sagt kommt ein „Ist doch nicht so gemeint“ oder „Ist doch nur Spaß“ oder „Nimm das doch nicht alles so ernst“.

Noch etwas fiel mir auf: Wahrscheinlich bin ich in meinem Blogpost über eine Generation verrutscht. Denn zurecht wurde ich darauf hingewiesen, dass es ja nicht die Kinder sind, die auf die Rosa-Hellblau-Identifikationsangebote der Werbung anspringen, sondern auch viele junge Eltern. Wahrscheinlich ist das eine Folge davon, dass sie selbst als sie klein waren auch schon keine vernünftige Antwort auf ihre Fragen nach der Bedeutung von Frausein und Mannsein bekommen haben.

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Noch ein Update, 11.40 Uhr

Auf Facebook kam gerade der Hinweis, dass viele Eltern ihre normierenden Erziehungsinterventionen heute damit begründen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ja wissenschaftlich bewiesen wären. Mir kam dabei die Idee, dass der Hinweis auf die angebliche „Wissenschaftliche Belegbarkeit“ der Stereotype ebenfalls ein Anzeichen von Diskursverweigerung sein könnte. Früher hieß es eben in der Erziehung: Mädchen SOLLEN so sein, Jungs SOLLEN so sein, d.h. es war eine bewusste Konstruktion, es war klar und wurde nicht versteckt, dass es um Konditionierung ging. Heute versteckt man sich hinter angeblicher Wissenschaftlichkeit, weil man selbst die Verantwortung für das, was man tut, ablehnt (Ich HÄTTE ja nichts dagegen, wenn mein Sohn mit Puppen spielt, aber er WILL ja nicht).