Vorgestern habe ich auf verschiedene Plattformen gepostet: „Wer am besten erklärt, warum dieser weißhemdige CDU Typ aus Baden-Württemberg nicht ein Beweis für die Rückkehr des Patriarchats ist, sondern ein Paradebeispiel für #PostpatriarchalesChaos, gewinnt ein gewisses gleichnamiges Buch.“ Das Buch ist natürlich mein Neues, und hier die Einlösung des Versprechens!
„Was nie wirklich weg war, kann nicht zurückkehren“, schrieb R.K. auf Facebook. Ist Manuel Hagel also einfach nur die Kontinuität des patriarchalen Mainstreams, so wie er schon immer war? Hätte die Episode um seinen sexualisierenden Kommentar über eine Schülerin und sein ungehöriges Abkanzeln einer Lehrerin, in deren Klasse er im Wahlkampf zu Gast war, mehr oder weniger genauso in 1950 oder 1910 stattfinden können?
Careinmind@mastodon.social sieht es anders: „Ein Patriarch veröffentlicht wohl kaum, dass seine Frau ihm nach seinem Fehlverhalten ‚den Kopf gewaschen’ habe. Anders als klassische Patriarchen wechselt dieser CDUler willkürlich seine Position, wenn es um konkrete politische Inhalte geht und lässt damit offen, wofür er politische Verantwortung trägt. Seine öffentlichen Äußerungen und Auftritte legen nahe, dass er sich am Recht des Stärkeren orientiert und wirtschaftlich einzig an ökonomischer Überlegenheit interessiert ist.“
Tatsächlich finde auch ich, dass die fehlende Verantwortungsübernahme ein sehr starker Hinweis ist. In patriarchaler Logik hätte Hagel nicht Verwerfliches getan. Weibliche Kinder, erst recht Teenager, als Objekte des männlichen sexuellen Begehrens zu sehen, ist in patriarchaler Logik normal und akzeptiert, solange bestimmte Grenzen nicht überschritten werden (die meistens mit Ehre und Besitzansprüchen anderer Männer zu tun haben). Und Hagels Kommentar in der Schule war im Vergleich zu anderen Vergehen dieser Art in der Tat eher harmlos. Gleiches gilt für das Anblaffen der Lehrerin. In patriarchaler Logik hat sie ihre Kompetenzen überschritten, das heißt, sie hätte Hagel entweder gar nichts gefragt, oder seine Zurechtweisung wäre vom Publikum als normaler und legitimer Vorgang angesehen worden.
Stattdessen hatte Hagel in dieser Situation keinerlei Autorität, was er sogar selbst noch dadurch bekräftigt hat, dass er sich auf seine Frau berief, die offenbar dafür zuständig ist, dass er nach außen einen guten Eindruck macht. Von sich selbst schiebt er die Verantwortung weg – das Video sei doch schon acht Jahre alt, was er tat, war „Mist“, so schlimm wie die Leute in den Epstein-Files sei er immerhin nicht. So spricht kein Patriarch, sondern eher ein kleines Lichtlein.
Aber das postpatriarchale Chaos wird nicht nur an Manuel Hagel selbst deutlich, sondern auch an den Reaktionen anderer, wie B.B. auf Facebook ergänzt: „Ein Erklärungsansatz wäre, dass die Union im Patriarchat noch (konservative) Werte hatte. Dass niemand aus der Union Hagel maßregelt, zeigt, dass die Zeit der Werte vorüber ist, also postpatriarchales Chaos herrscht.“ Tatsächlich hat die CDU sich nicht nur mit Hagel solidarisiert, sondern seine Strategie, jegliche Verantwortung von sich zu weisen, übernommen: Nicht wir waren es, sondern die Grünen, die eine „Schmutzkampagne“ gefahren hätten.
Das ist vielleicht der größte Irrtum gewesen, und zwar einer, den konservative Bürgerliche sehr oft machen: Sie haben einfach nicht kapiert, dass sich die Welt verändert hat und insbesondere Frauen heute andere Ansprüche an politische Akteure haben. @rosalieana1984.bsky.social hat das richtig beobachtet: „Wenn das Patriarchat wirklich zurück wäre, müsste niemand mehr erklären, warum jemand so handelt. Dass darüber überhaupt so intensiv diskutiert wird, zeigt eher das Durcheinander zwischen alten Machtmustern und neuen gesellschaftlichen Erwartungen also.“
Das Muster ist eigentlich schon bekannt, seit die Journalistin Laura Himmelreich 2013 in einem Portrait über den FDP-Politiker Reiner Brüderle schrieb, dass der ihr gegenüber anzügliche Bemerkungen gemacht hätte (ich habe vergessen, welche genau, könnt ihr sicher googeln) – das Missverständnis lag damals darin, dass Brüderle und seine Verteidiger dachten, sie lebten noch im Patriarchat, das wäre also ganz normal und sowieso gehöre es sich nicht, so etwas „Privates“ in einem journalistischen Text zu erwähnen, während die Leserinnen des Portraits es mehrheitlich so sahen wie Himmelreich: Dass dies ein interessantes Detail war, das sie über einen Kandidaten gerne erfahren würden.
Dass Hagel und seine Unterstützer jetzt, Jahrzehnte später, immer noch auf demselben falschen Dampfer sind – insofern sie nicht verstehen, was an diesem (grade mal acht Jahre) „alten“ Video interessant ist – zeigt, dass sie offenbar nicht verstehen, was gesellschaftlich passiert. Und das genau ist der entscheidende Marker für „postpatriarchales Chaos“: Die Reaktion von Frauen und Feminist*innen. Es war ja nicht nur seine eigene Frau, die um Gegensatz zu ihm verstand, was an Hagels Verhalten problematisch war, sondern viele viele Frauen und Feminist*innen. Das Anblaffen der Lehrerin setzt dann nochmal eins drauf und bekäftigte die Vorstellung, dass Hagel ein „Gestriger“ ist, auf den in postpatriarchal-chaotischen Zeiten kein Verlass ist.
Ist er also statt einem Patriarchen ein Pirat, wie @statteremitin.bsky.social schrieb? Die Piraten sind ja das Bild, das ich in meinem Buch als diejenigen zeichne, die herrschaftsmäßig an die Stelle der alten Patriarchen getreten sind, und womöglich versucht Herr Hagel das, wie auch @carriesayshi.bsky.social schreibt: „Ein klassischer Patriarchat möchte herrschen, aber weiß, dass er damit auch Verantwortung für alle übernimmt. Das sehe ich bei dem Wahlkampf nicht. Da wird in „wir“ und „die“ unterteilt. Und „die“ bekommen nichts. Dabei haben sich kPs zwar alle Entscheidungen vorbehalten, aber Sozialsysteme ausgebaut und nicht abgebaut. Und so rein optisch: kPs wollten eher älter wirken und haben nicht versucht noch jugendlicher auszusehen.“
Genauso ist es. Die Patriarcharchen-Piraten-Performance von Manuel Hagel würde ich zusammenfassend so beschreiben: Ein inhaltlich und charakterlich schwacher Mann, der sich nicht so recht entscheiden kann, ob er eher als traditioneller Patriarchat oder als neumodischer Pirat auftreten möchte und daher beides nicht glaubwürdig rüberbringt. Und der offenbar seiner Frau nicht zuhört, weil er sonst die Erwartungen und Standards seiner Wählerinnen nicht so falsch einschätzen würde.
PS: Das Buch habe ich unter BB, @carriesayshi.bsky.social, @rosalieana1984.bsky.social und Careinmind@mastodon.social verlost, gewonnen hat – @roslalieana, Congrats!

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